Griechische Kulturgeschichte (Alle 4 Bände) - Jacob Burckhardt - E-Book

Griechische Kulturgeschichte (Alle 4 Bände) E-Book

Jacob Burckhardt

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Beschreibung

Jacob Burckhardts Werk 'Griechische Kulturgeschichte' umfasst alle vier Bände, die einen umfassenden Einblick in die Geschichte und Kultur des antiken Griechenlands bieten. Burckhardt präsentiert das Material in einem klaren und prägnanten Stil, der sowohl für Akademiker als auch für allgemeine Leser zugänglich ist. Sein Werk hebt sich durch seine detaillierten Beschreibungen und tiefe Analyse der griechischen Gesellschaft, Kunst, Literatur und Philosophie hervor und vermittelt ein faszinierendes Bild dieser bedeutenden Zivilisation. Burckhardts literarischer Kontext als renommierter Schweizer Historiker und Kulturphilosoph unterstreicht die Seriosität und Authentizität seines Werkes. Mit umfangreichen Quellenangaben und fundierten Argumentationen bietet 'Griechische Kulturgeschichte' eine unverzichtbare Ressource für jeden, der sich für die Antike interessiert. Durch die klare Struktur und die fundierten Informationen empfehle ich dieses Werk allen, die ihr Wissen über die griechische Kultur erweitern möchten. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Seitenzahl: 3696

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Jacob Burckhardt

Griechische Kulturgeschichte (Alle 4 Bände)

Bereicherte Ausgabe. Die Griechen und ihr Mythus + Staat und Nation + Religion und Kultus + Die Erkundung der Zukunft…
Einführung, Studien und Kommentare von Melina Bauer

Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017
ISBN 978-80-272-0291-1

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Griechische Kulturgeschichte (Alle 4 Bände)
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen Mythos und Vernunft, zwischen Wettkampf und Gemeinsinn formte sich jene Welt, die Jacob Burckhardt in seiner Griechischen Kulturgeschichte zu einer lebendigen Totalität ordnet. Dieses Werk führt nicht bloß Errungenschaften vor, sondern zeigt, wie Institutionen, Überzeugungen und Gebräuche ein Gefüge bilden, das den Griechen ihre unverwechselbare Form des Lebens gab. Burckhardt betrachtet die Antike nicht als fernerglänzende Abfolge großer Namen, sondern als organische Kultur, deren Energien und Spannungen sich in Politik, Religion, Kunst und Alltag veräußern. Darin liegt der Reiz: das Ganze sehen, ohne die Vielfalt zu glätten, und das Einzelne würdigen, ohne es zu isolieren.

Jacob Burckhardt (1818–1897), schweizerischer Historiker von Rang, hat die Kulturgeschichte als eigene Gattung geprägt. Bekannt durch Die Kultur der Renaissance in Italien, war er zugleich Kunsthistoriker, feinsinniger Beobachter politischer Formen und skeptischer Analytiker kollektiver Mythen. Seine Griechische Kulturgeschichte steht im Zentrum seines lebenslangen Interesses an der Antike, die er weder romantisierte noch auf moralische Lehrstücke reduzierte. Stattdessen suchte er nach den Kräften, die eine Gesellschaft tragen: Ritual und Recht, Erziehung und Fest, Bürgersinn und Ehrgeiz. So entsteht ein Bild Griechenlands, das die Faszination des Einzelnen mit der Nüchternheit des Historikers verbindet.

Entstanden ist dieses Buch aus Vorlesungen, die Burckhardt über viele Jahre an der Universität Basel hielt. Es wurde nach seinem Tod in vier Bänden publiziert und bewahrt den Charakter jener Stimme, die für ein Publikum dachte, statt bloß zu referieren. Die Ausgabe bündelt seine Notizen und Ausarbeitungen zu einer großangelegten Darstellung, die um 1900 in den Diskurs der Altertumsforschung trat. Postum erschienen, ist sie zugleich Vermächtnis und Eröffnung: ein Schlussstein seines Werkes und eine Einladung, die griechische Welt mit kulturhistorischen Fragen neu zu lesen.

Die vier Bände entfalten keine chronologische Geschichte, sondern eine thematische Kartografie: politische Ordnungen der Poleis, religiöse Vorstellungen und Kulte, künstlerische Ausdrucksweisen, Formen der Erziehung, der Festkultur und der öffentlichen Meinung. Burckhardt verfolgt, wie soziale Räume entstehen, wie Normen wirken, wie der Einzelne Anerkennung sucht und Grenzen erfährt. Statt eines linearen Dramas bietet er eine Folge von Einsichten, die sich gegenseitig erhellen. Das Ergebnis ist ein Panorama, das Nähe schafft, ohne die historische Ferne zu verleugnen, und die Vielfalt der Griechen nicht hinter späteren Idealisierungen versteckt.

Methodisch verbindet Burckhardt philologische Gelehrsamkeit mit dem Blick des Kunsthistorikers. Er liest Texte, befragt Monumente und ordnet Befunde zu Mustern, die weder schematisch noch zufällig sind. Seine Prosa meidet Schlagworte und baut Argumente aus Beobachtungen. Er ist skeptisch gegenüber Systemen, doch leidenschaftlich im Aufspüren von Zusammenhängen. Darin liegt die Modernität der Darstellung: Sie erzielt Dichte ohne Dogma, erlaubt Zwischentöne und hält Distanz, wo Quellenlage und Vernunft es gebieten. So entsteht ein Stil der Kontrolle, der Erkenntnis nicht mit rhetorischer Geste verwechselt.

Inhaltlich treten Grundspannungen hervor, die den Griechen ihr besonderes Profil gaben: die Polis als Rahmen des Zusammenlebens und der Selbstbehauptung; der Agon als Triebkraft von Politik, Sport, Kunst und Denken; die enge Verwobenheit von Kult und Öffentlichkeit; die Rolle von Erziehung und Rede in einer Gesellschaft, die sich im Forum prüft. Burckhardt zeigt, wie Maß und Überschreitung, Gemeinschaft und Individualität sich bedingen. Er fragt, wie Feste Ordnung stiften, wie Mythen Orientierung geben, wie Gesetze Formen schaffen – und wie aus alldem eine Kultur entsteht, die sich selbst reflektiert.

Als Klassiker gilt dieses Werk, weil es den Blick auf Griechenland aus dem Bann schneller Urteile befreit. Es zwingt nicht in Fortschrittsparabeln, sondern erkennt Eigenlogiken. Burckhardt wahrt historische Bescheidenheit und lässt dennoch große Linien sichtbar werden. Er vermeidet Effekte der Bewunderung wie der Enttäuschung und vertraut auf die Kraft der genauen Beobachtung. So wurde die Griechische Kulturgeschichte zum Maßstab eines Denkens, das das Ganze sucht und die Komplexität achtet. Ihre Autorität beruht nicht auf Unfehlbarkeit, sondern auf einer Haltung, die Fragen wichtiger nimmt als fertige Systeme.

Sein Einfluss reicht über die Altertumswissenschaft hinaus in Kunstgeschichte, Soziologie, Geschichtstheorie und die Feuilletonkultur. Das Buch förderte ein Verständnis von Kultur als Zusammenhang von Praktiken, Symbolen und Institutionen und ermutigte, das Alltägliche neben das Erhabene zu stellen. Es machte Schule, indem es interdisziplinäre Neugier anerzog und gelehrte Strenge mit essayistischer Beweglichkeit verband. Nicht wenige Leserinnen und Leser entdeckten durch Burckhardt, dass Antike mehr ist als Kanon der Texte: Sie ist eine Erfahrungswelt, die auch dort spricht, wo sie nicht eindeutig ist.

Wer diese vier Bände liest, begegnet einer Architektur des Wissens, die auf Wiederkehr, Variation und Querverbindung setzt. Themen tauchen an verschiedenen Stellen wieder auf und gewinnen Kontur im Zusammenspiel mit Nachbarn. Der Weg durch das Werk ist weniger Marsch als Spaziergang mit Umsicht: Man kann an vielen Punkten einsteigen, mancher Abschnitt erschließt sich erst im Echo des nächsten. Dabei verliert Burckhardt nie den Faden seines Anliegen: die Griechen in ihren eigenen Voraussetzungen ernst zu nehmen und das Fremde nicht vorschnell zu domestizieren.

Die Zeitgebundenheit des Buches ist kein Mangel, sondern Teil seiner Wahrheit. Burckhardt schreibt vor der großen Expansion archäologischer Funde des 20. Jahrhunderts und vor methodischen Debatten, die später selbstverständlich wurden. Vieles würde heute anders akzentuiert; manches hat sich bestätigt. Entscheidend ist, dass die Grundhaltung trägt: Quellenkritik, Abneigung gegen Teleologien, Sensibilität für Formen. Wer das Werk liest, gewinnt nicht nur Informationen, sondern eine Schule des Sehens – und kann den historischen Abstand produktiv machen, statt ihn zu leugnen.

Aktuell bleibt die Griechische Kulturgeschichte, weil sie Fragen verhandelt, die unsere Gegenwart umtreiben: Wie entsteht öffentlicher Raum, und wie behauptet er sich gegen Machtinteressen? Was bindet Individuen an eine Gemeinschaft, ohne sie zu ersticken? Welche Rolle spielen Wettkampf, Aufführung und Bild in politischen Ordnungen? Wie wirken Mythen in säkularen Gesellschaften fort? Burckhardt gibt keine fertigen Antworten; er öffnet Perspektiven. In Zeiten schneller Deutungen erinnert er daran, dass politische und kulturelle Formen langlebig sind – und dass ihre Verständigung Geduld verlangt.

Wer heute zu diesem Klassiker greift, findet eine zeitlose Schule intellektueller Redlichkeit: sorgfältig im Umgang mit Quellen, großherzig im Blick auf Formen, lakonisch im Urteil. Die Griechische Kulturgeschichte zeigt, wie Kulturgeschichte denken kann, wenn sie weder apologetisch noch polemisch sein will. Ihre Kraft liegt in der Klarheit, der Unabhängigkeit und der Weite des Horizonts. Deshalb lohnt die Lektüre auch jenseits fachlicher Interessen: Sie verfeinert das Bewusstsein für Zusammenhänge und macht sensibel für Maß und Möglichkeit – Tugenden, die in jeder Epoche ihren Wert behalten.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Jacob Burckhardts vierbändige Griechische Kulturgeschichte entfaltet kein chronistisches Ereignisnarrativ, sondern eine weitgespannte Deutung der griechischen Welt als Gesamtphänomen von Staat, Religion, Sitte, Kunst und Wissen. Ausgehend von der Frage, wie eine vergleichsweise kleine Gemeinschaft dauerhafte kulturelle Formen hervorbrachte, rekonstruiert Burckhardt die Kräfte, die Ordnung stifteten, Konflikte austrugen und Neuerungen ermöglichten. Er liest politische und künstlerische Zeugnisse ebenso wie Alltagsphänomene als Hinweise auf eine eigenständige, stilbildende Lebensform. Die Darstellung schreitet von den politischen Ordnungen über religiöse und soziale Grundlagen zu Kunst, Bildung und den Krisenerfahrungen, um das Wechselspiel von Gestaltungskraft und Gefährdung sichtbar zu machen.

