Grenzlandtage - Antonia Michaelis - E-Book

Grenzlandtage E-Book

Antonia Michaelis

4,5

Beschreibung

Zwei Wochen Ferien auf der winzigen griechischen Insel liegen vor Jule. Das Meer ist blau, die Nächte sternenklar. Alles scheint perfekt. Bis Jule den Jungen mit den verbundenen Händen trifft und begreift, wer er und die anderen sind, die im Verborgenen leben. Jules Welt gerät aus den Fugen. Denn das Meer ist ein Grab, die Nächte sind kalt und das Dorf ein Ort des Misstrauens. Und quer durch die Wellen läuft eine Grenze, die niemand sieht. Eine tödliche Grenze. Eine berührende Liebesgeschichte vor aktuellem politischen Hintergrund, die Flüchtlings-Schicksale einfühlsam und greifbar schildert. Die beiden Autoren wurden von der Jugendjury des Jugendliteraturpreises nominiert.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 579

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



Über dieses Buch

Wenn man ein Wanderfalter wäre. Ein Schmetterling, schwerelos. Dann und nur dann gäbe es eine Welt ohne Kriege und ohne Zäune.

 

Für Asman,

dessen Namen wir geliehen haben,

Flüchtling aus Syrien,

einquartiert in einem Hotelzimmer in Berlin-Marzahn,

sehr allein,

ohne Deutschkenntnisse,

wenige Tage nach seiner Ankunft

verstorben an Herzversagen

Mondlicht auf dem Wasser.

Damit beginnt es.

Mondlicht und die See, Mondlicht und tausend Sterne, und in der Ferne ein Streifen Land hinter den silbrigen Wellen:

Europa.

Das dort, das muss die Küste Italiens sein. Die Freude, die ihn durchzuckt, ist beinahe schmerzhaft.

Siebzehn Tage auf See. Es gibt kein Wasser mehr an Bord, schon lange nichts mehr zu essen. Jedes Stück Stoff ist starr vom Salz. Die schwarzen Körper der Menschen an Deck sind hilflose Flecken in der Nacht, Bündel von Träumen. Das Deck glänzt im Mondschein, glitschig von Erbrochenem.

Er krallt die Hände um das Steuerrad des alten Kutters.

An Bord ist Platz für fünfundzwanzig Menschen. Hundertvier sind auf dem Schiff.

Hundertvier Hoffnungen, hundertvier atmende Lebewesen, reduziert darauf, zu warten, hundertvier mal die Zukunft in seiner Hand.

Er sieht hinüber zu Hassan, und Hassan lächelt.

»Wir sind da«, sagt er.

Und das ist der Augenblick, in dem der Motor stockt.

 

Er spürt die Bewegungen des Schiffes in der Brandung mit jeder Faser seines Körpers, spürt das Ächzen und Stöhnen des alten Kutters. Und er steigt über Menschen, tastet sich Stufen hinab. Das Licht einer Taschenlampe flattert in der Dunkelheit wie ein gefangener Schmetterling. Zu Hause flogen die Schmetterlinge durch das Licht- und Schattenspiel der Feigenbäume hinter dem Haus, er sieht sie noch, sieht eine schlanke Mädchenhand nach ihnen greifen …

Einer hat sich damals auf ihrer Hand niedergelassen, das weiß er noch.

Ibrahim hockt neben der Maschine, hier unten in den Eingeweiden des Schiffs, wo Schläuche laufen wie Gedärme, sein Gesicht ist schwarz von Schmieröl.

»Der Treibstoff ist alle«, sagt er. »Sie haben gesagt, es reicht bis Italien. Sie haben gelogen.«

»Sie haben immer gelogen.«

Aber da ist noch etwas. »Sie legt sich schräg«, sagt Ibrahim. »Etwas stimmt nicht.«

Und sie finden die Stelle, an der das Wasser offenbar schon eine ganze Zeit lang eindringt, und jetzt geht alles zu schnell.

 

Er setzt den Notruf über Funk zwanzig Minuten später ab, vielleicht zwanzig Minuten zu spät. Das Bangen und Warten dauert eine Ewigkeit, in der der Kutter hilflos in der Dünung rollt.

Er hält eine Hand in seiner, die schmale Hand, auf der damals ein Schmetterling gelandet ist. Sorge dich nicht. Sie kommen.

 

Und dann nähert sich ein Schiff, rast über die Wellen heran. Sie hören den Motor.

Die Küstenwache.

Uniformen. Die Gesichter der beiden Männer darüber liegen im Dunkeln, als hätten sie keine.

Das Schiff liegt längsseits, schlägt mit jeder Welle gefährlich gegen die Flanke des Kutters. Leinen werden geworfen. Er lässt die zitternde Hand los, um ein Seil zu vertäuen.

Niemand versteht die Worte, die gerufen werden.

»Das ist Griechisch«, sagt jemand. »Wir sind nicht vor der italienischen Küste. Das ist Griechenland.«

Es geht wie ein Lauffeuer durch die Menge der zusammengekauerten, erschöpften Menschen an Deck. Griechenland, ein Land, in das keiner von ihnen wollte. Die Griechen haben selbst nichts, jeder weiß das, die Griechen können nicht helfen.

»Italien!«, rufen sie der Küstenwache zu. »Wir sind auf dem Weg nach Italien! Aber wir haben keinen Treibstoff mehr. Und das Schiff ist leck!«

Die Männer der Küstenwache sprechen jetzt Englisch, hart, gebrochen. Offenbar sind sie irgendwo westlich von Kreta.

»You want go Italy, you go Italy! Wir helfen euch, das Leck zu flicken. Wir geben euch Treibstoff. Aber Treibstoff kostet Geld.«

»Ja, ja. Wir sammeln Geld ein!« Es ist einer der Alten, der das sagt, sie nennen ihn nur den Professor.

Er packt den Alten an der Schulter. »Das ist zu weit! Wir schaffen das nicht! Nicht mit dem Leck!«

Eine Diskussion entsteht, die meisten sind dafür, das Geld einzusammeln, die Wellen lassen die Bordwände der beiden Schiffe aneinanderreiben, er hört das Holz des Kutters ächzen. Einer der Küstenwachleute kommt herüber, folgt Ibrahim unter Deck, will helfen, das Leck notdürftig zu flicken. Er sieht sein Gesicht noch immer nicht, nur seine Hand. Er hat ein Feuermal dort, einen tiefroten Fleck, als wäre Blut auf die Hand gespritzt.

»Das ist Wahnsinn!« Er schreit die anderen jetzt an. »Vergesst das mit dem Geld! Das ist Selbstmord!«

»Du!«, brüllt der vom Küstenwachschiff. »Hast du hier was zu sagen? Komm rüber, wir verhandeln in Ruhe.«

Und dann ist er auf dem Schiff der Küstenwache, wird unsanft in die Kajüte gestoßen, fällt. Der Uniformierte spricht von oben zu ihm, sein Gesicht ist weit weg. Er hat ein Halstuch über Mund und Nase gezogen, vielleicht gegen die Kälte.

»Was bist du? Der Kapitän? The trafficker? One of those fucking traffickers? Bringing all the people, making all the money? Bist du einer von diesen verdammten Schleusern, die all die Leute herbringen und daran verdienen?«

»No!« Er versucht, hochzukommen. »Es sind keine Schleuser an Bord!«

»Ganz ruhig.« Der andere stellt den Stiefel auf seine Stirn, drückt sein Gesicht zu Boden.

»Natürlich bist du ein Schleuser. Wenn ihr hier an Land geht, Griechenland, da kriegst du als Schleuser zehn, fünfzehn Jahre. Die anderen kommen in Lager. Sind ja alle illegal. Nicht schön da. Zaun, Wachen, da kommt keiner raus. Unser Deal ist besser. Wir verkaufen euch den Diesel, ihr fahrt nach Italien. Everyone happy, you see?«

Der mit dem Feuermal ist zurück, steht da, sieht zu, tut nichts. Der andere nimmt seinen Fuß weg, stattdessen spürt er jetzt das kalte Metall einer Waffe im Nacken. Sie lachen, beide.

Es ist ein Spiel, er begreift es, ein grausames Spiel, sie wollen ihn nicht erschießen, sie genießen nur ihre Macht. Er spürt eine Hand, die ihn abtastet, sie suchen nach etwas, das sie stehlen können.

Und die Wut packt ihn, er bäumt sich auf: keine gute Idee, von oben hagelt es jetzt Schläge und Tritte, er krümmt sich zusammen, versucht, seinen Kopf zu schützen. Und plötzlich haben sie genug. Zerren ihn auf die Beine, stoßen ihn zurück, hinüber zum Kutter. Gute Fahrt, Kapitän.

Er strauchelt, rutscht ab, gerät mit dem Arm zwischen die Bordwände der Schiffe.

Ein jäher Schmerz schießt durch seine linke Hand, die gequetscht wird.

Dann dreht das andere Boot bei und verschwindet in der Nacht.

Und sie ist da, schlingt ihre Arme um seinen Hals, klammert sich an ihn. Sie hat Angst um ihn gehabt.

»Wie geht es dem Kleinen?«, fragt er, halb atemlos noch vom Schmerz der zerquetschten Hand.

»Alles in Ordnung«, flüstert sie. »Wir fahren also weiter? Nach Italien?« Und sie lächelt.

Er schiebt sie behutsam von sich, er muss sich um den Kurs kümmern. Ibrahim und Hassan warten. Drei Skipper für ein Boot, siebzehn Tage.

