Graffiti Palast - A.G. Lombardo - E-Book

Graffiti Palast E-Book

A.G. Lombardo

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Beschreibung

Los Angeles, 1965. Die Stadt brennt. Die Wut der Unterdrückten bricht sich ungezügelt Bahn. Auf seiner gefährlichen und rauschhaft-jazzigen Odyssee durch die Stadt liest Americo Monk im Aufstand der Zeichen die Zeichen der Revolte. Heruntergekommene Wohnblocks, verwitterte Werbetafeln, Hoodoo-Altäre an Häuserecken, Schnapsläden und Barbershops. Americo Monk, Semiotiker und Stadtforscher, ist in den Ghettos von Los Angeles unterwegs. Er dokumentiert die Graffiti der rivalisierenden Gangs und erzählt die Geschichten der Bevölkerung. Sein prall gefülltes Notizbuch enthält wertvolles Wissen, eine geheime Kartografie der Macht, und alle haben es darauf abgesehen: die strammen Soldaten der Nation of Islam, die chinesischen Gangster in den schummrigen Opiumhöhlen, die bis an die Zähne bewaffneten Mexikaner mit dem leuchtend weißen Marihuana und die Cops vom LAPD. Als die Polizei wieder einmal willkürlich und mit brutaler Gewalt zwei Schwarze festnimmt, brechen die Aufstände von Watts aus. Monk irrt von einer surreal-albtraumhaften Begegnung zur nächsten, doch zu Hause am anderen Ende der Stadt wartet seine schwangere Freundin Karmann Ghia auf ihn und macht sich größte Sorgen. Wird es ihm gelingen, sie wiederzusehen? A.G. Lombardo zeichnet das vielschichtige Porträt einer Stadt in Revolte, in dem Mythologie, Popkultur und urbane Legenden verschmelzen. Gleichzeitig erzählt er die Geschichte der Schwarzen in den USA, die sich in den Ghettos verdichtet. Ein sprachlich und rhythmisch umwerfendes Debüt.

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Zum Buch

Los Angeles, 1965. Die Stadt brennt. Die Wut der Unterdrückten bricht sich ungezügelt Bahn. Auf seiner gefährlichen und rauschhaft-jazzigen Odyssee durch die Stadt liest Americo Monk im Aufstand der Zeichen die Zeichen der Revolte.

Heruntergekommene Wohnblocks, verwitterte Werbetafeln, Hoodoo-Altäre an Häuserecken, Schnapsläden und Barbershops. Americo Monk, Semiotiker und Stadtforscher, ist in den Ghettos von Los Angeles unterwegs. Er dokumentiert die Graffiti der rivalisierenden Gangs und erzählt die Geschichten der Bevölkerung. Sein prall gefülltes Notizbuch enthält wertvolles Wissen, eine geheime Kartografie der Macht, und alle haben es darauf abgesehen: die strammen Soldaten der Nation of Islam, die chinesischen Gangster in den schummrigen Opiumhöhlen, die bis an die Zähne bewaffneten Mexikaner mit dem leuchtend weißen Marihuana und die Cops vom LAPD.

Als die Polizei wieder einmal willkürlich und mit brutaler Gewalt zwei Schwarze festnimmt, brechen die Aufstände von Watts aus. Monk irrt von einer surreal-albtraumhaften Begegnung zur nächsten, doch zu Hause am anderen Ende der Stadt wartet seine schwangere Freundin Karmann Ghia auf ihn und macht sich größte Sorgen. Wird es ihm gelingen, sie wiederzusehen?

A.G. Lombardo zeichnet das vielschichtige Porträt einer Stadt in Revolte, in dem Mythologie, Popkultur und urbane Legenden verschmelzen. Gleichzeitig erzählt er die Geschichte der Schwarzen in den USA, die sich in den Ghettos verdichtet. Ein sprachlich und rhythmisch umwerfendes Debüt.

Über den Autor

A. G. Lombardo stammt aus Los Angeles und ist dort Lehrer an einer High School. „Graffiti Palast“ ist sein erster Roman.

A.G. Lombardo

GRAFFITIPALAST

Roman

Aus dem Amerikanischenvon Jan Schönherr

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

 

 

 

 

Für Echo

 

 

 

Wir müssen uns immer wieder zu den majestätischen Höhen erheben und physische Gewalt mit der Macht der Seele konfrontieren.

DR. MARTIN LUTHER KING, JR.

Blackbirds singing in the dead of nightTake these broken wings and learn to fly.

LENNON / MCCARTNEY

Falls Amerika jemals große Revolutionen erlebt, so werden sie durch die Anwesenheit der Schwarzen auf dem Boden der Vereinigten Staaten herbeigeführt; das heißt, das nicht die Gleichheit der Bedingungen, sondern im Gegenteil ihre Ungleichheit sie hervorrufen wird.

DE TOCQUEVILLE, 1831

1

DER HIMMEL BRENNT, eine endlos flimmernde Fläche. Doch es ist nur der Sonnenuntergang, eine weitere Probe für ein verheißenes Inferno. Das vergehende Licht umreißt eiserne, rostglänzende Türme: riesige Stapel, Zikkurats aus Stahl, Frachtcontainer, dicht gedrängt am Rand der Mole, ein fragiles Gleichgewicht über dem Rubinfunkeln des Pazifiks.

Karmann Ghia wendet sich ab vom ertrinkenden, kupfernen Licht, in dem jeder Wellenschlag des Ozeans wie eine kleine Flamme aufzüngelt und gleich wieder erlischt. Ohne ihn ist die Welt ein Scheiterhaufen – wann kehrt er zurück? Sie geht über die obere Matson-Aussichtsplattform, streicht, streichelt über ein stählernes Geländer, das Monk letztes Jahr geschweißt hat. Weiße Plastikstühle und ein Tisch schieben sich durch abendrote Schatten. Unten schimmern auf ein paar alten Containern noch verblasste Logos durch ein Geflecht aus Rost, Salz und vertrockneten Seepocken: Sea-Land, Pacific, Matson, Westcon, Yang Ming, Ramjac, Evergreen, Pan-IC (»International Carrier«). Eine Stadt aus Stahlwaben, ein Gitternetz am Hafen, mal gestapelt wie die Treppe eines Riesen, schwerelose Stufen hinauf zum blank polierten Sonnenuntergang, mal kreuz und quer geschichtet; manche schräg, fast umgekippt von längst schon demontierten Schiffsauslegern und Kränen. Wie ein metallener Kaninchenbau ragen die Stahlklötze auf der stillgelegten Landungsbrücke 13 in die versmogte Dämmerung des Hafens von Los Angeles. Die vernagelte Fassade der Crescent Warehouse Company am East Channel verdeckt die meisten Container; jenseits des Schutzwalls dieser Lagerhäuser und dem giftig-ölig schimmernden Kanal liegt die Stadt: Nur hier und da flirren ferne Gebäude und Freeway-Schleifen im Dunst.

Sie geht die eisernen, an die rostige Außenwand eines Containers geschweißten Stufen hinab, die Hand an dem Geländer aus dünnem Rohr, das Monk gebogen und an die improvisierte Treppe geschweißt hat. Schummrige Korridore schlängeln sich durchs Labyrinth der Stahlboxen: ineinanderfließende Lücken zwischen den Containern, offene Frachttüren, von Schneidbrenner und Rost geschlagene Breschen. Es gibt Seile, Leitern, gestapelte Paletten, entwendete Bootsrampen, unerlaubterweise angeschweißte Stahlsprossen und Handgriffe, Ein- und Ausgänge, doch all diese Anzeichen menschlicher Behausung wurden vor der Stadt im Nordwesten sorgfältig verborgen.

Karmann verschwindet in eine offene Ladetür, steigt durch eine schweißgebrannte Luke auf eine Treppe, hinab ins finstere Geflecht der Eisenkammern. Kabel mit Glühbirnen schlingen sich über Frachthaken und durch kleine Löcher, tauchen Karmanns schwarze Haut in Regenbogen aus Gelb, Grün und Dunkelblau; in der Hoffnung auf etwas festliches Feeling hat sie ein paar gefärbte Birnen eingeschraubt, doch jetzt kommt ihr das Licht grell und zirkushaft vor; vielleicht liegt das auch nur an ihrem Gemütszustand.

Jetzt ist sie in den Haupträumen: eine Reihe von Kammern, erweitert durch gähnende Ladetüren. Container wurden aufgerissen und in befremdlichen Winkeln verschweißt. Durch den Stahl gebrannte Fenster gewähren Blicke in andere Container oder auf das smogblaue Kontinuum von Kanal und Himmel. Ein altes Sofa, Tische, schummrige Lampen. Schwarz-weiße Schatten flackern aus dem Philco-Fernseher, auf dem gerade Elizabeth Montgomery in Verliebt in eine Hexe die Nase kräuselt. Stumm gestellt hängt das Ding an Bindedraht von einem Deckenhaken in der Ecke, die schiefen Antennen sind mit Draht umwickelt, der sich die geriffelten Stahlwände emporschlängelt, um ein Signal, wenn auch ein schlechtes, zu empfangen. Ein paar von Monks Freunden drücken sich herum, trinken Brew 102, Pabst oder etwas von Karmanns Electric-Purple-Limonade aus der Glasschüssel auf dem Esstisch und rauchen Zigaretten – nur Slim-Bone hat, drüben bei den mit zerfledderten Taschenbüchern gefüllten Regalen aus alten Fischkisten, gerade einen Joint angezündet. Das Geplapper hallt von den Stahlwänden wider, sodass all die Stimmen klingen, als kämen sie aus einem scheppernden Verstärker. Sie dringen in Karmanns Kopf wie eine dieser Migränen, die erst nach einem Tag, einer Flasche Wein und einer Schachtel Zigaretten abklingen. Auf einer umfunktionierten Krebsreuse steht der Plattenspieler, ein kratziger Miles Davis rifft »Boplicity«. Billige, tragbare Ventilatoren blasen Rauch hinaus durch Fenster, offene Luken und in die Wände geschnittene Lüftungsklappen. Weitere Gäste tauchen überall auf wie enternde Piraten. Männer und Frauen wanken über Leitern und Planken, schlängeln sich an Knotenseilen herab, steigen über Kistentreppen, lachen, schwatzen, tragen Weinflaschen und Teller voll Hühnchen, Rippchen und Maiskolben. Irgendwo in der Hood läuft immer eine Rent-Party, und heute sind Monk und Karmann an der Reihe. Man teilt Essen und Getränke, stopft ein paar Dollar – sofern man sie entbehren kann – in das Goldfischglas auf dem Tisch, neben dem Stapel geldgrüner Einladungskarten. Gerade genug, um einen durch den Monat zu bringen. Zwar zahlt Monk keine Miete, denn von Box Town hat kein Vermieter je gehört, aber das Geld finanziert Essen und Benzin, Wein und Zigaretten, Platten und Haftkaution, und ein paar Scheine kommen auf die hohe Kante, für Freunde in Notlagen.