Im Zentrum steht die Polis als tragende Form des Zusammenlebens. Burckhardt beschreibt ihre Entstehung aus lokalen Verbänden, die Herausbildung von Bürgerschaft und Recht, sowie den Wandel der Verfassungen zwischen Adelsherrschaft, Tyrannis und Demokratie. Sparta und Athen erscheinen als kontrastierende Modelle, an denen sich Grundfragen von Disziplin, Freiheit, Gleichheitsanspruch und imperialem Ehrgeiz ablesen lassen. Der Stadtstaat wird als bewusst geformte Ordnung verstanden, die den Bürger prägt und von ihm getragen wird. Diese wechselseitige Formung von Person und Gemeinwesen bildet für Burckhardt die Matrix, in der militärische Organisation, Gesetzgebung und öffentliche Moral ihre spezifisch griechische Gestalt gewinnen.

Die religiöse Welt der Griechen beschreibt Burckhardt als öffentlich verankerte Ordnung, in der Götterbilder, Kultorte und Feste das Gemeinwesen durchdringen. Mythen, Orakel, Opfer und Prozessionen stiften Orientierung und binden die Polis an ein Netz von Riten. Dabei betont er die Eigenart einer Religion, die das Göttliche menschennah gestaltet und zwischen Ehrfurcht, ästhetischer Form und pragmatischer Lebensklugheit oszilliert. Mysterien, Heiligtümer und panhellenische Bezugsorte schließen sich zu einem Raum zusammen, in dem Frömmigkeit, Kunstsinn und politisches Kalkül nicht scharf getrennt sind. So wird Religion weniger als privates Bekenntnis denn als bürgerlich-kollektive Praxis sichtbar.

Eine Schlüsselrolle misst Burckhardt dem Wettkampf zu, der als Leitmotiv die Lebensformen durchzieht. Der Agon ordnet Erziehung, Politik und Kunst: in den Spielen, den musischen Wettbewerben, den dichterischen und dramatischen Aufführungen. Panhellenische Feste schaffen überstädtische Bindungen, während sie zugleich städtischen Ehrgeiz anfachen. Der Wettbewerb ist Motor von Exzellenz und Risiko von Überbietung. Er fördert öffentliche Anerkennung, schärft Formenstrenge und Leistungsbewusstsein, kann aber auch Rivalität und Konflikt steigern. Diese doppelte Dynamik erklärt für Burckhardt, wie Gestaltungswillen, Maß und Grenzüberschreitung in der griechischen Kultur stets eng miteinander verflochten bleiben.

Bildung erscheint als bewusste Formung des Bürgers. Neben körperlicher und musischer Schulung rücken Rhetorik und philosophische Übung in den Blick, die politische Mitwirkung ermöglichen und argumentative Kultur entwickeln. Burckhardt deutet die Institutionen von Erziehung und Geselligkeit – etwa das Symposium – als Räume, in denen Wissen, Stil und Normen verhandelt werden. Zugleich wird die Selektivität der Bürgerschaft sichtbar: Frauen, Fremde und Sklaven stehen am Rand der politischen Öffentlichkeit. Familienordnung, Heiratsstrategien und Haushaltsführung erscheinen als konservierende Kräfte, die jedoch mit städtischer Mobilität, wirtschaftlicher Dynamik und intellektueller Beweglichkeit in Spannungen geraten.

Die Künste fasst Burckhardt als öffentliche Angelegenheiten, in denen die Polis sich selbst darstellt. Architektur, Plastik und Vasenmalerei formen ideale Körper und Räume; Theater und Dichtung reflektieren die Konflikte der Stadt. Tragödie und Komödie werden als bürgerliche Institutionen gelesen, die durch Ritual und Agon gebunden sind und zugleich Kritik ermöglichen. Kunst entsteht aus religiöser Praxis, politischer Repräsentation und technischen Innovationen, wobei der Anspruch auf Form und Maß mit dem Drang zur Steigerung ringt. In dieser Verbindung von ästhetischer Strenge, öffentlichem Auftrag und persönlicher Virtuosität erkennt Burckhardt eine signifikante Eigenart der griechischen Kultur.

Ökonomie, Krieg und Herrschaftsverhältnisse bilden die materielle Grundlage. Burckhardt zeichnet den agrarischen Unterbau, den Aufschwung von Handel und Seefahrt sowie die Bedeutung von Münzgeld und Kolonisation nach. Militärische Organisation – vom Hoplitenheer bis zur Flotte – prägt Verfassungen, Finanzen und Bündnispolitik. Unausweichlich thematisiert er die Präsenz der Sklaverei als tragenden, moralisch problematischen Bestandteil der Ordnung. In der Verschränkung von wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit, militärischer Mobilisierung und sozialer Abhängigkeit zeigt sich für ihn die Ambivalenz griechischer Größe: kulturelle Höhen basieren auch auf asymmetrischen Macht- und Arbeitsverhältnissen.

Die Darstellung kulminiert in den Erfahrungen kollektiver Bewährung und Erschöpfung. Gemeinsame Abwehrkämpfe stärken zeitweise panhellenische Identität, doch Hegemonialstreben, innere Polarisierung und langwierige Kriege belasten die Polis. Gleichzeitig verändern intellektuelle Bewegungen den Deutungshaushalt: Kritik an Traditionen, neue Unterrichtsformen und philosophische Schulen erweitern die Möglichkeiten des Denkens, lösen aber alte Sicherheiten. Mit dem Aufstieg Makedoniens verschieben sich Kräfteverhältnisse; monarchische Strukturen verdrängen städtische Autonomie. Burckhardt beschreibt diese Transformation weniger als abrupten Bruch denn als Umschlag, in dem die klassische Form ihre tragende Selbstverständlichkeit einbüßt.

Am Ende steht eine Bilanz der griechischen Erbschaft. Burckhardt betont die exemplarische Kraft jener Formen, die die Griechen erfanden: politisches Zusammenleben als bewusste Ordnung, Öffentlichkeit als Bühne der Anerkennung, Kunst als bürgerlicher Auftrag und Denken als freies Prüfen. Zugleich erscheinen Maß, Wettbewerb und Gestaltungswille als Quellen von Größe und Gefahr. Die nachhaltige Bedeutung des Werkes liegt in seiner Totalperspektive: Kultur wird als Geflecht von Institutionen, Praktiken und Symbolen begreifbar, dessen Balance prekär ist. Darin bietet Burckhardt nicht nur eine historische Beschreibung, sondern eine reflektierte Einladung, die Bedingungen kultureller Blüte und ihre Fragilität zu bedenken.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Jacob Burckhardts Griechische Kulturgeschichte entstand im späten 19. Jahrhundert aus Vorlesungen, die er an der Universität Basel hielt. Im kulturellen Umfeld deutschsprachiger Altertumswissenschaft, mit ihren philologischen Seminaren, Museen und aufkommender archäologischer Feldforschung, entwarf er ein Gesamtbild der antiken griechischen Welt. Institutionell prägten Universitäten, Akademien und historische Gesellschaften den Forschungskanon. Zugleich stand die neuzeitliche Nationenbildung im Hintergrund, die klassischen Studien politisches Gewicht verlieh. Die vier Bände wurden erst nach Burckhardts Tod aus Manuskripten und Nachschriften zusammengestellt, wodurch ein Werk vorliegt, das zwischen akademischer Lehre und literarisch-essayistischer Synthese oszilliert und die Antike als Erfahrungsraum europäischer Bildung deutet.

Burckhardt (1818–1897), Schweizer Historiker der Kunst und Kultur, verband kunsthistorische Anschauung mit historischer Quellenkritik. Studien in Berlin, beeinflusst von Ranke und der philologischen Schule, schärften seinen Blick für Quellen und Formen. In Basel nahm er eine eigenständige Position ein: Er bevorzugte breite kulturgeschichtliche Querschnitte gegenüber rein politischer Historie. Seine Reisen nach Italien und ins Mittelmeer prägten sein Sensorium für Monumente. Nach dem Erfolg der Kultur der Renaissance in Italien übertrug er sein Programm einer „Physiognomie“ von Kulturen auf Griechenland und suchte das Wechselspiel von Staat, Religion und Kultur als tragendes Erklärungsschema herauszuarbeiten.

Die Griechische Kulturgeschichte wurde postum um 1900 in vier Bänden publiziert, auf Basis von Vorlesungsmanuskripten und Mitschriften unterschiedlicher Jahrgänge. Diese Genese erklärt die thematische Gliederung und teilweise essayistische Anlage. Anstelle eines streng chronologischen Verlaufs gruppiert Burckhardt Institutionen, Praktiken und Sinnhorizonte. Die Herausgeber ordneten, ohne eine endgültige Fassung des Autors zu besitzen, das Material behutsam. Dadurch bewahrt das Werk Nähe zur Lehrsituation und zur damaligen Forschungslandschaft. Es spiegelt weniger ein abgeschlossenes System als eine gelehrte, quellennah argumentierende Betrachtung, die Räume für Korrekturen und neue archäologische Erkenntnisse lässt.

Im 19. Jahrhundert war „Griechenland“ ein Zentralmythos der europäischen Bildung. Von Winckelmanns klassizistischem Ideal über Humboldts Bildungsideal bis zu gymnasialen Lehrplänen galt die Poliswelt als Ursprung ästhetischer Form und bürgerlicher Freiheit. Zugleich verschob sich der Fokus: Von normsetzender Antike hin zu historischer Differenz. Burckhardt nimmt eine Mittelstellung ein. Er löst die Griechen aus bloßer Vorbildlichkeit, ohne ihren exemplarischen Rang aufzugeben. Sein Zugriff betont polare Kräfte – Ordnung und Freiheit, Ritual und Innovation, Bürgerkultur und Macht – und setzt damit die Klassik in ein Spannungsfeld, das den Idealismus des 18. Jahrhunderts kritisch erdet.

