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Ein Jahrtausende altes Artefakt. Geschaffen zu der Zeit von Christi Geburt. Verloren und verschollen in der Epoche der Römer, doch niemals völlig vergessen... Ein Handel zwischen Gott und dem Tod verleiht der Heiligen Lanze todbringende Kräfte und besiegelt damit scheinbar unausweichlich das Ende der Menschheit. Von mächtigen und skrupellosen Herrschern durch die Jahrhunderte gejagt. Darunter auch Napoleon und Adolf Hitler. Zu Letzt von Angehörigen des Heiligen Offiziums unter der Leitung von Kardinal Cervi und von der Bruderschaft der Finsteren Sonne. Ein mörderischer Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Können Chris und Tom das raffinierte Rätsel aus dem Mittelalter lösen und das Jüngste Gericht noch aufhalten? Und was haben die Anunnaki damit zu tun?
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Seitenzahl: 480
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Ich widme dieses Buch meiner geliebten Klaudia und meinen geliebten Eltern. Schön, dass Ihr alle da seid...
Über den Autor:
Helmut Karl Holler, Jahrgang 1972, wendete sich erst sehr spät dem Schreiben zu. Sein schriftstellerisches Debütwerk » Der KLEINE TAPIR und seine Freunde (Spannende und lehrreiche Abenteuer im Zoo) « erschien bereits 2016. Er lebt zusammen mit seiner Freundin im Chiemgau und ist hauptberuflich als Sachbearbeiter tätig.
Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht; sondern einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus.
(Johannes 19, 33-34)
Prolog 1
Prolog 2
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Epilog
Die Haupt-Charaktere dieses Buches in alphabetischer Reihenfolge
Vorkommende Organisationen
Die Handlungsorte der Geschichte in alphabetischer Reihenfolge
Das Vorwort, welches zum Nachwort wurde
Monolog
Literatur- und Quellenverzeichnis
Der Heerwurm, bestehend aus der einst so stolzen und unbesiegbar geltenden Grande Armée Frankreichs, schleppte sich westwärts. Einst bewundert und gefürchtet auf dem gesamten Kontinent. Nun floh ihr kümmerlicher Rest vor dem sicheren Tod.
Von der, einstmals über sechshunderttausend Mann zählenden Armee, welche Napoleon auf seinem verhängnisvollen und schicksalhaften Feldzug im Jahre 1812 gegen Russland gefolgt waren, waren tatsächlich nur noch etwa hunderttausend Soldaten kampffähig. Noch bevor sie die Hauptstadt Moskau einnehmen konnten, bot sie bereits ein Bild des Elends. Napoleons Hochmut und Arroganz waren verantwortlich für das grausame Schicksal und den sinnlosen Tod vieler Soldaten. Die extreme Form an Selbstüberschätzung ihres Feldherrn, kristallisierte sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit, immer mehr heraus. Lange Zeit blieb ihnen ein wohlgeordneter Rückzug verwehrt. Weitere, völlig unnötige Verluste, waren somit unvermeidbar. Der Winter würde nun schon bald mit seiner scharfen Sense durchs Land ziehen.
War es nicht so, dass man hätte denken können, das Gott wäre verärgert, über solch überhebliches Verhalten? Dann nahm das Verhängnis seinen Lauf. Napoleon und seine Armee waren der Natur nahezu schutzlos ausgeliefert. Mit schlechter Ausrüstung, würden sie schon bald gegen einen weiteren großen und übermächtigen Feind antreten müssen. Sein Name: General Winter.
In einem riesigen Zelt, nur noch einen Tagesmarsch von Moskau entfernt, hatte sich der Feldherr mit seinem Stab und engsten Beratern, um die Kartentische versammelt.
Einer seiner Offiziere sprach das aus, was alle ohnehin bereits dachten: » Mein Kaiser, ihr wisst sicher, dass wir schwere Verluste erlitten haben. Unsere Truppenstärke beträgt noch etwa 124.900 Mann, davon sind allerdings an die 24.800 durch die Schlacht beim Dorf Borodino verwundet worden. Wir wollen nicht unverschämt oder feige erscheinen, aber sollten wir nicht Aufgrund der vielen Verluste, einen schadensbegrenzenden Rückzug erwägen? «
Der kleine Mann erwiderte sichtlich erbost: » Rückzüge sind unehrenhaft. Sie zeigt die Ohnmacht der Truppe und das totale Versagen ihres Anführers. Aber ich kann euch alle beruhigen. Wir sind im Besitz einer Waffe, welche uns zum Sieg verhelfen wird. «
Auf seinen Wink hin, brachte ein Sergeant einen kleinen hölzernen Kasten, stellte ihn auf den Kartentisch und entfernte sich dann mit einer kurzen Verbeugung. Napoleon trat vor den Kasten und öffnete den Deckel. Die Offiziere drängten sich neugierig näher an den Tisch, um besser sehen zu können. In der Schatulle lag, auf rotes Samt gebettet, eine kunstvoll gearbeitete Lanzenspitze. Seine Offiziere warfen sich verstörte und hilflose Blicke zu.
Der Feldherr sah die Ratlosigkeit und wandte sich an seine Männer: » Hat jemand von euch eine Ahnung, was das ist? «
Er erntete nur verlegenes Kopfschütteln.
» Nun, ich werde es euch sagen. Es ist ein Teil der Heiligen Lanze! Genauer gesagt die Spitze davon. Die Waffe, welche Jesus Christus tötete. Der Überlieferung nach, verleiht die Lanze der Armee, welcher sie vorangetragen wird, Unbesiegbarkeit und grenzenlose Macht. Sie befindet sich in unserem Besitz! Wir sind dadurch unbesiegbar! «, verkündete Napoleon in überschwänglicher Hysterie.
» Der Nachschub versiegt, man hat uns im Feld fast geschlagen und viele brave Männer starben. Die Weite des russischen Landes, lässt uns keinerlei Chance für einen kurzen Feldzug und schnellen Sieg. «, bemerkten seine Berater und Offiziere.
» Ja, aber wir sind nur fast besiegt worden. Das ist der Unterschied. Sie ist wirksam. «
» Wir haben vom Zar ein gutes Angebot erhalten. Freier Abzug, dafür sollen wir ihnen die Lanze übergeben. «
Nun platzte dem kleinen Korsen endgültig der Kragen. Tobend lief er im Zelt umher und versprühte sein Gift in alle Richtungen: » Unsere kriegsentscheidende Waffe herausgeben, niemals! Sie wissen bestimmt um die herausragenden Eigenschaften der Lanzenspitze Bescheid. Kurz vor Moskau, vor dem entscheidenden Sieg, sollen wir aufgeben?! Nein, wir marschieren weiter und morgen Abend können wir schon in Moskau sein! Wir fallen in die Stadt ein und unser Gegner ist erledigt! Spätestens, wenn wir Moskau eingenommen haben, wird mich Zar Alexander, im Staub liegend, persönlich um Frieden anflehen. «
» Wie ihr befehlt! «, antworteten seine Offiziere zähneknirschend.
Kurz nachdem die Stadt von französischen Truppen besetzt worden war, da ließ Moskaus Stadtkommandant Graf Fjodor Wassiljewitsch Rostoptschin, in der Stadt alles, was sich als Unterkunft eignen könnte, anzünden. Er praktizierte damit damals schon die Taktik der verbrannten Erde. Auf diese Weise raubte man den gegnerischen Soldaten, aber auch den früheren Bewohnern jegliche Unterkunftsmöglichkeiten für den bevorstehenden Winter. In den verkohlten Überresten, der etwa zu zwei Dritteln zerstörten Stadt, versuchten sich die notleidenden Söldner, so gut es ging zu organisieren. Ständig auf der Suche, nicht etwa nach Kriegsbeute, sondern nach etwas Essbarem. Täglicher Kampf ums nackte Überleben.
Während sich der Zustand der Truppe aufgrund der Kälte und Hungersnot rasant zu verschlechtern begann, wartete Napoleon zu keinem Entschluss fähig, im Kreml. Er hegte noch immer den Wunsch einer bedingungslosen Kapitulation. Doch der Zar gab nicht nach.
» Entweder er oder ich, aber Napoleon und ich, werden niemals gleichzeitig über Russland herrschen. Einer muss gehen. «, ließ er dem Franzosen mitteilen.
Der kleine Korse behielt, die für seine Armee überlebenswichtige Entscheidung für einen Abzug, immer noch zurück. Doch am Morgen des 15. Oktobers konnte er sich endlich zu einem Truppenabzug durchringen. Seine ehemalige Streitmacht war noch weiter zusammengeschrumpft und sie hatte den Glauben an einen Sieg und in die Fähigkeiten ihrer Führer und der Lanze verloren.