»Hi, Slim-Bone«, ruft ein Neuankömmling, ein junger Mann in lila Seidenhemd, als er seine grüne Karte auf den Stapel wirft:

Zieht nicht an den Stadtrand, Leute

Kommt und trefft die hippe Meute

Party bei Monk und Karmann

Samstag. Neueste Scheiben. Erfrischungen.

Die Rent-Party pulsiert durch die eisernen Waben: Paare schäkern auf ausgebauten Autorückbänken, tanzen zu plärrendem Motown-Sound aus Radios, klettern auf Containerdächer, um auf den Sonnenuntergang anzustoßen, oder steigen hinab in tiefere Ebenen, wo alte Matratzen und Kissenstapel in dunklen Ecken wie stumme Vertraute die neuen Gerüche, Abdrücke und Flecken ihrer Liebenden erwarten. Die Glühbirnen blinken und flackern mit abgezapftem Strom vom Hafennetz, das sich zwischen den Werfttrafos durch unterirdische Gewölbe ästelt, durch Pforten und unter den Gangways ausrangierter Kriegsschiffe im Trockendock: Lichteffekte wie in einer Disco, Regenbogenblinken erhellt schweißbeperlte Gesichter, in durchsichtigen Plastikbechern schwappenden Rotwein, schwarz glänzende Afros, silbrige Schwaden Zigarettenrauch, lila Eyeliner, Gold- und Silberketten, die aus feuchtem Brusthaar unter halb offenen Seidenhemden schimmern.

»Hey, Karmann.« Sie runzelt die Stirn: Felonius, einer von Monks zwielichtigeren Freunden, stolziert breitbeinig auf sie zu. Lamar, jetzt schon völlig stoned, schlurft hinterdrein und gafft sie an, sein stets irgendeinen konfusen Drogenmonolog brabbelnder Mund verzieht sich zu einem blöden Grinsen. Licht spiegelt sich funkelnd in seiner dunklen Sonnenbrille und auf dem fettigen, zurückgegelten Haar.

»Du lebst wie ne Witwe, dein Monk ist ja nie da.« Wie immer saugt Felonius’ Goldzahn erst Karmanns Blick und dann all ihre Gedanken an, bis der Rest von Felonius sich auflöst und nur das glänzende Nugget übrig bleibt, das blitzend auftaucht und verschwindet, wann immer seine Oberlippe sich davorschiebt.

»Eine schwarze Witwe?« Karmann grinst. Hinter ihr spricht stumm Präsident Johnson, blickt vom Fernseher hinab auf die Party, dann ein Bildrauschen, gefolgt von körnigen Aufnahmen von Huey-Helikoptern, die über Reisfeldern schweben.

»Könntest locker nen Besseren abkriegen, Girl.« Er reißt den Ring von einer Dose Pabst und gießt das Bier schäumend in einen Plastikbecher. »Den alten Felonius zum Beispiel. Ich bin Community-Aktivist …«

Lamar nickt, verkriecht sich in ein murmelndes Selbstgespräch.

»Ach, so nennt man Arbeitslose heutzutage?« Karmann lacht, trinkt einen Schluck Wein.

»Ooooh, eiskalt, Baby!« Felonius grinst, der Goldzahn blitzt. »Bei mir würdest du in Ringen und Reichtümern baden«, sagt er, streift ihr den Dosenring auf den kleinen Finger.

»Nimm besser selber mal ein Bad. Aber in Wasser.« Karmann grinst, lässt den Dosenring in seinen Becher plumpsen und bahnt sich ihren Weg zum Plattenspieler, um eine andere Platte aufzulegen. Sie setzt die Nadel auf ein neues Album, das eins der Mädchen mitgebracht hat, und Sam Cookes »Little Red Rooster« hallt durch den Raum. Marcus und seine Freundin Dalynne tauchen mit einer Flasche Wein aus dem Dunst auf. »Wann kommt Monk nach Hause, Süße?« Dalynne schenkt Karmann nach.

»Der kommt, wenn er kommt.« Dalynne und Marcus sind schon stoned, ihre schwarzen Augen verschrumpelt wie Rosinen in der Sonne.

»Auf Graffitijagd, hm?« Marcus schüttelt den Kopf. Sein grau melierter Bart hängt buschig bis zum Bauch. »Was studiert der da noch mal? Zeichologie?«

»Semiotik. Die Lehre von den Zeichen.« Ihr Monkey, monk und key, Mönch und Schlüssel, ein Adept auf der Suche nach den Schlüsseln für sämtliche Wegzeichen, ein Eremit, verloren in einer profanen Welt.

»Zeichen? Stoppschilder und so was?« Dalynne lacht, ihr geglättetes, fransiges Haar wippt auf ihren Schultern. »Girl, wie soll der’s je ausm Getto schaffen, wenn er dauernd bloß Schilder anglotzt?«

»Sowieso egal, wir sind die vierte Generation.« Karmann seufzt: Marcus predigt mal wieder. »Vor vier Generationen hat Lincoln die Sklaven befreit, das reicht nicht. Nach meinen Berechnungen brauchts mindestens zehn. Unsere Zukunft ist noch immer die von Sklaven. Wir schmeißen diese Partys, weil man uns nie beigebracht hat, wie man seine Kohle zusammenhält. Früher hat uns das der Plantagenladen abgenommen. Wir verlassen unsere Frauen, Freundinnen und Babys, weil früher der Boss unsere Familien auseinandergerissen und uns sonst wohin verkauft hat. Monk hat das bloß noch nicht geschnallt.«

»Hör besser auf zu schwafeln, sonst wirst du gleich verlassen«, blitzt Dalynne ihn an.

»Darum braucht jeder Brother so viele Frauen und Babys in der ganzen Stadt. Alter Sklavenreflex, weil der Massa sie einem wieder wegnimmt …«

»Bullshit!« Dalynne verschüttet Wein. »Ihr schwarzen Typen seid auch nicht besser als die anderen, könnt die Schwänze nich in der Hose behalten!« Sie nimmt Marcus die Flasche weg, doch statt sie ihm über den Kopf zu ziehen, stolziert sie davon in die Rauchschwaden.

»Hi, Mann.« Lil’ Davey – fast zwei Meter groß – nickt runter zu Marcus und schlappt zum Radio.

»Siehst du? Überall ist das.« Marcus runzelt die Stirn, rückt dichter an Karmann heran. »Brothers nennen sich gegenseitig ›Mann‹, weil die Whiteys uns früher Boy genannt haben … und jetzt sagens auch die Hippies: Mann dies, Mann das. Der Nigger wird immer abgezogen, mit der Musik ists dasselbe … Zehn Generationen, Monk kapiert das früher oder später auch noch. Widerstand zwecklos.« Karmann hat inzwischen einen Teil des Schmutzes in Marcus’ Bart katalogisiert: verkrusteter Senf, Zigarettenasche, Weintropfen, Avocado-Dip, Kekskrümel. »Weißt du, Karmann«, fährt Marcus fort, wiegt die Hüften zu den Four Tops, »wenn ich in deiner Nähe bin, dann kann ich auch nich anders. Zwiebelring?«, fragt er, wedelt ihr mit einem der fettigen Dinger vor der Nase herum. »Wir könnten ja mal, ähm, tanzen.« Mit einem gelben Fingernagel streift er ihr über den Unterarm, drückt sich an sie, löscht mit dem struppigen Bart den Rest der Welt aus.

»Keine Zeit.« Sie schlüpft an ihm vorbei, schlängelt sich eilig durch Rauch und Tänzer. Endlich ist sie bei Dalynne, die unverwandt durch eins der Fenster in der Eisenwand blickt, die Arme schützend vor der Brust gekreuzt. »Süße, mach dir nichts draus.« Karmann legt ihr die Hand auf die Schulter.

Dalynne dreht sich um, die Augen rot geweint. »Der ist so’n Schwein.« Karmann nickt, nippt Wein. »Ich brauch auch ’n guten Kerl, so einen wie Monk.«

»Der ist nie da«, erwidert Karmann. »Vielleicht überlegt er, gar nicht mehr zurückzukommen.«

»Sag so was nicht! Der liebt dich mehr als je zuvor, ihr habt so ’n Glück.« Dalynne wischt eine Träne fort. »Schau dich nur an … man siehts noch fast gar nicht.«

Karmann lächelt, zündet sich eine Zigarette an und schüttelt Dalynne eine aus der Schachtel.

»Wie gehts dir so?« Dalynne hält ihre Zigarette ans Streichholz, dann bläst Karmann es aus und wirft es durchs Fenster in den dunklen Hafen.

»Ganz gut, nur morgens ist mir ’n bisschen übel.«

»Rauchst und trinkst du nicht zu viel?«

»Der Arzt sagt, Wein und ’n paar Zigaretten sind gut gegen den Stress.«

»Is das ’n weißer Arzt?« Beide lachen. »Tritt er schon?« Sanft legt Dalynne die Hand auf Karmanns fast unmerklich gewölbten Bauch – und zieht sie schnell wieder zurück. Einen Anflug von Scham oder Neid in den Augen, trinkt sie einen Schluck Wein.

