Gotteslüge - Kathrin Lange - E-Book

Gotteslüge E-Book

Kathrin Lange

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Beschreibung

Der zweite explosive Fall für Faris Iskander

Was anfangs wie eine Geiselnahme aussieht, entpuppt sich für Faris Iskander als ein Fall mit ungeahnt persönlicher Dimension: Ein mit einem Sprengstoffgürtel bewaffneter Mann überbringt Faris eine Botschaft. Sie lautet: »Das nächste Mal wirst du auf den Auslöser drücken.« Faris kann sein eigenes Leben retten, als die Bombe explodiert. Doch er ahnt, dass ein alter Feind einen teuflischen Plan für ihn ersonnen hat. Und der schreckt weder vor Entführung zurück noch vor kaltblütigem Mord. Denn schließlich will er Zeuge werden, wie Faris selbst zum Attentäter wird.

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EPUB

Seitenzahl: 471

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Buch

Ermittler Faris Iskander muss seinen nächsten Einsatz in Berlin überleben: Eine rätselhafte Botschaft, überbracht von einem Selbstmordattentäter, ist der Beginn von Faris’ größtem Albtraum. Ein Unbekannter will den SERV-Ermittler dazu bringen, selbst auf den Auslöser einer Bombe zu drücken. Unvorstellbar für Faris, der erst kürzlich seinen Partner bei einer Explosion verloren hat. Doch der Erpresser weiß mit unheimlicher Sicherheit, genau jene Hebel umzulegen, die Faris seinen Willen aufzwingen. Und als Faris im Begriff ist, mit einem Bombengürtel bewaffnet, zahlreiche Unschuldige in den Tod zu reißen, muss er eine schreckliche Wahl treffen …

Autorin

Kathrin Lange wurde 1969 in Goslar am Harz geboren. Obwohl sie sich beruflich der Hundestaffel der Polizei anschließen wollte, siegte am Ende ihre Liebe zu Büchern, und sie wurde zuerst Buchhändlerin und dann Schriftstellerin. Heute ist sie Mitglied bei den International Thriller Writers und schreibt sehr erfolgreich Romane für Erwachsene und Jugendliche. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in einem kleinen Dorf bei Hildesheim in Niedersachsen.

Bei Blanvalet von Kathrin Lange bereits erschienen:

40 Stunden

Kathrin Lange

Gotteslüge

Thriller

1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2015 by Blanvalet Verlag,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Umschlaggestaltung: © Johannes Wiebel | punchdesign,

unter Verwendung eines Motivs von Shutterstock.com

Redaktion: Regina Jooß

Herstellung: sam

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-14538-5

www.blanvalet.de

Für Nils.

Wird ein langer Trip. (Robert B. Parker)

Und für Elyas.

Du hast Faris ein Gesicht gegeben,

noch bevor wir beide davon wussten.

Wer mit Ungeheuern kämpft,

mag zusehn, dass er nicht dabei

zum Ungeheuer wird.

Und wenn du lange in einen Abgrund blickst,

blickt der Abgrund auch in dich hinein.

(F. Nietzsche)

Gahannam.

(Arabisch für Hölle)

Prolog

Mitte Februar. Berlin.

Der Bombengürtel um seine Hüften schien Tonnen zu wiegen. Faris krampfte die Finger um den Auslöser. Sein Herz weigerte sich, weiterzuschlagen. Kalt lag es in seiner Brust.

»Lassen Sie fallen, was Sie da in der Hand haben!«, donnerte eine elektronisch verstärkte Stimme.

Die Worte erreichten ihn nur noch durch einen Schleier. Er sah die roten Leuchtpunkte zweier Sturmgewehre über seinen Körper tanzen und hochwandern bis zu seiner Stirn. Einer der beiden Laserstrahlen blendete ihn, und er musste die Augen schließen.

Ein Lächeln trat auf sein Gesicht.

Seine Schulter schmerzte jetzt überhaupt nicht mehr. Auf einmal fühlte er sich leicht.

Er zog den Reißverschluss seiner Jacke nach unten, sodass der Bombengürtel sichtbar wurde.

Nur eine Sekunde später schlug eine Kugel in seinen Körper ein.

1. Kapitel

Einen Tag zuvor.

Bei jedem Atemzug klebten Faris Iskanders Nasenflügel vor Kälte zusammen. Sein Herz schlug kräftig. Ein gleichmäßiger Rhythmus, genau wie der, den seine Füße auf den von leichtem Nieselregen glänzenden Asphalt trommelten.

Nicht nachdenken.

Mit jedem Schritt hämmerte er sich diese beiden Worte in den Schädel.

Nicht.

Nachdenken.

Es funktionierte. Wenigstens solange er lief. Sein Kopf leerte sich dann. Seine Gedanken, die dazu neigten, einen nie enden wollenden Tanz aufzuführen, kamen wenigstens für eine Weile zur Ruhe.

Ein scharfer Februarwind wehte von schräg vorn, zerrte an Faris’ Haaren und nahm ihm den Atem. Er rannte dagegen an wie gegen die Gedanken in seinem Hirn. Der Himmel über der Stadt hatte eine typisch gelblich-graue Färbung. Lichtsmog, der die Umgebung niemals wirklich dunkel werden ließ.

Es war kurz nach halb sieben morgens. Die Sonne würde erst in einer Stunde aufgehen, allerdings ohne dass es jemand mitbekäme. Schon seit Tagen lagen dicke Wolken über Berlin, und immer wieder fiel für kurze Zeit feiner Nieselregen.

»Warum nochmal haben wir uns dafür entschieden, nicht im Tiergarten zu laufen?« Marc Sommer, Faris’ Kollege bei der SERV, der Sondereinheit für die Ermittlung bei religiös motivierten Verbrechen, warf ihm einen Seitenblick zu. Marc war durchtrainiert und sportlich. Die Zeiten, die er auf der Vierhundertmeterbahn lief, standen denen von Faris kaum nach. Dementsprechend machte es ihm nichts aus, Faris’ hohes Tempo einzuhalten.

Faris ließ den Blick über das vollkommen leere ehemalige Rollfeld des Tempelhofer Flughafens schweifen. »Weil uns hier keiner von diesen Schickimickitypen begegnet?« Seit einigen Wochen wurden die Tore, die rings um das riesige Gelände angebracht waren, nachts nicht mehr geschlossen. In der nächsten Zeit würden das mehr und mehr Berliner mitbekommen, und dann würde es hier sehr bald schon voller werden. Aber noch waren sie auf dem weiten Gelände nahezu allein.

Marc schnaubte. »Da wären wenigstens Laternen!« Er trug Laufklamotten von Ralph Lauren, gegen die Faris’ einfacher schwarzer Jogginganzug billig wirkte.

Faris grinste schwach. »Wieso? Ist doch hell genug.« Er beschleunigte. Der Wind wehte einen alten Pappkarton quer über das Rollfeld und Faris direkt vor die Füße. Kurzerhand sprang er darüber. Als er wieder aufsetzte, fuhr ein dumpfer Schmerz in seine Seite. Unwillkürlich kam er aus dem Rhythmus und presste die linke Hand gegen den Brustkorb.

»Was ist?« Marc verkürzte seine Schritte. »Alles in Ordnung mit dir?« Nebeneinander blieben sie stehen.