Wann haben wir zuletzt geschlafen? Ein lachendes Schulterzucken. Geschlafen? Wer weiß das schon.

Der Professor hockt an der Reling, in seinem Gesicht steht etwas wie Triumph, der Professor hat erreicht, dass sie das Geld einsammeln und weiterfahren.

Er verspürt das unbedingte Bedürfnis, den alten Mann zu schlagen.

Die Bordwand ist zermürbt vom Aneinanderreiben der beiden Schiffe. Das Holz ist an mehreren Stellen gesplittert. Und der Kurs, den sie jetzt fahren, ist härter am Wind. Noch mehr Wellen. Früher sind sie hier gesegelt, es ist kaum vorstellbar. Aber mit einer richtigen Crew. Und auf Schiffen, die für das offene Meer gemacht waren.

Wie sehr er sich danach sehnt, unter weißen Segeln über die Wogen zu gleiten! Leicht und frei!

 

Eine Stunde später dringt unter Deck wieder Wasser ein, rascher jetzt. Der Wind hat aufgefrischt, das ist Windstärke acht, mindestens. Und es kommt der eine Brecher, der zu viel ist. Das zerriebene Holz der Steuerbordwand hält nicht länger stand. Die Reling bricht als Erstes, dann die Planken, das ganze Schiff bricht auseinander. Wie ein Spielzeug.

Wasser dringt in die Schläuche unter Decke, der Motor stottert. Ibrahim hat ihn auf der Fahrt neun Mal repariert. Diesmal schüttelt er den Kopf.

Und dann, endlich, ist klar, dass sie es nicht schaffen werden.

 

Fünfzehn Schwimmwesten und ein Rettungsboot.

Es dauert zu lange, das Boot zu Wasser zu lassen, Panik breitet sich aus, wie viele Menschen passen in dieses Boot? Zwanzig? Dreißig? Frauen weinen. Kinder schreien. Männer beten. Noch ein Notruf, aber diesmal, er ahnt es, bleibt er ungehört.

Er sieht sie einen Moment lang an der Reling stehen, sie hält sich mit einer Hand fest und streckt die andere aus, eine schlanke weiße Hand in der Nacht. Als ließe sie die Schmetterlinge frei.

Die Schmetterlinge der Heimat.

Zuletzt dürfen sie fliegen, mit all ihren Träumen, hinaus in die weiche, samtene Nacht.

 

Es ist ein Chaos, das er später nicht beschreiben kann.

Menschen im Wasser, Menschen, die sich außen an das Rettungsboot klammern, das Wasser ist voller Köpfe, voller Körper. Er hat über solche Dinge gelesen, Bilder gesehen, er hat nie geglaubt, dass es ihnen passieren wird. Niemand glaubt, dass es ihm selbst passiert. Sie ist im Boot, er sieht sie, sie ist sicher. Sie hält etwas, er schüttelt den Kopf. Sie hat die Oud mitgenommen, tatsächlich, hält das Instrument in den Armen wie ein zweites Kind. Als könnte sie die Töne von früher retten. Die Melodien, die er für sie gespielt hat, im späten Sonnenlicht auf einer Türschwelle, in der staubigen Mittagsluft und im blauen Abend.

Nur Ibrahim steht noch an Bord, neben ihm.

»Geh jetzt«, sagt er.

»Nein! Ich bleibe bei dir! Ein Kapitän geht mit seinem Schiff unter.«

Er spürt die Hand des Älteren auf seinem Kopf. »Du bist kein Kapitän. Du bist nie ein Kapitän gewesen. Das sind Träume. Sie braucht dich. Du musst es versuchen. Schwimm. Ich kann es nicht.«

Und dann umfängt das Wasser ihn.

Vor ihm tanzt das Rettungsboot zwischen den schwarzen Wogen der Nacht. Die nächste Küste ist viele Meilen weit entfernt. Das Meer wartet darauf, die Menschen auf dem Boot zu verschlingen, wie es andere verschlungen hat, Hunderte, Tausende. Tief unten liegen sie in der samtenen Schwärze und schlafen.

Europa. Nein, hier herrscht kein Krieg, hier gibt es keine Folter, keinen Hunger und keine Gewalt.

Europa ist ein stilles, friedliches Grab.

 

Er schwimmt auf das Rettungsboot zu, das zu voll ist.

Auf die weißen Mädchenarme zu, die die Oud halten. Auf ihren Körper zu, der eine Zukunft hält, ein ungeborenes Leben.

Du musst es versuchen, hat Ibrahim gesagt.

Er schwimmt.

1

Sonnenlicht auf dem Wasser.

Damit begann es.

Sonnenlicht und die See, Sonnenlicht und tausend funkelnde Tropfen, und in der Ferne ein Streifen Land. Ein grüner Strich hinter den türkisblauen Wellen:

Die Insel.

Jule presste die Stirn ans Fensterglas, versuchte, die Weite der See zu fühlen. Okay, sie hatte sich die Fähre romantischer vorgestellt. Einen kleinen, heruntergekommenen Dampfer. Nicht dieses abgeschlossene Gefängnis von einem Speedboat.

Und natürlich sprangen da draußen keine Delfine herum, und die Schwärme der Fliegenden Fische hatten offenbar einen Pilotenstreik, jedenfalls waren keine da. Aber das Meer war so blau, wie sie es haben wollte, und der Morgen so sonnig und das Englisch der Lautsprecheransagen unverständlich. Sand rieselte aus den Kunststoffbezügen der Sitze.

Griechenland.

Jule warf ein Blick auf ihr Handy. Gut angekommen?, schrieb Evelyn.

Ja, schrieb Jule. Fähre auf Kreta erwischt. Taxi zum Hafen war ziemlich Formel 1. Jetzt auf dem Meer.

Neid, Neid, Neid, schrieb Evelyn.

Jule lächelte. Ich bring dir ein bisschen Blau mit.

Sie steckte das Handy weg und sah wieder durch die verdreckte Scheibe. Evelyn hätte hier sein sollen. Jule hatte in dieser Nacht lange, lange am Flughafen auf sie gewartet, und dann war der Anruf gekommen: Evelyn lag im Krankenhaus. Blinddarmdurchbruch.

»Ist das nicht was, was man eher mit zehn oder elf hat?«, hatte Jule gefragt.

Evelyn hatte fast geweint am Telefon, sie hatten diese Reise so lange geplant, zwei Wochen Griechenland, zwei Wochen Mittelmeer und Strand, und zwar im Frühling, vor dem Ansturm der Touristen. Eine Woche Osterferien und eine Woche versäumte Schulzeit, was nicht erlaubt und nicht ganz verboten war: Sie hatten beide die letzten Klausuren vor den Osterferien geschrieben. Die Pflichtstunden zur Vorbereitung auf die Abiturprüfungen würden erst stattfinden, nachdem sie wieder da waren.

»Wir werden in der Sonne liegen«, hatte Evelyn träumerisch gesagt, »an einem einsamen Strand, den wir ganz für uns alleine entdecken, und uns ab und zu ein bisschen abfragen …«

»Ja. Ein bisschen. Und für den Rest lesen und schwimmen.«

Jetzt! Jetzt war die Insel ganz nah, man konnte Felsen und einzelne Bäume ausmachen, Dächer von Häusern unter dunkelgrünen Kiefern, rote Dächer, gedeckt mit ineinandergreifenden, halbrunden Schindeln, Mönch und Nonne, so hießen sie doch, oder? Es war ihr schon auf Kreta aufgefallen, die Landschaft war beinahe die der Toskana, dunkelgrüne Zypressen, Pinien, Kiefern. Es gab auch die typischen weißen griechischen Quaderhäuser mit den blauen Türen, doch sie waren seltener als auf den Inseln, die Jule aus den Ferien ihrer Kindheit kannte, auf anderen griechischen Inseln.

Eine schnarrende Lautsprecherstimme scheuchte die halb schlafenden griechischen Familien und ein paar verstreute vorsaisonale Touristen auf, und Jule sah sich dem Problem gegenüber, ihren Trekkingrucksack aus dem Gewirr von Taschen und Koffern zu bergen. Im ersten Moment fand sie ihn nicht und stellte sich vor, wie es wäre, ohne Gepäck anzukommen, weil der Rucksack gestohlen worden war. Nur mit den Kleidern, die man am Leib hatte. Und ohne Pass.

Denn der Pass befand sich klugerweise, genau wie die Geldkarte, im Rucksack.

Das Leben würde auf merkwürdige Weise ganz neu beginnen, man wäre jemand anders …

Aber da war er, der Rucksack, der hellgrüne Kunststoff leuchtete ihr entgegen. Und im Deckelfach steckte ihr Pass. Sie betrachtete das biometrische Foto eines jungen Mädchens mit den halblangen braunen Korkenzieherlocken und den grünen Augen. Das Foto eines Gesichts, in dem die dunklen Sommersprossen ineinanderflossen wie Kontinente auf einer Landkarte.

Der goldene Adler auf dem roten Einband des Passes bewachte ihre Identität und ließ keinen Zweifel daran aufkommen, wer sie war und wohin sie gehörte.

 

Das Schnellboot öffnete seine Türen wie ein Raumschiff und entließ seine Gefangenen in die Freiheit echter Luft und echten Sauerstoffs. Eine Woge aus neuen Gerüchen schlug Jule ins Gesicht: gebratener Fisch, Meersalz, Diesel, Rauch, das Harz von Kiefern oder Pinien. Es war kühl, aber auf dem Wind schwamm das Sonnenlicht, und sie blinzelte. Dann stolperte sie über die Gangway an Land, blieb einen Moment stehen und sah sich um.