Parallel professionalisierte sich die Altertumswissenschaft. Philologie, Epigraphik, Numismatik und Archäologie verbanden sich zu einer historischen Gesamtwissenschaft. Institutionen wie das Deutsche Archäologische Institut und wachsende Museumssammlungen lieferten neue Evidenzen. Editionen griechischer Autoren, Inschriftenkorpora und topographische Studien verfeinerten den Zugriff auf Quellen. Burckhardt nutzte diesen Strom an Material, ohne sich ihm zu unterwerfen: Ihm ging es weniger um Spezialfragen als um die Zusammenschau. Gerade die Arbeitsteilung der Fächer begründete für ihn die Notwendigkeit einer Kulturgeschichte, die Institutionen, Lebensformen und symbolische Ordnungen zu einem Gesamtprofil verbindet.

Zeitgleich veränderten große Ausgrabungen den Wissensstand. Die Freilegung von Olympia in den 1870er-Jahren, die Forschungen in Pergamon und die Unternehmungen von Schliemann in Troja und Mykene öffneten Horizonte von der Archaik bis zur Frühzeit. Burckhardt nahm diese Ergebnisse zur Kenntnis, blieb aber gegenüber sensationellen Deutungen zurückhaltend. Sein Interesse galt vor allem der klassischen Polis und ihrer kulturellen Ökonomie. Dennoch integrierte er archäologische Funde als Korrektiv literarischer Traditionen: Vasenbilder, Tempelprogramme und Grabreliefs ergänzten Herodot, Thukydides oder Pausanias und erlaubten ein dichteres Bild sozialer Praktiken und materieller Umwelt.

Im Zentrum seiner Darstellung steht die Polis als Ordnungsform. Von den Siedlungsgründungen und Kolonisationsbewegungen der Archaik bis zur Verdichtung urbaner Zentren skizziert er, wie Bürgerschaft, Recht, Kult und Wehrordnung ein Gefüge bilden. Die Erzählung der Perserkriege erscheint dabei nicht als heroischer Ausnahmefall, sondern als Moment, in dem kollektive Institutionen ihre Leistungsfähigkeit zeigen. Burckhardt fragt nach den Voraussetzungen solcher Handlungsfähigkeit: wirtschaftlicher Basis, politischer Sozialisation, öffentlicher Kommunikation. Damit verbindet er Ereignisgeschichte mit Strukturanalyse und macht deutlich, wie Außenkonflikte innere Ordnungen spiegeln und zugleich transformieren.

Die athenische Demokratie und die spartanische Ordnung dienen Burckhardt als kontrastive Modelle bürgerlicher Vergesellschaftung. Er betont Athener Redekultur, Rechtsverfahren und Festkalender ebenso wie spartanische Disziplin und Gleichheitsideale innerhalb der Bürgerklasse. Diese Gegenüberstellung zielt nicht auf Normsetzung, sondern auf Einsicht in Möglichkeiten und Risiken politischer Freiheit. Aus der Perspektive des 19. Jahrhunderts betrachtet, werden in Debatten um Demagogie, Mehrheitswillen und Tyrannis Erfahrungen der eigenen Gegenwart erkennbar. Burckhardt nutzt die griechischen Fälle, um Dynamiken kollektiver Macht und ihre Kulturfolgen analytisch zu erfassen.

Ökonomische und technologische Entwicklungen erhalten bei Burckhardt ihren Eigenwert. Die Einführung von Münzgeld, die Organisation der Märkte, die Bedeutung der Silberminen von Laurion, maritime Logistik und Triremenflotten strukturieren Handlungsspielräume. Die Phalanxtaktik der Hopliten, Stadtmauern und Hafentechnik prägen Sicherheitslagen. Zugleich beleuchtet er Haushaltsökonomien, Sklavenarbeit und die Rolle von Metöken in der urbanen Produktion. Feste, Agone und theatralische Aufführungen werden als ökonomische wie rituelle Brennpunkte sichtbar. Der Alltag der Polis ist dadurch nicht Kulisse, sondern Bedingung für politische und ästhetische Formen, die seine Bände in Beziehung setzen.

Religion erscheint bei Burckhardt als gelebte Praxis und institutioneller Kitt. Kulte, Opfer, Prozessionen, Orakel und Mysterien ordnen Zeit und Raum der Gemeinschaft. Er betont die Pluralität lokaler Götter und Rituale und zeigt, wie Heiligtümer soziale Hierarchien und Netzwerke stabilisieren. Anstatt dogmatische Systeme zu rekonstruieren, arbeitet er die politische und moralökonomische Funktion der Kulte heraus. Der Kalender des Kults strukturiert öffentliche Kommunikation, und der Mythos liefert symbolische Repertoires für Konfliktdeutung. So verbindet er religiöse Bildwelten mit Rechtsformen, Festökonomien und der Ausbildung kollektiver Identitäten.

Kunst und Literatur werden bei Burckhardt nicht isoliert betrachtet, sondern als öffentliche Medien der Polis. Tempelarchitektur, Skulptur und Vasenmalerei verkörpern Normen, Ideale und Erinnerungsarbeit. Die Tragödie erscheint als Forum der Stadt, das Recht, Schuld und göttliche Ordnung verhandelt. Rhetorik, Historiographie und Philosophie strukturieren intellektuelle Ökonomie. Burckhardt interessiert sich weniger für Autorenkanons als für die Funktion: wie die Theaterfeste politische Sozialisation leisten, und wie Bildprogramme Tugend und Macht rahmen. Dabei hält er den Blick offen für Wandel – von archaischer Strenge zur klassischen Form und den Hybridformen der hellenistischen Königreiche.

Quellenkritik bleibt methodischer Angelpunkt. Burckhardt greift auf Herodot, Thukydides, Xenophon, Plutarch und Pausanias zurück, zieht Inschriften, Münzen und Denkmäler heran und berücksichtigt topographische Studien. Er warnt vor teleologischen Fortschrittserzählungen und sucht stattdessen charakteristische Konstellationen – eine „Physiognomie“ der griechischen Kultur. Diese Herangehensweise erlaubt es, Einzelfakten in Muster einzuordnen, ohne das Singuläre zu glätten. Zugleich erkennt er die Grenzen der Überlieferung an, insbesondere die elitäre Perspektive vieler Texte, und nutzt archäologische Funde, um blinde Flecken bürgerlicher und weiblicher Lebensbereiche partiell auszuleuchten.

Die intellektuelle Umgebung Basels prägt das Werk. In der kleinen, traditionsreichen Universität trafen unterschiedliche Disziplinen aufeinander: Philologie, Theologie, Geschichte und Kunstgeschichte. Burckhardt schätzte interdisziplinären Austausch und die Anschauung im Museum. Zeitweise lehrte auch Friedrich Nietzsche in Basel; beide arbeiteten in derselben akademischen Öffentlichkeit, in der Antike als experimenteller Resonanzraum moderner Fragen galt. Ohne direkte Abhängigkeiten zu behaupten, lässt sich sagen, dass dieses Milieu die Bereitschaft stärkte, politische, ästhetische und religiöse Phänomene im Verbund zu analysieren – ein Grundzug, der die vier Bände tief durchzieht.

Die politischen Umbrüche des 19. Jahrhunderts bilden den Resonanzboden. Nationalstaatsbildung, Massenpolitik, Presseöffentlichkeit und Bürokratisierung schufen neue Machtkonstellationen. Burckhardt blickte skeptisch auf die Selbststeigerung des modernen Staates und die Volatilität öffentlicher Meinung. In den griechischen Beispielen sucht er keine Rezepte, sondern Analogien, die die Ambivalenz von Freiheit, Gleichheit und Herrschaft zeigen. Die Gefahr der Demagogie, der Druck der Mehrheit, der Ausnahmezustand – all dies liest er in antiken Konstellationen mit. So wird die Kulturgeschichte zum Ort, an dem die Moderne ihr Spiegelbild in der Antike beunruhigt erkennt.

Die damalige Forschungsökonomie stärkte monumentale Sammlungen und staatlich geförderte Großprojekte. Museen in Berlin, München, Paris oder London integrierten Antiken in nationale Erzählungen. Burckhardt entzieht die griechischen Zeugnisse einem nationalen Zugriff, indem er ihre lokale, städtische Verankerung hervorhebt. Er zeigt, wie panhellenische Feste und Netzwerke zwar übergreifende Identitäten stiften, die Polis jedoch primär bleibt. Diese Priorisierung konterkariert zeitgenössische Tendenzen, die Griechenheit als homogenes Ganzes zu stilisieren, und macht sichtbar, wie Vielfalt und Konkurrenz kulturelle Kreativität hervorbringen.

Die Rezeption der Griechischen Kulturgeschichte im frühen 20. Jahrhundert würdigte ihre Weite und stilistische Kraft, kritisierte aber gelegentlich Generalisierungen und den Mangel an kleinteiliger philologischer Absicherung. Mit dem Fortschritt der Archäologie und Sozialgeschichte wurden Teilaspekte neu akzentuiert. Dennoch blieb Burckhardts Synthese ein Referenzpunkt für Kulturgeschichte, die Strukturen, Symbole und Praktiken zusammendenkt. Sie inspirierte Historikerinnen und Historiker, Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker, das Verhältnis von Form, Ritual und Macht wiederkehrend zu befragen und die Grenze zwischen politischer und kultureller Geschichte produktiv zu überschreiten.

Trotz veränderter Wissensstände bewahrt das Werk methodische Gegenwartsbedeutung: Es zeigt, wie man heterogene Evidenzen – Texte, Dinge, Räume – zu einer argumentativen Figur fügt, ohne sie zu nivellieren. Gerade seine Zurückhaltung gegenüber teleologischen Erzählungen macht es anschlussfähig für spätere Sozial- und Kulturgeschichte. Die vier Bände begreifen Kultur als Gefüge aus Institutionen, Vorstellungen und Praktiken, nicht als bloße „Hochkunst“. Dieser Zugriff erhellt, warum Veränderungen der Kriegstechnik, der Rechtsform oder des Festkalenders ebenso kulturprägend sind wie Skulptur und Tragödie – eine Einsicht, die über die Antike hinausweist. Schließlich kommentiert die Griechische Kulturgeschichte ihre eigene Zeit, indem sie an der Antike die Ambivalenz moderner Freiheit, die Risiken massenhafter Politik und die Übergriffigkeit staatlicher Macht spiegeln lässt. Burckhardt entwirft kein Programm; er schärft die Urteilskraft. Damit ist das Werk zugleich Hommage an die griechische Erfindung der Öffentlichkeit und Diagnose der Moderne, für die diese Öffentlichkeit zur Herausforderung geworden ist.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Jacob Burckhardt (1818–1897) war ein Schweizer Historiker und Kunsthistoriker, der als Wegbereiter der Kulturgeschichte gilt. In einer Epoche tiefgreifender politischer und gesellschaftlicher Umbrüche verband er politische, soziale und ästhetische Perspektiven zu einer weitreichenden Deutung der europäischen Vergangenheit. Berühmt wurde er vor allem durch seine Studien zur italienischen Renaissance, deren geistige und künstlerische Dynamik er als Motor der Herausbildung moderner Individualität beschrieb. Mit stilistischer Klarheit und gelehrter Genauigkeit prägte er eine historiografische Haltung, die Leistung und Wirkung von Kunst, Ideen und Institutionen gleichermaßen ernst nimmt und damit methodisch weit über die engere politische Geschichte hinausweist.