»Noch nicht. Woher weißt du, dass es ein er ist?«

Dalynne lacht. »Weiß ich gar nicht. Bald spürst du die Tritte. Wie weit bist du? Vierter Monat?«

»Plus drei Wochen.«

»Wow, dann spürst du ihn bald. Meine Mutter sagt, wenn man jeden Tag ne Banane isst, wirds ’n Junge.«

Sie lachen und trinken. »Ernsthaft. Bananen, wenn du ’n Jungen willst, Zitronen für ’n Mädchen.« Karmann fühlt sich schon besser. »Weißt du was? Nachher gehen wir rauf in dein Zimmer. Nein, warte, ich meins ernst. Hab ich auch von Mama. Du legst dich hin und machst deinen Bauch frei. Dann binden wir nen Bleistift an ne Schnur, und ich halt ihn dir über den Bauch. Wenn der Stift wackelt, wirds ’n Mädchen, wenn er einfach grade runterhängt, ’n Junge.« Mehr Gelächter. »Ich schau mal, wo Marcus steckt.« Sie umarmt Karmann und zieht los.

Karmann seufzt und geht durch eine Luke Richtung Küche. Eine Kistentreppe führt hinab in den extragroßen Sea-Land-Container, wo sich ein Knäuel Gäste um einen Zenith-Fernseher schart, der wacklig auf einer ein Meter achtzig hohen, an die Wand gelehnten Krebsreuse steht. Sie reden, trinken, rauchen, essen Hühnchen von fettigen Papptellern. Auf dem flackernden Röhrenbildschirm albern Amos ’n’ Andy, doch ihre Lippen bewegen sich stumm, der Ton ist aus: Amos’ schwarzes Gesicht wirkt aufgedunsen unter dem weißen, verschwitzten Fedora, Andy greift geistesabwesend nach ein paar Spielwürfeln neben einer Schale Minzbonbons, kaut, verzieht das Gesicht, hustet. Seine Augen quellen aus dem schwarzen Gesicht wie weiße Eier.

»Ich sags euch, die Schauspieler sind Cracker«, sagt jemand hinter Karmann. »Die schmieren sich das Gesicht bloß mit schwarzer Schuhcreme ein.«

»Quatsch«, sagt jemand anderes. »Die sind schwarz und basta.«

»Im Radio warn sie weiß, sagt meine Mutter.«

»Weißt du, was sie mir gestern gesagt hat, deine Mutter? ›Ooh, ja, genau da.‹« Gelächter, Fluchen. Jemand tanzt vorbei, ein Transistorradio halb im Afro vergraben, Little Anthony und die Imperials schmalzen »Take Me Back«. Amos ’n’ Andy weichen Walter Cronkite und den Nachrichten, hinter ihm das schwarz-weiße Zyklopenauge von CBS. Der Schriftzug CBS NEWS LIVE kriecht immer wieder unten am Bildschirm entlang, halb verborgen in weißem Rauschen. »Hey, macht mal lauter.« … lungen in Vietnam beteiligen. Ich wiederhole, heute Nachmittag, drei Uhr Eastern Standard Time, hat das Pentagon erstmals offiziell verlautbart, dass amerikanische Truppen sich aktiv an Kampfhandlungen in Vietnam beteiligen … Rauch aus Cronkites Pfeife rankt sich um das Zyklopenauge, das aussieht, als blicke es auf die Feiernden hinab. Wir schalten zu unserem Korrespondenten in Washington …

»Wow, Karmann, umwerfend siehst du heute aus.« Cooky, der sich im rauchigen Licht der bunten Glühbirnen wiegt, lang und hager, wie ein Baum mit einer sauber gestutzten schwarzen Krone aus einem beachballgroßen Afro. Cooky, wegen der Unmengen von Keksen, die er jeden Tag verzehrt, Hunderte, eine übermenschliche Sucht nach Zucker, Nebenwirkung seiner düstereren Abhängigkeit von Heroin. »Cooky hier vernaschst du besser gleich, bevor er noch in diesen Krieg in Vietnam zieht.« Er raucht Kette, Lucky Strike.

»Ach Cooky, du bist doch bloß ne Bohnenstange mit Milchknochen.« Karmann lacht. Sind hier eigentlich alle stoned? Wieso schmeißen sich alle derart an sie ran? Felonius, Marcus, Cooky, nur unschuldiges Flirten, sonst nichts, der Wein hilft langsam gegen die Kopfschmerzen. »Im Leben gehst du nicht für die Weißen in den Krieg. Ein Blick, und die mustern dich sofort als 4–F aus.«

»Steht das für vier Ficks? Welche Tussi hat dir von meinem Stehvermögen erzählt?« Der grinsende Cooky nimmt einen Schluck aus der Tequilaflasche, die er aus Monks Schnapsschrank stibitzt hat – seine Ersatzdroge, wenn er kein Smack mehr hat. »Ich würd schon kämpfen, wenn ich ’n richtiger Amerikaner wär, aber wir Nigger kriegen ja nich mal volle Bürgerrechte.« Er bläst Rauch aus. »Ich kann das System nicht sehen, weil das System den schwarzen Mann nicht sieht. Das Einzige, wozu mich einer einberuft, ist ne Runde Pool unten bei Willie’s.« Lachen, Prusten, noch ein Schluck bernsteinfarbener Tequila, dann wischt er sich mit einem Paisley-Ärmel über den Mund, hält ihr die Flasche an die Lippen. Ein undurchdringliches Leuchten in seinen Augen wirft sie etwas aus der Bahn. Er bläst einen perfekten blauen Rauchring, der zwischen ihnen schwebt.

»Nein danke.« Jetzt klauen sie Monk schon den Schnaps. »Sorry, Cooky, ich muss Hühnchen servieren.« Karmann drückt sich an weiteren Gästen vorbei durch den Marihuanadunst, der jetzt den Zigarettenrauch verdeckt, dicke, graue Schwaden rings um die Container. Mit pochender Migräne trinkt sie ihren Wein aus, zündet sich eine Kent an. Der Pesthauch aus Gras und Tabak, Schweiß und Schnaps, Räucherstäbchen und frittiertem Hühnchen hat sich vorläufig über die absonderlichen, internationalen Duftnoten der Frachtcontainer gelegt, über all die Gerüche, an die sie sich im Lauf der Monate gewöhnt hat, deren exotisches Spektrum den unvorbereiteten Geruchssinn aber dennoch fordern können: Spuren davon hängen immer noch in sämtlichen Containern, lassen Häfen auf der ganzen Welt erahnen. Lachs aus Alaska, Rohöl aus dem Jemen, Alkaloid-Rückstände einer Ladung Transistoren aus Peking, brasilianische Bananen, Ananas von Oahu, Good-year-Reifen, Schokolade, Kunststoff, Pökelfleisch, Düngemittel, Motoren aus Detroit, Fässer voller Tierfett, kolumbianischer Kaffee, bündelweise Frühlingszwiebeln, Holz aus Oregon, Melasse … eine Melange der Düfte, stärker als jedes Pharmazeutikum, ein wahres Glücksrad olfaktorischer Reizüberflutung, die jeden verändert, der diese Kammern betritt: Man wird gepackt von Verzweiflung, Wahn, Ekstase, Ungestüm, Erotik, Langeweile, Angst, metaphysischer Entfremdung, Frieden und von Gefühlen, die weder Karmann noch Monk beschreiben können … und dann sind da noch die wenigen zugeschweißten Container, in die sie niemals einen Fuß zu setzen wagen würden …

Endlich am Küchentisch angelangt, zündet sie noch eine Zigarette an, schenkt sich Wein nach. Wo zur Hölle steckt bloß dieser Monk? Irgendwo da draußen in der Stadt, auf der Flucht vor all dem hier, vor seiner Freundin und dem Baby. Verdammt, da kommt Maurice – Fallouja Awahli, seit er Moslem ist – und schüttelt missbilligend den Kopf: scharf gebügelter schwarzer Anzug, gestärktes weißes Hemd, schwarze Fliege, am Revers eine goldfunkelnde Nadel mit der Gravur FOI, für Fruit of Islam. »Meine liebe Karmann – oder soll ich dich besser Rosalinde nennen?«

»Wie?« Karmann sieht sich nach einem Fluchtweg um, hofft, dass eine der Frauen rüberkommt und sie wegzieht.

»Rosalinde, die vergeblich auf ihren Romeo wartet, während der sich gerade in Julia verliebt. Warum vergiftest du dich mit Alkohol und Tabak?«

»Mein Geist ist eben schwach, Maur… Fallouja.« Karmann nimmt einen Schluck Wein, versucht, ihm den Rauch nicht direkt an die braune Stirn zu blasen.

»Dein Leib ist ein Tempel, du solltest deinen schwarzen Schwestern mit gutem Beispiel vorangehen. Wir alle müssen unseren Leuten ein Vorbild sein.« Ein Tempel, in dem jemand wohnt, denkt sie müde lächelnd. Er spricht leise, kultiviert, sanft, hat jedoch stets ein Grinsen im Gesicht, das sein priesterhaftes Wesen etwas ausgleicht.

»Ich weiß, ich weiß«, seufzt Karmann. »Außerdem lebe ich in Sünde.«

»Stimmt. Monk sollte dich heiraten. Ich hoffe, eines Tages legt Gott seine schützende Hand auf dich und segnet dich mit vielen Kindern, die unseren Leuten Macht und Ehre bringen.« Karmann beißt sich auf die Unterlippe, lächelt. »Nur so können wir aus der Asche auferstehen.«

»Ich wusste gar nicht, dass wir in der Asche liegen«, sagt sie, schnippt beiläufig an ihrer Zigarette, sieht zu, wie die Asche auf den Stahlboden segelt.

