Verlag: Books on Demand Kategorie: Sachliteratur, Reportagen, Biografien Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Grenzenlos - Peter Kruse

Alfred Schmidt, Redaktionsleiter Augsburger Allgemeine Zeitung schreibt: "Autor Peter Kruse lässt Max, den Erzähler, überwiegend sein eigenes spannendes Leben beschreiben, das sich seit mehr als zwei Jahrzehnten in Mittelamerika abspielt. Ein junger Deutscher landet in Costa Rica, Kuba und Guatemala, wo er nicht zum Aussteiger, sondern zum Einsteiger wird. Max überschreitet Grenzen, setzt sich über gängige Klischees und Vorurteile hinweg und wird mit einer neuen Heimat unter Menschen belohnt, die selbst in Armut und unter widrigen Lebensverhältnissen häufig fröhlicher sind als viele Wohlstandsbürger im reichen Deutschland. Kruse erzählt unterhaltsam und erfrischend Geschichten aus dem Alltag in einer Weltregion, in der ein Menschenleben erbärmlich wenig wert sein kann, und das Zusammenleben doch so oft von großer Mitmenschlichkeit und herzlicher Freundlichkeit geprägt ist. Kruse macht seinen Lesern Hoffnung, indem er aufzeigt: Es lohnt sich immer, Grenzen zu überschreiten, nie zu verzagen und sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Auf das Buch stieß ich in Südfrankreich, wo ich zufällig den Autor kennen und schätzen lernte. Kruse selbst handelt in seinem außergewöhnlichen Leben so wie er schreibt. Das kurzweilige Buch, das einem Wert und Lohn von Neugier und Aufgeschlossenheit vor Augen führt, habe ich in einem Zug gelesen. Ich kann es nur empfehlen". Alfred Schmidt, Augsburger Allgemeine Grenzenlos lässt sich keiner eindeutigen literarischen Schublade zuordnen. Vielmehr war dem Autor daran gelegen, verschiedene Themengebiete und -bereiche zu verbinden. Damit wird eine weitgefächerte Leserschaft angesprochen. Es geht um Abenteuer, Aussteiger & das Aus- bzw. Einsteigen, Auswandern & Auswanderer, Urlaub und exotische Länder sowie traumhafte Reiseziele Mittelamerikas wie Costa Rica, Kuba, Nicaragua und Guatemala. Die Erzählung ist autobiografisch, gemischt mit Fiktion. Sie beginnt in der Zukunft in den USA, lässt die Vergangenheit des Autors in Deutschland und England Revue passieren, um schlussendlich wieder in Nordamerika zu enden. Nur vordergründig geht es in der Lektüre um Reisen, Urlaub und Fernweh. Peter Kruse ist es wichtig, seine Erfahrungen und Erlebnisse aus mehr als 5 Jahrzehnten Leben in Zentralamerika an andere Menschen weiterzugeben. Themen und Themenbereiche wie Mut, Hoffnung, Erfolg, Glück, Lebenshilfe, Selbstfindung, Sinn des Lebens und auch Depressionen werden angesprochen. Es ist Reiseliteratur, Urlaubslektüre und Lebenshilfe.

Meinungen über das E-Book Grenzenlos - Peter Kruse

E-Book-Leseprobe Grenzenlos - Peter Kruse

Grenzenlos

TitelseitePrologDas Strandhaus in KalifornienEin Koffer voller PläneStudium und FernwehFamilie und der Drang ins AuslandAnkunft im TropenparadiesErste Schritte in die ArbeitsweltJobsucheEines kommt zum anderenDie eigene Wohnung - es geht voranErste GästeDie Zeit bei Bayer in Costa RicaDer erste ChefWie Mann es nicht machtNoch einmal davongekommenAnni & JohannesUnruheständlerSilvester in NicaraguaLiebe und TragikBesuch im StammhausUmzug nach GuatemalaDer dritte MannGuatemaltekisches NachtlebenDie Prominenz trifft sich im StallEigenverantwortungVorzüge des AlkoholsMonterricoEine gerechtere WeltAnderes Land - andere SittenWie überleben sie?TapsJetzeniaSchwiegerelternZurück in GuatemalaSabbatjahrDer BettenkönigRichtung HeimatWendepunkt Sri LankaLesestoffSchuld haben die anderenAuf zu neuen TatenErste GeschäftsideenEs wird konkretAufgeben ist keine OptionZukunftNachwortImpressum

Peter Kruse

Grenzenlos

Ein zeitgenössisches Märchen für Erwachsene

Anni & Jetzenia

Danke, dass ihr mich zu diesem Buch animiert habt!

Der Mensch ist nichts an sich. Er ist nur eine grenzenlose

Chance. Aber er ist der grenzenlos Verantwortliche für

diese Chance.

Prolog

„Nun wollen wir die Kirche doch im Dorf belassen. Der Junge hat nichts als Flausen im Kopf, aus dem wird nie etwas Besonderes“.

Mit dieser, wenig Euphorie aufkommen lassenden Prophezeiung, hatte Dorfschullehrerin Käthe Kotschi seine Eltern auf den Boden der Tatsachen genagelt. Das eindeutige Urteil einer solch honorablen Respektsperson wird nicht in Zweifel gestellt. Somit war für alle Beteiligten das kurze Lehrer-Eltern Gespräch auch wenig später beendet. Max, dem eigentlichen Protagonisten der Unterhaltung, wurde lediglich eine Zuhörerrolle zugestanden.

   In vorliegender Erzählung über den schon frühzeitig von extremem Fernweh heimgesuchten Max, habe ich meine bisherige Biografie und prägende Begegnungen in den Rahmen einer fiktiven Zukunft gebettet. Dieses Buch lässt sich ganz bewusst keiner eindeutigen literarischen Schublade zuordnen. Vielmehr war mir beim Schreiben daran gelegen, genreübergreifend verschiedene Themengebiete miteinander zu verknüpfen, um eine breite Leserschaft anzusprechen. Ganz egal wie individuell wir Menschen auch sein mögen: Sinn für Humor, Neugier, Träume und Abenteuerlust verbindet uns alle. Es handelt sich bei diesem Buch sozusagen um ein modernes "Hans im Glück", wenn Sie so wollen. Auch alle Märchen der Gebrüder Grimm sind letztendlich die Weitergabe von Erfahrungen in unterhaltsamer Form.

   Die im Verlauf von fünf Jahrzehnten stetig in mir gewachsene Erkenntnis, dass jeder von uns selbst bestimmt wie zufrieden oder unzufrieden er ist, bildet Essenz und Rahmen dieser Erzählung. Alles was ich schreibe und beschreibe, führt stets zu dieser These zurück. Meine aktuelle Lebenseinstellung ist das Ergebnis eines kontinuierlichen Reifeprozesses, genährt aus Fehlern, Enttäuschungen, Reflexionen, Lektionen und anderen Einflüssen, die ich auf meinem bisherigen Werdegang erleben und erfahren durfte. Sie haben es mir ermöglicht mein Denken und damit meine Welt zu ändern. Manchmal habe ich gewonnen, manchmal dazugelernt.

   Wie ironisch erscheint es, dass sobald man zu der Überzeugung gelangt alles Wesentliche gelernt zu haben, es bereits an der Zeit ist sich vom Leben zu verabschieden. Aber anders kann es bei uns Menschen nicht sein, denn Erfahrungen werden nicht vererbt. Um alt und weise zu werden, muss man zunächst jung und naiv gewesen sein. Dennoch besteht die Option, von den Erfahrungsberichten anderer zu profitieren, anstatt sie alle auch selbst zu durchleben. Somit beschleunigen wir unseren Reifeprozess erheblich.

   Diese Lektüre ist für den bevorstehenden Urlaub, als abendliche Bettlektüre, die Auszeit auf der Parkbank oder ein regenverhangenes Wochenende gedacht. Sie soll zum Nachdenken, in erster Linie jedoch zum Schmunzeln und Lachen animieren. Der Leser nimmt deshalb teil an zahlreichen Anekdoten aus Max’ Zeit in verschiedenen Ländern Zentralamerikas und der Karibik.

   In einer Zeit rasant stattfindender Umbrüche und spiritueller Entwurzelung kann es nicht schaden, sich von mutmachenden Menschen und deren Geschichten beflügeln zu lassen.

