Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Brigitte, die Tochter eines sehr wohlhabenden Arztes im Allgäu, studiert in den USA. Eines Tages verschwindet sie spurlos. Michael Steiner, Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma in der Heimatstadt des Mädchens, erhält den Auftrag Brigitte in den USA aufzuspüren. Im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" macht er nicht nur Bekanntschaft mit dem "American Way of Life", sondern auch mit der landestypischen Küche. Schon bald spricht er von kulinarischen Amokläufern. Es stellt sich aber heraus, daß dies seine geringsten Probleme sind. Seine Suche führt ihn von San Francisco bis in den Yellowstone Nationalpark. Auf dem Weg dorthin gibt es so manche handfeste Auseinandersetzung. Im Yellowstone Nationalpark erkennt er, daß noch eine weitere Partei nach dem Mädchen sucht. Die neuen Mitspieler arbeiten für GSC und sind extrem gefährlich. Wer ist GSC und was wollen sie von Brigitte?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 461
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Frederic John H. MacLawrence
GSC
Dieses eBook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Juni 1995: Ankunft in San Francisco
Golden Gate
Eine Spur
Denise
Schließfächer
Scenic Drive
Lake Tahoe
Chuck’s Gold Mill
Girls shoot out Guys
Der Truck
Salt Lake City
Lake Lodge
Rätsel
Der Schatten
Die Gebrüder Cartwright
Die Wende
Der Lockvogel
Überfall
Tod und Verderben
Erbe der Berserker
Epilog April 1996
Impressum
Juni 1995: Ankunft in San Francisco
Ich sah sie zum ersten Mal in meinem Leben, die Golden Gate Bridge, Wahrzeichen der Stadt San Francisco, Tor der pulsierenden Metropole zum Pazifik. Sie sah gut aus. Rostrote Träger, geschwungene Brückenseile und eine wahrhaft beeindruckende Ausdehnung. Sie sah wirklich gut aus, wie sie da lag in der Bucht von San Francisco, im hellen Licht der Nachmittagssonne.
Als das Flugzeug einschwebte, erkannte man, daß sie nicht die einzige Brücke war. Diese neue, noch viel größere Brücke, die Bay Bridge, haben sie sogar über eine Insel gespannt. Diese Brücke war noch viel länger, sah aber bei weitem nicht so beeindruckend aus. Es war eben nicht die Golden Gate Bridge, das Wahrzeichen von San Francisco.
Die Boeing zog eine ausgedehnte Schleife über San Francisco, und je tiefer wir kamen, desto mehr Einzelheiten waren zu erkennen. Die Insel Alcatraz, auf der vor vielen Jahren Al Capone sein Leben gefristet hatte, lag in der Sonne mitten in der Bucht von San Francisco. Als das Flugzeug immer tiefer ging, erkannte ich eine Reihe von Einzelheiten. Auf den Highways und Freeways waren schon deutlich die Autos zu sehen. Aus dem Nebel tauchte die Downtown von San Francisco auf. Die Stadt sah riesig aus, so wie sie sich ausbreitete zwischen den großen Wasserflächen. Sie versprach ein schönes Erlebnis zu werden. Immer tiefer sank das Flugzeug, und immer mehr Einzelheiten waren zu erkennen, Wohngebiete mit Grünstreifen, Lagerhallen mit Fabrikgebäuden und zahlreiche Sportanlagen.
Langsam wurde es Zeit, daß ein wenig mehr Land unter die Tragflächen kam. Man hatte fast den Eindruck, unsere Maschine wolle auf dem Wasser niedergehen. Aber dann setzte ein leichtes Rumpeln ein, und unser Jumbo der British Airways, Flug Nr. BA 5857, landete auf dem internationalen Flughafen von San Francisco. Es war ein großes, weites Flugfeld, das ich vom Fenster der Maschine aus sehen konnte, und es sah aus wie auf vielen Flughäfen, die ich kennen gelernt hatte.
Ich war jetzt knapp elf Stunden in dieser Maschine gesessen, und ich hatte von der Fliegerei fürs erste wieder einmal die Nase voll, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Luft im Flugzeug war wie immer furchtbar trocken gewesen. Allerdings hatte ich bisher noch nie so komfortabel gesessen. Ich war in der ersten Klasse geflogen und hatte einen herrlichen, breiten Flugsessel für mich allein.
Der Service war einwandfrei gewesen, und eine der Stewardessen hatte mir auch recht verheißungsvoll zugeblinzelt. Der Flug war also wirklich nicht schlecht gewesen. Privat bin ich bisher immer in der Economy-Class geflogen, denn die gesalzenen Aufpreise, welche die Fluggesellschaften für die Business-Class oder gar für die First-Class verlangen, sind meiner Meinung nach total überzogen, um nicht zu sagen verrückt. Die erste Klasse ist zwar sehr angenehm, aber nicht, wenn man sie selbst bezahlen muß, weil man nicht über ein entsprechendes Spesenkonto verfügen kann. Aber dieses Mal flog ich auf Spesen.
Es war für mich eine recht angenehme Erfahrung gewesen, einmal nicht in einen engen Economy-Sessel gezwängt zu werden, sondern einmal so richtig reichlich Platz zu haben. Das ist nämlich für mich gar nicht so einfach. Ich bin 1,98 Meter groß und wiege 230 Pfund.
Ich fühlte mich im Augenblick eigentlich recht ordentlich. Der Jet-Lag hatte noch nicht eingesetzt. Auf dem Flug hatte ich dieses Mal sogar ein wenig geschlafen, da der Sessel in der ersten Klasse wirklich sehr bequem war und vielfältig verstellt werden konnte. Normaler Weise kann ich auf einem Flug kein Auge zumachen. Ich kann in diesen Sesseln der Economy Class einfach nicht schlafen.
Der Film, den sie während des Flugs zur Unterhaltung geboten hatten, hatte mir auch nicht gefallen. Ich hatte auch ein Buch zum Lesen mitgenommen, aber seltsamerweise hatte ich kein richtiges Interesse daran gefunden. Ich hatte lieber zum Fenster hinausgeschaut. Natürlich hatte ich auch noch nie einen so guten Platz im Flugzeug gehabt wie heute.
Ich war gespannt, wie sich meine Arbeit bzw. mein Auftrag hier in San Francisco weiter entwickeln würde. Es war alles ein bißchen überstürzt gegangen. Onkel Nick hatte mir mitgeteilt, daß er einen Auftrag für mich habe. Soviel ich bisher mitbekommen hatte, ist der Auftraggeber ein Facharzt, der Geld hat wie Heu. Er hat eine Tochter. Sie scheint ein total verzogener Fratz zu sein. Offensichtlich war der Kerl recht verzweifelt, als er zu Onkel Nick kam. Onkel Nick sagte, er würde mir so bald wie möglich nähere Einzelheiten und genauere Daten an die Hand liefern. Der Auftraggeber drängte auf möglichst schnelle Abreise und Erledigung des Auftrags.
So hatte ich Hals über Kopf gepackt und den nächstbesten Flug nach San Francisco genommen. Dank Buchung in der First-Class war es glücklicherweise leicht, einen freien Platz zu finden. So unvorbereitet bin ich jedoch bisher noch nie zur Erledigung eines Auftrags losgezogen. Onkel Nick versprach mir jedoch, mich umgehend mit allen zur Verfügung stehenden Daten, Angaben, Adressen etc. per Fax oder auch per Telefon zu versorgen.
Was ich so für mich persönlich brauchte, hatte ich natürlich alles eingepackt. Geld, Devisen, Sorten, Kreditkarten etc., das alles besorgte Onkel Nick, das ist seine Domäne. Vorausbuchungen für Hotel, Mietwagen etc. wurden von Tante Alex, seiner Frau, erledigt. Das hatte bei meinen früheren Aufträgen bisher immer alles bestens geklappt. Ich war zuversichtlich, daß es auch bei diesem Auftrag nicht anders sein würde.
Als erstes würde ich nun mein Hotel aufsuchen. Es würde erfahrungsgemäß ein sehr gutes Haus sein. Wenn Tante Alex ein Hotel auswählt, dann ist das immer voll in Ordnung. Sie verabscheut Billig-Absteigen.
Ich hätte vor meinem Abflug gerne noch einen Crash-Kurs in American English bei Tante Alex belegt. Sie ist das absolute Sprachengenie in der Familie. Leider hatte das aus Zeitmangel nicht mehr geklappt.
Meine Englisch-Kenntnisse sind wirklich nicht schlecht. Ich komme überall ganz gut durch und kann mich gut verständigen. Es ist nicht so, daß ich behaupten könnte, ich spreche fließend englisch wie Tante Alex. Das wird aber zum Glück bei den Amis ja auch gar nicht verlangt. Es gibt jede Menge Amerikaner mit einem US-Paß, die schlechter Englisch sprechen als ich.
