Gründlich abgetaucht - Jürgen Seibold - E-Book

Gründlich abgetaucht E-Book

Jürgen Seibold

4,4

  • Herausgeber: Silberburg
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2012
Beschreibung

Im neuen Seibold geht es um einen bizarren Mordfall vor der beschaulichen Kulisse von Esslingen. Wer auch immer Markus Clarsen getötet hat, muss ihn abgrundtief gehasst haben. Denn sein Mörder hat ihn gefesselt, auf dem Neckar kielgeholt und frühmorgens für alle sichtbar auf der Maille liegen gelassen. Bestatter Gottfried Froelich ist mit der Beerdigung des unglücklichen Opfers betraut und beginnt, sich für dessen Vergangenheit zu interessieren. So bekommt er es nicht nur mit einer smarten Kommissarin, dem Landstreicher KP und der schon bekannten Rechtsmedizinerin Zora Wilde zu tun, sondern auch mit den Streitigkeiten, die das Klima in der Esslinger Bürgerschaft vergiften. Da opponieren Fischer gegen Bootsverleiher, Anwohner gegen die Verantwortlichen des Stadtmarketing - und eine geheimnisvolle Gestalt macht aus den beliebten Gespensterführungen für Touristen einen echten Horrortrip. Froelich erfährt bei seinen Nachforschungen erschütternde Geheimnisse aus den Leben der Betroffenen: Leidenschaft, Verrat und Tod scheinen ihr Schicksal zu bestimmen. Aber erst beim Showdown am Neckarufer fügen sich alle losen Fäden zusammen.

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Seitenzahl: 339

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Jürgen Seibold

Gründlich

abgetaucht

Ein Baden-Württemberg-Krimi

Jürgen Seibold, 1960 geboren und mit Frau und Kindern im Rems-Murr-Kreis zu Hause, ist gelernter Journalist und arbeitet als Buchautor. Im Silberburg-Verlag sind von ihm bisher mehrere Regionalkrimis, die Stuttgart-Komödien »Bloß keine Maultaschen« und »Das Maultaschen-Komplott« sowie das Sachbuch »Baden-Württemberg scharf« erschienen.

© 2012 by Silberburg-Verlag GmbH,Schönbuchstraße 48, D-72074 Tübingen.Alle Rechte vorbehalten.Covergestaltung: Christoph Wöhler, Tübingen.Coverfoto: © Chris Downie – iStockphoto.Lektorat: Michael Raffel, Tübingen.

E-Book im EPUB-Format: ISBN 978-3-8425-1516-1E-Book im PDF-Format: ISBN 978-3-8425-1517-8Gedrucktes Buch: ISBN 978-3-8425-1187-3

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Dienstag, 25. Oktober

Gottfried Froelich stand in der Haustür und sah Inge nach, bis ihr Wagen in die Geiselbachstraße eingebogen war und leicht ruckelnd davonfuhr.

Eine Weile blieb er noch stehen, blinzelte in die Oktobersonne, dann schlurfte er gemächlich zu der Ente hinüber, die neben dem Leichenwagen im Hof stand. Ein Freund Sanfftlebens, ein arbeitsloser Automechaniker, hatte den Wagen wieder in Schuss gebracht, und Froelich genoss seither die Ausfahrten mit dem altmodischen Gefährt.

Mit seinem stattlichen Gewicht an Bord neigte sich der Wagen zwar in jeder Kurve spektakulär nach außen, aber das erhöhte Froelichs Freude an der alten Karre nur noch mehr. Also wendete er die Ente umständlich im Hof und fuhr los, zu einem seiner aktuellen Lieblingsplätze hoch oberhalb der Stadt. Wenig später stand er, den Segelflugplatz im Rücken, an einer kleinen Feldwegkreuzung und schaute aufs Neckartal hinab. Die Esslinger Innenstadt wurde von einigen Büschen und Bäumen verdeckt, doch die Fildern gegenüber und die Häuser an den Hängen waren gut zu sehen. Alles schien im kräftigen Orange der Nachmittagssonne zu dösen und den warmen Tag so spät im Jahr auskosten zu wollen.

Seit einigen Wochen leitete Gottfried Froelich nun das Institut Sanfftleben in der Beutauvorstadt. Über Monate hinweg hatte er sich ein paar Mal mit dem Vorbesitzer getroffen, seinem älteren Kollegen, mit dem er befreundet war. Und schließlich hatten sie die Übernahme des Instituts durch Froelich für den Jahreswechsel verabredet. Aber am Ende war dann doch alles sehr schnell gegangen.

Sanfftleben, der nach dem Selbstmord seines Sohnes vor ein paar Jahren plötzlich ohne Nachfolger dagestanden hatte, holte sich eine Lungenentzündung, Froelich sprang kurzfristig für ihn ein – und als der alte Bestatter wieder halbwegs auf dem Damm war, wollte er für die verbleibenden rund drei Monate bis zur geplanten Übergabe die Leitung des Instituts gar nicht mehr übernehmen. Inzwischen schien er sehr damit zufrieden, noch ein wenig mitzuhelfen, aber keine Verantwortung mehr für das Geschäft zu tragen.

Inge organisierte den Umzug von Besigheim, wo sie zuletzt in der dortigen Niederlassung des Bestattungsinstituts Fürchtegott Froelich & Söhne eine kurze, aber glückliche Zeit miteinander verbracht hatten. Froelich, der sich währenddessen um die Esslinger Geschäfte kümmern musste und darum, dass das Besigheimer Institut einen fähigen neuen Leiter bekam, war ihr dabei keine Hilfe. Und als sie ihm vor einer Woche eröffnete, dass sie einen Reportageauftrag angenommen habe, für den sie gut eine Woche lang unterwegs sein würde, konnte er ihr das schlecht ausreden.

Sie hatte sich die Auszeit allemal verdient, und Froelich hatte das Blitzen in Inges Augen völlig zu Recht als begeisterte Vorfreude auf die Recherche gedeutet.

Langsam zuckelte er mit seinem Wagen wieder zurück ins Tal hinunter. Mit breitem Lächeln ließ er sich durch die Serpentinen der Wiflingshauser Straße schaukeln, fuhr dann noch einige überflüssige Kurven kreuz und quer durch die Randbezirke der Stadt und bog schließlich wieder auf den Hof des Instituts ein.

Hunger hatte er, aber keine Lust zu kochen. Noch war es ein wenig früh für ein Abendessen, also sortierte er weitere Leichenhemden aus, die Sanfftleben schon viel zu lange in den Schubladen in seinem Büro aufbewahrt hatte. Das würde ihn vom Hunger ablenken, bis sein neues, nur ein paar Schritte vom Institut entferntes Stammlokal öffnete.