Inspirierende Erlebnisse und Interpretationen in diesem Buch sind daher als winziges Gegengewicht zur Masse der Krimis und Fantasy-Büchern gedacht, die es dem Leser ermöglichen sich der Realität zu entziehen, um in schillernde Pseudowelten abzutauchen. Auch der von einer imaginären Internetwelt geprägte Zeitgeist verführt dazu, sich nach innen zu wenden. Warum nicht mit Zuversicht, Mut und Freude durch das wahre Leben gehen? Es ist doch ungleich spannender, sich seiner Existenz unvoreingenommen und mit Neugier zu stellen, sich anzunehmen wie man ist und stolz auf sich zu sein. Sei ein Held in dieser Welt, nicht im Cyberspace.

   „Nur wer sich selbst liebt, kann auch seinen Nächsten lieben“. So soll die von Martin Luther übersetzte Bibelpassage „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ im Original gelautet haben. Die ursprüngliche Version ist also sehr viel eindeutiger im Bezug auf unsere primäre Eigenverantwortung: Liebe strömt von innen nach außen, von mir zu dir. Es fällt schwer jemanden zu lieben oder Sympatien zu entwickeln für eine Person, die sich selbst nicht mag. Und wenn es dann auch nicht unbedingt Liebe ist, so doch zumindest der gleiche Respekt, den jeder auch für sich selbst beansprucht.

   Max, die Hauptfigur dieser Erzählung, verbrachte Jahrzehnte in Ländern mit bettelarmen Bevölkerungsschichten. Dabei traf er dennoch stets auf Menschen, die es eindrucksvoll geschafft hatten, für eine Verbesserung der prekären Lebensumstände zu kämpfen, in die sie hineingeboren waren.

Zurück in Europa fiel ihm daher gleich auf, wie viele, oftmals junge Leute sich hier einreden, keine Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben zu haben. Anstatt zu handeln, beschränken sie sich darauf, das "Glück der Anderen“ zu beneiden und das eigene Schicksal demütig hinzunehmen. Einmal vertraute ihm ein 12-jähriger Junge sogar an, sein Berufswunsch wäre Hartz-IV-Empfänger!

   Weshalb gehen so viele Menschen davon aus, dass es ohne hohes Anfangskapital, akademische Titel, einflussreiche Kontakte und das “richtige” Aussehen unmöglich ist, seine ganz individuellen Wünsche und Träume zu verwirklichen? Zahlreiche Beispiele belegen doch, dass „gutaussehende“ Menschen, die mit einem bekannten Namen oder als Kinder vermögender Eltern geboren werden, es nicht automatisch leichter haben. Ganz zu schweigen von der allseits gerne bewunderten Prominenz aus Film und Fernsehen. Im Gegensatz zum Otto-Normalverbraucher muss diese höllisch aufpassen, in einem achtlosen Moment nicht von einem Paparazzo beim sich daneben benehmen erwischt zu werden. Auch kein wirklich beneidenswertes Leben, wenn man unter permanenter Beobachtung steht. 

   Der Schauspieler Richard Gere lässt sich manchmal die Bartstoppeln wachsen und kleidet sich wie ein Landstreicher. Dann setzt er sich für einige Zeit in New York City auf den Gehsteig. Die wenigen Menschen, die ihm dann Beachtung, womöglich sogar ein Lächeln schenken, lassen ihn wieder zu sich kommen. Zurück zu dem ordinären Menschen, der er im tiefsten Innern wirklich ist.

   Doch diese Erzählung fokussiert nicht auf die "Prominenz“ und deren "Traumwelten". Sie richtet sich an alle, und somit mehrheitlich an den „Menschen von nebenan“ und seine Träume. Sollte dieser es aufgrund der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage, seines Alters, vermeintlicher Risiken eines möglichen Scheiterns oder der fehlenden Genehmigung von Freunden und Familie auf einen Versuch, seine Träume zu verwirklichen besser gar nicht erst ankommen lassen? Muss er sich seinem Schicksal ergeben und nehmen, was er kriegen kann? Natürlich nicht! Wenn Träume und deren Realisierung nicht Teil des Lebens wären, würde es diese Wörter gar nicht geben.

   Als ich den Guatemalteken Jayro Bustamante kennenlernte, war dieser ein unbedeutender Regisseur für Werbespots, mit großen Träumen und ebenso viel Optimismus. Durch dem ihm auf der diesjährigen Berlinale verliehenen Silbernen Bären für seinen Film „Ixcanul“ hat sich dessen Leben radikal verändert. Seit seinem sensationellen Debut als Filmregisseur fliegt Jayro von Land zu Land, um immer neue internationale Auszeichnungen entgegenzunehmen. Bislang waren es 25 Preise in 19 Ländern. Seine Landsleute sind voller Stolz auf ihren preisgekrönten Sohn. Sein Beispiel wirkt wie Salbe auf dem vernarbten Selbstbewusstsein dieses gebeutelten Landes.

Während er noch an Ixcanul drehte, saßen wir bei einer gemeinsamen Freundin in Antigua zum Abendessen und haben ihm Mut zugesprochen. Heute gehört mein charismatischer Freund zur internationalen Filmszene. In einer Hinsicht schade, denn nun müssen María Eugenia und ich vorerst auf unterhaltsame Kochabende mit ihm verzichten.

   Sollten besondere sozioökonomische Umstände allesent- scheidend sein, wie ist es dann möglich, dass es zahlreichen Menschen ohne ideale Ausgangskarten dennoch gelingt, tiefe Zufriedenheit zu erlangen? Trifft man nicht lachende Menschen in den Armutsvierteln von Bangladesch und zu Tode betrübte Selbstmordkandidaten aus westlichen "Wohlstandsländern"? Beide Gemütszustände haben mit einer ganz persönlichen, inneren Einstellung zum Leben und sich selbst zu tun.

   Erfolg zu haben bedeutet nicht, ständig zu gewinnen. Das wäre eine Illusion und führt letztendlich zur Frustration. Zufriedenheit zu verspüren bedingt, an sich zu glauben und niemals den Mut zu verlieren. „Die Welt gehört den Furchtlosen“, hat Charles „Charly“ Chaplin - Waisenkind und lange Zeit Obdachloser - vor fast 100 Jahren manifestiert und anhand seiner eigenen Lebensgeschichte auch bewiesen. Es handelt sich also um keine Modeerscheinung, wenn man seine Befürchtungen überwindet und an sich glaubt. 

   Bereits an dieser Stelle sei angemerkt, dass Erfolg und Zufriedenheit nicht auf materielle Werte reduziert werden können. Harmonische Beziehungen, Freundschaften und soziales Engagement sind ungleich wichtiger für ein erfülltes Leben, wie die finanzielle Situation. Menschen mit einer ausgeprägten inneren Ausgeglichenheit wissen, dass Gedanken an Geld im Grunde völlig überflüssig sind. Sie führen leicht zu einer extrem hinderlichen geistigen Verkrampfung und vernebeln den Blick für das Wesentliche. Wer bei dem, was er macht, gut ist und Freude hat, generiert in den allermeisten Fällen fast unwillkürlich Geld. Ab diesem Moment verliert das Materielle auch gleich wieder an Bedeutung. Das eine zieht das andere nach sich. Warum also das Pferd von hinten aufzäumen und sich in seinem Handeln primär auf finanziellen Wohlstand fixieren? Reich ist doch bereits derjenige, der mit wenig zufrieden ist. Jayro Bustamante hat genau so gehandelt. Reichtum anzuhäufen ist nie die Triebfeder für das Erfüllen seiner ehrgeizigen Ambitionen gewesen.

   Die Antwort auf die Frage, warum der Verlauf des Lebens nur in geringem Maße von externen Faktoren abhängt, ist ganz simpel: Weil es kaum allgemein gültige äußeren Beschränkungen gibt, um unsere Fantasievorstellungen zu verwirklichen. In unseren Köpfen existieren lediglich innere Barrieren, wie Ausreden, Vorwände, Verhaltensweisen und Ängste, die jeder von uns selbst generiert oder generiert bekommt. Sie wirken wie ein Schatten vor den Augen und lähmen den Verstand. Nichts bestimmt den Verlauf unseres Lebens so sehr wie (Selbst-)Zweifel und wie wir damit umgehen. Angst darf nicht das Ende sein, sie muss am Anfang dessen stehen, was wir uns trauen.

