Grabesstimmen - Falsches Grab - Ein eiskaltes Grab - Grabeshauch - Charlaine Harris - E-Book

Grabesstimmen - Falsches Grab - Ein eiskaltes Grab - Grabeshauch E-Book

Charlaine Harris

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Beschreibung

Ein Mystery-Krimi der Extraklasse - jetzt im eBundle. "Man muss diese Heldin einfach lieben, die es nicht erwarten kann, ihre Schuhe auszuziehen und barfuß über Amerikas Friedhöfe zu spazieren." The Globe and Mail Grabesstimmen: Seit sie einmal vom Blitz getroffen wurde, hat die junge Harper Connelly eine außergewöhnliche Gabe: Sie kann Tote finden und deren letzte Momente nacherleben. Diese Gabe hat sie zum Beruf gemacht – ganz normal für eine Dienstleistungsgesellschaft, meint sie, aber die Leute, denen sie bei ihrer Arbeit begegnet, sehen das oft anders … Gemeinsam mit ihrem Stiefbruder, Manager und Bodyguard Tolliver fährt sie nach Arkansas, um nach einem verschwundenen Mädchen zu suchen, und gerät dabei in tödliche Gefahr … Falsches Grab: Auf dem Friedhof von Memphis / Tennessee macht Harper Connelly eine grausige Entdeckung: In einem über hundert Jahre alten Grab liegt nicht nur eine Leiche, sondern zwei. Die Leiche eines kürzlich verstorbenen Mädchens gehört eindeutig nicht hierher! Und schlimmer noch: Es stellt sich heraus, dass es sich um die kleine Tabitha Morgenstern handelt, die seit zwei Jahren verschwunden ist. Harper hatte damals vergeblich versucht, sie zu finden … Ein eiskaltes Grab: In Doraville, North Carolina, soll Harper Connelly einen verschwundenen Jungen aufspüren. Es stellt sich heraus, dass dort in den letzten Jahren noch mehr Teenager verschwunden sind. Und Harper findet sie – zu ihrem Entsetzen. Danach möchte sie so schnell wie möglich aus Doraville verschwinden, doch nach einem brutalen Überfall ist sie gezwungen, zu bleiben. So erfährt sie mehr über die Einwohner und deren Geheimnisse, als gut für sie ist. Aber ist wirklich einer von ihnen ein Serienmörder? Grabeshauch: Harper Connelly wird nicht nur mit einem mysteriösen Todesfall konfrontiert, sondern auch mit ihrer eigenen Vergangenheit. Während sie in Texas dem Tod eines reichen Patriarchen nachspürt, erfährt ihr Manager und Lebensgefährte Tolliver, dass sein ehemals drogensüchtiger Vater (und Harpers Stiefvater) aus dem Gefängnis entlassen wurde. Tolliver und Harper wollen nichts mit ihm zu tun haben, können jedoch nicht verhindern, dass er sich wieder in ihr Leben drängt. Als Tolliver angeschossen wird, überstürzen sich die Geheimnisse …

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EPUB

Seitenzahl: 1488




Charlaine Harris

Grabesstimmen Falsches Grab Ein eiskaltes Grab Grabeshauch

Romane

Deutsch von Christiane Burkhardt

Grabesstimmen

Roman

Die stummen Zeugen liegen überall. Sie gehen von einer Materie in die andere über und werden für ihre Liebsten zunehmend unkenntlicher. Man wirft sie in Abwasserkanäle, deponiert sie in Kofferräumen liegen gebliebener Autos, beschwert sie mit Zementblöcken und versenkt sie in Seen. Diejenigen, die man noch schneller loswerden will, wirft man einfach aus dem fahrenden Wagen. So kann das Leben, das aus ihnen gewichen ist, vorbeirauschen, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen.

Manchmal träume ich, dass ich ein Adler bin. Ich kreise über ihnen, entdecke ihre sterblichen Überreste und erfahre auf diese Weise, wie man sich ihrer entledigt hat. Ich mache den Mann ausfindig, der mit seinem Feind auf die Jagd ging – unter dem Baum da, in diesem Dickicht. Ich entdecke die Gebeine der Kellnerin, die den falschen Mann bediente – unter dem eingestürzten Dach der alten Hütte dort. Ich finde die letzte Ruhestätte des Jungen, der mit den falschen Freunden ein Glas zu viel trank – ein flach ausgehobenes Grab im Kiefernwäldchen. Oft schwebt ihre Seele noch über den sterblichen Überresten, die sie einst beherbergten. Ihre Seele verwandelt sich nicht in einen Engel. Die Leute haben schon zu Lebzeiten nicht an Gott geglaubt – warum sollten sie sich dann in Engel verwandeln? Selbst ganz normale Menschen, die weithin als »gut« gelten, sind nicht vor Dummheit, Bestechlichkeit oder Eifersucht gefeit.

Meine Schwester Cameron liegt da auch irgendwo. In irgendeinem Abflussrohr, unter dem Fundament eines Hauses, zusammengekrümmt im verrosteten Kofferraum eines zurückgelassenen Wagens oder lang ausgestreckt auf dem Waldboden. Cameron verwest. Vielleicht klammert sich ihre Seele noch an die Überreste ihres Körpers, weil sie darauf wartet, gefunden zu werden. Darauf, dass ihre Geschichte erzählt wird.

Vielleicht ist das alles, was sie sich wünschen, die stummen Zeugen.

Der Sheriff war alles andere als erfreut über meine Anwesenheit. Aber wer hatte mich dann ausfindig gemacht und nach Sarne beordert? Wahrscheinlich einer der Zivilisten, die jetzt verlegen in seinem Büro herumstanden. Sie waren ausnahmslos gut gekleidet und genährt, eindeutig Leute, die es gewohnt sind, etwas darzustellen. Ich sah von einem zum anderen. Der Sheriff, Harvey Branscom, hatte ein rotes, runzeliges Gesicht, das von einem weißen Schnurrbart unterbrochen wurde, und kurz geschnittenes weißes Haar. Er war bestimmt Mitte fünfzig, vielleicht auch älter. Branscom trug eine enge khakifarbene Uniform und saß auf dem Drehstuhl hinter seinem Schreibtisch. Er sah angewidert drein. Der Mann zu seiner Rechten war mindestens zehn Jahre jünger, dunkelhaariger und wesentlich dünner, sein schmales Gesicht war frisch rasiert. Er hieß Paul Edwards und war Anwalt.

Die Frau, mit der er gerade stritt, etwas jünger als er und mit aufwendig blondierten Haaren, war Sybil Teague. Sie war Witwe, und die Nachforschungen meines Bruders hatten ergeben, dass sie einen Großteil der Stadt Sarne geerbt hatte. Neben ihr stand ein weiterer Mann, Terence Vale. Er hatte ein rundes Gesicht, dünnes fahles Haar, eine Nickelbrille und trug eines von diesen Namensschildchen zum Aufkleben. Er käme gerade von einer Ratsversammlung, hatte er beim Hereineilen verkündet. Auf seinem Namensschild stand: »Hi! Ich bin TERRY, der BÜRGERMEISTER.«

Da Bürgermeister Vale und Sheriff Branscom derart verstimmt über meine Anwesenheit waren, nahm ich an, dass mich Paul Edwards oder Sybil Teague herbeordert hatte. Ich sah von einem zum anderen. Teague, dachte ich. Ich lehnte mich lässig in dem unbequemen Stuhl zurück, schlug die Beine übereinander und wippte mit dem freien Fuß auf und ab. Dabei kam mein schwarzer Lederslipper dem Schreibtisch des Sheriffs gefährlich nahe. Die vier warfen sich Anschuldigungen an den Kopf, als sei ich gar nicht im Raum. Wahrscheinlich konnte sie Tolliver sogar noch im Wartezimmer hören.

»Wollen Sie das nicht lieber besprechen, während mein Bruder und ich zurück ins Hotel gehen und uns ausruhen?«, fragte ich mitten in ihre lautstarke Auseinandersetzung hinein.

Sie verstummten und sahen mich an.

»Ich fürchte, wir haben Sie unter falschen Voraussetzungen herkommen lassen«, sagte Branscom bemüht höflich, aber an seinem Gesicht konnte ich erkennen, dass er mich zur Hölle wünschte. Seine Hände lagen zu Fäusten geballt auf dem Schreibtisch.

»Und die wären …?« Ich rieb mir die Augen. Ich kam direkt von einem anderen Einsatzort und war ziemlich müde.

»Terry hat uns nicht ganz richtig über Ihre Referenzen informiert.«

»Gut, dann machen Sie das doch bitte unter sich aus, während ich ein wenig Schlaf nachhole«, sagte ich erschöpft und gab kampflos auf. Ich erhob mich mühsam und fühlte mich schlagartig uralt, auf jeden Fall wesentlich älter als meine vierundzwanzig Jahre. »Es wartet nämlich noch ein weiterer Fall in Ashdown auf mich. Deshalb werde ich gleich morgen früh abreisen. Aber zumindest die Fahrtkosten müssen Sie uns erstatten. Wir sind extra von Tulsa hergefahren. Mein Bruder wird Ihnen sagen, wie viel das macht.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ ich Branscoms Büro, lief einen Flur entlang und betrat durch eine Tür den Wartebereich. Ich ignorierte die Einsatzkoordinatorin hinter dem Schreibtisch, die mich neugierig musterte. Bestimmt hatte sie meinen Bruder Tolliver genauso neugierig angestarrt, bis ich sie ablenkte.

Tolliver ließ die alte Zeitschrift fallen, die er durchgeblättert hatte, und erhob sich aus dem Kunstledersessel. Tolliver ist siebenundzwanzig. Sein Schnurrbart hat einen roten Schimmer, ansonsten sind seine Haare genauso schwarz wie meine.