Auch Markus Clarsen genoss den Tag. Er bummelte Überstunden ab, ergatterte in einem Café in der Esslinger Altstadt einen schönen Fensterplatz, aß zum Cappuccino ein Stück Käsekuchen und ließ sich dabei die erfreulich intensive Sonne auf die Halbglatze scheinen.

Lässig blätterte er in der Tageszeitung und sah nach, ob es sich lohnte, noch zum Kino hinüberzugehen. Keiner der Filme interessierte ihn sonderlich, also machte er sich lieber auf den Weg in die Webergasse, wo er sich von Zeit zu Zeit in einem kleinen, netten Ristorante ein Nudelgericht schmecken ließ.

Auch der weitere Abend verlief zunächst ohne nennenswerte Zwischenfälle. Auf dem Weg zurück wurde er beim Alten Rathaus von zwei Jugendlichen angerempelt, die aber keinen Streit suchten, sondern mit halbleeren Wodkaflaschen einfach schon etwas unsicher auf den Beinen waren.

An der Inneren Brücke sah er kurz zu einer Dachwohnung hinauf: Es brannte kein Licht, Lisa war wohl nicht zu Hause. Neben der kleinen Kapelle in der Mitte der Brücke blieb er stehen und blickte noch eine Zeitlang hinunter auf die Maille: Der Park mit seinen großen Bäumen versank allmählich in der Dunkelheit, links begrenzt vom Roßneckarkanal, rechts vom Wehrneckar und im Hintergrund vom vielbefahrenen Altstadtring. In einem spontanen Entschluss tänzelte Clarsen eine der Treppen von der Brücke herunter. Unten angekommen, sah er sich nach allen Seiten um, damit sich seine Augen vor dem Gang durch den Park an die Dunkelheit gewöhnen konnten.

Da kam jemand vom Roßneckarkanal her auf ihn zu, mit schnellen Schritten, das Gesicht vor Wut verzerrt – der letzte Mensch, den Markus Clarsen vor seinem Tod sah.

Mittwoch, 26. Oktober

Das Klingeln drang nicht gleich zu ihm durch, aber schließlich schleppte sich Gottfried Froelich in den Flur zum Telefon und meldete sich mit etwas heiserer Stimme.

»Sanfftleben hier. Es gibt Arbeit, Herr Kollege.«

Zehn Minuten später schob sich Froelich hinter das Steuer des Leichenwagens, faltete noch einmal den Stadtplan auf, um auch ja gleich die Zufahrt zur Maille zu finden. Bald rollte er langsam auf die niedrige Durchfahrt unter der Inneren Brücke zu. »Zufahrt zu privaten Stellplätzen frei«, stand unter dem Schild mit Mutter und Kind; der Fußgängerweg unter dem sehr niedrigen Brückenbogen hindurch schien also entgegen dem ersten Eindruck doch für Autos befahrbar zu sein. Froelich ließ das Seitenfenster herunter und beugte sich hinaus, dann rollte er langsam mit dem Leichenwagen unter die Brücke und sah die ganze Zeit über skeptisch auf die alten Steine direkt über dem Wagendach.

Immerhin – es reichte, und als Froelich den Leichenwagen gleich nach der Brücke ein wenig zur Seite lenkte und dort abstellte, wo er die Polizei vermutlich nicht bei der Arbeit stören würde, herrschte an diesem nordwestlichen Ende des Stadtparks bereits reger Betrieb.

Der Park selbst war so früh am Morgen noch nicht allzu belebt, aber zu Füßen der Inneren Brücke, dort, wo eine steinerne Rampe in den Roßneckarkanal hinein dazu diente, Boote zu Wasser zu lassen, standen und hockten eine ganze Reihe Männer und Frauen beisammen, umgeben von rotweiß-gestreiftem Trassierband. Das brusthohe Gittertor, das den Weg zur Rampe üblicherweise versperrte, stand weit offen. Auf dem Wiesenstück daneben stand ein Mann in weißem Overall und fotografierte.

Froelich knöpfte die schwarze Anzugjacke zu, die er aus dem Schrank gezogen hatte, und marschierte auf die Gruppe zu. Ein uniformierter Polizist, der ihn bei der Fahrt durch den Brückenbogen beobachtet und aus dem Leichenwagen hatte kommen sehen, hob das Trassierband für ihn an und deutete mit dem Kopf knapp in Richtung des offenstehenden Gittertors.

Doch noch bevor Froelich der angedeuteten Einladung folgen konnte, löste sich ein großer, sehr hagerer Mann aus der Gruppe an der Rampe und kam auf ihn zu. Richard Sanfftleben war optisch exakt das, was man sich gemeinhin unter einem Bestatter vorstellte. Er wirkte asketisch, hielt seinen mageren Körper stocksteif aufrecht, und der schlohweiße Haarkranz um die glänzende Glatze und die buschigen Augenbrauen bildeten einen schönen Kontrast zum schwarzen Anzug und dem schwarzen Mantel, die übergroß an der knochigen Gestalt des Mannes hingen.

Dabei war Sanfftleben im Privaten ein sehr lustiger Mensch, wie Froelich von den langen gemeinsamen Abenden in dessen Stammkneipe, dem kleinen Rosenhäusle, wusste – und wer ihm in die listig funkelnden Augen sah, konnte das auch an diesem Morgen erkennen.

»Was ist denn hier los?«, fragte Froelich, als der Vorbesitzer seines neuen Instituts ihn erreicht hatte.

»Mord, würde ich sagen«, raunte Sanfftleben seinem Nachfolger zu. »Markus Clarsen heißt der Mann, und eines natürlichen Todes ist er nicht gestorben.«

»Hm«, machte Froelich, weil er daran gewöhnt war, dass er in beruflichen Gesprächen am besten damit fuhr, wenn er einfach abwartete und Geduld bewies. Aber Sanfftleben machte keine Anstalten weiterzureden und sah stattdessen aufmerksam zum Kanal hin. Er hatte eine Tageszeitung aufgerollt, die er nun unablässig in den Händen knetete.

»Kannten Sie diesen Clarsen?«, fragte Froelich nach einer Pause.

Sanfftlebens Kopf ruckte herum.

»Warum fragen Sie?«

»Na, Sie haben gerade seinen Namen genannt.«

»Ich … nein, den Namen hab ich von der Polizei. Der Tote hatte seine Brieftasche noch einstecken.«

Froelich musterte seinen Kollegen, aber der hatte sich wieder gefasst und wirkte ruhig wie zuvor.

»Und warum wurden gerade wir gerufen?«

Zuletzt war es im Institut Sanfftleben eher ruhig gewesen, weil die meisten Beerdigungen in der Stadt von den beiden anderen Bestattern ausgerichtet wurden. Sanfftleben hatte das Geschäft etwas schleifen lassen, und Froelich hatte noch nicht genug Kontakte geknüpft, um den Laden wieder in Schwung zu bringen.