Ich war gespannt, wie sich mein Auftrag entwickeln würde. Er hörte sich eigentlich nicht allzu schwierig an, aber meine Erfahrung hat mir gezeigt, daß sich das am Anfang eines Auftrags oft nicht so richtig abschätzen läßt.
Mittlerweile waren wir am Gateway angekommen. Der Pilot bedankte sich noch einmal artig, daß wir mit British Airways geflogen waren, und wünschte uns weiterhin einen schönen Aufenthalt bzw. Urlaub. Ein kleiner Urlaub würde mir gar nicht schlecht tun. Ich war mir aber nicht sicher, ob mein Auftrag mir die Zeit für einen kurzen Urlaub lassen würde. Ich hätte verständlicherweise keine Einwände dagegen. Für alle Fälle hatte ich mal meine Badesachen mit eingepackt.
Es war eine sehr schöne, neue Erfahrung für mich gewesen, einmal vor dem gesamten Economy-Volk, zu dem ich normalerweise auch gehörte, das Flugzeug verlassen zu können. Ich schnappte mir also meine Handgepäckstasche und die kleine Herrentasche mit all meinen Papieren und wollte das Flugzeug verlassen. Meine kleine „Zwinker-Stewardess“ wollte mir noch unbedingt eine deutsche Tageszeitung aufdrängen.
„Sie werden vielleicht längere Zeit nichts Deutsches mehr zu lesen bekommen.“
„Das macht nichts, ich lese auch Englisches. Zur Not nehme ich sogar mit Comics vorlieb!“, wollte ich ihr Angebot ablehnen.
„Bestimmt finden Sie etwas darin, das Sie interessiert“, überging sie meine Ablehnungund drückte mir die FAZ in die Hand. Mir dämmerte etwas. Ich bedankte mich und verließ das Flugzeug.
Der Weg zur Gepäckausgabe war relativ gut ausgeschildert. Ich stand kaum an dem Gummi-Förderband, als auch schon die ersten Koffer aus der Tiefe des Flughafen-Gebäudes erschienen. Nun hieß es warten. Ich habe bei der Gepäckausgabe noch nie Glück gehabt und als einer der ersten mein Gepäck erhalten. Aber heute wurde meine Geduld auf eine extrem harte Probe gestellt. Mein Samsonite war wirklich der vorletzte Koffer, der zum Vorschein kam. Es war ein dunkelblauer Samsonite mit den Initialen A.S. Tante Alex hatte mir den Koffer vererbt. Er war noch aus ihrer Jungmädchenzeit, wie sie es nannte. Sie hatte ihn damals für ihre Ausbildung gekauft, so vor knapp 20 Jahren. Er war noch top in Ordnung, und ich mochte ihn gern wegen seiner Größe und Stabilität. Die großen Initialen A. S. waren recht hilfreich, denn wie ich früher schon oft festgestellt hatte, so war es auch heute. Blaue Samsonites gibt es wie Sand am Meer. Ich hatte wirklich gedacht, meiner käme überhaupt nicht mehr. Reihenweise waren die Leute mit ihrem Gepäck bereits zur Einwanderungsbehörde und Zollkontrolle abmarschiert, während ich mich immer mehr mit dem Gedanken vertraut machte, zum ersten Mal in meinem Leben dem „Lost Luggage“-Schalter meine Aufwartung zu machen. Leicht verärgert, gleichzeitig jedoch auch erleichtert, hievte ich mein gesamtes Gepäck auf einen Trolli, die es hier zum Nulltarif gab, ganz im Gegensatz zum Flughafen München. Dort läuft unter 2,00 DM überhaupt nichts.
Dann stellte ich mich an einer der vielen Schlangen vor der Einwanderungs- und Zollbehörde an. Die attraktiven, sprich kurzen Schlangen, waren leider „only for US-Citicens, Behinderte, werdende Mütter etc.“ Für die popeligen Bürger aus Europa oder erst recht aus Good Old Germany gab es leider keine Extra-Schlange. Das gleiche galt leider auch für die First-Class-Passengers.
Anscheinend gab es bei irgendwelchen Leuten vor mir Probleme, denn es ging überhaupt nicht vorwärts. Die Schlangen links und rechts von mir wurden zügig kürzer, nur die Schlange vor mir nicht. Ich spielte mehrfach mit dem Gedanken, die Schlange zu wechseln, ließ es aber dann doch sein. Denn bestimmt ginge es mir hier wie sonst im Straßenverkehr. Staus und Behinderungen sind dort nämlich auch immer nur auf meiner Fahrspur, und wenn ich die Spur wechsle, dann geht es plötzlich auf der alten Spur schneller voran. Ich blieb also wo ich war und kann ohne Übertreibung behaupten, daß ich unter den letzten fünf Passagieren des Flugs BA 5857 war, die die Einreiseformalitäten am Flughafen von San Francisco hinter sich brachten. Die Einwanderungs-Prozedur in die USA war, wie man mir zum Glück bereits kundgetan hatte, wirklich eine harte Sache.
Onkel Nick hatte mich davor gewarnt, gegenüber den Immigration-Officers Eile, Unwillen oder gar Verärgerung erkennen zu lassen. Denn diese Officers sind kleine Götter. Wenn einem deine Nase oder dein Outfit nicht paßt, dann zeigt er dir erst so richtig, was ein guter Immigration-Officer unter einer korrekten Einreise-Überprüfung versteht. Man kann hier als eiliger Neuankömmling anscheinend problemlos ein paar lustige Stündchen mit Koffer auspacken, Ausziehen der Kleidung, Bücken etc. verbringen, ohne daß man etwas gegen diese Behandlung unternehmen kann, wenn man in die USA hinein will.
Ich gab also mein grünes Ein- und Ausreiseformular für visafreies Reisen ab, das ich im Flugzeug während des Landeanflugs folgsam ausgefüllt hatte. Was die Fragen auf diesem Formular betrifft, verdienen sie doch noch eine extra Erwähnung. Sie waren alle in etwa von folgender Qualität:
Sind Sie geisteskrank?
Betreiben Sie Mißbrauch mit Drogen?
Steht hinter Ihrer Einreise die Absicht, sich an strafbaren oder unmoralischen Handlungen zu beteiligen?
Welcher hirnverbrannte Vollidiot würde hier wohl mit „Ja“ antworten, wenn er beabsichtigte, in die USA einzureisen. Das Frage- und Antwortspiel der US-amerikanischen Einreise-Behörden war noch deutlich verbesserungsbedürftig. Während der Immigration-Officer nun mein Einreiseformular einer kritischen Würdigung unterwarf, versuchte ich, um einen guten Eindruck zu machen, ein freundliches Lächeln auf mein Gesicht zu zaubern. Das fiel mir nach den kürzlich gemachten Erfahrungen aber leider nicht allzu leicht.
Kaum eineinhalb Stunden nach Landung des Flugzeugs war ich nun endlich soweit, mir ein Taxi in die Innenstadt zu suchen. Ich war ziemlich überrascht über die Temperatur hier in San Francisco. Wir hatten schließlich Hochsommer, und es war trotzdem nicht allzu warm.
Der Taxistand war direkt vor dem Terminal. Wie bei den Amis üblich, war sofort irgend so ein Kerl da, der sich um mein Gepäck kümmern und ein paar Dollar abstauben wollte. Da ich von Tante Alex über die hiesige Trinkgeld-Unsitte zum Glück bereits ausgiebig informiert worden war, ließ ich den Kerl gewähren und mein Gepäck auf dem Trolli von ihm zum nächsten Taxi fahren. Ohne Tante Alexandras Aufklärungs-Stunden hätte sein schneller Griff nach meinem Trolli ihn unter Umständen ein paar seiner Beißerchen gekostet, da ich ihm natürlich sofort einen dreisten Diebstahlversuch unterstellt hätte. Der Kerl lud die Koffer ein, und ich gab ihm danach ein paar einzelne Dollar, die ich während des Fluges in meine Hemdtasche gesteckt hatte. Das war ein Tip von Onkel Nick. Man sollte bei den Amis immer ein paar Dollar in kleiner Stückelung in den Taschen haben.
„Tip, Sir!?!“ tönt es aus allen Ecken und Enden. Dieses ewige Bettelei nach Trinkgeld kann einem mit der Zeit ganz schön auf den Keks gehen, auch wenn man sich immer wieder verinnerlicht, daß viele von den Leuten kein Gehalt beziehen, sondern nur auf Tip-Basis arbeiten, sprich auf das Trinkgeld angewiesen sind, weil sie davon leben müssen.
Ich nannte dem Taxifahrer die Adresse meines Hotels, des Westin St. Francis am Union Square, und machte es mir auf dem Beifahrersitz bequem. Das Taxi war ein verbeulter, alter Karren von geradezu gigantischen Ausmaßen. Ich schätzte ihn auf mindestens 6 Meter Länge. Ein Amischlitten im Holzdesign, riesig lang, riesig breit und riesig alt.