»Fertig?«, fragte er. Ich sah ihm an, dass er genervt war. Er blickte auf mich herunter und hob fragend die Brauen. Tolliver ist mindestens 10 cm größer als ich mit meinen 1,70 m. Ich schüttelte den Kopf und gab ihm zu verstehen, dass ich ihm alles Weitere später erzählen würde. Er hielt mir die Glastür auf, und wir traten in die kühle Abendluft hinaus. Ich spürte, wie mir die Kälte in die Knochen kroch. Der Fahrersitz im Chevrolet Malibu war auf meine Beinlänge eingestellt, also setzte ich mich hinters Steuer.

Das Polizeirevier lag direkt am Rathausplatz, gegenüber dem Gerichtsgebäude, das sich in seiner Mitte erhob. Letzteres war ein mächtiger Bau aus den 1920er Jahren, einer mit viel Marmor und hohen Gewölbedecken, der nach heutigen Standards schwer zu beheizen und zu kühlen ist, aber eindrucksvoll war er trotzdem. Die Grünanlagen um das alte Gebäude herum waren sehr gepflegt, sogar jetzt, wo die Bäume ihr Laub abwarfen. Noch parkten Touristen auf den erstklassigen Parkplätzen am Rathausplatz. In dieser Jahreszeit waren das überwiegend Weiße mittleren Alters sowie ältere Besucher, allesamt mit gummibesohlten Schuhen und Windjacken. Sie liefen langsam und vorsichtig und jede Bordsteinkante war ein potenzielles Hindernis. Genauso langsam fuhren sie auch Auto.

Wir mussten den Platz zweimal umrunden, ehe ich die richtige Abzweigung zu unserem Motel fand. Ich hatte das dumpfe Gefühl, dass alle Straßen in Sarne zu diesem Platz führten. Die anliegenden Geschäfte gehörten zum Vorzeigeviertel der Stadt, das zum Einkaufen und Flanieren bestimmt war. Sogar die Straßenlaternen waren künstlerisch gestaltet – mit Schnörkeln und Blättern verziertes, mattgrün gestrichenes Metall. Die Bürgersteige waren eben und rollstuhltauglich, und es gab ausreichend Abfalleimer, die als niedliche kleine Häuschen getarnt waren. Alle Schaufenster direkt am Platz waren aufeinander abgestimmt. Sie hatten allesamt hölzerne Fassaden und altmodische Ladenschilder mit einer ebenso altmodischen Beschriftung: Tante Hatties Eisdiele, Jebs gute Stube, Jn. Banks Lebensmittel, Annies Bonbonladen. Vor jedem Geschäft stand eine schwere Holzbank. Durch die hell beleuchteten Schaufenster erkannte ich ein, zwei Ladeninhaber. Sie waren kostümiert und trugen Kleider wie zur Jahrhundertwende.

Es war schon nach fünf, als wir den Platz endlich verließen. Es war ein bewölkter Tag Ende Oktober, und es war schon beinahe völlig dunkel.

Wenn man das Touristenviertel um das Gerichtsgebäude erst einmal hinter sich gelassen hatte, entpuppte sich Sarne als äußerst hässlich. Läden wie Mountain Karl’s Kountry Krafts wichen solchen für banalere Bedürfnisse wie der First National Bank und Reynolds Haushaltsgeräte. Je weiter ich in die Seitenstraßen hineinfuhr und den Platz hinter mir ließ, desto mehr leer stehende Geschäfte fielen mir auf, von denen ein, zwei kaputte Schaufenster aufwiesen. Es gab kaum Verkehr. Das war der private Teil von Sarne, wo die Einheimischen lebten. Laut Aussage des Bürgermeisters war die Touristensaison bald vorbei, jetzt, wo das Laub von den Bäumen fiel. Während des Winters würde Sarne den roten Teppich wieder einrollen – und damit auch seine Gastfreundschaft einfrieren.

Ich ärgerte mich über die Zeitverschwendung und die umsonst zurückgelegten Kilometer. Aber ich hatte die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, und als ich fünf Querstraßen vom Rathausplatz entfernt diesen unverkennbaren Sog spürte, war ich beinahe glücklich. Er kam von links, aus fünf, sechs Metern Entfernung.

»Ist es erst neulich passiert?«, fragte Tolliver, als er sah, wie mein Kopf herumfuhr. Ich muss stets hinsehen, auch wenn meine Augen selbstverständlich nichts erkennen können.

»Oh ja.« Wir fuhren nicht etwa an einem Friedhof vorbei, und ich hatte auch nicht das Gefühl, es mit einer frisch aufgebahrten Leiche zu tun zu haben, was auf ein Bestattungsinstitut hingewiesen hätte. Der Eindruck war einfach zu heftig, der Sog zu stark.

Sie wollen nämlich gefunden werden.

Statt geradeaus weiter bis zum Motel zu fahren, bog ich links ab und folgte dem »Geruch«, der von mir Besitz ergriffen hatte. Ich hielt auf dem Parkplatz einer kleinen Tankstelle. Mein Kopf fuhr erneut herum, als ich die Stimme vernahm, die vom überwucherten Grundstück auf der anderen Straßenseite nach mir rief. Ich sage »Geruch« oder »Stimme«, obwohl sich das, was diesen Sog verursacht, wesentlich weniger genau bestimmen lässt.

Etwa drei Meter hinter dem Eingang zum Grundstück befand sich die Fassade eines Gebäudes. Soweit ich das verwitterte, im Wind wehende Schild entziffern konnte, handelte es sich um einen ehemaligen Waschsalon. Nach dem Zustand des Gebäudes zu urteilen, war der Waschsalon Evercleen schon vor Jahren zur Hälfte abgebrannt.

»In der Ruine da drüben«, sagte ich zu Tolliver.

»Soll ich nachsehen?«

»Nö. Ich rufe Branscom an, sobald wir auf unserem Motelzimmer sind.« Wir lächelten uns kurz an. Es gibt nichts Besseres als ein konkretes Beispiel, um meine Glaubwürdigkeit unter Beweis zu stellen. Tolliver nickte mir anerkennend zu.

Ich ließ den Motor wieder an. Diesmal erreichten wir unser Motel ohne jede Verzögerung und konnten einchecken. Wenn wir den ganzen Tag zusammen gewesen sind, brauchen wir einfach etwas Abstand, deshalb zwei getrennte Zimmer. Es hat nichts damit zu tun, dass einer von uns beiden übertrieben schamhaft wäre.

Mein Zimmer sah aus wie all die anderen, in denen ich während der letzten Jahre geschlafen hatte. Der Bettüberwurf war eine grün glänzende Steppdecke, und das Bild über dem Bett zeigte eine Brücke, vermutlich irgendwo in Europa. Von diesen beiden Kleinigkeiten einmal abgesehen, hätte ich in jedem beliebigen Billig-Motel überall in Amerika sein können. Aber zumindest roch es sauber. Ich holte mein Schminktäschchen und meine Reiseapotheke aus dem Koffer und trug beides in das kleine Bad. Dann ließ ich mich aufs Bett fallen und beugte mich vor, um die Instruktionen auf dem alten Telefon zu entziffern. Nachdem ich die Nummer in dem schmalen örtlichen Telefonbuch nachgeschlagen hatte, rief ich bei der Polizei an und verlangte den Sheriff. In weniger als einer Minute hatte ich Branscom am Apparat, und er war eindeutig nicht erfreut, mich ein zweites Mal sprechen zu müssen. Er fing wieder damit an, dass ich unter falschen Voraussetzungen bestellt worden sei – als ob ich irgendwas damit zu tun hätte! –, und ich würgte ihn ab.

»Ich dachte, es würde Sie vielleicht interessieren, dass ein Toter namens Chess oder Chester im ausgebrannten Waschsalon in der Florida Street liegt, etwa fünf Querstraßen vom Rathausplatz entfernt.«

»Wie bitte?« Es dauerte ein wenig, bis sich Harvey Branscom wieder gefasst hatte. »Darryl Chesswood? Der ist doch zu Hause, bei seiner Tochter. Sie haben letztes Jahr angebaut, als er so langsam vergaß, wo er wohnt. Wie kommen Sie bloß darauf?« Er klang wirklich sehr empört.

»Das ist nun mal mein Job«, sagte ich und legte sanft den Hörer auf.

Das Städtchen Sarne hatte soeben ein Werbegeschenk erhalten.

Ich ließ mich auf den rutschigen Bettüberwurf fallen und verschränkte die Arme vor der Brust. Man musste nicht hellsehen können, um vorauszusagen, was jetzt passieren würde. Der Sheriff würde Chesswoods Tochter anrufen. Die würde nach ihrem Vater sehen und feststellen, dass er verschwunden war. Dann würde der Sheriff höchstwahrscheinlich persönlich vor Ort nachsehen, weil er sich schämte, einen Untergebenen loszuschicken. Und er würde Chesswoods Leiche finden.

Der alte Mann war eines natürlichen Todes gestorben – vermutlich an einer Hirnblutung.

Es tat immer wieder gut, jemanden zu finden, der nicht ermordet worden war.

Als Tolliver und ich am nächsten Morgen den Diner Kountry Good Eats betraten, der praktischerweise direkt neben dem Motel lag, waren schon alle da. Sie hatten sich in einen kleinen, vom Rest des Restaurants abgetrennten Raum zurückgezogen. Die Tür zu diesem Raum stand offen, so dass sie unsere Ankunft nicht übersehen konnten. Die schmutzigen Teller auf dem Tisch vor ihnen, die beiden leeren Stühle und die Kaffeekanne wiesen darauf hin, dass man uns bereits erwartete. Tolliver gab mir einen vielsagenden Stups, und wir sahen uns an.