Faris nahm die Hand fort. Er strich sich die schweißnassen Haare aus der Stirn. »Klar.«

Zweifelnd sah Marc ihn an. Mit dem Kinn wies er auf Faris’ rechte Seite. »Die Narbe? Sie tut immer noch weh, oder?«

Faris antwortete nicht sofort. Im Hintergrund ragten die alten Flughafengebäude empor. Ein Scherenschnitt, den jemand aus dem helleren Himmel gestanzt hatte. Faris schaute woanders hin, weil der Anblick ungute Erinnerungen heraufbeschwor.

»Nur ab und zu«, sagte er und dehnte die Nackenmuskeln, die sich bei diesem Thema fast reflexartig verkrampften. Um Marc von weiteren Nachfragen abzuhalten, starrte er ihn warnend an.

Marc grinste. »Schon gut! Schon gut!«

Der Pappkarton holperte voran bis zum Rand des Rollfeldes und blieb dort liegen. Der feine Nieselregen würde ihn bald in einen formlosen Klumpen verwandelt haben. Faris machte Anstalten weiterzulaufen, aber Marc packte ihn am Arm und hielt ihn davon ab. »He!«

Das gleichmäßige Summen der nahen Stadtautobahn klang wie Brandungsrauschen.

Faris wandte sich um.

Marcs extrem hellblaue Augen waren auf ihn gerichtet, und er kam sich vor wie unter einem Seziermesser. »Du hast schon wieder beschissen geschlafen, oder?« Es war eine Feststellung, keine Frage.

Faris unterdrückte ein Seufzen. Er hatte gehofft, man würde es ihm nicht so deutlich ansehen. Er schlief seit Monaten schlecht, manche Nacht auch gar nicht. Und wenn er einmal Ruhe fand, schreckte er oft aus den immer selben Träumen auf.

»Wieder Albträume von Pauls Tod?«, wollte Marc wissen.

Paul.

Faris’ ehemaliger Partner bei der SERV war gleichzeitig sein bester Freund gewesen. Es war mehr als fünf Monate her, dass er bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen war.

Faris kämpfte den Reflex nieder, Marc anzuschnauzen, um diesem Gespräch auszuweichen. »Ja«, sagte er stattdessen. Obwohl er keinen Bock darauf hatte, wusste er, dass er Marc noch etwas liefern musste. »Aber es wird besser.«

Von wegen!

Er spürte, wie sich bei dieser Lüge seine Gesichtszüge verhärteten. Er dachte an den Albtraum, der ihn vergangene Nacht gequält hatte. Pauls Lächeln. Dann die immer gleichen Worte aus dem Mund seines Partners, kurz bevor sein Gesicht in Flammen aufging und sein Fleisch zu schwarzer Asche verkohlte.

Mach dir keine Vorwürfe…

Wie ein Stachel bohrte sich die Erinnerung tief in Faris’ Gehirn.

»Gehst du noch zu dieser Therapeutin? Dr. Roth?«, fragte Marc.

Das geht dich gar nichts an!

Faris wischte sich den Unmut vom Gesicht. Er hatte ein schlechtes Gewissen, denn Marc gab sich wirklich alle Mühe, ihm Paul als Partner zu ersetzen. Doch Faris war einfach noch nicht bereit dazu, jemand anderen an seiner Seite zu akzeptieren. Er arbeitete mit Marc zusammen, weil er es musste, aber das war auch schon alles.

Faris fröstelte.

Inzwischen war er in der kalten Februarluft ausgekühlt, darum lief er mit verschärftem Tempo weiter. Diesmal hängte er Marc ab.

DERANDERE

»Ich hatte letzte Nacht wieder diesen Traum.« Faris Iskanders Stimme drang aus dem kleinen Lautsprecher des silbernen Laptops und füllte das modern eingerichtete Büro mit ihrem Klang.

»Welchen Traum?«, fragte eine zweite Stimme auf der Aufnahme. Die Stimme einer Frau. Der Mann, der Vergeltung wollte, beugte sich vor, um noch besser zuhören zu können. Vor Anspannung und Zorn bohrten sich seine Fingernägel in die Handflächen.

»Paul und ich gehen nebeneinander her eine dunkle Gasse entlang auf eine Tür zu.« Iskander sprach tonlos und flach, durch zusammengebissene Zähne. Es war ihm anzuhören, dass er sich zu den Worten zwingen musste. »Ich weiß, dass hinter dieser Tür eine tödliche Gefahr lauert, aber ich kann nicht anders, ich muss weitergehen. Dann kommen wir an. Feine Ornamente bedecken die Tür. Ich strecke die Hand danach aus, und in dem Moment, in dem ich sie berühre, zerfällt sie zu Asche. Ich mache einen Schritt vorwärts, durch die nun leere Türöffnung hindurch. Eine Frau in einem roten Kleid steht vor mir. Sie sieht mich anklagend an, dann stößt sie ihren rechten Zeigefinger in meine Richtung. Der Finger hat keinen Nagel, sondern endet in einem zerfetzten, blutigen Stumpf.« Iskander unterbrach sich. Es dauerte mehrere Sekunden, bis er weitersprach. »Paul ist zurückgeblieben, und jetzt fängt er plötzlich an zu lachen. Ich drehe mich zu ihm um. ›Mach dir keine Vorwürfe‹, sagt er. ›Du hast nicht auf den Auslöser gedrückt.‹ Ich schreie, denn ich weiß, was nun kommt.« Die nächsten Worte stieß Iskander wie unter Mühen hervor. »Paul öffnet den Mund. Er will noch etwas hinzufügen, aber er kann es nicht mehr. Sein Gesicht geht in Flammen auf, und sein Fleisch verkohlt. Das ist jedes Mal die Stelle, an der ich aufwache.«

Eine Pause folgte. Der Mann, der Vergeltung wollte, lehnte sich zurück. Er löste die Fingernägel aus seinen Daumenballen und betrachtete die halbmondförmigen dunkelroten Male.

»Du weißt, dass dein Unterbewusstsein mit diesen Träumen versucht zu verarbeiten, was dir geschehen ist«, sagte die Frau. Der Mann, der Vergeltung wollte, wunderte sich, als er hörte, dass sie Iskander duzte.

»Schon klar. Ich …« Iskanders Stimme kippte weg.

»Der abgerissene Finger und die Tür mit den Ornamenten«, sagte die Frau behutsam. »Das war im Klersch-Museum, nicht wahr?« Ihr Tonfall war sachlich. Professionell. Der Tonfall einer Polizeipsychiaterin.

Der Mann, der Vergeltung wollte, ließ seinen Blick durch den Raum schweifen, streifte die Gemälde von Segelbooten und die medizinischen Diplome an der Wand. Der Schreibtisch war übersät mit Akten und Papieren: Briefe, Zeitungsausschnitte, Kopien lagen unordentlich durcheinander.

Der Mann nahm den obersten Zeitungsausschnitt von einem der Stapel. Er enthielt einen Bericht über eine Bombenexplosion in einem kleinen Museum in Berlin Charlottenburg. »Beamter des LKA bei Bombenattentat lebensgefährlich verletzt«, lautete die reißerische Schlagzeile. Darunter das Bild eines arabisch aussehenden Mannes mit etwas zu langen schwarzen Haaren und brennend-intensiven Augen. Der Mann, der Vergeltung wollte, hatte das Bild mit einem roten Stift eingekreist und den Namen »Iskander« daneben geschrieben.

