Guardian Angelinos - Sekunden der Angst - Roxanne St. Claire - E-Book

Guardian Angelinos - Sekunden der Angst E-Book

Roxanne St. Claire

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Beschreibung

Privatermittlerin Vivi Angelino soll eine Schauspielerin bei einer Oscar-Verleihung doubeln, nachdem auf die vorangegangenen Gewinner eine Reihe von Anschlägen verübt wurden. Gemeinsam mit dem attraktiven FBI-Agenten Colton Lang versucht Vivi herauszufinden, wer hinter den Attentaten steckt.

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Seitenzahl: 524

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ROXANNE ST. CLAIRE

Guardian Angelinos

Sekunden der Angst

Roman

Ins Deutsche übertragen

von Nele Quegwer

Zu diesem Buch

Mit der glanzvollen Welt der Stars und Sternchen konnte die Privatermittlerin Vivi Angelino nie sonderlich viel anfangen: Jederzeit würde sie ihr Skateboard einer Limousine und ihre Sneakers einem Paar Stilettos vorziehen. Doch nun wittert Vivi ausgerechnet in Hollywood die Chance, ihr Sicherheitsunternehmen zum gefragtesten im ganzen Land zu machen: Zwei OscarGewinnerinnen sind auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen, und die Hinweise verdichten sich, dass ein Serienkiller dahintersteckt – der sein nächstes Opfer bereits im Visier haben könnte. Es gelingt Vivi, die Schauspielerin Cara Ferrari davon zu überzeugen, sie als Doppelgängerin zu engagieren – sehr zum Missfallen von FBI-Agent Colton Lang, dem es gar nicht recht ist, dass Vivi in seinem Fall herumschnüffelt. Auch Vivi passt Lang mit seiner regelgetreuen und beherrschten (leider aber auch ziemlich attraktiven) Art bei ihren Nachforschungen ganz und gar nicht in den Kram. Doch als sich herausstellt, dass hinter den Morden weit mehr steckt, als bislang angenommen, bleibt den beiden nichts anderes übrig, als sich bei den Ermittlungen zusammenzutun. Und dabei geraten sie in das Fadenkreuz eines eiskalten Mörders, der nichts mehr zu verlieren hat…

Für die Überlebenden.

Ihr wisst, wer ihr seid.

SCHAUSPIELERIN ISOBEL DESOTO TOT IN IHREM HAUS AUFGEFUNDEN

Der Tod einer zweiten Oscarpreisträgerin facht Spekulationen an: Zufall, Fluch oder Oscar-Mörder?

Los Angeles, Kalifornien, 18. April

Heute wurde in den frühen Morgenstunden die mit einem Oscar preisgekrönte Schauspielerin Isobel DeSoto (36) tot in ihrem Haus im Malibu Canyon gefunden. DeSotos Haushälterin machte die grausige Entdeckung. Aus Ermittlerkreisen heißt es, dass am Fundort der Leiche zahlreiche verschreibungspflichtige Medikamente sichergestellt wurden.

Zuletzt wurde die Schauspielerin gesehen, als sie das Haus des Regisseurs Angus Gaites verließ. Dort hatte sie eine Dinnerparty anlässlich ihres Academy Awards besucht, den sie kürzlich für ihre Leistung als beste Schauspielerin in der Rolle als junge Witwe im Film »Der Kompass des Teufels« erhielt, bei dem Gaites Regie führte. DeSotos Tod löst in den Medien und im Internet eine Welle von Spekulationen aus, nachdem zwei Oscargewinnerinnen so kurz hintereinander den Tod fanden. Vor einem Jahr verlor die Schauspielerin Adrienne Dwight, nur wenige Wochen nachdem sie den Academy Award für ihre Hauptrolle als Madame de Pompadour im Blockbuster Spiegelkabinett erhalten hatte, die Kontrolle über ihr Fahrzeug und raste in Los Angeles über einen Berghang, offiziell in einen Unfalltod.

Assistant Director Joseph Gagliardi, Leiter der Strafverfolgungsabteilung der FBI-Außenstelle in Los Angeles, bestätigt, dass die Ermittlungen an das FBI weitergegeben werden, was darauf hindeutet, dass die Behörden hinter den Todesfällen die Tat eines Serienmörders vermuten.

Auf die Frage nach der Reaktion der Academy of Motion Picture Arts and Sciences versicherte der Vorsitzende Gilbert Gordon, dass sich an der Oscartradition nichts ändern werde. Aus Kreisen der Academy wurde jedoch hinzugefügt, »wenn es tatsächlich einen Oscar-Mörder gibt, dann können die Nominierten nächstes Jahr nur hoffen, dass sie verlieren«.