»Verzeih mir, dass ich so offen spreche, Karmann, aber du brauchst einen guten, aufrechten, frommen Mann … einen Moslem … Weißt du, ich kenne Monk seit unserer Kindheit, und … na ja, er ist immer in tausend Richtungen gleichzeitig unterwegs. Er weiß einfach nicht, wohin er will.«

»Ja, er ist verlorn, sucht nach ’m Zeichn.« Sie trinkt den Wein aus: Immer wenn sie anfängt, Silben zu verschlucken, weiß sie, dass sie betrunken ist. Er hat recht, Monk hat tatsächlich oft verrückte Ideen: einen Lastkahn kaufen und mit den Containern raus in internationale Gewässer fahren, um sich unabhängig zu erklären, Pässe auszustellen und aus Boxville eine Offshore-Steueroase und ein schwimmendes Casino zu machen. Ihr wird schwindlig, die Migräne pocht ohne Gnade. »Sorry, muss mal ins Bad.«

Hinter ihr steht Felonius, lässig in den Rahmen einer Luke gelehnt, den Hörer von Karmanns Wandtelefon am Ohr. »Ach komm schon, Baby, komm vorbei … Scheiße.« Er lässt den Hörer fallen, wankt davon, der Hörer schwingt wie ein Pendel hin und her, schlägt an die Metallwand. Bitte legen Sie auf und wählen Sie eine neue Nummer … Bitte legen Sie auf und wählen Sie eine neue Nummer …

Über einen weiteren Kistenstapel taumelt sie hinab in einen blau gestrichenen Cronos-Container. Eine Glühbirne taucht den Raum in blassgoldenes Licht. Ein gesprungener Spiegel an der Wand reflektiert die aus einem alten Frachtschiff entwendete marinegraue Toilette. Nadine, eine eher hellhäutige Freundin in enger, schwarzer Schlaghose, pudert sich vor dem Spiegel die Wangen. »Seh dich oben, Süße.« Sie lächelt, wirft Karmann einen Kuss zu, dann klackern ihre High Heels hallend davon. Neben dem alten Stahlwaschbecken glimmt ein Räucherstäbchen. Der Wasserkasten hinter dem Klo hat keinen Deckel, eine Spülung gibt es nicht, nur die Schwerkraft befördert alles hinab in den Pazifik: Der Kasten ist stattdessen angefüllt mit frischen Wildblumen und alten Zeitungen, die Monk sorgfältig zu Klopapier zurechtgeschnitten hat. Karmann nimmt einen der Fetzen in die Hand. Gestorben: Margaret Dumont, romantische Heldin in den Filmen der Marx Brothers. In zahlreichen Filmen der Komikertruppe spielte sie die aristokratische Witwe, die sich des Liebeswerbens der Brüder – vor allem Grouchos – erwehren musste, während diese im tollpatschigen Wettstreit um ihre Gunst lagen. Ein offener Durchgang gibt zwischen gänsegeblümten Vorhängen den Blick frei auf die Fassade des Crescent Warehouse. Eine verriegelte Luke in der Nähe der grauen Marinetoilette, links und rechts davon ein Liegestuhl mit den Buchstaben USND für United States Naval Detachment. Karmann löst die Bolzen an den Laschen, klappt die rostigen Ringe um und stemmt die schwere Stahltür auf. Dahinter plätschert glitzernd der Pazifik. Sie lässt sich auf eine Liege fallen, zündet sich noch eine Kent an, blickt hinab in die spiegelnde Flut, hinüber zum leeren Stuhl. Wo ist er? Unten schlagen die steigenden Wellen. Ein tiefes, metallisches Stöhnen bebt durch die stählerne Kammer, die Strömung zieht, drückt, reibt an den Pylonen irgendwo tief unter dem Containerlabyrinth. Finster blickt sie auf die leere Liege, eine Königin, die auf die Rückkehr ihres Königs wartet. Schöner König. Wieso lässt er sie so oft allein? Zieht los auf seine sonderbaren Rundgänge, mit seinem komischen Notizbuch und den Graffiti-Zeichnungen. Manchmal ist sie so wütend, fühlt sich so leer. Vielleicht kommt er diesmal nicht zurück … das Baby, alles am Ende doch zu viel. Schluss damit, hör auf, an ihm zu zweifeln. Hoffentlich schwingt er bald seinen schwarzen Arsch hierher. Mit ihrem Kopf dreht sich die ganze Welt im Kreis: Seine sogenannten Freunde klauen ihm den Schnaps, fressen und feiern, wollen ihm sogar die Frau ausspannen, bieten ihr improvisierte Ringe und Versprechen dar. Besser, er kommt schnell nach Hause. Karmann lässt die Zigarette in den glitzernden Schlund fallen, die Glut leuchtet rot auf, verschwindet zischend im Meer. Sie wird warten, und Monk wird wiederkehren, er ist ein Guter: Wenn einer die Zeichen lesen und nach Hause finden kann, dann Monk. Ja, sie wird warten. Nicht geduldig strickend, denn Stricknadeln besitzt sie nicht, aber eine Plattennadel hat sie, und sie wird all ihre Platten auflegen, Song für Song ineinanderweben bis zu seiner Rückkehr.

2

AMERICO MONK STEHT AN DER ECKE und betrachtet die Ampel: Tief in ihren stahlbeschirmten Fassungen folgen die Lichter dem programmierten Ablauf, grün, gelb, rot, doch etwas stimmt nicht; das Rot flackert dunkel, so als hätte Edison, unfähig, das Netz im Getto noch unter Kontrolle zu halten, knisternde vierte Zeichen in den Hoods installiert. Da springt die Ampel auf Grün. Jetzt erkennt Monk die Amsel, die in ihrem unter den Schirm geflochtenen Nest die Flügel spreizt.

Er überquert die San Pedro Street, nimmt die 112th Street Richtung Osten. In der untergehenden Sonne wirken seine abgelatschten roten Keds dunkelorange. Strommasten und heruntergekommene, lachsfarbene Häuser flankieren eine Seite der Straße. Sämtliche Fenster und Türen stehen offen, kapitulieren vor der schwülen, stehenden Hitze. Monk passiert einen Schnapsladen und einen Friseursalon. Drei Männer kauern auf dem Bordstein, trinken Bier aus braunen Papiertüten. Ein kleines Mädchen strampelt barfuß auf einem Dreirad vorbei, ihr Spiegelbild huscht über Monks dunkle Sonnenbrille wie eine kleine Elfe. Ein träger, zäher Sommer. Muttertag – der Fünfte des Monats, wenn die Schecks vom Sozialamt kommen – ist ein Weilchen her, das Geld wird knapp; Vatertag steht kurz bevor – am ersten oder letzten Tag des Monats ist Freigang, und lange abwesende schwarze Väter und Ehemänner kehren mit leeren Taschen nach Hause zurück. Monk bleibt stehen, blickt auf zu einer Werbetafel, die hinter dem Schnapsladen durch den Smog schimmert. Als Adept der Semiotik kennt er das Plakat: Ein schwarzer Mann posiert mit einer wunderschönen schwarzen Frau, die beiden prosten sich mit einer Literflasche Bier zu. OLD 88 MALT LIQUOR, steht in großen Lettern unter ihren strahlenden Gesichtern, IT’LL KICK YOUR ASS … UMPTIONS …, doch irgendein Guerilla-Künstler ist darüber hergefallen, hat zwei große weiße Dreiecke – Masken, mit schwarzen Löchern für die Augen – über die Gesichter der Models gemalt und sie in comichafte Ku-Kluxer verwandelt.

Der Vandalismus grassiert. Monk schüttelt grinsend den Kopf. Vor einem gelb auf die Backsteinfassade eines verriegelten Geschäfts gesprühten Graffiti bleibt er stehen. Drei Zahlen, mit Bindestrichen wie ein Geburtsdatum, in den zerlaufenen Bögen eines großen Bs: 6–20–13. Monk schlägt sein zerfleddertes blaues Notizbuch auf, ein dickes Bündel Zettel, Notizen und Zeichnungen von Graffiti und Street-Art: Bleistift- und Tintenskizzen von Gangzeichen, Tags und Homeboy-Kunst, dazwischen Anmerkungen in kleiner, krakeliger Druckschrift; Fundorte, Erklärungen, Fragen, Zugehörigkeiten, Stile, gängige Motive, Querverweise. Auf eine leere Seite kopiert er das Graffiti: Die Zahlen stehen für Buchstaben im Alphabet, 6 F, 20 T, 13 M, FTM, Fuck The Man. B gleich Businessmen Gang, in und um Watts. 13 außerdem gleich Marihuana, ergo Drogenumschlagplatz. Monk kopiert auch das Tag, die Unterschrift des Sprayers: ein kleines t mit einem Pfeil nach oben, Lil’ Tea, von weiter nördlich.

Südwärts geht er weiter. Bald geht die Sonne unter, besser er nimmt den nächsten RTD-Freeway-Flyer-Bus zurück zum Hafen. Karmann ist bestimmt stinksauer; die große Rent-Party. Er lächelt: Sie ist eine Gute, sie wird auf ihn warten. Wie das gleichnamige VW-Cabrio ist sie, immer frei und offen, nicht bloß die Beine, auch Geist, Herz und Seele. Zu Hause, wo die Container ihm eine winzige Chance auf containment, auf Abschottung bieten, wo ein Gewirr aus Gängen und schichtenweise eiserne Schilde die Flut aus Zeichen aufhalten, die, so fürchtet er, seinen Verstand eines Tages in unendlichem weißem Rauschen ertränken wird; aber Karmann, mit ihrem zum Haareraufen pragmatischen Frauengespür, hat ihn immer ausgelacht. Nein, hat sie gesagt, nicht containment suche er im Hafen, sondern compartments, Fächer: Sein Leben sei aufgeteilt in zahllose Schubladen, eine immense Ansammlung unvereinbarer Ichs und Augenblicke, die er abschalte, wenn eine Luke sich schließt, und an, wenn irgendwo ein Schott sich auftut. Und jetzt, wo das Baby unterwegs ist … Ready or not, Boy, das Kind wartet nicht drauf, dass du deinen Scheiß auf die Reihe kriegst. Sein T-Shirt klebt ihm an der verschwitzten, kupferfarbenen Haut. Der Sommer in der Stadt geht nie zu Ende, eine lückenlose Kette zundertrockener Tage und feuchter, stickiger Nächte, ein urbanes Fegefeuer, das die Jahreszeiten – ja die Natur – außer Kraft setzt. Seine Freunde haben ein Wort dafür: ghetto time, Gettozeit. Wenn die Minuten, Stunden, Tage und Nächte zerbrechen, zerrinnen und sich zu einem sengenden Jetzt bündeln, so als könnte jeden Augenblick die ganze Atmosphäre sich entzünden. Jeder spürt das, diese zittrige, hitzeschlaffe Schärfe in triefenden Gesichtern und dunkel brennenden Augen, Seelen, die darauf warten, verzehrt zu werden.

