Grubenteufel - Rudi Müllenbach - E-Book

Grubenteufel E-Book

Rudi Müllenbach

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Beschreibung

»Warum krieg ich immer einen vorn Kopp?« Als ein syrischer Flüchtling in Bottrop auf offener Straße durch Kopfschuss getötet wird, muss sich Kommissar Udo Bitze mit Staatsanwältin Ellen Schrader auf die Jagd nach einem psychopathischen Heckenschützen machen. Was weiß der Psychologe Doktor Robert? Welche Rolle spielt ein ehemaliger Zechenkumpel mit posttraumatischer Verbitterungs-störung? Wer ist der „Grubenteufel“? Kommissar Bitze ermittelt zwischen Bottrop, Iserlohn und Oberhausen. Zeitgleich versucht eine Bande Kleinkrimineller aus dem Ruhrgebiet, in das Geschäft der illegalen Beschaffung und Verschickung edler Luxusautos nach Osteuropa einzusteigen und dieses zu übernehmen. Doch dann machen die Ganoven den Fehler, der falschen Person einen Mustang zu stehlen. Und als wenn ihm Kippen-Kurt, Knoten-Jürgen und all die anderen Gauner(innen?) nicht schon genug Ärger machten, ist Bitzes neuer junger Kollege von Stiernitz auch nicht das Gelbe vom Ei. Mit Kommissar Bitzes viertem Fall führt Rudi Müllenbach den Leser tief in die Abgründe der menschlichen Seele.

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EPUB

Seitenzahl: 260

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Rudi Müllenbach

Gruben-

teufel

Kommissar Bitzes vierter Fall

Ventura Verlag

Werne

2018

IMPRESSUM

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

© Rudi Müllenbach

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Alle Handlungen und Figuren sind rein fiktiv, die Orte existieren natürlich.

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https://www.facebook.com/VenturaVerlag

1. Auflage 2018

Ventura Verlag Magnus See

Carl-von-Ossietzky-Str. 1 | 59368 Werne

Tel.: +49–(0)2389–6896 | www.ventura-verlag.de

Herstellungsleitung und Lektorat: Magnus See, M.A.

Das Coverbild ist ein Gemälde von Petra Lukoschek.

(www.petra-likoschek.de)

Druck und Bindung: PRESSEL Digitaler Produktionsdruck

Olgastraße 14-16 | 73630 Remshalden-Grunbach

ISBN: 978-3-940853-59-2

Printed in Germany

Prolog

Ich sehe einen Vogel über dem Fluss. Wie elegant er immer höher schwebt, als wolle er den Himmel erklimmen. Der Fluss fließt ruhig und träge dahin.

Meine Gedanken wandern ans Meer, an das kleine, überfüllte Boot, an die Angst, Frau und Kinder zu verlieren. Ich denke an meine Eltern, die ich in der Heimat zurücklassen musste. Ich weiß nicht mal genau, ob sie noch leben.

Aber ich lebe und meine Kinder und meine Frau auch. Ich habe noch ihre verzweifelten Schreie im Ohr, als wir beim Betreten des schaukelnden Bootes getrennt wurden. Ihre traurigen Blicke, die wie Abschied wirkten.

Ich will diese Gedanken nicht mehr. Ich will nach vorn schauen. Ich habe es bis hierher geschafft und werde noch mehr schaffen. Der Mann, der mich aus dem Getränkemarkt geholt hat, weiß, was er tut. Sicherlich war es lieb von Anett, mir einen Job zu geben, mir einen Anfang im neuen Land zu ermöglichen. Aber der Mann hat mir versprochen, dafür zu sorgen, dass ich irgendwann wieder in meinem Beruf als Krankenpfleger arbeiten kann.

Doch zunächst müsste ich ihm helfen, seine Verpflichtungen schnell zu erledigen.

»Du musst nicht lange als Bettler durch die Städte ziehen«, hat er mir versprochen. »Dann vermittle ich dir einen Job im Krankenhaus.«

Warum kann ich das nicht glauben? Was, wenn er mich doch nur ausnutzt?

Doch jetzt ist es zu spät. Ich habe mich entschieden, dem Mann zu folgen. Ich werde mich auf den Platz setzen, so wie er es will. Ich werde das Schild nehmen und hoffen, dass es der Anfang einer besseren Zukunft für mich und meine Familie ist. In einiger Entfernung sehe ich den Punkt, an dem wir uns treffen wollen. Ich höre einen Straßensänger. Er singt einen Song, den ich von früher kenne, Another Day in Paradisevon Phil Collins. Als ich noch in der Klinik in Damaskus gearbeitet habe, habe ich dieses Lied zum ersten Mal gehört. Ich hatte Arbeit, eine wunderschöne Frau und konnte mir vorstellen, was es heißt, in einem Garten Eden zu leben.

Dann kam der Krieg und das Leben wurde zur Hölle. Eine Hölle, aus der es nur ein Entrinnen gab: Flucht. Sie ist uns gelungen und der Mann wird mir helfen, sie zu einem glücklichen Ende zu bringen.

Oh, er wartet schon auf mich. Gemeinsam mit den anderen Männern, die in seinem weißen Transporter sitzen. Männer, die das gleiche Schicksal tragen. Männer mit Hoffnungen und Wünschen für eine bessere Zukunft. Der Mann wirkt unruhig und nervös.

»Steig ein, wir sind spät dran. Zeit, dass wir nach Bottrop kommen. Dort sollt ihr eure Aufträge erfüllen, verstanden?«

Ich nicke und alle anderen Männer auch.

Dann fahren wir los.