Sich an einen anderen Tisch zu setzen, hätte verschämt ausgesehen, also ging ich auf die offene Tür ihres Raumes zu, die Zeitung, die ich aus dem stummen Verkäufer geholt hatte, unter den Arm geklemmt. Das winzige Zimmer wurde von dem riesigen runden Tisch beinahe komplett ausgefüllt. Sarnes Wichtigtuer saßen um ihn herum und starrten uns an. Ich versuchte mich daran zu erinnern, ob ich mir schon die Haare gekämmt hatte. Aber Tolliver hätte mir Bescheid gesagt, wenn ich vollkommen verstrubbelt ausgesehen hätte, beruhigte ich mich. Ich habe einen Kurzhaarschnitt. Meine Haare sind sehr füllig und lockig. Wenn ich sie wachsen lasse, habe ich einen riesigen schwarzen Busch zu bändigen. Tolliver hat Glück. Seine Haare sind glatt, und er lässt sie wachsen, bis er einen Pferdeschwanz machen kann. Dann wird er sie leid und schneidet sie wieder ab. Im Moment waren sie kurz.

»Sheriff«, sagte ich mit einem Nicken. »Mr Edwards, Mrs Teague, Mr Vale. Wie geht es Ihnen?« Tolliver schob mir einen Stuhl hin, und ich nahm Platz. Das macht er extra, um mit seinem guten Benehmen anzugeben. Je mehr Respekt er mir in der Öffentlichkeit entgegenbringt, so glaubt er, desto mehr wird es die anderen beeindrucken. Manchmal funktioniert das auch.

Die Kellnerin hatte mir Kaffee eingeschenkt, und ich nahm gerade den ersten Schluck, als der Sheriff das Wort ergriff. Ich riss mich von meiner Zeitung los, die immer noch zusammengefaltet neben meinem Teller lag. Ich lese nun mal gern Zeitung, wenn ich meinen Kaffee trinke.

»Er war da«, sagte Harvey Branscom bedeutungsschwer. Der Mann war seit gestern Abend um zehn Jahre gealtert, und weiße Bartstoppeln zierten seine Wangen.

»Sie meinen Mr Chesswood.« Bei der Kellnerin bestellte ich einen Obstteller mit etwas Joghurt, was diese für eine äußerst merkwürdige Wahl zu halten schien. Tolliver nahm French Toast mit Bacon und schenkte ihr einen flirtenden Blick. Er hat eine Schwäche für Kellnerinnen.

»Ja«, sagte der Sheriff. »Mr Chesswood. Darryl Chesswood. Er war ein guter Freund meines Vaters.« Er sagte das so, als sei ich, nur weil ich ihm verraten hatte, wo die Leiche des alten Mannes lag, irgendwie mit schuld an seinem Tod.

»Mein herzliches Beileid«, sagte Tolliver höflich. Ich nickte und ließ zu, dass ein peinliches Schweigen entstand. Stumm bot mir Tolliver noch mehr Kaffee an, und ich hob die Hand, um ihm zu zeigen, dass sie heute gar nicht zitterte. Nach einem weiteren genüsslichen Schluck schenkte ich mir nach und berührte Tollivers Becher, um ihn zu fragen, ob er noch Kaffee wolle, aber er schüttelte den Kopf.

Unter den forschenden Blicken der Umsitzenden konnte ich unmöglich die Zeitung aufschlagen, die neben meinem Teller lag. Ich musste also warten, bis die Kerle so weit waren, mir zu sagen, was sie sowieso längst beschlossen hatten. Ich war optimistisch gewesen, als ich sah, dass man bereits auf uns wartete, aber dieser Optimismus schwand immer mehr.

Die Sarniten (oder hießen sie Sarnier?) warfen sich jede Menge verstohlene Blicke zu. Schließlich beugte sich Paul Edwards vor, um mir das Ergebnis ihrer Beratung mitzuteilen. Er war ein gutaussehender Mann und daran gewöhnt, im Mittelpunkt zu stehen.

»Woran ist Mr Chesswood gestorben?«, fragte er, als sei das die Bonusfrage.

»An einer Hirnblutung.« Meine Güte, was für Leute! Ich schielte sehnsüchtig nach meiner Zeitung.

Edwards lehnte sich zurück, als hätte ich ihm eine Ohrfeige verpasst. Wieder diese verstohlenen Blicke. Mein Obstteller kam – eine in Scheiben geschnittene Honigmelone, die noch ganz hart war und nach nichts schmeckte, Ananas aus der Dose, eine Banane mit Schale und ein paar Weintrauben. Nun ja, es war schließlich Herbst. Nachdem Tolliver seinen French Toast bekommen hatte, begannen wir zu essen.

»Die Verzögerung wegen gestern Abend tut uns leid«, sagte Sybil Teague. »Zumal Sie unser Gespräch so interpretiert zu haben scheinen, dass wir, äh, von unserer Vereinbarung zurücktreten wollen.«

»Ja, genau so habe ich das verstanden. Und du Tolliver?«

»Ich auch«, sagte er feierlich. Tolliver hat Aknenarben auf den Wangen, dunkle Augen und eine tiefe, wohlklingende Stimme. Alles, was er sagt, bekommt sofort Gewicht.

»Ich hab einfach kalte Füße bekommen.« Sie bemühte sich, mich charmant und entschuldigend zugleich anzusehen, aber das verfing bei mir nicht. »Nachdem mir Terry gesagt hatte, was er über Sie weiß, und Harvey damit einverstanden war, Sie zu kontaktieren, wussten wir schließlich nicht, worauf wir uns da einlassen. Jemanden wie Sie haben wir noch nie zu Rate gezogen.«

»Harper ist einzigartig«, sagte Tolliver schlicht. Er blickte von seinem Teller auf und sah den Umsitzenden in die Augen.

Er hatte Sybil Teague aus dem Konzept gebracht. Sie musste sich erst kurz sammeln. »Da haben Sie bestimmt recht«, sagte sie heuchlerisch. »Nun, Miss Connelly, um auf den Fall zurückzukommen, den Sie hier hoffentlich lösen werden …«

»Zunächst einmal«, schaltete sich Tolliver ein und tupfte mit einer Serviette seinen Schnurrbart ab, »wer bezahlt Harper?«

Sie starrten ihn an wie einen Außerirdischen.

»Sie sind ja wohl die offiziellen Repräsentanten dieser Stadt, wenn ich auch nicht genau weiß, welche Funktion Sie, Mr Edwards, hier haben. Mrs Teague, zahlen Sie Harper aus eigener Tasche oder steht sie auf dem Honorarzettel der Stadt?«

»Ich bezahle Miss Connelly«, sagte Sybil Teague. Jetzt, wo das Thema Geld zur Sprache gebracht worden war, klang ihre Stimme gleich viel resoluter. »Paul vertritt mich als Anwalt, und Harvey ist mein Bruder.« Nur Terence Vale schien nicht irgendwie mit ihr verbandelt zu sein. »Ich sage Ihnen jetzt, was ich von Ihnen erwarte.« Sybil sah mir tief in die Augen.

Ich blickte wieder auf meinen Teller und zupfte die Trauben ab. »Sie wollen, dass ich nach einer vermissten Person suche«, sagte ich schlicht. »Das Übliche.« Sie mögen es lieber, wenn man von »vermissten Personen« anstatt von »vermissten Leichen« spricht, was es eigentlich wesentlich besser trifft.

»Ja. Sie war allerdings ein ziemlich wildes Mädchen. Vielleicht ist sie ja auch nur weggelaufen. Wir wissen nicht genau – zumindest sind nicht alle der Auffassung … dass sie tot ist.«

Wie oft ich das schon gehört habe! »Dann haben wir allerdings ein Problem.«

»Und zwar?« Sie wurde ungeduldig – wahrscheinlich war sie es nicht gewohnt, dass man ihr widersprach.

»Ich finde nur Tote.«

»Und das wussten die auch!«, zischte ich Tolliver zu, als wir wieder auf unsere Zimmer gingen. »Das wussten die. Ich finde keine Lebenden. Das kann ich nicht.«

Ich wurde wütend, und das war dumm.

»Natürlich wissen sie das«, sagte er beruhigend. »Vielleicht wollen sie einfach nur nicht wahrhaben, dass sie tot ist. Menschen sind nun mal so. Als brauchte man nur so zu tun, als gebe es Hoffnung, und dann gibt es wirklich Hoffnung.«

»Hoffnung – für mich ist das reine Zeitverschwendung«, sagte ich.

»Ich weiß«, entgegnete Tolliver. »Aber sie können es nun mal nicht ändern.«

Dritte Runde.

Paul Edwards, Sybil Teagues Anwalt, hatte den Kürzeren gezogen. Deshalb saß er hier in meinem Zimmer. Die anderen gingen wahrscheinlich schon wieder ihrem Alltag nach.

Tolliver und ich hatten es uns in den beiden Sesseln am billigen Moteltisch bequem gemacht. Und ich war gerade dabei gewesen, die Zeitung zu lesen. Tolliver arbeitete sich durch einen Science-Fiction-Roman mit Schwertern und Hexen, den jemand in unserem letzten Motel liegen gelassen hatte. Als es an unsere Tür klopfte, sahen wir uns kurz an.

»Ich tippe auf Edwards«, sagte ich.

»Branscom«, meinte Tolliver.

Ich grinste ihn am Rücken des Anwalts vorbei an, während ich die Tür schloss.

»Wenn Sie nach dem vielen Gerede nichts dagegen haben«, sagte der Anwalt entschuldigend, »würde ich Sie jetzt gern zu Ihrem Einsatzort bringen.« Ich sah auf die Uhr. Es war neun. Sie hatten eine Dreiviertelstunde gebraucht, um sich zu einigen.

»Und das ist der Ort, wo …?« Ich ließ den Satz bewusst unvollendet.

»Wo vermutlich Teenie – Monteen – Hopkins ermordet wurde. Und wo der Mord oder Selbstmord von Dell Teague, Sybils Sohn, stattfand.«

»Soll ich jetzt zwei Leichen finden oder eine?« Zwei würden sie teurer kommen.

»Wo Dell ist, wissen wir«, sagte Edwards überrascht. »Er liegt auf dem Friedhof. Sie müssen nur Teenie finden.«

»Reden wir hier von einem Wald? Mit welchem Gelände haben wir es zu tun?«, fragte Tolliver sachlich.