1

Die Bunker Hill Bridge warf einen langen Schatten auf das Meer aus schiefergrauen Betonmulden und -rampen, und das monotone Rauschen des Verkehrs wetteiferte mit dem unablässigen Rotieren von BMX-Rädern und Skateboard-Rollen auf Beton – Musik in Vivi Angelinos Ohren.

Während sie von einem der Zuschauerbereiche den Hügel hinuntertrottete, las sie eine benutzte Serviette auf, die vom Getränkestand heruntergeweht worden war, und warf sie in den Müll. Der Charles River Skate Park war ihr Baby, und selbst das kleinste bisschen Abfall trübte seine Vollkommenheit.

Sie ließ ihr Skateboard von einer Hand in die andere gleiten, blieb unten an der Halfpipe stehen und sah einem Jugendlichen zu, der versuchte, einen McTwist hinzulegen. Empathie und Begeisterung pulsierten in ihr, als der Skater abhob und sich elegant in die Bewegung drehte.

Vivi musste diese Drehung um fünfhundertvierzig Grad mit Schraube erst noch hinkriegen, aber wenn, dann würde es hier sein, im Boston Park, wo sie jede freie Minute verbracht hatte, mit Sammel- und Unterschriftenaktionen, bis sie den Bau der Skateranlage durchgesetzt bekam.

Der McTwist-Kandidat knallte mit einem lauten »Scheiße verdammt!« direkt vor ihr hin.

Vivi bückte sich, um dem Jugendlichen aufzuhelfen, und boxte mit ihrer Faust gegen die des gescheiterten Skaters. »Du kriegst das schon noch hin.«

»Klar«, grinste der und schnellte hoch, obwohl sein Hintern höllisch wehtun musste. »Der McTwist ist besser als Sex.«

»Keine Ahnung«, sagte sie, halb zu sich selbst, während sie das obere Ende der Rampe begutachtete. »Hab’s noch nicht probiert.«

Der Beton reflektierte silberweiß im Wintersonnenlicht, ein seltenes Geschenk an einem Sonntag im Februar, wenn der Wettergott Boston für gewöhnlich mit Schneegestöber ärgerte.

Die Pipe war überfüllt, also beschloss sie, noch ein bisschen im Park herumzufahren, um sich für die harte ehrenamtliche Arbeit, die sie hierfür geleistet hatte, mental ein bisschen auf die Schultern zu klopfen. Jahrelang immer wieder Ausflüge ins Rathaus, all die Präsentationen vor Mitgliedern des Stadtrats, all die Freizeit, die sie geopfert hatte, waren es wert gewesen, den Skatern von Boston einen Ort zu geben, an dem sie ihrer Leidenschaft frönen konnten. Diese Jugendlichen, größtenteils Stadtratten, hatten keine Ahnung, wie man lokale Politiker und Verantwortliche dazu brachte, einem zu geben, was man wollte. Aber Vivi war älter – aber nicht weniger leidenschaftlich, was diese Freizeitbeschäftigung betraf – und konnte sich gut daran erinnern, wie es war, ein Teenager ohne Stimme zu sein.

Also hatte sie ihnen ihre geliehen, und dieses wunderbare Mosaik aus Beton und Grasflächen war das Ergebnis. Sie betrachtete die Zuschauerbereiche, von wo aus Eltern, Partner, Neulinge und Möchtegerns auf die Skaterbahnen hinabblickten und – Scheiße. Ihr Herz stürzte nach unten wie ein Longboard auf der Zwei-Meter-fünfzig-Rampe.

»Was macht der denn hier?«

Assistant Special Agent in Charge Colton Lang stand da und umfasste mit starken Händen das Geländer, die breiten Schultern voller Entschlossenheit angespannt, sein unbeirrbarer Blick streifte über die Rampen wie der eines todbringenden Scharfschützen auf der Suche nach seinem nächsten Opfer.

Lang war der Allerletzte, den sie im Charles River Skate Park erwartet hätte.

Er hatte sich dauernd darüber lustig gemacht. Sie damit aufgezogen, ob sie nicht ein bisschen zu alt sei für ein Skateboard.

Es war gewiss nicht so, dass seine Meinung von Bedeutung gewesen wäre. Er war ein Mandant ihrer Sicherheitsfirma und Detektei, und das hier war ein arbeitsfreier Sonntagmorgen. Wen interessierte es, ob er sie in dem Park herumhängen sah, den sie mit gebaut hatte?

Sie. Alles, was mit Colton Lang zu tun hatte, interessierte sie viel zu sehr. Und das war ihr Problem. Ihr schmutziges kleines, heimliches Problem.

Also, warum in aller Welt war dieser verklemmte, spießige FBI-Agent hier in ihrem heiligen Skate Park und verdarb ihr diesen fantastischen Sonntagmorgen? Wie hatte er sie überhaupt ausfindig gemacht?