Tag 1

Ein Schuss

Niemand hatte bemerkt, woher der Schuss kam. Der Körper des bärtigen Mannes kippte langsam nach vorn. Blut lief über das Pappschild, das er hochgehalten hatte. ›HUNGER‹ stand darauf.

Schnell hatte sich eine kleine Gruppe Schaulustiger um den Platz gebildet. Die ersten zückten ihre Handys, um ein Bild zu machen. Nur einer kam auf die Idee, den Notruf zu tätigen.

Kurz darauf schwoll das Heulen eines Martinshorns an. Ein blauer Streifenwagen stoppte neben der Menschentraube gegenüber der Hauptpost.

Polizeikommissar Hopp und sein Kollege Singh stiegen aus und bahnten sich einen Weg durch die Menge, die in kürzester Zeit beträchtlich angewachsen war. Sie sahen einen männlichen Körper, der eine eigenartige Seitenlage angenommen hatte und auf einem eingedrückten Schild lag. Von der Stirn lief ein roter, nasser Streifen über das Gesicht und sammelte sich zu einer Lache im Nackenbereich. Der Mann trug ein leichtes Leinenhemd und sein Aussehen ließ auf eine südländische Herkunft schließen.

»Wenn das das Schicksal der Menschen sein soll, die in diesen Tagen nach Deutschland kommen, dann gute Nacht«, meinte Hopp, der auf den ersten Blick sah, dass dieser Mann zu den Menschen gehörte, die in der letzten Zeit auf allen möglichen Wegen in dieses Land gekommen waren. Diese Menschen hatte nur ein Wunsch getrieben: Raus aus ihrem Land, in dem Krieg und Gewalt herrschte. Dafür hatten sie alles riskiert.

Dieser Mann war tot, vermutlich von einer Kugel im Kopf getroffen. Das sahen die beiden Beamten auf einem Blick. Da konnten sie sich den Rettungswagen sparen. Singh sah Hopp an.

»Ein Fall für Bitze und seine Leute?«

Hopp nickte und holte das rot-weiße Flatterband, um den Tatort abzusperren.

Hauptkommissar Udo Bitze saß in seinem Büro und hatte richtig schlechte Laune. Sein Freund und Kollege Dietmar ›Ditze‹ Beckbach war für vier Wochen zu einem Einsatz in den Kosovo geschickt worden. Die Leiterin der Mission war Ute Schröder, Staatsanwältin aus Recklinghausen und seit Kurzem Beckbachs Lebenspartnerin. Bitze wollte dem jungen Glück auf keinen Fall im Wege stehen und hatte Beckbach schweren Herzens seine Zustimmung gegeben.

Als Vertretung für Beckbach war Bitze ein Absolvent der Polizeischule Münster zugewiesen worden. Till von Stiernitz. Schon beim Lesen des Namens hatte Bitze Schlimmes geahnt. Aber es sollte noch fürchterlicher kommen.

Dieser Herr von Stiernitz entpuppte sich in kürzester Zeit als neunmalkluger, arroganter Besserwisser. Gleich am ersten Tag hatte er beim Anblick von Bitzes Supertramp-Poster vom Dortmunder Auftritt 1979 scherzhaft gesagt: »Hat der Herr Hauptkommissar diese Bande in Dortmund gefasst?« Sollte wohl ein Witz sein.

Bitze hatte den Knaben im dunkelblauen Anzug mit seiner Blümchenkrawatte von oben bis unten gemustert und gedacht: »Der hat mir gerade noch gefehlt.«

Es nervte Bitze von Anfang an, dass von Stiernitz ständig an seinem Smartphone herumspielte und Monologe über Paragrafen und Ermittlungsabläufe in ein kleines Diktiergerät sprach. Bitzes letzten Rest guten Willens verspielte von Stiernitz, als er sich weigerte, in Bitzes Panda 141 A zu steigen und stattdessen auf die Vorschriften zur Benutzung von Dienstfahrzeugen hinwies.

»Ich weiß nicht, wie lange ich es mit diesem kleinen arroganten Klugscheißer aushalte«, hatte Bitze am Abend zu seiner Lebensgefährtin Ellen Schrader gesagt, die als Staatsanwältin für das Bottroper Kommissariat zuständig war. »Kommt mit seinem komischen Tesla-Elektroauto vorgefahren und meint, sich über mich lustig machen zu können. Dem werde ich es zeigen.«

Ellen Schrader hatte nur lächelnd den Kopf geschüttelt. Sie kannte Bitze zu gut und wusste, dass es an dieser Stelle müßig war, mit ihm zu diskutieren. Stattdessen legte sie eine alte Supertramp-CD in den Player und wusste genau, dass die Musik ihn schnell besänftigen würde.

Schon klangEven in the quietest moments durch den Raum und Bitze entspannte sich. Ellen Schrader hatte sich schon oft gefragt, warum ausgerechnet Supertramp Bitze dermaßen faszinierte und begeisterte. Da hatte es doch zur selben Zeit jede Menge toller Musikgruppen gegeben. Dire Straits, Eagles, Toto, Sagaund noch viele mehr. Aber auch Ellen, die von Haus aus eher ein Fan von Bob Marley und seiner Reggaemusik gewesen war, hatte mittlerweile eine Liebe zur Musik vonSupertramp entdeckt. Bitze hatte ihr diese Passion für Supertrampeigentlich nie genau erklären können, aber beim allerersten Hören des Mundharmonikaintros vonSchoolhatte es ihn gepackt, die Musik dieser Combo ihn begeistert und fasziniert. Das war bis heute so geblieben, obwohl die Band irgendwann getrennte Wege gegangen war.

Auch an diesem Morgen saßen sich Bitze und von Stiernitz schweigend im Büro gegenüber. Bitze nippte lustlos an seinem Kaffee, den er über alles liebte. Das Telefon klingelte und von Stiernitz wollte abheben.