   Wir sollten, so wie Kinder es instinktiv tun, unsere Zeit und Energie nicht mit Gedanken verschwenden, die zu nichts führen. Besser man konzentriert sich auf diejenigen Dinge, auf die wir tatsächlich Einfluss ausüben können und wollen. Obwohl man ehrlicherweise zugeben muss, dass insbesondere die ganz pfiffigen Zwerge es meisterhaft verstehen so lange Lärm zu schlagen, bis auch das Unmögliche möglich wird. Ein durchaus nützlicher Charakterzug, der uns Menschen spätestens nach der Einschulung abgewöhnt wird.

   Vor dem Verlangen etwas ändern zu wollen oder zu müssen, steht immer ein quälendes Gefühl der Unzufriedenheit. Wer zu lange in diesem Stadium verharrt und sich scheut den ersten Schritt zu tun, kommt gar nicht oder nur noch humpelnd voran. Früher oder später wird er sein Zögern bereuen, denn keine Entscheidung zu treffen ist auch eine Entscheidung. Man ist nämlich nicht nur verantwortlich für was man macht, sondern auch für was man nicht macht.

Herausragende Persönlichkeiten waren auch „normale“ Menschen, bis sie schließlich den Mut aufbrachten, außergewöhnliche Entscheidungen zu trefffen. Doch um zu bekommen was man nie hatte, muss man tun, was man nie zuvor getan hat, egal wie abstrus es einem zunächst anmutet. Jeder verrückte Plan war nur solange verrückt, bis er umgesetzt wurde.

   Wir besitzen alle nur ein einziges Leben, mit der Option eher kreativ oder passiv zu sein, zu warten, dass etwas passiert oder sich zu holen, was man möchte. Die Frage, die jeder sich stellen sollte lautet: Will ich leben, oder lasse ich zu gelebt zu werden?

Bei all denjenigen, die sich nicht auf eine Wiedergeburt und damit auf eine zweite Chance verlassen wollen, um die Dinge anders oder besser zu machen, beschränkt sich das Leben auf den Zeitraum zwischen Geburt und Tod. Dieses Zeitfenster ist nicht selten kürzer als man annimmt. Warum also Pepsi trinken, wenn man eigentlich Lust auf Coca-Cola hat?

   Jeder Mensch ist so einzigartig wie sein Fingerabdruck oder seine DNA. Es gibt unter uns niemanden, der nicht über ganz bestimmte individuelle Talente und Fähigkeiten verfügt.  Diese bei sich zu erkennen und aktiv zu nutzen, ist nicht nur für jeden von uns machbar, sondern höchst empfehlenswert. Solch ein bewusstes Handeln führt zu persönlichem Erfolg und dem daraus resultierenden Selbstbewusstsein. Je mehr wir darauf eingehen, desto mehr Spaß bereitet es. Und je früher man anfängt, desto besser. Gleichzeitig ist es nie zu spät.

   „Der beste Moment einen Baum zu pflanzen war vor 20 Jahren. Der zweitbeste Moment ist heute!“

   Eines Tages kam eine Frau zu Konfuzius. Sie beklagte sich, dass ihr Sohn vom Lehrer zwar ausgezeichnete Noten im Zeichnen erhielt, in Mathematik hingegen immer nur miserabel abschnitt. Konfuzius hörte aufmerksam zu und fragte die Frau:

   "Was glaubst du, was du jetzt tun solltest?"

   „Ich werde ihn unverzüglich Nachhilfe in Mathematik nehmen lassen“, antwortete diese.

Konfuzius schüttelte den Kopf und erwiderte:

   „Sei nicht unklug, Frau. Finde lieber einen Meister, der deinem Sohn hilft, sein Talent für das Zeichnen zur vollen Blüte zu entfalten“.

   Auf die heutige Zeit übertragen bedeutet dies: Vergiß den Wettbewerb, mach was dir Spaß bereitet und mach es so oft wie möglich. Niemand wird langfristig erfolgreich sein in etwas, an dem er keine Freude verspürt. Und wenn dir die Erfüllung deiner Zukunftswünsche Angst macht, dann mach es halt mit Angst. Wer niemals seine Furcht überwindet, wird viel verpassen. Kleine und große Erfolgserlebnisse fördern und stärken unser Selbstvertrauen. Sie lassen uns und andere an uns glauben. Letztendlich bilden sie den Schlüssel zu tief empfundener Zufriedenheit und führen zu Respekt und Anerkennung seitens unserer Umwelt. In letzter Instanz bescheren sie uns das, was wir gemeinhin als "Glücksgefühle" bezeichnen.

   Als Jugendlicher las Max in der Lokalzeitung seines Heimatortes einen bemerkenswerten Bericht über eine 64-jährige Rentnerin und deren Enkel. Beim Spaziergang durch den Wald jonglierte der Junge auf einem Stapel Holzstämmen. Plötzlich kam der Stapel in Bewegung. Der Junge stürzte und blieb mit schmerzverzerrtem Gesicht unter einem der Stämme eingeklemmt. Seine Großmutter kam ihm sofort zur Hilfe, indem sie einen etwa 100 kg schweren Baumstamm anhob, um ihren Enkel zu befreien. Zunächst war sie nicht bereit, sich über dieses, von ihr eher zu verdrängen versuchte Ereignis zu äußern. Erst nachdem es ein Journalist nach einigem Drängen geschafft hatte, sie zu interviewen, gestand sie, wie wehmütig sie ihre unglaubliche Rettungsaktion im Nachhinein gestimmt hatte. Seit diesem Vorfall fragte sie sich, wozu sie sonst noch in ihrem Leben imstande gewesen wäre. Hätte sie doch nur zuvor auch jedes Mal so vorbehaltlos an das Gelingen ihrer Vorhaben geglaubt, wie im Fall der Rettung ihres Enkels. 

In diesem präzisen Augenblick war keine Zeit gewesen, Pro und Kontra abzuwägen, Dritte zu konsultieren oder jemand anderen vorzuschieben. Sie handelte instinktiv. Dadurch brachte sie genau das zustande, was durch längere Bedenkzeit mit absoluter Sicherheit von ihr selbst als absurdes Vorhaben abgetan worden wäre.

Um die immense Bedeutung, an seine individuellen Möglichkeiten zu glauben, ohne sie gleichzeitig infrage zu stellen, geht es im letzteren Teil dieses Buches.

   Träume, Sehnsüchte und Illusionen gehören schon immer zum Menschsein und sie unterscheiden uns von anderen Lebewesen. Man kann sie aufleben oder verkümmern lassen. Jedoch ist das Realisieren von Träumen nichts für Tagträumer. Wer das eine will, muss das andere mögen. Der Träumer muss bereit sein, alles Notwendige beizusteuern und mutige, manchmal auch unrealistisch anmutende Entscheidungen zu treffen. Geduld, Ausdauer, Risikobereitschaft sowie das Verkraften von Nackenschlägen und Enttäuschungen sind gefordert. Ein steter Tropfen hölt den Stein, weil er ausdauernd ist, nicht wegen seiner Stärke.

   Der erste Schritt ist der schwierigste. Er bedingt, seinen Verstand zu ignorieren und dem Herz zu folgen. Später allerdings nicht vergessen, ersteren ab und zu wieder einzuschalten! 

Das Strandhaus in Kalifornien

'Kaum zu glauben, wie einfach alles gewesen ist', dachte Max, als er am Tag nach seinem 58. Geburtstag gemütlich im Schaukelstuhl auf der Veranda seines schönen Strandhauses am La Jolla Beach in San Diego Platz nahm.

   Es war der 8. März 2021 und die Morgensonne erhob sich gerade erst zaghaft über dem vor ihm schimmernden Pazifik. Das zu dieser Zeit noch sanfte und gleichmäßige Rauschen des Meeres wurde nur für einen kurzen Augenblick von den Schreien einer vorbeifliegenden Schar von Zugvögeln übertönt. Er fragte sich, wo zum Teufel die so früh morgens schon so eilig hinwollten.

   Seine Frau Jetzenia lag noch tief und fest schlafend im Bett. Die Geburtstagsparty der letzten Nacht und alle damit verbundenen Vorbereitungen hatten ihr einiges abverlangt. Max selber konnte nicht länger schlafen. Zu viele Gedanken kreisten an diesem Morgen in seinem Kopf.

Hatte er nur geträumt oder war wirklich alles genauso gekommen, wie er es vor vielen Jahren geplant hatte?  'Ist es tatsächlich so einfach, den Verlauf seines Lebens zu bestimmen? Oder bin ich nur ein vom Schicksal verwöhntes Sonntagskind?', fragte er sich, in Gedanken versunken.