»Bewaldetes Gebiet, ja, teilweise ziemlich abschüssig.«

Da wir wussten, dass wir in den Ozarks arbeiten würden, hatten wir die entsprechende Ausrüstung dabei. Ich zog meine Wanderstiefel und eine knallblaue Steppjacke an und verstaute einen Schokoriegel, einen Kompass, eine kleine Flasche Wasser und ein aufgeladenes Handy in meinen Taschen. Tolliver ging durch die Verbindungstür in sein Zimmer. Als er zurückkam, war er ähnlich gekleidet. Paul Edwards sah uns mit einer Mischung aus Neugier und Faszination zu. Er war so gebannt, dass er für ein paar Minuten tatsächlich vergaß, wie gutaussehend er war.

»Sie machen das wahrscheinlich ständig«, sagte er.

Ich schnürte sorgfältig die Wanderstiefel nach und machte einen Doppelknoten. Dann griff ich nach den Handschuhen. »Ja«, sagte ich. »Das ist mein Job.« Ich schlang mir einen knallroten Schal um den Hals. Bei schlimmer Kälte würde ich ihn ordentlich zuknoten. Der Schal war nicht nur warm, sondern auch weithin sichtbar. Ich warf einen Blick in den Spiegel. Das sollte reichen.

»Finden Sie das nicht deprimierend?«, fragte Edwards, so als könne er nicht anders. In seinem Blick lag eine Wärme, die vorher noch nicht da gewesen war. Ihm war wieder eingefallen, wie gut er aussah, und dass ich eine junge Frau war.

Ich hätte beinahe gesagt: »Nein, ich finde es lukrativ.« Aber ich weiß, dass es die meisten geschmacklos finden, wie ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Außerdem wäre das ohnehin nur die halbe Wahrheit gewesen.

»Es ist immerhin etwas, das ich für die Toten tun kann«, sagte ich schließlich, was ja auch stimmt.

Edwards nickte, so als hätte ich etwas unglaublich Geistreiches gesagt. Er wollte, dass wir alle drei mit seinem Landrover fuhren, aber wir nahmen unseren eigenen Wagen. (Das machen wir immer so, seit uns einmal ein Kunde in den Wäldern zurückließ, dreißig Kilometer von jeder Zivilisation entfernt, weil er sich so darüber aufregte, dass ich die Leiche seines Bruders nicht fand. Ich war mir ziemlich sicher, dass die Leiche weiter westlich von dem Gebiet lag, das wir durchkämmten, aber er wollte die Kosten für eine Ausweitung der Suche nicht übernehmen. Dabei war es schließlich nicht mein Fehler, dass der Bruder lange genug gelebt hatte, um den Fluss zu erreichen. Wie dem auch sei, er war ein äußerst langer Fußmarsch zurück in den Ort.)

Ich dachte an gar nichts, während wir Edwards in Richtung Nordwesten hinterherfuhren und weiter in die Ozarks vordrangen. Das Laub war zu dieser Zeit des Jahres ein herrlicher Anblick und zog noch einige Touristen an. Die sich nach oben windende Straße war von Verkaufsständen gesäumt, die Steine und Kristalle feilboten – »alles echte Handarbeit« – sowie jede Menge selbst gekochte Gelees und Marmeladen. Alle Stände machten einen auf hinterwäldlerisch, eine Marketingstrategie, die ich nicht verstand. »Natürlich waren wir ignorant, zahnlos und rückständig! Kommt und seht, ob wir es immer noch sind!«

Ich starrte in den Wald, während wir immer tiefer in sein kühles Grün hineinfuhren. Auf der ganzen Fahrt spürte ich »Treffer« verschiedener Intensität.

Natürlich gibt es überall Tote. Je länger der Tod zurückliegt, desto weniger Energie nehme ich wahr.

Es fällt mir schwer, dieses Gefühl zu beschreiben – aber genau das wollen die Leute natürlich als Erstes wissen: Wie es sich anfühlt, einen Toten zu spüren. Ein bisschen so, als ob einem eine Biene im Kopf herumsummt. Oder als ob man einen Geigerzähler knacken hört – die Abstände zwischen den Geräuschen werden immer kürzer, je näher ich dem Toten komme. Da ist auch was Elektrisches dabei, ich kann diese Energie am ganzen Körper spüren, was nicht weiter verwunderlich sein dürfte.

Wir fuhren an drei Friedhöfen vorbei (einer davon war sehr klein und alt) sowie an einem Indianerfriedhof, den man allerdings mit dem bloßen Auge nicht bemerkt hätte. Ein Grabhügel, an dem der Zahn der Zeit so lange genagt hatte, bis er aussah wie ein ganz normaler Hügel. Der alte Friedhof sandte nur sehr schwache Signale aus, sie klangen wie ein weit entfernter Mückenschwarm.

Als Paul Edwards rechts ranfuhr, konzentrierte ich mich gerade auf den Wald und den Waldboden. Die Bäume wuchsen bis dicht an die Straße, so dass wir kaum parken konnten, ohne andere Autos zu behindern. Bestimmt befürchtete Tolliver, jemand könnte zu schnell fahren und den Malibu erwischen. Aber er verlor kein Wort darüber.

»Sagen Sie mir, was passiert ist«, wandte ich mich an den dunkelhaarigen Mann, nachdem wir ausgestiegen waren.

»Können Sie nicht einfach selbst nachsehen? Wozu müssen Sie das wissen?«, fragte er misstrauisch.

»Wenn ich die Umstände kenne, kann ich gezielter nach ihr suchen«, erwiderte ich.

»Na gut. Im letzten Frühling ist Teenie mit Dell, Mrs Teagues Sohn, hierhergekommen; er war auch Sheriff Branscoms Neffe – Sybil und Harvey sind nämlich Geschwister. Dell war seit zwei Jahren Teenies fester Freund, auch wenn sich die beiden immer mal wieder vorübergehend trennten. Sie waren beide siebzehn. Ein Jäger hat Dells Leiche gefunden. Er war erschossen worden oder hatte sich selbst erschossen. Teenie wurde nie gefunden.«

»Und wie kommen sie dann auf dieses Gelände hier?«, fragte Tolliver.

»Das Auto stand genau dort, wo wir jetzt parken. Sehen Sie die halb umgestürzte Kiefer, die von den beiden anderen Bäumen gehalten wird? Daran kann man sich ganz gut orientieren, um sich die Stelle zu merken. Dell galt noch keine vier Stunden als vermisst, da rief eine der Familien, die hier draußen wohnen, bei Sybil wegen des Wagens an. Eine Suchmannschaft wurde losgeschickt, aber es sollte noch zwei Tage dauern, bis Dell gefunden wurde. Denn kurz darauf begann es zu regnen, und zwar stundenlang. Der Regen hat alle Spuren verwischt, die Suchhunde konnten nichts mehr ausrichten.«

»Und warum suchte niemand nach Teenie?«

»Weil niemand wusste, dass sie mit Dell unterwegs gewesen war. Ihre Mutter bemerkte ihr Verschwinden erst zwanzig Stunden später, vielleicht sogar noch später. Sie wusste nicht, was mit Dell passiert war und wollte lange nicht bei der Polizei anrufen.«

»Wie lange ist das her?«

»Vielleicht ein halbes Jahr.«

Hm. Irgendwas stimmte hier nicht. »Und warum wurden wir dann erst jetzt gerufen?«

»Weil der halbe Ort glaubt, Teenie sei von Dell umgebracht und verscharrt worden, und danach hätte er Selbstmord begangen. Aber diese Vorstellung macht Sybil ganz verrückt. Mrs Hopkins, Teenies Mutter, ist finanziell nicht sehr gut gestellt. Selbst, wenn sie es wollte, sie könnte Sie niemals bezahlen. Also beschloss Sybil, die Suche selbst zu finanzieren, nachdem sie über Terry von Ihnen gehört hatte. Der war auf einer Bürgermeisterversammlung gewesen und hatte mit irgendeinem Obermacker aus Arklatex gesprochen.« Ich warf Tolliver einen flüchtigen Blick zu. »El Dorado«, murmelte er. Ich erinnerte mich wieder und nickte. Dann meinte Paul Edwards: »Sybil erträgt den Verdacht nicht länger, der auf ihrer Familie lastet. Sie mochte Teenie, obwohl sie schon ziemlich wild war. Sybil ist davon ausgegangen, dass sie eines Tages auch zur Familie gehören würde.«

»Und einen Mr Teague gibt es nicht?«, fragte ich. »Sie ist Witwe, oder?«

»Ja, Sybil ist relativ frisch verwitwet. Sie hat auch noch eine siebzehnjährige Tochter, Mary Nell.«

»Und was hatten Teenie und Dell hier zu suchen?«

Er zuckte die Achseln und grinste verlegen. »Die Frage hat sich hier noch niemand gestellt. Meine Güte, die beiden sind siebzehn, es ist Frühling, sie gehen in den Wald … Das war für alle nur allzu offensichtlich, nehme ich an.«

»Aber sie haben an der Straße geparkt.« Wenn hier etwas offensichtlich war, dann das, aber anscheinend nicht für Paul Edwards. »Junge Leute, die Sex haben wollen, verstecken ihr Auto in der Regel etwas besser, vor allem, wenn sie in einer Kleinstadt leben. Sie wissen ganz genau, wie schnell sich so was herumspricht.«

Edwards wirkte überrascht, sein schmales Gesicht verdüsterte sich plötzlich aufgrund von äußerst unwillkommenen Gedanken. »Diese Straße ist kaum befahren«, sagte er nicht sehr überzeugt.

Ich setzte meine Sonnenbrille auf. Wieder beäugte mich Edwards misstrauisch. Der Himmel war bewölkt. Ich nickte Tolliver zu.

»Nun magst dich wahren, Macduff«, sagte Tolliver zu Paul Edwards Verwirrung. Denn Edwards schien in der Schule ›Julius Cäsar‹ und nicht ›Macbeth‹ durchgenommen zu haben. Tolliver zeigte auf den Wald, und Edwards, der deutlich erleichtert wirkte, als er seine Mission verstand, begann uns den Berg hinabzuführen.