Ich versuchte, mit dem Taxifahrer ein kleines Gespräch zu führen, indem ich ihn ab und zu nach einem Gebäude fragte, an dem wir vorbeikamen. Aber entweder mein Englisch taugte überhaupt nichts mehr, oder es war sonst etwas kaputt. Ich verstand den guten Mann einfach nicht, und er schien auch kein Wort von dem zu verstehen, was ich von mir gab. Ich hegte schon recht deutliche Zweifel an meinen Englisch-Kenntnissen, als ich zufällig am Armaturenbrett seine Taxi-License erblickte. Er hieß Kim Rosebergk und kam aus der Ukraine. Ich fragte nun ganz langsam auf Deutsch, wie lange er denn in den USA sei. Er blühte richtig auf, weil er endlich etwas verstanden hatte, und teilte mir strahlend mit:
„I here in San Francisco six monats!“
Ich strahlte zurück und war froh, daß nicht mein Englisch das Problem unserer nicht zustande gekommenen Konversation gewesen war. Es bestätigte sich, was mir Tante Alex bereits klargemacht hatte. Bei den Amis kannst du sehr schnell ohne weiteres als Einheimischer gelten, denn die Amis sind es gewöhnt, daß jede Menge ihrer Mitbürger zwar über einen US-amerikanischen Reisepaß verfügen, dabei aber der Landessprache in keinster Weise mächtig sind. Ich nahm an, daß diese Tatsache für meinen Auftrag von nicht unerheblichem Vorteil sein würde, da ich mit meinen Kenntnissen der Landessprache somit ohne allzu große Probleme als Inländer durchgehen würde.
Den Stadtplan von San Francisco beherrschte Kim Rosebergk zu meinem Glück wesentlich besser als die englische Sprache. Die Fahrt dauerte höchstens zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten, und dann waren wir mitten in Downtown am Union Square. Die Einfahrt ins Hotelgelände war nur seitlich von der Post-Street aus möglich. Am Union Square, direkt vor dem Hotel, war keine Parkmöglichkeit, denn hier fuhr direkt die Cable-Car vorbei. Vom Car-Valet des Hotels wurde mir sofort die Tür aufgehalten, mein Gepäck aus dem Taxi genommen und ein Boy gerufen.
Die Taxifahrt kostete nicht mehr als 28 Dollar. Natürlich hatte ich nur zwei Zwanziger dabei. Naja, aber Kim Rosebergk konnte das Geld gebrauchen, und sein fröhliches Lächeln sagte mir, daß ich trinkgeldmäßig gut im Rennen, um nicht zu sagen, weit über dem Durchschnitt lag. Das war nun meine erste gute Tat in diesem Lande. Vielleicht war es auch nur dumm gewesen, denn die Stielaugen der Boys, des Kofferträgers und des uniformierten Empfangsportiers ließen nur allzu deutlich erkennen, daß sie sich gerade ihren Anteil am Trinkgeld-Kuchen ausrechneten.
„Checking in, Sir?“
„Yeah, checking in“, und wieder wechselten ein paar Dollar den Besitzer.
„Your luggage, Sir?“, und die offene Hand belehrte mich, was in Wirklichkeit gemeint war.
„Have a nice stay, Sir!“ Der Uniformierte bewies mir elegant, daß er zum Öffnen der schweren Eingangstür auch nur eine Hand benötigte.
Als ich nun endlich die Hotel-Lobby betrat, war ich um etliche Dollar leichter. Wenn das so weiterging, sollte sich mein Auftraggeber schon mal seelisch auf eine überaus satte Spesenrechnung einstellen. Wie bereits gesagt, war ich zum Glück auf dieses „Tip, Sir“ schon vorbereitet, andernfalls wäre ich wahrscheinlich nur noch kurz vor einem Schreikrampf gestanden. Am Desk hieß es dann wieder einmal „Queuing is fun“. Aber nach all dem Schlange Stehen am Flughafen konnten mich die drei kümmerlichen Figuren, die noch vor mir am Desk dran waren, überhaupt nicht mehr aus der Ruhe bringen. Bei der Beachtung der Intimsphäre kann sich der Durchschnitts-Europäer hier noch eine Scheibe abschneiden. Auf dem Teppichboden der Lobby war extra eine Markierung angebracht: „Wait here for Privacy.“
Meine Zimmerreservierung ging in Ordnung. Ich hatte eigentlich auch nichts anderes erwartet, schließlich hatte Tante Alex das erledigt. Ich mußte noch eine Unterschrift leisten, meine Kreditkarte vorzeigen und erhielt dann einen sogenannten codierten Zimmerschlüssel, d. h. ein Plastikkärtchen, das auf der Rückseite mit einem Magnetstreifen versehen war. Also ganz ähnlich wie die EC- und Kreditkarten. Dieses Plastikkärtchen diente als Zimmerschlüssel und gleichzeitig auch als Ausweis, der einen berechtigte, die verschiedenen „facilities“ des Hotels wie Indoor-Pool, Jacuzzi oder Fitness-Raum in Anspruch zu nehmen. Außerdem händigte mir die Dame am Empfangsschalter auch noch einen versiegelten Umschlag von MacKenzie Security aus, einem Unternehmen, mit dem Onkel Nick schon früher einmal zusammen gearbeitet hatte.
Ich suchte den Aufzug, fuhr in den 18. Stock hinauf, fand meine Suite und probierte gleich den Plastikschlüssel aus. Ich bevorzuge normalerweise echte Schlüssel aus Metall, aber überraschenderweise öffnete sich die Tür zu meiner Suite schon beim ersten Versuch. Ich war noch nicht richtig drinnen, als auch schon der Boy mit meinem restlichen Gepäck erschien. Natürlich wechselten auch hier wieder ein paar Dollar den Besitzer.
Auch für ein Fünf-Sterne-Hotel wie das Westin St. Francis war meine gebuchte Suitesehr groß, geräumig und von edler Ausstattung. Die erste Tür links führte in einen begehbaren Kleiderschrank mit vielerlei Ablagemöglichkeiten. Auch ein großer, fest installierter Tresor fand sich hier in den Regalen. Gerade voraus ließ eine hohe Fensterfront die letzten Sonnenstrahlen des zu Ende gehenden Tages ins Zimmer. Eine kleine Sitzgruppe, bestehend aus einem runden Tisch mit nach außen geschwungenen Beinen und drei mit grünem Brokat gepolsterten Stühlen, nahm den Platz vor der großen Fensterfront ein. Auf der rechten Seite dehnte sich eine große Bar mit verspiegelter Rückwand und einer ganzen Batterie von Flaschen aus. Vor der Bartheke waren drei Barhocker am Boden befestigt.
Linker Hand ging es durch einen hohen, weiten Rundbogen in ein weiteres Zimmer der Suite, das Schlafzimmer. Als erstes stach einem hier ein riesiges französisches Bett ins Auge, wenn man den Raum betrat. Das Doppelbett war in der Tat erfreulich groß. Zur Not hätten da vier Personen Platz gehabt. Ungefähr zwei Meter über dem Bett war so eine Art Baldachin an der Wand angebracht. Das sollte wahrscheinlich irgendwie ein Himmelbett andeuten oder vortäuschen.
Links an der Wand, neben der Tür zum Badezimmer, stand ein sehr schön gearbeiteter, antiker Schreibtisch aus dunklem Holz. Darauf waren eine antik aussehende Tischlampe aus Messing, ein modernes Tastentelefon, eine Schreibunterlage aus bordeaux-rotem Rindsleder, Schreibutensilien, Brief- und Notizpapier sowie diverse Unterlagen und Prospekte über das Westin St. Francis und die Westin Hotel-Gruppe. Ein großer, mit vielen Verzierungen und Schnörkeln versehener Schrank aus dem gleichen Holz wie der Schreibtisch stand links neben dem Rundbogen an der Wand, genau gegenüber dem riesigen Bett. Er verbarg Fernseher und Videorecorder im oberen Teil sowie eine Minibar im unteren. Die Minibar wäre angesichts der reichhaltig ausgestatteten Bar im anderen Raum nun wirklich nicht nötig gewesen. Die Fenster von Wohn- und Schlafzimmer erlaubten einen schönen Ausblick auf die Wolkenkratzer von Downtown und eine wahrhaft riesige Werbewand für so einen Koreaner-Kübel, „Hyundai“ oder wie die Eimer heißen.
Vom Badezimmer war ich am meisten angetan. Fliesen aus Marmor, Duschwände aus Kristallglas, Doppelbadewanne, ausladende Abstellflächen, Sitzgelegenheit, Fön, elektrische Zahnbürste, Doppelwaschbecken, separate Toilette und als Clou ein weiterer Telefonapparat an der Wand direkt neben dem WC. Die Amis führen wohl gerne Telefongespräche während einer „Sitzung“.
