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Die Castell-Geschwister würden ihre Kindheit am liebsten vergessen. Misshandlungen waren für den jüngeren Noah an der Tagesordnung, bis Gabriels Eingreifen das Blatt wendete und den beiden zur Adoption verhalf. Noahs labile Psyche allerdings verwehrte ihm die Chance auf ein normales Leben. Der vermeintliche Mord am besten Freund seines Bruders brachte ihn im Jugendalter in die Psychiatrie. Zehn Jahre später holt Gabriel ihn zurück. Doch Noahs Psychosen werden zur Zerreißprobe für ihn und sein Umfeld. Als dann der korrupte Psychiater Noahs tot aufgefunden wird, beginnt die Uhr zu ticken. Ein emotionaler Psychothriller mit spannenden Wendungen und einem Finale, das Gänsehaut beschert.
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Seitenzahl: 424
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Das Buch
Die Castell-Geschwister würden ihre Kindheit am liebsten vergessen. Misshandlungen waren für den jüngeren Noah an der Tagesordnung, bis Gabriels Eingreifen das Blatt wendete und den beiden zur Adoption verhalf. Noahs labile Psyche allerdings verwehrte ihm die Chance auf ein normales Leben. Der vermeintliche Mord am besten Freund seines Bruders brachte ihn im Jugendalter in die Psychiatrie. Zehn Jahre später holt Gabriel ihn zurück. Doch Noahs Psychosen werden zur Zerreißprobe für ihn und sein Umfeld. Als dann der korrupte Psychiater Noahs tot aufgefunden wird, beginnt die Uhr zu ticken.
Die Autorin
Senta Herrmann wurde 1991 im Südwesten Deutschlands geboren. Sie bekennt sich dazu, selbst wenig zu lesen, hegte aber bereits im Jugendalter den Wunsch, Schriftstellerin zu werden. Dieser brachte sie während des Abiturs zur Arbeit an ihrem ersten Manuskript. Zunächst dem Fantasy-Genre zugetan, schlug sie mit ihrem Debütroman »Grenznebel« den Weg zu anderen Ufern ein. Der Psychothriller entstand während ihres Studiums der Germanistik und Geschichte im Ruhrgebiet.
In jedem Menschen steckt Wahnsinn. Manche lassen ihn an ihrer Umgebung aus, andere machen ihn zu ihrem besten Freund. Und die dritte Kategorie malt Bilder oder schreibt Bücher.
Für Lara.
Prolog
Wiederauferstehung
Schlaflos
Zurück ins Leben
Wackelige erste Schritte
Zurückweisung
Gabriels beste Freundin
Familienbande
Wiederentdeckte Brüderlichkeit
Wiedersehen mit Helena
Miranda als Plan B
Böse Vorzeichen
Unter Beobachtung
Spuren
Rote Weihnacht
In der Defensive
Im Schatten der Brüder
Im Visier des Verfolgers
Tote Menschen reden nicht
Die Suche nach der Wahrheit
Aus den eigenen Reihen
Zurückgelassen
Geschürtes Misstrauen
Am Ende der Fahnenstange
Epilog
In der Brise, die durch das geöffnete Fenster hereinwehte, züngelte die Flamme einer einsamen Kerze. Gestutzte Fingernägel tippten ziellos auf dem Rand der Laptop-Tastatur, ohne dabei die Tasten zu berühren. Seit Stunden saß er davor, starrte mit den unterschiedlich gefärbten Augen auf den Bildschirm. Draußen war die Sonne längst untergegangen. Das markante Kinn auf die Faust der zweiten Hand gestützt, hing er auf dem schwarzen Schreibtischstuhl wie ein nasses Baumwollhemd auf der Leine.
›Kapitel 12‹ stand auf dem Bildschirm. In der unteren rechten Ecke hielt die Zahl 198 tapfer ihren Platz, ebenfalls seit etlichen Stunden. Es schien, als hätte seine Kreativität ihn verlassen. Der kühle Windhauch, der auf dem nackten Unterarm einzelne Härchen aufrichtete, pustete beherzt die Kerze aus. Ein Seufzen war zu hören. Getaucht in das unnatürliche bläuliche Licht der Display-Beleuchtung, lehnte der androgyn wirkende Endzwanziger sich auf seinem Schreibtischstuhl zurück. Fingerkuppen strichen durch lange blonde Strähnen. Die Haare, die ihm sonst bis unter die Schulterblätter reichten, waren zu einem lockeren Knoten gebunden. Wie es aussah, gab er sich für heute geschlagen. In dem Augenblick, in dem der Blonde sich erhob, schaltete der Rechner sich in den Ruhemodus.
»Noah? Schatz, bist du hier?« Dumpf drang eine schwache, weibliche Stimme durch das Holz der Tür. Barfüßige Schritte steuerten den Zugang an und schmale Finger streckten sich nach der Türklinke aus. Sie wurde heruntergedrückt und die Tür geöffnet. Davor stand eine kleine, zierliche Blondine mit lockigen Haaren. Ihr zerzauster Zustand und das zerknitterte Satinnachthemd verrieten, dass sie gerade erst das Bett verlassen hatte.
»Dachte, du würdest schlafen.« Die melodische Stimme des Mannes klang verwundert. Er sah zu der Frau hinab, die er um einen Kopf überragte. Im Flur brannten zwei Energiesparlampen und tauchten den Gang in ein diffuses Licht. Noahs Blick schweifte zu den nackten Beinen seiner Freundin, die von einem Fuß auf den anderen trat. Wissend rang er sich ein Feixen ab.
»Ich bin aufgewacht und du warst weg«, erklärte sie schmollend und linste an ihm vorbei ins Arbeitszimmer. »Sitzt du im Dunkeln?« Ihre bronzefarbene Haut schimmerte im fahlen Licht. Noah nickte.
»Seit zwei Stunden. Habe versucht, weiterzuschreiben, aber die Blockade ist hartnäckig.« Knarzend zog er die Tür hinter sich ins Schloss, rieb sich über die blasse Gesichtshaut.
»Dann komm wieder ins Bett. Du bist übermüdet.« Sie quengelte. Eine filigrane Hand streckte sich nach der ihres Gegenübers aus. Die Denkfalten auf seiner Stirn vertieften sich, als ihre Wärme unter seine Haut kroch. Ihm war nicht aufgefallen, wie ausgekühlt er war. »Vielleicht kommt dir im Traum ein Geistesblitz.«
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihm einen Kuss auf die Wange zu hauchen. Er gab es ungern zu, aber mit einem Aspekt hatte sie recht: Es wurde nicht besser, wenn er weiterhin seinen Tag-Nacht-Rhythmus auf den Kopf stellte. Viel zu häufig verbrachte er die Nächte am Computer. Resigniert zuckte er mit den Achseln, bevor er ihre Hüften umfasste und sie näher zog. Kurz vergrub er die Nase in ihrem verknoteten Haarwust, atmete den Magnolienduft des vertrauten Shampoos ein.
»Ich besorge mir noch ein Glas Wasser, dann komme ich«, versprach er versöhnlicher, nur um sich von ihr zu lösen und nach einem knappen Zuspruch den Weg in Richtung Küche einzuschlagen. Das Laminat unter seinen Füßen war frostig und er tat einen großen Schritt, um auf den orientalischen Teppich zu treten, der der Länge nach den Flurbereich zierte. Bevor die Frau hinter ihm im Badezimmer verschwand, wandte Noah sich zu ihr um. »Helena?«
Mit einer Hand am Türrahmen blinzelte sie aus mandelförmigen, dunkelblauen Iriden in seine Richtung. »Ja, bitte?«
»Du weißt doch: Kein Traum«, grinste er verspielt und überheblich auf eine Art, wie er es gerne tat, »kann eine Geschichte fortsetzen, die von der Wirklichkeit geschrieben wurde.« Helenas klingendes Auflachen erfüllte den Wohnungsflur.