»Finger weg«, zischte Bitze und griff zum Hörer.

»Wir haben hier eine Leiche«, hörte er die Stimme von Polizeioberkommissar Singh am anderen Ende.

»Wo ist hier?«, fragte Bitze.

»Berliner Platz, in der Nähe des Kaufland-Parkhauses. So wie es aussieht, wurde ein Straßenbettler aus größerer Entfernung erschossen.«

»Gut, wir kommen.« Bitze legte auf.

Von Stiernitz hatte das Gespräch mitgehört. »28. März, 14 Uhr 30«, diktierte er in sein Gerät, »Anruf einer Streife, getötete Person am Berliner Platz.«

Bitze sah ihn missbilligend an und sagte: »Auf geht’s. Nicht quatschen, handeln.«

Ein kleiner Ort im Sauerland

Malerisch schlängelte sich die Lenne durch den kleinen Ort im Sauerland. Auf der neuen Uferpromenade genossen Radfahrer und Fußgänger den ersten lauen Märzabend.

In einer Wohnung an der nahe gelegenen Helmkestraße beobachtete eine Mutter ihre beiden spielenden Kinder. Immer wieder schaute sie dabei zur Uhr, die an der grauen Wand des Zimmers hing und unerbittlich weitertickte. Warum kam Khaled nicht? Am frühen Morgen war er abgeholt worden. Mit einer Kolonne ging es Richtung Ruhrgebiet. Voller Begeisterung hatte er von seinem neuen Job erzählt, der ihnen in kurzer Zeit viel Geld bringen sollte. Endlich werde es aufwärts gehen und irgendwann wären die Gänge zum Jobcenter Vergangenheit. Der Gedanke, zukünftig vielleicht wieder in einem Krankenhaus arbeiten zu können, begeisterte ihn.

»Wenn alles gut geht, können wir uns bald ein eigenes Auto leisten«, hatte Khaled am Vorabend begeistert geschwärmt. Alle Fragen nach der Art seiner Arbeit aber hatte er vehement abgeblockt. Aya war voller Zweifel, aber auch Hoffnung. »Kümmere dich um die Kinder und lass mich nur machen«, hatte er ihr zum Abschied gesagt.

Dann war er aus der Tür verschwunden und sie hörte seine Schritte noch einen Moment im Hausflur nachhallen.

Noch mehr Fragen

Die Szenerie war Bitze mehr als bekannt.

Schaulustige, ein abgesperrter Tatort und mittendrin Doktor Weidenbach, der Leiter des gerichtsmedizinischen Instituts. Von Stiernitz zückte sein Aufnahmegerät und hielt es dem schwergewichtigen Mediziner unter die Nase.

»Was soll das?«, raunzte Weidenbach ihn an.

Bitze schob von Stiernitz zur Seite und warf einen Blick auf den Toten. Ein Mann im besten Alter, mit einer außergewöhnlich braunen Hautfarbe. Mitten in der Stirn hatte er ein hässliches, kleines Loch.

»Ein präziser Schuss«, stellte Weidenbach fest, »das lässt sich auf den ersten Blick schon sagen.«

Bitze schaute sich um. Irgendwo im Umkreis musste der Schütze gestanden haben. Vielleicht auf einem der Balkone der Gebäude gegenüber

»Wer macht so etwas?« Von Stiernitz hatte sich wieder an Bitzes Seite gedrängt. »Schwer, hier ein Täterprofil zu erstellen«, dachte er laut und Bitze befürchtete schon, dass jetzt wieder ein Vortrag über Täterprofiling und moderne Vorgehensweise bei der Verbrechensaufklärung folgen würde. Anscheinend war dies das Einzige, das dem jungen Kommissaranwärter in drei Jahren auf der Fachhochschule beigebracht worden war.

Bitze verließ sich da eher auf seinen Instinkt und reagierte unwirsch auf die Ausführungen seines jungen Kollegen. »Wenn Sie sich nützlich machen wollen, dann nehmen Sie ihr tolles Gerät und fragen die Leute, ob irgendeiner etwas gesehen oder beobachtet hat.«

Von Stiernitz musste sich beeilen, denn die Menschenmenge löste sich so schnell auf, wie sie sich gebildet hatte. Hier gab es nichts mehr zu begaffen.

Bitze verabschiedete sich von Doktor Weidenbach und ging zu seinem Panda. Er rief Ellen Schrader an, die in der Zwischenzeit im Kommissariat angekommen war. In knappen Sätzen schilderte Bitze ihr die Ereignisse.

»Was macht von Stiernitz?«, wollte sie wissen.

»Er ist gerade dabei, mögliche Zeugen zu befragen.«

»Gib ihm eine Chance, Udo«, mahnte sie. »Ich weiß, wie schwer dir das fällt. Aber solange Beckbach nicht da ist, musst du mit ihm auskommen.« Bitze wollte widersprechen, ließ es aber sein.

Von Stiernitz kam zurück. »Keiner hat etwas beobachtet oder gehört. Der Mann ist plötzlich nach vorn gekippt.«

Bitze überlegte. Wer diesen Schuss abgegeben hatte, musste ein verdammt guter Schütze sein und vermutlich ein Präzisionsgewehr mit Zielfernrohr benutzt haben.

»So wie es aussieht, hat der Täter ein Gewehr mit …«, begann von Stiernitz.

»… Zielfernrohr benutzt«, fiel Bitze ihm ins Wort und stieg in seinen Panda.

Von Stiernitz setzte sich neben ihn und diktierte seine Erkenntnisse in das kleine Aufnahmegerät. Er sah nicht, wie Bitze verzweifelt mit den Augen rollte und sein Autokassettenradio bewusst lauter stellte.