Seine Ausbildung führte Burckhardt von Basel über Bonn nach Berlin. Nach anfänglicher theologischer Orientierung wandte er sich der Geschichte und Kunstgeschichte zu. In Berlin hörte er unter anderem Leopold von Ranke, dessen quellenkritische Methode seinen Sinn für historische Genauigkeit schärfte. Ebenso wichtig war der Einfluss des Kunsthistorikers Franz Theodor Kugler, durch den Burckhardt einen systematischen Blick auf Stil, Gattung und Epochenbildung gewann. Studien- und Forschungsreisen, insbesondere nach Italien, vertieften seine Kenntnis der antiken und neuzeitlichen Kunstlandschaften. Aus der Verbindung von Rankes Historiografie und kunsthistorischer Schulung formte er sein charakteristisches kulturhistorisches Profil.

Frühe Veröffentlichungen dokumentierten Burckhardts Bemühen, politische Geschichte mit Kulturfragen zu verschränken. Mit Die Zeit Constantins des Großen (1853) legte er eine weithin beachtete Studie zur Spätantike vor, die Herrschaft, Religion und gesellschaftliche Transformation in ihrem Wechselverhältnis untersuchte. Bald darauf erschien Der Cicerone: Eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens (1855), ein gelehrter, zugleich leserfreundlicher Kunstführer, der Generationen von Reisenden und Studierenden Orientierung bot. Beide Werke zeigen bereits die für Burckhardt charakteristische Verbindung von stilkundlichem Blick, quellenbasierter Argumentation und einer sensiblen Wahrnehmung historischer Mentalitäten.

Sein Hauptwerk Die Kultur der Renaissance in Italien (1860) etablierte Burckhardt endgültig als Klassiker. Anstatt die Renaissance primär politisch zu erklären, rekonstruierte er öffentliche Ordnungen, gesellschaftliche Rituale, Kunst, Bildung und individuelle Lebensformen als zusammenhängende Kulturerscheinungen. Berühmt wurde seine These von der Herausbildung der modernen Individualität in den italienischen Stadtstaaten. Das Buch prägte die internationale Renaissanceforschung nachhaltig, auch wo seine Periodisierungen und Wertungen kritische Debatten auslösten. Methodisch wies es über nationale Rahmen hinaus, indem es politische, soziale und ästhetische Faktoren als wechselseitig bedingte Kräfte verstand.

Parallel zum Schreiben entwickelte Burckhardt in Basel eine langjährige Lehrtätigkeit, in der er Antike und Neuzeit, Kunstgeschichte und allgemeine Geschichte miteinander verknüpfte. Seine Vorlesungen galten als geistig diszipliniert, anschaulich und skeptisch gegenüber modischen Systemen. In Basel begegnete er auch Friedrich Nietzsche, der seine historische Bildung und Unabhängigkeit schätzte. Burckhardt mied öffentliche Polemiken und politische Parteinahmen; sein Interesse galt dauerhaft den Formen kultureller Ordnung und ihren Brüchen. Aus diesem Lehr- und Denkhorizont entstand ein Werk, das nicht auf tagespolitische Wirkung zielte, sondern auf langfristige Einsichten in Kräfte und Konstellationen der Geschichte.

In späteren Jahren wandte sich Burckhardt verstärkt der griechischen Antike zu. Die Griechische Kulturgeschichte erschien postum aus Vorlesungsnachschriften Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts und entfaltet ein weitgespanntes Panorama von Staat, Religion, Kunst und Alltagsformen. Ebenfalls postum veröffentlicht wurden die Weltgeschichtlichen Betrachtungen, die seine skeptische Reflexion über Macht, Kultur und historische Dynamik bündeln. Beide Werke zeigen Burckhardt als Beobachter, der auf groß angelegte Systeme verzichtet, um die Bewegungen der Geschichte über exemplarische Konstellationen, Vergleiche und präzise begriffene kulturgeschichtliche Kategorien sichtbar zu machen.

Burckhardts Vermächtnis wirkt in Geschichts- und Kunstwissenschaften bis heute fort. Seine Betonung von Kultur als eigenständiger historischer Kraft, sein Sinn für Formen der Repräsentation und sein Interesse an individuellen wie kollektiven Lebensstilen prägen die Forschung zur Renaissance und weit darüber hinaus. Spätere Kulturhistoriker knüpften an seine Fragestellungen an, während seine Thesen zur Moderne und zum Verhältnis von Staat, Religion und Kultur kritisch weiterentwickelt wurden. In Lehre und Forschung bleiben seine Bücher präsent; sie zeigen, wie geschichtliche Erkenntnis entsteht, wenn Kunst, Institutionen und Ideen im Zusammenhang gelesen werden.

Griechische Kulturgeschichte (Alle 4 Bände)

Hauptinhaltsverzeichnis
Erster Band:
Einleitung
Erster Abschnitt. Die Griechen und ihr Mythus
Zweiter Abschnitt. Staat und Nation
Nachträge
Zweiter Band:
Einleitung
Dritter Abschnitt. Religion und Kultus
Vierter Abschnitt. Die Erkundung der Zukunft
Fünfter Abschnitt. Zur Gesamtbilanz des griechischen Lebens
Nachträge
Dritter Band:
Sechster Abschnitt. Die Bildende Kunst
Siebenter Abschnitt. Poesie und Musik
Achter Abschnitt. Zur Philosophie, Wissenschaft und Redekunst
Vierter Band:
Neunter Abschnitt. Der hellenische Mensch in seiner zeitlichen Entwicklung

Erster Band

Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Erster Abschnitt. Die Griechen und ihr Mythus
Zweiter Abschnitt. Staat und Nation
Nachträge

Einleitung

Inhaltsverzeichnis

In dem wir es unternehmen, die griechische Kulturgeschichte zum Gegenstand eines akademischen Kurses zu machen, bekennen wir zum voraus, daß dieser Kurs ein Probestück ist und immer bleiben wird, und daß der Dozent hier beständig ein Lernender und Kommilitone sein und bleiben wird; zugleich machen wir zum voraus darauf aufmerksam, daß er ein Nichtphilologe ist, dem man hie und da ein philologisches Versehen zugute halten möge.

Unserm Kolleg sind scheinbar zunächst das über griechische Altertümer und das über griechische Geschichte verwandt, und von deren Aufgabe ist die seine vorerst abzugrenzen. Die »Altertümer«, wie sie in unserer Jugend Böckh[1] in seinem großen Kolleg darstellte, begannen mit geographischen und historischen Übersichten, stellten darauf den Charakter des Volkes im allgemeinen fest und behandelten dann die einzelnen Verhältnisse des Lebens: zuerst den Staat im allgemeinen nach seinen Hauptformen, dann eine Anzahl besonders wichtiger Staaten im einzelnen mit ihren politischen, administrativen und juridischen Einrichtungen und endlich die völkerrechtlichen Verbindungen und Hegemonien, sodann das Kriegswesen zu Land und zur See, hierauf das Privatleben (Maß, Gewicht, Handel, Industrie, Landbau, Hauswirtschaft samt Nahrung, Kleidung und Wohnung, Ehe, Familienwesen, Sklaventum, Erziehung, Begräbnis, Totenehren), weiterhin die Religion, den Kultus und die Feste und von den Künsten, die man im übrigen der besonderen Kunstgeschichte überließ, die Gymnastik, Orchestik und Musik; zum Schluß wurde eine Übersicht der von den Griechen gepflegten Wissenschaften gegeben. Dies alles wurde antiquarisch, d.h. mit einem bestimmten, gleichmäßig durchzuführenden Grad der sachlichen Vollständigkeit und Reichhaltigkeit für jedes einzelne Lebensverhältnis – als Fachwerk für künftiges Spezialwissen – behandelt; es war und ist für den Philologen unentbehrlich und kann auch nur durch den Philologen und Antiquar vom Fache mitgeteilt werden, schon weil nur dieser die relative Oekonomie des Stoffes wird handhaben können.

Wie weit der Kurs noch als ein akademischer existiert, ist uns nicht bekannt. Vielfach wird er durch die Handbücher verdrängt sein, unter denen die drei Bände C.F. Hermanns und Wachsmuths Hellenische Altertumskunde noch immer obenan stehen. Was in ein Handbuch gehört und kaum noch Gegenstand eines Kurses sein kann, zeigt ganz besonders deutlich ein Blick in das Inhaltsverzeichnis von Hermanns Privataltertümern; wir finden da lauter Dinge, welche unter Umständen gewußt werden müssen und deren Behandlung in einem zusammenhängenden Buche von größtem Werte ist. In unseren Zusammenhang gehören davon nur wenige Paragraphen, und diese in ganz anderer Verbindung. Von diesem ganzen Material brauchen wir nur das, was in ganz besonderem Maße die Lebensauffassungen der Griechen belegen hilft.

Warum aber lesen wir nicht »griechische Geschichte«, und zwar wesentlich politische Geschichte, wobei die allgemeinen Zustände und Kräfte in bloßen Exkursen mitbehandelt werden könnten? – Abgesehen davon, daß für die griechische Geschichte allmählich durch treffliche Darstellungen gesorgt ist, würde uns die Erzählung der Ereignisse und vollends deren kritische Erörterung in einer Zeit, da eine einzige Untersuchung über Richtigkeit einzelner äußerer Tatsachen gerne einen Oktavband einnimmt, die beste Zeit vorwegnehmen. Auch sind die »Ereignisse« das, was am ehesten durch Bücher zu erlernen ist; wir dagegen haben Gesichtspunkte für die Ereignisse aufzustellen. Wenn also in wenig über sechzig Stunden1 das wirklich Wissenswürdigste über das griechische Altertum, und zwar auch für Nichtphilologen mitgeteilt werden soll, so wird kaum anders als kulturgeschichtlich zu verfahren sein.