An der Ecke 113th Street fällt sein Blick auf den Bürgersteig: Sieben Ein-Cent-Stücke in einer Reihe, darüber ein winziger Pappbecher voll Wasser, darunter das Gabelbein eines Huhns, zwischen dessen Enden straff eine fettige schwarze Schnur gespannt ist. Grisgris, ein Hoodoo-Zeichen, nach Osten gerichtet. Sei auf der Hut, Monk.

Eine Hupe plärrt. Monk schielt durch seine dunkle Sonnenbrille: Ein burgunderroter ’63er Pontiac Bonneville rollt heran, Fenster unten, vier Gangbanger verteilt auf Rückbank und Vordersitze. Zwei Schwarze auf der Beifahrerseite drücken die Fäuste außen an die Tür. Monks Daumen biegt sich seinem gekrümmten Zeigefinger entgegen. Die aus dem dicht vorbeischnurrenden Wagen hängenden Fäuste erwidern den Gruß: Daumen und Zeigefinger formen ein G, für Gladiators. Wir sind unter Brüdern, alles cool. Der Pontiac kriecht um die nächste Ecke.

Monk genießt beim Erkunden dieses Niemandslands zwar keine Immunität, wird aber vorläufig geduldet. Ärmliche Wohnviertel, menschenleere Gassen, vernagelte Backsteinfassaden, ausgedörrte Apartments, Fertighausbunker mit vergitterten Fenstern. Die Gangs – die Slausons, East Side Loco Boyz, Eight Tray und der Rest – gewähren ihm freies Geleit, zügigen Transit durch ihre Nahtstellen, Frontlinien und Kriegsgebiete, allesamt fast unsichtbar, wenn nicht die gesprühten Zeichen an den Wänden wären, die man auf eigene Gefahr übersieht oder nicht entschlüsselt. Ein Motorradcop auf einer Harley spotzt vorbei, gesichtslos hinter einem glänzend eierschalenweißen Helm – fast unmerklich nickt er in Monks Richtung, dann dreht er auf, die 113th Street entlang. Officer Reynolds. Monk kennt fast alle Cops, auch sie gewähren ihm sichere Durchreise, einen hauchdünnen Reisepass für die Schatten der Stadt. Monks überbordendes Notizbuch ist der Passierschein, der ihn durch diffuse Checkpoints und Grenzkontrollen bringt: Für den urbanen Grafologen und Graffiti-Semiotiker interessieren sich seit Neuestem all die zänkischen Zirkel der Stadt. Gangs und Polizei brauchen Monks Geheimnisse, um ihre Feinde im Auge zu behalten, um Informationen über neue Gangs zu sammeln und um gegen Splittergruppen und Grenzverletzungen vorzugehen, gegen das ewige Hin und Her von Machtverhältnissen, Loyalitäten und Territorien. So durchstreift Monk die Stadt als – bislang – unangetasteter Doppelagent, als Aufzeichner und Herr der Zeichen, als König und als Bauer: Doch wer benutzt hier wen?

An der Ecke Avalon und 113th Street streiten vor einem Pfandleihhaus zwei Männer. »Motherfucker!« Schreiend gehen sie den Bürgersteig entlang, gestikulierende Hände schwirren durch die Luft wie dunkle Vögel. Rings um einen geplatzten Hydranten planschen lachende Kinder. Wasser rinnt in Kaskaden in die Gosse, schillernde Schleier prasseln auf durchnässte Baumwollshirts und zerrissene Hosen nieder. Dort wo der Bürgersteig in eine niedrige, bröckelnde Mauer um ein von Unkraut überwuchertes Grundstück übergeht: ein Graffiti, wie gefaltet, halb auf dem Gehweg, dann weiter an der Wand. Zwei gesprühte schwarze Hände, offen, die Daumen treffen sich in der Mitte wie ein hochgereckter Kopf, links und rechts davon gespreizte Finger wie gerupfte Flügel – ein sich in die Luft schwingender Dämon der Nacht. Monk zeichnet das Motiv ins Notizbuch, notiert den Fundort und das Tag des Künstlers: smOG … Las Sombras. Eine legendäre Gang aus East L.A., von vor dem Krieg, ’41 oder ’42 … Gibts die etwa wieder? Schwer zu sagen; die mexikanischen Gangs verbergen sich hinter einem zusätzlichen Schleier, ihrem Straßenspanisch. In seinem Notizbuch ist Monk ein Muster aufgefallen: Auch die schwarzen Gangs entwickeln offenbar ihren eigenen Slang, ihre eigenen Zeichen, lernen von den mexikanischen Rivalen. Erst einmal hat er ein Werk von smOG (OG gleich original gangster) gesehen. Vielleicht ist dieses hier auch von einem Nachahmer oder eine Hommage.

Druckluftbremsen zischen, Monk dreht sich um: Ein Löschzug steht mit laufendem Motor neben dem aus dem Hydranten sprudelnden Geysir. Feuerwehrmänner in klitschnassen gelben Regenponchos verschließen das Ventil, scheuchen spritzend und schwappend Kinder über die riesige Lache, weg von der Fontäne. Ein kleiner Junge lässt wütend den Deckel einer Mülltonne über die Pfütze flitschen wie einen flachen Stein, trifft einen der rutschigen Ponchos.

Sonnenuntergangssmog liegt finster über den Reihen ausgebleichter Mietwohnungen wie der Rücken eines vorzeitlichen Ungeheuers. Ecke Avalon/Imperial, Autos und Laster flirren in der Hitze. Eine Hupe blökt über die Straße. Piñatas und lila Bonbon-Schädel schmücken einen winzigen Lebensmittelladen; in einem Schönheitssalon unterziehen sich in Trockenhauben versenkte Afros geheimen Wandlungen; noch ein Schnapsladen; ein dubioses Kautionsbüro. Eine demolierte Telefonzelle, die bestialisch nach Urin stinkt. Fuck Bitches rinnt in Schreibschrift über eine Gipswand. Manchmal will Monk all das primitive Gekrakel der Spaltung und des Hasses einfach auslöschen, durchstreichen, doch das ist unmöglich: Er kann es nur archivieren, nur versuchen, einen Blick in den schillernden, unendlichen Kosmos dieser Wegzeichen der Stadt zu werfen, oder darin untergehen, verschlungen werden vom blendenden Lärm unbestimmter Glyphen. Die Stadt verändert sich andauernd, streift ihre Haut aus Underground-Sprachen und -Symbolen in Anfällen der Zerstörung und der Wiedergeburt ab, brodelt in einem heimlichen Krieg zwischen den Enteigneten, die die Geschichten ihrer Straßen schreiben, und den Cops und Machtstrukturen, die unerwünschte Kommunikation mithilfe von Anti-Graffiti-Malerteams, Haftstrafen und Einschüchterung unterbinden. Er, Monk wird ihr Geschichtsschreiber sein.

Nach Süden Richtung 115th Street. In einer Gasse hinter einem ausgebrannten Autowrack teilen sich zwei Wermutbrüder eine Literflasche Old 88. Einer der beiden grinst Monk anzüglich an: »Brother, hast du Mandala?« Wie war das? Jetzt, mitten in einem Weltrekordschluck, reißt sein Kompagnon dem Gammler die Flasche vom Mund. Bier schäumt ihm übers schmutzige Hemd: Die beiden raufen, die Flasche zerbricht auf einem Kopf, Bier tropft von einem Kinn, rücklings stürzen sie klappernd auf Mülltonnen. Eine schwarze, katzengroße Getto-Ratte jagt vor den rollenden Tonnen davon, blitzt Monk aus glasigen Augen an, zwängt das aufgestellte dicke Fell durch ein Loch in der Backsteinwand und verschwindet wie eine Erscheinung aus einer Pestnacht: Junge, bildet er sich das nur ein, oder werden diese Biester immer größer, fressen sich hier in Soul Town mit wer weiß welchem Abfall fett, Mülltonnen voller Rippchen, Grütze, frittiertem Hähnchen und Old 88. Monk durchquert die Gasse. Manchmal sind die Zeichen der Stadt für seine Sprühfarben-Taxonomie zu flüchtig: eine Faust, die sich fragend in ein Gangsymbol verwandelt, die Drohungen eines Fremden, das zornige Wurfgeschoss eines Kindes, eine Hupe, eine zerbrochene Flasche – die übliche Gewaltspirale, während der Tag den dunkleren Mächten der Nacht weicht. Jetzt, in den letzten, versmogten Prismen der Sonne, kehren Frauen in die ausgebleichten Wohnungen und belagerten Heime zurück, verkriechen sich hinter verschlossenen Türen, verriegelten Fenstern und Sicherheitsgittern: Tausende schwarze Frauen kommen von der Arbeit. Keine Männer – die sind fort, geraubt von Polizei, Drogen, Suff, der Landstraße, Glücksspiel, Zuhälterei, Geliebten, Huren, Billardsalons, oder dem Tod. Die Frauen kehren zurück zu ihren Familien, zu Kindern, die nicht mehr nach Daddy fragen, zu Stille und Leere, die ihre Seele betäuben und vernichten.