   Der letzte Gast, der sich am gestrigen Abend von ihm verabschiedet hatte, war sein ältester und bester Freund Theo. Max und Theo kannten sich schon solange sie denken konnten. Beide waren in der kleinen Gemeinde Langförden im ländlichen Norddeutschland groß geworden und zur Schule gegangen. Gemeinsam hatten sie die erste Zigarette hinter einem großen Stapel alter Obstkisten geraucht, den hübschen Mädchen des Ortes nachgestellt und mehr als einmal große Pläne für die Zukunft geschmiedet.

   Obwohl sich ihre Wege Jahre später immer wieder trennen sollten, zum ersten Mal, als sie an verschiedenen Universitäten in unterschiedlichen Städten angenommen wurden, haben sie den Kontakt zueinander nie abbrechen lassen. Beiden war es wichtig, ihre enge Jugendfreundschaft ein Leben lang beizubehalten, egal, was auch passieren sollte.

Dies war kurioserweise, wie sich später noch zeigen wird, gerade aufgrund der großen örtlichen Distanz die sie voneinander trennte, leichter zu gestalten als anzunehmen.

   Bevor Theo am Vorabend die Party verließ, vertraute er seinem Freund Max noch an, wie sehr er ihn um das große Glück beneide, mit einer so wunderbaren Frau an seiner Seite an einem so traumhaften Ort leben zu dürfen. Es erschien ihm, als ob die beiden genau das sorgenfreie und spannende Leben genießen, wovon viele nur träumen. Max dankte ihm dafür und dachte für einen kurzen Moment, wie froh er selbst über den Verlauf der Dinge war.

   Als Theo gegangen war, legte Max sich neben seine Frau ins Bett und genoss es, als diese im Halbschlaf wie jede Nacht ihren Arm auf seine Brust legte, um gleich darauf ihren warmen Körper an den seinen zu schmiegen. Er musste unwillkürlich lächeln und verspürte tiefe Dankbarkeit für das, was sein Freund Theo kurz zuvor als „großes Glück“ definiert hatte.

   Aus irgendeinem Grund konnte er nicht gleich einschlafen. Da war etwas gewesen, das ihn störte. Als er frühmorgens aufwachte, wusste er plötzlich, was es gewesen war. Es waren eben diese Abschiedsworte von Theo, die nicht in das hineinpassten, was er selbst tief im Inneren empfand.

   "Glück gehabt" war, worum sein Jugendfreund ihn beneidete. Max konnte nicht verstehen, warum jemand, der ihn am längsten und besten kennt, behaupten konnte, dass Glück ihn dahin geführt haben sollte, wo er heute war. Je mehr er darüber nachdachte, umso mehr ärgerte er sich sogar über diese so leichtfertig aufgestellte Behauptung.

   Wie konnte Theo so etwas sagen?! Was hatte Glück damit zu tun, wie sich die Dinge über die Jahre entwickelt hatten? War es nicht in erster Linie die konsequente Verfolgung ganz klarer Ziele und eben nicht der pure Zufall gewesen, die ihn dahin geführt hatten, wo er sich heute befand? Nicht Glück, sondern Glaube, vielleicht auch noch das Vertrauen in die empirische Wahrscheinlichkeitsrechnung und die eigene Intuition, so erschien es Max, war wohl der treffendere Grundstein für sein bisheriges Leben gewesen. Wer nicht aufgibt, eines ums andere Mal an immer neue Türen zu klopfen, selbst wenn er permanent abgewiesen wird, dem wird sich aufgrund des mathematischen Wahrscheinlichkeitsprinzips früher oder später einmal eine davon öffnen. Diese bringt den Ausdauernden anschließend wieder ein Stück weit seinem Ziel entgegen. Gleichzeitig hatte er gelernt, dass Beharrlichkeit vor dem Erfolg steht.

   'Glück', dachte Max erneut, 'was ist denn eigentlich Glück?' 

Es fiel ihm schwer, sich Beispiele aufzuzeigen, in denen so etwas wie Glück der entscheidende Faktor gewesen sein konnte.

War es Glück, welches den jungen William „Bill“ Gates zu dem Entschluss verleitete, sein Jurastudium an der Eliteuniversität Harvard nach 2 Jahren abzubrechen? Nur, um mit seinen Studienfreunden Steve Ballmer und Paul Allen zusammen in der elterlichen Garage technische Geräte zusammenzulöten. Apparate, von denen bislang niemand auch nur ansatzweise geahnt hatte, dass ein Leben ohne sie bald undenkbar würde. Wohl kaum!

   Selbst der Jackpotknacker der Staatslotterie vom letzten Samstag, hatte der einfach nur Glück gehabt? Darf man den Umstand, dass dieser von vielen beneidete Mensch heute eine Million Euro mehr auf seinem Konto hat, wirklich einfach nur als reinen Glücksfall abtun?

Nein, sprach Max zu sich selbst. Er hat sich dieses Geld in gewisser Weise verdient, weil er daran geglaubt hat, das große Los zu ziehen. Indem er sich die Mühe machte, einen Lottoschein auszufüllen und bereit war, einen Preis dafür zu zahlen, als er ihn am Kiosk abgab. Andere haben den gleichen Betrag an diesem Abend vielleicht in ein paar Bierchen in ihrer Eckkneipe "investiert" und nicht mehr dabei gewonnen als einen kurzfristigen Rausch. Hatten diese Zeitgenossen denn keine Chance auf das vermeintliche Glück? Waren sie Pechvögel?

Glück hatte der millionenschwere Neureiche, so schlussfolgerte Max, vielleicht gehabt, wenn er sich beim Ankreuzen der sechs Zahlen versehen hatte und nur dadurch alle Ziffern korrekt angekreuzt waren. Doch selbst in diesem Fall waren die alles entscheidenden Faktoren für den Gewinn trotzdem der Glaube an den Erfolg, die Bereitschaft alles Notwendige zu tun und zu investieren.

   Überhaupt mochte Max bezweifeln, ob den frischgebackenen Lottokönig sein plötzlicher Reichtum langfristig so rundum glücklich und erfüllt machen würde, wie er es in diesem Moment von ganzem Herzen für sich selbst empfand. Jedenfalls lassen die haarsträubenden Geschichten derjenigen Lottomillionäre, die nur wenige Jahre später finanziell wieder genauso dastanden wie zuvor, dies bezweifeln. Plötzlicher Reichtum ohne die dazugehörige, im Laufe der Jahre erworbene charakterliche Reife, hält nicht lange an. Extremfälle berichten sogar von Lottomillionären, die irgendwann Privatinsolvenz anmelden und Sozialhilfe beantragen mussten. Gleichzeitig waren die vielen neuen Freunde und Bewunderer urplötzlich auch nicht mehr erreichbar. Was blieb, war die uralte Erkenntnis, dass Geld nun einmal nicht glücklich macht.

   Glück, das stand für Max in diesem Moment ganz fest, ist nur äußerst selten der entscheidende Faktor. Glück hatte bestenfalls der auf sich selbst fluchende Wolfsburger Bandarbeiter gehabt, als er seinen über Monate hinweg ersparten Flug in den Jahresurlaub verpasste. Als er aus den Abendnachrichten von dem Absturz genau dieser Maschine erfuhr, bei dem keiner der Insassen das Inferno überlebte, konnte man ihn in der Tat als Glückpilz bezeichnen.  

   Hatte Max es also lediglich dem puren Glück zu verdanken, dass er heute Morgen völlig entspannt und zufrieden auf seiner Veranda sitzend aufs Meer schauen konnte? Nein, das war ein Gedanke, den er einfach nicht akzeptieren konnte, der ihn sogar in höchstem Maße irritierte.

Ein Koffer voller Pläne

Gut 30 Jahre zuvor in Deutschland, damals noch als junger Student der Betriebswirtschaftslehre kurz vor dem Abschluss, hatte Max eine ebenso wichtige, wie verrückt anmutende Entscheidung getroffen. Diese sollte sein zukünftiges Leben wie selbstverständlich dahin dirigieren, wo seine Träume bereits lange zuvor angekommen waren. Es ist schon beeindruckend, wie wenig die eigene Meinung von der Meinung der Mitmenschen beeinflussbar ist, sobald man selber ganz fest von der Richtigkeit seiner Taten und Pläne überzeugt ist. Für Max war alles so klar, dass er gar nicht auf die Idee kam, auch nur den geringsten Zweifel an dem zu hegen, was er sich vorgenommen hatte: Ein aufregendes Leben unter der Sonne, umgeben von lebenslustigen Menschen und üppiger tropischer Schönheit.