Endlich rief er seinen altgedienten General Jean Rapp zu sich in den annektierten Kreml und gab einen monotonen und emotionslosen Befehl: » Schickt Unterhändler zu Fürst Michail Kutusow. Ich übergebe ihm die Lanzenspitze unter einer einzigen Bedingung, freies Geleit. Informiert auch die Soldaten. Wir kehren nach Frankreich zurück. Und nun lasst mich bitte allein. «
Die Lanze wurde Kutusow übergeben und danach verlor sich ihre Spur bis zum Beginn des Unternehmens Barbarossa. Heinrich Himmler, welcher vom Okkulten nahezu besessen war, hatte die Geschichte der Lanzenspitze eingehend studiert und war nach umfangreicher Recherche zu dem Schluss gekommen, dass sie sich noch in Russland befinden müsste. Wenn auch verborgen vor den Augen der Welt und von den Menschen vergessen. Er ließ sofort zu Beginn des Einmarsches der deutschen Armee in Russland, mit einem Sonderkommando bestehend aus der SS, zusammen mit der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe e. V., fieberhaft danach fahnden. Vielleicht war auch das einer der wahren Gründe, für den Wahnsinn, zu denken, es mit dem großen und mächtigen russischen Reich aufnehmen zu können...
Die Schritte hallten laut und schnell durch die Berliner Reichskanzlei. Schon von weitem wurden im scharfen Ton Kommandos gebellt. Türen wurden eilig von den Wachleuten der Leibstandarte aufgestoßen. Kurz vor dem Schreibtisch des braunhaarigen Mannes, mit dem kleingestutzten Schnurrbart unter der Nase, blieben zwei Männer in auf Hochglanz polierten Stiefeln stehen. Die Hacken schlugen knallend zusammen und von den Wänden hallte das Geräusch wie ein Schuss wieder.
Der Mann blickte Ihnen erwartungsvoll entgegen. Nach einem laut gerufenen » Heil Hitler! « und der damit verbundenen typischen Armbewegung, erhob sich der Führer von seinem Stuhl und stützte die Hände auf dem Schreibtisch auf. In leicht nach vorne gebeugter Haltung, legte er eine Hand auf den Rücken und richtete seinen durchdringenden Blick auf die beiden Männer in den schwarzen Uniformen der SS.
» Nun, meine Herren, was haben sie für mich? «, eröffnete Adolf Hitler erwartungsvoll die Unterhaltung.
» Mein Führer, wir haben Order, sie vom Reichsführer SS zu informieren, dass wir das Artefakt gefunden haben! «
» Wo habt Ihr es gefunden? «, war die knappe Antwort.
» Es wurde sehr lange Zeit in einer privaten Sammlung in Russland aufbewahrt. Es wurde durch die Aktion Barbarossa und unseren damit verbundenen Einmarsch in Russland entdeckt, als wir eine gut verteidigte alte Wehranlage stürmten. Der berühmte Napoleon soll es damals schon auf seinem Russlandfeldzug mit sich geführt haben. «
» Wo ist es jetzt? «
» Unterwegs zur 6. Armee vor Stalingrad, wie befohlen, mein Führer. «
Die gequält wirkenden Gesichtszüge des Mannes, veränderten sich zu einem triumphierenden und dämonisch wirkenden Lachen.
» Nun wird uns nichts mehr aufhalten. Sehr gut gemacht. Sie können gehen, meine Herren und bestellen sie Himmler meine Glückwünsche zu dem kriegsentscheidenden Fund. «
Die beiden Soldaten ließen wieder laut die Hacken zusammenknallen und hoben die Hand zum nationalsozialistischem Gruß. Danach machten sie in einer schnellen Bewegung gleichzeitig auf dem Absatz kehrt. Nachdem die Tür sich wieder geschlossen hatte, ballte der Mann am Schreibtisch die linke Faust und stieß sie grimmig lachend in die Höhe.
In wilder und fanatischer Erregung rief er: » Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt! «
Wenige Tage später an einem Feldflugplatz bei Stalingrad. Mehrere Jagdflugzeuge ME-109 begleiteten die schwerfällige Maschine vom Typ Dornier DO-17, aufgrund ihrer besonderen Form auch fliegender Bleistift genannt, bis zur sicheren Landung. Die schwer gepanzerte und bewaffnete Maschine setzte weich auf dem russischen Boden auf. Die Begleitjäger blieben noch so lange im Luftraum über dem Flugplatz, wie die Maschine zum ausrollen und für die Fahrt in die Parkstellung benötigte.
Nun würden die 8.8 Zentimeter und zwei Zentimeter Vierlings-Flakbatterien, den weiteren Schutz der Maschine und deren brisanten Inhalt übernehmen. Das Flugzeug wurde bereits erwartet. Seitlich des Rollfeldes waren an die vierzig Elitesoldaten der Waffen-SS angetreten. Als die DO-17 ihre endgültige Parkposition erreichte, liefen die Soldaten im Laufschritt und mit gezogenen Maschinenpistolen vom Typ MP 40 und StG 44 nach allen Seiten sichernd auf die Maschine zu. Oben in der Luft drehte der Geleitschutz der Jagdmaschinen in Richtung Westen ab. Die Seitentüre wurde geöffnet und ein mobile Rampe unterhalb der Öffnung in Stellung gebracht.
Aller Augen blickten erwartungsvoll auf das dunkle Loch in der Seitenwand. Ein Mann in der schwarzen Uniform der SS kam aus dem Inneren des Flugzeugs. Die Kragenspiegel wiesen ihn als einen Sturmbannführer aus. Da überall Heckenschützen lauern konnten, war der Befehl ergangen, auf jedwede Ehrenbezeichnung zu verzichten. Hinter ihm trugen zwei Rottenführer eine kleine Trage aus dem Flugzeug und zu einem behelfsmäßig eingerichteten Bunker.
Keinen Augenblick zu früh, denn kaum, dass sie im Unterstand aus Stahlbeton verschwunden waren, heulten plötzlich die Sirenen los. Das bedeutete Luftangriff. Die übrigen Soldaten rannten in die Stellungen und Unterstände. Schon waren die russischen Feindflugzeuge vom Typ Iljuschin IL-2 Schturmowik und einige Ratas über dem Flugplatz auszumachen. Ringsherum platzten kleine Krater, verursacht von den Einschlägen, der von den Bordkanonen abgefeuerten Geschosse, aus dem Boden.
Die Flak begann aus allen Rohren zu feuern und man konnte gut am Himmel die schwarzen Rauchpilze der detonierenden Flakgranaten erkennen, welche um die Flugzeuge herumtanzten. Ein Volltreffer ließ einen der Schlachtflieger in der Luft explodieren. Im Gegenzug traf eine Bombe die DO-17, welche durch die Wucht der Detonation auf die Seite gelegt wurde und mit erhobenen Flügel liegenblieb. Die zwei Zentimeter Vierlingsflak sägte sprichwörtlich einer der Ratas den rechten Flügel ab und die Maschine stürzte, in einer immer schneller werdenden Drehbewegung um ihre eigene Achse, auf den Boden zu und schlug weiter hinten außerhalb des Rollfeldes auf und fing sofort Feuer. Mehrere Fahrzeuge der Wehrmacht wurden von den Geschossen und Bomben der Feindmaschinen getroffen und rauchten oder brannten. Eine der Flakstellungen erhielt einen direkten Volltreffer und eine der zwei Zentimeter Vierlingskanonen konnte aufgrund einer Ladehemmung nicht mehr feuern.
Die Situation wurde langsam brenzlig. Immer mehr Gebäude und Fahrzeuge brannten. Wenn nicht bald ein Wunder geschehen würde, dann wäre der Flugplatz in kurzer Zeit dem Erdboden gleichgemacht. Von Westen war ein immer lauter werdendes dumpfes Grollen zu hören.
Da kamen die Begleitjäger der Transportmaschine zurückgeflogen und stürzten sich in den Kampf. Jemand hatte die ME-109 Staffel anscheinend über Funk zurückbeordert. Sie verfügten zwar nicht mehr über große Treibstoffreserven, aber die Maschinen waren voll aufmunitioniert geflogen und hatten bis jetzt noch keinen einzigen Schuss abgegeben. Die Motoren liefen auf Vollgas und der Verband fächerte weit auseinander, die Bordkanonen eröffneten sofort das Feuer. Gemeinsam mit den verbliebenen Flakkanonen wurden die Feindmaschinen ins Kreuzfeuer genommen. Angesichts der Übermacht und des nun rasenden Abwehrfeuers, versuchten die feindlichen Piloten abzudrehen und ihr Heil in der Flucht zu suchen.
Für die schnellen deutschen Jagdmaschinen war es ein Leichtes, den langsameren russischen Flugzeugen zu folgen und sie abzuschießen. Eine Maschine nach der anderen wurde getroffen und stürzte brennend zu Boden. Nur wenigen der gegnerischen Piloten gelang die Flucht oder konnten sich in letzter Sekunde mit dem Fallschirm retten. Sobald eine der Feindmaschinen brannte, bewiesen die deutschen Piloten, dass ihnen der Ehrenkodex der Flieger in Fleisch und Blut übergegangen war. Sie ließen sofort von den brennenden Feindmaschinen ab und flogen in Richtung Westen davon.