Unsere Aufgabe, wie wir sie auffassen, ist: die Geschichte der griechischen Denkweise und Anschauungen zu geben und nach Erkenntnis der lebendigen Kräfte, der aufbauenden und zerstörenden, zu streben, welche im griechischen Leben tätig waren. Nicht erzählend, wohl aber geschichtlich, und zwar in erster Linie, insofern ihre Geschichte einen Teil der Universalgeschichte ausmacht, haben wir die Griechen in ihren wesentlichen Eigentümlichkeiten zu betrachten, in denen, worin sie anders sind als der alte Orient und als die seitherigen Nationen, und doch den großen Übergang nach beiden Seiten bilden. Hierauf, auf die Geschichte des griechischen Geistes, muß das ganze Studium sich einrichten. Das Einzelne, zumal das sogenannte Ereignis, darf hier nur im Zeugenverhör über das Allgemeine, nicht um seiner selbst willen, zu Worte kommen; denn dasjenige Tatsächliche, das wir suchen, sind die Denkweisen, die ja auch Tatsachen sind. Die Quellen aber werden, wenn wir sie darauf hin betrachten, ganz anders sprechen, als bei der bloßen Durchforschung nach antiquarischem Wissensstoff.

Ohnehin liegt alle historische Mitteilung an den Universitäten in einer Krisis, welche Jeden nötigen kann, eigene Wege einzuschlagen. Das Interesse an der Geschichte ist in hohem Grade abhängig geworden von den allgemeinen Schwingungen des abendländischen Geistes, von der allgemeinen Richtung unserer Bildung; die alten Einteilungen und Methoden genügen weder in Büchern noch auf dem Katheder. So können wir uns sehr frei bewegen. Glücklicherweise schwankt nicht nur der Begriff Kulturgeschichte, sondern es schwankt auch die akademische Praxis (und noch einiges Andere).

Ein Vorteil der kulturhistorischen Betrachtung überhaupt ist nun vor allem die Gewißheit der wichtigeren kulturhistorischen Tatsachen gegenüber den historischen im gewöhnlichen Sinne, den Ereignissen, welche der Gegenstand der Erzählung sind. Letztere sind mannigfach ungewiß, streitig, gefärbt oder, zumal bei dem griechischen Talente zum Lügen, von der Phantasie oder vom Interesse völlig erdichtet. Die Kulturgeschichte dagegen hat primum gradum certitudinis, denn sie lebt wichtigernteils von dem, was Quellen und Denkmäler unabsichtlich und uneigennützig, ja unfreiwillig, unbewußt und andererseits sogar durch Erdichtungen verkünden, ganz abgesehen von demjenigen Sachlichen, welches sie absichtlich melden, verfechten und verherrlichen mögen, womit sie wiederum kulturgeschichtlich lehrreich sind.

Sie geht auf das Innere der vergangenen Menschheit und verkündet, wie diese war, wollte, dachte, schaute und vermochte. Indem sie damit auf das Konstante kommt, erscheint am Ende dieses Konstante größer und wichtiger als das Momentane, erscheint eine Eigenschaft größer und lehrreicher als eine Tat; denn die Taten sind nur Einzeläußerungen des betreffenden innern Vermögens, welches dieselben stets neu hervorbringen kann. Das Gewollte und Vorausgesetzte also ist so wichtig als das Geschehene, die Anschauung so wichtig als irgend ein Tun; denn im bestimmten Momente wird sie sich in einem solchen äußern:

»Hab' ich des Menschen Kern erst untersucht, So weiß ich auch sein Wollen und sein Handeln.«

Aber auch, wenn eine berichtete Tat in Wahrheit gar nicht oder doch nicht sogeschehen ist, so behält die Anschauung, die sie als geschehen oder in einer bestimmten Form geschehen voraussetzt, ihren Wert durch das Typische der Darstellung; die ganze griechische Tradition wimmelt von Angaben dieser Art.

Vielleicht ist aber das Konstante, das aus diesen typischen Darstellungen hervorgeht, der wahrste »Realinhalt« des Altertums, eher noch als die Antiquitäten. Wir lernen hier den ewigen Griechen kennen, wir lernen eine Gestalt kennen, anstatt eines einzelnen Faktors.

»Allein auf diesem Wege entgehen uns ja die Individuen, nicht bloß die Erzählung der Einzelfacta! Die Kulturgeschichte wäre eine Geschichte ohne die großen Männer, deren Biographie eine so gewaltige Stelle in der griechischen Geschichte einnimmt!«

Sie werden genugsam vorkommen; freilich nicht mit ihrer vollen Biographie, sondern nur als Illustration und höchstes Zeugnis zu den geistigen Dingen. Ihrem Ruhm geschieht damit kein Abbruch, daß sie jedesmal nur zu einem einzelnen Phänomen zitiert werden; denn sie werden als Ausdruck und Höhepunkt desselben zitiert, als Zeugen ersten Ranges im großen Verhör. Ihre Lebensläufe freilich müssen wir aufopfern.

Allgemeine Facta aber, wie die der Kulturgeschichte, dürften wohl durchschnittlich wichtiger sein als die speziellen, das sich Wiederholende wichtiger als das Einmalige!

Ein fernerer Vorteil der Kulturgeschichte ist es, daß sie gruppierend verfahren und Akzente legen kann, je nach der proportionalen Wichtigkeit der Tatsachen und nicht allen Sinn für das Proportionale mit Füßen zu treten braucht, wie es etwa der antiquarischen und kritisch-historischen Behandlung passiert.

Sie hebt diejenigen Tatsachen hervor, welche im Stande sind, eine wirkliche innere Verbindung mit unserm Geiste einzugehen, eine wirkliche Teilnahme zu erwecken, sei es durch Affinität mit uns oder durch den Kontrast zu uns. Den Schutt aber läßt sie beiseite.

Anderseits dürfen wir auch die wesentlichen Schwierigkeiten der kulturgeschichtlichen Behandlung nicht verschweigen.

Die Gewißheit der kulturgeschichtlichen Tatsache wird zum Teil wieder aufgewogen durch die großen Täuschungen, von welchen der Forscher in anderer Beziehung bedroht ist. Woher weiß er, was konstant und charakteristisch, was eine Kraft gewesen ist und was nicht? Erst eine lange und vielseitige Lektüre kann es ihm kund tun, einstweilen wird er lange Zeit Manches übersehen, was von durchgehender Wichtigkeit war, und Einzelnes wieder für bedeutend und charakteristisch halten, was nur zufällig war. Bei der Lektüre ferner wird ihm, je nach Zeit und Stimmung, Frische und Ermüdung und besonders je nach dem Reifepunkt, auf welchem sich seine Forschung gerade befindet, Alles, was ihm gerade in die Hände fällt, unbedeutend und inhaltlos oder bezeichnend und interessant in jedem Worte erscheinen. Dies gleicht sich nur bei fortgesetztem Lesen in den verschiedenen Gattungen und Gegenden der griechischen Literatur aus; gerade mit heftiger Anstrengung ist hier das Resultat am wenigsten zu erzwingen: ein leises Aufhorchen bei gleichmäßigem Fleiß führt weiter.

Aber hie und da wird der Reichtum allerdings verzweiflungsvoll groß, und wir glauben uns einer bisherigen völligen Willkür in der Auswahl des zu Betrachtenden anklagen zu müssen.

Sodann bietet die kulturgeschichtliche Darstellung ganz andere Schwierigkeiten, als die bloße konventionelle Erzählung der Ereignisse. Vor allem ist unsere Rede immer nur sukzessiv, allmählich berichtend, während die Dinge ein großenteils gleichzeitiges, gewaltiges Eins gewesen sind. Es handelt sich um ein ungeheures Kontinuum, das am richtigsten als Bild zu gestalten wäre in der Form des Pinax, und das den Darsteller beständig schon damit irre macht, daß derselbe einzelne Gegenstand uns bald an der Peripherie und leicht zu erreichen, bald schon entfernter, bald geradezu im Zentrum erscheint.

In der Darstellung wie beim Studium frägt man sich mit Zagen, wo man nur anfangen solle. Die Antwort wird lauten: jedenfalls irgendwo.

Vor allem: Da die Dinge sich allerorts berühren, sind Wiederholungen unvermeidlich; z.B. der große, alles griechische Denken, Schauen und Fühlen umflutende Mythus, der wahre geistige Okeanos dieser Welt, wird bald hier, bald dort und außerdem an drei Hauptstellen unter drei verschiedenen Aspekten zu besprechen sein, nämlich 1) als dauernde Macht im griechischen Leben, 2) in Betreff seiner Weltanschauung, 3) als Bild einer bestimmten Epoche der Nation.

Sodann werden eine Menge Einzelheiten gelegentlich untergebracht werden müssen.

Und in den vielen Fällen, da unser Studium und Wissen nicht hinreicht, wird statt eines Resultates eine Frage aufgestellt werden. Auch Hypothesen werden wir uns gestatten; wo wir es aber tun, werden wir sagen, daß es solche sind.

Endlich wird eine große subjektive Willkür in der Auswahl der Gegenstände gar nicht zu umgehen sein. Wir sind »unwissenschaftlich« und haben gar keine Methode, wenigstens nicht die der andern. Aus denselben Studien, aus welchen wir dieses Kolleg eigenmächtig aufgebaut haben, indem wir uns mit unserem subjektiven Verfahren nach der proportionalen Wichtigkeit zu richten suchten, würde ein anderer eine andere Auswahl und Anordnung, ja mannigfach andere Resultate entnommen haben; aus reichern Studien würde eine richtigere und größere Darstellung hervorgehen können; ja wir selber, wenn das Glück uns günstig ist, könnten diesen Kurs später wesentlich umzugestalten hoffen. Einstweilen geben wir, was bei der beschränkten Stundenzahl und der halb zufälligen Art unserer Studien nach bestem Wissen als das für uns und für jetzt Erreichbare erscheint.

Man muß Vieles über Bord werfen können, nämlich Alles, was mit Denkweise und Anschauung nicht eine nahe Beziehung hat, vor allem, obschon ungern, die kritische Untersuchung über die Anfänge, welche eine große parallele Forschung über die Anfänge einer Reihe anderer Völker voraussetzt. Auch verzichten wir auf Behandlung dessen, was nur dem gewöhnlichen äußern Leben angehört, auf das, was auch andern Völkern jener Zeit und jenes Klimas eigen war, und beschränken uns nach Kräften auf diejenigen Züge, aus welchen der spezifisch griechische Geist zu uns redet.