»Sehr philosophisch, mein Lieber!« Die Hände in die Taille gestemmt, verzog sie die vollen Lippen zu einem Schmunzeln. »Dann hoffe ich, dass du die Realität bei all der Fiktion nicht wieder aus den Augen verlierst.«
Was im ersten Moment wie ein Scherz klang, hätte sie ernster kaum meinen können. Noah Castell war nicht stabil. Im Gegenteil: Den Grat zwischen Realität und Wahn hatte er einige Male übertreten. Manches lag Jahre zurück, anderes Wochen und Tage. Dieser Fakt machte ihn in Verbund mit seiner Intelligenz und seiner partiellen geistigen Klarheit zu dem, was er war: ein Widerhall seiner Vergangenheit.
Das Wohnzimmer wurde vom Flimmern des surrenden Fernsehers und zwei Teelichtern erhellt. Draußen stürmte es und ich war in eine dicke Kuscheldecke eingepackt. Aus der waagerechten Position heraus starrte ich auf den Röhrenbildschirm, ohne wahrzunehmen, welches Programm lief. Mutters Schoß war behaglich und ich genoss die Streicheleinheiten. In der linken Hand ihr Buch, fuhr sie mit den Fingern stetig durch mein blondes Haar.
»Mama?«, fragte ich tonlos. Der Unterton klang pikiert und sie musste mir anmerken, dass mir etwas auf der Seele brannte. Gleichwohl sah sie nicht von ihrer Lektüre auf.
»Ja, Engelchen?« Mutter hielt ihre Stimme gesenkt. Ich legte den Kopf in den Nacken, sah zu meinem zwei Jahre älteren Bruder, der auf der anderen Sofaseite lag. Er schlief eingerollt in ein dickes Fell. Vater hatte uns erklärt, dass es sich um ein Schafsfell handelte. Erst vor ein paar Tagen hatte er es vom Flohmarkt mitgebracht. Gabriel, den unsere Eltern oft Gab nannten, war kürzlich eingeschult worden. Ein bisschen neidisch war ich. Obwohl ich gewieft war, wollte Vater derzeit nicht, dass ich die Schule besuchte. Überhaupt wünschte er sich wenig für mich. Das Fell hatte er Gabriel geschenkt. Mir hatte er nichts mitgebracht, wie es meistens der Fall war.
»Warum bekomme ich keine Katze?«, grub ich das Streitthema vom Vormittag wieder aus. Im gleichen Moment breitete sich in mir das Gefühl aus, dass ich besser nicht gefragt hätte. Mutter spannte sich an und seufzte. Graugrüne Augen sahen bedrückt zu mir hinab, als sie ihr Buch zuklappte. Sie merkte sich stets die Seite.
»Du weißt doch, Papa mag keine Katzen.« Verständnisvoll schmunzelte meine Mutter. Gwendolyns Lächeln hatte auf Gabriel und mich lange eine heilsame Wirkung ausgeübt. Vater hatte es ihre ›Aura‹ genannt. Eine, die jeden um sie herum ebenso strahlen ließ. Die Fältchen um ihre Mundwinkel wurden tiefer, als ich die Stirn krauszog. An diesem Tag prallte ihre Aura an mir ab. Ich verstand es nicht und sie wusste, dass ich es nicht verstand. Ihre Hand strich mir lose Haarsträhnen aus dem Gesicht. Für einen Augenblick hatte ich das Gefühl, unsere Mutter wäre abwesend, versunken in meinen Augen. Eines war graugrün wie ihre, das andere mahagonifarben.
»Die von dem Treffen sind daran schuld, oder? Die, die er jeden Dienstag und Donnerstag besucht.« Ich rollte mich auf den Rücken und drückte die Plüschkatze an meine Brust. Ich war trübsinnig gewesen, weil ich kein Geschenk bekommen hatte. Aus dem Grund war Mama mit mir in die Stadt gefahren und hatte mir das Kuscheltier gekauft. Die Augen unserer Mutter glänzten im Schein des Fernsehers und sie wirkte auf einmal bestürzt. Ein Schlucken folgte einem beherrschten Nicken.
»Manche Menschen glauben, dass Katzen das Tor zur Hölle wären. Dass sie böse sind, verstehst du, Noah? Papa hat Angst vor Katzen.«
»Eli hat Angst vor Spinnen«, gab ich brummend von mir. »Sind die auch ein Tor zur Hölle?« Geflüstert zog ich den Kopf ein und schielte zu meinem älteren Bruder herüber. ›Eli‹. Den Spitznamen hatte ich mir angewöhnt, als ich sprechen gelernt hatte. Am Anfang war ›Gabriel‹ mir zu kompliziert gewesen. Dann hatte Mama mir erklärt, dass mein Bruder mit zweitem Namen ›Elias‹ heißt.
Ich vergrub die Nase in dem weichen Plüsch und zog die Decke höher. Wenn er mitbekam, dass ich gepetzt hatte, bekam ich Ärger. Zum Glück schlief Gabriel tief und fest. Ich sah den dunkelbraunen Wust an Haaren unter dem Schafsfell hervorlugen und hörte seinen gleichmäßigen Atem.
»Gab hat eine große Spinne im Terrarium der Nachbarn gesehen. Er ist erschrocken. Das ist ein bisschen anders.«
Mein Kopf reflektierte Mutters Worte und versuchte, sie zu verstehen. »Hat Papa dann auch Angst vor mir? Weil mein Auge auch etwas mit der Hölle zu tun hat?« Ich war ein schrecklich wissensdurstiges Kind und hinterfragte alles, was ich nicht verstand. Sogar dann, wenn ich es zu meinem eigenen Schutz besser nicht gewusst hätte. Gabriel hingegen war scheu und gehorsam. Er tat immer das, was man von ihm verlangte.
Unsere Mutter atmete zittrig aus, legte das Buch beiseite und hob die freie Hand zu ihrem schmalen Mund, den ich von ihr geerbt hatte. Verzweifelt schüttelte sie den Kopf. Ich erschrak, als ich Tränen in ihren Augenwinkeln sah. Sofort richtete ich mich auf.
»Mama?« Ich rutschte auf den Knien näher und umarmte sie. Meine Finger vergruben sich in ihren dichten schwarzen Haaren. »Nicht weinen!«
»Es tut mir so leid, Noah. Papa weiß nicht, was er tut.« Das war es, was sie immer sagte. Bei jedem Fehler, den Gerôme Bruckheimer beging, meinte sie das. Als ob es eine Entschuldigung für das wäre, was er tat. Als ob es die harschen Worte weniger schmerzhaft machen würde. Ich hatte gelauscht, als sie mit Eli gesprochen hatte. Meinem großen Bruder hatte sie erklärt, dass diese Menschen für sein Verhalten verantwortlich waren. Ab dem Zeitpunkt hatte Vater angefangen, mich zu hassen. Wegen meines roten Auges. Aus dem Grund hatte ich im Gegenzug beschlossen, sie zu hassen. Weil sie mir meinen Papa weggenommen und einen Mann aus ihm gemacht hatten, der mich nicht mehr liebte.
***
Ein gluckerndes Lachen schälte sich aus meiner Kehle und ich fuhr mir über das Gesicht. Seit Stunden lag ich wach, starrte an die weiße Zimmerdecke. Weiß. Alles hier drin war weiß. Wie ich es hasste. Grob griff ich nach dem alten Plüschtier, das neben mir im Bett lag. Die gestreifte Katze sah mich aus toten Kulleraugen an. Sie war längst nicht mehr flauschig, wie sie es vor fast zwei Dekaden gewesen war. Stattdessen war sie eine Erinnerung an eine Frau, die für mich gestorben war.
Bebend stieß ich die Luft aus den Lungen, zog bekümmert die Augenbrauen zusammen. Das Lachen war verebbt, als ich die Katze gegen meine Wange drückte und die Augen schloss. Der leere Raum war in jeglicher Hinsicht kahl, nüchtern und bitterkalt. Bald war es vorbei. Dann sah ich ihn wieder.
»Morgen brauche ich dich nicht mehr.« Die Worte tropften zuckersüß von meinen Lippen. Jäh kochte Wut in mir hoch und am liebsten hätte ich diesem Mistvieh von Erinnerung den Kopf abgerissen. Mit verkrampften Händen setzte ich mich auf und sah mich im Dunkel des Raumes um, der kaum größer als ein herkömmliches Krankenhauszimmer war. Ziemlich traurig für eine Privatklinik. Ich verabscheute die ganze Anlage und hasste die Menschen, die glaubten, ich gehöre eingesperrt.