In den Bunkern warteten die Besatzungen noch etwa fünf Minuten, dann wurde Entwarnung gegeben und ein emsiges Treiben kehrte wieder auf das Flugfeld zurück. Die Wachmannschaft, bestehend aus Soldaten der Waffen-SS, trat vor dem Bunker an und der Sturmbannführer und seine beiden Begleiter schritten aus dem Eingang. Eine dicke Staubschicht lag auf ihren schwarzen Uniformen. Eine Bombe war nahe des Bunkers eingeschlagen und hatte einige Teile der Decke abgesprengt. Wie durch ein Wunder war niemand verletzt worden. Die Bedienungsmannschaften der Flugabwehrkanonen hatten die meisten Verluste zu beklagen. Zwölf Männer waren gefallen und elf waren mehr oder minder schwer verwundet worden.
Der Offizier der SS trat, sich den Staub abklopfend, vor die Männer der Wachmannschaft und ließ die Soldaten mit einem laut gebellten: » Stillgestanden! «, draußen strammstehen.
Nach einer kurzen Pause kam ein fast schon freundlich klingendes: » Rühren! «, über seine Lippen.
Mit lauter Stimme richtete er sich an die Männer: » Na, denen haben wir aber gezeigt, wo der Bartl den Most holt! Mein Name ist Sturmbannführer Greifer. Ich bin hier auf direkten Befehl des Führers und mit einer geheimen Mission betraut. Ihr werdet mir bei dieser Aufgabe zur Seite stehen und seid mir unmittelbar unterstellt! Wenn wir erfolgreich sind, wird der Sieg unser sein und der Krieg bald vorbei! Diese Kiste auf der Trage enthält eine Geheimwaffe. Wir müssen sie unter allen Umständen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln schützen und sofort zu Generaloberst Paulus bringen. Niemand darf uns aufhalten. Es wird sofort losmarschiert. Jegliche Feindkräfte sind bei Annäherung sofort, ohne Rücksicht auf eigene Verluste, zu eliminieren. Es werden auch keine Gefangenen gemacht! Los! Vorwärts! «
Zurück kam ein gleichzeitig gebrülltes: » Jawohl! «
Der Trupp setzte sich in Bewegung. Die drei Soldaten der SS wurden in die Mitte genommen und von je fünf Männern flankiert.
Nach mehreren Stunden Marsch erreichten sie unbehelligt den Kommandobunker von Generaloberst Paulus.
Nach kurzer Erklärung wurden sie sofort vorgelassen.
Dann folgte das obligatorische: » Heil Hitler! « und mit zusammengeschlagenen Haken, kam der Sturmbannführer sofort auf den Grund seines Besuches zu sprechen: » Ich bin Sturmbannführer Greifer von der Leibstandarte Adolf Hitler. Der Führer und der Reichsführer SS persönlich, haben mir den direkten Befehl erteilt, ihnen das hier zu überbringen. «
Dabei zeigte er voller Stolz auf die längliche Kiste, welche noch immer von einer dunklen Zeltplane verdeckt wurde.
» Interessant und was soll ich damit? Ist da wieder eine der Wunderwaffen eingetroffen, welche uns angeblich den Endsieg bescheren sollen? Der Winter steht vor der Tür, da wären ein paar warme Socken und wattierte Kampfanzüge hilfreicher! Ganz zu schweigen von ausreichender Verpflegung und Munition! «, kam es scharf und abfällig vom Generaloberst zurück. Der Sturmbannführer hob in einer abwehrenden Geste die Hände.
» Schicken sie bitte zuerst alle ihre Soldaten aus diesem Zimmer hinaus. Was ich ihnen zu sagen habe, unterliegt strengster Geheimhaltung und sollte nur unter vier Augen erfolgen. «
Paulus überlegte kurz, nickte dann und forderte mit einer kurzen Handbewegung seine Soldaten auf, den Raum zu verlassen. Greifer sah nur kurz und scharf seine beiden Begleiter an und machte eine Kopfbewegung in Richtung der Türe. Sofort verließen die zwei Rottenführer den Raum und bezogen davor Posten.
» Da wir nun unter uns sind, Herr Generaloberst Paulus, werde ich Ihnen verraten, was sich in der Kiste unter der Plane verbirgt. Bitte kommen sie. «
Als beide um den Kasten herumstanden, zog der Sturmbannführer langsam die Plane zur Seite. Darunter kam ein einfacher Holzkasten zum Vorschein.
» Ich überlasse ihnen die Ehre, den Kasten zu öffnen. «
Paulus zögerte zuerst, Greifer warf ihm einen aufmunternden Blick zu, dann öffnete der Generaloberst langsam die Kiste und ließ den Deckel nach hinten fallen. Ungläubig starrte er in das Innere.
» Eine alte Lanzenspitze? «, fragte er.
» Ja, aber nicht eine x-beliebige. Es handelt sich um die Heilige Lanze. Wer sich in ihrem Besitz befindet und sie im Kampf trägt, dessen Armee wird unbesiegbar und unverwundbar! «
Paulus sah Greifer noch immer ungläubig an.
» Das soll meiner Armee zum Sieg verhelfen? Mit verbündeten Einheiten der Rumänen haben wir insgesamt über 300.000 Soldaten unter Waffen. Der Winter nähert sich unaufhaltsam und meine Soldaten frieren. Warme Uniformen würden uns mehr helfen, als irgendein Hirngespinst! «
» Urteilen sie nicht zu voreilig, Herr General. Morgen früh soll, wie sie wissen, eine Offensive starten. Lassen sie die Lanze vorantragen. Sie werden sehen, der Sieg wird unser sein. Ich selbst nehme an dem Angriff als Beobachter teil. Ich soll sofort und direkt an den Führer und das Oberkommando der Wehrmacht berichten. Stellen sie sich vor, der morgige Tag wird als ein Wendepunkt für das Großdeutsche Reich in die Geschichte eingehen und wir dürfen dabei sein! «
Er wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, das er mit der Behauptung mehr recht haben würde, als ihm lieb war. Um vier Uhr Morgens wurden die Soldaten geweckt und in Alarmbereitschaft versetzt. Die Armee stellte sich auf zum Sturm auf Stalingrad. Motoren wurden angelassen. Fahrzeuge wurden bereitgestellt. Panzer wurden von ihren Tarnnetzen befreit. Munition wurde ausgegeben. Um halb fünf eröffneten die rückwärtigen schweren Batterien ihr Feuer und eine Walze aus Tod und Stahlsplittern wälzte sich auf die Stadt zu. Nachdem eine Schneise in die Abwehrstellungen der Russen geschlagen war, stellten die Geschütze ihren Beschuss ein. Jagdbomber und Jäger tauchten am Himmel auf und sollten den Vorstoß begleiten.
In ihrem gepanzerten Kommandofahrzeug verfolgten Paulus und Greifer stehend das Geschehen. Der Generaloberst gab den Angriffsbefehl. Die Spitzen der 6. Armee setzten sich in Bewegung. Allen voran fuhren mehrere Spähpanzer. In einem davon stand der Panzerkommandant aufrecht im Turm und hielt stolz die Lanze in der Hand.
Begeistert und fanatisch brüllte er ein: » Sieg heil!!! «
Es war eines der ersten Fahrzeuge, welches einen Volltreffer erhielt und in einem donnernden Feuerball explodierte. Die Lanzenspitze wurde in weitem Bogen davongeschleudert und vom Kommandanten eines der folgenden Fahrzeuge geborgen.
Rasendes Abwehrfeuer begann ihnen entgegenzuschlagen. Die Russen wehrten sich mit dem Mut der Verzweiflung. Ein gnadenloser Häuserkampf um die Vorherrschaft in der Stadt entbrannte. Jedes Haus, jeder Meter Boden verlangte einen hohen Blutzoll sowohl von den deutschen, als auch von den tapferen russischen Soldaten.
Frauen, Mütter, Schwestern, Tanten, Cousinen, Freundinnen, Männer, Väter, Brüder, Onkel, Cousins und Freunde, starben in einem sinnlosen Kampf. Der leidvolle Untergang der 6. Armee und die damit verbundene Wende im Zweiten Weltkrieg hatte begonnen...
Das Licht der hellen Straßenlaternen spiegelte sich in den schnell glasiger werdenden stahlblauen Augen seines Gegners, als er die scharfe Klinge immer wieder und wieder in den zuckenden und sich aufbäumenden Körper stieß. Er hörte bei jedem Stoß, den er führte, wie das Messer die leichte Schutzweste zerriss und spürte den kurzen Widerstand, den die Weste und die Haut boten, bevor die Klinge tief in das Fleisch schnitt. Er spürte, wie die Wärme und das Leben aus seinem Gegenüber heraussprudelte. Seine Gegenwehr erlahmte.