Es ging ziemlich steil nach unten. Tolliver blieb wie immer an meiner Seite. Ich war abgelenkt, und er wusste, dass ich leicht stürzen konnte. Es wäre nicht das erste Mal.

Nachdem wir zwanzig Minuten lang vorsichtig bergab gelaufen waren, was durch das nasse Laub und die Kiefernnadeln, die den steilen Hang bedeckten, zusätzlich erschwert wurde, kamen wir zu einer großen umgestürzten Eiche, die von Blättern, Ästen und Geröll bedeckt war. Es war deutlich zu sehen, dass heftiger Regen das Geröll nach unten gespült hatte, so dass es sich vor dem Baum aufstaute.

»Hier wurde Dell gefunden«, sagte Paul Edwards. Er zeigte auf den abschüssigen Hang hinter der umgestürzten Eiche. Ich wunderte mich nicht, dass es zwei Tage gedauert hatte, bis man Dell Teagues Leiche fand, sogar im Frühling. Aber ich wunderte mich doch sehr über den Fundort der Leiche. Ich war froh, meine Sonnenbrille aufzuhaben.

»Auf dieser Seite des Baumstamms?«, fragte ich und zeigte darauf, um sicherzugehen, dass ich ihn richtig verstanden hatte.

»Ja«, entgegnete Edwards.

»Und er hatte eine Waffe? Sie lag neben seiner Leiche?«

»Äh, nein, das nicht.«

»Aber er soll sich doch angeblich selbst erschossen haben?«

»Ja, das hat das Büro des Sheriffs behauptet.«

»Da haben wir aber eindeutig ein Problem.«

»Der Sheriff meinte, die Waffe könnte eventuell gestohlen worden sein. Vielleicht hat sie auch der Jäger, der Dell fand, mitgenommen. Waffen sind schließlich teuer, und hier in der Gegend benutzt jeder welche.« Edwards zuckte die Achseln. »Und wenn Dell sich oberhalb des Baumes erschossen hat und darüber gestürzt ist, hätte die Waffe auch ein ganz schönes Stück den Hang hinunterrutschen und so verschwinden können.«

»Und die Schusswunden? Wie viele gab es?«

»Zwei. Eine, ein Kratzer an der Schläfe, wurde als … na ja, sozusagen als erster Versuch gewertet. Danach hat er sich ins Auge geschossen.«

»Die Schusswunden wurden also einem erfolglosen und einem erfolgreichen Selbstmordversuch zugeordnet, aber eine Waffe wurde nicht gefunden. Und er lag unterhalb des Baumstamms.«

»Jawohl, Madam.« Der Anwalt nahm seinen Hut ab und klopfte damit gegen sein Bein.

Hier stimmte nun wirklich gar nichts. Aber vielleicht … »Wie lag er da? In welcher Haltung?«

»Wie, soll ich Ihnen das etwa vormachen?«

»Ja. Haben Sie ihn gesehen?«

»Ja, Madam, und ob. Ich bin hergefahren, um ihn zu identifizieren. Ich wollte nicht, dass ihn seine Mutter so sieht. Sybil und ich sind schon seit Jahren befreundet.«

»Dann tun Sie mir doch bitte den Gefallen und zeigen mir, in welcher Haltung Dell gefunden wurde, einverstanden?«

Edwards schien sich meilenweit weg zu wünschen. Er kniete sich auf den Boden, wobei sein ganzer Körper nichts als Widerwillen ausdrückte. Er wandte sich dem umgestürzten Baum zu, streckte einen Arm aus, um sich daran festzuhalten, und ließ sich dann zu Boden gleiten. Seine Knie waren angewinkelt, und er lag auf der rechten Seite.

Tolliver trat hinter mich. »Das stimmt so nicht«, flüsterte er mir ins Ohr.

Ich nickte zustimmend. »Gut, danke«, sagte ich laut. Paul Edwards rappelte sich wieder auf.

»Ich verstehe sowieso nicht, warum Sie erst sehen mussten, wo Dell gefunden wurde«, sagte er und versuchte, nicht allzu anklagend zu klingen. »Wir suchen schließlich nach Teenie.«

»Wie war noch ihr Nachname?« Nicht, dass mir das bei der Suche helfen würde, aber ich hatte ihn vergessen, und es zeugt von Respekt, ihn zu kennen.

»Teenie Hopkins. Monteen Hopkins.«

Ich stand noch immer oberhalb des umgestürzten Baumes und begann mich nach rechts vorzuarbeiten. Das fühlte sich gut an, außerdem war es egal, wo ich anfing.

»Sie können schon mal zu Ihrem Geländewagen vorgehen«, hörte ich Tolliver zu unserem widerwilligen Begleiter sagen.

»Aber vielleicht brauchen Sie ja Hilfe«, meinte Edwards.

»Wenn, dann hole ich sie.«

Ich hatte keine Angst, mich zu verlaufen. Tollivers Aufgabe bestand darin, genau das zu verhindern. Er hatte mich auch noch nie enttäuscht, bis auf einmal, in der Wüste. Ich hatte ihn ohne Ende damit aufgezogen. Aber da wir beinahe ums Leben gekommen waren, empfahl es sich, diese Lektion gründlich zu lernen.

Am liebsten laufe ich mit geschlossenen Augen, aber in diesem Gelände war das gefährlich. Die dunkle Sonnenbrille half mir ein wenig, weil sie die Farben und das Leben um mich herum teilweise ausblendete.

Während der ersten halben Stunde, die wir den steilen Hang entlangstolperten, hörte ich nur das leise Klingeln früherer Tode. Die Welt steckt voller Toter.

Als ich mir sicher war, dass uns Paul Edwards auf keinen Fall gefolgt sein konnte, verschnaufte ich an einem Felsvorsprung und nahm meine Sonnenbrille ab. Ich sah Tolliver an.

»Totaler Quatsch«, sagte er.

»Und ob.«

»Die Waffe fehlt, aber es ist Selbstmord? Es gibt zwei Schusswunden, und es ist Selbstmord? Eines von beiden lass ich vielleicht gerade noch durchgehen, aber doch nicht beides! Und jemand, der sich umbringen will, setzt sich außerdem erst mal auf den Baumstamm und denkt drüber nach, anstatt sich auf dessen abschüssige Seite zu stellen. Selbstmörder gehen nach oben.« Wir hatten Erfahrung mit so was.

»Außerdem«, sagte ich, »wäre er so auf die Hand mit der Waffe gefallen, was an sich schon ziemlich unwahrscheinlich ist. Und dass jemand unter die Leiche greift, um eine Waffe zu stehlen, glaube ich nie im Leben.«

»Höchstens jemand mit einem sehr unempfindlichen Magen.«

»Und dann durchs Auge! Hast du je gehört, dass sich einer so umbringt?«

Tolliver schüttelte den Kopf.

»Irgendein kaputter Typ hat diesen Jungen umgebracht«, sagte er.

»Worauf du dich verlassen kannst«, pflichtete ich ihm bei.

Wir überlegten eine Weile. »Egal, wir sollten lieber nach dem Mädchen suchen«, sagte ich. Tolliver erwartete von mir, dass ich in diesen Dingen die Entscheidung traf.

Er nickte. »Die liegt auch irgendwo hier draußen«, sagte er, allerdings mit einem fragenden Unterton.

»Höchstwahrscheinlich schon.« Ich legte den Kopf schräg und dachte nach. »Außer, der Junge wurde ermordet, weil er jemanden daran hindern wollte, sie zu entführen.« Wir liefen weiter. Hier war das Gelände zwar auch nicht gerade eben, aber schon wesentlich weniger abschüssig.

Es gibt Schlimmeres, als im Herbst durch die Wälder zu streifen, während das Laub in allen Regenbogenfarben leuchtet und die Sonne immer wieder durch die Wolken dringt. Ich schärfte meine Sinne. Sie nahmen ein Klingeln wahr, das sich jedoch bei genauem Hinhören als zehn Jahre zu alt entpuppte, um von dem Mädchen zu stammen. Als ich noch etwa einen halben Meter vom Fundort entfernt war, wusste ich, dass die Leiche einem Schwarzen gehörte, der erfroren war. Er war auf natürliche Weise von Blättern, Ästen und Schlamm begraben worden, die während der letzten zehn Jahre den Berg hinuntergespült worden waren. Nichts als schwarz gewordene Rippen, zerfallene Kleider und ein paar Muskeln, die noch an den Knochen klebten, war von ihm übrig.

Ich nahm einen der roten Stoffstreifen, die ich immer in der Jackentasche habe, während Tolliver etwas Draht aus seiner Hosentasche holte. Ich band den Streifen an das eine Drahtende, während Tolliver das andere in den Boden steckte. Wir waren von dem umgestürzten Baum vielleicht 400 Meter nach Südwesten gelaufen, was ich notierte.

»Ein Jagdunfall«, schlug Tolliver vor. Ich nickte. Ich kann die genauen Todesumstände nicht immer erkennen, aber der Zeitpunkt, zu dem der Tod eintrat, fühlte sich entsprechend an: Panik, Einsamkeit. Langes Leiden. Ich war mir sicher, dass er aus seinem Jägerstand gestürzt war und sich das Rückgrat gebrochen hatte. Er hatte dort gelegen, bis ihn die Elemente für sich beanspruchten. Ein paar an einen Baum genagelte Holzleisten waren noch zu erkennen. Hieß er Bright? Mark Bright? So ähnlich.

Gut, aber für ihn wurde ich nicht bezahlt. Der Mann war mein zweites Werbegeschenk an die Stadt Sarne. Es wurde höchste Zeit, dass ich etwas Geld verdiente.