Einmal im Leben machst du einen Fehler. Er wiegt alles Gute, das du je getan hast, tausendfach auf und dann sperren sie dich weg. Zehn Jahre lang. Ich betete, dass es besser werden würde. Dass ich jetzt leben durfte und mich nicht mehr so leer fühlen musste. Dass der Kampf darum, normal zu sein, ein Ende hatte. Entnervt warf ich das vermaledeite Stofftier gegen die nächste Wand. Ich war das alles so leid. Aus der Dunkelheit auf der anderen Seite des Raumes ertönte ein Stöhnen. Jämmerlich, verschlafen und agitiert.
Das Rascheln einer Bettdecke erfüllte die Kammer. Obwohl das fahl durch das Fenster hereinscheinende Licht nicht bis ans Ende des Zimmers reichte, spürte ich die Präsenz, die sich dort verbarg. Ich erhob mich von meinem Bett und ignorierte, wie der müde Blick aus den mir bekannten grauen Augen auf mir haftete.
»Irgendwann ruft sie ihre Freunde«, ertönte verspätet eine heiser klingende Frauenstimme. Ich trat zum Fenster, um es zu kippen. Weiter konnten wir sie nicht öffnen. Nicht einmal dann, wenn wir das Gefühl hatten, zu ersticken. Ich nahm wahr, wie meine Zimmergenossin das Plüschtier einsammelte. Eine beiseite geschlagene Decke und die Bewegung in meinem Rücken offenbarten mir, dass sie aufgestanden war.
»Mia, Stofftiere leben nicht«, säuselte ich und lehnte mich gegen die Wand. Mir war flau und ich brauchte frische Luft. Der Halbmond am Himmel schien durch die dreifache Verglasung und erleuchtete den Boden vor dem Fenster.
»Spielverderber«, gluckste es leise. Miranda – zumeist nannte ich sie Mia – trat an meine Seite und hielt mir die Katze hin, die ich als Kind geschenkt bekommen hatte. »Du solltest sie trotzdem nicht so behandeln.« Im Schein des Mondes glänzten die schwarzen schulterlangen Haare der einige Jahre älteren Frau wie Onyx. Wenig glücklich schnaubte ich und ließ zu, dass Miranda ihre Hand auf meinen Oberarm legte.
»Hätte ich die Möglichkeit gehabt, hätte ich das Teil längst verbrannt oder zerschnitten.« Man hatte uns alles weggenommen, was potenziell gefährlich war.
Aus dem Augenwinkel fing ich ihr Lächeln auf. Wir wussten beide, dass das gelogen war. Ich liebte es, wie ich es hasste. Finger durchkämmten meine weit in den Rücken reichenden blonden Strähnen. Miranda legte ihren Kopf auf meine Schulter, drückte mir das Plüschtier gegen die Brust, bis ich gezwungen war, es anzunehmen.
»Pack sie lieber ein, wenn du nicht schlafen kannst. Bevor du sie morgen vergisst, Noah.« Die Nähe ließ mich das Gesicht verziehen. Unter meinen Fingern spürte ich etwas, was sich wie Papier anfühlte. Ich klemmte mir die Katze zwischen Ellenbogen und Bauchseite. Dann entfaltete ich den Zettel, der mir zugesteckt worden war. Darauf standen eine Handynummer und Mias Name. Fragend taxierte ich sie mit den verschiedenfarbigen Augen, die mir diesen Schlamassel eingebrockt hatten.
»Das ist meine neue Nummer. Hab sie mir extra geben lassen, damit wir in Kontakt bleiben können.« Sie löste sich von mir, zuckte mit den Schultern und sah mich dabei an, als ob ich auch selbst darauf hätte kommen können.
»Du kommst auch raus?«, war das Erste, was über meine Lippen kam, während ich verwundert die Zahlen betrachtete. Der Gedanke missfiel mir. Sie sollte bleiben, wo sie war. Ein verdatterter Blick traf mich und ich bemerkte, dass ich scheinbar erneut nicht zugehört hatte.
»Habe ich dir erzählt.« Arme wurden verschränkt. Mia hatte sich ein Stück von mir entfernt. Ich musterte sie. Unbeeindruckt blieben meine Augen an ihrer sportlichen Statur hängen, die sich unter dem engen Nachthemd abzeichnete.
»Natürlich hast du das«, entwich es mir trocken und ich rang mir ein Lächeln ab, ohne zu offenbaren, dass ich das zum ersten Mal hörte. »Wann war das wieder?«
»Am zehnten Dezember, also in einer Woche. Rufst du mich an?« Sie ließ die Arme sinken, wirkte versöhnlicher.
Seitdem ich sie einmal vor der Willkür eines Pflegers geschützt hatte, klebte sie sprichwörtlich an mir. Nur wenige Tage später hatte man sie in meinen Raum gesteckt – als Zimmer- und Leidensgenossin. Kaum zu erwähnen, dass gemischtgeschlechtliche Zimmer keine gängige Praxis waren. Ich fragte mich, wie man als Achtundzwanzigjährige derart versessen sein konnte.
»Ich denke drüber nach«, eröffnete ich Miranda unverblümt lächelnd. Ich würde sie nicht anrufen. Denn wenn ich hier raus war, brauchte ich sie nicht mehr. Danach war ich wieder bei Gabriel und würde die letzten zehn Jahre aus meinem Gedächtnis tilgen.
»Wirst du!« Die Worte der Frau klangen endgültig. »So leicht kommst du mir nicht davon, mein Freund.« Damit huschte sie ins Bad. Kaum dass die Tür ins Schloss gefallen war, warf ich das Plüschtier achtlos aufs Bett. Dann trat ich zum gekippten Fenster, um den Zettel in der Nacht verschwinden zu lassen. Das Lächeln von zuvor fiel von meinen Lippen. Ich griff nach dem Bilderrahmen, der auf der Fensterbank stand. Das Lachen zweier zehnjähriger Kinder strahlte mir entgegen. Unecht, gezeichnet.
»Ich hoffe, du bist pünktlich«, murmelte ich. »Was meinst du? Ob wir wieder von vorne anfangen können, Eli?«
»Eli! Hey, Eli!« Freudestrahlend polterte Noah die knarzende Holztreppe hinauf. Gabriel, der seinem Bruder zwei Jahre voraushatte, saß in der Küche und hatte die Nase in Schulbücher gesteckt. Eine Gab inzwischen fremd gewordene Frau stand am Herd, rührte mit gesenkter Stirn in einem Topf. Vorsichtig sah Gabriel auf, als ein blonder Schopf sich durch den Türrahmen schob.
Bange rutschte der Dunkelhaarige, dessen Locken ihm bis in den Nacken reichten, auf dem Sitz hin und her. Noahs Blick traf seinen und hektisch schüttelte er den Kopf. Mit einem Schwenk aus gemischtgrünen Augen deutete er ihm, nicht reinzukommen. Doch der Jüngere verstand nicht. Stattdessen tänzelte er zu Gabriel und legte ein verstaubtes Brettspiel auf die Tischplatte.
»Schau mal, Eli. Das habe ich im Keller gefunden. Das gehörte bestimmt Vater. Wollen wir das nachher spielen?« Die Augen seines Bruders glänzten ihn an. Gabriels Finger schlossen sich fester um den Stift. Er schluckte.
»Später, Noah. Ich bin noch nicht fertig«, flüsterte er, hatte die Augen auf das Spiel gerichtet. ›Von Vater‹ hatte er gesagt. Das war ungut. Ein bekümmerter Blick fuhr zu der dunkelhaarigen Frau am Herd. Die Hose hing schlabbrig an ihren dünnen Beinen, das Sweatshirt war zu weit und ihre Haare glanzlos und strohig.
»Immer noch nicht?« Verständnislos sah Noah in das Gesicht seines älteren Bruders.
»Nein, immer noch nicht!«, hallte es plötzlich durch die Küche und ein ohrenbetäubendes Scheppern ertönte, als der gläserne Deckel des Topfes knapp an Noah vorüberflog und abrupt von der Wand gestoppt wurde.