» Ist es das Wert? «, fragte er den Sterbenden. Das was ein Antwortversuch sein sollte, ging in einem Röcheln unter. Sein Kopf deutete ein Nicken an, bevor die Augen leer wurden und der Kopf schlaff und leblos zur Seite rutschte.
» Alles Gute zum Geburtstag «, fluchte er, doch er meinte dabei nicht die Leiche, sondern sich selbst. Hastig durchsuchte er den Leichnam, aber alles, was er fand war Geld, dicke Geldbündel mit Scheinen in der Jackentasche und etwas Münzgeld in den Hosentaschen. Kein Ausweis, kein Hinweis, einfach gar nichts, was ihm weitergeholfen hätte. Geld, ja Geld hatte er selbst genug dabei.
Er schob den rechten Jackenärmel des Toten zurück und drehte dessen Handfläche nach außen. Deutlich konnte er, die ihm bereits vertraute Tätowierung des Mannes, sehen. Viele, die er getötet hatte, waren mit ihr gezeichnet gewesen. Mit einem Ruck zog er das Messer aus dem Toten und wischte es an dessen Kleidung ab, bevor er es wieder in der Scheide an seinem linken Wadenbein, verschwinden ließ. Suchend blickte er sich nach seiner Pistole um, hob sie auf und steckte sie wieder in seine Jackentasche. Er packte den leblosen Körper unter den Armen, hob ihn leicht an und schleifte ihn suchend nach einem geeigneten Versteck, die Gasse entlang.
Endlich fand er einen Kellereingang, in welchem er die Leiche verschwinden lassen konnte. Mit einem Stoß beförderte er den Körper die steile Treppen hinunter, wo er mit einem lauten und dumpfen Geräusch liegen blieb.
Die Jacke und die Hose trieften vor lauter Blut, welches langsam erkaltete und immer klebriger wurde. So konnte er eigentlich nicht weiter, er wäre sofort der nächsten Polizeistreife aufgefallen, oder wäre es nicht besser, langsam mal die Polizei zu informieren? Sie folgte sicher schon der Spur der Leichen, welche sich schon fast durch halb Europa, bis hierher nach Salzburg zog. So kurz vor dem Ziel konnte er nicht aufgeben, nein er musste es alleine schaffen. Die Polizei würde im vermutlich nicht glauben, viel zu fantastisch war die Geschichte und vor allem nicht aus diesem Jahrhundert, ja noch nicht einmal von dieser Welt…
Langsam durchquerte er die letzten der engen und verwinkelten Gassen der Salzburger Altstadt, welche ihn noch von seinem Ziel trennten oder eher von seinem Schicksal? Er versuchte keine lauten Geräusche zu verursachen, doch das war mit den harten Absätzen seiner Schuhe und dem überall präsenten Kopfsteinpflaster nahezu unmöglich. Das erschwerte natürlich, sich ihm nähernde Gegner rechtzeitig zu hören.
Es war nun stockfinster und die Straßenbeleuchtung war irgendwie nicht in der Lage, die Gassen und Straßen ausreichend zu beleuchten. Somit wurde die Nacht zu seinem Verbündeten. Jedes Geräusch ließ ihn herumfahren und zusammenzucken, jeder sich bewegende Schatten zwang ihn immer wieder in Deckung. Er lenkte seine Schritte direkt in die Richtung des Petersfriedhofes, dahin, wo sich die Katakomben befanden. Die Katakomben von Iuvavum. Ja, so war der Name der römischen Garnison, welche sich einst hier befunden hatte. Und er brachte etwas lang verloren und verschollen geglaubtes zurück. Ein Relikt aus frühchristlicher Zeit, welches geraubt und an der Spitze der römischen Armeen auf ihren Siegeszügen kreuz und quer durch Europa getragen worden war. Bis nach Alba, dem heutigen Schottland, wo die Eroberungen durch die römischen Legionen ein jähes Ende genommen hatten. Schwer wog diese Last in seinem Rucksack, welchen er immer bei sich trug.
Ca. 2000 Jahre zuvor, kurz nach der Kreuzigung…
Das Getrampel und Gestampfe, das Klirren und Klappern, das die römische Legion auf ihrem Vormarsch verursachte, war schon weit über die Felder und Wiesen zu hören und warnte die Bewohner der kleinen keltischen Siedlung vor dem herannahenden und völlig überlegenen Gegner.
Ein Mann kam laut schreiend in direkter Linie von den nahen Feldern auf das Dorf zugerannt. Man konnte ihn nicht verstehen, aber an der Art wie er rief und wie er rannte, konnte man schon erkennen, dass ihn etwas in panische Angst versetzt hatte.
Das kleine beschauliche Dorf verwandelte sich innerhalb von Sekunden in ein Wespennest. Mütter versuchten schreiend ihre heulenden Kinder in Sicherheit zu bringen. Die Männer, Jünglinge und sogar die Greise rannten in die Hütten und alles, was als Waffe tauglich war, wurde mit äußerster Entschlossenheit in die Hände genommen. War es schon wieder ein Angriff eines verfeindeten Stammes oder irgendeiner raubenden und mordenden Bande? Schützend stellte sich die kleine Truppe aus etwa fünfzig Kämpfern entschlossen dem Feind entgegen.
Es waren die Römer. Jetzt sah man bereits die Spitze des Feldzeichens mit dem Adler und dem S.P.Q.R. (senatus popolesqe romanun, Senat und Volk von Rom), welches jeder Legion vorangetragen wurde. Sie schien immer höher und bedrohlicher in den Himmel emporzuwachsen. Vielleicht hatten sie ja wieder Glück und die Römer würden wie damals einfach vorbeiziehen. Doch der Lärm wurde immer lauter und die Abteilung schwenkte direkt auf das Dorf ein. Es waren die Männer der berühmten Legion Nova Aquila, die auf ihrem Vormarsch bereits tief in das Land eingedrungen waren, welches später einmal unter dem Namen Großbritannien bekannt werden sollte.
Als sich die wenigen Männer des Dorfes, der gewaltigen Übermacht des Feindes gegenüber sahen, ließen sie mutlos die Waffen sinken.
Der Legatus, welcher die Legion befehligte, löste sich mit seinem Pferd und einem ebenfalls berittenen Begleiter langsam aus der Formation. Sein reich mit Gold verzierter Brustpanzer blinkte in der Sonne und der schwarze hochaufgerichtete Helmbusch ließ ihn noch größer wirken. Die beiden ritten stolz und langsam auf die Männer zu und blieben vor dem augenscheinlich ältesten der Männer stehen. Die Waffen der Römer befanden sich immer noch in den Schwertscheiden.
Eine Stimme erhob sich, die es gewohnt war Befehle zu erteilen. Sein Begleiter übersetzte die Worte des Befehlshabers der römischen Streitkräfte.
» Mein Name ist Victritius. Ich spreche zu dir, Ältester des Dorfes. Lasst die Waffen fallen und ergebt euch. Ihr habt mein Wort als Legatus der Legion Nova Aquila, dass euch kein Leid geschehen wird. Falls ihr Widerstand leisten wollt, so werdet ihr und euer Dorf ohne Erbarmen ausgelöscht. Was du hinter mir sehen kannst, ist lediglich die Vorhut von unserem Heer, bestehend aus insgesamt viertausend schwer bewaffneter Soldaten! «
Der Dorfälteste warf zögerlich seine Waffe und seinen Schild zu Boden und näherte sich langsam mit nach vorne zeigenden Handflächen dem Zenturio. Er musste seine Augen gegen das spiegelnde und glänzende Licht, welches von dem Brustpanzer zurückgeworfen wurde, mit seiner linken Hand abschirmen. Der lange und graue Bart war lang, zottelig und verfilzt. Er verbarg gut die Gesichtszüge des Mannes, aber in seinen Augen konnte man die Anspannung und auch die Furcht erkennen. Doch auch eine gewisse Art von Neugier lag in seinem Blick. Etwa zwei Meter vor den Pferden blieb er stehen und sagte mit zitternder Stimme, die mehr vom fortschreitenden Alter, als vor Angst vibrierte.
» Ich glaube dir Zenturio. Unser Dorf steht zu eurer Verfügung. Wenn ihr wollt, so könnt ihr in meiner Hütte übernachten. Zu Essen haben wir selbst nicht viel, doch das Wenige, was wir haben, teilen wir gerne mit euch. Ständig werden wir von Banden aus dem Norden überfallen und ausgeplündert. «
Der Feldherr hörte sich die Worte seines Übersetzers aufmerksam an und antwortete.