Er legte den Zeitungsartikel zurück, genau auf einen Briefumschlag mit einem blauen Logo in Form eines Reagenzglases.

»Ja«, sagte Iskander auf der Aufnahme.

»Aber dein Partner ist nicht bei dieser Explosion gestorben, sondern später«, sagte die Psychiaterin.

Iskander stieß ein Ächzen aus. »Scheiße, das hier bringt doch …«

»Wie ist dein Partner gestorben, Faris? Ich kann dir nur helfen, wenn du dich darauf einlässt, dich der Sache stellst. Wir haben das doch schon hundertmal besprochen.«

Schweigen.

»Faris?«

Iskander schnaubte böse. »Der Kruzifix-Bomber hat ihn in die Luft gesprengt, Dr. Roth, und das wissen Sie so gut wie ich!«

Die Polizeipsychiaterin ignorierte seinen provozierenden Tonfall. »Und du gibst dir die Schuld an seinem Tod. Genau wie an dem der Menschen, die in dem Museum gestorben sind. Darum sagt Paul in deinen Träumen, dass nicht du auf den Auslöser gedrückt hast.«

Ein Geräusch ertönte, das klang, als schrammten Stuhlbeine über den Fußboden. Schritte entfernten sich vom Mikrofon.

»Es wäre mir lieber, wenn du sitzen bleiben würdest«, sagte die Polizeipsychiaterin.

Offenbar ging Iskander nicht darauf ein. Für mehrere Minuten war es sehr still, dann erklang seine Stimme aus größerer Entfernung. »Nach der Explosion im Museum hat er genau das oft zu mir gesagt: ›Mach dir keine Vorwürfe. Du hast nicht auf den Auslöser gedrückt.‹«

»Und? Hatte er recht?«

Iskander seufzte tief. »Vom Verstand her weiß ich, dass er recht hatte, aber …«

»Aber?«, hakte die Polizeipsychiaterin nach.

»Aber trotzdem werde ich diese Schuldgefühle nicht los«, fuhr Iskander fort. »Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich sie alle hätte retten können.«

»Sie alle.«

»Die Leute im Museum. Oder die in der U-Bahn letzten September. Und … Paul.«

Der Mann, der Vergeltung wollte, starrte auf die wertvollen Perserteppiche, die trotz des nieseligen Februarwetters draußen eine warme, freundliche Atmosphäre schufen.

Ein leises Lächeln verzog seine Lippen, und er kratzte sich an seinem etwas zu langen blonden Vollbart.

Er klappte den Computer zu und stoppte so die Aufnahme, bevor sie ganz zu Ende war. Er griff nach einem Handy, das neben dem Rechner lag, dann wählte er eine Nummer. Es läutete mehrfach, bevor abgehoben wurde.

»Ja?«, fragte ein junger Mann am anderen Ende der Leitung.

»Önur?« Der Mann, der Vergeltung wollte, ließ seine Stimme so sanft klingen wie möglich.

»Ja!« Wieder nur die eine Silbe, hastig hervorgestoßen diesmal, misstrauisch und erschrocken zugleich.

»Es ist so weit«, sagte der Mann.

»Wirklich?« Ein Wimmern nur. »Sie haben gesagt, in ein paar Wochen. Warum schon heute?« Ein Schluchzen entwich dem Jungen.

»Es ist so entschieden worden. Heute ist der Tag. Heute kannst du allen zeigen, dass dein Gott sie bestrafen wird für ihren Unglauben.«

»Ich bin bereit«, flüsterte der Junge, dann schluchzte er erneut auf. »Alla¯hu Akbar!«

»Genau. Du weißt, was du zu tun hast?« Der Mann bückte sich nach einer Tüte zu seinen Füßen. Er nahm ein Päckchen heraus, ungefähr so groß wie ein halbes Pfund Kaffee, aber um einiges schwerer. Eingepackt war es in hellbraunes Ölpapier. Er drehte es in der Hand hin und her, während er auf Önurs Antwort wartete.

»Ich weiß es«, hauchte der Junge am anderen Ende der Leitung.

Der Mann nickte zufrieden und legte das Päckchen auf den Schreibtisch neben den Laptop. »Wir treffen uns an dem Bratwurststand bei der Gedächtniskirche. Da werde ich dir geben, was du für deine Mission brauchst. Sei in einer Viertelstunde dort!«

»So bald schon?« Önur atmete hörbar. Er murmelte ein arabisches Stoßgebet. Seine Stimme versagte dabei in einem kindlich anmutenden Kiekser.

Mit den Fingerspitzen trommelte der Mann einen schnellen Rhythmus auf das Päckchen.

»Alla¯hu Akbar«, wiederholte Önur.

»In einer Viertelstunde! Verspäte dich nicht.« Der Mann unterbrach die Verbindung und warf das Handy auf die Papiere auf dem Schreibtisch. Dann nahm er ein Bündel Kabel aus der Tüte, eine Zündkapsel sowie eine Batterie und etwas, das aussah, wie ein Teil einer Handgranate. Innerhalb weniger Minuten hatte er alles zu einer funktionstüchtigen Bombe zusammengebaut. Als er fertig war, klappte er den Laptop wieder auf. Er nahm die Maus und zog den Regler nach links, sodass ein Stück der Aufnahme zum zweiten Mal abgespielt wurde.

»… fängt er plötzlich an zu lachen«, ertönte Iskander erneut. »Ich drehe mich zu ihm um. ›Mach dir keine Vorwürfe‹, sagt er. ›Du hast nicht auf den Auslöser gedrückt.‹ Ich schreie, denn ich weiß, was nun kommt.«

Der Mann, der Vergeltung wollte, packte die einsatzbereite Bombe zurück in die Plastiktüte zu seinen Füßen. Die Tüte knisterte leise, als er sie hochhob, und das Geräusch vermischte sich mit dem Rest des Albtraums, den Iskander nun erzählte.

»Manchmal träume ich noch etwas anderes. Manchmal träume ich, dass irgendein Drecksack da draußen von meinen innersten Ängsten weiß.« Er holte tief Luft. »Und dass er einen Weg findet, mich tatsächlich dazu zu bringen, auf den Auslöser zu drücken.«

***

Gegen sieben Uhr liefen Faris und Marc am Garnisonsfriedhof vorbei. Hinter den kahlen Bäumen war in der zunehmenden Dämmerung die ausladende Kuppel der Sehitlik-Moschee zu erahnen. Inzwischen begegneten ihnen immer mehr Menschen, Jogger die meisten wie sie selbst. Männer und Frauen, die keine Lust hatten, zwischen anderen Joggern Slalom zu laufen. Hundebesitzer, die die Köpfe eingezogen hatten und frierend abwarteten, dass ihr bester Freund fertig wurde mit den Dingen, mit denen er beschäftigt war.

Faris lief auf eine junge Frau zu, deren Jagdhund an einem Gebüsch schnupperte. Hund und Frauchen wurden fast gleichzeitig auf ihn aufmerksam. Während der Hund sich sofort wieder seinem Busch zuwendete, folgte die junge Frau Faris mit dem Blick. Er beachtete sie gerade lange genug, um zu bemerken, dass ein Lächeln über ihre Lippen huschte.