»Ich …« Ein kurzes Grinsen huschte über Sanfftlebens Gesicht. »Ich war zufällig gerade in der Nähe.«

Sanfftleben war über siebzig, sah aber jünger aus – solange er nicht den Mund so weit öffnete, dass seine gelblich verfärbten Zähne sichtbar wurden.

»Zufällig?«

»Ja«, sagte Sanfftleben und lächelte Froelich fast entschuldigend an. »Ich schlafe seit ein paar Jahren nicht mehr so gut.«

Froelich vermutete, dass das seit dem Selbstmord von Sanfftlebens Sohn so war, und fast tat ihm seine Frage leid. Aber der alte Bestatter sprach in ruhigem Tonfall weiter.

»Am meisten erfrischt es mich, wenn ich sehr früh am Morgen einfach kreuz und quer durch die Stadt spaziere.«

Froelich schlief auch oft schlecht, aber auf die Idee, deswegen nachts durch Esslingen zu wandern, war er noch nicht gekommen. Er sah zu seinem mächtigen Bauch hinunter und dann zu seinem mageren Kollegen hinüber. Vielleicht sollte er es doch einmal probieren. Obwohl … laufen? Und dann noch so früh am Morgen? So sehr störte ihn sein Übergewicht dann doch nicht.

»Und als ich gegen halb fünf hier durch die Maille ging, sah ich eine Frau auf der Treppe von der Inneren Brücke herunterkommen. Sie hatte einen Hund dabei und schlenderte ein paar Minuten lang am Fuß der Brücke entlang. Als ich den Steg vor dem Café dort drüben« – er nickte mit dem Kopf auf die andere Seite des Parks – »erreicht hatte, hörte ich einen gellenden Schrei. Ich rannte her und sah die Frau mit hängenden Armen stehen. Sie stand vor dem sperrangelweit offenen Gittertor und starrte auf den Kanal, und ihr Hund stand ein, zwei Meter vor ihr und knurrte.«

Sanfftleben wirkte eher aufgeregt als betrübt.

»Da lag ein Toter, ich hab die Frau ein Stück weggeführt und auf sie eingeredet. Das hat ihr kleiner Köter leider falsch verstanden.«

Er deutete auf sein Hosenbein, in dem ein Riss klaffte. Die Hose sah außerdem nass aus, und die Schuhe waren etwas mit Schlamm verschmiert.

»Als sie sich leidlich beruhigt hatte, rief ich die Polizei und bin noch einmal kurz rüber, um nachzusehen, ob der Mann nicht womöglich doch noch lebte. Aber da war nichts mehr zu machen.«

»Und warum sind Sie sich so sicher, dass es sich um keinen natürlichen Todesfall handelt?«

»Na ja. Da hängt ein Toter über dem Bug eines Stocherkahns, das Gesicht nach unten, die Beine noch im Wasser, die Arme hinter dem Rücken gef esselt, auch die Beine zusammengebunden. Und um die Brust ein weiteres Seil geknotet, das fein säuberlich neben dem Kopf des Toten auf dem Boden des Kahns aufgerollt ist. Das wird er kaum allein hinbekommen haben.«

Froelich hielt kurz verblüfft die Luft an.

»Stimmt«, sagte er dann und sah unschlüssig zwischen seinem Kollegen und den Polizisten hin und her, die ihm die direkte Sicht auf die Leiche verstellten. »Aber ein Stocherkahn …? Gibt es solche Boote nicht eher in Tübingen als hier in Esslingen?«

»Der Kahn ist noch nicht lange hier. Ich habe gehört, dass einer der Anwohner damit Besucher über die Neckarkanäle schippern wollte. Eine Gondel wie in Venedig hat er auch noch – diese Bootsfahrten sollen wohl etwas exotischer werden.« Sanfftleben zuckte mit den Schultern. »Übrigens können wir den Toten noch nicht mitnehmen. Im Moment sind die Kriminaltechniker und eine Rechtsmedizinerin zugange.« Der alte Mann beugte sich leicht zu Froelich hin und raunte ihm mit Verschwörermiene zu: »Eine sehr hübsche Rechtsmedizinerin, übrigens.«

Froelich blickte Sanfftleben irritiert an, und er war noch mehr irritiert, als er tatsächlich ein etwas anzügliches Grinsen auf dessen faltigem Gesicht bemerkte. Kurz standen die beiden Männer schweigend nebeneinander, dann räusperte sich Froelich.

»Das wird ja wohl noch eine Weile dauern. Rufen Sie mich, wenn wir den Toten mitnehmen können?«

Er zog sein Handy aus der Tasche, hielt es hoch und warf dem anderen einen fragenden Blick zu.

»Ja, ja, gehen Sie nur, Herr Froelich«, sagte Sanfftleben und ging langsam auf einen der Brückenpfeiler zu. Ein Stück abseits der Polizeiabsperrung rollte er seine Zeitung wieder auf, legte sie direkt neben dem Pfeiler auf den Boden und machte es sich darauf halbwegs bequem. Dabei achtete er darauf, dass die Objekte, die er vorhin noch vor dem Eintreffen der Polizei beiseitegeschafft hatte, ordentlich in seinem Taschentuch eingewickelt waren. Er musste unbedingt darauf achten, dass das Wasser, das vielleicht noch aus den Fundstücken sickern konnte, keine Flecken auf seinem Jackett verursachte. Nicht, dass noch jemand unangenehme Fragen stellte.

Froelich marschierte die Treppe hinauf, grinste über die Marotten seines alten Kollegen und machte sich daran, in der Altstadt einen starken Kaffee und ein ausreichendes Frühstück zu bekommen.

Vor ihm dampfte der Milchkaffee, das Rührei war ordentlich mit Speckwürfeln und zerkleinertem Schnittlauch bestreut, und das Croissant und der Teller mit Brötchen, Wurst, Käse, Obst und Marmelade sahen ebenfalls sehr lecker aus.

Doch Froelich hatte keine Augen für sein Frühstück. Langsam schweifte sein Blick durch das Café, und wie er da einzelne Gäste und Paare zwischen sich und dem großen Panoramafenster, das auf den Platz hinausging, sah, ging ihm ein Gedanke nicht aus dem Sinn: Wenn der Mann am Kanalufer einem Mord zum Opfer gefallen war – saß womöglich sein Mörder dann genau jetzt genau hier, in genau diesem Café, und ließ sich ebenfalls einen Kaffee schmecken?

Er musterte die anderen Gäste.

Ein Mann in den Fünfzigern, mit dünnem Haar und einer ähnlich barocken Figur wie Froelich, hatte sich hinter einen Ecktisch gezwängt, trank seinen Kaffee in kleinen Schlucken, las in der Lokalzeitung und sah sich zwischendurch immer wieder aufmerksam im Raum um.