Take the long way home erfüllte das Wageninnere und Bitze sang laut mit. Er sah nicht, wie von Stiernitz verzweifelt die Augen verdrehte.

Warten

Aya hatte die ganze Nacht wachgelegen und auf Kha-led gewartet. Bei jedem Geräusch war sie aufgeschreckt, hatte gelauscht, ob sich nicht doch der Schlüssel im Schloss drehte und Khaled zurückkam.

Aber er kam nicht. In der Nacht nicht und auch am nächsten Morgen nicht.

Am Mittag entschloss sich Aya, zur Polizei zu gehen. Sie bat ihre Nachbarin und Freundin Christine, auf die Kinder aufzupassen.

Polizeioberkommissar Lumke betrachtete gerade liebevoll sein Schalke-Poster an der Wand, als Aya die Wache betrat. Zögernd stellte sie sich vor den kleinen Tresen. Lumke sah auf und kam freundlich lächelnd näher.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte er.

Aya sah ihn mit Tränen in den Augen an. »Mein Mann«, stammelte sie, »er ist nicht nach Hause gekommen.«

– So etwas kommt vor, dachte Lumke, und es wäre nicht der erste Mann, der nur noch eben Zigaretten holen ging und von New York träumte. Stattdessen fragte er: »Wann war Ihr Mann denn zuletzt zu Hause?«

»Er wurde am Samstagmorgen abgeholt«, antwortete Aya und dann erzählte sie die ganze Geschichte. Von ihrer Flucht durch halb Europa, dem neuen Job im Ruhrgebiet, dem Transporter, der ihn abholte und auch von seinen Wünschen und Träumen.

Lumke hörte zu und machte sich Notizen.

»Melden Sie sich bitte, wenn Sie etwas von Ihrem Mann hören. Ich werde sehen, was ich für Sie tun kann. Wenn ich etwas erfahre, melde ich mich.«

Lumke sah der Frau nach, als sie die kleine Wache verließ und Richtung Bahnhof ging. Wie es aussah, holte ihn gerade die Flüchtlingsproblematik ein.

Dann setzte er sich an seinen Computer und schrieb eine Mail, die er an die Polizeistationen im Ruhrgebiet schickte.

Janko denkt nach

Holger Janko saß in seinem Transporter und kaute nervös an den Fingernägeln. Im Rückspiegel beobachtete er die Männer, die abgeschlagen und müde wirkten, mit Blicken voller Traurigkeit. Regungslos hingen sie in ihren Sitzen. Ein Platz war leer. Dort hatte bei der Hinfahrt noch dieser Khaled gesessen, der sie mit seinen Geschichten auf der Fahrt bei Laune gehalten hatte.

– Was für ein Scheißtag, dachte Janko. Seine Männer hatten kaum Geld in ihren Schachteln und Tassen gesammelt und dann hatte er noch einen von ihnen verloren.

Aber noch war nicht aller Tage Abend. Er gab den Männern die Schilder mit der Aufschrift ›HUNGER‹ zurück und befahl: »Los, Leute! Zwei Stunden gebe ich euch noch. Strengt euch an! Es kann doch nicht so schwer sein, etwas mehr auf Mitleid zu machen.«

Einer nach dem anderen stieg aus und trottete Richtung Innenstadt.

Auch Holger Janko verließ den Transporter. Schlurfend ging er den Weg zum Kiosk an der Ecke, um sich Zigaretten zu holen. Vor dem Büdchen standen zwei ältere Damen, die sich angeregt unterhielten.

»Stell dir vor, Hilde, am helllichten Tag und auf offener Straße.«

»Das waren bestimmt die Araber, Lisbeth, die sind zu allem fähig.«

»Aber die erschießen doch keine Bettler, und schon gar nicht bei uns in Bottrop.«

»In den Tagesthemenhaben sie gesagt, die Gefahr lauert überall.«

»Wenn das so weitergeht, Hilde, ist man nirgendwo mehr sicher. Bis die Tage, ich gehe nach Hause.«

»Gut geh’n Lisbeth, man sieht sich.«

Janko hatte einige Gesprächsfetzen mitgehört und wartete, bis die beiden Frauen Platz machten. Auch ihn beschäftigte die Frage, wer in Gottes Namen es auf einen aus seiner Betteltruppe abgesehen hatte. Eine Antwort fiel ihm nicht ein. Nachdenklich riss er die Packung auf und zündete sich eine Zigarette an.

Janko haderte mit seinem Schicksal. Warum musste ausgerechnet er mit seiner Truppe nach Bottrop? Warum nicht Dortmund, Essen oder auch Gelsenkirchen? Da gab es bestimmt mehr zu holen. Bottrop hatte zwar ein Alpincenter, aber selbst Karstadt stand hier auf der Abschussliste. Und jetzt hatte irgendein Irrer ihm einen Mann abgeschossen.

Er drückte die halbgerauchte Zigarette aus und ging zum Wagen zurück.

– Egal, dachte er, ein lausiger Flüchtlingspenner weniger auf der Welt. Von denen gab es genug und er würde den leeren Platz im Kleinbus schnell wieder besetzen können.

***

Ellen Schrader saß an ihrem Schreibtisch und drehte einen kleinen, mit Noppen besetzten Ball in ihrer Hand. Nur diese Übung erinnerte sie noch an die schwere Schussverletzung, die sie vor knapp zwei Jahren in Berlin erlitten hatte. Sie lehnte sich in ihrem Schreibtischsessel zurück. Die Wucht der Erinnerung traf sie hart und sie spürte den Schmerz in der Magengegend. Nur weil arabische Banden glaubten, ihre Auseinandersetzungen auf offener Straße führen zu können, hatte sie fast ihr Leben verloren.