» Ich danke euch für das Angebot, doch was wir benötigen, führen wir mit uns und die Wälder sind reich an Wild. Wir werden morgen weiterziehen, euer Dorf und ihr, gehört ab jetzt zum römischen Imperium und steht damit unter unserem Schutz. Wenn euch die Banden nochmal angreifen sollten, so greifen sie somit auch eine der Provinzen Roms an. Die Strafe für ein solches Vergehen sind Euch bekannt: Versklavung oder der Tod im Circus. Geh nun und sprich zu deinen Leuten, sie werden sich sicher fürchten. Wir erwarten deine Antwort in wenigen Augenblicken. «
Der Dorfälteste verbeugte sich demütig, wendete sich dem Zenturio zu und sein Begleiter übersetzte.
» Gerne nehmen wir den Schutz Roms an. Es wird sich euch und euren Leuten niemand entgegenstellen. Ihr habt mein Wort! « und damit drehte er sich um und ging zurück zu den übrigen Dorfbewohnern.
Als er die ersten seiner Leute erreichte, öffnete sich die Front und schloss sich schützend hinter ihm sofort wieder.
Er erzählte seinen Leuten von dem Gespräch mit den Römern. Die hasserfüllten, zum Teil auch ängstlichen Gesichter, verwandelten sich in erstaunte und erleichterte Mienen. Allmählich senkten sich die hoch erhobenen Waffenarme der Krieger, die Schilde wurden heruntergenommen und die Bewohner des Dorfes brachten ihr Kriegsgerät zurück in die Hütten. Dort beruhigten sie die verängstigten Frauen und Kinder. Allmählich kehrte wieder Normalität in dem kleinen Dorf ein.
Als die Hauptstreitmacht der Römer eintraf, wurde das Nachtlager unweit des Flusses, welcher die äußersten Hütten des Dorfes flankierte, errichtet. Die Legionäre verstanden ihr, durch die vielen Feldzüge und Kämpfe geprüftes Handwerk. In kürzester Zeit standen die Unterkünfte. Bis auf ein Zelt, waren alle Zelte gleich. Die Behausung, welche in der Mitte aufgeschlagen worden war, gehörte dem Kommandanten der Streitmacht.
Gerade wurde von zwei hochgewachsenen Legionären eine kleine Kiste, länger als ein Fuß von einem der Wagen gehoben und vorsichtig zu dem Zelt getragen.
Schwer schien die Kiste nicht zu sein, aber sie war reich verziert mit kunstvollen Schnitzereien, welche mit Gold überzogen waren. Sofort bezogen die vier schwerbewaffneten und mit dicker Rüstung gepanzerten Wachen, welche den Transport der Kiste begleitet hatten, Stellung vor dem Eingang des Zeltes. Nach kurzer Zeit kamen die zwei Legionäre, welche die Kiste getragen hatten, wieder aus der Unterkunft heraus.
Das alles hatte der junge Ean von einem Baumwipfel aus beobachtet. Sein Gesicht war voller Sommersprossen und eingerahmt von einer zotteligen Mähne aus rötlichem Haar. Er hatte sich dort oben versteckt und lugte neugierig durch die Äste, welcher er mit seinen beiden Armen etwas auseinanderspreizte, aus dem dichten und bereits leicht verfärbten Blätterdach der Buche hervor.
Mit seinen vierzehn Jahren war er kein Kind mehr, aber galt in der Dorfgemeinschaft auch noch nicht als Mann, da er die rituellen Prüfungen noch nicht abgelegt hatte. Das sollte noch im Laufe diesen Jahres passieren. Später, erst nach der Ernte, wenn die Bäume beginnen würden ihr Laub abzuwerfen, dann wäre der richtige Augenblick für seine Prüfung gekommen.
Was sich wohl in dem länglichen Kästchen befinden mochte? Zweifelsfrei musste es ein Schatz sein, irgendetwas von enormer Bedeutung, auf alle Fälle etwas unfassbar Wertvolles. Die Neugier nagte an ihm. Er musste wissen, was sich in der Kiste befand. In seinem Inneren entwickelte sich das altbekannte Zwiegespräch Gut gegen Böse:
» Du darfst die Kiste nicht öffnen, sie gehört dir nicht und es ist gefährlich. Sie wird streng von den Römern bewacht. «
» Was kann es schon Schaden, einmal kurz nachzusehen, was sich in der Kiste verbirgt? Vielleicht ist es sehr wertvoll! «
» Und wenn sie dich erwischen? Dann nehmen die Römer dich gefangen! Sie werden dich bestrafen! «
» Sie werden wohl kaum einen Jungen gefangen nehmen. Außerdem musst du im Herbst bei der Prüfung auch Mut beweisen. Sonst wirst du nicht aufgenommen und musst ein Jahr bis zur neuen Prüfung warten. Wie stehst du dann vor den anderen da? «
Die Neugier ließ ihn nicht mehr los. In seinem Kopf legte er sich einen Plan zurecht. Heute Nacht, wenn alle schlafen, dachte er, werde ich mich ins Lager schleichen und mir heimlich Zugang zum Zelt verschaffen. Ich werde vorsichtig sein, niemand wird mich bemerken.
Spät in der Nacht wachte Ean auf. Er hatte vor dem Zubettgehen viel Wasser getrunken, um nicht aus Versehen zu verschlafen. Der enorme Druck auf die Blase hatte ihn wie geplant geweckt. Er war so aufgeregt, dass es ihm fast nicht gelungen wäre einzuschlafen. Seine Kleidung hatte er nicht abgelegt, sondern nur schnell eine Decke darüber gezogen. Wenn jemand aus der Familie aufwachen sollte, dann würde er nur eben schnell seine Notdurft draußen verrichten wollen.
Aber alle schliefen tief und fest, seine kleine Schwester, seine Großmutter, seine Mutter und auch sein Vater, welcher friedlich vor sich hin schnarchte.
Unbemerkt schlug er langsam die Decke zur Seite und schwang seine Beine aus dem Bett und setzte sich auf. Seine ledernen Schuhe standen auf dem gestampften Lehmboden. Er angelte behutsam mit den ausgestreckten Zehen nach seinen Latschen und schlüpfte geschickt hinein.
Langsam erhob er sich von seinem Lager. Vorsichtig bewegte er sich durch die Hütte, um keine Geräusche zu verursachen, welche ihn verraten hätten.
Das Problem war jetzt nur noch, die Türe der alten Hütte, welche bei jedem Öffnen und Schließen in den Angeln, welche aus Weiden geflochten waren, knarzte und ächzte.
Hilfesuchend sah er sich in der Hütte um. Irgendwie musste sich doch die Hüttentüre öffnen lassen, ohne dabei das halbe Dorf aufzuwecken.
Sein Blick fiel auf einen hölzernen Becher, welcher auf dem Tisch stand. Hoffentlich war noch etwas von dem Wasser übrig, welches er vor dem Schlafengehen getrunken hatte.
Leise und ganz langsam ging er zum Tisch und nahm den Becher. Ein kleiner Rest von Flüssigkeit war am Boden zu erkennen. Es könnte reichen.
Mit dem Becher schlich er sich auf Zehenspitzen wieder zur Türe und leerte etwas von dem Inhalt über die obere Türangel und den Rest über die untere Türangel. Den Becher schob er in seine Jackentasche. Er ließ die Flüssigkeit einen kurzen Augenblick einwirken und griff behutsam nach dem Riegel. Hielt jedoch plötzlich mitten in der Bewegung inne. Er versuchte sich zu erinnern: Machte der Riegel ein Geräusch, wenn man ihn bewegte? Ihm war nie etwas aufgefallen, aber selbst ein leises Knarzen oder Quietschen konnte sich in der Stille der Hütte so laut anhören, wie ein Ochse der getreten wurde und so ganz schnell zum Verräter werden. Das Wasser ist alle. Was soll ich nun tun?
Fieberhaft sah er sich in der Hütte um und überlegte. Spucke, das könnte helfen. Er hielt die Hand unter seinen Mund und nur ein dünner Rinnsal floss aus seinem Mund in seine Handfläche. Sein Mund war vor Aufregung fast wie ausgetrocknet. Das würde ewig dauern und wahrscheinlich nicht einmal reichen. Doch ihm wollte nichts anderes einfallen. Wenn ich nicht bald rauskomme, dann pinkle ich mir noch in die Hose, dachte er. Das war die Lösung, etwas von dem Urin auf den Riegel und es würde so gut wie keinen Lärm geben.
Er holte den Becher wieder hervor und zog seine lederne Hose vorne leicht herunter. Wenn jetzt jemand aufwacht und mich sieht... Aber alles ging gut, er hatte den Becher nur leicht gefüllt und verteilte den Inhalt auf dem Türhebel. Den Becher schob er wieder zurück in die Tasche.
Er griff nach dem Riegel. Langsam zog er daran. Der Urin hatte ganze Arbeit geleistet und alles gut geschmiert, die Tür ließ sich fast geräuschlos öffnen. Die Kühle der Nacht und die Dunkelheit empfingen ihn wie treue Gefährten.