Wir gingen weiter. Ich arbeitete mich nach Osten vor, war mir dabei aber eher unsicher. Nachdem wir etwa zwanzig Meter von den Gebeinen des Jägers entfernt waren, erreichte mich ein willkommenes, lautes Dröhnen aus dem Norden. Wieder ging es bergauf, was eigentlich merkwürdig war. Aber dann merkte ich, dass wir nach oben gehen mussten, um wieder zur Straße zu kommen. Je näher ich der Straße kam, desto näher kam ich den sterblichen Überresten von Teenie Hopkins – oder einer anderen jungen Weißen. Das Dröhnen wurde stärker, und ich ließ mich mit den Knien auf das Laub am Boden fallen. Sie war hier. Nicht mehr sehr viel von ihr, aber genügend. Man hatte einige dicke Äste über sie geworfen, um sie zu verbergen, aber jetzt waren sie vertrocknet und verrottet. Teenie Hopkins hatte einen langen, heißen Sommer unter diesen Ästen verbracht. Trotz der Insekten, Tiere und Monate mit Regenwetter hatte sie noch mehr Ähnlichkeit mit einer Leiche als der Jäger.

Tolliver kniete sich neben mich und legte mir den Arm um die Schultern.

»Schlimm?«, fragte er. Obwohl meine Augen geschlossen waren, konnte ich spüren, wie er sich bewegte, wie er den Kopf drehte und die gesamte Umgebung absuchte. Einmal waren wir nämlich direkt am »Entsorgungsort« vom Mörder überrascht worden, der mit einer weiteren Leiche zurückkehrte. Ironie des Schicksals.

Jetzt kam der schwierige Teil meiner Arbeit. Der schlimmste. Eigentlich bedeutet das Auffinden einer Leiche nur, dass ich erfolgreich gewesen bin. Die Art und Weise, wie die Person zu einer Leiche wurde, macht mir normalerweise nicht so viel aus. Das ist mein Job. Alle Menschen müssen auf die eine oder andere Art sterben. Aber dieses verwesende Ding hier im Laub – sie war gerannt und gerannt, während ihr Atem immer pfeifender ging. Sie war kein Mensch mehr gewesen, sondern ein einziges Bündel Panik. Und dann war die Kugel in ihren Rücken eingedrungen, und eine andere hatte …

Ich fiel in Ohnmacht.

Tolliver hatte meinen Kopf in seinen Schoß gebettet. Wir befanden uns inmitten des bunten Laubs von Eiche, Amberbaum, Sassafras und Ahorn. Er lehnte mit dem Rücken gegen einen Amberbaum, und ich ahnte, wie unbequem das sein musste, wegen all der stacheligen Kapseln, auf denen er jetzt wahrscheinlich saß.

»Komm schon, Kleine, wach auf«, sagte er. An seiner Stimme hörte ich, dass es nicht das erste Mal war.

»Ich bin wieder da.« Ich hasste mich für meine schwache Stimme.

»Meine Güte, Harper. Hast du mich erschreckt!«

»Tut mir leid.«

Ich lehnte mich noch eine weitere Minute gegen seine Brust, seufzte und rappelte mich dann auf. Ich schwankte kurz, bis ich mein Gleichgewicht wiederfand.

»Woran ist sie gestorben?«

»Sie wurde zweimal in den Rücken geschossen.«

Er wartete, ob ich noch mehr sagen würde.

»Sie ist gerannt«, erklärte ich, damit er sich den Schrecken und die Verzweiflung in den letzten Minuten ihres Lebens vorstellen konnte.

Letzte Minuten sind selten so schlimm, auch wenn ich in dieser Hinsicht sicher andere Maßstäbe habe als die meisten Leute.

Paul Edwards wartete neben seinem silberglänzenden Geländewagen, als wir aus dem Wald kamen. Sein Gesicht war ein einziges Fragezeichen, aber zunächst mussten wir unserer Auftraggeberin Bericht erstatten. Tolliver bat den Anwalt, zurück in die Stadt zu fahren und die alte Runde einzuberufen, falls es Mrs Teague denn so wünschte. Wir fuhren schweigend zurück nach Sarne und hielten nur einmal kurz an einem Lebensmittelladen. Tolliver holte mir eine Cola, eine echte mit Zucker drin. Wenn ich eine Leiche gefunden habe, brauche ich immer dringend Zucker.

»Du solltest vier davon trinken und etwas zunehmen«, murmelte Tolliver nicht zum ersten Mal.

Ich ignorierte ihn wie immer und trank meine Cola. Nach zehn Minuten ging es mir deutlich besser. Bis ich das mit dem Zucker entdeckte, musste ich mich manchmal einen ganzen Tag lang ins Bett legen, um mich wieder zu erholen.

Wahrscheinlich waren die altbekannten Gesichter bereits im Büro des Sheriffs versammelt. Ich blieb noch kurz im Auto sitzen und starrte durch die Glastür. Große Lust hatte ich nicht auf diesen Teil meiner Arbeit.

»Soll ich in der Lobby warten?«

»Nein, ich will, dass du mit reinkommst«, sagte ich, und Tolliver nickte. Ich hielt kurz inne, eine Hand bereits an der Beifahrertür. »Das wird ihnen nicht gefallen.«

Er nickte erneut.

Diesmal saßen wir im Konferenzraum. Darin wurde es ganz schön eng mit Branscom, Edwards, Teague, Vale, Tolliver und mir.

»Die Karte«, sagte ich zu Tolliver. Er breitete sie aus. Ich legte mir kurz zurecht, was ich wann sagen wollte, um möglichst schnell mit einem Scheck in der Hand aus diesem Büro zu verschwinden.

»Bevor wir auf unser eigentliches Thema zu sprechen kommen«, sagte ich, »möchte ich nur kurz erwähnen, dass wir da draußen auch die Leiche eines Schwarzen gefunden haben, der schon seit etwa zehn Jahren tot ist.« Ich zeigte auf die Stelle, wo wir die rote Markierung hinterlassen hatten. »Er ist erfroren.«

Der Sheriff ließ seine Gedanken in die Vergangenheit schweifen. »Das könnte Marcus Allbright sein«, sagte er langsam. »Ich war damals noch Hilfssheriff. Seine Frau dachte, er sei abgehauen. Ach du meine Güte. Ich werde bergen lassen, was noch von ihm übrig ist.«

Ich zuckte die Achseln, denn das ging mich nichts an. »Aber jetzt zu Teenie Hopkins.« Alle erstarrten. Paul Edwards beugte sich weit vor zu mir. »Sie wurde zweimal in den Rücken geschossen, und ihre sterblichen Überreste«, ich tippte mit dem Zeigefinger auf die Karte, »liegen genau hier.«

Die Umsitzenden schnappten hörbar nach Luft.

»Haben Sie sie gesehen?«, fragte »Hi! Ich bin TERRY, der BÜRGERMEISTER«. Er hatte die Augen hinter seiner Nickelbrille weit aufgerissen. Der Herr Bürgermeister stand kurz davor, loszuheulen.

»Ich habe gesehen, was noch von ihr übrig ist«, entgegnete ich. Danach fiel mir ein, dass ein Nicken durchaus ausreichend gewesen wäre.

»Sie meinen«, sagte die Teague-Tante ungläubig, »Sie haben sie einfach dort liegen lassen?« Harvey Branscom warf ihr einen erstaunten Blick zu.

Ich sah sie ähnlich verständnislos an. »Das ist ein Tatort«, erklärte ich. »Außerdem berge ich keine Leichen. Das überlasse ich den Profis. Sie können sie selbst holen gehen, wenn der Sheriff keine Ermittlungen anstellen soll.« Dann holte ich tief Luft. Sie war nun mal die Kundin. »Zwei Schüsse in den Rücken. Wir wissen also immer noch nicht genau, wie es passiert ist. Ihr Sohn wurde zuerst erschossen, danach wurde Teenie vom selben Täter umgebracht. Oder aber Ihr Sohn hat sie ermordet und sich anschließend erschossen. Ich glaube allerdings nicht, dass er Selbstmord begangen hat.«

Das brachte sie zum Schweigen, wenigstens vorläufig. Die Aufmerksamkeit aller Anwesenden war auf mich gerichtet. »Ach du meine Güte«, flüsterte Sybil.

»Woher wissen Sie das?«, fragte der Sheriff.

»Nun, genauso gut könnte man fragen, wie ich die Leichen finde. Ich finde sie einfach. Und wenn ich sie finde, weiß ich, wie sie umgebracht wurden. Das können Sie mir glauben oder auch nicht. Jetzt sind Sie an der Reihe. Sie wollten, dass ich Teenie Hopkins finde, und ich habe gefunden, was noch von ihr übrig ist. Ein oder zwei Knochen fehlen wahrscheinlich. Die Tiere.«

Sybil Teague starrte mich mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck an. Sie wusste nicht, ob sie mich loben oder sich vor mir ekeln sollte. Aber wenigstens glaubte ich nicht, dass ihr Sohn Selbstmord begangen hatte. Sie strich nervös über ihren goldbeigen Hosenanzug und glättete ihr leichtes Jackett sowie den Stoff über ihren Oberschenkeln.

»Ruf Hollis!«, sprach der Sheriff in die Telefonanlage, und wir warteten schweigend, bis ein Mann in der Uniform eines Hilfssheriffs hereinkam. Er war Ende zwanzig, kräftig, blond, blauäugig und starb beinahe vor Neugier, was hier vor sich ging. Er musterte Tolliver und mich eingehend. Er würde uns wiedererkennen. Er sah sehr gut aus in seiner Uniform.

»Miss Connelly«, sagte der Sheriff. »Sie begleiten Hollis und zeigen ihm, wo die Leiche ist!«

Hollis wirkte überrascht, als die Bedeutung dieser Worte zu ihm durchsickerte, die eher wie ein Befehl klangen als wie eine Bitte.

»Welche?«, fragte ich, und er riss die Augen auf.