Hier war alles vom Feinsten, und alles sehr, sehr sauber. Über die Dusche war ich besonders erfreut, denn ich kann diese verdammten Plastikvorhänge nicht ausstehen. Ich hasse das, wenn mir beim Duschen immer der Vorhang am Rücken, Hintern oder sonst wo kleben bleibt. Nachdem ich nicht genau wußte, wie lange ich mich hier in San Francisco aufhalten würde, begann ich ein bißchen auszupacken. Den Rest meines Gepäcks schloß ich wieder im Koffer ein. „Tantchens“ Samsonite verfügt über drei wirklich gute Schlösser.
Danach weihte ich die Telefonkarte ein, die mir Onkel Nick als Zusatzkarte zu meiner Firmen-Kreditkarte ausgehändigt hatte. Connect-Service der Deutschen Telekom oder so ähnlich nannte sich das Verfahren, das bargeldloses Telefonieren von fast jedem Telefon, fast überall auf der Welt, ermöglichen sollte. Ich mußte zwar rund vierzig Ziffern eintippen, Zugangsnummer, Kreditkartennummer, persönliche Codenummer und Telefonnummer, bis ich den gewünschten Anschluß in Deutschland erhielt, aber die Verbindung klappte einwandfrei. Das Verfahren ist ein echter Hammer, man spart sich auf diese Weise die oft horrenden Aufschläge, die von den Hotels fürs Telefonieren verlangt werden. Telefonieren in den USA kann sich bisweilen zu einem echten Abenteuer auswachsen, denn der automatische Operator ist meist keine große Hilfe.
Ich rief Onkel Nick an und meldete mich zur Stelle in San Francisco. Onkel Nick ließ sich meine Telefonnummer geben und wies mich an, mir vom Empfang ein Fax-Gerät aufs Zimmer bringen zu lassen. Er hätte neue Erkenntnisse, Dokumente und Daten, sowie auch ein paar Bilder für mich.
Ich bestellte das Fax-Gerät, nahm mir eine Cola (Kinderportion) aus der Minibar und beschloß, eine erfrischende Dusche zu nehmen, da ich bis zum Abendessen um 18.00 Uhr Ortszeit noch gute zwei Stunden Zeit hatte.
Auch Duschen kann in den USA zum Abenteuer werden. Ich dachte schon, ich müsse noch die Feuerwehr holen, um mit diesen idiotischen Hebeln das Wasser wieder abstellen zu können. Die Amis könnten sich auch mal anständige Armaturen zulegen. Ich trocknete mich ab, Handtücher gab es überreichlich, und ging noch ein wenig im Zimmer auf und ab. Ich kann am besten nachdenken, wenn ich ein bißchen hin- und herlaufe. Ich kann mir das zwar nicht erklären, aber diese Art der Bewegung hilft mir dabei wirklich.
Als Junge habe ich einmal vom Kapitän eines englischen Schiffes zu Zeiten der napoleonischen Kriege gelesen, der stundenlang auf der Galerie vor seiner Kapitäns-Kajüte auf- und abmarschiert sein soll. Er hatte dort nur fünf oder sechs Meter Platz, bevor er wieder umdrehen mußte. Dabei mußte er an einer bestimmten Stelle immer den Kopf einziehen, da er etwas größer war, als die Schiffsbauer eingeplant hatten. Immer, wenn er zu sehr in Gedanken versunken war, krachte er unwillkürlich mit seinem Kopf an das besagte Hindernis. An diesen Kapitän werde ich immer wieder erinnert, wenn ich durch die Gegend tigere, während ich über etwas nachdenke. Bei meiner Größe hätte ich auf so einem alten englischen Segelschiff wahrscheinlich auf den Knien robben müssen, um nicht ständig mit meiner Rübe gegen irgendeinen Balken zu donnern.
Während der Wanderung durch die Räumlichkeiten meiner Suite fiel mir urplötzlich die kleine Stewardess mit ihrer FAZ ein. Ich holte die Zeitung aus meiner Handgepäckstasche und schlug sie auf. Ich brauchte nicht lange zu suchen. An Seite fünf war ein kleiner Notizzettel geheftet.
„Mein Name ist Babs Lindman. Ich kenne mich sehr gut aus in San Francisco. Wenn Sie wollen, kann ich Sie ein bißchen in der Stadt herumführen. Die nächsten vier Tage habe ich frei. Sie erreichen mich im Airport Hilton gegenüber dem Main-Terminal“, stand darauf in zierlicher Handschrift.
Die Stewardess war ja recht unternehmungslustig. Das Mädchen war auch echt nicht häßlich. Sie war schlank, etwa 1,75 Meter groß und hatte ein freundliches Gesicht, das von braunen, halblangen Haaren umrahmt wurde. Sie gefiel mir durchaus, aber ich lebe nach der Devise: „Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen“. Im Augenblick konnte ich noch überhaupt nicht abschätzen, ob mir mein Auftrag für letzteres Zeit lassen würde.
Vielleicht kam ich ja noch auf das Angebot zurück. Ich bin immer der Meinung, man sollte nichts verkommen lassen, was einem so freigiebig angeboten wird. Wer weiß, wann die nächste Hungersnot ins Haus steht. Ich legte mich aufs Bett, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und dachte ein wenig über meinen Auftrag nach.
Golden Gate
Normalerweise schickt mich Onkel Nick nicht ohne jegliche Vorbereitung und mit derart dürftigen Daten versehen in einen Auftrag, gar noch nach Übersee. Ganz im Gegenteil. Onkel Nicks große Stärken sind Planung, Ordnung und Organisation. Aber dieses Mal war alles ganz anders. Es war alles Hals über Kopf gegangen. Es ging hier um die Tochter eines ehemaligen Klassenkameraden meines Onkels aus dem Gymnasium, allem Anschein nach um einen total verzogenen Fratz von einundzwanzig Jahren. Ich hatte ein Bild von ihr dabei. Es handelte sich um ein recht hübsches Mädchen mit blonden, halblangen Haaren. Sie war etwa 170 cm groß und wog zwischen 55 und 60 kg. Der Fehler an ihr war anscheinend hauptsächlich darin zu suchen, daß ihr schon von den Windeln an jeder Wunsch von den himmelblauen Augen abgelesen worden war. Als sich später dann auch noch herausstellte, daß sie recht hübsch werden würde, verwandelten sich vor ihr alle, insbesondere ihr Vater, zu Fußabstreifern, mit denen sie tun und lassen konnte, was sie wollte.
Das große Problem für ihren Papi bestand im Augenblick darin, daß sie nicht mehr aufzufinden war. Die einzige und auch letzte Spur, die er von ihr hatte, führte hierher nach San Francisco. Genauere Daten wollte er uns noch an die Hand geben. Aber während dieser Zeit wäre er uns doch unheimlich dankbar, wenn wir schon mal einen zuverlässigen Mann nach San Francisco entsenden würden, so daß wir dann sofort vor Ort aktiv werden könnten. Wir sollten unsere besten Leute einsetzen, er würde alles bezahlen und auch nicht um den Preis feilschen. Aber das war eigentlich nur so dahingesagt, denn mit Onkel Nick feilscht man sowieso nicht um den Preis. Er vertritt immer den Standpunkt: Gute Leistung kostet gutes Geld. Unser Auftraggeber verzog allerdings seine Miene tatsächlich in keiner Weise, als er unsere Preise erfuhr.
500,00 DM pro Tag für jeden Mann, der ausschließlich auf den Fall angesetzt wurde, zuzüglich Spesen in der jeweils anfallenden Höhe. Für Einsätze außerhalb von Deutschland wurde je nach Land ein weiterer Auslandszuschlag erhoben. Für den Einsatz unseres besten Mannes galt ein weiterer Zuschlag von nochmals 100,00 DM und es wurden zudem noch erhöhte Spesensätze verrechnet.
Ums Geld ging es Herrn Dr. Heinrich aber anscheinend wirklich nicht. Er akzeptierte im Endeffekt einen Tagespreis von rund DM 1.000,00 zzgl. Spesen.
Um zu zeigen, wie ernst es ihm mit der Sorge um sein mißratenes Töchterchen war, zahlte er sofort bei Abschluß des Vertrages eine Summe von DM 50.000,00 an. Daraufhin setzte Onkel Nick sofort unseren „Top-Agenten“, wie ich scherzhaft im Hause der „Dominik Steiner Security“ genannt wurde, auf den Fall an. Tante Alex buchte noch am gleichen Tag einen Flug für mich nach San Francisco. Zuerst ging es mittels eines Zubringers von München nach London und von dort dann nonstop nach San Francisco.
Die Firmenbezeichnung unseres Sicherheits- und Geldtransport-Unternehmens ist anfänglich etwas irritierend. Gemäß Handelsregister-Eintragung muß die richtige Bezeichnung auch lauten: „Dominik Steiner Security“, Sicherheit, Überwachung und Werttransporte, Gesellschaft mit beschränkter Haftung.