Auf dem Weg zum Petersfriedhof ließ er die letzten Wochen noch einmal vor seinem geistigen Auge Revue passieren. Was ihn besonders schmerzte, war der Verlust von Tom, seinem langjährigen und besten Freund. Hätte er ihn doch nie um Hilfe gebeten, dann wäre er wahrscheinlich noch am Leben. Aber er musste in diesem Fall egoistisch denken. Nicht egoistisch für sich, sondern für die ganze Welt. Es stand zu viel auf dem Spiel.
Sollten die dunklen Mächte das Artefakt in die Hände bekommen, dann würde die Welt in einem Chaos versinken, um dann in einer neuen und aufgezwungenen Ordnung aufzuerstehen. All das, was die Nationalsoziallisten in ihrer kurzen Schreckensherrschaft nicht geschafft hatten, würde geschehen.
Seit ihrer Zerschlagung, denn vernichtet wurden und waren sie nie völlig, suchten sie danach. Sie versuchten es unter allen Umständen in ihren Besitz zu bringen.
Wäre es ihnen damals schon gelungen, die Welt würde heute eine andere sein. Die Bruderschaft, welche damals von Heinrich Himmler auf Anweisung von Adolf Hitler ins Leben gerufen worden war, sie ist noch heute aktiv. Ist wieder erstarkt, auferstanden aus den Trümmern des Dritten Reiches, fanatischer und skrupelloser, wie der Phönix aus der Asche. Die Bruderschaft der Finsteren Sonne. Sie hat wie eine Giftspinne ihr Netz gewoben. Durch alle Länder der Erde, über den ganzen Erdball, sind ihre Anhänger und Novizen verteilt. In allen Gesellschaftsschichten sind sie zu finden. Vom kleinsten Arbeiter bis zum hochrangigen Politiker, vom einfachen Soldaten bis zum General, überall hat sie ihre Verbündeten, und niemand hat es bis jetzt gemerkt.
Sie verfügt über nahezu unbegrenzte Ressourcen, ganz gleich ob an Menschen oder Geld. Der einzige Umstand, welcher Christian half war, das die Bruderschaft nicht auffallen und öffentlich in Erscheinung treten wollte, bis sie nicht das lang ersehnte Artefakt in ihren Besitz gebracht hatte. Solange das noch nicht geschehen war, war und blieb sie verwundbar. Deshalb waren auch nicht Heerscharen von Leuten gleichzeitig hinter ihm her, sondern immer nur Teams von zwei bis drei Mann, welche am wenigsten auffielen. Sie waren immer ausgezeichnet bewaffnet, doch Chris verstand es immer wieder, die Waffen und Gegebenheiten zu seinem Vorteil einzusetzen. Aktuell hatte er zwar nur noch eine Clock mit drei vollen Magazinen und ein sehr scharfes Kampfmesser, aber in der Hand eines ausgebildeten Kämpfers, wurden diese zu einem tödlichen Präzisionswerkzeug. Er würde es zwar nicht mit einer Armee aufnehmen können, aber sich genug Respekt verschaffen können, um die Angreifer auf ausreichender Distanz zu halten oder noch besser auszuschalten.
Wieder musste er an den einen Tag denken, an den Tag, welcher sein unbeschwertes und sorgenfreies Leben für immer verändert hatte. Das Artefakt drängte sich mit aller Macht in sein Leben, nahm ihn praktisch ganz für sich in Besitz oder sollte man lieber sagen: gefangen? Doch es hatte praktisch das Recht dazu, jemanden in seine Gewalt zu bringen, so groß war die Gefahr. Als er das erste Mal das Artefakt sah, staunte er über dessen Form und Verarbeitung und nachdem er es in die Hand genommen hatte, über dessen Gewicht.
Er war aufgewachsen in einer Zeit, in der die Menschheit, Plastik als eine Art Allheilmittel oder Lösung für alles und jede Schwierigkeit in jedem Lebensbereich und in der Produktion angesehen hatte. Was sich jedoch nun allmählich immer Stärker als das eigentliche Problem herauskristallisierte. Früher setzten die Leute mehr auf Metall, welches immer und immer wieder eine neue Verwendung fand.
Aber nun zurück zu dem schicksalhaften Tag, an dem sich alles änderte.
Sobald Ean aus der Hütte trat, duckte er sich und schlich in leicht nach vorn gebeugter Haltung durch das Dorf.
Immer wieder spähte er nach links und rechts, ob in einer der Hütten noch Licht brannte. Bei jedem noch so kleinen Geräusch zuckte er zusammen und ging dabei in die Hocke, machte sich so klein, wie möglich. Erst wenn er sich sicher war, dass ihn niemand bemerkt hatte, erhob er sich wieder und schlich vorsichtig weiter. In der Nacht waren es völlig andere Laute, die an sein Ohr drangen, wie am Tag. Er hatte sich schon lange nicht mehr alleine in der Nacht hinausgeschlichen.
Alles war so anders, die langen und dunklen Schatten wurden zu unheimlichen Wesen, welche ihre langen und dürren Finger nach ihm auszustrecken schienen.
Beim Gehen rollte er die Füße ab. Hernge, der Jäger des Dorfes hatte ihm einmal diesen Trick beigebracht, als beide beim Jagen im Wald waren und sich an einen Hirsch anschleichen wollten. Gegen den Wind hatten sie sich so damals dem Rotwild bis auf mittlere Bogenschussdistanz genähert. Zum Schluss waren sie noch einige Meter an das Tier herangerobbt, bevor Hernge sich blitzschnell erhoben hatte, gleichzeitig seinen Bogen in Anschlag brachte, zielte und schoss.
Seitdem hatte er das Abrollen der Fußballen immer wieder geübt. Schließlich war es sein größter Wunsch, auch einmal Jäger zu werden und das Dorf mit frischem Fleisch zu versorgen. Jäger waren sehr wichtig und genossen im Dorf ein sehr hohes Ansehen. Die Mädchenherzen, so war er sich sicher, würden ihm nur so zufliegen. Eines der Mädchen hatte es ihm ganz besonders angetan, ihr wollte er unbedingt gefallen.
Viola war ihr Name und sie hatte rotes, langes und lockiges Haar. Wenn die Lichtstrahlen durch ihr Haar schienen, sah es so aus, als würde sie selbst zur Sonne werden.
Er ging immer weiter und weiter, bald hatte er das Ende der Hütten erreicht und die Wiesen dahinter boten mit ihren wenigen Büschen, nur noch sehr wenig Sichtschutz.
Nun musste er, um den wachenden Augen zu entgehen, durch das hohe Gras weiterrobben. Er kroch von Busch zu Busch, nutzte jede Deckung aus. Nur selten blinzelte der Mond hinter der dichten Wolkendecke hindurch. Dann blieb er so lange hinter dem Gestrüpp liegen, bis sich wieder eine Wolke vor den Mond schob und sich die Finsternis wieder wie ein dunkler Mantel schützend über ihn legte.
Es waren nicht sehr viele Wachen aufgestellt worden. In weiten Abständen patrouillierten sie um das Lager und zwischen den Zelten. Die Feuer waren fast schon niedergebrannt und erhellten das Lager nur noch spärlich. Nur vor einem Zelt brannten links und rechts des Eingangs zwei Feuerschalen. Vier schwerbewaffnete Legionäre jeweils im Rang eines Prätorianers standen davor. In der einen Hand das Pilum (Wurfspeer), mit der anderen Hand hielten sie jeder einen großen Schild, welcher vor ihnen auf dem Boden abgestützt wurde, an seiner obersten Kante fest. Jeder trug zusätzlich noch ein Gladius (Schwert) an seiner linken Seite. Das Feuer in den Schalen flackerte unruhig hin und her und wurde von den Schilden und blanken Rüstungsteilen in alle Richtungen zurückgeworfen. Es schien als würde eine Art Aura die vier Wachposten umgeben. Der hinter ihnen auf das Zelt geworfene Schatten ließ die Soldaten noch größer und bedrohlicher erscheinen.
Nachdem Ean dies beobachtet hatte, kamen ihm Zweifel am Gelingen seines Plans, ja er bemerkte, wie die bis jetzt vorherrschende brennende Neugier einem anderen, mächtigeren Gefühl Platz machte und es zu verdrängen versuchte. Angst konnte er nun wirklich nicht gebrauchen, sie machte ihn langsam und mahnte ihn zur Vorsicht. Von vorne war unter keinen Umständen ein Eindringen in das Zelt möglich. Er beschloss, in ausreichender Entfernung an dem Zelt vorbeizuschleichen und sich dann wieder unbemerkt von hinten zu nähern. In einem weiten Bogen erreichte er langsam und immer wieder um sich sichernd, die hintere Zeltwand.