Der Hafen bestand aus einer Menge Beton und Asphalt, einem langen, leeren Kai und einem kleinen Café mit gelben Plastikschalenstühlen davor und einem Postkartenständer. Einer alten, offenbar nicht mehr genutzten Lagerhalle. Einem Ticketbüro.

Eine träge Katze döste im Halbschatten.

Umarmungen und Küsse wurden am Kai ausgetauscht, Taschen überreicht, Kisten in Autos geladen, auf Mopeds, auf Schultern, und dann verließen die Heimgekehrten mit ihren Familien den Platz, lachend, fröhlich, guter Dinge.

Neben Jule stand ein älteres Paar mit geröteten Gesichtern, halblangen kakifarbenen Stoffhosen, praktischen faltbaren Sonnenhüten und zwei kleinen Rollkoffern: die einzigen anderen Touristen.

Eine ausladende, mütterliche Person winkte mit einem Schild »MR. + MS. Smith-Fortescue – HOTEL«, und die beiden zogen ihre Rollkoffer auf sie zu wie auf einen rettenden Hafen.

Und dann sah Jule, dass da noch jemand mit einem Schild war, er hatte es bisher nicht richtig hochgehalten: ein alter Herr in einem Anzug. Auf seinem Schild stand, mit ordentlich geschwungenen Buchstaben handgemalt:

JULIELANGENBEEK + EVELYNEHARFNER. Sie hatten die Unterkunft übers Netz gemietet und bezahlt, die einzige der wenigen Pensionen, die bereits Ende April öffneten. Jule lächelte und ging auf den alten Herrn zu. Ihr Schatten hing an ihren Füßen und schleifte über den rauen Boden, als leiste er einen gewissen Widerstand.

Noch kannst du umdrehen und mit demselben Schiff wieder zurück nach Kreta fahren, flüsterte der Wind.

Warum sollte ich?, fragte Jule ihn, lautlos. Was soll schon passieren, auf einer kleinen Insel wie dieser? Gut, ich mache zum ersten Mal ganz alleine Urlaub. Na und? Zwei Wochen Urlaub werden kaum mein Leben verändern.

Sie war jetzt bei dem älteren Herrn in seinem merkwürdig formellen Anzug angekommen, und er deutete eine Verbeugung an.

»Jule«, sagte Jule. »No Evelyn. Only Jule. Evelyn ist in der Klinik.«

Sie zeigte auf ihren Bauch, versuchte, ein leidendes Gesicht zu machen, und merkte im gleichen Moment, dass man das missverstehen konnte. »Nein, nein, ich bin nicht schwanger«, sagte sie, doch das verstand der Herr im Anzug noch viel weniger, er nickte freundlich und sagte auf Deutsch »Sehr schön, sehr schön«, dann versuchte er, ihr den grünen Trekkingrucksack abzunehmen, doch sie bestand darauf, ihn selbst zum Auto zu tragen. Das Auto war ein weißer Kleinlieferwagen, hinten gab es keine Sitze, dafür eine Menge Kisten. Jule kletterte auf den Beifahrersitz, kurbelte das Fenster herunter und sog wieder den Geruch der Insel ein.

»Unsere rooms. Sehr schön«, sagte der alte Herr und ließ den Motor aufheulen, ehe der Lieferwagen einen Satz nach vorn machte. Jule hielt sich vorsichtshalber am Türgriff fest. »Rooms mit Meerblick«, sagte der alte Herr. »Meerblick sehr schön. Erste Mal hier?«

»Ja.« Jule sah aus dem Fenster, sah zu, wie der Lieferwagen sich die Serpentinen vom Hafen hinaufarbeitete, und ließ ihren Blick durch das sachte Hellgrün unter den Olivenbäumen gleiten, wo Gras und kleine lila Blüten sich im Märzwind wiegten.

»Sehr schön, sehr schön. Du gefällst Griechenland?«

Jule lehnte sich im Sitzpolster zurück und seufzte. »Sehr schön«, antwortete sie. »Polí kalá.«

»Oh, sprech griechisch?«

»Hm«, murmelte Jule, »zwar nur zehn Worte, aber die spreche ich fließend.«

Sie wünschte mehr denn je, Evelyn wäre bei ihr gewesen, damit sie ihr zugrinsen konnte.

Am Ende der Serpentinen lag ein kleiner Ort zwischen dem Grün von Kiefern und Esskastanienbäumen. An den Natursteinmauern der alten Häuser wucherten die ersten Frühlingstriebe von Bougainvilleen und Passiflora, im Sommer würden sie zyklamfarben und lila blühen. Der Anblick musste unglaublich sein, ein Dorf auf violetten Wolken. Jule versuchte, mit dem Handy ein Bild aus dem Fenster zu machen, für Evelyn, aber genau in diesem Moment fuhr ein Moped zu dicht an dem Lieferwagen vorbei, und sie zog die Hand mit dem Handy gerade noch weg. Der alte Herr bremste und schimpfte, und auch das Moped hielt.

»Meine Sohn«, sagte der Alte kopfschüttelnd. Ein Mädchen mit einer Einkaufstasche kletterte vom Moped, umarmte den Fahrer und ging eine der Gassen entlang davon. Der junge Mann blickte ihr einen Moment nach, nahm dann den Helm ab und fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. Er sah unglaublich gut aus, und es war vollkommen klar, dass er das wusste. Er lächelte Jule an, er stand genau neben ihrem Fenster. Sehr nah.

»Du hast Zimmer unsere gemieten?«, fragte er. »Welcome. Erste Mal hier?«

Jule nickte, warf einen kurzen Blick in den Außenspiegel und betrachtete sich für Sekunden: diese verdammten Locken, die sie vor einer Woche wieder abgeschnitten hatte, allerdings nicht kurz genug, um sie zu entkringeln. Die grünen Augen. Die dunklen Sommersprossen. Die Ohrringe, die sie selbst gemacht hatte: große, grüne Kreise mit kleinen silbernen Spiralen darin. Die Ohrringe, beschloss sie, waren schön. Über den Rest ließ sich streiten.

»Ich bin Kostas.« Der Mopedfahrer streckte eine Hand durchs Fenster, um ihre zu schütteln.

»Jule. Sie sprechen … sehr gut Deutsch.«

Er machte eine ausladende Geste mit dem Arm. »Viele Tourist! Gut Deutsch, Englisch bisschen, Japanisch bisschen. Ich spreche alles.« Er lachte. »Wie lange du bist hier? Auf Insel?«

»Zwei Wochen«, sagte Jule.

Kostas nickte. »Wenn Problem ist mit Zimmer, ja, da ist für mich. Du rufst mich an. Elektrik, Wasser, irgendwas, ich mach alles.« Er zog eine Visitenkarte hervor, strich die Nummer darauf durch und kritzelte eine andere daneben. »Kostas Nikopolidis.«

Dann setzte er den Helm wieder auf, stieg auf das Moped, ließ den Motor aufheulen und verschwand in einer der kleinen, engen Gassen. Sein Vater knurrte irgendetwas und startete den Lieferwagen wieder. Jule hielt die Visitenkarte mit dem Namen »Kostas Nikopolidis« in der Hand und stellte sich vor, wie sie ihn anrufen würde, um mit hingehauchter Schlafzimmerstimme zu sagen: »Meine Klospülung ist kaputt. Kannst du mal nachgucken?«

»Aber sicher«, würde er sagen. »Ich komme.«

Als sie wieder aus dem Fenster sah, hatte der alte Nikopolidis das Dorf hinter sich gelassen und fuhr weiter die Straße entlang. Es ging wieder ein wenig abwärts, fort von den hübschen Gassen, den bunten Farben, den Menschen. Und endlich hielt der Lieferwagen.

»Hier«, sagte der alte Nikopolidis und stieg aus.

Er führte sie einen schmalen, unbefestigten Weg entlang, durch hohes hellgrünes Gras und junge Disteln, bis zu einer Gruppe von ein paar weißen Häusern, hinter denen das Land zum Meer hin in Terrassen abfiel. Diese Häuser waren würfelförmig, ein wenig ineinander verschachtelt, wie von Escher gemalt, und über ihnen schwebte eine unwirkliche Stille. Nur der Wind räusperte sich in den Ästen eines alten Olivenbaums. Der alte Herr bürstete ein Stückchen Rinde von seiner Anzugjacke und führte Jule eine steile kleine Treppe hinauf, die seitlich an einem der Häuser klebte.

Die Stufen führten auf eine winzige Terrasse, auf der ein wackeliger Plastikstuhl stand, und daneben gab es eine Tür, die erst nach längerem Rütteln aufging.

»Tür immer kaputt«, sagte der alte Nikopolidis mit einem Seufzen. »Room aber sehr schön.«

Jule trat ein, bückte sich nicht weit genug und stieß sich prompt den Kopf. Die Tür war niedrig, das Haus alt. »Besser für kleine Mensch«, sagte der alte Nikopolidis mit einem Lächeln.

Sie setzte ihren Rucksack ab, sah sich um und spürte, dass sie angekommen war. Dass dieses Zimmer auf sie gewartet hatte, schon seit Anbeginn der Zeit. Sie atmete tief ein, roch die Kühle der alten Mauern und die See draußen, wo in der Ferne ein Fischerboot über unwirklich blaue Wellen gaukelte. Sie sah es durchs Fenster, dessen Holzläden offen standen und so blau waren wie das Wasser.