»Was ist los?«, fragte Bitze besorgt, als er das Büro betrat.

Mit einem Ruck löste Ellen Schrader sich aus ihrer Schockstarre und lächelte Bitze an. Sie legte den Ball beiseite und stand auf. Zum wiederholten Male wurde ihr bewusst, dass alles wieder in Ordnung war.

»Alles ist gut«, sagte Bitze und legte seinen Arm um Ellens Schulter. Auch für ihn waren die letzten beiden Jahre nicht einfach gewesen und ihre Beziehung hatte des Öfteren auf dem Prüfstand gestanden. Sie waren sich vorgekommen wie zwei Schiffe, die auf dem Meer in einen Sturm geraten waren und keinen Leuchtturm ausmachen konnten. Aber schließlich hatten sie gemeinsam den rettenden Hafen erreicht. »Hat Becki sich eigentlich mal gemeldet?«, wollte Bitze wissen, aber Ellen Schrader schüttelte nur den Kopf.

Sie wusste, wie sehr Bitze seinen langjährigen Partner vermisste. Ellen Schrader vermied es bewusst, das Thema ›von Stiernitz‹ anzuschneiden, der im Nebenraum seine Ermittlungserkenntnisse in sein Aufnahmegerät diktierte.

Stattdessen zeigte sie Bitze eine Mail, die aus dem kleinen sauerländischen Ort Letmathe stammte. Dort hatte eine Frau ihren Mann als vermisst gemeldet, der augenscheinlich mit einer Arbeiterkolonne im Ruhrgebiet unterwegs war.

»Du denkst …«, Bitze schaute Ellen Schrader nachdenklich an und dabei bildete sich eine kleine Falte auf seiner Stirn. Sie liebte diesen Gesichtsausdruck. »Aber nicht mit von Stiernitz«, fügte er schnell hinzu. »Wo ist denn dieses Letmathe?«

Ellen Schrader hatte sich daran erinnert, dass sie während des Studiums einen guten Kontakt zu Helene Kurz aus Letmathe hatte. Nach Beendigung des Studiums hatten sie sich leider aus den Augen verloren. Aber zu ihrer großen Freude hatte Ellen festgestellt, dass die Telefonnummer ihrer ehemaligen Kommilitonin noch stimmte. Helene war überrascht, aber auch erfreut gewesen, nach langer Zeit von Ellen Schrader zu hören. Schrader hatte ihr den Fall geschildert und sich Notizen zum Ort gemacht. Leider würde sie es nicht schaffen, nach Letmathe zu kommen, aber sie beschlossen, sich in nächster Zeit mal wieder zu treffen.

Ellen las Bitze vor, was sie sich im Gespräch notiert und auf der Homepage der Stadt Iserlohn gefunden hatte.

»Letmathe ist ein Stadtteil von Iserlohn. Die Stadt Iserlohn liegt im Nordwesten des Sauerlandes und gehört zum Märkischen Kreis. Rund 26000 Einwohner leben im gesamten Stadtteil. Als ehemals eigenständige Stadt verfügt Letmathe über eine großzügige Innenstadt, die zum Einkaufen und Bummeln einlädt. Dazu gibt es eine Vielzahl an kulturellen und historischen Einrichtungen und Erholungsgebieten. So, jetzt weißt du alles, mein Lieber.«

Am nächsten Tag würde Bitze dort hinfahren und sich ein eigenes Bild von diesem Letmathe machen.

»Feierabend!«, lachte er und freute sich auf den Abend mit Ellen und einem Fläschchen Pottsin Kirchhellen. Dazu Musik vonSupertrampund das Leben konnte nicht schöner sein.

Ellen Schrader sah Bitze an und wusste genau, was er dachte. »Du hast recht«, sagte sie und hakte sich bei ihm unter.

»Der Letzte macht das Licht aus und schließt ab«, riefen sie lachend, als sie an von Stiernitz’ Schreibtisch vorbeigingen. Der rollte nicht zum ersten Mal an diesem Tag mit den Augen und sinnierte darüber nach, wie weit doch die Lehren der Dozenten an der Fachhochschule von der Realität entfernt waren. Vor allem hier in Bottrop.

***

Am anderen Ende der Stadt sammelte Janko seine Männer ein. Keiner ahnte, dass ein Zielfernrohr auf sie gerichtet war. 500 Meter entfernt krümmte sich ein Finger.

Plötzlich ein Bellen und der Finger glitt vom Abzug.

Das Zielfernrohr schwenkte von den Männern weg. Nur noch ein leises Fluchen, von lautem Gebell übertönt, war zu vernehmen. Am Himmel zogen schwarze Wolken auf. Bestimmt würde es in der Nacht Regen geben.

Aya

Aya saß verzweifelt in ihrer Wohnung. Wieder war ein Tag vergangen und sie hatte nichts von Khaled gehört.

»Wann kommt Papa?«, fragten die Kinder und sahen sie mit ihren großen braunen Augen an. Aya hatte keine Antwort parat.

Khaled war von Anfang an ihr Traummann gewesen. Sie waren noch Kinder, als sie sich kennenlernten und er war die erste und einzige große Liebe ihres Lebens. Diese Liebe und ihr gemeinsames Leben hatten wie ein Märchen begonnen, bis Hass und Krieg ihre hässlichen Fratzen zeigten und alles zu zerstören drohten. Am Ende konnten sie nur noch ihr nacktes Leben retten, aber Khaled war immer an ihrer Seite geblieben. Würde er jemals wieder zurückkommen?