Geschäftsführende Gesellschafter sind Onkel Nick und Tante Alex. Normalerweise wird in unserer Branche nicht allzu gut verdient, aber Onkel Nick sorgt schon dafür, daß ich finanziell nicht zu kurz komme. Mein Hauptaufgabengebiet liegt in der internen Revision und in der Erfüllung von Sonderaufgaben. Wir beschäftigen rund 180 Mann, pardon Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Mit den kaufmännischen Aktivitäten der Firma bin ich im Regelfall nicht befaßt. Ich kenne mich dafür zu wenig aus in der Materie. Aber das ist auch nicht erforderlich, denn Onkel Nick und Tante Alex sind beide aus dem kaufmännischen Bereich, gelernte Bankkaufleute, studierte Betriebswirte, und mit allen Wassern gewaschen.
Meine bevorzugte Tätigkeit besteht in der Erledigung von Sonderaufgaben. Die schwierigeren Fälle übergibt Onkel Nick alle an mich, sei es, daß es um heikle Personenschutzaufgaben geht, um diffizile Überwachungsaufträge oder auch nur die Aufdeckung innerbetrieblicher Schwachstellen im Bereich der Werttransporte.
Meine Tätigkeit bei Onkel Nick und Tante Alex gefällt mir wirklich sehr gut, und ich kann mich voll damit identifizieren. Ich ertappe mich oft dabei, wie ich von unserer Firma spreche, dabei bin ich ja eigentlich auch nur ein Angestellter. Aber da Onkel Nick und Tante Alex keine Kinder haben, hatten sie mir schon vor ein paar Jahren angeboten,später einmal die Firma zu übernehmen.
Nach meinem Abitur war ich damals sofort vom Barras geholt worden. Aus finanziellen Gründen hatte ich mich für einen längeren Zeitraum verpflichtet. Ich hatte dort neben der üblichen militärischen Ausbildung auch noch die Möglichkeit erhalten, an diversen Lehrgängen über Nahkampftechniken teilzunehmen. Da sich bald herausgestellt hatte, daß ich für diese Art der militärischen Freizeitbeschäftigung echt begabt war, erwarb ich mir auf diesem Gebiet beim Barras vielfältige Kenntnisse, die ich später noch vervollkommnen konnte. Nach dem Militärdienst machte mir Onkel Nick das Angebot, bei ihm in die Firma einzutreten. Da wir uns schon immer blendend verstanden hatten, willigte ich sofort ein.
Und so war ich jetzt im Westin St. Francis in San Francisco, lag auf dem Bett und wartete auf das Abendessen. Über all diese Gedankengänge meldete sich nun doch noch der Jet-Lag mit Macht zur Stelle. Zum Glück hatte ich meinen kleinen Reisewecker gestellt, der mich jetzt mit ekelhaften Pfeiftönen wieder aus dem Reich der Träume riß. Gerade noch rechtzeitig wurde ich fertig. Ich hatte nämlich einen Tisch im Restaurant des Westin St. Francis reservieren lassen.
Ich zog mir eine helle Leinenhose an, ein frisches weißes Hemd mit ein paar Applikationen und ging ins Restaurant. Hier lernte ich eine weitere amerikanische Unsitte kennen, „Wait to be seated!“, die mir Tante Alex zum Glück auch schon erklärt hatte. Es herrschte erfreulicherweise kein großer Andrang, ich war auch noch früh dran, 6.00 p. m. Ich wurde von einer netten jungen Dame zu einem hübsch hergerichteten Tisch geführt und bekam die Speisekarte überreicht. Man hatte mich schon deutlich vorgewarnt, ich solle mir ja von der amerikanischen Küche keine Wunderdinge versprechen. Am besten seien immer noch die Steaks. Ich bestellte mir also ein schönes großes Prime-Rib (full cut) mit smashed potatoes. Das Fleischstück war eine echte Schau. Es war ungelogen in etwa so groß wie zwei Handteller von mir, und ich habe Hände wie Schaufeln. Geschmacklich war es auch nicht ohne, zwar nicht unbedingt raffiniert gewürzt, aber immerhin durchaus eßbar. Die smashed potatoes hingegen, wie sie hier das Kartoffelpüree nennen, trieben mich fast an den Rand des Wahnsinns. Diese kulinarischen Amokläufer in der Hotelküche hatten die Kartoffeln vor dem Zerquetschennicht geschält, und ich konnte nun mühsam mit der Gabel die Kartoffelschalen aus dem Püree klauben. Am liebsten hätte ich den Verantwortlichen in der Küche in einem seiner Suppentöpfe ertränkt.
Zum Trinken hatte ich mir ein Mineralwasser bestellt, da ich kein Bier mag und mir auch aus Wein nicht all zu viel mache. Am liebsten hätte ich ja eine Coke dazu getrunken, aber in feinen Restaurants sehen einen die Kellner bei der Bestellung einer Cola immer so an, als möchten sie im nächsten Augenblick die Herren mit den weißen Turnschuhen und den Jacken zum hinten Zuknöpfen rufen.
Nach dem Essen wollte ich mir noch ein wenig die Füße vertreten. Ich dachte, es sei vielleicht ganz günstig, schon einmal zu schauen, wo in dieser Masonstreet, die am Hotel vorbeiführte, denn die Hertz Rent-a-car-Station zu finden war. Dort hatte nämlich Tante Alex für mich einen großen Lincoln Towncar reservieren lassen. Zu meiner Überraschung stellte ich fest, daß die Vermietstation direkt ums Eck lag. Danach kam ich noch an einem Jeans-Laden vorbei. Es war kurz nach 8.00 Uhr abends, und die hatten noch geöffnet. Ich ging in den Laden rein, und eine kleine Verkäuferin fragte mich freundlich: „Can I help you?“
Ich ließ mir ein paar Jeans in verschiedenen Farben zum Anprobieren bringen. Das Mädchen hatte ein gutes Auge für Größen, denn schon die erste Jeans paßte einwandfrei. Ich erwarb dann insgesamt drei Stück zu einem wirklich anständigen Preis. Zu Hause in Deutschland hätte ich für diese Levi Strauss-Qualität mindestens den dreifachen Preis hinlegen müssen. Dieses Schnäppchen versöhnte mich wieder ein wenig mit meinem Schicksal nach all den Dingen, die heute nicht so ganz nach meinem Geschmack gewesen waren. Ich gab die Jeans beim Portier des Westin St. Francis unter Hinweis auf meine Zimmernummer ab und erkundete dann die Hotel-Umgegend in der anderen Richtung. Nur ein paar Schritte weiter stieß ich schon auf „Borders“, einen riesigen Buchladen. Der größte Buchladen, den wir in meiner Heimatstadt im Allgäu haben, würde hier problemlos drei- bis viermal Platz finden. Hier gab es Bücher in allen nur möglichen Sprachen, Zeitschriften, eine eigene Video- und CD-Abteilung, Hörbücher, Reiseführer, Stadtpläne für die halbe USA und Straßenkarten. Sehr erfreulich fand ich so eine Art Snackbar im dritten Stock. Hier konnte man während des Schmökerns in Büchern, Zeitschriften und Hörbuchkassetten gleichzeitig etwas trinken oder auch einen kleinen Happen zu sich nehmen. Ich bestellte mir eine große Coke ohne Eis für sage und schreibe 92 cents plus tax. Sie nahmen hier wirklich noch recht zivile und volksnahe Preise.
Ich schmökerte in ein paar Straßenatlanten. Der „Rand McNally Road Atlas“ schien mir nach eingehendem Studium der beste im gesamten Angebot zu sein und ich erwarbihn für 8.95 Dollar zusammen mit einem recht gut gemachten Stadtplan von San Francisco. Es war jetzt so gegen 22.00 Uhr Ortszeit, und ich fühlte, wie ich langsam, aber sicher müde wurde. Ich ging mit meiner Neuerwerbung zurück ins Hotel, fuhr mit dem Aufzug in den 18. Stock und betrat mein Zimmer. Wie ich es nicht anders erwartet hatte, lagen die von mir beim Portier abgegebenen Jeans fein säuberlich auf dem Tisch. Das war aber noch nicht alles. Es waren auch ein paar Faxe eingetroffen. Onkel Nick und Tante Alex hatten sich schwer ins Zeug geworfen und mir diverse Informationen, Bilder und Instruktionen zukommen lassen. Das meiste war von Tante Alex unterzeichnet, denn sie managte Onkel Nick das gesamte Büro, speziell natürlich, wenn es wie hier in meinem Fall um Auslandsangele-genheiten ging. Schließlich war sie das Sprachengenie in der Familie.