Darunter stand ein Tisch mit einem weiteren wackeligen Plastikstuhl und an der Wand ein großes, altmodisches Bett. Das Zimmer war perfekt: die kahle Glühbirne an der Decke, das winzige Bad, die Kochnische mit dem Gasofen in Toastergröße. Die Wände, in deren Farbe jemand beim Streichen ein paar kleine Schneckenhäuser gedrückt hatte.

Ja, es war perfekt, aber es wäre perfekter gewesen, das alles mit jemandem zu teilen. Sie dachte an Evelyn und schluckte. Und lächelte den alten Nikopolidis an. »Polí kalá. Sehr schön hier.«

»Ja. Wir machen viel Mühe für Touristen. Alles schön.«

Er nickte, legte den Schlüssel auf den Tisch und wandte sich zum Gehen. »Viel Platz auch«, sagte er noch. »Dieses Häuser leer. Season starts, Menschen kommen. Winter, sie wohnen Kreta. Oder Athen. Jetzt viel Platz ist für Sie allein.« Er lächelte und stieg, vorsichtig, die steilen Stufen hinunter.

Jule sah hinunter auf die weiten Wiesen, wo noch mehr Olivenbäume standen, sah die violetten und weißen Köpfe von Frühlingsblumen im Wind wippen, sah die kleinen Steinwälle dazwischen. Auf der weißen Terrassenmauer lag eine Reihe von Jakobsmuscheln, alle mit einem Loch an der Spitze, alle nach Westen ausgerichtet, als wären sie auf einer Wanderung.

Vielleicht hatte der letzte Tourist sie hiergelassen, vor dem Winter.

Die Tür zu Jules Zimmer klappte im Wind hin und her. Drinnen stand der grüne Rucksack unausgepackt auf dem Boden. Seltsam, dachte sie, sie hatte das Gefühl, das Zimmer hätte auf sie gewartet. Und zwar nur auf sie. Nicht auf Evelyn. Als hätte es immer gewusst, dass sie käme und dass etwas ganz Bestimmtes, Bedeutungsvolles hier geschehen würde. Es machte ihr ein wenig Angst.

 

hi

muss gr. karte fuer handy kaufen

sonst zu teuer

wohne sehr windig

jule

 

Sie legte ihre T-Shirts und die beiden Hosen in das Einbauregal, das so weiß gestrichen war wie die Wand und dessen Farbe abblätterte. Auf die Hosen. Sie lachte darüber.

Dann stellte sie die Romane, die sie mitgenommen hatte, alle auf den kleinen Tisch, eine hübsche Bücherreihe direkt unter dem Fenster. Die Vorhangstange war vorhanglos. Sie hängte ihren breiten grünen Baumwollschal mit den kleinen aufgestickten hellen Spiralen darüber, den ihre Mutter ihr vor Urzeiten geschenkt hatte. Schließlich stellte sie die flache Holzkiste auf den Tisch, die ganz unten im Rucksack gewesen war, strich mit dem Zeigefinger darüber und lächelte.

Die Kiste enthielt eine Handvoll bunter Glasperlen, Silberdraht, eine Zange und ein paar andere Dinge. Jule würde eine Menge Muscheln und schöne Steine finden, Holzstücke vielleicht, vom Wasser abgeschliffenes Glas … lauter Dinge, die man mit etwas Phantasie zu etwas Neuem verarbeiten konnte: einer Kette, einem Anhänger, einem Mobile. Sie schuf oft solche neuen Dinge, wenn sie nachdenken musste, solange ihre Hände arbeiteten, ging es besser.

Zwischen den Glasperlen lagen in der Kiste verschieden große Metallglöckchen, die Evelyn ihr geschenkt hatte. Jule legte sie auf den Tisch. Dann holte sie die Muscheln von draußen und ließ ihre Finger arbeiten, während sie den Wind im Gesicht spürte, der vom offenen Meer her kam. Und sie merkte, wie sie ruhig wurde, ganz ruhig.

Muschel. Glocke. Glocke. Muschel.

Und dazwischen die winzigen silbernen Quetschperlen, die man mit der Zange zudrücken musste und die die Objekte an ihrem Platz hielten. Eine einfache Weltenordnung.

Schließlich legte Jule sich die Muschel-Glocken-Kette in drei großen Schlaufen um den Hals wie einen Talisman und zog ihre Windjacke über. Sie war jetzt ruhig genug. Sie konnte damit beginnen, die Insel kennenzulernen.

Die Wiesen waren wie Terrassen angelegt, umgeben von jenen Wällen oder niedrigen Mäuerchen aus Feldsteinen. Der Pfad, der hinunter in Richtung Meer führte, war tief eingeschnitten wie ein Bach, auch er links und rechts begrenzt durch kleine Mauern. Niedrige Steineichen mit dunkelgrünen Blättern breiteten ihre gekrümmten Äste hie und da über den Weg, sodass er wirkte wie ein Gang. Eidechsen saßen auf den Steinen und huschten lautlos fort, wenn Jule sich näherte.

Es roch nach Kräutern. Majoran, Thymian, Basilikum.

In den Wiesen standen die Farbflecken des Frühlings. In der Ferne grasten irgendwo Schafe, Jule hörte ihre Glocken. Ferner, stiller, lag das Meer.

Und dann war da eine Bewegung, direkt vor Jule, und sie zuckte zusammen. Blieb stehen. Es war nicht die Bewegung des Windes in den Ästen gewesen, auch kein auffliegender Vogel. Etwas Größeres. Gab es hier Ziegen? Hasen?

Das hohe Gras bewegte sich wieder, und etwas tauchte darauf aus, tauchte auf wie aus einem grünen Meer, ungefähr fünfzigMeter von Jule entfernt. Es war ein Mensch.

Ein junger Mann.

Und er war genauso erschrocken wie sie. Sie sahen einander an – es dauerte nur eine oder zwei Sekunden. Seine Augen waren dunkel und leicht zusammengekniffen, konzentriert, sein schwarzes Haar zerzaust, sein Gesicht schmutzig, bärtig, zerschrammt. Und jetzt war er fort. Untergetaucht im Grasfrühlingsmeer.

Jule blieb einen Moment stehen und schüttelte den Kopf, unsicher, was sie eigentlich gesehen hatte. Er hatte etwas in der Hand gehalten, einen Stock, an dessen Ende etwas gehangen hatte. Fische, dachte Jule, braune, getrocknete Fische. Sie hatte die Schrift auf seinem verwaschenen T-Shirt nicht lesen können, es war braungrau gewesen oder eigentlich farblos, am Hals ausgerissen. Der ganze Mensch war eine ziemlich abgerissene Erscheinung gewesen. Nichts, das man in der Schönheit einer griechischen Insel im Frühjahr erwartet. Vielleicht, dachte Jule mit leisem Unbehagen, war er nicht ganz normal. Leute, die krank im Kopf waren, lebten manchmal auf der Straße, in abgelegenen Orten wie Inseln, wo es keine Heime für sie gab – war es nicht so? Oder sie streunten herum wie Tiere. Sie schluckte. Sie wollte keinem Verrückten begegnen, der vielleicht gewalttätig wurde, wenn man ihm zu nahe kam.

Obwohl es, wenn sie näher darüber nachdachte, abgesehen von dem schmutzigen T-Shirt und dem Zustand seines Haars ein ziemlich hübscher Verrückter gewesen war.

Etwas hatte nicht gestimmt mit seiner Hand. Ein Streifen Stoff war um seine linke Hand gewickelt gewesen wie ein Verband. Ein nicht sehr sauberer Verband.

Sie ging ganz langsam um die nächste Kurve und kletterte dann auf die kleine Mauer. Sie sah jetzt die Schafe, deren Glocken sie gehört hatte. Das Gras wiegte sich so hoch und melodisch wie zuvor.

Als wäre nichts gewesen. Als wäre nie jemand aus diesem Gras aufgetaucht mit einem ausgerissenen T-Shirt, einer verbundenen Hand und einem zu Tode erschrockenen Blick in den Augen.

Auf dem sich nach unten windenden Weg, zwischen den Olivenbäumen, auf den Wiesen … war niemand zu sehen. Nichts und niemand außer den Schafen.

 

Jule balancierte ein ganzes Stück auf der Mauer.

Vor ihr gaukelte ein kleiner Falter mit plumpem, pelzigem Körper durch die Luft. Die Glocken an der Kette klingelten manchmal leise, sie spürte die Muscheln auf ihrer Haut, und sie schlüpfte aus der Regenjacke und band sie um; ihr war jetzt warm von der Bewegung. Sie wollte den Wind spüren. Es war, als könnte man die Ferne berühren.

Evelyn hatte immer darüber gelacht, dass Jule so gerne auf Mauern balancierte. Wie ein Kind.

Sie fotografierte die Felder und die Farbtupfen für sie.

Evelyn, es ist komisch, würde sie ihr schreiben, später. Da war ein Junge, ganz plötzlich. Aber vielleicht habe ich ihn mir nur eingebildet. Trotzdem. Ich komme mir jetzt so … beobachtet vor.

Der Schmetterling wurde von einer Bö mitgenommen und war fort.