Sie waren so glücklich, als sie vor einem Jahr unter großen Strapazen das Flüchtlingslager in Syrien verließen und nach einer Irrfahrt durch halb Europa schließlich im kleinen Örtchen Letmathe gelandet waren.

Aya hatte zum ersten Mal wieder ein Gefühl gespürt, zu Hause zu sein. Khaled bekam einen Job im Getränkemarkt. Der Verdienst war gering, aber reichte für das Nötigste. Anett, die Chefin des Marktes, hatte ihnen sehr geholfen. Sie war nett, hilfsbereit und stand ihnen von Anfang an mit Rat und Tat zur Seite. Anett war ein guter Mensch. Aya hatte bis dato viele schlechte Menschen kennengelernt.

Eines Abends hatte Khaled dann von Holger erzählt. Holger versprach ihm einen neuen Job mit erheblich besserem Einkommen und lockte ihn mit vielen anderen blumigen Versprechungen.

»Wer ist dieser Holger?«, hatte Aya gefragt.

»Ich habe ihn im Laden kennengelernt. Er vermittelt gute Jobs im Ruhrgebiet. Leichte Arbeit mit hohem Verdienst. Wenn ich seine Aufträge gut erledige, will er mir einen Job in einem Krankenhaus besorgen. Dann könnte ich das tun, was ich gelernt habe«

Aya sah ihn lange an. »Aber du hast doch einen guten Job.«

»Guter Job?« Khaled war wütend aufgestanden. »Den ganzen Tag schleppe ich Getränkekisten. Bier, Wasser, Limo, Cola, dann wieder Bier. Damit ist jetzt Schluss.«

Aya wollte etwas erwidern, doch Khaled hatte längst das Zimmer verlassen.

Am nächsten Morgen erfuhr sie von Anett, dass Khaled gekündigt hatte.

Kleingartenanlage Nappenfeld

Erwin Orlowski liebte seinen Kleingarten. Kurz nach seiner Pensionierung hatte er sich eine Parzelle in der Anlage Nappenfeld gesichert.

Seitdem verbrachte er fast jeden Tag in der Eichendorffstraße. Als ehemaliger Kumpel war es für ihn ein Leichtes gewesen, dort ein kleines Gartengrundstück zu bekommen. Die Bergbau-AGNeue Hoffnunghatte dafür gesorgt, dass es die Kleingartenanlage überhaupt noch gab. Etwas versteckt im Grünen hatten sich viele ehemalige Zechenkumpel ein Stück Garten gesichert.

Orlowski pflegte guten Kontakt zu den anderen Hobbygärtnern und an den Veranstaltungen im Vereinsheim nahm er gern teil, obwohl die idyllische Anlage langsam aber sicher in die Jahre gekommen war. Aber das störte Orlowski nicht. Wenn im Frühjahr die Blüte der Obstbäume begann, Magnolien und Forsythien ihre Pracht entfalteten, genoss Orlowski jede Minute in seiner grünen Oase zwischen den dichten, hohen Bäumen.

Vor einem Jahr hatte er mit der Haltung und Zucht von Kaninchen begonnen und voller Freude begleitete er die Entwicklung der prächtigen Tiere mit ihrem samtenen Fell und den langen Ohren.

Am Vortag waren plötzlich drei Männer auf dem Grundstück seines Nachbarn Theo Bickel aufgetaucht.

– Komisch, dachte Orlowski, Theo hat mir gar nicht erzählt, dass er Besuch erwartet. Wo war Theo überhaupt?

Unruhe überfiel ihn und er beschloss, sich diesen Besuch näher anzusehen.

Knoten-Jürgen

Khaled war nun schon seit drei Tagen verschwunden. Am Nachmittag hatte Anett ihre Freundin Aya besucht. Ayas gerötete Augen sagten alles über ihren Gemütszustand.

»Du weißt wirklich nichts über den Job, den dieser Holger deinem Mann angeboten hat?« Anett machte sich Sorgen um die junge Syrerin, die mit ihrem Lächeln und ihrer positiven Ausstrahlung die Herzen der meisten Mitmenschen im Sturm eroberte. »Ich kenne einen Mann, der Flüchtlinge in Hemer betreut. Vielleicht kann der uns weiterhelfen.

»Wie sollte er das tun?«, murmelte Aya. »Selbst die Polizei kann mir nicht helfen.«

»Ich rufe ihn an, dann wissen wir mehr.«

Anetts Bekannter hatte gespannt zugehört. Aktuell war ihm aber nichts über illegale Geschäfte mit Flüchtlingen in Hemer und Umgebung bekannt. Probleme vor Ort gab es allerdings reichlich und man hatte Mühe, die vielen Menschen, die nach und nach ins Land strömten, zu versorgen und unterzubringen. Er wollte und konnte es auch nicht ausschließen, dass Geschäfte mit den hilfesuchenden Menschen gemacht würden.

***

Zur gleichen Zeit saßen drei Männer in einem kleinen Gartenhäuschen in Bottrop. Typen wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Kalle Schlöpp. Klein, untersetzt, drahtig. Kalle wirkte ungepflegt, dunkle Bartstoppeln im markanten Gesicht mit der vorstehenden Kinnspitze. So ein Kinn hatte in Bottrop nur Aldo Velotti gehabt. Der umtriebige Börsenspekulant war aber seit einigen Jahren tot.