Gabriel hatte es befürchtet. Heftig fuhr er zusammen, hatte seinen Bruder reflexartig am Arm zur Seite gezogen. Die Frau, die sich ihre leibliche Mutter schimpfte, stand mit tiefen Augenringen wutentbrannt vor ihnen. Gwendolyn kam näher und fegte das Brettspiel vom Tisch. Noah zitterte am ganzen Körper. Panisch in sich zusammengesunken, versteckte er sich hinter dem Stuhl, auf dem Gabriel hockte.
»Mama, bitte! Es ist nur noch eine Aufgabe. Er hat nicht gestört. Ich bin fast –«
»Es ist mir egal, Gabriel. Wenn er Zeit hat, dich von deinen Hausaufgaben abzulenken, soll er rausgehen und Geld verdienen. Immerhin ist er schuld, dass euer Vater nicht mehr bei uns ist!« Der Ältere der Brüder, der Noah an Größe und Breite des Knochenbaus überragte, versuchte, den Blonden hinter sich abzuschirmen. Noah schluchzte.
»Ich habe alle Hausaufgaben gemacht!«, protestierte er. »Ich wollte doch nur –«
»Interessiert mich nicht, Noah.«
Gabriel presste die Lippen aufeinander. Zu jung und zu eingeschüchtert, um sich gegen seine Mutter aufzulehnen, brachte er keinen weiteren Ton heraus. Selbst dann nicht, als sie den Erstklässler hinter ihm am Arm packte und in Richtung Flur zerrte.
Seine Knie schlotterten, als er vom Stuhl rutschte. Zwei Schritte trat er Mutter und Bruder nach, hörte, wie sie Noah weiter anbrüllte.
»Deine Augen! Immer wieder diese Augen! Sieh mich nicht an, sonst ende ich genauso wie dein Vater. Verfluchte Göre!«
Noahs Schrei, als der erste Schlag ihn im Gesicht traf, hatte sich in Gabs Gedächtnis gebrannt. Sie verabscheute ihn. Seitdem Gerôme, ihr Vater, nicht mehr lebte, hatte sie dessen Verhaltensweisen übernommen. Seit diesem Tag war Noah ihre Nemesis. Er war nicht gut genug. Nie. Auch dann nicht, wenn er Lob aus der Schule mitbrachte. Nicht einmal, wenn er mit seinen Basteleien Geld auf der Straße verdiente. Gabriels achtjähriges Selbst drückte sich die Hände auf die Ohren. Er ertrug es nicht, wenn sie Noah verletzte.
***
Schweißgebadet schreckte Gabriel auf. In Dunkelheit gehüllt, vergrub er die Finger im erstbesten Stoff, den er zu greifen bekam. Rasselndes Keuchen drang aus seiner Kehle, während ihm Schweißperlen über die Stirn liefen. Wellige dunkelbraune Strähnen klebten ihm im Gesicht und Nacken. Die Emotionen, die der Traum hochgeholt hatte, schnürten ihm die Kehle zu. Im Raum war es kühl und nach einigen Momenten nahm Gabriel wahr, wie der Vorhang durch die hereinwehende Brise bewegte Schatten an eine Wand warf. Angespannt schloss er die Augen, rieb sich über die brennenden Lider. Es verfolgte ihn noch immer. Inzwischen waren siebzehn Jahre vergangen, in denen diese Alpträume ihn in unterschiedlich großen Abständen heimgesucht hatten. Träume, die nach Noahs Einweisung und dem ihr vorangegangenen verhängnisvollen Ereignis umso nagender geworden waren. Zerstörerischer. Die Wolkendecke des Nachthimmels brach auf und der Halbmond erhellte das Schlafzimmer.
»Scheiße.« Fluchend schaltete Gabriel das Licht ein und richtete sich im Bett auf. Die Dämonen wollten nicht verschwinden und je näher Noahs Entlassung aus der Anstalt rückte, umso unwohler wurde ihm dabei. Seine eigene Psyche machte ihm zu schaffen. Die Ungewissheit, wie die Zukunft mit seinem Bruder aussehen würde, hatte ihn rastlos werden lassen. Augen flohen zur Digitaluhr auf dem Nachttisch. Er hatte noch drei Stunden, bis der Wecker klingeln würde, und er beschloss, sie nicht im Bett zu verbringen. Die dunkle Jogginghose und das schwarze Shirt hafteten unangenehm an seinem Körper, als er aufstand. Gabriel trat zum Schrank und suchte nach Wechselkleidung. Gleichzeitig hoffte er darauf, dass eine Dusche die wiederkehrenden Gedanken wegspülen würde.
Der Mittzwanziger schlurfte durch den finsteren Flur des Hauses, das seine Adoptiveltern aufgebaut hatten. Sie waren auf Reisen und mit ihrer Kunstagentur beschäftigt. Seit Jahren kamen sie immer nur kurzzeitig zurück. Bislang hatte Gabriel wenig Sinn darin gesehen, sich eine eigene Wohnung zu suchen. Ungern ließ er das Haus leer stehen, auch wenn das hieß, dass er die Dunkelheit und Kälte, die die einsamen Zimmer verströmten, alleine ertragen musste. Ihr Adoptivbruder war vor geraumer Zeit ausgezogen. Seitdem hütete Gabriel das Heim, bis seine Eltern zurückkommen würden. Nach allem, was sie für ihn und Noah getan hatten, war es das Mindeste, was er tun konnte. Sie hatten ihnen ein neues Heim gegeben. Nie hatte Gabriel das Gefühl gehabt, nur die zweite Wahl nach ihrem Adoptivbruder gewesen zu sein. Daher konnte er gar nicht anders, als unendlich dankbar zu sein.
Auf dem Weg zum Badezimmer korrigierte er seinen Gedankengang von zuvor und schloss für einen Moment die Lider über grünen Augen. Bald war er nicht mehr alleine. Wenn Gabriel an diesem Tag das Haus wieder betreten würde, wäre Noah bei ihm. Mit etwas Glück würde mit ihm die Lebensfreude zurückkehren, die er so viele Jahre vermisst hatte.
***
Stunden zu früh aufgestanden zu sein, hatte definitiv Vorteile. Die Laune hob das zwar kaum, aber immerhin brachte er es in der Zwischenzeit fertig, im Zimmer seines Bruders zu staubsaugen und das Bett neu zu beziehen. Das Lüften war nötig gewesen. Da drin roch es wie in einem lange vergessenen Kellerraum. So zügig, wie Gabriel sich gezwungen hatte, das Zimmer zu betreten, so jäh verließ er es wieder, nachdem er die Funktion von Heizung und Strom überprüft hatte. Nicht zu genau umsehen und nicht zulassen, dass die Erinnerungen erneut hochkochten. Es war grausam: Sie waren unwahrscheinlich froh gewesen, ihr altes Elternhaus hinter sich gelassen zu haben. Doch als Gab sich gerade an den Frieden gewöhnt hatte, hatte ein einziger Tag ihnen all das abermals entrissen. Eine der Folgen war, dass Noahs Zimmer bei ihm den erlebten Horror immer wieder wachrief. Das Bild seines blutüberströmten Bruders, verschmierte Flecken auf dem Bett und die schrille Sirene des Krankenwagens hatten sich festgebrannt und bereiteten ihm bis heute Alpträume.
Inzwischen stieg die Sonne über die Dachrinnen der Siedlung und Gabriel zog aufatmend die Tür hinter sich ins Schloss, bevor er sich sein Handy von der Kommode im Gang schnappte. Dort ließ er es oft zurück, weil ihm seine Chefin zu häufig außerhalb der Bürozeiten des Verlags auf die Nerven fiel. Zehn neue Nachrichten. Unbegeistert verzog er das Gesicht, überflog die E-Mails und Kurznachrichten und machte sich auf den Weg ins Erdgeschoss. Bevor er nicht mindestens zwei Tassen Kaffee intus hatte, würde er sich nicht zurückmelden. Er hatte sich freigenommen, um Noah abzuholen und hatte keinen Kopf dafür, irgendeinem Lektor hinterherzutelefonieren.