   Entgegen der Prophezeiung seiner ehemaligen Grund- schullehrerin Käthe Kotschi, hielt Max viele Jahre später tatsächlich sein Universitätsdiplom in Händen. Dies hatte er geschafft, obwohl die erfahrene Provinzpädagogin den mittelprächtigen Schüler Max mit nullachtfünfzehn Noten bedacht, und seinen Eltern für ihren Sprössling nicht viel mehr als eine Ausbildung im handwerklichen Gewerbe vorhersagt hatte. Zugegeben, es war kein Prädikatsexamen, dies war allerdings auch nie seine erklärte Absicht gewesen. Dafür waren ihm seine intellektuellen Grenzen viel zu bewusst. Außerdem wollte er sein zuvor gestecktes Ziel auch nur mit minimalem Aufwand erreichen, denn in den Sommersemestern verbrachte er die Zeit lieber im Freibad, statt seine Vorlesungen zu besuchen.

Zu dumm, dass die gute Frau Kotschi schon vor einigen Jahren das Zeitliche gesegnet hatte. Zu gerne hätte Max ihr eine Kopie seines Diploms zukommen lassen.

   'Behalte du deine Noten, ich behalte meine Träume', hatte Max am Tag der Diplomverleihung nur kurz gedacht und sich über das Erreichte gefreut.

Es dauerte zunächst jedoch seine Zeit, bevor er begriff, dass nur er allein den Verlauf seines Lebens bestimmt. Selbst nach dem Abitur wusste Max nicht so genau, was er als Nächstes tun sollte. Ein im Grunde eher vertrauter Gemütszustand in seinem bisherigen Leben. Aufgrund fehlender ins Auge stechender Begabungen, die weder auf eine erfolgversprechende Karriere in Kunst, Sport, Wissenschaft, Musik oder sonstiger Spezialgebiete hätten hindeuten lassen, war Max schon frühzeitig dazu übergegangen, sich vom Leben treiben zu lassen. Bis zu dieser Zeit machte er nur das, was unter den gegenwärtigen Umständen greifbar war und ihm gleichzeitig die Möglichkeit offenließ, sich nicht festlegen zu müssen. Damit ging es ihm so wie vielen seiner Mitmenschen. Zwar wusste er ganz genau was er nicht wollte, hatte andererseits aber keinen blassen Schimmer von dem, was er sich für das noch vor ihm liegende Leben konkret vorstellte. Sicher war er sich nur, dass er es noch nicht hatte.

   Schade, dass es an den meisten Schulen kein Unterrichtsfach gibt, welches sich mit der Lebensplanung beschäftigt. Ganz sicher würden viele junge Menschen weniger Zeit und Energie im Leben vergeuden, wenn sie schon in jungen Jahren bei so wichtigen Themen wie Selbstfindung und Zukunftsgestaltung, von geeigneten Pädagogen unterstützt, orientiert und gefördert würden.

   Nach dem Abitur und Grundwehrdienst hatte Max sich kurzerhand für ein Studium der Betriebswirtschaft an der nahe gelegenen Universität in Osnabrück eingeschrieben. Dieses erlaubte ihm, ohne Numerus clausus oder ähnlicher Zugangsbeschränkung, auch die kommenden Jahre beschäftigt zu sein. Somit war die von ihm auch zu diesem Zeitpunkt noch als unangenehm empfundene Frage nach der zukünftigen beruflichen Laufbahn ein weiteres Mal auf die lange Bank geschoben worden.

   Da Max als eines von insgesamt sieben Kindern einer kleinbürgerlich ländlichen Familie den Weg in die akademischen Weihen suchte, war ihm der Höchstsatz staatlicher Unterstützung von vornherein sicher. Ohne seinen Eltern auf der Tasche zu liegen, wusste er sich die kommenden vier bis fünf Jahre finanziell abgesichert. Das ihm wenig später zugesprochene BAföG auf Darlehensbasis erlaubte ihm ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft, Verpflegung, Bücher und Transport. Dafür musste er nicht viel mehr tun, als halbjährlich eine Handvoll Prüfungen zu bestehen. Max war überzeugt, dass dies trotz seines vermeintlich unterdurchschnittlichen IQ - offizielle Messungen wurden bei ihm nie für notwendig erachtet und deshalb auch nicht vorgenommen - irgendwie zu schaffen sein musste.

Studium und Fernweh

Max führte also an der Universität das fort, was er auch bisher immer schon getan hatte: Er ließ sich durch die Tage treiben und vertröstete sich damit, dass die richtigen und wichtigen Entscheidungen auch noch später getroffen werden können. Aufgrund seiner bisherigen Lebenseinstellung hoffte er darauf, sich auf sein Schicksal verlassen zu können. Dieses würde ihm im entscheidenden Moment schon den richtigen Weg aufzeigen.

   So kam es, dass er sich die folgenden Jahre als gut gelaunter, vogelfrei fühlender Student von einem Semester zum anderen hangelte. Obwohl er weniger in den Vorlesungen als beim Karten spielen in der Universitätscafeteria anzutreffen war, brachte er es fertig, jede Klausur im ersten Anlauf zu bestehen. Zusammen mit zwei seiner neuen Weggefährten an der Uni, Martin und Roland, hatte er eine erfolgreiche Arbeitsgruppe gebildet, die sich erst wenige Wochen vor der Prüfungszeit zusammenfand um sich intensiv auf die bevorstehenden Examina vorzubereiten.

   Martin, einen ebenfalls vom Lande stammenden, ebenso hünenhaften wie schweigsamen Zeitgenossen, hatte Max während seines Grundwehrdienstes kennengelernt. Beide waren sich auf Anhieb sympathisch und sollten im Laufe der Bundeswehrzeit zu dicken Kumpels werden. Auf Roland wurden beide gleich während der ersten Vorlesungen aufmerksam. Ihr etwas schüchtern wirkender Kommilitone mit den rotblonden Haaren brachte augenscheinlich aus der ersten Reihe heraus jedes Wort von der Tafel und aus dem Munde des gerade Vortragenden beflissen zu Papier. Damit war er für Martin und Max die ideale fehlende Besetzung, mit dessen Hilfe es ihnen erlaubt sein sollte, ohne schlechtes Gewissen zahlreiche Vorlesungen zu verschlafen.

   Es war nicht schwer, Roland von einer für alle Beteiligten fruchtbaren Zusammenarbeit zu überzeugen. Dank der Hilfe von Martin und Max war es diesem nämlich erst möglich, seine umfangreichen Aufzeichnungen überhaupt zu verstehen. Seine beiden neu gewonnenen Freunde hingegen erlernten den zuvor verpassten Vorlesungsstoff, indem sie ihn Roland anhand seiner eigenen Notizen verständlich machten, was nicht immer ganz einfach war. Somit waren rechtzeitig zu Beginn der Prüfungen alle drei ausreichend vorbereitet. „Wenn du es deiner Oma erklären kannst, hast du es verstanden“, hat Albert Einstein diese Vorgehensweise einmal kurz und treffend zusammengefasst.

   Max unterstützte sein nicht so ausgeprägtes Gedächtnis mitunter durch den Einsatz ausgeklügelter Spickzettelsysteme. Eine „Kunst“, die er sich schon auf der Schule aneignen „musste“ und die er im Verlauf der Jahre stetig weiter perfektioniert hatte. Käthe Kotschi sei Dank!

Er empfand die Art und Weise, wie er sein Diplom erreichte durchaus als legitim. Der Zweck heiligt doch bekanntlich die Mittel. Andere erachteten ihn schlichtweg als stinkfaul und eines Akademikers nicht würdig. Was soll man dazu sagen? Alle hatten, aus ihrer ganz persönlichen Sichtweise heraus, irgendwie recht.

   Roland wurde kurz nach dem Studium, zum Erstaunen nicht nur seiner beiden Studienfreunde, relativ bald zum Geschäftsstellenleiter einer großen deutschen Bank in Dresden benannt. Martin zog es wieder zurück in seinen Heimatort Lüsche, wo er seine schon immer vergötterte Ulrike heiratete und eine süße Tochter namens Lina zeugte. Heute stellt er als erfolgreicher Teilhaber einer relativ großen Steuer- beratungskanzlei und Vorsitzender des Gemeinderates, ein anerkanntes Mitglied der dörflichen Gemeinschaft dar.