Und gleich würde er sie erspähen, mit windzerzausten Haaren, die nach ihrer letzten Fahrt die Vert Pipe hinunter in alle Richtungen abstanden, schweißnassem Gesicht und Klamotten, die an ihr hingen, als hätte sie sie in ihrem Schlafzimmer vom Boden aufgesammelt und angezogen, ohne auch nur einen Blick in den Spiegel zu werfen. Weil, na ja, weil es so gewesen war.

Aber das ist egal, stimmt’s, Viviana? Er ist ja bloß ein Mandant.

Genau.

Sie schielte noch einmal verstohlen zu ihm hinüber und sah, wie er sein Handy aus der Tasche zog.

Vielleicht würde er sie nicht erkennen – er musste schon sehr gute Augen haben, um sie in dieser Masse von Skatern auszumachen, die alle die gleiche Uniform trugen: weites Oberteil, Cargohose, Sonnenbrille und Helm.

In der Tasche ihrer Cargohose klingelte ihr Telefon. Verdammt. Er rief sie an.

Sie drehte sich um und versuchte, ihr Gesicht hinter ihrem Board zu verstecken, während sie das Telefon herauskramte. Dabei hoffte sie inständig, dass er nicht die Menge nach jemandem absuchte, der gerade auf seinem Handy einen Anruf entgegennahm. Diese hinterhältige Taktik anzuwenden, um sie aus den anderen Skatern herauszupicken, würde ihm mal wieder ähnlich sehen.

»Ja?« Es klang genauso alarmiert, wie sie sich fühlte.

»Ja?« Sein Bariton kribbelte in ihrem Ohr. »Melden Sie sich immer so am Telefon?«

»Oh, tut mir leid, Assistant Special Agent für ordnungsgemäße Telefonetikette und Manieren. Fangen wir noch mal von vorne an.« Sie räusperte sich. »Guten Morgen, Mr Lang. Viviana Angelino, stets zu Ihren Diensten – auch wenn es Sonntagmorgen ist und ich mich nicht in der Nähe des Büros der Guardian Angelinos befinde. Was kann ich für Sie tun?«

Er lachte, es klang wie eine Mischung aus einem Knurren und einem tiefen Kratzen in seinem Hals, und sie hasste, hasste sich wirklich dafür, dass es ihr warm prickelnd durch den ganzen Körper bis in die Zehenspitzen fuhr.

»Drehen Sie sich um«, wies er sie an.

Verflucht noch mal. »Wovon reden Sie?«

»Ich glaube, ich sehe Sie, aber Sie müssten sich mal umdrehen.«

»Sie sehen mich? Ich bin gerade in der Kirche, daher habe ich ernsthafte Zweifel, dass Sie mich sehen können.«

»In der Kirche? Aha. Dann huldigen Sie wohl dem Gott Airwalk.«

Woher kannte er diese Marke? Und wie war sie auf die Schnapsidee gekommen, ihn anschwindeln zu können?

»Drehen Sie sich um, Vivi.« Er sprach ihren Namen genau so aus, wie sie es mochte: Vie-vie. Er dehnte die Zwillingssilben, und bei ihm klangen die lang gezogenen I-s irgendwie … sexy.

Trotzdem weigerte sie sich, sich zu rühren. »Sagen Sie mir einfach, was Sie von mir wollen, Lang.« Sie hatte es längst aufgegeben, sich mit seinem sperrigen Titel abzumühen, da sie sich dabei sowieso meistens verhaspelte. Er hatte ihr zwar erklärt, dass es angemessen sei, einen ASAC mit »Mr Lang« anzureden, aber nach ihrem ersten gemeinsamen Fall hatte sie das »Mr« weggelassen. Und es schien ihn nicht zu stören.

»Ich will, dass Sie sich umdrehen.«

»Haben Sie einen Job für die Guardian Angelinos?«, fragte sie.

»Nein.«

Die eine Silbe, eindringlich und, oh Gott, sexy, war wie ein Schlag in die Bauchgrube. »Benötigen Sie einen Bericht über den Auftrag, den Zach zurzeit ausführt?«

»Nein.«

»Haben Sie einen dicken, fetten Scheck für mich, für die umfassende Beratung, die wir für das Federal Bureau of Investigation durchführen?«

»Nein.«

»Dann verschwinden Sie, und wir sehen uns bei unserem für Montag um elf angesetzten Termin.«

Eine Hand legte sich auf ihre Schulter und ließ sie zusammenzucken.

»Nein.« Er verstärkte seinen Griff und zog an ihr. »Drehen Sie sich um.«

Sie spürte die Hitze seines Körpers in ihrem Rücken, seine Präsenz so stark, dass ihr die Knie hinter den Schonern zitterten.