An einem Olivenbaum, der halb in der Mauer verwurzelt war, blieb Jule schließlich stehen. Sie legte die Hand an die zerklüftete Rinde und spürte das Leben in dem Baum. Dann nahm sie die Kette aus Muscheln und Glöckchen ab, streckte sich und hängte die drei Schlaufen an einen der knorrigen, knotigen Äste. Nur so.

Einen Moment stand sie da und lauschte dem Klingen, das entstand, wenn der Wind die Muscheln und Glocken aneinanderstoßen ließ. Ein Dreiklang.

Als sie weiterbalancierte, klangen die Glöckchen noch immer hinter ihr her. Als hinge eine Herde Schafe im Baum. Jule lachte. Und sicher war es besser, zu lachen, als sich beobachtet vorzukommen und Angst zu haben. Auf einer der Wiesen fand sie einen flachen Felsen, auf dem man liegen und sich sonnen konnte wie die Eidechsen auf den Mauern, und das tat sie. Sie merkte nicht, wie sie einschlief. Sie träumte vom Klang der Glocken.

Und von einem Schatten, der auf sie fiel und wieder fort war.

Als sie aufwachte, war die Sonne ein gutes Stück weitergewandert am Himmel, das Meer war nicht mehr türkisblau, sondern ultramarin, und vom Horizont fegte die Brise den Abend heran.

Jule streifte die Regenjacke wieder über. Der Geruch nach Salz und Fisch war strenger geworden. Nein, dachte sie dann, er war zu streng. Er war ganz nah.

Verdammt. Neben ihr, in einer der Spalten des Felsens, lag ein flaches braunes Ding, das sie bisher übersehen hatte. Es war ein Fisch. Ein aufgeschnittener, entgräteter Trockenfisch. Jetzt sah sie auch sein totes Auge.

Der Junge mit der verbundenen Hand hatte Fische getragen, auf einen Ast aufgespießt. Er hatte sie von irgendwo geholt, wo sie in der Sonne gelegen hatten. Einen hatte er vergessen.

Jule sprang schneller auf die Beine, als sie geplant hatte, stolperte, schrammte sich auf dem Felsen auf und fluchte. Dann machte sie sich auf den Rückweg zu ihrem Ferienzimmer. Und kam sich schon wieder beobachtet vor. Beobachtet von einem toten Fisch. Sie versuchte, eine Abkürzung über die Wiesen zu nehmen, strandete an einer Dornenhecke, musste einen Umweg machen und erreichte die winzige Terrasse erst, als es beinahe dunkel war. Die Dunkelheit kam schneller hier als zu Hause.

OP ist gelaufen, Blinddarm raus!, schrieb Evelyn.

Schön, schrieb Jule, und ich habe eine Leiche gefunden.

Wie bitte?

Es ist nur ein Fisch.

Aber sie kam sich trotzdem komisch vor, und sie machte das Handy aus, um keine Fragen beantworten zu müssen.

 

An diesem Abend versuchte Jule, warm zu duschen. Der Boiler an der Wand funktionierte tatsächlich, das Wasser wurde lauwarm. Aber als sie den Hebel berührte, bekam sie einen elektrischen Schlag. Und als sie den Duschkopf aus seiner Halterung nahm, lief ein unangenehmes Kribbeln durch ihre Hand. Irgendwo fehlte in diesem Stromkreislauf eine Erdung.

Sie stellte die Dusche aus, legte sich nackt aufs Bett und lauschte eine Weile dem Wind.

Schließlich zog sie sich an, weil sie fror, und klebte eine Kerze draußen auf den kleinen Tisch auf der Terrasse. Dort aß sie zu Abend, alleine, im Kerzenflackerlicht, in den Wollpullover ihres Vaters gekuschelt, den sie zu diesem Zweck mitgenommen hatte.

Das Abendessen bestand aus abgepacktem deutschem Flugzeugschwarzbrot und einem halben Liter griechischen Ananassaft vom Flugplatz Heraklion. Und die Einsamkeit packte sie plötzlich mit aller Macht, groß und schwarz und kühl wie die Nacht.

Evelyn, ich wünschte, du wärst hier. Du hättest auch daran gedacht, eine Flasche Wein zu kaufen. Die Dusche verteilt elektrische Schläge, da draußen rennt vielleicht ein Verrückter rum, und ich bin ganz allein.

Und da geschah etwas Seltsames. Sie hörte den Dreiklang ihrer Kette im Baum. Es war unmöglich, der Olivenbaum mit der Kette stand viel zu weit weg, so weit konnte der Wind die Töne nicht tragen. Dann begriff sie: Es war nicht der Klang der Glöckchen. Es war nur der gleiche Dreiklang. Der gleiche Dreiklang, gespielt von einem anderen Instrument, vielleicht einer Gitarre; verpackt in eine Melodie.

Jemand war hier, ganz in der Nähe, und spielte, obwohl sie ihn nicht sah. Und auf einmal hatte sie Angst. Sie war ganz allein, und jemand, der Gitarre spielte, konnte durchaus auch andere Dinge tun als Gitarre zu spielen.

Sie floh nach drinnen und schloss die Tür zweimal ab. Doch dann lag sie auf dem Bett und lauschte der Melodie. Und obwohl sie noch immer Angst hatte, fühlte sie sich gleichzeitig seltsam getröstet. Die Töne waren schön und ein wenig melancholisch.

Der dort draußen hatte ihren Dreiklang gefunden und mochte ihn, aber er spielte nicht für sie. Er spielte für sich selbst und für den Wind.

Und dann liegst du da in der Nacht, die Töne noch im Ohr, und draußen geht der Wind. Ruhelos.

Es ist zu kalt, auch mit dem Stroh, es ist immer zu kalt.

Du hörst die anderen atmen. Keiner von ihnen weiß, was du an diesem Tag gesehen hast. Zufällig. Wenn du den Fisch nicht geholt hättest, hättest du nichts gesehen, der verfluchte Fisch.

Sie war ganz plötzlich da. Da, wo nie jemand ist, wo bisher alles sicher war. Sie stand einfach auf der Mauer. Und du hast zugesehen, wie sie ihre Arme nach dem Ast des Olivenbaums ausstreckte und ihre Kette in den Baum hängte – eine Kette aus Glöckchen und Muscheln.

Deinen Muscheln.

Du wusstest es gleich, wusstest, wo sie wohnt. Und dass du nie mehr alleine dort auf der verlassenen Terrasse sitzen würdest und dir vorstellen, das Haus wäre deines.

Du hättest nicht zulassen dürfen, dass sie dich sieht. Sie hat dich verhext, mit ihrem Blick, wirklich.

Sie hat Augen wie grünes Glas. Blank und klar. Und irgendwie … suchend. Ganz anders als die Menschen, die du kennst.

Sie sieht die Welt mit diesen Augen an, als wäre sie neu. Wie ein Kind. Sie tut überhaupt alles wie ein Kind: ihre Locken um einen Finger wickeln, auf Mauern balancieren, Ketten in Bäume hängen … Vielleicht ist es das, was dich fasziniert. Du hast den Dreiklang der Glöckchen eingefangen und in der Oud wiedergefunden, und du hast da oben bei den leeren Häusern gesessen und gespielt, aber eines der Häuser ist nicht mehr leer. Dort war sie. Hat sie zugehört?

Wenn die anderen wüssten. Sie würden dich auslachen. Spiel ruhig, würde Hassan sagen, träum ruhig, aber lass sie dich nicht noch einmal sehen, verstehst du? Hexen sind gefährlich. Morgen früh müssen wir wieder rüber zur anderen Bucht, da wartet eine Menge harter Arbeit auf uns. Vergiss das nicht, wir gehören zusammen, keiner bleibt allein.

Lass dich nicht weghexen.

2

Was du in der ersten Nacht unter einem neuen Dach träumst, wird wahr.

Jule lag mit weit geöffneten Augen da und versuchte, sich zu erinnern, was sie geträumt hatte. Da waren nur vage Schemen, Schatten, verschwommene Gesichter. Das Geräusch von Wellen, Kälte, das Weinen eines Babys. Und ein Gefühl von panischer Angst.

Ihre Hände fühlten sich klebrig an und feucht, verschwitzt.

»Träume bedeuten gar nichts«, flüsterte sie und setzte sich auf. »Gar nichts.«

Durchs Fenster fiel das Licht eines späten Vormittags, und als sie das grüne Tuch beiseitezog, lag draußen die Landschaft wie eine Postkarte. Unsichtbare Singvögel saßen in den Bäumen und balzten, und der Duft von Thymian und Oregano mischte sich mit dem schwachen Geruch nach Autoabgasen und der Allgegenwart des Windes.

Morgen, Evelyn! Schlafmütze. Gehe Handykarte und Brot holen, dann auf zur Kirche Agios Nikolaos! Kultur und so. Komisch geträumt. Miss U.

Evelyn antwortete nicht, sie schlief wohl wirklich noch, Meilen und Meilen entfernt, in einem weißen Krankenhausbett, keimlos, traumlos, sicher. Sie hatten gemeinsam diesen Berg hinaufsteigen wollen, den höchsten Berg der Insel. Der Weg sollte ganz in der Nähe beginnen, direkt hinter der Chóra, dem Dorf.

Jule schrieb eine SMS an ihre Eltern und eine an ihren Bruder: Marc, der fünf Jahre älter war als sie und ungefähr das geradlinigste Leben lebte, das man sich vorstellen konnte. Er war nach der Schule in Amerika gewesen, so wie Jule es vorhatte, und studierte jetzt in Heidelberg Jura.