Beim Zelt angekommen, setzte er sich vorsichtig auf den Boden und lauschte. Er achtete auf jedes noch so leise Geräusch, doch in dem Zelt war alles ruhig. Sein eigenes Herz pochte ihm vor Aufregung fast bis zum Hals und dämpfte seine äußere Wahrnehmung. Vorsichtig streckte er seine schmutzigen Hände nach dem dicken Stoff aus.
Alles begann damit, als Christian, von seinen engeren Freunden auch Chris genannt und Tom zusammen mit ihren Frauen Gabi und Moni, ihren Urlaub gemeinsam hoch droben in Schottland verbrachten. Sie reisten in einem eigens für die Reise gemieteten großen Wohnmobil. Sie waren bereits hoch droben im Norden gewesen und hatten die Orkney Inseln einschließlich der Bucht von Scapa Flow besucht. Vom But of Lewis hatten sie mit dem Fernglas Wale beobachtet und waren dann trotz Wohnmobil, spontan im romantischen Royal Hotel in Thurso eingekehrt. In einem typischen Fish and Chips Laden, hatten sie eine landestypische Spezialität probiert. Battered Jupiter, ein mit Fischpanade überzogener und in der Friteuse gebrutzelter Schokoriegel. Mehr Kalorien auf kleinstem Raum kann man fast nicht vereinen, es war fast unmöglich zwei von diesen süßen Leckereien zu essen.
Am darauffolgenden Tag waren sie in die Nähe von Fort William gefahren und hatten dem berühmten Loch Ness einen Besuch abgestattet. Im weiteren Verlauf der Reise, hatten sie am Fluss mit dem schönen Namen Roichnagar haltgemacht. Von ihm wird das Wasser für unzählige Whiskeys verwendet.
Nachdem sie unweit des Ufers übernachtet hatten, machten sich Christian und Tom am nächsten Morgen noch vor dem Frühstück gemeinsam auf den Weg, um spazieren zu gehen. Hektor war mit von der Partie und der eigentliche Grund, warum Christian bei jedem Wind und Wetter das Haus verließ. Hektor war der Name von seinem kleinen und klugen Englisch Cocker Spaniel.
Als ihm der Hund damals zufällig im Wald zugelaufen war und sich auch Wochen später kein Besitzer ausfindig machen ließ, hatte er beschlossen, den Vierbeiner einfach zu behalten. Nach der kurzen Zeit war er ihm bereits sehr ans Herz gewachsen. Irgendwie fand er es lustig diesem kleinen Hund einen so klangvollen und furchteinflößenden Namen wie Hektor zu geben. Denn was denken die meisten Leute, wenn ein Hund Hektor heißt? Genau, da kommt sicher gleich ein Vierbeiner mindestens von der Größe eines Schäferhundes angeschossen!
Tom und Chris unterhielten sich angeregt. Sie besprachen oft Themen zu den faszinierendsten Mysterien der Welt. Tom drehte den Kopf etwas und eröffnete Christian seine Gedanken.
» Chris, ich habe eine neue Theorie entwickelt und möchte gerne wissen, was du davon hältst. «
» Nur zu, ich bin gespannt. Um was für eine Theorie handelt es sich denn diesmal? «, fragte Christian neugierig.
» Es geht darum, warum die Dinosaurier ausgestorben sind. «, raunte ihm Tom mit leicht verschwörerisch klingender Stimme zu.
» Das weiß doch jeder. Es war ein großer Meteoriteneinschlag im heutigen Golf von Mexiko. Bei Yukatan, wenn ich richtig informiert bin. Die Fachwelt gab ihm den Namen Chicxulub-Krater. «
» Ja, das stimmt auch. Aber beantwortet nicht die Frage nach dem: Warum. Warum mussten die Dinosaurier sterben? «
» Jetzt machst du mich aber richtig neugierig. Lass hören. «, sagte Chris und runzelte dabei seine Stirn.
» Ich denke, dass wir vor langer Zeit einmal Besuch von einer anderen Zivilisation hatten. «
» Du meinst von Außerirdischen, extraterrestrischen Lebensformen, Aliens etwa?! Aber was hat das mit den Dinosauriern zu tun? «
» Sehr viel sogar, aber ich muss noch weiter ausholen. Warum waren früher die ganzen Lebensformen, sei es Tiere, sei es Fische, sei es Pflanzen so groß? Warum konnten sie so gewaltig werden? «
» Keine Ahnung. Hat es irgendetwas mit der Schwerkraft oder mit den Nährstoffvorkommen zu tun? «
» Das Erstere ist meiner Ansicht nach die richtige Antwort. Die Flora und Fauna konnte sich damals so prächtig entwickeln, da damals auf der Erde eine niedrigere Schwerkraft vorherrschte. Somit konnte ein ganz anderes Wachstum stattfinden. «
» Wie kommst du darauf? «
» Überleg doch mal logisch. Der schwerste Dinosaurier wog damals stattliche achtzig Tonnen, bei vier Beinen macht das eine Druckbelastung von immerhin noch zwanzig Tonnen pro Bein. Versuch mal heute auf einer Wiese einen zwanzig Tonnen Klotz abzustellen. Das geht nicht, ohne dass er weit in den Untergrund einsinkt. Damit wird der Boden nach und nach so verdichtet, dass nichts mehr wächst bzw. wachsen kann. Wenn aber früher die Schwerkraft geringer war, dann sind die Auswirkungen bei weitem nicht so extrem. Auch die Bäume hätten es leichter gehabt, hoch in den Himmel zu wachsen und es ist erwiesen, dass die gesamte Vegetation damals tatsächlich auch viel höher war. Oder denk an die Flugsaurier, es würde erklären warum die großen und ungelenken Echsen fliegen konnten und warum es heute keine Vögel mehr mit an die sieben Metern Spannweite gibt. Oder, wenn dir das noch nicht als Beweis genügt ein anderes Argument. Es gibt Lebensformen auf der Erde, welche schon viel länger als der Mensch bestehen und nach wie vor, völlig unverändert neben uns existieren. Warum haben diese Lebensformen kein so effizientes Gehirn entwickelt? Warum herrscht der Mensch und nicht diese doch sehr viel älteren Tiere über unsere gute alte Erde? «
Christian blieb vor Staunen der Mund offen stehen. Wie immer dehnte er beim Nachdenken seinen Nacken, indem er den Kopf schräg von der linken auf die rechte Seite legte, was seine Halswirbel mit einem knackenden Geräusch quittierten.
» Aber was hat das mit den Außerirdischen zu tun? «, fragte er sichtlich verunsichert.
» Die Aliens haben unseren Planeten entdeckt und sind darauf gelandet. Dann haben sie festgestellt, das sie und unsere potentiellen Vorfahren gegen die Dinosaurier keine reelle Chance gehabt hätten und eine manuelle Ausrottung zu viel Zeit in Anspruch genommen hätte. Außerdem war die Schwerkraft auf der Erde wesentlich geringer, als auf ihrem Heimatplaneten und damit vermutlich auch die vorherrschende Sauerstoffsättigung in der Atmosphäre. Also was tun, um sich ohne Raumanzug frei und sicher auf dem Planeten bewegen zu können? «
» Keine Ahnung. Sag du es mir. «
» Sie brachten einen Himmelskörper so zum Absturz, dass sich dabei die Erdachse auf 23,5 Grad zur Ekliptik verschob, sich die Rotation des Planeten erhöhte und die Dinosaurier in einem nuklearen Feuersturm auslöschte. Was bei dem Einschlag nicht umkam,wurde dann im darauf folgenden langen Winter ohne Sonne gekillt. Möglicherweise hat dieser Impakt auch unsere Berge aufgetürmt und geformt. Genau genommen, kann es sich nicht um einen direkten Einschlag gehandelt haben, sondern vielmehr um einen Streifschuss. Sonst hätte die Gefahr bestanden, dass die Erde auseinanderbricht. Sie haben dann in einem sicheren Orbit oder auf dem Mond gewartet, bis sich die Atmosphäre wieder stabilisiert hatte. Das hätte auch Auswirkung auf viele andere Bereiche gehabt, z. B. auf die Luft. Eine kompaktere Atmosphäre mit höherer Sauerstoffsättigung. Weniger Methan in der Luft, da sich das Methan als Methaneis in den Meeren angereichert hat. Die allgemeine Abkühlung des Erdklimas durch die schnellere Rotation. Es ist erwiesen, dass es zu den Zeiten der Saurier um einiges Wärmer auf dem Planeten war. Vielleicht war auch mehr Kohlendioxid in der Luft. Sehr gut möglich. Nun ja, die Bereiche waren durch die schnellere Drehung der Erde nicht mehr so lange der Sonne ausgesetzt und konnten sich nicht mehr so leicht und intensiv aufheizen. Oder hast du schon einmal die Bilder gesehen, wie die Erde ohne Wasser aussehen würde? Keine schöne Kugel mehr, sondern ein richtig deformierter Klumpen auf dem wir leben. Auch die Jahreszeiten, wie wir sie kennen sind eine Folge der Schrägstellung der Erdachse, so ist keine der Erdhälften ständig der gleichen Strahlung ausgesetzt. «
» Du meinst also,..., die Dinosaurier haben verschwinden müssen? Etwa durch gezieltes außerirdisches Terraforming? «
» Genau so sieht es aus. Sie wurden gekillt, damit eine andere Spezies oder unsere Ururahnen sich auf der Erde niederlassen konnten. Vorausgesetzt, wir stammen von ihnen und nicht vom Affen ab. Oder sie haben aus den Primaten, die sie vorfanden eine neue Spezies erschaffen. Den Menschen zum Beispiel. Die Evolution, welche in den Lehrbüchern steht, ist gespickt mit Lücken und Ungereimtheiten. Nehmen wir zum Beispiel mal die Krokodile, eine Lebensform welche schon mehrere Millionen Jahre fast unverändert auf der Erde vorkommt. Der Lehre der Evolution zu Folge, hätte diese Spezies genügend Zeit gehabt, um sich immer mehr und immer weiter zu entwickeln. Intelligenter zu werden. Aber nichts ist in dieser Richtung passiert, bei keiner uns bekannten Lebensform bis auf den modernen Menschen, den Homo Sapiens. Innerhalb von Rekordzeit wurde aus einem auf den Bäumen lebenden Primaten, der Herrscher über die Welt. Wenn da nicht irgendwer oder irgendetwas unserer Natur bzw. Evolution auf die Sprünge geholfen hat... «
Die Theorie musste Chris erst einmal verdauen und sacken lassen. Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr musste er Toms Hypothese recht geben. Sie war bis, auf ein paar kleinen Ungereimtheiten hier und da, absolut logisch, einleuchtend und mit den Grundsätzen der Forschung vereinbar. Ein Wunder, warum noch niemand sonst auf diese Theorie gekommen war.