Bald blubberte die alte Filtermaschine vor sich hin und erfüllte den Raum mit dem Geruch von frischgekochtem Kaffee. Gabriel hatte die Post reingeholt und die Werbung ins Altpapier befördert, als ein neuerliches Klingeln des Handys seine Aufmerksamkeit beanspruchte. Ein Seufzen stob ihm aus der Kehle, als er auf den Bildschirm sah und abhob.
»Guten Morgen, Vater.« Er klemmte sich das Gerät zwischen Ohr und Schulterblatt, ehe er die Kaffeemaschine ausschaltete und das dunkle Gebräu in eine bauchige Tasse goss.
»Morgen. Wusste ich doch, dass du schon wach bist. Mama hat dagegen gewettet«, tönte es vom Ende des Hörers. Den Hintergrundgeräuschen nach zu urteilen, saßen seine Eltern im Auto und hatten die Freisprechanlage eingeschaltet.
»Ich bin seit Stunden auf den Beinen«, gab Gabriel müde zurück, schnappte sich den Kaffeepott und setzte sich auf einen der rustikalen Küchenstühle. Seine Augen überflogen die Schlagzeilen der Zeitung, die er auf dem Tisch abgelegt hatte.
»Wie geht’s dir, mein Schatz?« Die Stimme seiner Adoptivmutter ging fast im Rauschen der Leitung unter und sie musste schreien, damit die Worte überhaupt ankamen.
»Ich komm klar«, antwortete er kurz angebunden und nippte an seiner Tasse.
»Tust du das wirklich?« Sie klang besorgt und er konnte es ihr kaum verübeln.
»Noah und ich haben es immer geschafft und wir schaffen es auch dieses Mal«, gab er entschieden mit kratziger Stimme zurück. Er hatte nicht vor, mehr Schwäche zu zeigen als nötig.
»Gabriel, es tut uns leid, dass wir nicht da sein können. Wir sind zurzeit mit der Sammlung für das Museum beschäftigt. Hatte ich erzählt.«
»Ich weiß, Vater«, betonte sein Sohn, schielte dann zum hundertsten Mal auf die Uhr. »Wir schaukeln das hier. Seht zu, dass ihr euren Job erledigt und wir machen hier unseren.« Sein Adoptivbruder und er brauchten die Babysitter längst nicht mehr.
»Wenn etwas sein sollte, ruft an.«
Gabriel konnte nicht anders, als im selben ernsten Tonfall zu kontern: »Dasselbe gilt für euch. Passt auf euch auf und meldet euch später doch mal bei Alex.« Damit verabschiedete Gabriel sich von seinen Eltern. Sie telefonierten selten mit ihrem Jüngsten. Die Agentur war ihr Ein und Alles. Auch, wenn sie in den letzten fünf Jahren wenig Zeit für ihre Kinder gehabt hatten, gab Gab sich die größte Mühe, ihnen nicht im Weg zu stehen.
***
»Ich bin Gabriel. Das ist mein Bruder Noah.« Der Ältere saß im Schneidersitz auf einem Schreibtischstuhl des Kinderheims. Sein Hemd steckte adrett in der Jeans und die von Wirbeln durchzogenen Haare waren so ordentlich wie möglich gekämmt. Dumpf beobachtete er den jüngeren Blonden, der auf dem Bett hockte und das fremde Ehepaar nicht beachtete. Die Frau reichte ihrem Gatten gerade einmal bis zur Schulter. Er war hochgewachsen, hatte ein kantiges Gesicht und einen stabilen Hals. Eine Hand am Kinn, ließ er den Blick von Gabriel zu Noah schweifen.
Die unterschiedlichen Farbtöne von Noahs Augen kamen durch das künstliche Licht im Raum deutlich zur Geltung, während er ein fernes Lied vor sich hin summte. Sein Shirt war übergroß, hing ihm halb heruntergerutscht auf der Schulter. Die Haare waren statisch aufgeladen und standen in alle Richtungen ab. Das schmale Erscheinungsbild und die langen Strähnen gaben ihm ein weiches, mädchenhaftes Äußeres, dem erst die Pubertät einen Wandel beibringen sollte. Mit einem spitzen Gegenstand, der sich bei genauerer Betrachtung als Stricknadel herausstellte, stach Noah immer wieder auf die Plüschkatze ein, die vor ihm auf dem Bett lag. Konzentriert und sorgfältig durchbohrte er den Schwanz, die Ohren und das Gesicht. Der Anblick war für seinen Bruder nicht neu. Die Frau vor ihm hingegen schien zur Salzsäule erstarrt zu sein.
»Was macht er da?«, fragte sie verständnislos, sah zu ihrem Mann. Das auffällig rote Haar trug sie offen und sie hatte Sommersprossen auf der Nase. Sie war mittleren Alters und ihr Gesicht von leichten Krähenfüßen gezeichnet. In Kombination mit den Lachfältchen neben ihrem Mund wirkte sie auf Gabriel herzlich. Fest presste der Zwölfjährige seine Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf.
»Ich habe ihm gesagt, er muss damit aufhören«, brachte der Junge am Schreibtisch stimmlos hervor und verschränkte die Arme. Noah verhinderte, dass sie jemals adoptiert werden würden. Allmählich fragte er sich, ob sein kleiner Bruder das mit Absicht tat. Die Hoffnung, gemeinsam das Kinderheim zu verlassen, sank von Tag zu Tag und in Gabriel breitete sich zunehmend größerer Gram aus.
»Noah!« Ein Zischen im Türrahmen, als die betagte Heimleiterin schimpfend mit einem befüllten Tablett eintrat. »Verzeihen Sie bitte. Schlimme Angewohnheit. Der Junge hat viel mitgemacht.« Gabriel taxierte die alten Holzdielen unter dem Schreibtischstuhl und schwieg.
»Dem scheint wohl so«, antwortete der unbekannte Mann grübelnd, dessen Haare und Dreitagebart silbern durchzogen waren.
Innerlich zählte Gabriel von Eins hoch, zog ein Knie an die Brust, während er finster seinem Bruder zusah. Gab erreichte die Drei und die Leiterin stellte geräuschvoll das verzierte Tablett neben ihm auf dem Schreibtisch ab. Bei Sechs stand sie vor Noah und entriss ihm die sicher dreißig Zentimeter lange Nadel.
»Schluss jetzt. Herr und Frau Castell sind hier, um euch kennenzulernen. Du hast gelernt, dich zu benehmen!« Ihr fülliges Gesicht nahm eine leuchtende Farbe an und Gabriel befürchtete, sie würde jeden Moment platzen.
»Gib mir das zurück, alte Hexe!«, lamentierte Noah und langte nach der Stricknadel. Empört schnaufte die Leiterin des Kinderheims, entwendete ihm das Stofftier. Protestierend schrie er auf.
»Das gehört mir! Das ist von meiner Mama! Gib es mir!« Das Plärren dröhnte in Gabriels Ohren.
Er hatte nur darauf gewartet. Immer war es dasselbe. Er zog den Kopf ein und wandte sich ab. Es würde enden wie jedes Mal: Die Familie ging und kam nie zurück, um sie abzuholen. Frau Castell, die zarte Rothaarige, griff nach den Fingern ihres Mannes. Ebenjener schien die unausgesprochene Aufforderung zu verstehen.
Eine, mit der Gabriel nicht gerechnet hatte. Seine Augen weiteten sich, als der hochgewachsene Mann mit zurückgekämmtem Haar in seinem tadellosen Anzug entschieden zwischen das Handgemenge trat. Auf den Zwölfjährigen machte er einen strengen, erhabenen Eindruck und sein Eingreifen brachte Gabriel dazu, die Szenerie weiter zu verfolgen.
»Ich bitte Sie! Das ist doch nicht nötig. Gehen Sie mit all Ihren Kindern so um?« Barsch entzog Herr Castell ihr die Stoffkatze und löste die Finger der Leiterin von Noahs Arm. Gabriels Bruder, der zuvor geplärrt hatte wie am Spieß, verstummte. Die Blicke der Kinder hafteten an dem Mann. Gab schien mit offenstehenden Lippen auf dem Stuhl festgewachsen zu sein. Herr Castell gab Noah lächelnd das Plüschtier zurück und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Ein direkter Blickabtausch folgte.