Jule putzte ihre Zähne in dem winzigen Bad. Ihr Gesicht im Spiegel war blass, die verlaufenen Sommersprossen wirkten wie Dreckspritzer auf Papier. Dieses Gesicht brauchte dringend Sonne. Luft. Eine Pause von Büchern und Fakten – und von beunruhigenden Träumen. Sie verteilte Sonnencreme auf Wangen und Stirn und dachte dann, dass es eigentlich besser war, einen Sonnenbrand zu bekommen. Ferienhafter.

Na, vielleicht auf der Nase.

 

Ein sandfarbener Hund begleitete sie die weite Kurve der leeren Asphaltstraße hinauf zur Chóra, dem Dorf. Der Duft nach Kräutern lag noch immer im Wind.

In der kleinen Bäckerei im Ort standen die Leute Schlange, redend, lachend, unbeschwert. Es roch nach frischem Brot. Der Hund legte sich vor die Tür, um auf sie zu warten, und Jule bückte sich und kraulte ihn hinter den Ohren, ehe sie die Bäckerei betrat. Er roch nicht nur nach Hund, er roch nach Fisch. Ein streunender Hund, der von Fischabfällen lebte. Trockenfisch, dachte Jule.

Dann stand sie in der Schlange, stand schließlich vor der Auslage mit den hellbraunen Brotlaiben und Blätterteiggebäck, das in kleinen Fettpfützen auf Papier lag.

Sie holte tief Luft und lächelte den Mann hinter der Theke an.

»Ena psomí paracaló. Ein Brot bitte.«

Wie oft hatte sie diesen Satz als Kind gesagt! Damals war sie mit ihren Eltern in Griechenland gewesen, ein paar wunderbare Ferienwochen lang. Auf einmal fühlte sie sich wieder wie damals. Als wäre sie sieben Jahre alt. Glücklich und stolz über ihre griechischen Wörter, aber auch ein wenig ängstlich.

Das Gesicht des Mannes hinter der Theke zerbrach zu einem breiten Lächeln.

»Ena psomí«, wiederholte er, und dann sagte er etwas, das Jule natürlich nicht verstand und gab ihr ein Brot in einer dünnen Plastiktüte.

»Du sprichst griechisch, ja«, sagte jemand hinter ihr. Sie drehte sich um und blickte in das Gesicht von Kostas Nikopolidis. Er stand hinter ihr in der Schlange, ohne Motorradhelm und ohne Mädchen, und grinste.

»Ich … nur … diesen einen Satz. Und danke und bitte«, sagte Jule.

»Gut für Anfang«, sagte Kostas. »Wohnung gut?«

»Polí kalá«, sagte Jule und lächelte. »Nur die Dusche steht unter Strom.«

»Die Dusche …?«

»Nicht so schlimm«, meinte Jule. Und dann fiel ihr etwas ein. »Ist Trockenfisch eine Spezialität hier?«

»Trocken. Fisch«, wiederholte Kostas. »Fische sind nass, nein?«

Jule lachte. »Aber man kann sie in die Sonne legen, zum Trocknen. Damit sie länger halten. Tun die Leute das hier?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Es gibt viele Fisch. Frische Fisch. Niemand macht Trockenfisch. Früher nur Fischer hier, jetzt wir haben Tourismus. Tourismus ist am meisten wichtig für Geld.«

»Ich habe gestern jemanden gesehen, der Fische getrocknet hatte. Auf einem Felsen, unterhalb von meiner Wohnung. Einen jungen Mann. Er hatte die Fische auf einen Stock gespießt.«

»Bei dem Haus, wo du wohnst? In April niemand geht dort.« Er legte den Kopf leicht schief, schien zu überlegen. »Oder auch ein Tourist? Von andere Haus gekommen?«

»Vielleicht«, sagte Jule. »Ich … gehe jetzt mal los. Ich will auf den Berg. Zu dieser Kirche. Agios Nikolaos.«

Kostas sah in den Himmel. »Die Sonne ist zu hoch«, sagte er, sammelte sein Brot ein und zahlte. »Du hast Hut?«

Sie nickte.

»Pass auf, dass du nicht verläufst«, sagte Kostas. Dann rief jemand von draußen nach ihm, und sie betraten die Gasse zusammen. Dort lag noch immer der sandfarbene Hund im Schatten. Ein älterer Mann in dunkelblauer Uniform hatte sich gebückt, um ihn zu streicheln.

Er sah auf, als Jule hinaustrat, nickte kurz und winkte Kostas, er sollte kommen. Als Jule ihren Leihhund mit einem Stück Brot fütterte, verschwanden die beiden in einer Gasse, der Ältere ungeduldig, der Jüngere zögernd. Ihr fiel erst jetzt auf, dass auch Kostas eine Uniform getragen hatte, er war im Dienst. Was war er? Polizist? In jedem Fall stand er lieber in Bäckereien herum und redete mit Mädchen.

 

Der Hund begleitete sie durch die kleinen Gassen, deren sorgfältig platzierten Pflastersteine hier und da Muster bildeten: eine Schnecke, einen Fisch, zwei Vögel, deren Schnäbel sich berührten. Handyfotos für Evelyn.

Die zweistöckigen Häuser standen eng und machten die Gassen zu einem Labyrinth. Natürlich, das war beabsichtigt, damit sich Feinde und Seeräuber darin verliefen. Jule verlief sich drei Mal, ganz ohne ein Seeräuber zu sein, erst dann fand sie den Weg zur orthodoxen Kirche, hinter der der Wanderpfad beginnen sollte. Der Hund wich nicht von ihrer Seite. Neben der Kirche erhoben sich die schlanken, dunklen Körper von zwei Zypressen, deren scharfe Schatten auf den Platz fielen wie Messerschnitte durch die Wirklichkeit.

Auf einer Bank vor der Kirche saß eine Reihe schwarz gekleideter alter Frauen wie Krähen. Krähen mit Stützstrümpfen und angeschwollenen Fußgelenken. Sie sahen aus, als warteten sie darauf, dass etwas geschah. Schon seit Jahren.

Als Jule vorüberging, grüßten sie sie in dem lang gezogenen Singsang, an den sie sich aus ihrer Kindheit erinnerte: »Kalimeeera!« Guten Morgen.

Und Jule erwiderte das höflichere »Kalimerasass«. Ihnen auch einen Guten Morgen. Dann ging sie weiter, den Blick der Krähen im Rücken. Die zugehörigen alten Männer saßen übrigens weiter unten im Kafénion Markos, rauchten, tranken starken schwarzen Kaffee und spielten Tavli. Jule war auch an ihnen vorübergekommen, peinlicherweise wegen des Labyrinths sogar zweimal.

Sie war keinem einzigen anderen Touristen begegnet.

Hinter der Kirche entdeckte sie ein Schild mit der Aufschrift Agios Nikolaos. Way to mountain.

Der Weg auf den Kalamos, den Inselberg, schlängelte sich in schmalen Serpentinen in die Höhe, manchmal verlor er sich fast zwischen der Macchia, den niedrigen, dornigen Büschen, die auch im Frühling graugrün wirkten. Doch die winzigen weißen Blüten, die dazwischen in Felsspalten und Bodennischen schäumten, waren zart und schön, zerbrechliche Kunstwerke des Monats April.

Der Hund begleitete Jule nur bis zur ersten Gabelung des Pfades. Dann lief er nach links, obwohl Jule ihm sagte, dass sie nach rechts mussten. Der Reiseführer schien sich sicher zu sein, doch der Hund ließ sich nicht überzeugen.

Der Weg wurde steiler, die Sonne stand wirklich ziemlich hoch, aber der Ausblick auf die Insel und auf das Meer lohnte die Mühe. Evelyn hätte auf der Hälfte aufgegeben, Evelyn hatte es nicht so mit dem Wandern. Es sei denn, die Wanderung erstreckte sich zwischen Geschäften in einer ebenen Einkaufsstraße.

Jule dachte daran, wie ihr Vater sie als Kind auf den Schultern die Berge hinaufgetragen hatte und wie sie sich verlaufen hatten. Jedes Mal. Jetzt lag es einzig und allein an ihr selbst, sich zu verlaufen.

Zwischen den Dornen der Macchia graste eine Herde Schafe. Jule suchte im Gebimmel ihrer Glocken den Dreiklang, konnte ihn aber nirgends entdecken. Der Dreiklang, dachte sie, gehörte nur ihr. Und vielleicht dem, der die Melodie gespielt hatte.

Sie besaßen ihn zusammen, ohne einander zu kennen.

Ein Teil der Schafe drängte sich im Schatten eines halb in den Hang gebauten Stalles, eher noch einer Höhle, die zum Stall umfunktioniert worden war. Jule fand weitere Höhlen am Hang, schwarze Augen im Fels des Kalamos. Im Reiseführer stand etwas über die Zeit der venezianischen Eroberungskriege, zu der sich Menschen in diesen Höhlen versteckt hatten.

Jetzt gab es nur noch versteckte Schafe.

Auf halber Höhe machte Jule Rast, setzte sich auf einen Felsen, trank aus ihrer Wasserflasche und aß etwas von dem frischen Brot. Es schmeckte nach Ferien. Nach Freiheit. Neben dem Felsen entrollten sich die ersten Blätter des wilden Salbeis.

Die Häuser der Chóra mit ihren roten Ziegeldächern waren von hier aus nur noch eine Spielzeuglandschaft. Sie fand auch die kleine Siedlung hinter der Chóra, fand ihre eigene, winzige Terrasse.