Kalle hatte sich schon als Kind für alte Autos begeistert. Wenn die anderen Kinder ins Freibad gingen, war Kalle in der Werkstatt des alten Kumpinski und schraubte Motorblöcke auseinander. Es gab kein Fahrzeug, dessen Innereien Schlöpp nicht kannte. Mit sechzehn konnte er jedes Auto in weniger als fünf Minuten knacken. Zum 18. Geburtstag gönnte Kalle sich eine Fahrt in einem Jaguar XK, den er in der Lortzingstraße entdeckt hatte. Kalle erkannte aber schnell, dass das Knacken und Zerlegen von Autos zum reinen Vergnügen niemals zu Reichtum führen würde. Aber Kalle wollte reich werden.

»Reich sein, Geld satt, alles kaufen, was man noch nicht hat.«

Irgendwann hatte Kalle Schlöpp diese Zeilen in einem Lied der Rockgruppe ZOFFgehört und zu seinem Lebensmotto gemacht. Mit Wimmer und Brolle war er nun auf dem Weg zum Reichtum.

Ansgar Brolle war das totale Gegenteil von Kalle Schlöpp. Lang, hager und dünn. Der Typ Bohnenstange, wie Bitzes Mutter zu sagen pflegte, wenn sie solche Männer sah: ›Denen kannst du das Hallelujah durch die Rippen blasen.‹ Die Nase setzte den Akzent in Brolles Gesicht, verlieh ihm etwas Raubvogelartiges. Oberhalb dieser Nase residierten zwei kleine, schlitzförmige Augen, denen nichts entging.

Die meiste Zeit blickten diese Augen auf den Bildschirm eines PCs, denn Brolle war ständig im Netz unterwegs. Das war sein Zuhause und er kannte alle Kniffe und Tricks. Das Internet ist ein perfektes Instrument für Recherchen, das Anzapfen von Datenschätzen und die Pflege von Kontakten. Das Netz hat aber auch eine dunkle Seite. Diese dunkle Seite hatte Brolle sich längst zunutze gemacht.

Recht früh hatte er gelernt zu programmieren. Nach und nach hatte er seine Hackerfähigkeit perfektioniert. Alle Programmiersprachen waren ihm geläufig. Brolle lernte, Probleme des Programmierens in einer allgemeinen Form zu betrachten, unabhängig von der jeweiligen Umsetzung in die verschiedenen Sprachen. Um ein echter Hacker zu werden, musste er an den Punkt gelangen, eine neue Sprache innerhalb von Tagen zu lernen und den Inhalt eines Handbuchs direkt zu dem in Beziehung zu setzen, was er bereits wusste.

Ansgar Brolle hatte sich viele verschiedene Ansätze, sprich Programmiersprachen, verfügbar gemacht, sei es C, LISP, Perl oder Java. Er wusste was zu tun war, (a) Programmcode lesen und (b) Programmcode schreiben. Programmieren zu lernen ist, wie in einer natürlichen Sprache gut schreiben zu lernen. Der beste Weg ist es, einen Code zu lesen, der von Meistern der Programmierung geschrieben wurde, und dann etwas selber zu schreiben, wieder jede Menge zu lesen und ein bisschen zu schreiben, wieder lesen und diesmal mehr zu schreiben … und dies alles so lange zu wiederholen, bis man beginnt, Stärken und Effizienz in seinen Arbeiten zu entwickeln. Diesen Weg war Brolle gegangen und hatte es zur Perfektion entwickelt. Nicht von ungefähr nannten ihn seine Freunde The Brain.

Aber beide waren nichts gegen den Anführer der Gruppe, Knoten-Jürgen.

Sein richtiger Name lautete Jürgen Wimmer, aber alle nannten ihn nur Knoten-Jürgen. Schon als Jugendlicher liebte Wimmer Krawatten, was ihn von allen anderen Jugendlichen unterschied. Er hatte es allerdings nie gelernt, einen korrekten und vorbildlichen Knoten zu binden. Sein Krawattenknoten geriet immer zu dick, sodass am Ende nur ein winziges Stückchen Schlips an seiner Brust baumelte, wobei er die längere hintere Seite ins Hemd stopfte.

Wimmer konnte sich über mangelndes Körpergewicht nicht beklagen und erinnerte jeden, der ihn sah, an Calli Calmund, den legendären Fußballmanager. Ein Mann ohne Bauch ist ein Krüppel, war sein Lieblingsspruch und Wimmer war in dieser Hinsicht alles andere als ein Krüppel. Er war klein, fett und sein Kopf saß unbeweglich auf einem dicken Hals. Die Krawattenspitze unter dem dicken Knoten lappte auf den Oberbauch.

– Ein Buddha im Anzug, dachte Ansgar Brolle, als er Wimmer so dasitzen sah. Er würde es aber niemals wagen, so etwas laut zu sagen. Brolle wusste, dass Jürgen Wimmer eiskalt, gnadenlos und brutal war. Ein Mann, der nicht fragte, sondern zuschlug. In Bottrop gab es keinen Menschen, der ihm so viel Angst machte wie Wimmer. Auch wenn er äußerlich wie ein dicker, gemütlicher Onkel aussah.

Am Vorabend hatte Knoten-Jürgen dem alten Mann, dem das Gartenhaus gehörte, mit einem Spatenhieb den Schädel gespalten, und in der Nacht hatten sie den Toten hinterm Haus verscharrt. Noch immer hatte Brolle diese Bilder vor Augen und längst beschlossen, alles zu tun, was Wimmer von ihm verlangen würde.

Knoten-Jürgen fixierte seine Partner und ergriff das Wort: »Männer! Die Zeit ist reif für etwas Großes und das gehen wir jetzt an. Also sperrt die Ohren auf!«

Tag 2

Bitze goes to Sauerland

Bitze war mit seinem Panda auf der A45 unterwegs und überlegte, wann er zuletzt in Richtung Frankfurt gefahren war. Bis auf ein paar Abstecher nach Norderney zu seinem Freund Erik Visser hatte er die letzten Jahre in Bottrop und Umgebung verbracht. Er genoss nach Feierabend das Landleben mit Ellen Schrader in Kirchhellen und war zufrieden. Take the long way home. Dieser Titel von Supertramp passte dazu.