Ein ältliches Paar, beide etwas fahrig und ziemlich altmodisch gekleidet, schwiegen sich an einem Vierertisch an, sahen stumm zueinander hin, stumm voneinander weg und nippten nebenbei an ihren Teetassen.

Eine junge Mutter, völlig übernächtigt und mit wirren Haaren, versuchte ihrem Kleinkind löffelweise Rührei zu füttern, zwei Tische weiter saß eine dünne Frau mit langen, glatten schwarzen Haaren reglos vor ihrem Glas mit Latte Macchiato und stierte ins Leere.

Er sah hinaus durch das große Fenster auf die Passanten. Manche gingen paarweise untergehakt vorbei; ein älterer Mann marschierte mürrisch voraus und seine Frau tappte hinterher. Ein paar Buben schubsten sich lachend herum, einer fiel hin, und die anderen halfen ihm wieder hoch. Dann rannten sie johlend davon, man konnte sie noch hören, als sie schon längst in der nächsten Straße verschwunden waren.

Von links kam ein abgerissen wirkender Mann dahergeschlendert. Er trug schulterlanges, fettig wirkendes Haar. Froelich schätzte ihn auf Mitte, Ende dreißig. Er hatte beide Hände in den Taschen vergraben und sah sich anscheinend gelangweilt um. Froelich beobachtete ihn. Tatsächlich ging der Mann an dem Korb vorbei, den das Ladengeschäft gegenüber vor das Schaufenster gestellt hatte – fast zu schnell, um bemerkt zu werden, zuckte seine linke Hand in den Korb und verschwand gleich wieder in der Tasche. Froelich sah angestrengt zu dem Laden hinüber, aber er konnte nicht erkennen, was in dem Korb auslag. Das Schild darüber trug die Aufschrift »Jedes Teil 1,50« – allzu wertvoll war die Beute also nicht.

Der Dieb ging gemächlich weiter, schaute sich ebenso unauffällig wie zuvor um und erstarrte dann mitten in der Bewegung. Froelich folgte seinem Blick und sah einen zweiten, etwa gleich alten Mann herankommen. Seine Haare waren über der hohen Stirn zurückgekämmt, und um den Mund versuchten sich seine Haare an einem Schnauz- und einem fadenscheinigen Kinnbart. Er ließ die Schultern hängen, schlurfte schlecht gelaunt daher, und als er an einem Plakat vorbeikam, das für die Stadtführungen der Esslinger Stadtmarketing-Gesellschaft warb, blieb er kurz stehen, sah sich nach links und rechts um und riss, als er sich unbeobachtet fühlte, ein Stück des Plakats ab und ließ das Papier achtlos zu Boden fallen.

Froelich schaute wieder nach links, aber den ersten Mann entdeckte er zunächst nicht. Dann sah er ihn, wie er sich hinter einer Hausecke verbarg und den Plakatfreund beobachtete. Der merkte nichts, und als er sich dem Laden mit der Einsfünfzig-Auslage näherte, huschte der Dieb in einer Seitengasse davon.

»Was diese beiden wohl für Probleme haben?«, ging es Froelich durch den Kopf. »Der eine scheint den anderen nicht zu mögen, der eine klaut, der andere zerreißt Plakate …« Es war ein Elend mit den Leuten. Froelich dachte über sein eigenes Leben nach, das es zuletzt recht gut mit ihm gemeint hatte. Er dachte an Inge, die gerade irgendwo allein unterwegs war, und an Sanfftleben, der nachts nicht schlafen konnte. Der Tote am Kanal kam ihm in den Sinn und die Frage nach dem Grund, der seinen Mörder zu seiner Tat getrieben hatte.

Schließlich riss er sich los von seinen trüben Gedanken. Er schaufelte das Rührei in sich hinein, vertilgte zwei Brötchen und ein Croissant, dick mit Butter und Marmelade bestrichen, und legte im Aufstehen Geld auf den Tisch.

Als Froelich satt und etwas wacher als zuvor wieder zurück in den Stadtpark kam, war in den Pulk innerhalb der Absperrung Bewegung gekommen. Ein Polizist hob das Absperrband hoch und ließ zwei Frauen durchschlüpfen, die sich angeregt unterhielten. Die eine war normal groß und etwa Mitte vierzig, hatte dunkelblonde Haare und ein angenehmes Gesicht, stellte Fragen und hörte sehr konzentriert den Antworten zu. Die andere wirkte etwas jünger, sie trug Stiefel, enge Jeans, ein weit fallendes Oberteil, und ihre knallrote Mähne wippte mit jedem Schritt.

Froelich sah zu dem Brückenpfeiler hinüber, und sofort wusste er, warum ihn der Kollege nicht angerufen hatte: Der alte Mann war leicht zur Seite gekippt, lehnte schräg am Pfeiler, hatte die Augen geschlossen, den Mund geöffnet und schlief offenbar tief und fest.

Die beiden Frauen hatten Froelich nun erreicht.

»Guten Morgen«, sagte er und nickte den beiden zu. »Mein Name ist Gottfried Froelich, ich bin der Bestatter. Zusammen mit meinem Kollegen Sanfftleben« – er deutete zu dem Schlafenden hinüber und grinste – »wollen wir den Toten nachher in die Rechtsmedizin bringen.«

»Ach, sind Sie der Nachfolger von Herrn Sanfftleben? Er hat mir schon von Ihnen erzählt. Jana Bednarz, Kripo Esslingen«, sagte die Ältere und schüttelte ihm die Hand. »Und das ist Dr. Wilde, Rechtsmedizinerin.«

»Zora Wilde, angenehm«, sagte sie und lächelte. Ihr Händedruck war fest und trocken, und hinter ihrer randlosen Brille funkelten große, umwerfend grüne Augen. »Sie können Ihren Kollegen noch ein wenig schlafen lassen. Ich bin hier fertig, aber die Kollegen von der Kriminaltechnik brauchen noch einen Moment. Bringen Sie den Toten bitte ins Bosch, ja?«

Damit drückte sie ihm ihre Karte in die Hand, nickte beiden kurz zum Abschied zu und flitzte wenig später in einem Kleinwagen davon. »Dr. Zora Wilde«, las Froelich auf der Vorderseite der Visitenkarte. Er drehte sie um: Auf der Rückseite waren eine Handynummer sowie die Nummer und die Adresse der rechtsmedizinischen Abteilung an der Uniklinik Tübingen aufgedruckt. Er wusste, dass die Rechtsmedizin der Tübinger Universitätsklinik unterstand, doch die Obduktion sollte wie für die meisten Mordopfer in der Umgebung der Landeshauptstadt auch diesmal im Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus stattfinden.