»Du hast tolle Augen.« Dieses Lächeln war es, das nach Gabriels Verständnis die Beziehung zwischen ihm und seinem Bruder gerettet hatte. Er würde es ebenso wenig vergessen wie die folgenden Worte seiner hübschen Frau, die die Heimleiterin in Sprachlosigkeit versetzten.
»Wir würden euch gerne mit zu uns nach Hause nehmen. Beide, wenn ihr das möchtet. Ich bin Tessa und mein Mann heißt Pascall.«
Mit einem wohlwollenden Lächeln wurde mir die lange Zeit verschlossene Tür geöffnet. Der inzwischen in die Jahre gekommene Pfleger deutete mir, ihm zu folgen. Ich schulterte die Tasche, die mein Bruder mir Wochen zuvor mitgebracht hatte. Ohne eine weitere Regung trat ich durch den trostlosen Flur. Die Stiefelschritte hallten an den Wänden wider. An die dunkle Jeans und die schwarze Jacke, die mir zu groß erschien, hatte ich mich noch nicht gewöhnt.
Ich hatte vergessen, wie es sich anfühlte, normal zu sein. Blicke ruhten auf mir. Womöglich war Mirandas dabei, die sich vor einer Stunde mit den Worten »Wir sehen uns!« von mir verabschiedet hatte. Ich sah keinen der anderen Menschen an, hatte die Augen starr auf des Pflegers Rücken gerichtet. Als die letzte schwere Tür mit der verräterischen Aufschrift ›Geschlossene Abteilung‹ hinter mir ins Schloss fiel, war der Lebensabschnitt für mich mit einem Klacken des Metalls beendet. Tief atmete ich durch. Mein Pfleger verlangsamte seine Schritte, wandte sich zu mir um.
»Dein Bruder wartet am Ausgang. Hat eben noch mit Dr. Bensley gesprochen. Ihr könnt direkt los.« Mein Gesicht verzog sich. Was hatte der alte Quacksalber Gabriel erzählt?
»Das hoffe ich, André. Keinen Tag länger ertrage ich diesen widerlichen Gestank.« Ich rieb mir demonstrativ über die Nase. Das markante Kinn nach vorn gereckt, schürzte ich die Lippen.
Mein Äußeres, das mir früher die eine oder andere Verwechslung mit einem Mädchen eingebracht hatte, sorgte heute häufig dafür, dass Menschen mich für ungemein schön erachteten. Viele weibliche Hormone, hatte man mir einst erklärt. Wie ich das Interesse von Frauen wie Mia erlangt hatte, war mir schleierhaft. Ich hatte kaum Bartwuchs, dafür aber lange, dünne blonde Haare, die mir viele Vertreterinnen des vermeintlich ästhetischen Geschlechts neideten. Das amüsierte Geräusch, das André von sich gab, war unecht. Er ließ die Hände in die Taschen des blauen Kittels sinken.
»Ich hab hier noch ein paar Jahre vor mir, Noah. Versprich mir, dass wir uns nicht wiedersehen. Das wäre mal etwas.«
Ich strich mir die Haare nach vorne über die Schulter, als wir durch die Eingangshalle traten. Allmählich kam Unruhe in mir auf. Mein letztes Zusammentreffen mit Eli war nicht lange her. Heute war es jedoch anders: Dieses Mal würde ich mich nicht von ihm verabschieden und mir anhören, dass er wiederkäme.
Meine Augen blieben an dem ebenholzfarbenen Haar vor der Drehtür hängen. Ich stoppte und sah zu, wie Gabriel seine Zigarette im Aschenbecher ausdrückte und sich mir zuwandte. Als er eintrat, trafen sich unsere Blicke und ich nahm sein Zögern wahr. Aufgewühlt biss ich mir auf die Unterlippe. André klopfte mir auf die Schulter. Fast wäre ich zusammengefahren.
»Bereit für die Freiheit?« Aus dem Augenwinkel betrachtete ich sein Grinsen. Dann löste er sich von mir, nickte Eli zu, der mit einem hörbaren Seufzen auf mich zutrat. Gabriel musterte mich. So wie mein Bruder vor mir stand, wurde mir wieder bewusst, dass er mich um einen halben Kopf überragte. Seine gesamte Statur war solider als meine. Der gepflegte Dreitagebart rahmte das ebenso eckige wie charmante Gesicht und die vollen Lippen ein. Hätte ich nicht gewusst, wie wenig Sozialkompetenz Eli besaß, hätte ich ihn als Frauenheld klassifiziert.
»Der Mantel ist wohl zu groß«, stellte er geflüstert und mit rauchiger Stimme fest und streckte eine Hand aus, als ob er mich nach einem Kurzurlaub vom Flughafen abgeholt hätte. »Gib mir deine Tasche!« Gleichzeitig schielte er zur Uhr. »Ich warte schon eine Weile. Bin froh, wenn ich hier raus bin.«
Sein Glück, dass er nicht in meiner Haut steckte, dachte ich mir. Das Gespräch mit Dr. Shaw Bensley schien ihn gestresst zu haben. André, dessen Anwesenheit ich zwischendurch ausgeblendet hatte, lachte auf.
»Sorry, Herr Castell. Ihr Bruder war noch damit beschäftigt, ein altes Plüschtier zu suchen, das er verlegt hatte.«
Der vernichtende Blick von meiner Seite traf ihn scharf. »Danke. Du darfst jetzt gehen«, zischte ich ertappt. Elis wenig amüsiertem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war ihm bewusst, um welches Stofftier es ging.
»Noah, deine Tasche«, erinnerte er mich harsch und zuckte mit der Hand, die er mir entgegengestreckt hatte. Verspätet reichte ich ihm die Umhängetasche aus schwarzem Leder. Dabei streiften meine Finger seine und ich hatte das Gefühl, er beendete die Berührung abrupter, als es nötig gewesen wäre. »Vielen Dank, dass Sie sich um meinen Bruder gekümmert haben, André«, bedankte Eli sich trocken bei dem Pfleger und deutete mit dem Kopf zur Tür. »Komm! Ich habe Hunger.«
Mit Gabriel verließ ich die psychiatrische Privatanstalt. Die frische Luft traf mich wie ein Faustschlag ins Gesicht. Ich war frei. Trotzdem zog sich ein trüber Schatten über das Stückchen Glück, das mir endgültig beschieden war. Ich hatte getrödelt und schloss zu Eli auf, der am Fuß der Treppe gewartet hatte. Mit einer Hand griff ich den Ärmel seiner Jacke.
»Eli?«, setzte ich geflüstert an. Schmerzhaft zog mein Herz sich zusammen.
Mit kurz aufflammender Verwunderung sah Gabriel zu mir. »Was denn?«
»Ist was passiert?« Meine Stirn legte sich in Falten. Ich gab mir Mühe, leichtherzig zu wirken. Zuckersüß lächelte ich ihn an und ließ ihn los. Der Ältere fuhr sich ruppig durch die Haare, während wir über den Parkplatz zu dem schwarzen Volvo traten.
»Nicht wirklich.« Seine Mundwinkel zuckten. »Sorry, ich habe nur nicht gut geschlafen und mein Magen knurrt.« Zweifel hatten mir etliche schlaflose Nächte bereitet und waren zu meinem ständigen Begleiter geworden. Mühsam drängte ich die Gedanken beiseite, nickte verzögert und zog die Schultern nach oben.
»Dann lass uns was zu essen besorgen.« Das Lächeln schien auf meinen Zügen festgebrannt zu sein. Ob Gabriel merkte, dass es nicht echt war?
***
Die alte Kuckucksuhr schlug achtzehn Uhr. Bei tropfendem Wasserhahn saßen wir in der alten Küche des Castell-Hauses. Gabriel hatte die Styroporbox der Imbissbude beiseitegeschoben und tippte an seinem Handy. Seit Minuten herrschte Stille zwischen uns und ich spielte mit einer Haarsträhne, kaute zwischendurch auf übriggebliebenen Pommes herum.
Meine Augen suchten den Raum ab und es erschien mir, als ob hier die Zeit stehengeblieben wäre. Die Uhr ging seit mehr als zehn Jahren fünf Minuten vor, der Wasserhahn tropfte noch immer minutenlang nach und hier hingen dieselben Vorhänge, die ich als Kind schon nicht gemocht hatte. Draußen war es inzwischen dunkel. Der Winter hatte längst Einzug gehalten und ich sehnte mich nach dem Kamin im Wohnzimmer. Nervös biss ich mir auf die Unterlippe.