Er schenkte ihr ein knappes Nicken.

Der Jagdhund nieste. In der kalten Stille des frühen Morgens klang das Geräusch irgendwie menschlich.

Der Barkeeper gestern Abend hat genauso geniest…

Der Gedanke war da, bevor Faris ihn abwehren konnte, und zog weitere nach sich. Gestern Abend. Die Bar im Gaislinger Hotel.

Laura.

Faris bog in einen Weg ein, der direkt an dem Flugfeldzaun entlang führte. Die Straßenlaternen jenseits davon warfen die Schatten der Zaunpfähle wie Gefängnisgitter vor ihm auf den Asphalt. Seine Nasenflügel hatten inzwischen aufgehört, bei jedem Atemzug zu verkleben. Ruhig und gleichmäßig strömte die Luft in seine Lungen, aber die Erinnerungen an gestern Abend ließen sich jetzt nicht mehr zurückdrängen.

Eine Weile nach der Tagesschau war es gewesen, als sein Smartphone geklingelt hatte. Er hatte irgendeinen amerikanischen Actionfilm geschaut, der ihn nicht im Geringsten interessierte. Als er die unbekannte Festnetznummer auf dem Display sah, spielte er mit dem Gedanken, einfach nicht ranzugehen. Doch dann siegte das mulmige Gefühl in seiner Bauchgegend.

»Iskander«, meldete er sich.

»Faris? Ich bin’s.« Die Stimme von Laura, seiner Ex-Verlobten, riss ihn aus seinem Sitz hoch. Er brauchte nur diese drei Worte, um zu wissen, dass sie geweint hatte.

»Was ist passiert?«, fragte er.

Laura holte tief Luft, bevor sie antwortete. Er konnte die Tränen hören, die ihr die Kehle verstopften, schlagartig befand sich sein gesamter Körper in Alarmzustand. Leg auf!, warnte ihn sein Verstand. Leg sofort auf!

Natürlich hatte er nicht aufgelegt.

Verdammt, Faris!, beschimpfte er sich jetzt und lief an einer alten Dame und einem fetten Mops vorbei, die beide so missmutig aussahen, als seien sie mit Gewalt aus dem warmen Bett gezerrt worden.

Er erreichte das Tor am Columbiadamm, und in diesem Moment klingelte sein Smartphone. Sein Herz machte einen Salto. Er blieb stehen. Ein rascher Blick auf das Display jedoch ließ ihn erkennen, dass es nicht seine Ex-Verlobte war. Die Nummer, die angezeigt wurde, gehörte Kriminaloberrat Robert Tromsdorff, Faris’ Vorgesetztem bei der SERV.

Marc hielt neben ihm an und schaute fragend. Faris zuckte die Achseln, dann ging er ran. »Robert? Was gibt’s?«

»Faris?« In Tromsdorffs Stimme vibrierte etwas Dunkles.

Faris Kopf ruckte hoch. »Was ist passiert?«

Tromsdorff räusperte sich. »Wir haben eine Leiche.« Die Art, wie er das sagte – nicht neutral und professionell, sondern so, als sei dies hier extrem persönlich – entzündete einen Funken in Faris. Er wollte etwas erwidern, aber Tromsdorff kam ihm zuvor. »Du musst kommen. Sofort!«

Faris fuhr mit der Zungenspitze über die Lippen, bevor er die Frage stellen konnte. »Wohin?«

Und als Tromsdorff die Antwort ausspuckte, brannte sich der Funke schmerzhaft in Faris’ Magen: »In das Gaislinger Hotel.«

Eine knappe halbe Stunde später waren er und Marc in seinem Wagen auf dem Weg nach Charlottenburg.

»Wie lange ist es noch mal her, dass diese Laura dir den Laufpass gegeben hat?«, fragte Marc. Er krallte sich an dem Griff in der Beifahrertür fest, als Faris in einem waghalsigen Manöver einen klapprigen Käfer überholte.

Faris hatte ihm auf dem Weg zum Auto von der Leiche im Gaislinger Hotel erzählt und auch davon, dass seine Ex-Verlobte dort gestern eingecheckt hatte. Marc wusste von Faris’ früherer Beziehung zu Laura Zöller. Und er wusste auch, dass Laura mit einem anderen Mann ein Kind bekommen hatte, nachdem sie Faris verlassen hatte.

»Im Juli werden es drei Jahre.«

»Aber du liebst sie noch«, murmelte Marc. »Zumindest der Art nach zu schließen, wie du durch Berlin rast!«

Faris machte sich nicht die Mühe, ihm darauf eine Antwort zu geben. Er brauchte all seine Aufmerksamkeit, um keinen Unfall zu bauen.

»Es muss doch gar nicht Lauras Leiche sein«, sagte Marc.

Faris fror in seinen verschwitzten Laufklamotten. Er scherte zurück auf die rechte Fahrspur und hielt an, weil vor ihnen eine Ampel auf Rot sprang. Ungeduldig schlug er auf das Lenkrad. »Fuck!«

Sein Smartphone klingelte. »Ja?«, meldete er sich.

»Faris, ich bin’s.« Sein Schwager Samir. »Hör mal …«

»Samir, das ist jetzt wirklich kein guter Zeitpunkt«, unterbrach Faris ihn.

Aber Samir ließ sich nicht so leicht bremsen. »Önur war gestern bei mir, und ich mache mir Sorgen …«

»Samir!« Faris quetschte den Namen zwischen den Zähnen hervor. »Ich kann jetzt nicht!«

»Aber Önur hat …«

Ohne eine Antwort abzuwarten, legte Faris auf. Die Ampel schaltete auf Grün, er gab Gas.

Marc sah ihn eine Sekunde lang an, dann kam er auf Laura zurück: »Woher weißt du überhaupt, dass sie in dem Hotel war?«

»Weil sie mich angerufen und es mir erzählt hat.« Faris dachte wieder an den vergangenen Abend.

Natürlich hatte er nicht aufgelegt. Stattdessen hatte er sanft nachgehakt: »Laura? Was ist passiert?« Mit der freien Hand hatte er nach der Fernbedienung geangelt und den Fernsehapparat auf stumm gestellt.

»Ich …« Laura schniefte. Faris’ Herz zog sich zusammen. »Ich werde Christian verlassen«, stieß sie hervor.

Im Fernsehen verfolgte der Held einen Bösewicht und sprang dabei über eine Häuserschlucht von zwanzig Metern Breite.

»Hast du gehört, was ich gesagt habe?« Lauras Frage machte Faris klar, dass er mehrere Sekunden geschwiegen haben musste. Er blinzelte.

»Natürlich. Warum rufst du mich an?« Verdammt! Klang er so widerstrebend, wie er sich fühlte? Innere Unruhe erfasste ihn, und er stand vom Sofa auf. Der Filmheld holte seinen Gegner ein und brachte ihn zu Fall. Faris nahm die Fernbedienung und schaltete den Apparat ganz aus.

Laura unterdrückte einen weiteren Schluchzer. »Entschuldige. Ich dachte mir, du könntest hierher … Ich bin im Gaislinger Hotel.«

Er blieb mitten im Raum stehen und rieb sich das Gesicht. »Warum sagst du mir das?« Die mahnende Stimme seines Verstandes begann, ihm Vorwürfe zu machen, dass er den Anruf überhaupt angenommen hatte.