»Verdammt, Lang.« Sie wirbelte herum, und ihr Blick fiel auf seine offene Jacke. Das Izod-Logo auf seiner Brust bestätigte ihr, was sie bereits geahnt hatte. Er war ein Langweiler, der Pullover mit Kragen trug. Und sie standen ihm traumhaft gut.

Mit einem Finger tippte er leicht an den Rand ihres Schutzhelms. »Wirklich niedlich, Angelino.«

»Ich hab Ihnen doch gesagt, ich will nicht, dass Sie mich …«

»Niedlich nennen. Ich weiß.«

Die Luft wehte kühl über ihren verschwitzten Kopf, als er ihr den Helm abnahm. Na toll. Helmfrisur.

Sein Lächeln verstärkte sich, und seine braunen Augen glitzerten golden und grün. »Wie soll man das sonst nennen, wenn nicht niedlich?«

Demütigend?

Sie machte einen Schritt nach hinten und funkelte ihn an. Warum zum Teufel kümmerte es sie, was Lang von ihr dachte? »Das hier ist mein Sonntagsvergnügen. Ich bin nicht im Dienst, Lang, also was wollen Sie?«

»Ein guter Sicherheitsspezialist und Detektiv ist immer im Dienst«, erwiderte er voller Herablassung und mit voller Berechtigung. »Ich dachte, Sie wären eine kleine Tigerin, die unermüdlich daran arbeitet, ihr neu gegründetes Unternehmen zu einer treibenden Kraft auf dem Sicherheitssektor zu machen.«

»Erinnern Sie mich dran, dass ich Ihnen nie wieder irgendwas anvertraue.« Nichts. Schon gar nicht ihre Fantasien.

In einem verzweifelten Versuch, irgendeine Barriere zu errichten, brachte sie das Longboard zwischen Lang und sich.

Der Special Agent schien an ihrem derangierten Zustand entschieden zu viel Gefallen zu finden. Natürlich amüsierte ihn das. Wie ein Päckchen Vollkommenheit war er in ihre Welt gesegelt – nicht ein kastanienfarbenes Haar, das aus der Reihe tanzte, das dämliche Spießershirt, gebügelt, als käme es direkt von der Stange bei Bloomingdale’s, saß wie angegossen, genau wie seine Jacke. Und sie hätte um ihr Leben gewettet, dass er unter dieser Jacke eine Glock trug.

»Was schauen Sie denn so?«, fragte er.

»Sie haben sich rasiert, Lang? Sonntags? Was ist bloß mit Ihnen los?«

Er strich sich über sein glatt rasiertes Gesicht. »Das ist der ehemalige Pfadfinder in mir.«

Sie verdrehte die Augen. Das war der Streber in ihm. Und, Grundgütiger, dieser Streber stellte ungehörige Sachen mit ihrem Innenleben an.

»Möchten Sie was trinken?«, fragte er und legte ihr beiläufig eine Hand auf die Schulter, als gehörte sie ihm. Sie hatte sich nach der letzten Fahrt ihr Sweatshirt um die Taille gebunden, und ihre Schulter fühlte sich zweifellos feucht an unter dem T-Shirt, das er mit seiner Hand berührte. Na super. Jetzt klebte er an ihr. »Da drüben ist ein Getränkestand.«

»Ich weiß.« Sie warf das Board auf den Boden, sprang darauf und zuckelte gut einen Meter vor ihm her. »Ich habe ihn gebaut.«

Ehe er antworten konnte, stieß sie sich ab, fuhr ihm davon, umrundete einen Betonhügel, wich zur Seite aus, wirbelte das Board mit einer perfekten Hundertachtzig-Grad-Drehung herum und kam hart wieder auf.

»Sie haben ihn gebaut?«, fragte er und erreichte sie gerade, als sie das Board mit ihren Zehen aufstellte und ihm einen rotzfrechen Blick zuwarf.

»Ich habe die Spendenaktion überwacht, mit der wir die Dollars für den Bau zusammengekratzt haben«, erklärte sie. »Der Charles River Skate Park ist das Ergebnis der harten Arbeit einer freiwilligen Gemeindeorganisation. In der ich zufälligerweise sehr engagiert bin.«

»Tatsächlich.« Er musterte sie einen Moment, wie ein Kunsthändler, der etwas entdeckt hat, das von Wert sein könnte – und sah wieder weg. Als hätte er sich getäuscht.

Sie hasste sich dafür, dass ihr sein Desinteresse etwas ausmachte.

Desinteresse ist gut, Vivi. Er ist ein Mandant. Mandant. Man-dant.

Wie oft musste sie sich das noch ins Gedächtnis rufen?