Das Material, das mir meine Leute geschickt hatten, war nicht uninteressant. Es waren noch einmal drei Schwarz-Weiß-Aufnahmen von der gesuchten Brigitte Heinrich und eine Adresse in San Francisco im Stadtteil Sea Cliff. Es handelte sich bei dieser Adresse um ein Nobelviertel, in dem die Eltern von einer Studienkameradin der Gesuchten ihren Wohnsitz haben sollten. Eine weitere Adresse war die Taylor-Street bei Fishermen’s Wharf unten. Von einem Post-Office hier war anscheinend die letzte Postkarte gekommen, die die Mutter des gesuchten Mädchens erhalten hatte. Nur die Mutter hatte eine Karte erhalten, ohne irgendeinen Gruß an ihren Vater. Das ging aus der mir übermittelten Fotokopie hervor. Das Verhältnis des guten Dr. Heinrich zu seinem Töchterchen schien in Wahrheit doch nicht so gut zu sein, wie er uns gegenüber behauptet hatte. Das waren die einzigen, wenn auch mickrigen Anhaltspunkte, die ich in diesem Fall bisher hatte. Onkel Nick versprach mir, mich laufend mit den neuesten Erkenntnissen zu versorgen und empfahl mir, mich fürs erste einmal an die Adresse in Sea Cliff zu halten.
Danach ging ich zu Bett und wollte noch ein paar Takte über den Fall nachdenken, schlief aber fast sofort ein. Ich schlief sehr gut, tief und traumlos und wachte am Morgen nur dank meines kleinen Reiseweckers einigermaßen frühzeitig auf, denn sonst hätte ich wahrscheinlich total verschlafen. Ja, der liebe gute alte Jet-Lag. Ich duschte ziemlich kalt, um wieder richtig wach zu werden, zog ein T-Shirt und eine Jeans an und ging zum Frühstück. Das Frühstück war eine wirklich erfreuliche Angelegenheit. Man konnte wählen zwischen Service am Tisch, das hieß a-la-carte, und Frühstück vom Buffet. Ich versorgte mich selbst vom Buffet. Die srcambled eggs mit bacon waren hervorragend, die Brötchen, welche ich den Frühstücks-Kartoffeln vorzog, waren herrlich frisch und knusprig. Nur beim Kaffee kam wieder eine neue amerikanische Unsitte auf.
Kaffee wird bei den Amis laufend nachgeschenkt. Kaum hatte ich mir in meiner Tasseeine Mischung aus Kaffee, Milch und Zucker zusammengerührt, die mir einigermaßen zusagte, schlich sich bestimmt wieder so ein kleiner Spielverderber von Kellner an mich heran und füllte mir meine Tasse wieder auf, bevor ich mit vollem Mund protestieren konnte. Nachdem der Kaffee aber sowieso nicht der gewohnten heimischen Güte entsprach, war der Schaden zum Glück nicht allzu groß. Der Kellner hatte mich mit der Sicherheit des Profis in solchen Fragen als Neuankömmling im Hotel bzw. als Greenhorn im amerikanischen Gastronomiewesen erkannt und erklärte mir bei der Überreichung der Rechnung: „Service is not included, Sir. You must add here your tip, Sir.“
Es hätte mich interessiert, ob die Kellner hier in diesem Fünf Sterne-Restaurant wirklich auch in der Hauptsache auf Tip-Basis arbeiteten oder ob der alles andere als dezente Hinweis nur einer guten alten Gewohnheit entsprach. Dieses „Tip Sir!“ ist wirklich eine ganz große Unsitte. Ich persönlich weiß immer nie so recht, soll ich jetzt so richtig verarscht werden oder enthalte ich dem Kerl einen Teil seines Lohnes vor. Die sollen sagen, was es kostet, dann zahlt man das oder läßt es ganz sein, und damit basta. Nachdem ich bei diesem Auftrag ja aber über ein bestens gefülltes Spesenkonto verfügte, konnte ich mich von meiner großzügigen Seite zeigen. Der Bückling, den mein Kellner hinlegte, nachdem er einen kurzen Blick auf den kleinen Teller mit der Rechnung geworfen hatte, zeigte mir, daß er meine Einschätzung von einem fürstlichen Trinkgeld durchaus teilte.
Ich stieß in Gedanken noch einmal auf Dr. Heinrich und seine Spesenabrechnung an und ging zurück ins Zimmer. Ich hatte ein „Privacy Schild“ an die Tür gehängt und es war auch befolgt worden. Ich hasse es, wenn ich vom Frühstück komme und finde dann schon den Roomservice in meinem Zimmer voll bei der Arbeit. Ich kontrollierte das Fax-Gerät, aber es war nichts Neues eingetroffen. Alles Wertvolle, was ich im Augenblick nicht benötigte, verstaute ich im Zimmersafe, der erfreulich geräumig war. Dann verließ ich das Hotel und ging zu Hertz Rent-a-car um die Ecke.
Es waren zwei Ehepaare vor mir an der Reihe. Eine Vierergruppe von jungen Leuten, bestimmt auch „Touris“ aus Good Old Europe, versuchte gerade ihr umfangreiches Gepäck in einem Ford Taurus unterzubringen. Sie hatten anscheinend so ihre Schwierigkeiten damit, denn sie mußten jetzt schon etliche Taschen mit in den Passagierraum des Wagens nehmen. Die hatten bei der Abfahrt schon keinen Platz mehr, wie stellten die sich vor, sollte das erst später werden?
Aber schon war ich an der Reihe, legte meinen Reservierungs-Voucher vor, meinen Führerschein und meinen Paß, und die Dame tippte eifrig an ihrem Computer. Aber erst nachdem ich ihr auch noch meine Kreditkarte überreicht hatte, war sie wirklich zufrieden.
Plötzlich herrschte draußen hektische Betriebsamkeit. Ein Kunde war vorgefahren mit seinem Sportwagen, einer Corvette, die auch schon bessere Tage gesehen hatte. Es sah aus, als hätte sie eine Begegnung mit einem Panzer gehabt, aber es war dann doch nur ein gewöhnlicher Müllwagen gewesen. Nun kam noch einer der Boys ins Büro und erzählte etwas von einem „elevator breakdown“. Die Dame, die meinen Mietvertrag bearbeitete, rief mich von meinem Warteplatz heran und teilte mir auch noch einmal mit, daß der Aufzug defekt sei und man deshalb für noch nicht absehbare Zeit keine Leihwagen mehr ausliefern könne.
Das fing ja gut an. Aber bevor ich meinem Unwillen so richtig Ausdruck verleihen und ihr mitteilen konnte, sie sollten sich dann gefälligst von den fünf oder sechs anderen Hertz Mietstationen, die es in San Francisco gab, Ersatzfahrzeuge kommen lassen, unterbrach sie mich schon und teilte mir mit, daß erst vor einer halben Stunde ein Lincoln Towncar am Car Return zurückgegeben worden sei. Ich sollte mich noch „a few minutes“ gedulden. Der Wagen würde gerade noch gewaschen und dann sofort für mich hergebracht. Ich dachte gerade noch so bei mir, daß sie den Wagen hoffentlich nicht nur waschen, sondern auch von der Maschine her durchsehen würden, als auch schon ein triefnasser, schwarzer Lincoln Towncar vorgefahren wurde. Sein Lack schrie geradezu nach einer Wachspolitur, das Wasser perlte überhaupt nicht mehr ab.
„That’s your car!“, rief mich meine Sachbearbeiterin heran, ließ mich noch ein paar Unterschriften und Namenszeichen machen und überreichte mir die Autoschlüssel zusammen mit den Vermietunterlagen. Ich fragte noch nach so einer Art Fahrzeugschein für den Wagen und erfuhr daraufhin, daß die Vermietunterlagen genügen würden.
„No luggage, Sir?“ Der Boy, der mir den Wagen zu erklären versuchte, konnte es kaum glauben. Ein Ausländer, der keinerlei Gepäck dabei hatte. Das war doch mehr als ungewöhnlich. Ich beruhigte ihn mit dem Hinweis, daß mein Gepäck noch im Westin St. Francis liege. Dann erklärte mir der gute Mann, wo das Lenkrad war, wie man das Radio einschaltete und lauter so Blödsinn. Interessiert hätten mich die Automatik, die Klimaanlage und sonst noch ein paar Knöpfe. Gerade bei der Klimaanlage zeichnete sich der Held aus. Er las mir die Aufschrift der Knöpfe vor. Das konnte ich selber und auch noch besser als er.
Als ich dann noch nach der Zentralverriegelung fragte, da mein Schlüssel nur die Fahrertür auf- und zuschloß, während sich die anderen Türknöpfe nicht bewegten, und als Antwort erhielt: „it doesn’t work“, platzte mir doch beinahe der Kragen. Zum Glück mischte sich gleich ein anderer Mitarbeiter ein, ein netter junger Kerl. Er zeigte mir des Rätsels Lösung. Einer der zwei Dutzend Knöpfe in der Fahrer-Armlehne diente als Schalter für die Zentralverriegelung.