   Die Zukunft von Max hingegen sollte sich gut ein Jahr vor dem Ende seines Hauptstudiums entscheiden. Sein Studienfreund Norbert beendete zu dieser Zeit gerade ein halbjähriges Referendariat an der deutschen Handelskammer in Kolumbiens Hauptstadt Bogota. Max beschloss, diesen günstigen Umstand zu nutzen, um ihn dort für sechs Wochen zu besuchen.

   Als er von dieser Reise zurückkam, wusste er zum ersten Mal in seinem Leben ganz genau, wie er sich seine Zukunft vorstellte. Die ihm bis dato völlig fremde Kultur Lateinamerikas hatte ihn so sehr verzaubert, dass er gleich nach seiner Rückkehr nach Deutschland einen Grundkurs der spanischen Sprache begann. Nach dem bevorstehenden Abschluss seines Studiums wollte er postwendend wieder in Richtung Lateinamerika aufbrechen. Diesmal allerdings mit längerfristigem Zeithorizont.

   Dabei hatte er ausgesprochen „Schwein gehabt“, dass er damals von Kolumbien aus nicht auf Kosten der deutschen Botschaft waagerecht in einem Transportflugzeug zur Beerdigung nach Deutschland zurückverfrachtet wurde. Bei einem alptraumhaften Zwischenfall während seines Urlaubs war das Wort Glück in der Tat angebracht. Großes Glück sogar, weit mehr als Verstand. Auf einem Ausflug mit Norbert nach Santa Marta, einem beschaulichen Naturschutzgebiet an der Karibikküste Kolumbiens, waren sie gleich nach der Ankunft an den menschenleeren schneeweißen Strand gerannt, um das kühle Nass des Ozeans zu spüren. Weit und breit waren nur ein paar Schweine und ein klappriger Esel, aber keine weitere Menschenseele auszumachen an diesem unberührt anmutendem Fleckchen Paradies.

   Norbert verließ nach kurzer Zeit das Wasser, um sich nach der langen Fahrt im Chicken-Bus, am Strand einem ausgiebigen Nickerchen unter einer der zahlreichen Kokospalmen hinzugeben. Max bevorzugte es, ein wenig länger mit den Wellen zu spielen und schwamm noch etwas weiter hinaus aufs Meer. Er war ein guter Schwimmer und liebte es, sich von den Wellen tragen zu lassen, wobei er ganz entspannt für einen Moment die Augen schloss.

Als er diese kurz darauf wieder öffnete, war seine Verwunderung groß, als er sich von einer Sekunde auf die andere, gefühlte 200 Meter hinausgetrieben sah.

   `Donnerwetter´, dachte er, `unglaublich, wie schnell man hier aufs offene Meer hinausgezogen wird. Ich schwimme jetzt wohl doch besser zurück zu Norbert´. 

So sehr Max sich auch bemühte, zunächst noch ruhig und gelassen, bald schon zunehmend schneller bis hin zum panischen Paddeln, er kam dem Strand einfach nicht näher. Im Gegenteil, es schien, als ob er weiter und weiter rausgezogen wurde.

   Bald entwickelte sich ein Todeskampf mit den Gewalten des Ozeans. Als ihn seine Kräfte komplett zu verlassen schienen, gab er die Hoffnung auf, jemals wieder festen Boden zu betreten.

Seine Hilferufe in Richtung Norbert, der tief und fest am Strand vor sich hinschnarchte, waren vergebens. Max wurde wütend auf seinen Freund, der seine Verzweiflung einfach zu ignorieren schien.

   Im Nachhinein war es wohl ein Segen, dass er es damals nicht geschafft hatte, seinen Reisebegleiter zu wecken. Womöglich wäre dieser auf die törichte Idee gekommen, ihn hier draußen retten zu wollen, wobei beide mutterseelenallein ganz kläglich ersoffen wären. Nur ein professioneller Rettungsschwimmer hätte Max helfen können.

   Als Max sich schon gedanklich von dieser Welt verabschiedet hatte - seine Kräfte waren total am Ende - verspürte er plötzlich Land unter seinen nur noch müde zappelnden Füßen. Das war die Rettung! Er war dem Teufel noch einmal von der Schippe gesprungen, indem er auf eine Landzunge traf, die sich halbmondförmig ins Meer erstreckte, von der Wasseroberfläche aus hingegen nicht zu sehen war.

   Unter erheblichen Anstrengungen schaffte er es, sich auf diesem Wege zurück zum Strand zu schleppen. Die Strömung war so ungeheuer stark, dass er große Mühe hatte, dagegen anzulaufen. Letzten Endes schaffte er es, dankte Gott und verfluchte seinen Freund Norbert, als er diesen unschuldig schlafend auf seinem Handtuch vorfand.

   Später erfuhren sie von den Einheimischen, dass man überall an der Karibikküste mit gefährlichen Unterströmungen dieser Art rechnen musste. Jedes Jahr fallen diesem Phänomen zahlreiche ahnungslose Badegäste zum Opfer. Um ein Haar hätte man auch Max auf diese Liste setzen können. Deshalb hatte er beschlossen, in der Zukunft nur an den Stellen ins Wasser zu gehen, wo das auch andere Badende bereits taten und ausgebildetes Rettungspersonal notfalls zur Stelle war.

   Es soll einige wagemutige Helden geben, die sich ganz bewusst in diese Unterströmungen begeben. Wenn man einmal weiß, wie sie funktionieren, kann man tatsächlich mit ihnen „spielen“.

Sobald man feststellt, dass der Sog des Meeres einen nach draußen zieht, merkt man sich einen Orientierungspunkt am Strand: Eine auffällige Palme, eine Hütte oder was auch immer sich nicht bewegt. Der Ablauf einer Unterströmung verläuft nach einem jedes Mal gleichen Schema. Zunächst wird der Schwimmer plötzlich und rasend schnell in gerader Linie aufs offene Meer gezogen. Irgendwann kommt der Moment, in dem die Strömung nachlässt, um ihn parallel zur Küste zu treiben. Daher ist es wichtig, sich zuvor einen Orientierungspunkt gemerkt zu haben. Sobald man realisiert, dass man sich parallel zum Land bewegt, kann man in einem 45° Winkel den Rückweg in Richtung Strand antreten. Auf keinen Fall in direkter Linie, denn so wird man erneut von der nächsten Unterströmung erwischt. Es muss im 45° Winkel sein, dann soll es ganz einfach gehen. Ausprobieren wollte Max es trotzdem lieber nicht. Diese eine dramatische Erfahrung hatte ihm mehr als gereicht.

   Ab diesem Moment sollte sein Respekt vor den Ozeanen dieser Welt noch um einiges steigen. Auch heute noch begibt er sich nur so weit ins Meer, wie er noch Grund unter den Füßen verspüren kann. Waghalsige Experimente wollte er gerne anderen überlassen. Jedenfalls solange, wie Pamela Anderson nicht zur Stelle war. 

   Dank der rettenden Landzunge und wohlbehalten zurück in Deutschland, packte Max einige Monate darauf alles zusammen, was er für den Start in die kurz zuvor auserkorene neue Wahlheimat Costa Rica als unabdingbar erachtete: Sein frisch erworbenes Universitätsdiplom, Badelatschen, zwei Shorts und einige T-Shirts, Zahnbürste, Wörterbuch, Reiseführer und ein Glas Nutella. Ganz zum Schluss fügte er noch jede Menge traumhafter Pläne und seinen festen Glauben an eine großartige Zukunft hinzu. Was er hingegen gerne zurückließ, waren die zahlreichen gut gemeinten Warnungen und Bedenken von Freunden und Bekannten. Vergeblich hatten so ziemlich alle, die von seinen Plänen erfuhren, versucht ihm klar zu machen, dass er in einem fremden Land, ohne jegliche Kontakte und ohne solide Kenntnisse der Landessprache, von vornherein zum Scheitern verurteilt sein würde.

   Glücklicherweise war da ja noch seine Mutter Anna Maria, von allen liebevoll Anni genannt. Als Einzige wünschte sie ihrem Sohn lediglich eine gute Reise und viel Glück, anstatt ihn mit Ein- und Vorwänden zu verunsichern. Sie vermittelte ihm das gute und wichtige Gefühl, dass er selber am besten wissen musste, was ihn glücklich machen würde.