Er setzte ihr den Helm wieder auf. »Skaten Sie nicht ohne dieses Ding.«

Sie nahm ihn wieder ab. »Ich skate nicht, ich gehe spazieren. Was wollen Sie heute von mir, Lang?«

»Ich bin nur gekommen, um unsere Besprechung morgen abzusagen. Bei mir haben sich Termine verschoben. Ich kann am Mittwoch zu Ihnen ins Büro kommen, wenn Sie Zeit haben.«

Als hätte er ihr das nicht am Telefon sagen können! Oder eine SMS schicken, schließlich tauschten sie ständig welche aus. Hätte er nicht einfach eine Nachricht bei Chessie hinterlassen können? Warum musste dieser Kontrollfreak Lang alles Geschäftliche immer persönlich erledigen?

Vertraute er der zuverlässigen Übermittlung einer E-Mail nicht, oder lag es daran, dass er sie sehen wollte? Sie verdrängte den Gedanken und überlegte, was sie ihm antworten sollte. Zumal sie nicht allzu viel enthüllen mochte.

»Am Mittwoch werden Sie mit meinem Bruder vorliebnehmen müssen. Ich bin nicht in der Stadt.«

Er musterte sie mit neu erwachtem Interesse. »Arbeit oder Vergnügen?«

»Arbeit ist Vergnügen. Vielleicht nicht für hartgesottene FBI-Agenten, aber aufstrebende Existenzgründerinnen wie ich haben echt ihren Spaß.«

»Ich meine es ernst.«

Das brachte sie zum Lachen. »Sie sind schon ernst auf die Welt gekommen, Lang.«

Über sein Gesicht breitete sich der Versuch eines Lächelns. Es klappte nicht ganz. »Wo wollen Sie hin?«

»Das ist vertraulich. Tut mir leid, aber Sie müssen nicht alles wissen, Lang.« Er würde die ganze Idee sowieso mit Spott und Häme überziehen. »Sie sind nämlich nicht unser einziger Mandant.«

»Aber der einzige hier im Park.«

Allein die Art, wie er es sagte, ließ ihren Körper wohlig warm erschauern.

»Sie können sich mit Zach treffen«, sagte sie. »Mein Bruder ist über alle offenen Fälle auf dem Laufenden. Sie werden mich gar nicht vermissen.«

Seine Augenbraue zuckte kaum merklich nach oben. Als wenn … er sie vielleicht doch vermissen würde. »Ich hatte gehofft, dass Sie mir einen vollständigen Bericht über den Berkower-Fall liefern könnten, den ich letzten Monat an die Guardian Angelinos übergeben habe. Das ist Ihr Zuständigkeitsbereich.«

»Zuständigkeitsbereich?« Sie unterdrückte ein abfälliges Lachen. »Wie kommen Sie denn darauf? Alles fällt in meinen Zuständigkeitsbereich, aber ich bin in L.A., also …«

»Sie haben Mandanten in L.A.?« Er klang überrascht und ein bisschen zu interessiert. »Ich wusste gar nicht, dass Ihre kleine Firma jetzt schon auf nationaler Ebene tätig ist.«

Ihre kleine Firma. Langsam sollte sie sich an seine spitzen Bemerkungen gewöhnt haben. Sie gehörten zum Leben dazu, genau wie die Sticheleien, die sie von ihren Cousins erdulden musste, mit denen sie und Zach aufgewachsen waren. Vermutlich war es einfach Langs Art, weil er stets die Kontrolle behalten wollte. Trotzdem ärgerte es sie.

»Wenn Sie wüssten, warum ich dort bin, wären Sie nicht so freizügig mit ihren kaum verhüllten Beleidigungen.«

»Dann sagen Sie es mir.«

Ein paar Skater zischten vorbei und wichen Lang im letzten Moment aus, der den Weg entlangschritt, als hätte er die Anlage gebaut und nicht Vivi und ihr Freiwilligentrupp.

»Kann ich nicht«, sagte sie schlicht. »Vertrauliche Mandanteninformationen.« Jedenfalls waren sie das, sobald sie den Job in der Tasche hatte.

»Also haben Sie wirklich einen Mandanten in Kalifornien? Das ist ja interessant.«

Fast hätte sie geschwindelt, doch das in schönen Farben gemalte Bild ihrer Mutter vom heiligen Petrus, der an der Himmelspforte harrte und Vivi sämtliche Sünden und Fehltritte ihres Lebens aufzählen würde, schreckte sie ab, wie immer. »Um ehrlich zu sein, bemühen wir uns erst um einen neuen Auftrag, aber ich glaube, wir haben eine Chance.« Eine sehr geringe. Aber das waren ihr die liebsten. »Warum interessiert Sie das?«

»Weil …« Er zögerte und warf ihr einen raschen Blick zu. »Ich vielleicht da hinziehe.«

Ihr Herz rutschte ihr so plötzlich und unsanft in die Hose, dass sie förmlich spürte, wie es unten ankam. »Wirklich?«