Dort war jemand. Auf der Terrasse.

Ein Mensch, nicht genau zu erkennen. Er stand eine ganze Weile dort, lief schließlich die Treppe hinunter und verschwand zwischen den Mauern.

Wahrscheinlich, sagte Jule sich, war es der alte Nikopolidis gewesen, oder Kostas, der beschlossen hatte, doch nach der Sache mit der Dusche zu sehen. Aber da stand kein Auto.

Sie dachte plötzlich an die Muscheln, die sie von der Mauer genommen hatte. Die alle nach Westen marschiert waren. Vielleicht war das dort unten der Mensch, der die Muscheln auf die Mauer gelegt hatte. Und nun fragte er sich, ob sie tatsächlich fortgewandert waren. Ganz von selbst.

 

Als Jule ihren Aufstieg fortsetzte, gaukelte ein Schmetterling vor ihr her, ein kleiner, plumper, irgendwie pelziger Schmetterling. Sie fotografierte ihn für Evelyn, und als sie das Bild abschickte, war er verschwunden. Als ließe er sich nicht gern in digitale Form bannen, als wäre sein Dasein ein Geheimnis.

Und endlich stand Jule vor der Kirche. Agios Nikolaos. Sie hatte ihr Ziel erreicht.

Die Spitze des Kalamos erhob sich hinter der Kirche noch ein Stück, aber dort hinauf führte kein Weg.

Die Kirche war weiß und kleiner als die Kirche unten in der Chóra. Die unten hatte ein Längs- und ein Querschiff, diese hier bestand aus einem einzigen Raum mit einem Dach aus roten Schindeln.

Hinter der Kirche gab es ein kleines Kloster, lange nicht mehr benutzt, es bestand nur aus ein paar Zellen für die Mönche, und das Einzige, das davon noch übrig war, war ein kleiner, ummauerter Garten.

Das hölzerne Tor hing schief in den Angeln. Zwischen den ordentlich umgegrabenen Beeten träumte ein einsames Schaf. Wer grub den Garten um? Wer goss im Sommer die Büsche an der Mauer, deren rosa Blüten so üppig im Wind wippten?

Jule drückte gegen die Tür der Kirche. Sie schwang langsam nach innen auf, hitzeträge. Das Zwielicht drinnen umfing sie wie kühles goldenes Wasser; die Fenster waren aus gelbem Glas. Der Geruch von Weihrauch und Myrrhe lag über allem wie ein schwerer Mantel.

Ganz vorne brannte unter dem Bild des heiligen Nikolaus eine Reihe Kerzen in einem alten Metallgestell, dünne weiße Kerzen. Vor den Kerzen stand eine ältere Frau mit einem grauen Schultertuch, das sie halb über ihr Haar gezogen hatte, vertieft in ein gemurmeltes Gebet.

Jule setzte sich still in eine der Kirchenbänke, um die Frau nicht zu stören.

Und dann merkte sie, dass sie die gemurmelten Worte verstand. Die Frau sprach Deutsch. Akzentfrei. Aber sie wirkte nicht wie eine Touristin.

»… dass der Herr seinen Grund für alles hat«, hörte Jule sie sagen. »Dennoch … hilf Faní über die nächste Woche, hörst du, diese Erkältung macht sie fertig, der Husten, sie schläft so schlecht, ich will nicht schon wieder mit ihr in die Klinik …« Eine Weile schwieg sie und sagte dann, zusammenhanglos: »Es sind jetzt sechs. Vorgestern haben wir noch zwei gefunden. Ist es richtig, was wir getan haben? Irgendjemand musste sie doch begraben.«

Sie schien auf eine Antwort zu lauschen, die niemand außer ihr selbst hörte. Jule dachte an tote Vögel, die aus dem Nest gefallen waren. Sie sah vor sich, wie die sanften Hände dieser Frau einen winzigen toten Federkörper in ein kleines Grab legten.

»Die letzten beiden waren so jung«, sagte die Frau. »Wir haben sie neben die anderen in die Erde gelegt. Die Erde im Wald ist zu hart, Stavros hat geflucht beim Graben. Sag dem Herrn, er muss ihm das vergeben. Stavros ist ein guter Mann.«

Jule sah noch immer das Bild der Frau vor sich, die einen kleinen toten Vogel in die Erde legte. Aber der Vogel in ihren Händen verwandelte sich in einen Menschen. Es war auf einmal kälter geworden in der Kirche.

»Es war doch richtig, es nicht zu melden, oder? Wenn wir es gemeldet hätten, hätten sie sie in Plastiksäcke gesteckt und irgendwohin abtransportiert. Ich habe das mal in der Zeitung gesehen, Plastiksäcke in einem Kühlhaus, gestapelt. Wie Abfall. Wir haben sie alle mit dem Kopf nach Osten begraben. Mekka. Stavros hat bloß gesagt, das auch noch, ist doch egal, wie sie liegen, aber dann hat er nicht mehr widersprochen. Die beiden ganz jungen … sie liegen unter einer Kastanie, da im Wald. Der Junge hatte eine verbundene Hand. Lass sie mich vergessen, Agios Nikolaos. Sie verfolgen mich bis in meine Träume, als könnten ihre Seelen keine Ruhe finden. Bitte für sie bei unserem Herrn. Er soll sie bei sich aufnehmen. Aber lass mir meine Faní noch ein wenig hier.«

Dann entzündete sie noch eine Kerze und blieb stehen, den Kopf gesenkt.

Jule stand leise auf und verließ die Kirche. Nach der Kühle der Schatten traf die Sonne draußen sie mit ungeahnter Macht, und sie stand einen Moment nur da und versuchte, zu begreifen, was sie gehört hatte.

Hinter dem offenen Tor des Gartens wippten grüne Zweige und rosa Blüten im Wind. Der Duft von frischer Minze lag in der Luft, und vom Meer her strahlte das Blau der Unendlichkeit hinter allem. All das war schön, wunderschön. Postkartenschön. Fotos-für-Evelyn-schön. Aber da drinnen in der Kirche betete eine Frau, die sechs Menschen begraben hatte. Woran waren diese sechs gestorben? Vielleicht, sagte Jule sich, war es gar nicht wahr. Vielleicht war diese Frau nicht ganz richtig im Kopf. Oder einfach sehr seltsam. Eine extravagante Person, eine Aussteigerin.

Sie setzte sich auf einen Stein neben der Gartenmauer und packte den Rest ihres Proviants aus. Ein Blätterteigstück, süß und klebrig. Es beruhigte, den Zucker im Mund zu spüren.

Der Junge hatte eine verbundene Hand. Sie waren so jung.

Und wer war auf ihrer Terrasse gewesen?

Bei dem Haus, wo du wohnst? In April niemand geht dort. Niemand macht Trockenfisch.

Sie klopfte sich die Blätterteigkrümel von der Hose und betrat den kleinen Garten.

Das Schaf war nicht mehr da. Als hätte es sich verwandelt, stand jetzt auf dem kleinen Weg zwischen den Beeten ein Rollstuhl. Darin saß ein blasses, feingliedriges Mädchen mit langem, glattem schwarzem Haar. Es rührte sich nicht, es bestand ganz aus Schauen, und es schaute Jule an. Seine Schultern waren hochgezogen, der Rücken krumm, die Ellenbogen ruhten in seltsam verkrampfter Stellung auf den schwarzen Polstern des altmodischen Rollstuhls.

Der Mund des Mädchens stand leicht offen, und ein Speichelfaden rann an seinem Kinn hinunter. Direkt neben ihrem Gesicht schwebte ein kleiner pelziger Falter in der Luft und saugte Nektar aus einer Blüte, im Fliegen, wie ein Kolibri. Er schien das stille Mädchen für eine Blume zu halten, sonst wäre er ihm sicher nicht so nahe gekommen.

Jule schluckte. Dann versuchte sie zu lächeln.

»Kalimera.«

Das Mädchen öffnete den Mund, der etwas zu groß wirkte, sagte etwas Unverständliches und begann zu husten: ein schreckliches, rasselndes Geräusch, das ihren ganzen schmalen Körper schüttelte und den Schmetterling verscheuchte. Jule ging hinüber und legte ihre Hand auf die schmale Schultern, hilflos. Natürlich nützte es nichts.

Und dann war die Frau aus der Kirche da, sie war einfach plötzlich da und nahm das hustende Mädchen in die Arme, streichelte seinen Rücken, leise murmelnd, bis der Hustenanfall vorüber war.

»Thank you«, sagte sie. »Okay now.« Jetzt ist es okay. »You from?« Wo kommst du her?

Und Jule wusste, wenn sie jetzt »Germany« sagte, konnte sie mit der Frau deutsch sprechen. Doch vielleicht würde die Frau dann ahnen, dass sie ihr Gespräch mit dem heiligen Nikolaos belauscht hatte. Sie tat so, als hätte sie die Frage überhört.

»I’m on holidays here«, sagte sie. Ich mache hier Ferien.

Die Frau nickte. »Nikoletta«, sagte sie, zeigte auf sich und lächelte wieder – und ihr Gesicht war voller Sorgenfalten beim Lächeln. Als würden die Sorgen schwerer, wenn sie lächelte.

»I’m Jule«, sagte Jule. »Is this your daughter?«

»Faní«, antwortete die Frau. »Yes. She name Faní. You see church? Agios Nikolaos? I show?«

Soll ich dir die Kirche zeigen?