Der Junge schien Ahnung von dem Auto zu haben. Ich nutzte die Chance und ließ mir neben ein paar anderen Knöpfen gleich auch noch einmal die Klimaanlage und ihre Programmierung von ihm erklären. Der Junge war wirklich gut drauf und kannte sich bestens mit dem Wagen aus. Das war mir dann natürlich auch einen Zehner wert, was wiederum dem Jungen unheimlich gut gefiel.
Ich verließ den Hof von Hertz Rent-a-car und fuhr in die Mason Street ein. Ich hatte bisher noch nie einen Wagen mit Automatik gefahren. Ich schalte lieber selbst. Aber in den USA hat fast jedes Auto eine Automatik. Die meisten Amis wissen gar nicht, was eine Kupplung ist.
Die Automatik-Schaltung des Lincoln Towncar war aber wirklich kinderleicht zu bedienen. Was mir jedoch Probleme machte, war die fehlende Kupplung. An der ersten Ampel schon fabrizierte ich eine Notbremsung der allerersten Güte, weil ich die Kupplung treten wollte und natürlich voll auf die Bremse latschte. Aber mit etwas Konzentration war das Problem schon in den Griff zu bekommen.
Ich wollte zu der Adresse in Sea Cliff hinausfahren, um dort mit meinen Nachforschungen zu beginnen. Allein, mit einem auch noch so guten Stadtplan, ist man in einer Großstadt wie San Francisco ziemlich aufgeschmissen. Ich brauchte mehrere Anläufe und diverse Orientierungs-Stops, bis ich überhaupt in die Gegend von Sea Cliff kam. Sehr hilfreich war die Beschilderung für die Golden Gate Bridge, die hier in der Nähe lag. Für solche Suchaktionen sollte man einen Beifahrer als Pfadfinder haben, das erleichtert einem das Leben dann doch sehr.
Onkel Nick schwört für solche Fälle auf sein „Brieftäubchen“, wie er es nennt. Tante Alex sei der ideale Copilot. Wahrscheinlich hat er recht, denn schließlich haben die beiden schon eine Vielzahl von Reisen in aller Herren Länder gemacht und sind bisher noch überall hingekommen, wo sie hinwollten.
Ich fuhr nun auf dem Highway direkt auf die Golden Gate Bridge zu, und das bei strahlendem Sonnenschein. Ich weiß von Bekannten, die eine ganze Woche in San Francisco verbracht und nicht einen einzigen Tag ohne Nebel erlebt hatten. Von der Golden Gate Bridge hatten sie immer nur Schemen im Nebel gesehen. Aber ich hatte Glück, schöneres Wetter konnte man sich wirklich nicht wünschen. Es war schon ein gigantisches Bauwerk, über das sich der Verkehr in sechs Spuren ergoß. Ich hatte eigentlich eine Station für den Brückenzoll erwartet, konnte aber ohne Stop die Brücke überqueren. Direkt nach der Brücke war ein Parkplatz, auf den ich hinausfuhr. Man hatte hier einen herrlichen Rundblick auf die Bucht von San Francisco und die ehemalige Gefängnisinsel Alcatraz. Am gegenüberliegenden Ufer erhob sich Downtown aus dem Dunst.
Ich holte meine Videokamera aus dem Lincoln und machte einen weiten Schwenk von links über die Bucht von San Francisco bis zur Golden Gate Bridge zu meinerRechten. Ich unterschied mich durch nichts von den rund hundert Touristen, die den Parkplatz und die Aussicht mit mir teilten.
Wenn man vom Parkplatz aus zurück auf die Golden Gate Bridge wollte, mußte man etwas umständlich den Highway unterqueren, und dann kam auch schon die Toll Station, die ich auf der Herfahrt schon vermißt hatte. Drei Dollar fand ich einen durchaus akzeptablen Preis für das soeben Erlebte. Für eine Nebelschau hingegen hätte ich es etwas teuer gefunden. Auf meiner Fahrt nach Sea Cliff kam ich nun durch Presidio, ein Militärgelände direkt am Fuß der Golden Gate Bridge, das durch den gleichnamigen Film mit Sean Connery in einer der Hauptrollen bekannt geworden ist. Weiter ging es durch den Lincoln Park, eine sehr gepflegte und saubere Anlage mit einem Golfplatz.
Gegen Ende des Lincoln Parks hatte man plötzlich einen herrlichen Blick durch die Bäume auf die Golden Gate Bridge von der anderen Seite her, der Pazifik-Seite. Zum Glück gab es rechter Hand die Möglichkeit, seinen Wagen neben der Fahrbahn abzustellen. Ich stieg aus und spielte noch einmal Tourist mit Videokamera. Ziemlich weit unter mir, durch die Bäume recht schlecht zu erkennen, gab es anscheinend so eine Art Lagerplatz oder auch kleiner Campingplatz. Ich konnte ein paar junge Leute erkennen, ein paar Motorräder und einen überaus bunten Recreation Van, Marke „selbst gestrickt“. Ich hörte auch Musik, ob selbst fabriziert oder aus dem Radiorecorder, konnte ich natürlich nicht feststellen.
Kurz danach erreichte ich Sea Cliff, eine echte Nobelgegend. Wer hier wohnte, der hatte Moos im Überfluß. Das sah man schon anhand der Autos, die vor den mustergültig gepflegten Anlagen standen. Mercedes, BMW, riesige Amischlitten wie mein Towncar und protzige Four Wheel Drives prägten das Bild. Ich suchte nun die mir angegebene Adresse und fand sie auch völlig problemlos. Ich parkte meinen Wagen, stieg aus, ging durch einen wundervollen Blumen- und Blütengarten ungefähr zwanzig Meter bis zum Haus und machte mich mittels eines Messingklopfers in Form eines Löwenkopfes bemerkbar.
Eine Frau in mittlerem Alter öffnete die Tür.
„Ja bitte, kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie mich mit einer sehr angenehmen, wohltönenden Stimme.
„Entschuldigen Sie bitte die Störung!“, antwortete ich. „Ich komme aus Deutschland und möchte mich gerne mit Ihrer Tochter Sharon ein wenig unterhalten.“ Ich bemerkte sofort deutlich, wie sie abweisend wurde, und fuhr deshalb schnell fort. „Es geht um ihre ehemalige Zimmer-Kameradin an der Berkley University, um Brigitte. Ich weiß nicht, ob Sie das Mädchen kennen oder vielleicht doch schon über Ihrer Tochter von ihr gehört haben. Auf jeden Fall wird sie seit einigen Wochen vermißt, und ihr Vater macht sich große Sorgen um sie. Er hat mich deshalb beauftragt, nach ihr zu suchen. Ich hoffe nun, ihre Tochter kann mir irgendwie helfen.“
Sofort wurde die Dame wieder freundlicher.
„Aber selbstverständlich habe ich von Brigitte gehört, ein nettes Mädchen. Leider ist nun aber meine Tochter im Augenblick nicht zu Hause. Sie kommt erst gegen Abend wieder nach Hause. Aber wenn Sie so gegen 21.00 Uhr noch einmal kommen würden, so bin ich sicher, daß Ihnen meine Tochter helfen wird, so gut es ihr nur möglich ist.“
„Das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen. Ich danke Ihnen sehr herzlich und komme gerne auf Ihr Angebot zurück. Ich werde pünktlich heute Abend um 21.00 Uhr noch einmal erscheinen.“
Ich verabschiedete mich und ging wieder zu meinem Wagen zurück. Für den Anfang war das gar nicht einmal übel. Töchterchen hätte sich ja auch auf einer zwölfwöchigen Trekkingtour durch Nepal befinden können.
Ich fuhr in einem großen, mehr als zweistündigen Bogen zurück zum Hotel und erstattete Onkel Nick per Fax Bericht. Danach stellte ich meinen kleinen Reisewecker, zog mich aus, legte mich aufs Bett und schlief ein wenig auf Vorrat. Wer weiß, wie lange die heutige Nacht werden würde.
26
Eine Spur
Als ich geweckt wurde, fühlte ich mich entspannt und frisch. Ich zog mich an fürs Abendessen und ging ins Restaurant. Heute leistete ich mir ein New Yorker Steak mit french fries. Das Fleisch hatte die bereits beschriebenen Ausmaße und war schön zart. Bei den french fries, sprich Pommes frites, fiel es erfreulicherweise wesentlich weniger ins Gewicht, daß die Amis scheinbar keine Kartoffeln schälen können. Gut gesättigt ging ich zum Car Valet, ließ mir meinen Lincoln bringen und fuhr Richtung Golden Gate. Ich war zwar noch viel zu früh dran, aber ich rechnete mit ein paar unfreiwilligen Umwegen und wollte auf keinen Fall zu spät kommen.