»Ihr Kollege Sanfftleben war dabei, als die Leiche heute früh gefunden wurde«, sagte Jana Bednarz.

Froelich schrak hoch, er hatte gar nicht darauf geachtet, dass die Kommissarin noch immer neben ihm stand.

»Ja, so hat er mir das vorhin erzählt«, antwortete er und sah zu dem noch immer schlafenden alten Mann hin. »Er geht wohl gerne mal frühmorgens spazieren – aber das haben Sie sicher schon alles von ihm selbst erfahren, oder?«

Sie nickte.

»Der Tote heißt Markus Clarsen, sagte mein Kollege.«

»Ja, wir fahren nachher auch gleich zu seiner Familie. Wollen Sie mir Ihre Visitenkarte mitgeben? Die haben sicher einiges wegen der Bestattung mit Ihnen zu besprechen.«

Froelich kramte eine Karte hervor und gab sie der Kommissarin.

»Hat Herr Sanfftleben den Namen des Toten von Ihnen?«

»Von mir persönlich nicht, aber der alte Herr kennt hier ja fast jeden. Und falls er den Toten nicht ohnehin schon kannte, wird ihm irgendein Kollege den Namen genannt haben. Und sobald ich weiß, wer von Clarsens Familie sich um die Bestattung kümmern wird, gebe ich Ihnen die entsprechende Telefonnummer durch.«

»Gut, danke.«

»Ihr Kollege war übrigens schwer beeindruckt von unserer hübschen Rechtsmedizinerin, als er sie vorhin kennenlernte.«

Ein Lächeln ging über ihr Gesicht.

»Ich weiß, er hat es mir vorhin selbst gesagt«, erwiderte Froelich und grinste. »Und da kann ich ihn verstehen: Frau Dr. Wilde wirkt sehr sympathisch, und sie sieht wirklich nicht schlecht aus.«

»Sie untertreiben, Herr Froelich.« Sie lachte leise auf. »Und obendrein hat sie auch beruflich etwas auf dem Kasten.«

»Freut mich. Es ist immer schön, mit Leuten zu arbeiten, die ihr Handwerk verstehen.«

»Und wenn sie dann noch so hübsch sind …«

Sie zwinkerte ihm zu.

»Das betrifft dann wohl eher Herrn Sanfftleben«, versetzte Froelich. »Ich bin in festen Händen, und ich bin es gern.«

Er lachte, zuckte mit den Schultern und machte sich an der Seite der Kommissarin auf den Weg zur Absperrung hin, um zur Stelle zu sein, wenn die Leiche zum Abtransport bereit war. Doch die Kriminaltechniker vertrösteten ihn und schätzten, dass es mindestens noch eine Stunde dauern würde.

Also machte sich Froelich auf den Heimweg, den Leichenwagen ließ er gleich in der Maille stehen. Der Spaziergang tat ihm gut, machte ihn aber wieder schläfrig, und nach ein paar Minuten schnarchte er schon, in Schuhen und Anzug auf dem Sofa liegend.

Die beiden Männer gingen langsam am Kanal entlang, jeder hatte eine lange Stange geschultert, an deren Ende ein Netz mit jedem Schritt hin und her wippte. Nach der Unterführung sahen sie zu dem großen Gebäude hin, in dem unter anderem das Kommunale Kino untergebracht war. In der zweiten Etage stand ein Fenster offen, und heraus dröhnte laute Musik: Ein Mann sang böse Verse über Tauben, begleitet von Klavierakkorden.

»Oje«, sagte der ältere der beiden Spaziergänger, »der zieht nachher wieder los, was, Rolf?«

Der andere nickte und grinste.

»Sag mal, Karl«, fragte er nach einer kurzen Pause, »meinst du, dass der Pfleiderer dir deinen alten Kescher geklaut hat?«

Karl zuckte mit den Schultern, die beiden gingen schweigend weiter, und als sie fünf Minuten später auf einem kleinen Steg stehenblieben und forschend auf das Wasser hinunterschauten, brummte Karl: »Kann sein, kann nicht sein. Wär mir eigentlich egal, ich hab ja noch genug andere. Aber den hat mir halt mein Vater geschenkt, damals als Bub. Da hängt man doch dran.«

Für Karls Verhältnisse war das eine lange Rede gewesen. Die Männer schwiegen, standen nebeneinander auf dem Steg, tauchten ihre Kescher ins Wasser und zogen sie wieder heraus. Das Rascheln des Windes in den Bäumen über ihnen, das Gluckern und Rauschen des unter ihnen fließenden Wassers, das stetige Brummen und Surren des Verkehrs in den Straßen, ab und zu ein paar plaudernd vorbeigehende Studenten von der benachbarten Hochschule – mit seligem Lächeln und total entspannt genossen die beiden ihre Zeit am Kanal.

»Grüß Gott, Herr Marohn«, sagte ein drahtiger Typ Anfang vierzig. »Grüß Gott, Herr Klenk.« Er hatte einen sehr höflichen, aber doch auch etwas süffisanten Ton angeschlagen, stellte sich grinsend direkt neben die beiden Angesprochenen und sah ohne ein weiteres Wort ebenfalls zum Kanal hinunter.

»Tag«, sagte Karl Marohn.

»Grüß Gott«, brummte Rolf Klenk.

Beide stierten weiterhin aufs Wasser hinab, aber ihre Mienen waren deutlich säuerlicher geworden. Und nach ein paar Minuten ging durch Marohn ein Ruck, er holte seinen Kescher ein, stellte sich gerade hin, trat einen Schritt zurück und ging mit den Worten »Ich muss dann mal los!« in Richtung Hochschule davon. Klenk sah ihm nach, brummte »Ich auch!« und verschwand in die Gegenrichtung.

Frieder Wünschle blieb, wo er war, sah mit einem immer breiter werdenden Grinsen auf das Wasser, bis er lachend den Kopf schüttelte und ebenfalls wieder seines Weges zog. Er hatte gerade an einem seiner Boote gearbeitet, als er Marohn und Klenk auf dem Steg entdeckt hatte. Die beiden Angler störten sich an seinem Bootsverleih und schimpften, wann immer es jemand hören wollte, über die fatalen Folgen, die Ausflügler auf den Kanälen für die Fische und ihre Laichgewohnheiten hatten. Da gönnte er sich gerne mal zwischendurch den Spaß, die beiden allein durch seine Anwesenheit ein wenig zu ärgern.

Auch diesmal weckte ihn das Telefon. Froelich nahm das Gerät vom Tisch und meldete sich im Liegen. Der Polizeibeamte, dem er vorhin im Stadtpark seine Karte gegeben hatte, war dran und informierte ihn, dass er den Toten nun abholen könne.