»Ich …« Laura klang nun nicht mehr so verweint. »Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht so genau. Ich wollte eben …« Sie sprach nicht zu Ende.

Faris schloss die Augen. »Was willst du, Laura?«, hörte er sich sagen. Draußen war es ziemlich windig. Die Fensterscheibe erzitterte unter einer Böe. Er öffnete die Augen wieder.

»Wenn ich ehrlich bin, Faris«, hatte Laura geflüstert, »fände ich es sehr schön, wenn du herkommen würdest.«

Jetzt, in seinem Wagen, umklammerte Faris das Steuer mit beiden Händen. Der schwarze Plastikbezug des Lenkrades fühlte sich eiskalt an.

»Scheiße, Laura!«, murmelte er und gab noch ein bisschen mehr Gas.

Marc neben ihm ächzte leise.

2. Kapitel

Als Faris beim Gaislinger Hotel ankam, stand bereits eine Ansammlung von Polizeiwagen vor dem Gebäude. Bei einem war das Blaulicht eingeschaltet. Der Schein ließ den vom Nieselregen nassen Asphalt schimmern, und jedes Mal, wenn er Faris traf, zuckte gleich darauf ein greller Punkt über dessen Netzhaut.

Er hielt in zweiter Reihe, wollte aussteigen. Doch er konnte es nicht. Seine Hände krampften sich um das Steuer, und er brauchte mehrere Sekunden, bis er die Kraft fand, sich wieder zu bewegen. Durch das Seitenfenster des Wagens wanderte sein Blick an der Fassade des Hotels nach oben. Hinter welchem dieser Fenster befand sich die Leiche? Er versuchte zu schlucken. Sein Mund war staubtrocken.

»Hey!« Marcs Hand berührte ihn am Ellenbogen. »Geh du rein, ich kümmere mich um den Wagen.«

Faris nickte. Vielleicht sorgte er sich ja ganz umsonst. Vielleicht war es ein reiner Zufall, dass in diesem Hotel eine Leiche gefunden worden war, genau einen Tag, nachdem er und Laura sich hier getroffen hatten. Das musste es sein. Ein Zufall. Ein perverser Zufall.

Er ließ die Zündung an und stieg aus. Auf dem Bürgersteig blieb er stehen, während Marc auf den Fahrersitz rutschte, den Gang einlegte und davonfuhr, um einen Parkplatz zu suchen.

Nur ein Zufall!

Er hatte sich schon fast selbst davon überzeugt, als ihm Tromsdorffs gedämpfte Stimme in den Sinn kam. Sein Chef hatte eindeutig tief betroffen geklungen.

Nur ein Zufall! – Wem wollte er hier eigentlich was vormachen?

Er gab sich einen Ruck und betrat die Lobby des Hotels. Gestern Abend hatte er sie mit ihren goldenen Verzierungen und den Spiegeln als elegant empfunden, aber jetzt, bei Tageslicht, sah sie eher schäbig aus. Am Empfang saß eine junge Frau in einem geschäftsmäßigen blauen Kostüm und mit zu einem strengen Knoten hochgesteckten Haaren. Sie machte einen leicht benommenen Eindruck. Er gab sich ihr gegenüber als Polizist zu erkennen. Sie warf einen verwunderten Blick auf seine Laufklamotten, fragte jedoch nicht nach einem Ausweis. Mit einer mechanischen Handbewegung deutete sie in Richtung Fahrstuhl. »Zweiter Stock. Zimmer 21«, sagte sie, und die Zahl katapultierte Faris zurück zu dem gestrigen Abend.

21.

Die Zahl war in den Messinganhänger eingraviert, den Laura zwischen sich und ihn auf das Bartischchen gelegt hatte.

Am Nachbartisch saß eine Gruppe Geschäftsmänner mit gelockerten Krawatten und feierte lautstark den Abschluss eines hochwichtigen Auftrags.

»Man könnte denken, ihnen gehört das ganze Hotel, oder?« Demonstrativ drehte Laura sich zu dem anderen Tisch um, aber die Männer beachteten sie nicht einmal.

Faris grinste betont finster. »Ich könnte sie erschießen«, sagte er und ärgerte sich gleich darauf über den dämlichen Spruch. Laura wandte sich wieder ihm zu. Zwischen ihren Augenbrauen hatte sich eine Falte gebildet. Faris ließ sein Grinsen verblassen. »War nur ein Scherz!« Er kam sich vor wie ein Idiot.

»Klar.« Laura trank irgendeinen farblosen Drink, der mit zwei Oliven verziert war. Faris fiel ihr Lederarmband auf, in das in arabischer Schrift ihr und sein Name eingraviert waren. Unwillkürlich fasste er sich ans eigene Handgelenk. Er besaß das gleiche Armband. Laura hatte beide vor Jahren einmal in einem Ägyptenurlaub für sie gekauft. Faris hatte seines lange getragen – auch noch, nachdem Laura ihn längst verlassen hatte. Jetzt jedoch lag es schon seit einiger Zeit in einer Schublade in seinem Schlafzimmer. Er sah, wie Laura seiner Handbewegung mit dem Blick folgte. Er erwartete, dass sie etwas sagen würde, aber sie schluckte nur. Dann meinte sie: »Ich habe gehört, dass dein Disziplinarverfahren eingestellt wurde.«

Faris war froh, dass sie ihn nicht fragte, warum er sein Armband nicht trug. »Hast du dich etwa über mich auf dem Laufenden gehalten?«

Sie errötete. »Es stand in allen Zeitungen«, verteidigte sie sich ziemlich lahm.

Er nickte. Stimmt. Nachdem er den sogenannten Kruzifix-Bomber zur Strecke gebracht hatte, hatten die Journalisten der Hauptstadt ihn bejubelt. Aber der Ruhm war nur von kurzer Dauer gewesen. Aus irgendeinem Grund war die Stimmung recht schnell ins Gegenteil gekippt. Ende des Jahres dann waren die Schmierfinken von der Presse darüber hergefallen, dass sein Disziplinarverfahren mit einem Freispruch ausgegangen war. Das Gerücht, er und seine Abteilung, die SERV, seien von oberster Stelle protegiert worden, hatte die Runde gemacht. Das LKA hatte zu den Vorwürfen geschwiegen, nur Faris selbst, Tromsdorff und der Polizeivizepräsident wussten, dass die Vorwürfe nicht ganz aus der Luft gegriffen waren. Manchmal fragte Faris sich, von wie weit oben diese Protektion eigentlich kam und vor allem, was der Grund dafür war.

Jetzt lächelte er. »Sagen wir, es hat geholfen, dass ich beinahe draufgegangen wäre. Ich arbeite wieder. Seit Januar.«

Der Barkeeper hinter dem Tresen nieste zweimal und schaute sich um, ob es jemand mitbekommen hatte. Faris’ Blick streifte ihn kurz.

»Ist Andrea dir eine Hilfe?«, erkundigte Laura sich behutsam. Sie und ihr Mann Christian waren Ärzte. Sie kannten seine Therapeutin Dr. Roth persönlich.

Faris hatte nicht die geringste Lust, mit seiner Ex über seine Psychomacke zu reden – und über seine Therapeutin schon gar nicht. »Du hast mich doch nicht hergebeten, um mit mir über Dr. Roth zu sprechen«, brummte er.