   "Schick mir bitte ab und zu eine Ansichtskarte, damit ich weiß, dass es Dir gut geht", waren ihre Abschiedsworte, zusammen mit einer festen Umarmung und einem vorerst letzten Kuss auf die Wange.

   Auch wenn Du felsenfest von deinem Handeln überzeugt bist, tut es gut, wenn zumindest eine weitere Person an Dich glaubt.

Familie und der Drang ins Ausland

Sein ausgeprägtes Fernweh hatte Max ohne Frage von seiner Mutter Anni geerbt. Diese bewundernswerte, zierliche und tief religiöse Frau hatte den Zweiten Weltkrieg überstanden und war natürlich auch von den Strapazen der Nachkriegszeit nicht verschont geblieben. Zusammen mit ihrem Mann Aloys hatten sie es mit aufopferungsvollem Fleiß, vor allem aber mit einem unerschütterlichen Glauben an eine bessere Zukunft, zunächst zu stolzen Besitzern eines kleinen Kolonialwarenladens gebracht. Später wurden sie zu erfolgreichen Pächtern einer florierenden Gaststätte. Anni erzählte einmal davon, wie sie damals lange mit sich haderten, bevor sie die Bank um einen Kredit in Höhe von DM 9.000 baten. Mit diesem Geld wollten sie ein großes, gepachtetes Eckhaus in einen Dorfgasthof umbauen. Ein für damalige Verhältnisse gewagtes Unterfangen, zumal bereits zwei Kinder zu versorgen waren. 

   Dank ihrer ehrlichen und umgänglichen Art entwickelte sich daraus innerhalb kürzester Zeit eine echte Goldgrube. Bereits ein Jahr später waren sie in der Lage, die Anzahlung für ihr eigenes Wohnhaus zu leisten. Hier sollten im Laufe der Zeit fünf weitere Kinder gezeugt und aufgezogen werden.

Marlis war das Erste von insgesamt sieben Geschwistern und knapp zwei Jahre später erblickte ihr Bruder Wilhelm das Licht der Welt. Diese beiden existierten bereits, als Anni und Aloys begannen, ihr Glück in der Gastronomie zu versuchen. Weiterer Nachwuchs war ursprünglich nicht geplant gewesen. Das beschwerliche und arbeitsreiche Leben hielt sie ohnehin schon zur Genüge auf Trapp.

   Zehn Jahre später kam es dann zu einem unerwarteten "Unfall", aus dem als jetzt drittes Kind der Familie Andrea hervorging. Damit sie nicht alleine mit ihren wesentlich älteren Geschwistern aufwachsen musste, wurde kurzerhand ein Brüderchen in Angriff genommen, dem sie den Namen Max gaben. Max wusste deshalb ganz genau, dass er ein Wunschkind war, wenn auch mit der Absicht, als Spielkamerad für seine Schwester Andrea zu fungieren. Dies erzählte er gerne, aber immer nur zum Spaß, um Andrea zu ärgern. Alle Geschwister verspürten, wie sehr jeder Einzelne von ihren Eltern geliebt wurde.

   Nachdem weitere fünf Jahre ins Land gegangen waren, muss wohl eines Abends wieder einmal der Strom ausgefallen sein. Aufgrund einer erneuten Unachtsamkeit erblickten die Drillinge Jutta, Doris und Barbara das Licht der Welt. Damit hatte sich der Nachwuchs schlagartig auf sieben erhöht.

   Anni war bei der Geburt der Drillinge bereits 43 Jahre alt. Plötzlich sah sie sich erneut in der Rolle einer frischgebackenen Mutter. Diesmal sogar von drei eineiigen, völlig identisch aussehenden süßen Mädchen. Was für einen kurzen Moment wie ein mächtiger Schock alle Beteiligten lähmte, sollte sich im Nachhinein als großer Segen erweisen.

   Als Mutter von nunmehr sieben Kindern, geboren über einen Zeitraum von 17 Jahren, hatte Anni keine Chance, auch nur ans Altwerden zu denken. Sie blieb ständig am Puls der Zeit und ist auch heute mit ihren 85 Jahren noch fit wie ein Turnschuh. Sie fährt wie selbstverständlich Auto, spielt Rommé mit Freundinnen, und erst kürzlich brach sie sich beim Brennballspielen einen Zeigefinger. Natürlich ist das Altwerden auch für sie keine ganz einfache Sache und verbunden mit allerlei Wehwehchen und Beschwerden. Aber sie hat ihren Humor bewahrt und tröstet sich damit, dass ein hohes Alter allemal besser ist als die direkte Alternative, nämlich früh zu verlöschen. Sterbe jung, so spät wie möglich, lautet ihr Lebensmotto.

   Aufgrund ihres von Arbeit und Familie geprägten Lebens hatte Anni nie die Möglichkeit gehabt, etwas von der großen weiten Welt zu sehen. Das hinderte sie jedoch nicht daran, jeden Fernsehbericht aus fernen Ländern förmlich aufzusaugen. Meistens, indem sie dabei einen riesigen Berg Wäsche vor sich wegbügelte, kiloweise Kartoffeln schälte oder Erbsen aus dem eigenen Garten pulte. Jemand wie sie musste gleichzeitig mindestens drei Fliegen mit einer Klappe erschlagen, um mit den 24 Stunden des Tages halbwegs zurechtzukommen.

   Anni war zeitlebens fasziniert davon, wie es wohl in fernen Staaten und Kontinenten so einhergeht. Es interessierte sie, was die Menschen außerhalb Deutschlands bewegt, wovon sie träumen und welche Unterschiede oder Gemeinsamkeiten es gab zwischen den Kulturen. Oftmals sprach sie auch mit ihren Kindern über ihre Gedanken und Fantasien, an die für sie unerreichbar fernen Orte.

   Aus heutiger Sicht sieht es so aus, als ob sie damit zwar nur bei Max, dafür allerdings in einer ganz besonderen Intensität, den Nährboden für sein zukünftiges Zigeunerleben gelegt haben sollte. Seine sechs Geschwister entwickelten sich eher bodenständig und wurden in einem Radius von 200 Kilometern des Elternhauses entfernt glücklich. Max hingegen war bereits einen Tag nach dem 15. Geburtstag mit seinem damaligen Schulfreund Thomas auf zwei Mofas, die nicht viel schneller fuhren als ein gut geöltes Fahrrad, auf dem Weg quer durch Holland in Richtung Nordsee unterwegs. Obwohl sie dort auf dem Campingplatz am Ijsselmeer die meiste Zeit im regendurchnässten Minizelt saßen, schwarze Zigaretten ohne Filter pafften und billigen Genever probierten, war dies für beide ein so unglaubliches Abenteuer, als wären sie den Spuren von Marco Polo und Christoph Kolumbus gefolgt. Reisen und fremde Kontinente wurden so schon früh auch zu Max' Leidenschaften. Diese sollten seinen weiteren Lebensweg entscheidend mitbestimmen.

Doch zunächst zurück zu Studienzeit und Grundwehrdienst.

***

   Die ersten Semester als Student waren für Max eine aufregende und schöne Zeit. Gleich zu Beginn hatte er eine Gruppe netter neuer Freunde gefunden. Zusammen mit seinen beiden Bundeswehrkameraden Frank und Martin bezog er eine kleine Drei-Zimmer-Wohnung mit Balkon und konnte tun und lassen, was er wollte. Frank, der ursprünglich aus Wilhelmshaven stammt, hatte beschossen, zunächst eine Banklehre in Osnabrück zu absolvieren, während Martin und Max vorhatten, in dieser Stadt zu studieren. Deshalb bot es sich für die Drei an, eine Wohngemeinschaft zu gründen.

   Martin und Max liebten es, in der Uni-Cafeteria Skat oder Doppelkopf zu spielen. Dabei lächelten sie überheblich über ihre eifrigeren Kommilitonen, von denen ihrerseits einige nur mitleidig über die beiden Faulpelze tuschelten. Im Gegensatz zu anderen wussten Martin und Max ganz genau, was sie taten. Deshalb verplemperten sie ihre Zeit nicht in langweiligen Vorlesungen von Professoren, die alles versuchten, um den ohnehin schon nicht einfachen Lehrstoff möglichst noch komplizierter wiederzugeben. Im Grundstudium musste halt gesiebt werden, damit es nicht allzu viele Studenten ins Hauptstudium schaffen. Martin und Max hatten diese Strategie schnell durchschaut und Abstand davon genommen, sich schon morgens um acht in unverständlichen Vorlesungen den Wind aus den Segeln nehmen zu lassen. Drei oder vier Wochen vor den Klausuren büffelten sie stattdessen fast Tag und Nacht und das reichte, um alle Prüfungen auf Anhieb zu bestehen.