Als er die Innere Brücke erreichte, ging Kommissarin Bednarz gerade mit einer Kollegin in eines der Häuser über dem Neckarkanal, denen die Brücke ihre Ähnlichkeit mit Bauwerken wie dem Ponte Vecchio in Florenz verdankte.

Neben dem Pfeiler lag noch Sanfftlebens Tageszeitung. Froelich hatte seinen Kollegen vorhin noch geweckt und dachte, er sei nach Hause gegangen. Nun wollte er ihm Bescheid geben, dass er im Stadtpark gebraucht würde. Er rief Sanfftlebens Handynummer an. Vorne am Kanalufer war ein kurzes Stück aus einem Schlagerrefrain zu hören.

»Ja?«

»Hat sich schon erledigt«, sagte Froelich. »Ich wollte Sie zum Kanal rufen, aber Sie sind ja noch hier – hab gerade Ihren Klingelton gehört.«

Dabei beugte er sich ächzend vornüber und schlüpfte unter dem Absperrband durch. Sanfftleben plauderte mit einem Polizisten in Uniform. Als er Froelich mit schweren Schritten näher kommen hörte, wandte er sich um.

»Wir können unseren Kunden jetzt mitnehmen«, sagte er. Der Mann zu seinen Füßen lag auf dem Rücken, unter ihm war eine Kunststofffolie ausgebreitet, und die Kriminaltechniker würden diese Folie gleich so über ihm zusammenlegen, dass während des Transports möglichst keine neuen Spuren an den Leichnam gelangen konnten. Die Fesseln hatte man gelöst, gerade verstaute noch ein Techniker im Ganzkörperanzug ein Stück Seil in einer Klarsichttüte.

Froelich sah den Toten nun zum ersten Mal, bis dahin war ihm immer durch die Beamten die Sicht versperrt gewesen, und vor Blicken von der Brücke aus war der Fundort der Leiche mit Planen geschützt.

Neben dem Toten waren eine Gondel und ein Stocherkahn am Ufer vertäut; am vorderen Ende des Kahns waren Markierungen zu sehen, die von der Spurensicherung angebracht worden waren. Mit weißer Kreide waren außerdem die Umrisse eines Oberkörpers auf das Holz des Bootes gemalt.

Der tote Mann steckte in nassen Kleidern, die ihm am Leib klebten. Die Vorderseiten seines Pullovers und seiner Hose waren an mehreren Stellen eingerissen, und sein Gesicht war bis hinauf zur hohen Stirn mit Schrammen und Rissen überzogen, vor allem die Nase und die Lippen waren übel zerschunden. Seine Augen und der Mund waren weit aufgerissen, als versuchte er noch immer verzweifelt, nach Luft zu schnappen.

Doch das seltsamste Detail war eine mittelgroße Zwiebel, die ihm im aufgerissenen Mund steckte.

»Die kam wohl als letzte Garnierung dazu«, sagte Sanfftleben, der Froelichs Blicken die ganze Zeit über wortlos gefolgt war.

»Hm?«

»Die Zwiebel. Die wurde dem Toten nach dem Ertrinken in den Mund gestopft.«

»Aha …«, machte Froelich, und er sah Sanfftleben verständnislos an. »Und was soll das?«

»Na, vermutlich ein Verweis auf unsere kleine Stadtlegende.«

Froelich sah fragend zu dem alten Kollegen hin, der still in sich hineinlächelte.

»Eines Tages vor langer Zeit soll der Teufel nach Esslingen gekommen sein, um sich in der Stadt umzusehen. Es wurmte ihn, dass er seit der Reformation in Esslingen nicht mehr so recht hatte Fuß fassen können, und wahrscheinlich wollte er sich daranmachen, wieder ein paar neue Seelen einzufangen. Er hatte sich als wohlhabender Bürger verkleidet, und jeder, der ihm auf der Straße begegnete, grüßte den vermeintlichen Ehrenmann freundlich. Auf dem Markt bekam der Teufel Hunger, und an einem Obststand konnte er sich gar nicht sattsehen an den reifen Äpfeln. Er bückte sich, schnupperte – da rutschte ihm das Hosenbein ein wenig hoch, und die Marktfrau konnte kurz den Huf an seinem Bein erkennen. Der Teufel bat die Marktfrau also um einen ihrer Äpfel, und sie hielt ihm stattdessen eine Zwiebel hin. Der Teufel biss hinein, schimpfte sich in Rage und wetterte, dass die Esslinger künftig nur noch Zwieblinger genannt werden sollten – und dann fuhr er mit Gestank und Getöse zum Stadttor hinaus.«

Froelich grinste.

»Natürlich machte er sich sofort auf den Weg nach Stuttgart …«, fügte Sanfftleben noch hinzu und kicherte leise.

Der Polizist neben ihm, der nicht weiter auf die Erzählung des alten Bestatters geachtet hatte, sah kurz irritiert herüber und ging dann kopfschüttelnd zu seinem Kollegen an der Absperrung.

»Und warum ist der Tote vorne so verschrammt?«, fragte Froelich.

»Der wurde wohl kielgeholt.«

»Der wurde – was?«

»Na ja, Sie wissen doch: Diese Strafaktion früher auf Segelschiffen – da wird der Verurteilte am einen Ende des Schiffes ins Wasser geworfen und dann an einem Tau so lange unter dem Kiel entlanggezogen, bis er am anderen Ende wieder auftaucht. Und wenn einer sehr viel Glück hat, überlebt er die Prozedur knapp.«

Froelich starrte den Toten an. Für so gefährlich hatte er den Neckar, dessen Wasser durch die Esslinger Kanäle floss, selbst nach dem Mord auf dem Neckarschiff »Anna Schäufele« vor rund einem Jahr nicht gehalten.

»Und das wurde hier mit diesem … Stocherkahn veranstaltet?«

Sanfftleben zuckte mit den Schultern.

»Scheint so. Aber es sollte wohl von vornherein zum Tod des Mannes führen: Er war so gefesselt, dass er sich nicht bis hinauf zur Wasseroberfläche kämpfen konnte – und er dürfte sehr, sehr langsam unter dem Kahn hindurchgezogen worden sein.«

Froelich fröstelte, und er schaute sich langsam um. Die Brücke, der Kanal, der Stadtpark, das imposante Gebäude des Amtsgerichts – ein so malerisches Fleckchen als Schauplatz eines so elenden Todes …

»Wollen wir?«, fragte Sanfftleben, spuckte in beide Hände und marschierte, als Froelich nickte, zum Leichenwagen hinüber, um den »Unfallsarg« zu holen, wie sie die Kunststoffwanne zum Transport von Leichen insgeheim nannten. Froelich hatte zwar schon ein neues Modell in der moderneren, holzähnlichen Optik bestellt – aber bis die neue Wanne geliefert wurde, musste er mit dem alten grauen Plastiksarg aus dem Bestand des Instituts vorliebnehmen.