Auf der 115th Street stehen weiße Straßensperren aus Beton, kanalisieren den Verkehr, eine Umleitung zur Central Avenue. Eine der Sperren wurde schon von den Businessmen getaggt, kein jungfräuliches Weiß ist sicher vor den in Bandanas gehüllten Gesichtern mit ihren Sprühdosen: Und sogar dieses Graffiti wurde beantwortet, gecrosst mit einem breiten Streifen beißendes Rebellenrot der Slausons. Die Sperren stellt das Bauamt geschickt in Schlüsselsektoren und -korridoren der Stadt auf, in Absprache mit der Polizei. Nicht dem besseren Verkehrsfluss zuliebe, sondern als Trichter, um die Farbraster zu kontrollieren: Schwarze und Braune müssen in ihren klar umgrenzten Quadranten bleiben … (die Gelben nicht, die Gangs der Asiaten agieren im Untergrund) … In ganz L.A. beugen sich städtische Kontrolleure in geheimen Kommandobunkern über blinkende Verkehrsleittafeln, Bildschirme und Styroporbecher voll kaltem, schwarzem Kaffee, warten auf Verstöße, auf Fahrzeuge, die aus ihren Vektoren schlüpfen. Monk peilt die Bushaltestelle der roten Linie an. Schnell nach Hause: Karmann wartet. Was Frauen angeht, lauert immer irgendein Kerl darauf, einen zu ersetzen – Karmann, seine geerdete Göttin mit dem runden Bauch, lässt er sich besser nicht ausspannen. Von der anderen Straßenseite funkelt ihn ein Obdachloser an, faselnd, haspelnd, leise fluchend – oder spricht er etwa zu Monk, in irgendeiner stummen Sprache? Kerzen und wachsüberströmte Glasgefäße stehen im Kreis an der Ecke des Bürgersteigs jenseits der zerstörten Stümpfe der Haltestelle – Votivgaben für die Toten. Kerzen der Jungfrau von Guadeloupe, Glasschalen voll Wachs, bemalt mit dem gekreuzigten Christus, getrocknete Blumen, ausgebleichte Karten, ein Kruzifix aus Eisstielen. Doch zwischen den Symbolen von Licht und Erlösung finden sich auch dunklere Mächte: Eine schmutzige Schnur mit drei Knoten, sieben aufgereihte Cent-Münzen, ein in der Abenddämmerung leuchtender Bogen weißer Ziegelstaub sprechen Monk eine ungewisse Warnung aus, deuten womöglich auf einen rätselhafteren, zwiefältigeren Heimweg hin, als ihm lieb wäre.

Monk biegt nach rechts, in die Stanford Avenue. Ein Schwarzer lehnt an der sonnenverbrannten Backsteinwand von Ace Liquors, nickt ihm zu. Auf der anderen Straßenseite umfließt der glühende Sonnenuntergang gezackte Dächer, schiefe Antennen und hängende Telefonleitungen. Die geparkten Autos neben Monk strahlen noch immer die pulsierende Hitze des Tages ab.

Werden die Cops und Gangs ihn durchlassen? Sein Notizbuch gleicht für sie dem Schwarzbuch eines Spions: ein Coup für die Cops, die bedrohliche Bündnisse und sich ständig verschiebende Territorien nachvollziehen wollen, ein Gral für die Gangs, verbissen in steten Kriegszustand und regelmäßige Grenzkonflikte. Also warten sie ab, weil der Historiker die Geschichte erst niederschreiben muss, ehe man sie an sich reißen kann. Weder schwarz noch weiß, wie er ist, konnte Monk diese vom Kampf gezeichneten Straßen stets passieren. Im richtigen Licht und Brechungswinkel, zur rechten Tageszeit, sieht er wie ein Weißer aus, manchmal eher hellbraun oder kupfer. Sein Haar ist schwarz, gelockt, aber nicht kraus, fällt gewellt und kringelig: afrikanisch, oder aber, in anderem Licht und für andere Betrachter, zerzaust oder geglättet; wieder andere sehen Mittelmeer, einen Südeuropäer oder Araber – ein wandelnder Rorschach-Spiegel, in dem der Betrachter mehr von sich als vom Betrachteten erkennt; dazu Monks Augen, stets verborgen unter den tiefschwarzen, tropfenförmigen Gläsern seiner Sonnenbrille. Seine schmuddeligen roten Keds treten über den Bordstein Richtung 116th Street. Monk drückt das himmelblaue Notizbuch an die verschwitzte Brust wie Paulus seine Bibel. Mit schwankender, sich verdüsternder Miene wie die des Heiligen stapft er in die Dämmerung, durch das letzte, fahl schwelende Licht des Tages, zieht weiter auf profaner Pilgerfahrt.

3

IM SONNENUNTERGANGSSMOG WIRKT der alte, grauweiße Buick, der südwärts über den Avalon Boulevard rast, wie der seltsame, verblasste Doppelgänger eines Streifenwagens. »Mach mal lieber langsamer.« Ronald dreht am verchromten Radioregler, der neueste Song der Stones, »(I Can’t Get No) Satisfaction« dröhnt aus den blechernen Boxen: … Baby, better come back maybe next week / Can’t you see I’m on a losing streak.

»’n Scheiß mach ich, Mann.« Marquette ballert den Buick über eine gelbe Ampel an der Eighty-ninth Street. Das vergehende Licht laugt alles zu Sepiatönen aus: Ladenfronten, von Unkraut überwucherte Brachflächen, Werbetafeln, zerstörte Haltestellen, an denen längst kein Bus mehr hält. Das Auto verdunkelt sich von weiß zu grau, zu einem verschwommenen Fleck aus schmutzigem Stahl, der über den Asphalt schlingert: Das Licht im Getto ändert sich mit jeder Sonnensekunde und sogar mit der Mondbahn, durchdringt Schichten aus Smog, Hitze, Metall und schwarzer Haut, gebrochen und gespiegelt von der zerklüfteten Landschaft der Stadt, in einem Kräftespiel, das bislang keine Physik dieser Welt vollständig erklären kann.

Ronald dreht das Radio lauter. Zwecklos, mit Marquette zu reden, wenn er so drauf ist wie jetzt, reizbar und mürrisch vom Wodka und der endlosen Hitzewelle. In Ronalds Apartment haben sie vor dem Ventilator im offenen Fenster lasche Screwdriver gesüffelt, bis der Wodka alle war, jetzt sind sie spät dran, um Mama ihren Buick zurückzubringen.

Marquette zündet sich noch eine Zigarette an, drückt mit dem spitzen Florsheim das Pedal durch. Der Buick rast über eine weitere gelbe – nein, zu spät: rote – Ampel an der Ninety-second Street. Marquettes hageres schwarzes Gesicht wendet sich argwöhnisch zum Rückspiegel, die blutunterlaufenen Augen verborgen unter dem dunklen Bogen seiner schokobraunen Hutkrempe. Auf dem safrangelben Sporthemd zeichnet sich der Schweiß ab.

Rotes Licht und Sirene tauchen hinter ihnen auf, jagen wie eine brennende Nadel Richtung Süden, gellen die schattige Arterie namens Avalon Boulevard hinab. »Scheiße, die Cops! Ich hab doch gesagt, mach langsam!«, sagt Ronald, dreht sich im Sitz, um nach hinten zu blicken.

»Bleib locker.« Marquette späht durch den Rückspiegel: ein Motorradcop, mit jaulender Sirene, durch die verdreckte Heckscheibe wird der Buick in rotes Licht getaucht. Marquette zieht an der Zigarette, fährt rechts ran, bremst sanft an der Ecke zur 116th Street. »Alles easy«, sagt er, stellt den Motor aus, lässt die Scheibe runter, weicht Ronalds verängstigtem Blick aus.

Der Cop steigt ab, klappt mit dem langen schwarzen Stiefel den Motorradständer aus. Dann streift er die schwarzen Handschuhe ab und klatscht sie auf den Sattel. Eine Nase, dünne, blasse Lippen und ein markanter Unterkiefer sind die einzigen Anzeichen eines menschlichen Gesichts; der Rest ist unter Kinnriemen, verspiegelter Sonnenbrille und verchromt-schwarzem Helm verborgen. Ein großer Mann, langsam kommt er unter einer verwehenden Rauchwolke auf das offene Seitenfenster zu. Avalon Ecke 116th Street: ein paar ordentliche, ärmliche Häuser, gebaut während des Booms im Krieg, inzwischen abgewohnt und notdürftig renoviert. Sie sind zwar frisch gestrichen, doch schwarze Eisenstangen liegen schwer über sämtlichen Türen und Fenstern. An der südwestlichen Ecke der Kreuzung: einer der allgegenwärtigen Schnapsläden, Joey’s Jug. An der nordwestlichen, beim Muslim-Oasis-Schuhputzstand, hält der Lumpen auf dem Schuh eines Kunden inne, der Schuhputzer steht auf. Beide Männer beobachten den Buick und den Cop. Hitze flimmert im Dämmerlicht über der Motorhaube.

»Ihren Führerschein, bitte.« Der Officer beugt sich hinab, beäugt die beiden Schwarzen auf den Vordersitzen. »Da haben wir den alten Buick ja ganz schön gepeitscht.«

»Warn doch höchstens sechzig Sachen, Officer.« Marquette nimmt den Führerschein aus dem Geldbeutel. Er grinst, doch er klingt angespannt.

»Warten Sie hier.« Der Cop geht zurück zum Motorrad, diktiert das Kennzeichen in sein Funkgerät. Zwei Häuser weiter auf der 116th treten zwei Frauen von ihren Verandas, sehen vom Bürgersteig aus zu. Die Dünnere betastet ihre Lockenwickler, die Fette wischt sich die Hände an der Schürze ab.

»Fang jetzt bloß nicht an zu diskutieren.« Ronald reibt die verschwitzten Hände über seine Hose.

Der Officer kommt zurück ans Fenster. Ein dritter Mann sieht jetzt vom Schuhputzstand aus zu, trinkt aus einer Flasche in einer braunen Papiertüte.

»Sie riechen nach Alkohol, Sir.« In der verspiegelten Sonnenbrille ist nur Marquettes Gesicht zu sehen. Ronald leckt sich die Lippen. Die Stille hängt als unsichtbares Etwas zwischen ihnen.

»Fuck«, wispert Marquette entmutigt. »Nur ein Bier, Sir«, fügt er lauter hinzu, ringt sich ein Lächeln ab. Die Hände lässt er wohlweislich am Lenkrad.

Der Officer nickt. »Wie viele?«

»Zwei, nur zwei, Sir. Ehrlich, Officer, ich bin topfit. Ich wohn gleich um die Ecke. Ärger mit der Alten, Sie wissen doch, wie das ist. Ich will keinen Stress.«

»Würden Sie bitte mal aussteigen, Mr. Bonds? Wir machen einen Trunkenheitstest.« Und zu Ronald: »Sie bleiben schön sitzen, okay?« Der Officer tritt von der Tür zurück. Zwei junge Schwarze, die vor Joey’s Jug herumlungerten, überqueren den Boulevard, um besser zu sehen.