»Eli?«
»Moment, meine Chefin nervt.« Er klang gestresst. Ich streckte die zuvor angezogenen Beine wieder aus und erhob mich. Stumm sammelte ich die Essenskartons ein und brachte sie zum Mülleimer. Unvermittelt spürte ich die Augen auf mir und räumte, ohne mich davon beirren zu lassen, die Teller und Gläser ab. Gleichzeitig ließ ich Wasser ins Spülbecken, dessen monotones Plätschern binnen Sekunden die Küche erfüllte.
Die Irritation meines Bruders war greifbar. Es löste eine gewisse Befriedigung in mir aus, Emotionen in seinem Gesicht wahrzunehmen. Das erste Mal für heute. Zwar war ich derjenige gewesen, den sie weggesperrt hatten, aber der Grund dafür war an Gabriel nicht spurlos vorübergezogen. Wie es schien, hatte das Leben ihn mir entfremdet. Traurig fing ich an, das Geschirr abzuwaschen. Mit einiger Verzögerung stand Eli auf und trat hinter mich.
»Früher hast du spülen gehasst«, entfuhr es ihm. Glucksend linste ich ihn an.
»Menschen passen sich an«, war meine schwammige Antwort, ehe ich knapp nachschob: »Ich habe in der Klinik mehr gespült als du in deinem bisherigen Leben. Wetten?« Damit drückte ich ihm ein Geschirrtuch in die Hand. Fassungslosigkeit breitete sich auf seinen Zügen aus. Er starrte es an, bevor er stumm nach dem ersten Teller griff.
»Du wolltest eben etwas sagen«, murmelte er nach einigen Sekunden und sah zu mir hinab. Ich betrachtete meine eigene Spiegelung in der Seifenlauge.
»Was hat der Arzt dir gesagt?« Mit ernster Mimik hielt ich inne. Allem Anschein nach hatte Gabriel mit der Frage gerechnet. Dennoch ließ er sich Zeit mit der Antwort und räumte zunächst den Teller in den Schrank über der Spüle.
»Wir haben uns über Alex unterhalten«, eröffnete er mir nach kurzem Zaudern. Die Antwort verwunderte mich und fast hätte ich ein Glas fallenlassen.
Unser Adoptivbruder war so groß wie Eli und mit den roten Haaren seiner Mutter und denselben Sommersprossen ausgestattet. Ich dachte häufig daran zurück, wie er weinend aus der Schule nach Hause gekommen war, weil ihn seine Klassenkameraden deswegen geärgert hatten. ›Hexe‹ und ›Pixelgesicht‹ waren noch die netteren Beleidigungen gewesen. Zwei Mal hatte ich ihn von der Schule abgeholt und drei der Deppen verhauen, die ihn zum Weinen gebracht hatten. Da war ich elf oder zwölf Jahre alt gewesen, hatte mich als großen Bruder aber enorm wichtig genommen. Ich wollte immer so sein wie Gabriel, nur dass ich am Ende der gewesen war, der von dem Dunkelhaarigen gerettet werden musste, als sie mich Tage später alleine abgefangen und zu Boden geschlagen hatten. Kinder waren grausam. Inzwischen war Alex Kane einundzwanzig Jahre alt, fertig mit der Ausbildung und verheiratet. Er hatte den Nachnamen seiner Frau Julia angenommen und Castell abgelegt, weil er ein schwieriges Verhältnis zu unseren Eltern hatte. Mit etwas zu viel Schwung stellte ich das Glas auf der Arbeitsplatte ab. Alarmiert fuhr Elis Blick zu meiner Hand. Ich grunzte unleidlich.
»Das ist doch nicht alles, oder?«, kam es patzig über meine Lippen. Verärgert warf ich den Spülschwamm zurück ins Becken. »Ich weiß seit Wochen, dass er mein Integrationshelfer wird. Bensley hat dir doch noch mehr erzählt. Warst du deshalb so genervt?« Ich verengte die Augen und trocknete mir die Hände ab. Verkaufte er mich für dumm? Ich wusste genau, dass es Dinge gab, die Eli beachten musste, hatte mitgehört, wie der Kurpfuscher sich mit André darüber ausgetauscht hatte. Wie ich es verabscheute, dass mich alle für gestört hielten.
»Noah.« Gabriels Ton hörte sich derart streng an, dass er mich aus der geistigen Tirade riss und schlagartig wurde mir klar, dass ich laut geworden war. Ich öffnete die Lippen, erschrocken über meine eigene Reaktion und schüttelte tonlos den Kopf. Gabriel hängte das Geschirrtuch auf, nachdem er auch den letzten Rest des Geschirrs wieder im Schrank verstaut hatte.
»Ich war noch nicht fertig.« Das Kinn vorgeschoben, musterte er mich von oben bis unten. Zwar wirkte er überrascht, aber nicht in dem Ausmaß, in dem es verständlich gewesen wäre. Ich wich einen Schritt zurück, fuhr mir nervös durch die Haare und senkte beschämt die Augen. Keine fünf Stunden war ich draußen und zeigte mich schon von meiner besten Seite.
»Tut mir leid, ich …« Bevor ich meinen Ausrutscher verarbeitet hatte, stand Gabriel direkt vor mir und legte mir die Hände auf die Oberarme. Kurz strich er darüber.
»Schon gut.« Das war mehr Zugeständnis, als ich erwartet hatte. Leise stieß Eli den Atem aus und es war offenkundig, wie schwer ihm die Nähe fiel. Trotzdem schenkte er mir ein knappes Schmunzeln, das allzu schnell wieder verebbte.
»Komm mit ins Wohnzimmer, ich erzähl’s dir da«, folgten die leisen Worte. Die von Eli abstrahlende Wärme verschwand. Ich konnte mich des Seitenblickes auf meine vernarbten Unterarme nicht erwehren, versuchte vor Scham, die Ärmel des T-Shirts tiefer zu ziehen. Gabriel hatte sie nicht beachtet und doch fühlte ich mich entblößt. Ich schlurfte Eli mit verschränkten Armen hinterher, zog die Schultern gen Kopf. Im Türrahmen des Wohnzimmers sah ich dabei zu, wie er Holzscheite in den Kamin warf und nach Streichhölzern vom Wohnzimmertisch griff. Alles erschien mir gleichermaßen fremd wie heimisch und vermutlich hatte der Arzt in einem Punkt recht gehabt: Ich konnte nicht erwarten, dass mein Leben innerhalb eines Tages normal werden würde. Mich an dem Gedanken festhaltend, schnappte ich mir eine Decke vom Sofa und legte sie mir um die Schultern. Platz fand ich in derselben Couchecke, in der ich vor zehn Jahren immer gesessen hatte. Innerhalb weniger Minuten war das erste Knistern zu hören und mein Bruder erhob sich, um sich zu mir zu gesellen.
»Dr. Bensley hat mir lediglich aufgeschlüsselt, in welchen Bereichen du inzwischen stabil bist und an welchen es noch zu arbeiten gilt. Ich weiß, du sprichst da nicht gerne drüber, Noah, aber zweimal die Woche wirst du die Termine mit ihm wahrnehmen müssen.« Mir fiel auf, wie bemüht er darum war, beherrscht zu bleiben.
Mein Herz stolperte und ich vergrub mich tiefer in der Decke. Da war wieder das Kind, dem die Chance genommen worden war, erwachsen zu werden. »Niemand kann verlangen, dass ich dahin zurückgehe, Eli! Dr. Bensley selbst hat gesagt, es wäre –«
»Er sagte, es wäre wenig sinnvoll, die Therapie dort weiterzuführen. Ja, ich weiß, Noah. Der Meinung waren wir schon vor Jahren, aber wir haben die richterliche Verfügung vorher nicht bekommen.« Gabriel sog zittrig Luft in seine Lungen, hatte sich mit Abstand neben mich gesetzt und sich nach vorn gelehnt. »Ich habe das mit der Krankenkasse geklärt. Die Termine werden ambulant in seiner externen Praxis stattfinden, damit du der Zeit in der Psychiatrie nicht wieder ausgesetzt wirst.« Eli fuhr sich übers Gesicht. »Entschuldige. Ich weiß noch nicht, wie ich Dinge am schlausten formuliere. Schätze, wir haben beide noch was zu lernen.« Immer noch pochte mir der Puls im Hals. Ich legte das Kinn auf den angezogenen Beinen ab und schlang die Arme darum.