Der dicke Froelich am vorderen und der klapperdürre Sanfftleben am hinteren Griff des Sargs gaben ein kurioses Bild ab, und der uniformierte Beamte, der für die beiden das Trassierband hochhielt, konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Die silberfarbene Limousine fuhr langsam in die Einfahrt, und die beiden Frauen blieben noch kurz im Wagen sitzen. Dann stiegen sie aus, atmeten tief durch und klingelten an der Haustür. Das Gebäude war groß, aber nicht protzig; es lag schön, umgeben von einem ansehnlichen Garten. Alles wirkte gepflegt, die Bewohner des Hauses schafften es, alles aufgeräumt wirken zu lassen und dem Garten dennoch einen Hauch von Lässigkeit zu gönnen.

Die Tür schwang auf, und eine schlanke Frau mit kurzen Haaren sah ihnen fragend entgegen.

»Frau Clarsen?«

»Ja, bitte?«

Margarete Clarsen musterte die beiden Frauen vor sich. Die eine war Anfang dreißig und hatte ihre strohblonden Haare streng zu einem glatten Zopf nach hinten gebunden, die Sprecherin war Mitte vierzig und strich sich im Moment eine dunkelblonde Strähne hinters Ohr. Dann zog sie eine Ausweiskarte aus der Jacke, auch die andere holte einen Ausweis hervor.

»Mein Name ist Bednarz, Kripo Esslingen. Und das ist meine Kollegin Krock. Wir sollten Sie kurz sprechen, wegen Ihres Sohnes Markus. Können wir bitte reingehen?«

Einen Moment zögerte die Frau, dann trat sie zurück und bedeutete den Kommissarinnen mit einer fahrigen Geste, den Flur entlang vorauszugehen.

Die Haustür schloss sich hinter den dreien. Unmittelbar danach schwang das Garagentor auf, eine jüngere Frau kam heraus, eine Hacke und einen kleinen Eimer in den Händen. Monika Clarsen sah das fremde Auto in der Einfahrt stehen, legte ihre Sachen ab, kramte einen Schlüssel hervor und ging ebenfalls hinein.

Im Flur blieb sie stehen. Vom Wohnzimmer her war die Stimme ihrer Mutter zu hören, dann sprach eine fremde Frau und brachte Margarete Clarsen den Tod ihres Sohnes so schonend wie möglich bei. Danach war es ruhig bis auf ein Schluchzen, das sich stetig steigerte. Monika Clarsen stand starr, ballte die Fäuste und blickte ins Leere. Tausend Gedanken gingen ihr durch den Kopf, all die Gespräche, die sie in den vergangenen Wochen mit ihrem Bruder geführt hatte. Schließlich fasste sie sich ein Herz und ging zu den anderen ins Wohnzimmer.

Sanfftleben, der sonst so gerne selbst fuhr, hatte heute gleich auf dem Beifahrersitz des Leichenwagens Platz genommen und sah gedankenverloren zum Fenster hinaus. Während er durch die Innenstadtgassen kurvte, beobachtete Froelich den nachdenklichen Kollegen unauffällig. Auf der B10 angekommen, versuchte er ihn erst mit belanglosem Smalltalk, dann mit Kalauern etwas aufzumuntern. Und als es ihm schließlich gelungen war, bereute er es auch schon wieder: Sanfftleben konterte mit schmutzigen Witzen, die er so gerne erzählte. Als der Kollege die dritte derbe Zote über dralle Rothaarige zum Besten geben wollte, war schon das auf einem Berg über dem Stuttgarter Kessel thronende Robert-Bosch-Krankenhaus zu sehen. Selten hatte sich Froelich so über diesen Anblick gefreut.

»Herr Sanfftleben, langsam müssen Sie wieder Ihre ernste Miene üben. Wir können dort oben schlecht mit unserer Leiche anrollen, und Sie wischen sich noch die Lachtränen aus den Augenwinkeln.«

Sanfftleben sah verblüfft zu seinem Kollegen hin, zuckte dann aber mit den Schultern, tippte ein wenig am Autoradio herum und drehte, als er einen Schlagersender seines Geschmacks gefunden hatte, die Lautstärke kräftig nach oben.

Froelich bemühte sich, ernst zu bleiben, aber auch aus den Augenwinkeln war Sanfftleben, wie er aus vollem Hals und völlig falsch einen schmalzigen Gassenhauer über die Sehnsucht nach der ganz großen Liebe mitschmetterte, ein Anblick zum Niederknien. Seine trübe Stimmung von vorhin schien völlig verflogen.

Als der Leichenwagen durch die tunnelartige Einfahrt auf den Innenhof des Krankenhauses zurollte, schaltete Froelich das Radio aus, und Sanfftleben merkte erst ein, zwei platte Reime später, dass er inzwischen ohne Musikbegleitung krähte.

»Ach, sind wir schon da, Herr Froelich?«, fragte er, räusperte sich und grinste breit.

»Sieht so aus«, antwortete Froelich und versuchte sich erfolglos in einem tadelnden Tonfall. »Sie müssen Ihre Karaoke-Show also bitte bis zur Rückfahrt unterbrechen.«

»Mach ich glatt«, versicherte Sanfftleben ernsthaft. Dann huschte noch einmal ein Grinsen über sein Gesicht, aber schon Sekundenbruchteile später bildeten seine hageren Züge routiniert jene leicht leidende, tiefernste Miene, die offenbar jeder von einem Bestatter erwartete.

Froelich stellte den Leichenwagen ab und stieg aus. Oben auf der Rampe neben der Tür, die ins Gebäude führte, stand ein groß gewachsener Mann und rauchte. Sektionsgehilfe Krüger stand in Froelichs Erinnerung immer rauchend an dieser Stelle, wenn er eine Leiche zur Untersuchung in das Krankenhaus brachte. Und er fragte sich nicht zum ersten Mal, ob das nun Zufall war oder Einbildung – oder ob Krüger tatsächlich nie Urlaub nahm oder sich krankmeldete.

»So, die Herren, bringt ihr mir wieder Arbeit?«

»Herr Krüger, schön, Sie rauchen zu sehen«, sagte Sanfftleben. Überraschend behende kletterte der alte Bestatter auf die Rampe hinauf und schüttelte dem anderen die Hand.

»Tja, aber Ihnen wird das nichts helfen, Herr Sanfftleben. Selbst wenn die Zigarette schnell wirken sollte: Ich wohne nicht in Ihrem Gebiet.«

Froelich ging während des gutmütigen Geplänkels der beiden ans Heck des Leichenwagens und zog die graue Wanne mit dem toten Clarsen heraus. Die Kunststoffgleiter des Sargschlittens waren erst vor kurzem repariert worden, seither machte es fast keine Mühe mehr, einen Sarg allein herauszuziehen – aber spätestens für den Weg die Treppe zur Rampe hinauf brauchte er den Kollegen.