Er zuckte die Achseln und heuchelte Gelassenheit, obwohl er nicht wirklich so empfand. Das spürte Vivi. »Möglicherweise. Es gibt dort eine freie Position als SAC, um die ich mich beworben habe.«

»Wow, Lang.« Sie boxte ihm spielerisch gegen den Arm und genoss das Gefühl, als ihre Fingerknöchel auf seinen harten Bizeps trafen. »Ganz schöner Aufstieg zum Special Agent in Charge – endlich wären Sie diesen nervigen Zusatz ›Assistant‹ los.« Ein Aufstieg, der ihn dreitausend Meilen weit weg befördern würde. »Würden Sie dort das gesamte Büro leiten?«

»Gott, nein. Nur die Strafverfolgungsabteilung, die ziemlich groß ist. In einem Büro dieser Größenordnung gibt es mehrere SACs, aber es wäre ein Fortgehen – äh, Fortschritt.«

Und Fortgehen. »Sie kommen aus L.A., oder? Haben Sie dort Familie?«

»Nur meinen Dad, und er ist nicht mehr der Jüngste. Ich bin der einzige Sohn in der Nähe. Mein Bruder lebt in Europa und ist eine Schande für die Menschheit.«

Sie schnaubte leicht. »Sehr nette Umschreibung.«

»Das vielleicht nicht, aber es ist wahr.«

Er führte sie zu dem Imbissstand. »Erzählen Sie mir von dem Job in L.A.«

»Um mich Ihrem beißenden Spott auszusetzen? Nein, danke. Das versuche ich zu vermeiden, wann immer es geht.«

»Ich werde Sie nicht verspotten.« Er ging zum Fenster. »Eine Coke?«

»Cherry Slurpee.«

Er verdrehte die Augen. »Und Sie machen sich über mich lustig.«

»Sehen Sie? Sie verspotten mich, weil ich einen Slurpee will.«

»Vivi, Sie sind einunddreißig.«

»Stimmt. Also machen Sie einen Wodka-Slurpee draus, und dann treffen wir uns da am Tisch.« Sie ging zu einem leeren runden Tisch und setzte sich auf eine der zementgegossenen Bänke. Dann drehte sie sich so, dass sie Lang dabei beobachten konnte, wie er ihre Getränke kaufte.

Sie sann darüber nach, was er vorhin angedeutet hatte, nämlich dass er sich um eine Position in Los Angeles beworben hatte.

Es wäre gut, wenn Lang wegzöge, sagte sie sich, indes ließ sich das Engegefühl in ihrem Herzen nicht verleugnen. Sie würde mit einem anderen ASAC zusammenarbeiten können, jemand, der sie nicht aus dem seelischen Gleichgewicht und ihr blödes Herz zum Stocken brachte, jedes Mal, wenn seine Nummer auf dem Display ihres Telefons erschien. Wie der Mann ganz richtig bemerkt hatte, war sie einunddreißig Jahre alt und über das Alter von Teenieschwärmereien hinaus.

Aber sieh ihn dir doch bloß an. Selbst sein dämliches Izod-Shirt sah … heiß aus. Und obschon sie khakifarbene Chinos verabscheute, umhüllten seine einen Weltklasse-Hintern und waren vorne gerade genug ausgebeult, dass ihre Fantasien sich überschlugen und ihr netter kleiner Vibrator zu Hause dagegen dilettantisch wirkte.

Er war ein Bild von einem Mann, verströmte Empathie und Stärke. Das Sonnenlicht zauberte goldene Sprenkel in seine Augen, spielte auf seinen Haaren, als hätte der liebe Gott ihn bei seiner Geburt in Bronze getaucht. Die winterlichen Sonnenstrahlen betonten seine kantige Wangenpartie und den vollen Mund, der nur selten lächelte, aber wenn, dann spielten sich verrückte Sachen in Vivis unterer Körperhälfte ab.

Sie atmete wacklig aus. Also, ja. L.A. Guter Schritt für alle Beteiligten.

Er kam mit den Drinks herübergeschlendert, und seine Augen fixierten sie, als wüsste er, was sie dachte. Gottlob war das unmöglich, denn wenn er auch nur die leiseste Ahnung gehabt hätte, in welche Richtung ihre Gedanken sich bewegten, hätte er sich bestimmt totgelacht. Sie war eine Kollegin, eine Beraterin, bestenfalls eine Freundin für ihn. Mehr nicht. Es wäre zutiefst demütigend, wenn er wüsste, wie oft sie schon fantasiert hatte, ihm dieses Golf-Shirt vom Leib zu reißen. Mit den Zähnen.

»Interessante Frisur«, sagte er und stellte die Getränke auf den Tisch. »Selbst für Sie.«

Ja. Sie waren eindeutig nicht auf derselben Wellenlänge.