Dieser Kurs bietet aber noch eine besondere akademische Aussicht auch für Nichtphilologen. Er kann nämlich gerade, indem wir uns der bloßen massenhaften Überlieferung der Antiquitäten entziehen, zur sofortigen Teilnahme am Studium einladen.

Jeder humanistisch Gebildete, soweit in ihm eine Richtung nach oben ist, kann hier zum Mitforscher werden durch Lesen der Quellen, welche hier zugänglich sind, wie sonst nirgends.

Während bei den »Altertümern« ein gelehrtes, sammelndes und vergleichendes Spezialstudium verlangt wird, welches sogleich den ganzen Lebensplan des Betreffenden mitbedingt und auf Vollständigkeit, wenigstens innerhalb gewisser Spezialitäten, hindrängt, wenn es wirklich etwas bedeuten soll, kann die kulturhistorische Disziplin in unserm Sinne jeden humanistisch Gebildeten zu unmittelbarer Bereicherung anleiten, und schon aus diesem Grunde dürfte eine Mahnung angebracht sein, den humanistischen »Schulsack« in Ehren zu halten.

Schon jedes Innewerden einer fremden Literatur, d.h. einer andern Betonung des Geistigen als die unsrige ist, wie überhaupt aller vergangenen und auswärtigen Formen des Geistes, ist eine Bereicherung im Sinne der tria corda des Ennius, vollends aber das Innewerden der hellenischen Literatur.

Wenn anderswo die Form herb, die Hülle fest geschlossen und kaum zu öffnen, der Ausdruck symbolisch ist bis zum Unverständlichen2, so ist bei den Griechen der Ausdruck des Geistigen wenigstens durchsichtiger als irgendwo; der Gedanke und sein Gehäuse bilden eine schöne Identität; Form und Inhalt decken sich vollkommener als überall sonst.

Was aber den in diese Form gefaßten Inhalt betrifft, so ist es nun hier Aufgabe des Dozenten, beständig darauf hinzuweisen, daß jeder alte Autor höhern Ranges3 eine Quelle kulturhistorischer Erkenntnis sei. Die griechische Kulturgeschichte ist hiemit ein ganz besonders klarer und übersichtlicher Ausschnitt aus der Geschichte der Menschheit.

Fassen wir zunächst die erzählenden Autoren ins Auge, so liegt hier das Lebendige und Bedeutsame so oft ganz sichtbarlich nicht in dem Ereignis, welches erzählt wird, sondern in der Art,wie, und in den geistigen Voraussetzungen, unter welchen es erzählt wird. Gleichviel, ob es wirklich geschehen, wir lernen den Hellenen und seinen äußern Gesichtskreis sowohl, als seine innere Denkweise daran kennen.

Dann Poesie und Philosophie. Ausgedehnte spezielle Disziplinen behandeln diese Schriftwelt nach ihrem besondern Inhalt, ihrem literarischen Wert und ihrer Sachbedeutung; unsere kulturhistorische Betrachtung nimmt sie als Kunden eines unvergleichlich begabten vergangenen Volkstums, eines vergangenen und dennoch weiterlebenden Geistigen von höchstem Range.

Daher ist immer wieder die Bedeutung des Lesens der alten Autoren als Quellen im weitesten und liberalsten Sinne zu betonen. Die Früchte – nach Inhalt und Form – sind bei einiger Konsequenz der Lektüre für jeden Strebenden überall erreichbar. Man gewinnt durch eigene Ausbeutung ein persönliches Verhältnis zu jedem Autor.

Freilich muß man nicht bereits völlig der jetzigen Literatur (die so viel unmittelbarer zu unsernNerven spricht) verfallen sein.

Und vollends nicht dem Zeitungslesen.

Alles, was dem Tage angehört, geht leicht und vorzugsweise eine Verbindung ein mit dem Materiellen in uns, mit unsern Interessen; das Vergangene kann wenigstens eher sich verbinden mit dem Geistigen in uns, mit unserm höhern Interesse.

Allmählich schärfen sich dann die Augen, wir lernen der Vergangenheit ihre Geheimnisse bis zu einem gewissen Grade abfragen.

Daß Tausende vor uns schon diese Arbeit getan, erspart uns die eigene Mühe nicht. Diese Arbeitsgattung ist nie »erledigt«, nie ein- für allemal gemacht. – Ohnehin schaut jedes Zeitalter die entferntere Vergangenheit neu und anders an; es könnte z.B. im Thukydides[2] eine Tatsache ersten Ranges berichtet sein, die man erst in hundert Jahren anerkennen wird.

Wir begehren nicht, zu Leistungen für Andere, nicht zu Spezialforschungen im gewöhnlichen Wortsinne anzuleiten, d.h. nicht zur vollständigen Erkundung resp. Darstellung eines einzelnen Gegenstandes oder Verhältnisses, auf welche dann alle Kräfte konzentriert werden müssen, sondern zur Teilnahme für das Ganze, zum Verständnis des Griechentums überhaupt. Für Gelehrsamkeit sorgt die jetzige historisch-antiquarische Literatur; – wir plädieren für ein lebenslang aushaltendes Mittel der Bildung und des Genusses.

Hienach gestaltet sich denn auch die Art des Quellenlesens; die ausgezeichnetern Denkmäler, Historiker wie Dichter usw. wirken dann als Gesamtbilder und werden nicht bloß als Belege für eine spezielle Frage nachgeschlagen, sondern ganz gelesen. Der Darsteller aber wird wohl tun, noch gar viele Autoren zweiten und dritten Ranges ganz zu lesen und sich nicht auf andere zu verlassen, welche dieselben vor ihm gelesen haben. Denkmäler besieht man auch ganz, und die Quellen sind Denkmäler. Zudem steht an der entlegensten Stelle oft das Wichtigste.

Wohl berechtigt ist die Beihilfe von Übersetzungen und Kommentaren, welche durchgängig und gut vorhanden sind. Es ist keine Schande, mit Thukydides nicht ohne Hilfe fertig zu werden, da Dionys von Halikarnaß und Cicero bekennen, ihn nicht überall zu verstehen und zwar wegen der Ausdrucksweise. Wer ohne Hilfe vordringen will, läßt ihn unterwegs bald irgendwo liegen, statt ihnganz durchzulesen.

Weiter muß uns zum Ganz durchlesen der Autoren die Einsicht bestimmen, daß das, was füruns wichtig ist, nur wir finden. Kein Nachschlagewerk der Welt kann mit seinen Zitaten die chemische Verbindung ersetzen, welche eine von uns selbst gefundene Aussage mit unserm Ahnen und Aufmerken eingeht, so daß sich ein wirkliches geistiges Eigentum bildet.

Quelle kann für uns alles aus dem hellenischen Altertum Erhaltene werden, nicht bloß die Schriftwelt, sondern jeder Überrest und vor allem die Bauten und die bildende Kunst – und in der Schriftwelt selbst nicht bloß der Historiker, der Dichter und der Philosoph, sondern auch der Politiker, der Redner, der Epistolograph, der späte Sammler und Erklärer – welcher ja oft sehr alte Aussagen weiter meldet. Wir dürfen nicht wählerisch sein, wenn es sich darum handelt, das große Bild des Altertums an irgend einer Stelle zu ergänzen. Auch der Fälscher, sobald er durchschaut ist, kann eben durch seine Fälschung und deren durchschauten Zweck – sehr gegen seinen Willen – die wichtigste Belehrung gewähren.

Immer wieder freilich wird man lieber zu großen Kunstwerken zurückkehren und z.B. in den Tragikern als geschichtliche Beute einsammeln: die zu voller Höhe und Tiefe gereifte Gestalt des Mythus, große dichterische Individualitäten und das Dasein eines Stiles, welcher schon an sich ein großes kulturgeschichtliches Ereignis ist.

Und endlich ist auch um dessen willen, was es ergibt, das mehrmalige Lesen anzuraten. Beim ersten Lesen kämpft man oft noch zu sehr mit den sprachlichen und sachlichen Schwierigkeiten, erst in der Folge steht man dem Werke frei gegenüber und lernt Form und Inhalt kennen. Es gibt Autoren, wie Hesiod, welche bei jeder Lesung neue Fragen anregen und neue Perspektiven eröffnen; der Prometheus des Aeschylus offenbart bei jeder Lesung neue Züge.

In welchem Verhältnis steht nun aber die Gegenwart, besonders die gegenwärtige deutsche Bildung zu den Hellenen?

Seit Winckelmann, Lessing und dem Voß'schen Homer hatte sich das Gefühl gebildet, zwischen dem hellenischen und dem deutschen Geiste bestehe ein ἱερὸς γάμος (heiliger Ehebund), ein ganz spezielles Verhältnis und Verständnis wie bei keinem andern Volke des modernen Abendlandes. Goethe und Schiller waren klassizistisch gesinnt.

Teilweise Folge hievon war eine Erneuerung und Vertiefung des philologischen Studiums auf Schulen und Universitäten und die Überzeugung, daß das Altertum die unentbehrliche Grundlage aller Studien überhaupt sei, in einem andern und tiefern Sinne, als dies seit der Renaissance gegolten.

Daneben aber fand die enorme, allgemeine Ausweitung der Altertumsforschung statt. Die Denkmäler von Ägypten und von Assur, die prähistorischen Reste von Europa, die Neuschöpfung der ganzen Ethnographie, die Forschungen über Entstehung des Menschengeschlechts und der Sprache, die Sprachvergleichung zogen das Interesse auf sich, und das Griechentum geriet schon neben allem diesem in die Enge.

Dazu trat hiemit von selbst eine Spezialisierung der Arbeit ein, deren einzelste Nebenzweige schon eine Reihe von Forscherleben verlangen, samt einer unbedingten Hingebung des Staates für Anstalten und Sammlungen.

Auf den Gymnasien »erzieht, wie man sagt, (einstweilen) der höhere Jugendunterricht den Knaben der gebildeten Stände zum Professor der Philologie4« – und ein Bildungsmittel allerersten Ranges ist und bleibt die griechische Sprache.