Sie schüttelte den Kopf. Rang um Worte.

»Warum hast du vor, Christian zu verlassen?«, fragte er geradeheraus.

Lauras Lippen wurden schmal. »Es passt nicht mehr zusammen.«

Er musste ein Lächeln unterdrücken. Du kannst sie auch nicht halten, Arschloch!, dachte er, doch dann wurde ihm bewusst, dass sie genau das Gleiche zu ihm gesagt hatte – damals, als sie ihn wegen Christian verlassen hatte.

Er kannte Christian Zöller nicht persönlich, aber nachdem Laura damals einfach gegangen war, hatte er monatelang einen tiefen Groll gegen den Mann gehegt. Es überraschte ihn zu spüren, wie heftig seine Gefühle Achterbahn fuhren. Eigentlich hatte er gedacht, Laura hinter sich gelassen zu haben.

Er musterte sie. Einige winzige Fältchen um ihre Augen waren hinzugekommen, seit sie kein Paar mehr waren. Sie standen ihr gut.

Weniger gut allerdings standen ihr die Tränen, die ihr jetzt in die Augen schossen.

»Ach, verflixt«, murmelte sie und senkte rasch den Blick. »Und dabei hatte ich mir vorgenommen, dass genau das nicht passieren wird!« Sie nestelte ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und tupfte sich damit die Lider ab. »Tut mir leid!« Unter Tränen lächelte sie. Sie hatte ihre Mascara auf der linken Seite ein wenig verschmiert.

Die Geschäftsleute am Nachbartisch grölten einen Trinkspruch, und kurz verspürte Faris den Wunsch, tatsächlich seine Waffe zu ziehen und eine Kugel, wenn schon nicht in einen dieser Quadratschädel, dann doch wenigstens in die Decke zu jagen. Er machte sich nicht die Mühe, dieses Bedürfnis zu unterdrücken. Er hatte seine Pistole nicht mit. Er war nicht im Dienst. Da er nicht wusste, was er sagen sollte, schwieg er.

»Christian ist für ein paar Tage weggefahren«, sagte Laura. »Ich glaube, er brauchte auch Abstand.«

Und du hast die Gelegenheit genutzt, deine Koffer zu packen, dachte Faris. Er wollte eigentlich nicht über sie urteilen.

Er nickte, als würde er verstehen.

»Ich würde jetzt gern auf mein Zimmer gehen«, murmelte Laura. Sie legte die Hand auf den Zimmerschlüssel. Ihr Nagellack war dunkelrot. Faris bemühte sich, den Blick woandershin zu richten.

»Bringst du mich hoch?« Mit dem Kopf deutete Laura über die Schulter zu den Geschäftsmännern. »Nur für den Fall, dass es hier im Hotel noch mehr von denen gibt?« Sie nahm den Schlüssel an sich. Der Messinganhänger an seiner kurzen Kette klirrte leise.

Als sie aufstand, erhob sich auch Faris. »Natürlich«, sagte er und fragte sich, ob er nicht gerade einen Fehler machte.

Er brachte sie zum Aufzug, und tatsächlich hielten sie auf der ersten Etage. Ein Kerl stieg zu, der ganz offensichtlich zu den Typen in der Bar gehörte. »Fahren Sie hoch?«, fragte er. Er war untersetzt und sein Gesicht rot vom Alkohol.

Faris nickte nur.

»In den zweiten Stock«, sagte Laura, und der Typ schenkte ihr ein breites Lächeln.

»Habe Sie vorhin schon unten in der Bar gesehen, bevor er gekommen ist.« Der Mann deutete mit dem Kinn auf Faris.

Laura erwiderte sein Lächeln, aber Faris kannte sie gut genug, um zu sehen, wie verkrampft es in ihren Mundwinkeln klebte.

»Na dann!«, sagte der Kerl, als der Aufzug auf der zweiten Etage hielt. »Viel Spaß miteinander!«

Die Türen hatten sich bereits wieder hinter ihnen geschlossen, als Faris bemerkte, dass Lauras Kopf rot angelaufen war.

»Bin ich wirklich so leicht zu durchschauen?«, fragte sie und warf ihm einen unsicheren Blick zu.

»Ich offenbar nicht«, sagte er und überlegte angestrengt, wie er ihr beibringen sollte, dass er nicht mit ihr aufs Zimmer gehen würde.

Laura runzelte verständnislos die Stirn. »Was meinst du?«

Er winkte ab. »Schon gut!«

Der schwere Schlüsselanhänger baumelte von Lauras Fingern. »Tja«, murmelte sie, nachdem sie aufgeschlossen hatte und die Tür nach innen aufgeschwungen war.

Faris atmete einmal tief durch. »Wie geht es jetzt weiter?« Was für eine bescheuerte Frage! »Mit dir und Christian, meine ich.«

Betroffenheit erschien in ihren Augen und verriet ihm, dass sie wusste, warum er den Namen ihres Ehemannes erwähnt hatte.

»Keine Ahnung.« Ihre Augen glänzten nun wieder. Faris konnte sich nicht gegen das Gefühl wehren, manipuliert zu werden. Sie schüttelte den Kopf, sodass ihr die blonden Haare ins Gesicht gerieten. Mit einer bedächtigen Geste strich sie sie fort. Sehr genau achtete sie dabei darauf, dass er das Lederarmband an ihrem Handgelenk sah. »Ich habe viel nachgedacht in der letzten Zeit. Und ich glaube, dass ich dich immer noch …« Sie bemerkte den warnenden Ausdruck in seinen Augen und unterbrach sich. Hilflos zuckte sie mit den Schultern. »Tut mir leid!«

Er deutete ins Zimmer. »Du solltest jetzt besser reingehen.«

Sie schluckte. »Verstehe.«

Er fühlte sich gleichzeitig wie ein Versager und wie ein Schuft, weil er ihr wehgetan hatte. Laura stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen sanften Kuss auf die Lippen. Er schmeckte den Cocktail, den sie getrunken hatte. Er rührte sich nicht, und es beschämte ihn, dass sein Körper auf den Kuss reagierte.

»Gibt es eine andere?«, fragte sie kaum hörbar.

Er wusste nicht, was er antworten sollte. Er wollte ihr nicht noch mehr wehtun, aber er wollte sie auch nicht anlügen. Also schwieg er.

Sie küsste ihn erneut, und als ihre Lippen sich jetzt von seinen lösten und sie sich an ihn klammerte, als habe sie die vergangenen drei Jahre nach ihm gehungert, fürchtete er, dass er verloren hatte.

Jetzt nickte Faris der Rezeptionistin zu und machte sich mit hölzernen Schritten auf den Weg zum Aufzug. Seine Hand zitterte, als er sie nach dem Knopf ausstreckte. Der Aufzug kam, die Tür öffnete sich mit einem leisen Glockenton – und heraus traten zwei Männer in den weißen Ganzkörperanzügen der Beweismittelsicherung. Faris kannte sie nicht, und er war froh darüber, denn so musste er kein Wort mit ihnen wechseln. Er wartete, bis die beiden ihre Ausrüstung aus der Kabine geschafft hatten. Bevor sie damit fertig waren, kam Marc und gesellte sich zu ihm. Er schien nicht zu wissen, wohin mit seinen Händen, schlenkerte mit den Armen vor und zurück. Als sie den Aufzug betraten, wich er Faris aus. Inzwischen zitterten auch Faris’ Knie, und er musste sich an der Fahrstuhlwand abstützen. Genau an dieser Stelle hatte er gestern Abend gestanden …

Ein Ton kam aus seiner Kehle, der halb Lachen, halb Schrei war. Woher nur sollte er die Kraft nehmen, diesen verdammten Fahrstuhl wieder zu verlassen? Er hatte keine Ahnung.