»Ist das Ihre Methode, um mir Informationen über meinen neuen Mandanten aus der Nase zu ziehen? Sehr effektiv.« Sie nahm den Slurpee und riss das Papier am Strohhalm oben ab, drehte ihn um und blies es ihm ins Gesicht.

Er fing den Papierstreifen mit einer blitzschnellen Bewegung in der Luft auf. »Sie brennen darauf, es mir zu erzählen.« Er beugte sich über den Tisch. »Geben Sie dem Impuls einfach nach, Vivi.«

Ihre unteren Regionen vollführten eine weitere Achterbahnfahrt.

»Nennen Sie mir einen guten Grund, warum ich Ihnen irgendwas erzählen sollte.«

»Weil«, begann er und senkte die Stimme zu jenem Ich-habe-hier-das-Sagen-Tonfall, den sie unerträglich und sexy und hin und wieder auch ein bisschen einschüchternd fand, »ich es wissen will.«

Und da kapitulierte sie einfach. Kein Mann hatte jemals diese Wirkung auf sie gehabt. Noch nie.

Als Vivi Angelino mit ihren Lippen den breiten Trinkhalm umschloss und so heftig daran saugte, dass sich ihre zarten Wangen nach innen zogen, bekam Colton Lang fast einen Ständer.

Fast.

Der Zustand einer Verdammt-nah-dran-Erektion in Gegenwart dieser Frau war ihm schon zur Gewohnheit geworden, daher hatte Colt sich in den paar Monaten, seit er ihrer Firma Beratungsaufträge zukommen ließ, ein paar Tricks angeeignet, um dafür zu sorgen, dass aus »Verdammt nah dran« nicht »offensichtlich« wurde.

Zum Beispiel richtete er seine Aufmerksamkeit auf ihr ungewöhnlich schwarzes Haar, das heute durch den Helm und das anscheinend noch von gestern stammende Haargel besonders merkwürdig aussah. Oder er heftete seinen Blick auf den winzigen Diamanten an ihrem Nasenflügel und konzentrierte seine Gedanken darauf, wie sehr so ein Durchstich schmerzen musste, anstatt darauf, wie es sich anfühlen würde, mit der Zunge über den Stein zu fahren.

Oder er rief sich einfach ins Gedächtnis, dass dieses jungenhaft anmutende, Skateboard fahrende, Sneakers tragende, Gitarre spielende Mädchen nebenbei auch die beste detektivische Spürnase weit und breit hatte und er sich die Guardian Angelinos für bestimmte Aufgaben warmhalten wollte. Einem hirnlosen Blutstau in seinem Schwanz nachzugeben wäre also unprofessionell und dumm gewesen.

Normalerweise reichte das, um die Erektion abzuwürgen. Manchmal. Heute, in diesem Skate Park, wo auf ihrer Haut ein leichter Schimmer von Schweiß lag, der ihre koboldhaften Gesichtszüge zum Glitzern brachte, und in ihren kaffeebraunen Augen unvermutetes Interesse funkelte, hatte der Ständer gute Chancen, diesmal die Schlacht zu gewinnen.

Aber, Colt, sieh dir diesen Aufzug an. Ein langärmeliges Baumwoll-T-Shirt, das um ihren gertenschlanken Körper schlabberte, und eine ausgewaschene, an den Aufschlägen ausgefranste grüne Cargohose. Er könnte sich nie zu einer Frau hingezogen fühlen, die sich so wenig um ihr Äußeres kümmerte, dass sie gekleidet wie ein krimineller Teenager durch Boston skatete.

Er bevorzugte Frauen, die wie Frauen aussahen, die ein bisschen Make-up auflegten und das Haar gepflegt schulterlang trugen, und die vielleicht in einem hübschen Sommerkleidchen durch den Park schlenderten – und nicht auf Skaterrollen unterwegs waren. Er hätte sein letztes Hemd darauf verwettet, dass sie gar kein Kleid besaß.

»Na gut, ich erzähle es Ihnen«, sagte sie, nachdem sie hörbar geschluckt hatte. »Aber ich schwöre bei Gott, Lang, versuchen Sie nicht, es mir auszureden, denn ich will diesen Auftrag unbedingt haben.«

»Welchen Auftrag?«

»Sie haben sicher von dem Oscar-Mörder gehört.«

Er erstarrte mit seiner Cola in der Hand auf halbem Weg zum Mund. »Sie glauben diesen Humbug doch nicht etwa, oder?«

Sie lächelte. »Lang, Humbug sagt man seit vierzig Jahren nicht mehr. Kommen Sie endlich in diesem Jahrhundert an! Halten Sie es wirklich für einen Zufall, dass zwei Oscarpreisträgerinnen in zwei aufeinanderfolgenden Jahren nur wenige Wochen nach der Verleihung den Tod fanden?«