Ich fand den Weg nach Sea Cliff diesmal erheblich schneller. Ich verfuhr mich nur ein einziges Mal, und das kostete mich nicht einmal viel Zeit. Die Dämmerung begann hereinzubrechen. Die Sonne stand schon ganz tief über dem Pazifik, und die Golden Gate Bridge war in die letzten Sonnenstrahlen eines schönen Tages getaucht. Ich fand meinen „Privatparkplatz“ von heute Nachmittag wieder, stellte den Lincoln ab und genoß den Anblick. Nachts, wenn die Brücke von Scheinwerfern angestrahlt und zusätzlich noch von den vielen darüber fahrenden Autos erhellt wurde, mußte man von hier aus einen phantastischen Blick haben. Ich beschloß, später, nach meiner Unterhaltung mit der kleinen Sharon, noch einmal hier vorbeizuschauen, sofern ich dann noch Lust und genug Zeit dazu hätte.
Ich genoß den Sonnenuntergang an der Golden Gate Bucht fast eine halbe Stunde lang. Es war mit das Schönste, was ich in den letzten Jahren an Sonnenuntergängen gesehen hatte. Die jungen Leute, die mir heute Nachmittag schon aufgefallen waren, hatten anscheinend kein Auge für dieses herrliche Naturereignis, das sich direkt vor ihnen abspielte. Dort unten ging es recht laut zu. Es fielen laute Worte, und es hörte sich fast ein wenig nach Streit an. Wahrscheinlich waren auch Alkohol oder Drogen im Spiel.
Ich hatte nun genug Zeit verstreichen lassen, stieg wieder in meinen Lincoln ein und fuhr die paar Meilen nach Sea Cliff. Ich konnte wieder direkt vor dem Haus parken, stieg aus, schloß meinen Wagen ab und ging zur Haustür. Auf mein Klopfen mit dem Löwenkopf hin öffnete mir ein junges Mädchen von vielleicht zwanzig Jahren. Sie hatte brünette, gelockte Haare, die sie halblang trug. Bekleidet war sie mit der amerikanischen Einheitsuniform, Jeans und T- Shirt.
„Guten Abend. Mein Name ist Steiner, Michael Steiner“, begrüßte ich sie. „Sie müssen Sharon sein.“
„Ja, guten Abend, das stimmt, ich bin Sharon MacGregor“, lächelte sie mich an. „Meine Mutter hat mir schon erzählt, daß Sie heute schon einmal nach mir gefragt haben und noch einmal vorbeikommen wollten. Ich bin mir nur nicht sicher, ob ich Ihnen viel werde helfen können. Aber bitte kommen Sie doch erst einmal herein. Wir brauchen uns ja nicht hier zwischen Tür und Angel zu unterhalten“, bat sie mich ins Haus ihrer Eltern.
„Das ist der junge Mann aus Deutschland, von dem ich dir erzählt habe“, hörte ich Mrs. MacGregor zu ihrem Mann sagen, der nun auch auf der Bildfläche erschienen war.
„Bitte kommen Sie doch ins Wohnzimmer, Mr. äh?“, sah mich die Dame des Hauses fragend an.
„Steiner, Michael Steiner“, stellte ich mich vor und folgte ihrer einladenden Handbewegung ins Wohnzimmer.
„Was darf ich Ihnen anbieten, einen Drink, ein Bier oder ein Soda?“, spielte Mr. MacGregor den großzügigen Hausherrn.
„Eine Coke, wenn Sie haben, ansonsten bitte ein Mineralwasser“, nahm ich die Einladung an.
„Aber ich bitte Sie, Mr. Steiner. Sie sind in Amerika. Natürlich haben wir Coke im Haus. Elly, sei doch so nett und bring Mr. Steiner eine Flasche aus dem Kühlschrank“, ließ sich der Hausherr vernehmen.
„Sharon“, begann ich nun ohne große Umschweife das Gespräch. „Wissen Sie, wo Brigitte ist, oder haben Sie wenigstens irgendeine Ahnung, wo sie stecken könnte? Ihr Vater, den Sie ja, glaube ich, schon kennen gelernt haben, macht sich sehr große Sorgen um sie. Er hat seit Wochen nichts mehr von ihr gehört.“
„Nein, ich weiß leider auch nicht, wo sie ist. Ich bin ja nun schon seit über acht Wochen nicht mehr in Los Angeles, da Daddy mir hier in San Francisco ein Praktikum besorgt hat. Ich habe öfter auf unserem Zimmer angerufen, aber seit ungefähr vier bis fünf Wochen war immer nur der Anrufbeantworter an. Vor ungefähr zwei Wochen habe ich unsere Zimmernachbarin Helen auf dem Campus angerufen, da ich Brigitte nie erreichen konnte. Helen wußte aber auch nicht, wo sie ist. Brigitte hatte ihr nur vor ungefähr vier Wochen erzählt, daß sie für ein bis zwei Tage nach Las Vegas fahren würde, und zwar nicht zum Spielen. Im Gegenteil, es schien für Brigitte sehr, sehr wichtig zu sein. Danach, so glaubt Helen, hat sie Brigitte nicht mehr gesehen.“
„Haben Sie irgendeine Vorstellung, was Brigitte in Las Vegas gewollt haben könnte oder was dort so wichtig für sie gewesen sein könnte?“, unterbrach ich Sharon. „Oder wissen Sie vielleicht sogar, zu wem sie dort gegangen sein könnte?“
Sharon zögerte. „Ich weiß wirklich nichts genaues, Mr. Steiner, und das ist jetzt eine reine Vermutung“, sagte sie langsam und stockend. „Brigitte und ich waren einmal auf so einer Party, auf der Brigitte einen recht netten Jungen kennengelernt hat. Der Junge, glaube ich, war sehr von Brigitte angetan und wollte ihr imponieren. Er hat furchtbar angegeben. Er war höchstens so an die 23 oder 24 Jahre alt und behauptete, er sei an einer Spielhalle in der Gegend von Reno beteiligt. Weiterhin prahlte er damit, ein Verhältnis mit seiner Teilhaberin an der Spielhalle zu haben. Sie sollte so um die vierzig sein“, rückte Sharon heraus.
„Ich weiß jetzt wirklich nicht, ob da irgendein Zusammenhang besteht, aber Reno ist ja eine Spielerstadt, genau wie Las Vegas, nur halt viel kleiner. Sicher weiß ich jedoch, daß sich Johny, so heißt der kleine Angeber, und Brigitte nach dieser Party öfter getroffen haben und auch miteinander ausgegangen sind“, stellte Sharon fest. „Ob daraus noch mehr geworden ist als nur ein bißchen Freundschaft, kann ich leider nicht sagen, da ich dann ja Los Angeles verlassen habe und wieder zurück zu meinen Eltern hierher nach San Francisco gegangen bin.“
„Wissen Sie, wie der junge Mann mit Nachnamen heißt, wo er wohnt, oder können Sie ihn mir vielleicht ein wenig beschreiben?“, fragte ich hoffnungsvoll.
„Besser noch“, strahlte mich Sharon an. „Ich habe ein Foto von ihm zusammen mit Brigitte, das ich von den beiden auf dieser Party damals gemacht habe, und ich habe noch ein Werbe-Zündholz-Briefchen von der Spielhalle, an der er angeblich beteiligt sein soll“, überraschte mich das Mädchen.
„Könnte ich das Foto und das Zündholz-Briefchen sehen?“, fragte ich leicht aufgeregt.
„Ich habe beides schon hier, da ich mir schon dachte, daß Sie danach fragen würden.“ Sharon griff neben sich auf die Couch und legte die beiden Kleinigkeiten vor mir auf den Tisch. Das Foto war ein Polaroid-Bild von der üblichen, nicht allzu guten Qualität. Man konnte trotzdem Brigitte einwandfrei erkennen. Es zeigte darüber hinaus einen lachenden jungen Mann. Er sah nicht unbedingt gut aus, aber auch nicht schlecht. Er sah nach Durchschnitt aus. Es war nichts Auffälliges an ihm. Er sah aus wie Millionen junger Männer in seinem Alter. Keine besonderen Merkmale, nichts, leider.
„Hat er irgendwelche charakteristischen Kennzeichen wie Narben, Warzen oder Tätowierungen?“, wollte ich von Sharon wissen. Aber leider war ihr nichts in dieser Richtung bekannt.
»Little Digger’s Nugget«, Lake Tahoe, ein wundervoller Platz um auszuspannen und reich zu werden, hieß es auf dem Zündholz-Briefchen. Die Spielhölle mußte sich finden lassen.
„Hier steht, daß sich die Spielhalle in Lake Tahoe befindet“, stellte ich fest.
„Ja, ja Lake Tahoe ist richtig“, verbesserte sich Sharon. „Wir haben nur immer von Reno gesprochen, da Brigitte nicht wußte, wo Lake Tahoe ist.“
„