Oft wurden die wirklich bahnbrechenden Entdeckungen von den kleinen Leuten und Laien gemacht, da sie ihren Blick auch einmal von außen auf die Probleme warfen und nicht sofort im Kern damit begannen, die Ursachen zu suchen beziehungsweise zu beheben.
Das Wetter war schön und warm an diesem Maitag. Es zogen nur wenige schneeweiße Wolken langsam am hellblauen Himmel dahin. Über einen kleinen Waldweg lenkten sie ihre Schritte zum nahegelegenen Fluss.
Der Roichnagar schlängelte sich hier dunkel und torfig durch die Landschaft. Die Sträucher und Bäume an den beiden Ufern waren schon in kräftiges Grün getaucht und der schmale Strom floss träge und ruhig durch sein Bett dahin.
Schließlich gelangten sie an einen kleinen Kiesstrand. Hektor war schon ganz ungeduldig und nahm einen angeschwemmten Holzstecken ins Maul und rannte damit in Richtung seines Herrchens. Mit einem Kläffen ließ er ihn vor Toms Füße fallen. Dieser bückte sich und hob den Stock auf, um ihn dann mit einer kräftigen Bewegung, in hohem Bogen auf den Fluss zuzuwerfen. Mit einem kurzen freudigen Bellen, jagte der kleine Hektor dem Holz hinterher. Unglücklicher Weise, hatte Tom zu fest geworfen und der Stecken landete, zwischen mehreren großen Steinen am Ufer, an welchem sich schon eine Menge Unrat aus früheren Hochwasserperioden abgelagert hatte. Der Hund schnupperte kurz und fing, kaum dort angekommen, sofort zu knurren und zu graben an. Immer mehr und mehr Sand und Kies türmten sich hinter ihm auf.
» Ach, wahrscheinlich hat er wieder einen Knochen gerochen und nun gräbt er wie ein Verrückter danach. Aber normalerweise ist er dabei nicht so aufgeregt, muss wohl ein großer Knochen sein... «, meinte Chris zu Tom.
Zusammen gingen sie neugierig auf die Fundstelle zu und kamen gerade zur rechten Zeit, als Hektor einen länglichen Gegenstand zu Tage förderte.
Das war definitiv kein Knochen. Der kleine Hund zog und zog an dem für ihn relativ großen und schweren Gegenstand. Tom eilte ihm zu Hilfe und packte mit beiden Händen an. Er konnte nicht erkennen, um was es sich handelte, da alles voller Dreck und über und über mit Schlamm überzogen war.
Vorsichtig hob er den Gegenstand auf, drehte ihn und betrachtete ihn von allen Seiten. Irgendwie erinnerte ihn die Form an eine etwas zu groß geratene Zigarrenkiste oder Griffelschachtel. So in etwa wie die, die sein Vater aus nostalgischen Gründen, noch immer als Erinnerung an seine Schulzeit, zuhause aufbewahrte und die Zeiten überdauert hatte.
Neugierig wandte er sich dem Wasser des Flusses zu. Er ging in die Hocke und tauchte das geheimnisvolle Etwas behutsam ins Wasser. Mit einer Hand hielt er das Kästchen unter Wasser und mit der anderen Hand versuchte er vorsichtig, den Dreck zu entfernen.
Das Wasser war stellenweise schon ganz braun verfärbt und er konnte nur schwer erkennen, wie sich immer mehr Konturen und Details des Kästchens herausschälten. Was er sofort sah, war, das es schon sehr lange im Feuchten gelegen haben musste, denn das Holz war stellenweise schon löchrig und zerfressen.
Als er merkte, dass sich ohne Hilfe einer Bürste nicht mehr Schmutz entfernen lassen würde, nahm er das Ding aus dem Wasser und erhob sich aus der Hocke. Chris war die ganze Zeit neben Tom geblieben und hatte mit neugierigen Blicken die Reinigungsprozedur verfolgt.
» Es ist tatsächlich ein Kästchen! «, stellte Christian überrascht fest. » Sieh dir die kunstvollen Schnitzereien auf der Oberfläche an. Was sich wohl im Inneren der Schatulle befinden mag? Oder ist sie vielleicht am Ende sogar leer? «
» Das glaube ich nicht. «, entgegnete Tom, » Dafür ist der Gegenstand zu schwer. Es muss sich etwas darin befinden. Aber ohne Werkzeug bekommen wir sie sicher nicht auf. Wir sollten die Holzschachtel mitnehmen. «
» Aber wir dürfen sie erst zu Hause öffnen. Denn ich kann mir schon vorstellen, was unsere Frauen zu dem Fund sagen. Das reicht von: Schmeißt doch den Dreck weg, bis so etwas muss man der Polizei melden. «
» Stimmt, da hast du recht. Ich werde es in ein schmutziges T-Shirt einwickeln und ganz unten im Wäschesack verstecken. Da wir auf der Heimreise mit der Fähre von Dover nach Calais fahren, werden wir auch nicht großartig durchsucht. Daheim nehmen wir uns das Kästchen bei mir im Keller in Ruhe vor. «
Sie gingen zurück zum Wohnmobil. Tom ging etwas versetzt hinter Chris, so dass der geheimnisvolle Gegenstand komplett verdeckt wurde, als sie dort eintrafen. Der Hund war brav einfach neben ihnen hergelaufen.
Die Frauen schliefen glücklicherweise noch und Tom machte sich heimlich am Wäschesack zu schaffen. Er durfte ihn nur nicht bei der Heimreise vergessen. Er würde den vollen Sack zu Hause sofort in den Keller schaffen und das Kästchen an einem anderen Ort verstecken.
Endlich war er fertig. Keine Sekunde zu früh, denn schon erschienen Moni und Gabi verschlafen in der Tür des Wohnwagens.
» Guten Morgen. Habt Ihr uns schon Frühstück gemacht? «, wurden die beiden von den Mädels begrüßt.
Als sie wieder zu Hause angekommen waren, hatte Tom heimlich den Beutel ausgeräumt und das Kästchen im Keller hinter einer Kiste voll Werkzeug deponiert.
Nächste Woche würden er und Christian sich gemeinsam den geheimnisvollen Gegenstand in Ruhe vornehmen. Aber es sollte in Wirklichkeit noch ein paar Wochen dauern, bis sie sich wieder an ihn erinnern sollten.
An einem Wochenende im Sommer waren die Frauen gemeinsam zum Einkaufen gefahren und die Männer wollten bei Tom daheim das Garagentor reparieren. Als Tom die Werkzeugkiste aus dem Keller holen wollte, fiel sein Blick zufällig auf die Holzkiste dahinter und er rief Chris zu sich in den Keller.
» Wir haben das Kästchen aus dem Urlaub ganz vergessen. Es ist noch immer bei mir im Keller. Heute wäre eine sehr gute Gelegenheit, es zu öffnen. Die Luft ist rein und die Mädels sind sicher noch lange beim Shoppen. «