Marc sah aus, als friere nun auch er.

Die Fahrt in den zweiten Stock dauerte nur wenige Sekunden, doch die kamen Faris vor wie eine Ewigkeit. Als die Kabinentür sich öffnete, fiel sein Blick auf den mit weinrotem Teppich ausgelegten Gang. Zwei Kollegen in Uniform standen herum. Die Tür von Zimmer 21 war offen, Stimmen drangen heraus. Eine davon war die von Robert Tromsdorff, der nun den Kopf aus der Tür streckte. Als er Faris entdeckte, wurde sein Gesicht starr. »Faris«, murmelte er.

Mehr brauchte Faris nicht. Nun Gewissheit zu haben gab ihm die Kraft, die er benötigte. Er straffte die Schultern und trat aus dem Aufzug. In seiner Brust saß kein Herz mehr, sondern ein Felsbrocken, der so kalt war, dass er ihm die Luft abschnürte. Direkt vor der Zimmertür blieb er stehen. Marc war dicht bei ihm.

»Laura.« Faris sagte es nicht als Frage.

Tromsdorff biss sich auf die Lippe. »Ich bin gleich hergekommen, als ich davon gehört habe. Ich wollte mich vergewissern, bevor ich dich …« Er unterbrach sich mit einer hilflosen Geste. Wie es seine Gewohnheit war, waren die Ärmel seines Sakkos bis zu den Ellenbogen hochgeschoben, aber jetzt zog er sie über die Handgelenke nach unten.

Faris nickte langsam. Laura war tot.

Laura.

War.

Tot.

Es fühlte sich surreal an. Mechanisch sagte er sich die drei Worte vor, wieder und wieder. Ein Mantra, das ihm half weiterzumachen, weil es den Schmerz so sehr übersteigerte, dass er bald unfähig sein würde, ihn noch zu erfassen. Plötzlich kam er sich leicht vor, so leicht, dass ihn ein kleiner Windhauch davongeweht hätte.

Die Fenster des Hotelzimmers standen offen – das war das Erste, was er wahrnahm. Er betrat die Diele, die Zimmer und Hotelflur miteinander verband und von der auch das winzige Badezimmer abging. Von der Straße herauf drangen die Geräusche des Verkehrs. Es klang wie das Rauschen eines sehr weit entfernten Flusses. Eines Flusses, der in einem bodenlosen Abgrund dahinfloss. Ein Auto hupte.

Faris legte die Hand gegen den Rahmen der Badezimmertür.

Das Zimmer war voller Menschen. Zwei weitere Kollegen von der Beweismittelsicherung hatten sich über das Bett gebeugt und verdeckten den Körper, der darauf lag. In dem Durchgang zwischen Diele und Zimmer stand eine ältliche Frau von der Gerichtsmedizin. Sie machte sich Notizen auf einem Tablet.

Bei ihr befanden sich zwei Männer, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Der eine war hochgewachsen, schlank, geradezu mager, sodass der Anzug, den er trug, zu groß aussah. Er hatte dünnes graues Haar, das dringend geschnitten werden musste, und seine Gesichtsfarbe war ebenfalls grau. Faris wusste, dass das von einem schmerzhaften Rückenleiden herrührte, unter dem Kriminalkommissar Alfons Rühmann schon seit Jahren litt.

Der zweite Mann war fast anderthalb Kopf kleiner als Rühmann, aber er wog das Doppelte, obwohl kein Gramm Fett an ihm war. Seine Gestalt wirkte quadratisch, extrem muskulös und durchtrainiert. Er hatte rotblondes, raspelkurz geschorenes Haar und wie zum Ausgleich dafür einen sorgsam gepflegten Dreitagebart. Gerade stellte er der Gerichtsmedizinerin eine Frage zum Zustand von Lauras Leiche, da bemerkte er Faris. Er unterbrach sich mitten im Satz. »Oh«, rutschte es ihm heraus.

Faris nickte ihm schweigend zu. Er und Kommissar Jens Meyer waren nicht die besten Freunde, seit Meyer sich für die SERV beworben und Tromsdorff ihn nach Absprache mit Faris und dem Rest des Teams abgelehnt hatte. In Faris’ Augen war Meyer ein wenig zu sehr darauf bedacht, die Menschen, mit denen er zu tun hatte, in Schubladen zu stecken. Seit Kurzem gehörte Meyer – wie auch Alfons Rühmann – der Abteilung 112 an, einer der acht anderen Mordkommissionen, die neben der SERV dem LKA 1 untergeordnet waren.

»Es tut mir so leid!« Rühmann wandte sich Faris zu und wollte ihm die Hand geben, aber Faris wehrte ab. Sein Blick huschte zu dem Teil des Bettes, den er sehen konnte. Der Zipfel einer Daunendecke. Ein paar rote Flecken auf der weißen Bettwäsche. Und ein fast ebenso weißer menschlicher Fuß. Lauras Fuß. Unwillkürlich ging er einen Schritt vorwärts, doch Meyer versperrte ihm mit ausgestrecktem Arm den Weg.

Faris hatte nicht die Kraft, sich zur Wehr zu setzen.

»Es ist besser, wir gehen nach draußen«, sagte Rühmann. »Die Kollegen sind noch nicht fertig mit ihrer Arbeit. Jens, bleib du hier und kümmere dich um … sie.« Mit dem Kopf deutete er auf die Leiche und machte Anstalten, Faris aus dem Zimmer zu schieben.

Faris ließ sich zu Tromsdorff und Marc führen, die auf dem Gang standen.

»Wann kann ich zu ihr?«, fragte er. Das Rot des Teppichs kam ihm heute viel dunkler vor als gestern Abend.

Tromsdorff wich einer direkten Antwort auf seine Frage aus. »Es ist nicht nötig, dass du sie identifizierst. Das habe ich bereits getan.«

Mechanisch nickte Faris. »Ich möchte sie trotzdem sehen.«

»Warum willst du dir das an…«, begann Rühmann, aber Faris fuhr ihm mitten ins Wort:

»Was soll der Scheiß? Ist sie …« Ihm versagte die Stimme, und er senkte den Kopf. Bilder geisterten durch sein Hirn, Bilder von verstümmelten, missbrauchten Körpern. Leiser fügte er hinzu: »Ich habe schon eine ganze Reihe Leichen gesehen, vergesst das nicht!«

Rühmann schaute Tromsdorff hilflos an.

»Das ist uns klar, Faris«, sagte der. »Aber keine davon war deine …« Er suchte nach dem richtigen Ausdruck. Er wusste nicht, wie er Laura bezeichnen sollte.