»Scheiße, Mann.« Marquette schüttelt den Kopf, schiebt den spindeldürren Körper aus dem Buick und schnippt die Kippe in die Gosse. Er schiebt den Hut hoch über die verschwitzte Stirn, kräuselt in stillem Zorn die Lippen. Unter den Achseln seines Sporthemds haben sich dunkle Flecken gebildet.

Ein schwarz-weißer Streifenwagen gleitet den Boulevard herab und kommt leise vor dem Buick zum Stehen. Zwei Officer steigen aus, einer berät sich mit dem Motorradcop, der andere wartet beim Wagen. »Dumme Sache.« Der Cop nickt.

Ein Mann und eine Frau mit zwei schlaksigen Teenagern im Schlepptau sehen von einem Vorgarten in der 116th aus zu. Mit nacktem Oberkörper steht der Mann in der schmorenden Hitze, Bierdose und Zigarette in den Händen. Der Motorradcop bewegt den Zeigefinger langsam vor Marquettes mürrischem Gesicht hin und her. »Mr. Bonds«, sagt er dann und packt Marquette am Handgelenk, »ich nehme Sie fest wegen Trunkenheit am Steuer.«

»Was? Ich bin nicht betrunken!« Marquette versucht sich loszureißen, der Officer nimmt die Handschellen von seinem Gürtel.

»Stillhalten!« Der Cop wirbelt Marquette herum und drückt ihn gegen den Kotflügel des Buick. Zu zweit pressen sie ihn jetzt auf das warme Metall, eine Handschelle quetscht schon das dünne linke Handgelenk, während sie versuchen, ihm auch den rechten Arm hinter den Rücken zu zwingen. Ein schwarzer Stiefel zerknautscht den Hut zu ihren Füßen.

Eine kleine Menschenmenge ist inzwischen von den Straßenecken herübergeschwappt, versammelt sich an der 116th, steht stumm in der Sommerdämmerung und beobachtet die Verhaftung: ein alter Mann mit Gehstock, die schlaksigen Teenager, eine Frau in Schürze, die ein Baby an den verschwitzten Busen drückt, zwei der Männer vom Schuhputzstand, Kinder, zwei Männer mit Bier aus Joey’s Jug. Drei weitere Frauen kommen aus ihren Häusern.

»Ich geh nicht in den Knast!«, brüllt Marquette, setzt sich zur Wehr. Beide Handgelenke liegen jetzt in Handschellen, die zwei Cops schleifen ihn zum Streifenwagen. »Polizeigewalt! Ihr scheiß Wichser!« Seine Florsheims treten im Hitzeflirren über dem Asphalt nach Gespenstern.

»Lasst ihn in Ruhe!« Ronald springt aus dem Auto. Der dritte Cop drückt ihn gegen den Buick, sein Knüppel bohrt sich schwer in Ronalds Rücken, nagelt ihn an der Tür fest.

»Was hab ich gemacht? Was?« Marquette schreit, tritt um sich, windet sich, als die Officer versuchen, ihn auf den Rücksitz zu zwängen. »Gar nix hab ich gemacht! Polizeigewalt! Weiße Motherfucker!«

»Was hat der Junge denn getan? Lasst ihn in Ruhe!«, ruft jemand aus der Menge.

Ein Cop rammt Marquette brutal das Knie in die Seite, und der Gefangene schreit auf: Einen Augenblick blitzt ein fremdes Licht in seinen Augen, ein abgründiger Glanz, so als beschwöre er eine jenseitige Macht herauf, um sie auf die Leere des sich neigenden Tages loszulassen … Dann sinkt er auf den Rücksitz des Streifenwagens.

»Die bringen ihn um!« Die Menge rückt näher. »Das ist mein Junge! Mein Junge!« Eine Frau schiebt sich nach vorn, korpulent, Lockenwickler im geölten Haar, die verschwitzte Baumwollbluse klebt ihr am großen, bebenden Busen. Sie springt dem Motorrad-Cop auf den Rücken, wirft ihn fast zu Boden.

»Nein, Rena! Mama! Nein!« Ronald reißt sich von dem Cop mit dem Knüppel los und läuft zu der Frau, die jetzt am Boden liegt, schreiend in Handschellen gelegt wird.

»Sie hat nix gemacht! Polizeigewalt!«, schreit eine andere Frau aus der Menge. »Genau wie Selma!«

»Bloß weg hier«, zischt ein Officer dem Motorrad-Cop zu. Marquette, Ronald und Rena sind zu dritt auf den Rücksitz des Streifenwagens gezwängt, hämmern gegen die Scheiben. Die Harley hustet, jault auf und braust davon, den Avalon Boulevard hinab und auf den sich verdunkelnden Horizont zu. Die beiden anderen Cops steigen hastig in den Streifenwagen, die Menge umzingelt sie, eine Faust schlägt auf den Kofferraum.

»Genau wie in Selma! Ihr Scheißkerle!« Jetzt, wo der Streifenwagen quietschend anfährt, segelt eine Bierdose aus der Menge durchs Abendlicht, zieht eine bernsteinfarbene Spirale nach wie Raketentreibstoff – ein letzter Sonnenstrahl blitzt auf dem Blech auf, dann scheppert die Dose aufs Dach des schwarz-weißen Wagens, der mit rubinrotem Leuchtfeuer in die Nacht flieht.

Es ist dunkel.

Die Menge schwappt voran. »Die haben die Frau einfach so geschlagen!« Eine schrille Frauenstimme: »Sie ist schwanger!« Flaschen und ein Stein fliegen dem Streifenwagen hinterher, doch der ist schon zu weit entfernt.

Es wird kein Licht mehr geben.

4

AN DER ECKE STANFORD / 116TH hört Monk eine Sirene: Manchmal kommen die ihm vor wie unbelebte Musen, die ihn rufen, ihn zu Polizeieinsätzen und Schauplätzen von Tragödien locken, wo er ein neues oder ungewöhnliches Graffiti für sein Notizbuch finden könnte – diesmal jedoch verhallt das Jaulen im Norden. Sein Blick fällt auf den Asphalt, auf einen Eisenzaun, auf die abblätternde Farbe an den Wänden gegenüber und auf ein zerschossenes Stoppschild, gegen das irgendwann ein Auto gekracht ist, sodass es sich nun nach Westen neigt. Monk geht ebenfalls westwärts, die 116th entlang: Zeichen kann man überall finden, man muss sich nur auf Empfang stellen.

In der Nähe des Avalon Boulevard bleibt er stehen. Eine Menschenmenge wabert auf der Kreuzung, Leute schreien. Flaschen bersten an Backstein wie gedämpfte Mörsergranaten. An der Ecke drückt Monk sich durch eine Gruppe hemdloser junger Männer, die Bierflaschen in den Händen halten. »Was ist’n hier los?«

»Die scheiß Cops ham ’n paar Brothers und ne Schwangere gekillt.« Autos gleiten über den Boulevard, passieren langsam die anschwellende Menge. Auf einer Brache jenseits der Straße brennt Müll, schwarzer Rauch steigt in die Dunkelheit wie von einem Scheiterhaufen.

Ein grüner Ford Falcon bremst ab, ein junges weißes Paar begafft Feuer und Gedränge. »Verpisst euch, ihr Weißbrote!«, ruft jemand hinter Monk. Ein Stein prallt von der Motorhaube ab, der Ford jagt davon.

Monk geht weiter Richtung Süden, ohne irgendwelche Zeichen, Hauptsache weg von der Menge, die stetig wächst und sich über den Boulevard ausbreitet. Er spürt die Angst, die Anspannung in der sommerlichen Stille, unterbrochen von fernen Sirenen. Eine Handvoll junger Männer wirft die Scheiben von Joey’s Jug, dem Schnapsladen, ein, schnappt sich Whiskey und Wodka in Flaschen und Kisten. Gegenüber, am Muslim-Oasis-Schuhputzstand, stützt sich ein Blinder auf seinen weißen Stock, scheint Monk hinter einem Bart aus Stahlwolle und einer aberwitzigen, mit Klebeband geflickten Sonnenbrille zuzunicken. In der Ferne gellen Sirenen, nähern sich von Norden. Hinter Monk lodert eine Feuerwand in die Nacht: Die ganze Brache steht in Flammen, ein zuckender, orangefarbener Teppich.

Es ist Mittwoch, der 11. August, und das hier ist Ground Zero.

Drei Streifenwagen heulen vorbei. Weiter vorne scheppert Glas, zwei Männer rennen zwischen den Laternen über den dunklen Boulevard. Am Avalon wird Monk kaum einen Bus erwischen. Er biegt westwärts in die 118th, dann nach Süden auf die San Pedro Street. Immer wieder heulen Sirenen durch die schwüle Nacht, die sich über Monk legt wie ein Leichentuch. In der 119th brennen zwei Geschäfte, ein Möbelladen und ein Pfandleiher, Flammen und schwarzer Rauch schlagen aus zerbrochenen Fenstern. Auf Straße und Bürgersteigen bildet sich ein zweiter Mob; ein paar Männer schaukeln einen geparkten Ford Fairlane hin und her, bis er auf die Seite kippt. Furcht und Aufregung jagen Monk durch Mark und Bein. Er geht schneller, schüttelt den Kopf: Mann, was geht hier bloß ab? Zwei Streifenwagen kommen schlitternd quer zum Stehen, blockieren die Kreuzung: Vier Officer springen heraus, bilden eine Reihe, richten Schrotflinten auf die Menschen, die sofort Reißaus nehmen und sich wie Gespenster in der Dunkelheit verlieren. Monk schleicht durch den Schatten eines alten Mietshauses, hofft, es unbemerkt in die 120th Street zu schaffen. Aus einem schmutzigen Hauseingang dringt ein Flüstern an sein Ohr: »Komm rein, Bruder, hier findest du Zuflucht.«

Monk dreht sich um: zwei riesige Schwarze in tiefschwarzen Anzügen, Fliege um den Hals, lila Feze auf den Köpfen. Aus ihren Taschen ragen bündelweise Flugblätter mit dem Titel Mohammed spricht. Noch ehe Monk etwas sagen kann, führen riesenhafte Pranken ihn sanft, aber bestimmt die Treppe hinab und durch die abblätternde Tür. Wie an ein Schutzschild klammert er sich an das blaue Notizbuch voll aufmüpfigem, losem Papier.