Nach dem Maturitätsexamen folgt dann aber der bekannte regelmäßige Hergang. Abgesehen von den eigentlichen Philologen lassen, wir wollen nicht sagen wie viele Prozente, die alten Autoren völlig beiseite liegen. Zuerst, etwa in einem Vierteljahr, vergißt man die kunstreiche, mühsam eingeprägte Metrik der tragischen Chöre, dann eins ums andere, die Verbalformen und am Ende die Vokabeln. Und viele verlernen es gern und mit Absicht. Dafür machen Studium und Leben andere Ansprüche.

Hieraus hat sich allmählich ein Mißverhältnis zwischen dem Gymnasium und der wirklichen spätern geistigen Richtung gebildet, welches wohl einmal mit einer Katastrophe endigen könnte.

Unser Streben ginge nun dahin, die Teilnahme für das alte Griechentum, soweit unsere schwache Wirksamkeit reicht, am Leben zu erhalten.

Unser Resultat ist folgendes:

Es handelt sich um keine Verklärung, und die enthusiastische Schönfärberei gedenken wir nirgends zu schonen. »Die Hellenen waren unglücklicher, als die Meisten glauben« (Böckh).

Aber die große weltgeschichtliche Stellung des griechischen Geistes zwischen Orient und Okzident muß klar gemacht werden.

Was sie taten und litten, das taten und litten sie frei und anders als alle frühern Völker.

Sie erscheinen original und spontan und bewußt da, wo bei allen andern ein mehr oder weniger dumpfes Müssen herrscht.

Darum erscheinen sie mit ihrem Schaffen und Können wesentlich als das geniale Volk auf Erden, mit allen Fehlern und Leiden eines solchen.

In allem Geistigen haben sie Grenzen erreicht, hinter welchen die Menschheit, wenigstens in der Anerkennung und Aneignung, nicht mehr zurückbleiben darf, auch wo sie die Griechen im Können nicht mehr erreicht.

Daran liegt es, daß überhaupt dies Volk aller Nachwelt sein Studium aufzuerlegen vermocht hat. Wer sich dem entziehen will, bleibt einfach zurück.

Und nun ihr Wissen und Schauen! Durch ihre Weltkunde beleuchten sie außer ihrem eigenen Wesen auch das aller andern alten Völker; ohne sie und ohne die philhellenisch gewordenen Römer gäbe es überhaupt keine Kunde der Vorzeit, weil alle andern Völker nur auf sich selbst achteten, aufihre Königsburgen, Tempel und Götter.

Alle seitherige objektive Kenntnisnahme der Welt spinnt an dem Gewebe weiter, welches die Griechen begonnen haben.

Wir sehen mit den Augen der Griechen und sprechen mit ihren Ausdrücken.

Nun ist es aber die spezielle Pflicht des Gebildeten, das Bild von der Kontinuität der Weltentwicklung in sich so vollständig zu ergänzen als möglich; dies unterscheidet ihn als einen Bewußten vom Barbaren als einem Unbewußten; sowie der Blick auf Vergangenheit und Zukunft überhaupt den Menschen vom Tier unterscheidet, mag auch die Vergangenheit Vorwürfe und die Zukunft Sorgen mit sich führen, wovon das Tier nichts weiß.

Und so werden wir ewig im Schaffen und Können die Bewunderer und in der Welterkenntnis die Schuldner der Griechen bleiben. Hier sind sie uns nahe, dort groß, fremd und ferne.

Und wenn die Kulturgeschichte dies Verhältnis klarer hervorhebt, als die Geschichte der Ereignisse, so darf sie für uns den Vorzug vor dieser haben.

Fußnoten

1 Später, bei fünf Wochenstunden, hieß es neunzig.

2 Z.B. bei den Propheten, aber auch Literaturen aus viel näheren Zeiten und Völkern sind bisweilen sehr schwer verständlich.

3 Bloße Sammler haben dann wieder ihre spezielle Bedeutung.

4 Mommsen, R.G. V, 336.

Erster Abschnitt. Die Griechen und ihr Mythus

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Das hochbegabte Volk, welches wir die Griechen nennen, betrat den Boden, der ihm gehören sollte, vielleicht sehr allmählich, in Gestalt einer Vielheit von Stämmen, ähnlich wie Germanen, Slaven und Kelten, Keltiberer und Italier, nur auf noch engrem Raum als diese. Was für Bewohner sie antrafen, werden wir vielleicht genauer durch die Erforschung der prähistorischen Denkmäler erfahren. Schon Strabo (VII, 7) und Pausanias (I, 41, 8) waren beiläufig einmal der Meinung, daß Hellas einst ganz oder beinahe ganz von Barbaren bewohnt gewesen sei1.

Mit der Zeit erhoben sich inmitten dieser Griechenstämme die Hellenen als herrschender Name[1q]. Wer es irgend vermochte, schloß sich ihnen an und gehörte zu ihnen, während nahe ursprüngliche Verwandte, wie Leleger, Karer, Dardaner, Dryoper, Kaukonen, Pelasger als Halbbarbaren ausgeschieden wurden und allmählich in Splitter gingen oder gänzlich verschwanden, schon weil niemand mehr gerne zu ihnen gerechnet sein wollte2.

Vielleicht nimmt man diesen Hergang zu feierlich. Waren die Hellenen ein höchst aktiver, auch physisch, kriegerisch, religiös bevorzugter Teil der Nation? Oder kam die Herrschaft dieses Namens mehr zufällig zu Stande? Im XV. Jahrhundert unserer Zeitrechnung bekamen die Eidsgenossen am Fuße der Alpen den Namen Schweizer, bloß weil in einem langen Kriege die Schwyzer im Vordergrunde der Parteiung gestanden hatten. Gab es für die Hellenen irgend welche Gründe, die sich anschließen Wollenden nicht abzuweisen? Gaben sie sich diesen Namen selbst, oder erhielten sie ihn durch Fremde? Es scheint ein früherer Gesamtname vorhanden gewesen zu sein, die Gräken, welcher dann bei den Römern weiter klingt; genügte derselbe nicht mehr? und weshalb nicht? Lauter Fragen, auf welche wir keine Antwort wissen. Sicher ist nur, daß der Name Hellas in den frühesten Erwähnungen zwei nördliche Gaue, die thessalische Phthiotis und (laut Aristoteles) die Umgegend des epirotischen Dodona bezeichnet, dann aber auf ganz Thessalien, weiter auf Alles nördlich vom Isthmus, endlich auf den Peloponnes und die Inseln ausgedehnt wird, bis zuletzt das Wort Hellenen alle Nichtbarbaren bedeutet3.

Außerordentlich dunkel ist dann wieder das Auseinandergehen der Hellenen selbst in die berühmten vier Stämme. Von den Namen derselben hat nämlich einer, die Aeoler, sehr wahrscheinlich auch als Gesamtname der Nation gedient, und ein anderer, die Achäer, besitzt offenkundig diesen Umfang bei Homer, während die beiden übrigen, die Dorer und Ionier, nie etwas anderes als Teilnamen gewesen sind4, welche im Verlauf der Zeit einen höchst inhaltsreichen Gegensatz von Sitte, Denkweise und Sprache bedeuten. Ohne allen Wert und völlig irrig in der Koordination ist vollends die bekannte Stammtafel, wonach Hellens Söhne Aeolos, Doros und Xuthos, und des Xuthos Söhne Ion und Achäos gewesen wären. Dies führt uns auf einige besondere Schwierigkeiten der griechischen Ethnographie.

In der Tradition stellt sich die frühere griechische Zeit wie lauter Wanderung dar; ein Stamm schiebt den andern weg und setzt sich an dessen Stelle, bis ihm durch einen dritten Ähnliches widerfährt, ein Prozeß, der viele Jahrhunderte gedauert haben kann. Erst die sogenannte dorische Wanderung[3] im XI. Jahrhundert brachte dann diejenige Lage und Verteilung des Volkes hervor, welche die dauernde wurde; es war jene (aus einer leidlich feststehenden Vulgata bekannte) Reihenfolge von Stößen, durch welche Thessalier, Böotier, Dorer, Aetoler, Achäer, Ionier u.a. neue Heimatlande auf beiden Seiten des ägäischen Meeres erhielten, neue Staaten gegründet wurden und einzelne alte verschwanden. Daß oft ein Wechsel aller Dinge mit diesen Wanderungen verbunden gewesen, läßt sich schon schließen aus den doppelten, ja mehrfachen Namen so vieler Örtlichkeiten; es hieß dann etwa: der frühere Name stamme aus der Sprache der Götter, einmal aber, bei einer berühmten Insel, ist auch der neue Name göttlichen Ursprungs: »Einst nannten die ewigen Götter diejenige Insel Abantis, welche nun Zeus von einem Rinde Euboia nannte5.« Die nach einander angelangten Völkerschichten scheinen die Örtlichkeiten von selbst neu benannt zu haben.

Gewiß enthalten die Wandersagen der ältern, vor der dorischen Wanderung gelegenen Zeit eine Menge geschichtlicher Tatsachen, die uns jedoch kaum mehr als solche zu gute kommen, weil sie trümmerhaft, chronologisch isoliert erzählt werden, so daß man Älteres und Urältestes nicht mehr unterscheiden und die Bewegungen der Stämme nicht mehr verfolgen kann. Auch wird vielleicht, was rasche Eroberung und was langsames, Jahrhunderte währendes Vorschieben gewesen ist, in denselben Ausdrücken erzählt. Wohl scheinen die reichlich vorkommenden Genealogien der Herrscherhäuser einen Anhalt zu gewähren für die Schicksale und Bewegungen der Stämme, bis man endlich inne wird, wie man mit dieser Aushilfe daran ist.

Denn dieses Alles hat zunächst der Mythus dicht in seinen schimmernden Duft eingehüllt, in welchem er so viel Tellurisches und Kosmisches, so viele Religion und Poesie, so viele unbewußte Weltbetrachtung und aufsummiertes Erlebnis mit beherbergt. Die Bilder, welche aus diesem Ganzen aufstiegen, wurden als das der fernen Vorzeit Entsprechende festgehalten, doch sehr frei und zwanglos. Die stärksten Varianten und Widersprüche, unvermeidlich bei so verschiedenem Ursprung der Dinge, stören die Nation nicht. Dazu kommt aber eine aushelfende freie Fiktion, namentlich in genealogischen Dingen. Frühe wie späte Autoren, auch wenn sie Anspruch auf genaue Erzählung zu machen scheinen, sind und bleiben nicht nur Zöglinge des Mythus und schauen die Dinge mit mythischen Augen, sondern sie fingieren und ergänzen auf eine Art und Weise weiter, welche der ganzen neuern Welt völlig fremd ist.