Vor ein paar Jahren war das noch ganz anders gewesen. Udo Bitze war damals ein ruheloser und eigensinniger Einzelgänger gewesen. Er war durch seinen Starrsinn immer wieder in die Mühlen der Bürokratie geraten.

»Warum krieg ich immer einen vorn Kopp?« Wie oft musste sich seine Mutter diese Frage anhören.

Nach Jahren im Streifendienst hatte Bitze irgendwann die Hoffnung aufgegeben, in den höheren Dienst der Polizei zu kommen. Als dann noch der verhängnisvolle Streifengang in der Nacht zum 1. Mai dazukam, sah er sich schon als Kartenknipser im Alpincenter.

Wochenlang hatte sein Fall die Behörden beschäftigt und nach Nächten quälender Ungewissheit durfte er schließlich wieder seinen Dienst aufnehmen.

Aber der Albtraum blieb. Nacht für Nacht. Die Dienstwaffe in seiner Hand und das Messer am Hals seines Kollegen. Sein Kollege, der ihn hilfesuchend anstarrte und hinter ihm dieser junge, wirre Typ, der die Haut am Hals mit seinem Messer schon leicht angeritzt hatte. Bitze hatte immer wieder gewarnt: »Pack das Messer weg und nimm die Hände hoch oder ich schieße!« Immer wieder weckte ihn sein eigener verzweifelter Schrei. Er hatte geschossen.

Der Reporter Bruno Kemmerling, Bitzes langjähriger Freund, hatte ihn schließlich überzeugen können, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Auf diesem Wege hatte Bitze sich langsam erholt, als ihn der nächste Schicksalsschlag traf.

»Ich ziehe aus!« Drei Worte, die seine Frau Rebekka ihm eines Abends an den Kopf warf.

Bitze hatte gelacht, als sie mit dem Koffer in der Hand an ihm vorbeigegangen war. Die Tür fiel ins Schloss und er war weinend zusammengebrochen. Am nächsten Tag stand er wieder vor der Tür von Doktor Robert.

Bitze war so in Gedanken vertieft, dass er am Autobahnkreuz Hagen beinahe die Ausfahrt Richtung Iserlohn verpasst hätte. Er bog ab und Wehmut überkam ihn, als er an den leckeren Gerstensaft dachte, den er jahrelang von dort bezogen hatte. Aber auch Bitzes Bierkonsum hatte die Iserlohner Brauerei nicht retten können. Aus die Maus, und so war den Iserlohnern nur ihr Eishockeyklub geblieben, der aber immer wieder für Furore sorgte und nicht eher aufgeben würde, bis die Meisterschale im Trophäenschrank des Vereins stehen würde.

Zur selben Zeit in Bottrop

Knoten-Jürgen sah seine Kumpane lange an. »Ich meine das richtig große Geld.«

»Was machen wir dann noch in dieser lausigen Gartenbude?«, unterbrach ihn Schlöpp.

Jürgens Blick traf ihn wie ein Pfeil und er schwieg auf der Stelle.

»Für meine Pläne brauche ich einen Ort, an den wir uns ungestört zurückziehen können und da ist diese Hütte genau das Richtige. Überlegt mal, wie viele Kleingartenanlagen es hier in Bottrop gibt? Und diese hier ist schön versteckt am Rande der Stadt. Hier kommt so schnell niemand hin.«

»Aber wenn andere Gärtner hier auftauchen, weil sie den Alten vermissen«, wagte Ansgar Brolle zu fragen.

»Der Alte ist mein Onkel und besucht seinen Bruder in Australien. Er hat mich gebeten, ein wenig auf seinen Garten aufzupassen. Merkt euch diese Version, wenn euch jemand anspricht.«

»Und was sagen wir, wenn Verwandte des Alten hier aufkreuzen?« Schlöpp nahm allen Mut zusammen, um diese Frage zu stellen. Er konnte zwar jedes Auto auseinandernehmen und wieder zusammenbauen, aber vor Wimmer hat er Angst.

Knoten-Jürgen lächelte. »Ich habe mich erkundigt. Der hat keine Verwandten. Er war ein alter, einsamer Mann, den niemand vermissen wird.«

Schlöpp und Brolle nickten zustimmend. Wimmer würde schon wissen, was er tat.

Knoten-Jürgen schaute von einem zum andern und sagte: »Also, Freunde, es geht um Autos. Nicht irgendwelche Autos, sondern Luxusschlitten, die man nicht so oft auf der Straße sieht: Maserati, Jaguar, Bentley, Mercedes, Audi , BMW … diese Kategorie.«

Schlöpps Gesicht nahm einen eigenartigen Glanz beim Erklingen dieser Zauberworte an. Mit diesen Automarken kannte er sich aus und hatte sich schon seit Jahren darauf spezialisiert.

»Ich habe da einen Mann kennengelernt, der stinkreiche Geschäftspartner in Osteuropa hat. Diese Leute sind ganz heiß auf diese Karren und wir werden sie ihnen liefern.«

»Wie soll das gehen?« Brolle schwor sich, dass das die letzte Frage war, die er Wimmer stellen würde.

Knoten-Jürgen stand langsam auf. »Genau das werde ich euch jetzt erklären. Hört mir genau zu.«

Letmathe

Bitze verließ die Autobahn an der Anschlussstelle Letmathe und rollte langsam die Ausfahrt hinunter.

– Schön grün hier, dachte Bitze und bog rechts Richtung Innenstadt ab.