Ja, dachte Faris. Was war sie? Seine Freundin? Seine Ex-Verlobte? Die Frau, die ihn wegen eines anderen verlassen hatte? Die Frau, die ich möglicherweise noch immer liebe…

»Es ist kein schöner Anblick«, sagte Tromsdorff ruhig. Diesmal griff er nach Faris’ Ellenbogen. Ihn ließ Faris gewähren.

»Ich will sie sehen«, sagte er.

Tromsdorff warf einen Blick ins Zimmer. Dann seufzte er. »Also gut. Die Jungs sind gerade fertig.«

Tatsächlich gab das Spurensicherungsteam den Tatort in diesem Moment frei. Faris sah zu, wie die Männer ihre Utensilien einpackten und gingen. Erst als sie fort waren, schaffte er es, das Zimmer erneut zu betreten.

»Lassen wir ihn einen Moment allein, Jens!«, hörte er Rühmann sagen und war froh, als die Kollegen den Raum verließen.

Er trat zum Bett und blieb am Fußende stehen.

Da war Blut, das war das Erste, was ihm ins Auge sprang. Ein Fleck dunklen Bluts, das aus einer Wunde an Lauras Hinterkopf getreten war. Blut befand sich außerdem an der Kante des Nachtschränkchens und auf dem Teppich davor. Faris schloss die Augen, aber das Rot leuchtete hinter seinen Lidern umso greller. Lauras Augen waren weit aufgerissen, ihr Gesicht verzerrt im Todeskampf. Eine fremdartige, furchtbare Grimasse. Faris versuchte, einen Rest von ihrem Wesen darin zu erkennen, doch vergeblich. Ihr Tod war langsam und qualvoll gewesen, dieser entsetzliche Ausdruck alles, was von ihr übrig war. An ihrem Hals waren deutlich die Abdrücke von Händen zu sehen, große violette Stellen, die sich hart gegen die helle Haut abhoben. Offenbar war ihr Kehlkopf zerquetscht worden.

Faris’ Verstand registrierte die Einzelheiten, aber er war unfähig, sie zu verarbeiten.

Der Ausschnitt von Lauras weißer Bluse war verrutscht und enthüllte ein Stück ihres teuren Spitzen-BHs. Sie hat sich wieder angezogen, nachdem ich weg war. Der Gedanke verschaffte ihm den Bruchteil einer Sekunde Zeit, bevor er auch den schrecklichen Rest der Details wahrnahm.

Lauras Rock war nach oben gerutscht und entblößte ihre Schenkel und einen Teil ihrer rechten Pobacke. Ihr Slip – der Slip, den sie selbst sich in der Nacht ausgezogen hatte – lag auf dem Hotelteppich. Er war zerrissen.

Sie hat sich wieder angezogen, und dann…

Die Gedanken in seinem Kopf vollführten einen Säbeltanz.

Er spürte, dass jemand hinter ihn getreten war, drehte sich aber nicht um. »Ist sie vergewaltigt worden?«, flüsterte er.

Der Mann hinter ihm machte ein unbestimmtes Geräusch. »Das werden wir bald erfahren.« Tromsdorff. Faris fühlte sich in seinem Entsetzen sonderbar gestört.

Er wies auf den zerrissenen Slip. »Es sieht aus, als …« Die Stimme versagte ihm. Er musste sich zusammenreißen, musste sich einreden, dass dies hier eine normale Mordermittlung war. Dass sie nichts, rein gar nichts, mit ihm zu tun hatte. Er kannte die Vorgehensweise in einem solchen Fall in- und auswendig. Er würde sich darauf konzentrieren, das Notwendige zu tun, würde den Schmerz in Schach halten, der tief unten in seiner Brust lauerte.

Um rauszufinden, wer Laura das angetan hatte.

Er wusste, dass Tromsdorff ihn sehr genau beobachtete.

»Die Obduktion muss erweisen, was passiert ist«, sagte er. »Wir müssen rausfinden, ob sie vergewaltigt wurde. An ihrem Hals müssen Fingerabdrücke genommen werden, und Spermaspuren müssen gesichert werden. Wenn sie vergewaltigt wurde, müssen wir …«

Tromsdorff legte ihm eine Hand auf die Schulter und holte ihn damit aus der Dauerschleife, in der seine Gedanken rotierten.

Faris starrte auf Lauras Handgelenke. Auch an ihnen waren die Hämatome grell und deutlich zu sehen. Das Lederarmband jedoch, das sie gestern Abend noch getragen hatte, war weg. Suchend sah er sich um. Vielleicht hatte sie es im Bad abgelegt, nachdem er fortgegangen war.

»Warum hat sie hier im Hotel übernachtet?«, hörte er Tromsdorff fragen.

Er dachte an den vergangenen Abend. »Sie hatte vor, Christian zu verlassen.« Als hätten diese wenigen Worte die Mauer, die er um seine Gefühle zu errichten versuchte, zum Einsturz gebracht, begann sich alles um ihn zu drehen. Ihm wurde übel. »Entschuldige!«, stieß er hervor, dann stürzte er aus dem Zimmer.

Er eilte an Rühmann und Meyer vorbei in Richtung Treppenhaus, erst an einer ledernen Sitzgruppe, die dort stand, hielt er an. Ein furchtbarer Gedanke schoss ihm durch den Kopf: Wäre sie noch am Leben, wenn er gestern Abend nicht gegangen wäre?

Eine geisterhafte Stimme wehte durch seine Erinnerung. Mach dir keine Vorwürfe.

Paul.

Ein irres Lachen stieg in Faris’ Kehle auf und erstickte ihn beinahe.

»La elah ela Alah!«, flüsterte er. Oh, Gott!

Er sank auf einen der Sessel und vergrub das Gesicht in den Händen.

3. Kapitel

Alfons Rühmann schaute Iskander hinterher, als der an ihm und Meyer vorbeistürzte und um eine Ecke des Ganges verschwand. Sein Ischiasnerv meldete sich mit einem Brennen, und automatisch tastete Rühmann in der Anzugtasche nach dem Röhrchen mit seinen Tabletten. Er fand es zwischen zerknüllten Papiertaschentüchern, einem alten Schlüsselring, den er längst schon einmal hatte wegwerfen wollen, und einem zerrissenen Gummiband. Seine Frau schüttelte oft den Kopf über seine Angewohnheit, die Taschen jedes Kleidungsstückes mit Krimskrams vollzustopfen wie ein Achtjähriger. Erst gestern hatte sie ihm Vorwürfe gemacht, weil er seine Jacketts auf diese Weise mit schöner Regelmäßigkeit ruinierte. »Du siehst aus wie eine Vogelscheuche mit diesen ausgebeulten Taschen!«, hatte sie ihn angemault.

Er wäre froh gewesen, hätte er ihre Probleme gehabt.

Er zog das Medizinröhrchen heraus, öffnete es mit dem Daumen und warf sich eine der Tabletten in den Rachen. »Armer Teufel«, murmelte er.

»Iskander?« Meyer stand mit leicht gespreizten Beinen und sehr gerade durchgedrücktem Rücken da. Seine übliche Haltung, wenn sich andere Alphamännchen in der Nähe befanden. Meyer war gerade einmal Anfang dreißig, und seine Sichtweise der Welt war – jedenfalls noch – eher simpel. Wir: die Guten. Der Rest der Welt: die anderen – wahlweise eingeteilt in Opfer und Drecksäcke.

ENDE DER LESEPROBE