Bis zu einem gewissen Grade hatte man ein Bewußtsein von dieser Lage der Dinge. Die Tradition, ursprünglich in den Händen der Rhapsoden und Theogoniendichter, war dann in diejenigen der Logographen geraten, jener Sammler von Orts- und Stammsagen, von welchen Thukydides (I, 21) meint, sie hätten geschrieben mehr für Annehmlichkeit des Hörens als nach der Wahrheit. Später heißt es bei Strabo (VIII, 3): »Die alten Schriftsteller sagen Vieles, das nicht geschehen ist, indem sie mit der Lüge aufgewachsen sind vermöge des Aufzeichnens von Mythen.« Er sagt es bei Anlaß des vielleicht wichtigsten jener Logographen, des Hekatäos von Milet[5]; dieser aber, ein halbes Jahrtausend vor Strabo, hatte selber geschrieben: »Die Griechen haben viele und lächerliche Berichte.« – Ephoros, der erste, welcher (im IV. Jahrh. v. Chr.) eine allgemeine Geschichte der Griechen in Verbindung mit derjenigen des Auslandes wagte, wird wohl seine guten Gründe gehabt haben, erst mit der dorischen Wanderung zu beginnen.

Zunächst muß von einer allgemeinen Voraussetzung die Rede sein, welche den griechischen Gesichtskreis völlig beherrschte. So höchst wahrscheinlich die Griechen von außen in ihr Land gekommen sind – mag man sich ihre letzten vorherigen Wohnsitze im Kaukasus, in Kleinasien oder in Europa vorstellen – so völlig hatte man im Volk jede Ahnung hievon verloren. Diejenigen Wanderungen, von welchen man noch etwas zu wissen glaubte, waren nicht von außen her geschehen, sondern auf griechischem Grund und Boden vor sich gegangen; die anerkannten Ausnahmen aber (Kadmos, Pelops, Danaos u.a.) betrafen nur Fürstenhäuser, nicht Bevölkerungen6. Während nun die ganze Nation sich für eine Urbevölkerung, für autochthon hielt, machten einige griechische Stämme sich noch einen ganz besonderen Ruhm daraus, an der nämlichen Stelle zu wohnen, wo mit ihnen einst das Menschengeschlecht entstanden wäre. Mag auch αὐτόχϑων, γηγενής[4]7 (uransässig, bodenentsprossen) bisweilen nur ein negativer Ausdruck sein, um anzudeuten, daß man über einen bestimmten Menschen hinaus nichts Früheres mehr wisse, mag es hie und da sogar nur die Nicht-Flüchlinge bezeichnen, welche bei dem ewigen Wandern, Vertriebenwerden, Flüchten wegen Totschlages u. dgl. in der mythischen Zeit fast in Minderheit sind, – allzu viele und starke Aussagen beweisen, daß es in der Regel wörtlich genommen und als Ruhmestitel betrachtet wurde. Vom ersten Menschen und König von Arkadien sang schon ein sehr alter Dichter (Asios): »Den göttergleichen Pelasgos ließ in hochwaldigen Gebirgen die dunkle Erde emporsteigen, damit ein Geschlecht von Sterblichen vorhanden sei8.« Auf dem menschenleeren Ägina läßt Zeus auf Bitten des Aeakos Menschen aus dem Boden heraufkommen oder Ameisen sich in Menschen verwandeln; auf Rhodos wohnte zuerst ein autochthones Volk unter dem Herrscherhaus der Heliaden9; vollends war das Volk von Attika stolz auf seine Autochthonie, und hier lernen wir auch den symbolischen Ausdruck dafür kennen: Kekrops – laut derjenigen Auffassung, welche ihn nicht als Ägypter, sondern als Eingebornen betrachtete, – ging unten in einen Schlangenleib aus10. Von der Entstehung des Menschengeschlechtes hatten die Griechen sehr verschiedene Ansichten, aber jedenfalls war dasselbe im Lande selbst entstanden. Wenn die spätere Ansicht galt, wonach Prometheus die Menschen aus Lehm bildete, so lagen ja noch Blöcke von diesem Lehm, sogar wie Menschenhaut riechend, bei Panopeus in Phokis11 zu Tage; stammten aber die Menschen von den Göttern, so hatten die Griechen ja auch die Geburtsorte dieser Götter, ihre Mythen, die Gigantenkämpfe, die großen alten Naturkrisen und endlich die Flutsage in ihrem eigenen Lande beisammen, das Meiste sogar in mehrern Landschaften besonders lokalisiert. Mit der Flutsage aber war jedenfalls die zweite Menschenschöpfung – durch Deukalion und Pyrrha[7] – als einheimisches Ereignis gesichert.

Im Lande selbst hatte das Menschengeschlecht auch diejenigen Hilfsmittel des Lebens empfangen, welche man besonders gerne Gaben der Götter zu nennen pflegte, und zwar, wie man glaubte, überhaupt zuerst, vor andern Völkern. Der Weinbau stammte aus Theben12; das Beschneiden der Reben war in Nauplia einem Esel abgelernt worden, welcher die Schößlinge fraß, worauf die Reben besser trugen13; vor allem aber erhob Attika Ansprüche auf den frühesten Besitz der wichtigsten Pflanzen. Die rharische Ebene bei Eleusis, mit Tenne und Altar des Triptolemos, war das früheste Saatfeld auf Erden; auf der Akropolis zu Athen lebte noch spät der heilige Ölbaum, welchen Pallas geschenkt; am heiligen Wege nach Eleusis zeigte man noch die Stelle, wo Demeter, von Phytalos gastlich aufgenommen, zum Danke die erste Feige wachsen ließ; im Demos Acharnai, wo Dionysos Kissos verehrt wurde, wuchs der erste Epheu, und vielleicht sogar die Bohnen waren im Lande autochthon14.

Auch von den Erfindungen15 waren einige auf griechischem Boden selbst daheim; die Argo[10] war das früheste Schiff, das auf den Fluten ging; in Alesiai bei Sparta hatte Myles (der Müller), Sohn des ersten Herrschers Lelex, die früheste Mühle16, und die Athener rühmten sich sogar, sie hätten die Menschen gelehrt Feuer anzuzünden17; im allgemeinen jedoch fügt man sich in Griechenland ohne Beschwerde darein, daß Dinge, welche irgendwie an menschliche Mühsal, an das Banausische erinnern, vom Ausland entlehnt seien, im stärksten Gegensatz zu der jetzigen Welt, welche industrielle Erfindungen zum höchsten Stolz derjenigen Völker rechnet, die darauf Anspruch haben und über Prioritäten dieser Art ernsthaft zu streiten im Stande ist.

So gaben die Griechen zu, daß Tyrsenos, der Lyder, die Trompete erfunden, daß Schild und Helm18 und Streitwagen und Geometrie aus Ägypten, die Gewandung der Pallasbilder aus Libyen, die Buchstabenschrift aus Phönizien, die Sonnenuhr und die Zwölfteilung des Tages aus Babylon zu ihnen gekommen sei19. Wenn man nur das Zentrum der Welt war und den »Nabel der Erde« auf eigenem heiligen Boden im Tempel von Delphi vorzeigen konnte20.

Was dann die Wanderungen betrifft, so ist die mythische Ausdrucksweise im einzelnen Fall oft ganz durchsichtig. Wenn eine Erbtochter an einen fremden Königssohn kommt, der sich etwa durch einen Sieg legitimieren muß, wie Pelops, oder wenn eine solche durch Poseidon geschwängert wird, und dann ihr Sohn weiterherrscht, so läßt sich ein Wechsel der Dynastie oder des herrschenden Volkes, im letzteren Falle durch Eindringen vom Meere her, leicht erraten. Verwandtschaft zweier Bevölkerungen wird symbolisiert durch das Weiterströmen eines Flusses unter dem Meere hindurch und sein Auftauchen als Quelle in einem andern Lande; das weltbekannte Beispiel des peloponnesischen Alpheios und der Quelle Arethusa auf der Insel Ortygia zu Syrakus ist nicht das Einzige, und Pausanias, welcher (II, 5, 2) deren mehrere aufzählt, scheint auch an der physischen Möglichkeit nicht zu zweifeln. Der Stolz auf den Besitz trefflichen Bodens, der Hohn auf den minder gut versehenen, als dumm geltenden Nachbarstamm drückt sich aus in Sagen vom Erwerb des Gebietes durch siegreichen Betrug; noch bei der dorischen Wanderung hatten die mitgezogenen Aetoler sich ein besseres Stück (Elis) zu sichern gewußt, als die Dorer irgend bekamen, und unter den Dorern selbst sollte Kresphontes sein fruchtbareres Gebiet (Messenien) den Spartanern gegenüber durch Arglist beim Lose gewonnen haben. Auch durch Zweikampf der beiderseitigen Anführer wäre laut einer herrschenden Anschauung über den Besitz eines Gebietes entschieden worden: »sie traten vor zur Monomachie,« heißt es, »nach einer alten Sitte der Hellenen21.« Echt volkstümlich gedacht ist es dann, wenn die Lieblingswaffe des einen Volkes den Sieg über die des andern davonträgt. Gegen einander standen Pyraichmes, der Aetoler, und Degmenos, der Epeier; letzterer, als Bogenschütze, gedachte durch den Fernschuß leicht über den Aetoler als Hopliten zu siegen, dieser aber kam mit einer Schleuder und einem Sack voll Steine; denn vor kurzem war durch die Aetoler die Schleuder erfunden worden, und diese trug weiter als der Bogen; Degmenos fiel, und die Aetoler behaupteten das Land und vertrieben die Epeier. – Der häufigste Ausdruck für den Anspruch, den man auf ein Land erhebt, besteht darin, daß man eine Erdscholle des betreffenden Bodens sich hat schenken lassen oder hat erwerben können. Allein in ihrer chronologischen Vereinzelung stückweise vorgetragen, ergeben solche Sagen wenige Resultate.

Auch die Personifikation von Stämmen in Heroen kann scheinbar keine Schwierigkeiten machen, indem der naive Sinn nur Individuen als Urheber von Taten kennt. Es stört uns auch nicht, wenn wir der festen Überzeugung begegnen, daß das Volk nach dem Heros benannt sei und nicht umgekehrt, und daß jede Polis nach dem allgemeinen Glauben eine Gründung gehabt haben und nach einem Gründer heißen muß22. Bei näherer Prüfung findet man jedoch die Sache weniger einfach, insofern nicht nur ein Stamm, sondern auch das Örtliche, ein Fluß, ein Gebirge, eine ganze Gegend in den Geschlechtstafeln als Persönlichkeit auftritt23