   Das war eine Erfahrung, die nicht all ihre Mitstudenten teilen konnten. Für viele von ihnen brach eine Welt zusammen, als sie davon erfuhren, dass sie durchgefallen waren. Und das, obwohl sie doch religiös jeder Vorlesung und jeder nur erdenklichen Zusatzveranstaltung beigewohnt hatten.

Wenn sie daraufhin gefrustet in der Cafeteria an den kartenspielenden Spätaufstehern Martin und Max vorbeigingen und erfuhren, dass diese nicht bei der Prüfung durchgefallen waren, geriet der ein oder andere von ihnen an den Rand seiner Vorstellungskraft.

Martin, Frank und Max waren, zusammen mit Danny, Lissy, Ina, Ingo, Norbert, Stefan, Horst und den anderen Mitgliedern ihrer großen Clique, wie sollte es auch anders sein, selbstverständlich auf jeder Studentenparty anzutreffen. Max stand dabei die ersten Stunden zunächst auch hinter der Theke. Das Kellnern hatte er schon als Jugendlicher in der Kneipe seiner Eltern sehr gemocht. Außerdem kam er auf diese Weise leicht ins Gespräch mit den zahlreichen weiblichen Partybesuchern. Deshalb wusste er, wer alleine und wer in Begleitung unterwegs war und hatte keine Schwierigkeiten, nach Beendigung seiner Thekenschicht diese ersten Kontakte wiederaufzunehmen.

   Es war erstaunlich, wie aufgeschlossen sich fast jede zurückhaltend gebende Studentin, mit dem zuvor als Kellner identifizierten Kommilitonen auf ein Gespräch einließ. Viele der übrigen männlichen Fetenbesucher hatten es ungleich schwerer. Oftmals bekamen sie nur die hübsche kalte Schulter gezeigt und blitzten auf der Stelle ab.

   Allerdings konnte auch Max keinen weiterführenden Nutzen aus der Popularität eines Studentenkellners ziehen. Schon wenige Wochen nach seiner Ankunft in Osnabrück hatte er sich nämlich, Hals über Kopf, in die bildhübsche Danny verliebt. Fast die gesamte Studienzeit über waren die beiden ein glückliches Paar. Womöglich wären sie es auch heute noch, wenn Max sich später nicht so hoffnungslos mit dem Reisefiebervirus infiziert hätte. Diese chronische und kaum zu kurierende „Suchtkrankheit“ sollte ihn zeitlebens zu einem Globetrotter werden lassen, dessen einzige Konstante im Leben der permanente Ortswechsel war. Seine innere Unruhe würde ihn letztendlich nur in der Welt an sich sesshaft werden lassen. Bis er für solch einen Lebenswandel den geeigneten Partner fand, sollte noch viel Wasser den Rhein runterfließen.

   Das Thema Geld stellte für Max während der Studentenzeit kein Manko dar. Zum einen wurde ihm ja der Höchstsatz an BAföG zugesprochen, was alleine schon reichte, um einen bescheidenen Lebensstil zu finanzieren. Da er zusammen mit Martin bei der Bundeswehr den Lkw-Führerschein gemacht hatte, verdiente er an den Wochenenden und in den Semesterferien noch ordentlich als Aushilfskraftfahrer etwas hinzu.

   Während Martin als Soldat einen großen olivgrünen Versorgungslastwagen fuhr, sollte Max seine beim Militär erworbene Lkw-Berechtigung so gut wie nie nutzen. Seine Abkommandierung zur Fahrschule war ein Versehen gewesen. Erst nachdem er bereits zwei Wochen am Unterricht teilgenommen und zahlreiche Fahrstunden absolviert hatte, bemerkte einer der Unteroffiziere, dass er gar nicht auf der Liste der Führerscheinanwärter hätte stehen sollen. Max war es von Anfang an seltsam vorgekommen, dass man ihn für die Fahrschule freigestellt hatte. In seiner Tätigkeit als Schreibstubensoldat hatte er weder Gelegenheit noch Grund, einen Lastwagen zu steuern. Gleichwohl hatte er zunächst vorsichtshalber keine Einwände von sich gegeben. Die Lkw-Fahrschule war tausendmal besser als das stupide Marschieren auf dem Kasernenhof. In der Hoffnung, dem allgemein als vergeudete Zeit erachteten 15-monatigen Grundwehrdienst doch noch etwas Positives abzugewinnen, beschloss er, sich zunächst dumm zu stellen. Lieber irgendwann einmal um Verzeihung zu bitten erschien ihm schlauer, als gleich um Erlaubnis.

   So kam es, dass er tatsächlich seine Brummi-Lizenz machte, mit der er sich als angehender Student die gut bezahlten Ferien- und Wochenendjobs aussuchen konnte.

   Nach dem fünften Semester an der Universität hatte Max bereits einiges an Geld zusammengespart, um den Versuch zu wagen, erstmals für eine längere Zeit ins Ausland zu gehen. Er fühlte sich mehr als reif für eine Abwechslung. Außerdem wollte er unbedingt sein bescheidenes Schulenglisch aufpolieren. Da ihm zu diesem Zeitpunkt bereits klar war, niemals als überragender Student der Wirtschaftswissenschaften abzuschließen, musste er bei den eines Tages bevorstehenden Bewerbungsgesprächen irgendwie anders auf sich aufmerksam machen. Der Gedanke, eine so wichtige Fremdsprache wie Englisch fließend zu beherrschen, erschien ihm dafür die geeignete Vorgehensweise zu sein.

   Wie gewohnt vermied Max den strengen Wettbewerb um die von zahlreichen, an einem Auslandsaufenthalt interessierten Mitstudenten heiss umkämpften Stipendiumsplätze für die USA, Kanada oder Australien. Stattdessen entschied er sich für England. Auch in diesem Land strich er Cambridge und Oxford gleich von der Liste. Er fand heraus, dass seine Universität ebenfalls ein Partnerprogramm mit der relativ kleinen und weitgehend unbedeutenden University of Hull unterhielt. Anscheinend gab es dafür noch einige Plätze zu vergeben, da kaum jemand so recht dorthin wollte.

   Eigentlich nicht weiter verwunderlich, denn Kingston upon Hull, wie die Stadt offiziell heißt, ist geographisch nicht wirklich attraktiv gelegen. Das Klima ist rau und die Sonne lässt sich so hoch im Norden nur selten blicken. Diese einstmals pulsierende Hafenstadt an der nordöstlichen Grenze zu Schottland war schon seit Jahren selbst in Großbritannien weitgehend unbedeutend.

Max erkannte darin sofort seine große Chance. Ihm war es piep egal wie viele Sterne diese Hochschule hatte. Er wollte Englisch lernen und möglichst viel Spaß dabei haben.

   Kurz nach seiner Anmeldung bekam er einen Termin bei dem für die Stipendienvergabe zuständigen Referenten, der in seiner Haupttätigkeit als Anglistikprofessor an der Universität tätig war. Max zog es vor, nicht lange um den heißen Brei herumzureden und ließ die Katze gleich am Anfang aus dem Sack.

    "Hören Sie, Herr Professor", sprach er sein Gegenüber an.

    "Ich interessiere mich für ein einjähriges Stipendium an der Universität von Hull. Wie ich erfahren habe, ist das vorherige Bestehen eines umfangreichen Englischtests eine Voraussetzung für dessen Bewilligung. Das Ganze macht für mich allerdings wenig Sinn. Wenn ich schon so gut Englisch könnte, um einen solchen Test zu bestehen, bräuchte ich ja nicht ein Jahr an unsere Partneruni zu wechseln. Gerade weil ich diese wichtige Fremdsprache perfekt sprechen möchte, bin ich ja erst auf die Idee gekommen, mich für ein Austauschjahr zu bewerben. Das Diplom mache ich doch eh hier in Osnabrück. Also bitte, gibt es eine Möglichkeit, wie Sie mir eventuell helfen können, mein Vorhaben trotzdem zu realisieren?"