Die Wohnung ist zum Empfangsraum umgebaut worden. Wandleuchten mit blauen Stoffschirmen werfen Kobaltglanz auf die violett gestrichenen Türen und bronzegetönten Wandteppiche an den rissigen Wänden. Die beiden Riesen führen Monk vorbei an Empfang und Konferenztischen. Männer beugen sich über Papierstapel und aufgeschlagene Akten, telefonieren oder sitzen mit überkreuzten Beinen an kleinen Tischchen und trinken Tee. Nur schwarze Männer, keine Frauen, allesamt in dunklen Anzügen mit Fliege, die Haare kurz geschoren; keine Rauchschwaden, kein Bier und keine Cocktails auf den Tischen. Viele tragen einen lila Fez mit Stern und Halbmond darauf, dazu drei goldene Buchstaben am Revers: FOI, für Fruit of Islam.

Durch eine getäfelte Doppeltür führt man Monk in ein Foyer. In dessen Mitte liegt der größte Teppich, den er je gesehen hat, ein Geflecht aus verschlungenen arabischen Schriftzeichen und Symbolen. Hinter einem wuchtigen Eichenschreibtisch inmitten dieses schwindelerregenden Teppichs sitzt ein schrumpeliger alter Mann und blickt unter seinem lila Fez aus milchig-feuchten Augen zu Monk auf. »Ich bin Elijah Muhammad«, sagt er, steht auf, streckt die Hand aus. »Willkommen im Tempel.«

»Nation of Islam«, sagt Monk, gibt ihm die Hand. »Ich heiße Monk.«

»Sie haben von uns gehört? Allah sei gepriesen!« Elijah strahlt. »Ich freue mich immer, wenn anständige junge schwarze Männer die Botschaft vernommen haben. Bitte, trinken Sie eine Tasse Tee mit mir. Sie müssen ein Weilchen bleiben, draußen ist es zu gefährlich, jetzt, wo die Große Belagerung begonnen hat.« Am Ellbogen führt er Monk an einen Teetisch neben einer geschlossenen Tür. Auf dem Tisch: ein Früchtekorb, Feigen, Datteln, Äpfel, Orangen. Keine Bananen. Die profane, phallische Frucht hat auf muslimischen Tischen nichts zu suchen.

»Die Große Belagerung?« Monk verwahrt das Notizbuch sorgsam unter dem Tisch auf seinem Knie. Ein weiterer FOI tritt ein, balanciert ein silbernes Teeservice vorbei an den beiden Leibwächtern, die nun die Doppeltür flankieren.

Der FOI serviert den Tee: In der Uniform aus Anzug, Fliege und Bürstenschnitt sehen sie alle aus wie Totengräber. »Danke, Bruder Shabazz.« Elijah nickt knapp, der Kellner stakst stumm davon. »Sie sind vertraut mit unserer Lehre?«

»Ach, in der Hood hört man so dies und das.« Ein Schluck Tee, abwarten. Ich werde von einem Mann verhört, der Fliege und einen lila Fez trägt.

»Wir von der Nation of Islam sind immer interessiert, reine junge Männer wie Sie für uns zu gewinnen, Mr. Monk.«

»So rein bin ich gar nicht, Mr. Muhammad«, sagt Monk, streicht sich mit schmutzigen Fingern durch die langen Locken.

»Ach, Ihr Haar ist nur eine Affektiertheit des Gettos. Das ist schnell geschnitten. Ein jämmerlicher Trend aus Afrika, die atavistische Fantasie des Dschungel-Niggers.«

»Dann bin ich vielleicht zu Dschungel für euren Verein. Ich will nur nach Hause, Sir.« Monk linst zu den Wächtern neben der Tür. Scheiße, wie komm ich hier raus?

»Wo sind Sie denn zu Hause, junger Mann?« Er schenkt Tee nach.

»In der Nähe vom Hafen.« Heimlich streichen Monks Finger über die Spiralbindung seines Notizbuchs.

»Heute können Sie Ihr Ziel unmöglich noch erreichen. Bitte nehmen Sie die muslimische Gastfreundschaft an und bleiben Sie über Nacht. Sie bekommen Ihr eigenes, bequemes Zimmer und eine ordentliche Mahlzeit. Morgen früh können Sie Ihre Reise sicherer fortsetzen. Heute Nacht wird die erste Schlacht eines lange prophezeiten Krieges geschlagen, die Große Belagerung hat begonnen. Es wird die Nacht des Dschinn, die Nacht der Feuerdämonen.«

»Belagerung? Was soll das denn heißen, Mann?« Monk nimmt noch einen Schluck Tee. Der alte Spinner trinkt aus derselben Kanne, also wird es ungefährlich sein.

»Junger Mann«, sagt der Alte, stellt die Tasse ab, ein verstörendes Funkeln in den Augen. »Sie sind Zeuge der von Mohammed prophezeiten Endzeit … dem letzten Krieg zwischen dem schwarzen Islam und unseren Unterdrückern, der verkommenen weißen Christenrasse. Die epische Schlacht zwischen Gut und Böse, die schon seit den Kreuzzügen tobt, ja seit Tausenden von Jahren.« Argwöhnisch kneift er die Augen zusammen: »Sie sind doch kein Götzendiener oder wurden vom weißen Jesus gehirngewaschen?«

»Ähm, also, ich bin eher unentschieden, kosmisch gesehen.«

»Ich war auch mal jung und voll von mystizistischen Hirngespinsten«, sagt er, lächelt. »Aber Sie finden schon noch auf den rechten Weg. Sehen Sie nur, wie Ihren Brüdern und Schwestern von den weißen Unterdrückern mitgespielt wird. Mit der Zeit werden Sie schon zum Islam finden. Lassen Sie nicht zu, dass die mit ihren falschen Göttern Ihren Geist töten. Die werden versuchen, Ihnen Liebe und Mitgefühl zu lehren. Auch die andere Wange hinzuhalten, damit sie mit ihren Knüppeln darauf schlagen können. Lieben Sie nicht Ihre Feinde, beten Sie nicht für sie, sondern vernichten Sie sie gnadenlos, bevor sie Sie vernichten. Das Notizbuch da: Die Brüder halten Sie für einen Polizeispitzel, ich glaube eher, Sie sind ein Schriftsteller. Darf ich mal sehen?«

Monk runzelt die Stirn, mustert den Alten: Mit dem lila Hut wirkt er wie ein böser Magier. Er schiebt das Notizbuch über den Tisch. Elijah blättert ein paar Seiten durch. Sauber mit Bleistift und Tinte kopierte Graffiti, Pfeile und Beschriftungen, an den Seitenrändern umfangreiche, krakelige Notizen. »Ich interessier mich für Gangs und Graffiti, bin so ne Art Hobby-Urbanologe.«

Der Alte geht durch das Buch und die losen Blätter, als suche er etwas Bestimmtes. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch streckt Monk zaghaft die Hand aus. Elijah runzelt die Stirn, schlägt das Buch zu, schiebt es Monk hin. »Ich weiß, wer Sie sind und was Sie machen. Auch diese Zeichen hat die Heilige Schrift vor langer Zeit schon prophezeit. Wenn dieser Schmutz in den Städten aufkeimt, sind das die äußeren Symptome des Krebsgeschwürs im Inneren. Das erste Anzeichen des Anfangs vom Ende. Auch im späten Rom wurden solche Schweinereien an jede Säule und jeden Portikus gekritzelt.« In einem Geschichtsbuch hat Monk einmal das Foto eines antiken Graffiti gesehen, das in eine römische Basilika geritzt worden war: Illegitimi non carborundum, lass dich von den Schweinen nicht unterkriegen. Elijah schüttelt den Kopf. »Diese Gangs … Brüder, die Brüder töten, Schwarz gegen Braun. Das gehört alles zur Verschwörung, junger Mann. Es ist kein Zufall, dass die Weißen uns in bestimmten Vierteln isolierten, diese Viertel jeder wirtschaftlichen oder gewerblichen Grundlage beraubten und uns und die Mexikanerhorden aus dem Süden dann mit billigen Waffen und unendlichem Drogennachschub überfluteten. Die Nation of Islam ist das Schwert des neuen Schwarzen. Der weiße Mann und Onkel Toms wie Martin Luther King haben uns betäubt. Deren Träume von einer schwarzen Mittelklasse sind eben nur Träume, mein Sohn, nichts weiter. Nur die Nation wird uns erlösen und den weißen Imperialismus zerschlagen.« Monk trinkt seinen Tee aus, nickt, zwingt sich, nicht zu Wachen und Ausgang zu linsen. »Manche beschuldigen uns, den kommenden Aufstand zu schüren. Sie behaupten, die Nation verstecke Sprengstoff und Waffen, stifte Gangs und Geheimagenten aus dem Untergrund an, die Flammen der Revolution anzufachen. Die wollen uns mit ihrer weißen Propagandamaschinerie zerstören, lassen Sie sich das gesagt sein.« Er seufzt. »Vielleicht stellen Sie ja in Ihrem Buch die Sache richtig.«

Elijah Muhammad steht auf. »Ich habe ein Zimmer für Sie vorbereitet«, sagt er, fordert Monk auf, ihm zu folgen.

»Ähm, ich muss echt weiter, Sir.« Nichts wie raus hier, Junge, nichts … Doch Monk kann nicht denken, der Alte redet immer weiter … Es ist, als wäre sein Gehirn gebremst, in nebliges Rauschen getaucht … alles ist verkehrt und durcheinander … wie ist er bloß in einem islamischen Tempel mitten im Getto gelandet? Was ist wirklich los da draußen in der Stadt? Sind das bloß gewöhnliche Ausschreitungen … oder treffen nächtliche Heere in einem großen Krieg der Rassen aufeinander?

»Sie sind kein Gefangener. Aber bitte bleiben Sie doch wenigstens für eine warme Mahlzeit. Ich habe alles vorbereiten lassen. Gehen Sie, wenn Sie bei Kräften sind, oder erst morgen früh, wie ich hoffe, wenn es immer noch gefährlich, aber immerhin sicherer sein wird. Nur ein unverbindliches Angebot, wie es in der Fernsehreklame der Weißen immer heißt.« Muhammad öffnet eine Tür.