»Ich werde ihn begleiten«, sagte Tolliver. »Harper muss sich ausruhen.«

»Nein, Miss Connelly hat sie gefunden, deshalb muss sie das machen.«

Tolliver warf dem Sheriff einen bösen Blick zu, und der starrte ebenso böse zurück. Ich wette, der Sheriff wollte sicherstellen, dass ich auch richtig was tat für mein Geld. Ich straffte die Schultern. »Ich werde mitfahren«, sagte ich und legte Tolliver beruhigend die Hand auf den Arm. »Das ist schon in Ordnung.« Meine Finger schlossen sich um den Stoff seiner Jacke, wo ich mich eine Weile festklammerte. Dann ließ ich los. Ich wandte den Kopf und musterte den blonden Hilfssheriff. »Er wird mich gleich anschließend zurückfahren«, sagte ich, weil ich wollte, dass Tolliver hierblieb. Er nickte. Ich sah ihn an, bis sich die Tür hinter mir schloss und ich ihn aus den Augen verlor.

Der Hilfssheriff führte mich zu seinem Dienstwagen. »Ich heiße Hollis Boxleitner«, stellte er sich vor.

»Harper Connelly.«

»Ist das Ihr Mann da drin?«

»Mein Bruder. Tolliver Lang.«

»Verschiedene Nachnamen.«

»Ja.«

»Wo fahren wir hin?«

»Nehmen Sie den 19er-Highway stadtauswärts und fahren Sie dann nach Nordwesten.«

»Dorthin, wo …«

»Wo der Junge erschossen wurde.«

»Wo er sich umgebracht hat«, verbesserte mich Hollis Boxleitner wenig überzeugt.

»Hm«, machte ich abfällig.

»Wie finden Sie sie?«, wollte er wissen.

»Hat Ihnen der Sheriff gesagt, dass ich komme?«

»Ich hab es zufällig mitbekommen, als er telefonierte. Er hat Sybil glatt für verrückt erklärt, als sie Sie holen wollte. Und er war wütend auf Terry Vale, weil er ihr von Ihnen erzählt hatte.«

»Ich wurde vom Blitz getroffen«, sagte ich. »Als ich fünfzehn war.«

Er überlegte krampfhaft, was er als Nächstes fragen konnte. »Waren Sie zu Hause?«

»Ja«, sagte ich. »Tolliver, meine Schwester Cameron und ich … wir waren allein zu Hause. Meine beiden jüngeren Halbschwestern traten bei einer Schulaufführung auf. Meine Mutter war auch dort, um sie sich anzusehen.« So wie meine Mutter damals drauf war, war es ein Wunder, dass sie sich überhaupt daran erinnerte, Kinder zu haben. »Gegen vier Uhr nachmittags zog dann dieses Unwetter auf. Ich war gerade im Bad. Das Waschbecken befand sich direkt neben dem offenen Fenster. Ich stand davor und sah in den Spiegel, während ich meinen elektrischen Lockenstab benutzte. Der Blitz kam durchs Fenster. Das Nächste, was ich weiß, ist, dass ich auf dem Boden lag und an die Decke starrte. Mein Haar qualmte, und meine Schuhe waren ausgezogen. Tolliver machte Wiederbelebungsmaßnahmen. Dann kam der Krankenwagen.«

Ich quasselte zu viel und beschloss, den Mund zu halten.

Hollis Boxleitner schien keine weiteren Fragen zu haben, was mich freute, aber gleichzeitig auch verwunderte. Denn ich hatte nicht mal ansatzweise erzählt, was die meisten Menschen wissen wollen. Ich zog meine Jacke enger um mich und freute mich auf mein Bett im Motel. Ich würde mich in die Kissen sinken lassen und gegen Abend eine heiße Suppe essen. Ich schloss ein paar Minuten die Augen. Als ich sie wieder öffnete, fühlte ich mich besser. Wir waren beinahe am Fundort.

Als ich an dem Sog spürte, dass die Straße hier in größtmöglicher Nähe zur Leiche verlief, befahl ich dem Hilfssheriff, rechts ranzufahren. Jetzt, wo ich wusste, wo sie lag, konnte ich sie leichter orten. Wir stiegen aus und gingen bergab, was wesentlich einfacher war als bei dem Weg, den wir zum Leichenfundort des Jungen genommen hatten. Während wir vorsichtig den Hang hinunterkletterten, sagte Boxleitner: »Sie finden also Tote, um Ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.«

»Genau«, sagte ich. »Das ist mein Job.« Davon abgesehen, litt ich regelmäßig unter Kopfschmerzen und zitternden Händen, und ich hatte ein merkwürdiges Spinnennetzmuster am rechten Bein, welches schwächer als mein linkes war. Obwohl ich regelmäßig jogge, um meine Muskeln zu trainieren, war ich wegen des vielen Rauf- und Runterkletterns heute schon ganz wackelig auf den Beinen. Ich lehnte mich gegen einen Baum, während ich auf die Äste und das Laub zeigte, die Teenie Hopkins’ sterbliche Überreste verbargen.

Nachdem er unter den Ästen nachgesehen hatte, musste sich Boxleitner übergeben. Das schien ihm peinlich zu sein, aber mir war das egal. Man muss schon sehr oft mit so etwas konfrontiert werden, um ungerührt ansehen zu können, was die Zeit und die Natur unseren Körpern so alles antun. Und wenn ich mich nicht sehr täusche, bekommen Kleinstadtpolizisten nur äußerst selten derart verweste Leichen zu Gesicht. Außerdem hatte er das Mädchen vermutlich gekannt.

»Am schlimmsten ist es, wenn sie erst halb verwest sind«, sagte ich tröstend.

Er verstand, was ich meinte, und nickte heftig. Ich lief zurück zum Wagen und ließ ihn allein, damit er sich zusammenreißen und seine Formalitäten erledigen konnte.

Ich lehnte mich an die Beifahrertür, während sich Hollis Boxleitner den Hang hochkämpfte und mit dem Handrücken über seinen Mund wischte. Um den Fundort zu markieren, hatte er einen orangefarbenen Plastikstreifen an jenen Baum gebunden, der der Straße und dem Auto am nächsten lag. Er zeigte auf die Autotür und bedeutete mir, einzusteigen. Anschließend fuhr er schweigend zurück in die Stadt. »Teenie Hopkins war meine Schwägerin«, meinte er, während wir parkten.

Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte.

Ich ließ ihn vor mir ins Polizeirevier gehen. Wir waren höchstens eine Dreiviertelstunde weg gewesen, und die Versammlung hatte sich noch nicht aufgelöst. An Tollivers angespannter Miene sah ich, dass sie ihn über mich ausgefragt hatten – vielleicht auch über meine Erfolgsquote – und er so einiges hatte erklären müssen. Er hasste das.

Alle sahen uns fragend an: der Bürgermeister neugierig, der Anwalt abwartend, der Sheriff wütend. Tolliver war erleichtert. Sybil Teague war angespannt und unglücklich.

»Die Leiche liegt am angegebenen Ort«, sagte Hollis knapp.

»Sind Sie sicher, dass es Teenie ist?« Mrs Teague klang verblüfft, aber auch wie von Trauer überwältigt.

»Nein, Madam«, sagte Boxleitner. »Nein, Madam, da bin ich mir absolut nicht sicher. Darüber wird uns der Zahnarzt Auskunft geben. Ich werde Dr. Kerry anrufen. Für eine inoffizielle Identifizierung wird das reichen. Und dann müssen wir die sterblichen Überreste nach Little Rock schicken.«

Ich war mir natürlich sicher, dass es Teenie Hopkins’ Leiche war, aber das wollte Sybil Teague jetzt auf keinen Fall noch einmal hören. Stattdessen sah sie mich angewidert an. Das habe ich schon oft erlebt. Sie hatte mich herbeordert und würde mir eine ordentliche Stange Geld dafür zahlen, aber glauben wollte sie mir nicht. Sie würde sich sogar darüber freuen, wenn ich mich irrte. Außerdem war ich sowieso nicht ihr Typ, obwohl ich ihr die Information geliefert hatte, um die sie mich gebeten hatte … die Information, für die sie einiges auf sich genommen hatte, ja, für die sie mich extra nach Sarne holen ließ.

Zu Beginn meiner Laufbahn hatte ich für so ein perverses Verhalten vielleicht noch Verständnis gehabt, aber inzwischen konnte ich das nicht mehr aufbringen. Es ermüdete mich einfach nur.

Niemand wollte oder musste mehr mit uns reden. Allein schon mein Anblick lehrte Bürgermeister Terry Vale das kalte Grausen. Zwar war er am wenigsten in den Fall verwickelt – ehrlich gesagt fragte ich mich, was er überhaupt hier zu suchen hatte. Aber die anderen schienen sehr um seinen Seelenfrieden besorgt zu sein, so dass Tolliver und ich aufbrachen.

Eine Reihe von Telefonaten hatte ergeben, dass Teenies Zahnarzt, Dr. Kerry, die nächsten vier Tage nicht in der Stadt sein würde. Die Leiche konnte also nur in Little Rock identifiziert werden. Sheriff Branscom hatte das Polizeilabor des Bundesstaats bereits benachrichtigt. Das würde die Identität der Leiche sofort durchgeben, sobald es sie vorliegen hatte, und erst danach mit seiner eigentlichen Arbeit fortfahren. Da das Polizeilabor von Arkansas für seine Langsamkeit berüchtigt ist, war das eine ziemlich gute Idee. Branscom besaß kopierte Unterlagen zu Teenies Zahnstand, die er mit der Leiche mitschickte.

Sybil würde uns keinen Scheck ausstellen, bis die offizielle Erklärung da war, dass es sich bei der Leiche um Teenie Hopkins handelte. Deshalb saßen wir mindestens noch vierundzwanzig Stunden hier in Sarne fest. Vierundzwanzig Stunden ohne irgendeine sinnvolle Beschäftigung. Wir verbringen sehr viel Zeit mit Warten, und das ist nicht immer leicht.

»Im Motel haben sie Pay-TV«, sagte Tolliver. »Vielleicht können wir uns einen Film angucken, den wir im Kino verpasst haben.«

Aber nachdem wir uns das Programm durchgelesen hatten, stellten wir fest, dass wir alles, was uns interessierte, bereits gesehen hatten. Tolliver verschwand, um der Kellnerin aus dem Diner nachzusteigen. Nicht, dass er mir das gesagt hätte, aber ich machte mir so meine Gedanken.