»Ich muss ihn nicht wiedersehen«, entwich es mir und ein Grinsen breitete sich um meine Lippen herum aus. Dieser manipulative Bastard. Hatten alle Ärzte ein solches Kontrollbedürfnis? Als ob ich ihn nicht ohnehin längst durchschaut hätte. Er würde sehen, dass ich seine Hilfe nicht mehr brauchte.
»Ich glaube schon. Du wirst früher oder später reden wollen. Hier draußen ist es anders als unter ständiger Beobachtung und du weißt das.« Gabriel starrte in die Flammen, die sich in seinen glasigen Augen spiegelten. »Alex wird morgen früh vorbeikommen und mit dir zusammen einen Wochenplan machen. Dann sehen wir weiter.«
Unzufrieden darüber, dass Eli mich bevormundete, murrte ich. Einerseits war ich froh, Alex wiederzusehen. Andererseits störte es mich, dass mich selbst nach zehn Jahren niemand eigene Entscheidungen treffen ließ. Ich war ohne mein Zutun weggesperrt und wieder entlassen worden. Es hatte verfluchte zehn Jahre gedauert, bis die Verantwortlichen endlich den Löffel abgegeben hatten.
***
Ein schriller Schrei hallte durch die Wohnabteilung der geschlossenen psychiatrischen Anstalt, wurde von den Wänden zurückgeworfen und echote in meinen Ohren.
»Noah, um Gottes Willen, hören Sie auf damit!«, schrie mich die junge Schwester an. Zitternd fiel die kurzhaarige, stämmige Blondine vor mir auf die Knie.
Ich hockte auf dem Boden des Raumes, den ich mir mit Miranda teilte – sah nicht auf, gab keinen Ton von mir. In der rechten Hand hielt ich ein abgebrochenes Stück Holz, das sich bei genauerer Betrachtung als Stuhlbein herausstellte. Zäh tropfte das Blut von der gesplitterten Spitze. Gleichzeitig hing mein linker Arm leblos hinab. Es pochte und die dicke Flüssigkeit quoll unaufhörlich aus der Wunde. Der Boden und die helle Kleidung waren rot gesprenkelt. Ich merkte erst, dass ich bebte, als die Krankenschwester mir meine Waffe aus der Hand riss. Vernichtend sah ich zu ihr auf und fragte mich, ob meine Wangen von Tränen feucht waren oder ob ich mir Blut ins Gesicht geschmiert hatte.
»Er wollte nicht auf mich hören«, kam es wimmernd aus einer Ecke. Gleichzeitig schrie die Schwester um Hilfe und zog mich auf die Beine. Mias Jammern wummerte durch das Zimmer. »Er hat nicht aufgehört, ganz egal, was ich gesagt habe!« Ruppig wurde mir eine zusammengeknüllte Schürze auf den geschundenen Arm gedrückt.
»Es ist gut, Miranda!«, herrschte die füllige Frau meine Zimmernachbarin an, die mit angezogenen Beinen auf ihrem Bett saß und um Atem rang. Fleisch und Sehnen der Wunde lagen offen und die Stellen, die ich nicht wie gewollt erwischt hatte, waren oberflächlich vom Holz zerkratzt, als ob mich eine Katze attackiert hätte. »Drücken Sie das auf die Wunde, Himmel, und kommen Sie mit!«
Die in Panik geweiteten Augen Mias starrten mir nach, als die Krankenschwester mich am unverletzten Arm zur Tür dirigierte. Ferne Schreie drangen an meine Ohren und ein Schaudern kroch mir durch die Glieder. Ich war nicht geisteskrank und ich brauchte keine Hilfe! Sie sollten mich in Frieden lassen. Hektisch riss ich mich los, stolperte in den Flur. Der scharfe Laut der Schwester drang kaum zu mir durch. Ebenso wenig wie Mirandas plötzliches Auflachen.
»In dem Laden sind alle irre.« Das Blut rauschte mir in den Ohren. »Bleibt einfach alle weg von mir! Fasst mich nicht an!« Die Schürze rutschte auf den Boden und ich hielt die Frau mit ausgestrecktem Arm auf Abstand. Sie sollte mir bloß nicht zu nahe kommen.
»Noah, beruhigen Sie sich!« Mit erhobenen Händen kam sie auf mich zu.
»Gar nichts mache ich! Ihr macht mich krank und sonst niemand!« Feindselig spie ich die Worte aus und warf der frisch ausgebildeten Angestellten, die mich zum Mittagessen hatte abholen wollen, einen angewiderten Blick zu. Ganze drei Schritte weiter kam ich, bis mich André und ein anderer Pfleger erreichten.
»Noah, es ist alles in Ordnung, komm runter!« André hatte mein Handgelenk gegriffen und fing mich ab, bevor ich den Gang hinablaufen konnte.
»Nichts ist in Ordnung!«, plärrte ich panisch und merkte, wie meine Beine nachgaben. Aus dem Augenwinkel nahm ich Miranda in der Tür unseres Zimmers wahr. Wie sie dastand und unbeteiligt zuschaute. Mit ihren Fingernägeln spielend und abgeklärt, als ob es ihren vorherigen Ausbruch nie gegeben hätte. An beiden Unterarmen hielten die Pfleger mich fest, wobei sich der Jüngere davor zu scheuen schien, in die Wunde zu greifen. Ein Fehler.
Ich entfloh dem Griff, schlug ihm dabei ins Gesicht. »Lasst mich los, ich will nach Hause! Ihr könnt mich nicht länger einsperren! Ich verrecke lieber, als noch einen Tag hier zu bleiben!«
André bekam meinen linken Arm zu greifen, bevor ich erneut nach seinem Kollegen schlagen konnte. Hysterisch kreischte ich die halbe Abteilung zusammen, hörte die Stimmen kaum, die auf mich einprasselten.
»Rufen Sie Dr. Bensley!«, drang es stumpf zu mir durch, bevor André mich endgültig packte und gegen die Wand drückte. Mit seinem eigenen Körper nahm er mir den Freiraum und zwang mich damit, stillzuhalten. Der andere Pfleger hatte sich zügiger wieder gefangen, als ich gehofft hatte. Meine Wange hinterließ rote Striemen auf dem Putz. »Noah, wir wollen dir nichts Böses. Aber du musst dich beruhigen!«
»Es bringt nichts, André. Ich spritze ihm jetzt Clopixol. Der bringt sich um.«
Da waren sie mit ihrem Witz wieder am Ende. Wenn ihnen kein anderer Weg einfiel, griffen sie zu Neuroleptika. Der unliebsame Druck in dem von André fixierten Oberarm entlockte mir einen gequälten Laut. Ich versuchte, mich loszureißen, doch es funktionierte nicht. Stattdessen presste ich Augen und Kiefer aufeinander und schlug die Stirn gegen die Wand. »Ich bringe euch um!«
»Du bist kein Mörder.« Bevor ich mich versah, hatte ich eine Hand vor den Augen und mein Kopf wurde mit einer weiteren von hinten fixiert. »Schluss mit dem Theater.«
»Du hast keine Ahnung«, blubberte es aus mir heraus. »Frag Dr. Bensley, ich habe ihn getötet. Eigenhändig, sonst wäre ich nicht hier. Nur deshalb haben sie mich weggesperrt.« Ein Lachen sprudelte aus meiner Kehle. Ich klappte zusammen, wurde von vier Händen gestützt. Die Lippe biss ich mir blutig, bis der Eisengeschmack mir die Galle hochtrieb. Ich wollte nach Hause, zurück zu Gabriel. Doch die Ärzte verboten mir, ihn zu sehen. Wenn er aus meinem Leben verschwand, war diese Existenz sinnlos. Eli war das Einzige, was ich hatte. Ich hatte all das für ihn getan. Nur für ihn.