Er wollte ihn gerade rufen, da kam Sanfftleben schon heran, packte den vorderen Griff, schwenkte die Wanne auf dem drehbaren Stück des Sargschlittens herum und marschierte mit Froelich am hinteren Griff los.

»Den üblichen Weg entlang, die Herren«, rief ihnen Krüger unnötigerweise hinterher. »Ich komm gleich nach.«

Als die beiden Bestatter wieder auf der Rampe standen und Krüger im Sektionssaal die Obduktion vorbereitete, steuerte Sanfftleben nicht auf die Treppe zu, sondern lehnte sich entspannt an eine Rollbox mit Bettwäsche.

»Wollen wir nicht wieder fahren?«

»Ach, ich würde gerne noch ein paar Minuten bleiben«, sagte Sanfftleben und bemühte sich sehr, seiner Stimme einen gleichmütigen Klang zu verleihen.

»Hier?«

Froelich sah sich um, dann zuckte er mit den Schultern.

»Meinetwegen«, sagte er. »Wir haben im Institut ja nicht viel zu tun, ich habe keinen Termin – und wir können auf der Rückfahrt auch gerne noch irgendwo einkehren.«

»Klingt gut.«

Froelich musterte den älteren Kollegen, dann fiel ihm auf, dass Sanfftleben sehr aufmerksam beobachtete, wie ein Kleinwagen flott auf den Hof gefahren kam und neben dem Leichenwagen stehenblieb. Die Tür wurde schwungvoll aufgestoßen, und die rothaarige Zora Wilde schlüpfte aus dem Auto.

»Aha«, machte Froelich und grinste Sanfftleben an.

»Nichts ›aha‹, Herr Kollege«, versetzte der, grinste dazu aber breit und ging der Rechtsmedizinerin langsam entgegen.

»Guten Tag, die Herren«, sagte Zora Wilde, als sie die beiden Bestatter erreicht hatte. »Ist Clarsen schon drin?«

»Ja«, sagte Froelich. »Herr Krüger hat sich schon an die Arbeit gemacht.«

Zora sah kurz auf ihre Armbanduhr.

»Ach, da hab ich sicher noch ein paar Minuten Zeit. Sie warten hier auf jemanden?«

»Ja, Herr Sanfftleben –«

Sanfftleben stieß Froelich einen Ellbogen in die Seite, und der Jüngere verstummte mitten im Satz. Zora Wilde sah fragend zwischen den beiden hin und her.

»Sie wollten etwas sagen?«, wandte sie sich an Froelich.

»Nein, wollte er nicht, Frau Dr. Wilde«, warf Sanfftleben ein.

»Na, egal«, meinte Zora. »Ich bleib einfach noch kurz bei Ihnen stehen.«

Mit einer flinken Handbewegung zauberte sie einen dünnen Zigarillo aus ihrer Jacke.

»Stört es Sie, wenn ich …?«

Beide Männer schüttelten beflissen den Kopf, und sie zündete den Zigarillo an.

»Hab ich mir gerade erst angewöhnt. Die Dinger sind gar nicht mal so übel, und als Rechtsmedizinerin muss ich mir ja von meinen … Patienten auch keine blöden Sprüche anhören, wie ungesund das Rauchen ist, nicht wahr?«

Sie lachte und nahm einen tiefen Zug.

»Ich wollte Herrn Froelich gerade ein, zwei Witze erzählen«, sagte Sanfftleben schließlich und grinste, als er dessen genervte Miene bemerkte.

»Au ja, prima: Witze – ich liebe Witze! Vor allem, wenn Bestatter welche erzählen. Legen Sie los.«

Sanfftleben wirkte sehr zufrieden mit sich, und Froelich wappnete sich für das Schlimmste. Tatsächlich blieb Sanfftleben seinem Humor von zuvor erschreckend treu.

»Also … kommt eine Rothaarige in den Saloon, wirft den Hut zum Barkeeper hinüber und setzt sich neben den Klavierspieler …«

»Ach, schade«, unterbrach ihn Zora Wilde, »den kenn ich schon.«

Froelich atmete erleichtert auf. Das war denkbar knapp gewesen, doch die Rechtsmedizinerin fuhr fort: »Aber dann erzähle halt ich Ihnen einen. Auch mit einer Rothaarigen, okay?«

Sanfftleben nickte begeistert, Froelich ergab sich regungslos in sein Schicksal.

»Eine Rothaarige fährt mit ihrem Sportcabrio aufs Land, biegt falsch ab und gerät mit ihrem Wagen auf einer Wiese mitten hinein in eine Rinderherde. Da kommt plötzlich …«

Zora Wilde hatte offenbar großes Talent zum Witzeerzählen, und sie schien auch besonders deftige Stücke ohne besondere Hemmungen vorzutragen. Als sie endlich die derbe Schlusspointe gesetzt hatte, konnte sich Sanfftleben jedenfalls vor Lachen kaum mehr auf den Beinen halten, und Froelich grinste und freute sich, dass die Witze der Rechtsmedizinerin um Welten besser waren als die Zoten seines Kollegen. Sie sah Froelich an, lachte dann noch etwas lauter und tippte sich ans Ohrläppchen.

»Oh«, sagte er. »Wieder mal rot geworden?«

Sie nickte und lachte weiter.

»Ach, wissen Sie, Frau Dr. Wilde«, warf Sanfftleben in einem betont gönnerhaften Tonfall ein, »die jungen Männer vertragen heute ja nichts mehr.«

Dabei kicherte er, bis er sich verschluckte und erst einmal die Atemwege freihusten musste.

»Obacht, Herr Sanfftleben«, warnte Zora ihn mit gespieltem Ernst. »Sie sollten nicht riskieren, dass Sie womöglich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück nach Esslingen fahren müssen.«

Sie legte Froelich eine Hand auf den Unterarm und strahlte ihn an.

»Nicht wahr, Herr Froelich?«

»Ja, ja, aber Sie können sich wirklich etwas einbilden auf Ihren Witz: Das mit den Ohrläppchen ist mir schon lange nicht mehr passiert.«

»Gut, aber ich muss jetzt an die Arbeit«, sagte sie, schlug ihr rechtes Bein über das linke und drückte den Zigarillo auf ihrer Stiefelsohle aus, als wäre das keine große Sache. Froelich bekam schon vom Zusehen Hüftschmerzen. Dann flog der Stummel in einen alten Eiseneimer, der am Rand der Rampe stand, und schon war die flotte Rechtsmedizinerin im Inneren des Robert-Bosch-Krankenhauses verschwunden.