Ich war zu nervös, um etwas zu lesen, aber doch so fit, dass ich die Idee, einfach wieder ins Bett zu krabbeln, aufgab. In Ermangelung eines besseren Hobbys habe ich es mir angewöhnt, meine Finger- und Fußnägel zu pflegen. Also holte ich mein Pediküreset heraus und war gerade dabei, meine Zehennägel in einem tiefen, fast goldenen Rot zu lackieren, als Hollis Boxleitner an meine Tür klopfte.

»Darf ich reinkommen?«, fragte er, als ich ihm öffnete. Ich beugte mich zur Seite, um an ihm vorbeizuschauen und sicherzustellen, dass er nicht mit dem Polizeiauto hier war. Nein. Obwohl er immer noch Uniform trug, war er mit seinem eigenen Wagen gekommen, einem knallblauen Ford Pick-up.

»Ich denke schon.« Ich ließ die Tür offen stehen, um die Sonne hereinzulassen, und der große Hilfssheriff protestierte nicht. Hollis Boxleitner setzte sich in einen der beiden Sessel. Ich nahm den anderen, nicht ohne ihm eine gekühlte Dose Limo aus dem Eisfach anzubieten. Er ließ den Verschluss knacken und nahm einen Schluck. Ich legte meinen Fuß auf die Tischkante und fuhr mit meiner Pediküre fort.

»Wie wär ’s mit einem Putensteak unten im Restaurant?«

»Nein, danke.« Es war kurz nach eins. Ich hätte dringend etwas essen sollen, hatte aber noch keinen großen Hunger.

»Sie sind doch nicht etwa auf Diät? Sie könnten ruhig etwas mehr auf den Rippen vertragen.«

»Nein, ich bin nicht auf Diät.« Ich strich mit dem Pinsel sorgfältig über meinen großen Zehennagel.

»Ihr Bruder sitzt bereits dort. Er unterhält sich mit Janine.«

Ich zuckte die Achseln.

»Wie wär ’s mit dem Sonic-Drive-in?« Ich warf ihm einen forschenden Blick zu, aber er wirkte nur mäßig neugierig.

»Was wollen Sie?«, fragte ich. Ich mag es nicht, wenn man um den heißen Brei herumredet.

Er sah mich an und ließ die Limonadendose sinken. »Ich möchte nur ein bisschen mit Ihnen über Monteen Hopkins reden, meine Schwägerin. Das Mädchen, das wir heute gefunden haben.«

»Ich brauche nichts weiter über sie zu wissen.« Es war besser so. Ich wusste genug. Ich wusste, wie sie ihre letzten Minuten auf Erden verbracht hatte. Etwas Intimeres gibt es kaum. »Aber eines weiß ich mit Sicherheit«, fügte ich hinzu, denn auch ich habe meinen beruflichen Stolz. »Die Leiche, die wir gefunden haben, ist die von Monteen Hopkins.«

Er starrte auf seine leeren Hände, große Hände mit goldenen Härchen auf den Handrücken. »Ich habe schon befürchtet, dass Sie das sagen würden.« Er schwieg eine Weile. »Kommen Sie, lassen Sie uns einen Milchshake trinken. Ich habe mich am Fundort übergeben müssen, und sogar mein Magen verlangt mittlerweile nach Nahrung. Dann muss das für Ihren erst recht gelten.«

Ich sah ihn lange an und versuchte ihn zu ergründen. Aber er war ein Buch mit sieben Siegeln für mich, denn schließlich lebte er. Letztendlich nickte ich.

Meine Zehennägel waren noch nicht richtig getrocknet, deshalb stieg ich trotz der kühlen Herbstluft barfuß in seinen Wagen. Er schien das lustig zu finden. Hollis Boxleitner war ein kräftiger Mann mit einer schiefen Nase, einem breiten Gesicht und einem Lächeln, das strahlend weiße Zähne entblößte, obwohl ihm im Moment gar nicht zum Lächeln zumute war. Sein hellblondes Haar war glatt wie Flachs.

»Kommen Sie aus Sarne?«, fragte ich, nachdem wir vor dem Sonic-Drive-in gehalten und er auf den Knopf gedrückt hatte, um zwei Schokomilchshakes zu bestellen.

»Nein, aber ich lebe schon seit zehn Jahren hier«, sagte er. »Meine Familie ist hergezogen, als ich auf die Highschool ging und hier bin ich geblieben.«

»Sind Sie verheiratet? Ist Teenie daher ihre Schwägerin?«

»Ja.«

Ich nickte verständnisvoll. »Kinder?«

»Nein.«

Es entstand eine Pause.

»Mein Frau war Monteens ältere Schwester«, sagte er. »Sie ist tot.«

Das war ein Schock. Ich seufzte. Während Hollis die Milchshakes bezahlte, merkte ich, dass ich zwangsläufig mehr über Teenie Hopkins erfahren würde, ob ich nun wollte oder nicht.

»Als ich Monteen kennenlernte, war sie dreizehn. Ich war gerade auf Streife, als ich sie draußen auf dem Land vor so einer Musikkneipe aufgriff. Sie war eindeutig minderjährig und hatte dort nichts zu suchen. Sie hat mich noch im Dienstfahrzeug angemacht. Sie war vollkommen unberechenbar. Als ich sie an jenem Abend zurück zu ihrer Mutter brachte, lernte ich Sally kennen.« Er schwieg einen Moment und hing seinen Erinnerungen nach. »Ich mochte Sally auf Anhieb. Sie war ein liebes Mädchen, richtig süß. Teenie war das genaue Gegenteil.«

»Insofern dürften die Teagues nicht allzu glücklich gewesen sein, dass ihr Sohn mit ihr zusammen war.«

»Das kann man wohl sagen. Teenie hat das von ihrer Mutter. Helen trank damals sehr viel und war nicht besonders wählerisch, wen sie mit heimbrachte. Aber Helen hat es geschafft, sich zu ändern, und schließlich mit dem Trinken aufgehört. Mit Teenies Mom beruhigte sich auch Teenie.«

So hatte mir das Sybil bei unserem zweiten Treffen allerdings nicht erzählt. Ich beschloss, mir das für die Zukunft gut zu merken.

»Wie kommen die Kunden auf Sie?«, fragte er mich.

Ich saugte fest an meinem Strohhalm und wunderte mich über den abrupten Themenwechsel. Der Milchshake war lecker, aber es war ein Fehler gewesen, an einem so kühlen Tag ein Kaltgetränk zu wählen, und erst recht, wenn man barfuß ist. Ich fröstelte.

»Hauptsächlich über Mundpropaganda. So bin ich auch hierhergekommen. Terry Vale hat auf irgendeiner Konferenz von mir gehört. Leute, die bei der Stadt oder einer Behörde arbeiten, gehen viel zu Konferenzen und schicken einander E-Mails. Außerdem gab es in ein oder zwei Fachzeitschriften Artikel über mich.«

Er nickte. »Sie können wohl schlecht Anzeigen schalten.«

»Manchmal tun wir auch das. Es ist allerdings schwer, die richtigen Worte zu finden.«

»Das kann ich mir vorstellen.« Er lächelte widerwillig. Dann fragte er plötzlich überraschend heftig: »Sie … Sie spüren sie einfach?«

Ich nickte. »Ich erlebe ihre letzten Minuten, wie in einem winzigen Videoausschnitt. Würden Sie bitte die Heizung anmachen?«

»Ja, sofort, wenn wir fahren.« Eine Minute später hatten wir den Sonic-Drive-in verlassen und fuhren durch das winzige Städtchen Sarne.

»Wie viele Polizeieinsatzkräfte gibt es hier?« Ich versuchte höflich zu sein. Ich spürte, dass Hollis sich Gedanken machte, die sich zunehmend überschlugen.

»Sie meinen Vollzeit, außer mir? Im Moment sind das der Sheriff und noch zwei Hilfssheriffs.«

»Nicht gerade üppig.«

»Nicht zu dieser Jahreszeit. Im Moment kommen nur Touristen, die das Herbstlaub bewundern wollen. Das sind alles ziemlich friedfertige Leute.« Hollis schüttelte den Kopf. Manche Menschen nahmen sich extra dafür frei, um ein paar tote Blätter anzuschauen. »In der Sommersaison stellen wir noch sechs Teilzeitkräfte zusätzlich ein. Für Verkehrskontrollen und so was.«

Hollis Boxleitner verdiente bestimmt nicht gerade viel. Er wirkte noch jung und schien recht intelligent zu sein. Was hatte er bloß in diesem gottverdammten Sarne verloren? Na gut, das ging mich im Grunde nichts an, trotzdem war ich neugierig.

»Ich habe hier das Haus meiner Eltern geerbt«, sagte er, als könne er Gedanken lesen. »Sie kamen bei einem Verkehrsunfall ums Leben, ein Zusammenstoß mit einem Forstfahrzeug.« Als ich ihm sagte, wie leid mir das täte, nickte er. Zum Glück wollte er nicht darüber reden. »Ich jage und angle gern, und ich mag die Leute hier. Im Sommer helfe ich meinem Schwager ein bisschen, er bietet Raftingtouren an und vermietet Boote an Touristen. Drei Monate arbeite ich mehr oder weniger rund um die Uhr, aber so kann ich wenigstens ein bisschen was sparen. Und was macht Ihr Bruder, wenn er Ihnen nicht gerade hilft?«

»Er ist immer bei mir.«

Hollis sah aus, als schlucke er höflich seine Verachtung herunter. »Und das ist alles?«

»Das reicht.« Allein beim Gedanken, alles allein managen zu müssen, bekam ich die Krise.

»Und wie viel verlangen Sie so für Ihre Dienste?«, fragte er, während er den Blick auf die Straße gerichtet hielt.

Ich konnte nur hoffen, dass das keine Fangfrage war. Ich schwieg.

Es dauerte ein wenig, bis Hollis das Schweigen sichtlich unangenehm fand, länger als bei den meisten Menschen.