»No, thanks«, sagte Jule. »Efcharistó.« Danke.

Sie hätte längere englische Sätze machen können, korrekte Sätze. Sie würde nach dem Abi ein Jahr als Au-pair-Mädchen nach Amerika gehen. Aber es nützte ja nichts, wenn Nikoletta das Englisch nicht verstand, das sie sprach. Sie schien erleichtert, dass sie Jule nichts zeigen musste, Jule war ebenfalls erleichtert, und so fand sie sich kurz darauf allein in der schattigen Kirche.

Der heilige Nikolaos sah mit abblätternden Augen auf sie herab. Er hielt ein Schiff in der Hand. Nikolaus, der Beschützer der Seefahrer. Jule warf einen Euro in die metallene Spendendose und zündete eine der dünnen Kerzen an.

»Sag mir, ob ich ihn gesehen habe«, flüsterte sie. »Den Jungen mit den Fischen. War er da? Oder hat Nikoletta ihn begraben? Wie kann es sein, dass ich jemanden gesehen habe, der tot ist?«

Der heilige Nikolaos schwieg. Nur der Wind fuhr stärker in die Segel des Schiffs, das er hielt. Nein, dachte Jule, unmöglich. Das Schiff war nur gemalt. Und in der Kirche war es vollkommen windstill. Doch die Kerzen flackerten jetzt, und die kleinen blechernen Votivtafeln, die unter dem heiligen Nikolaos hingen, klapperten leise gegeneinander: ein Baby für einen Kinderwunsch. Ein Arm, den der Heilige heilen sollte, ein Ohr, ein Fuß. Körperteile aus Blech, die wirkten wie abgehackt.

Als Jule sich umdrehte und hinausging, stand das Schaf zwischen den Kirchenbänken und starrte sie an.

 

Draußen kniete Nikoletta jetzt in der Erde des kleinen Gartens und zupfte Unkraut. Ihre sehnigen Hände arbeiteten rasch und effektiv, Fanís Augen folgten jeder Bewegung. Jule winkte kurz und machte sich auf den Rückweg. Nikoletta, dachte sie, war kräftig genug, einen Rollstuhl den Bergpfad hinaufzuschleifen, sie kümmerte sich um ihre behinderte Tochter und um den Garten. Nein, sie war keine extravagante Aussteigerin. Wenn Nikoletta sagte, sie hätte sechs Menschen begraben, dann hatte sie sechs Menschen begraben. Sechs Menschen, von denen niemand wusste bis auf sie selbst, Stavros – wer immer das war – und Jule.

 

Der Abstieg war schwieriger als der Aufstieg. Jule rutschte ein paarmal beinahe aus, kleine Steine glitten unter ihren Füßen weg.

Irgendwo auf halber Höhe machte sie eine Pause und schickte Evelyn das Bild, das sie von dem Schaf in der Kirche gemacht hatte. Sie musste dringend mit jemandem sprechen – über Nikoletta und die Toten. Doch Evelyn ging nicht ans Telefon. So stieg Jule ganz allein durch die Macchia und ritzte sich die Beine an den Dornen blutig. Ihr war heiß, das T-Shirt klebte ihr am Rücken.

Und dann sah sie von oben etwas, das ihr vorher nicht aufgefallen war – unten neben dem Berg leuchtete es blau und kühl zu ihr herauf. Wasser, umgeben von Felsen. Dort gab es eine Art Schlucht.

Das Wasser sah verlockend aus.

Es war nicht schwer, den Weg zu finden, es gab sogar ein Schild für Touristen. Das letzte Stück des steilen Pfades kürzte Jule ab; ließ sich von einem Felsen aus einen oder zwei Meter in die Tiefe fallen. Minuten später saß sie auf einem flachen Stein und ließ die bloßen Füße ins Wasser baumeln. Es war eiskalt. Die tiefen Stellen des Bachlaufs erstrahlten in einem ungewöhnlich intensiven Dunkelblau. Als wäre dort unten etwas Verborgenes.

Jule füllte die Plastikflasche und trank gierig. Danach legte sie sich auf den Rücken und sah in den Himmel. Der weiße Kondensstreifen eines Flugzeugs kreuzte das Bild. Wie frei man dort oben war!

Irgendwo fiel ein Stein in die Schlucht, und sie fuhr hoch und sah sich um. Doch es war niemand da. Ein Tier musste den Stein losgetreten haben. Wenn Evelyn hier gewesen wäre, dachte sie, hätte sie sich nicht wegen eines fallenden Steins erschreckt. Sie hätte Jule mit Wasser bespritzt und gelacht und dort drüben bei der Feige posiert, die am Wasser wuchs, mit zwei Blättern vor der Brust: Guck, ich bin Eva! Machst du mal ein Foto?

Jetzt war alles still, nur das dunkelblaue Wasser gluckerte leise vorüber. Das Wasser wusste alles, dachte Jule. Vielleicht hatte es sechs Gräber gesehen, als es durch einen Wald geflossen war …

Sie stand auf und balancierte ein Stück über die Steine, am Rand des Bachs entlang. Hinter einem Felsen fand sie einen umgekippten, hellblauen Klappstuhl, ein paar leere Flaschen, Kronkorken, Kohlen. Eine Grillstelle. Jule bückte sich und richtete den Stuhl auf. Daneben, auf einem flachen Felsen, lag etwas Glänzendes. Kein Kronkorken.

Sie hob es auf: Es war ein daumennagelgroßes Stück Perlmutt, annähernd rund, mit einem kleinen Loch in der Mitte. Es lag auf Jules Handfläche wie ein glänzender Käfer. Vielleicht war es von irgendeinem Schmuckstück abgefallen. Sie lächelte und fand ein Stück Silberdraht in ihrer Tasche.

Sie hatte meistens ein Stück Draht bei sich, nur für den Fall, dass sie etwas fand.

So setzte sie sich auf den hellblauen Klappstuhl, an dem ein Brett fehlte, und fädelte das Perlmuttstück auf den Draht, legte ihn um ihren Hals und bog ihn zusammen.

Und sie schloss die Augen und malte sich eine Szene in der Zukunft aus, in ihrem Amerika-Jahr:

Sie stand in der Schlange, in einer Tankstelle, irgendwo im Westen.

Da war eine Menge helles Licht, weites Land, der Geruch von angebranntem Gummi und heißem Fett in der Luft. Der Typ an der Kasse lächelte. Sein Haar war sonnengebleicht, fast weiß.

»Was is’n das an deiner Kette? Ein Stück von einer Muschel?«

Ihre Finger strichen über das Perlmuttstück. »Ich weiß nicht. Ich habe es in einer Schlucht gefunden. In Griechenland. Auf einer sehr kleinen Insel, im Frühling … egal.«

»Nein, nicht egal. Das ist interessant. Hör mal, heute ist sowieso nichts los. Lust auf einen Kaffee? Erzähl mir von deiner Insel.«

Sie lächelte. So würde sie ihn kennenlernen. Nicht den Mann fürs Leben, aber einen Mann, mit dem sie ein paar wunderbare Wochen teilen konnte. Ihren ersten wirklichen Mann. Sie würde ihm alles erzählen, auch von Nikolettas Toten, und er würde sie in den Armen halten und ihr zuhören, irgendwo an einem Lagerfeuer. Irgendwo, wo sie nicht alleine war.

 

Als sie aufwachte, war der Himmel über ihr vom gleichen tiefdunklen Blau wie die tiefen Stellen des Bachlaufs. Sie fuhr hoch und sah sich um, sie war tatsächlich auf diesem Stuhl eingeschlafen. Die Schatten in der Schlucht hatten sich verdichtet. Der Feigenbaum rauschte mit seinen Ästen eine Melodie vom Abend.

Jule merkte, dass sie fror. Sie nahm ihren Rucksack und machte sich auf den Rückweg. Verdammt, sie hatte noch zur Chóra gehen und einkaufen wollen. Dann würde sie das eben lassen und ein Restaurant finden. Sie sehnte sich jetzt schon danach, zwischen hellem Licht und Menschen zu sitzen.

Sie suchte eine ganze Weile nach der Stelle, an der sie in die Schlucht hinabgestiegen war, doch die Stelle war verschwunden. Sie seufzte. Dann würde sie eben an einer anderen Stelle nach oben klettern. Es wurde nicht heller, es war besser, sich zu beeilen.

Schließlich entdeckte sie etwas wie einen kleinen Pfad und atmete auf. Sie folgte dem Pfad, und eine Weile ging es gut, doch dann war er nicht mehr als ein schmaler Absatz am Felsen. Sie presste sich an die Bergwand, kleine Steine rollten unter ihren Füßen weg, und sie rutschte ab und klammerte sich gerade noch fest, während die Steine in die Schlucht rieselten, fielen, polterten.

Nein, das hier war kein Weg.

Ein Wechsel vielleicht, etwas, das den Tieren gehörte. Verdammt.

Aber jetzt war es sehr dunkel, und sie wagte nicht, zurückzuklettern.

Sie setzte einen Fuß vor den anderen, langsam, unendlich vorsichtig. Die Schlucht lag ungefähr vier Meter unter ihr, und dann klammerte sie sich an einen Baum, der in einer Felsritze wuchs, und zog sich weiter hinauf, krabbelte die Wand der Schlucht hinauf wie ein Käfer.

Und die Schlucht lag sechs, sieben, acht Meter unter ihr.