»Eine starb an einer Überdosis, das andere war ein Unfall. Laut medizinischem Bericht deutet nichts auf einen Serienmörder hin. Allerdings weiß ich, dass in L.A. eine Spezialeinheit des FBI gebildet wurde, die die Möglichkeit eines Nachahmers oder Trittbrettfahrers im Auge behält.«

»Genau.« Sie zeigte auf ihn. »Ich glaube übrigens auch nicht daran, dass es einen Serienmörder gibt, aber ich weiß, dass es in Hollywood aktuell fünf Frauen gibt, die sich vor Angst in die Hose machen. Und die wie verrückt ihre Security aufrüsten.«

»Und Sie meinen, dass die Ihre Firma für den Personenschutz engagieren?« Er versuchte, nicht spöttisch zu klingen, er versuchte es wirklich. Aber es war einfach lächerlich. »Eine junge, unbekannte Firma, die aus dem weiteren Familienkreis aufmüpfiger Angelinos und Rossis besteht?«

Es überraschte ihn nicht, dass sie voller Empörung ihre Espressoaugen zusammenkniff. »Wir sind nicht aufmüpfig, Himmelherrgott. Ich war früher Enthüllungsjournalistin, falls Sie das schon vergessen haben, eine Lizenz als Privatdetektivin zu bekommen, war also kein Zauberwerk. Zach ist ein ehemaliger Army Ranger. Und, ja, unser Kernpersonal setzt sich zufälligerweise aus ein paar Cousins zusammen, mit denen mein Bruder und ich aufgewachsen sind …«

»Nicht zu vergessen, Onkel Nino, der Sie mit Pasta und einer täglichen Motivationsspritze versorgt.«

»Nichts gegen meinen Nino«, entgegnete sie. »Und zu Ihrer Information, wir führen Vorstellungsgespräche mit Personenschutz- und Security-Spezialisten, darunter einige hochrangige Bodyguards. Die Guardian Angelinos sind ganz groß im Kommen.«

Er würdigte Selbiges durch ein leichtes Schieflegen seines Kopfes. »Das weiß ich, Vivi, spätestens seit ich Sie mit FBI-Beratungsaufträgen überschütte. Ich denke nur, dass die Schauspielerinnen, die sich darum sorgen, das nächste Opfer eines Unglücks oder eines Mörders zu werden, den Größten und Besten in der Securitybranche beauftragen werden.«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht.« Sie nahm noch einen Schluck, und in ihren dunklen Pupillen tanzte ein unausgesprochenes Geheimnis. »Was halten Sie von Cara Ferrari?«

»Hmmm, ich würde sie jedenfalls nicht von der Bettkante schubsen.«

Sie verdrehte die Augen zum Himmel und gab einen missbilligenden Schnalzlaut von sich. »Ich meinte ihre Chancen, einen Oscar zu gewinnen.«

»Ich verfolge das Geschehen in Hollywood nicht so genau, aber ich habe dieses Remake von ›Reise aus der Vergangenheit‹ gesehen. Meiner Meinung nach kommt sie nicht an das Original mit Bette Davis heran.«

»Zum Glück spielt Ihre Meinung keine Rolle. Sie hat eine Chance.« Sie schenkte ihm ein hinreißendes Lächeln, das die winzige fehlende Ecke an ihrem Schneidezahn enthüllte. Wie mochte es sich anfühlen, mit der Zunge über diese kleine Unebenheit zu lecken?, überlegte er nicht zum ersten Mal. »Und ich glaube, ich auch.«

Er schüttelte bloß den Kopf. Er konnte ihr nicht folgen, aber das lag vielleicht daran, dass sein Körper ihm, wieder einmal, einen Streich spielte.

»Schauen Sie mich an«, forderte sie ihn auf. Sie beugte sich leicht nach hinten, legte die Hände auf die Hüften und neigte den Kopf zur Seite.

»Ich schaue.« Das war ja das Problem. Sie war so verdammt niedlich, dass er ganz vergaß, worum es überhaupt ging.

»Schauen Sie, Lang.«

Wohin? Auf ihr T-Shirt, das sich in dieser Körperhaltung so stramm zog, dass ihre Brüste sich darunter abzeichneten? Sie waren nicht groß, aber keck und süß, genauso vorwitzig wie sie selbst, und, na ja, selbst an Vivi gab es ein paar Dinge, die weiblich waren. Wollte sie wirklich, dass er auf ihre Brüste schaute? Dann würde es gewiss nicht mehr lange dauern, bis sein Ständer sich zurückmeldete.

»Sehen Sie denn nicht die Ähnlichkeit?« Sie drehte ihr Gesicht ins Profil, hob das Kinn, schloss die Augen und legte in einer klassischen Filmstar-Pose den Kopf in den Nacken. Sein Blick glitt ihren Hals hinunter – nicht zuletzt ein weiteres Objekt seiner heimlichen Begierden.

Himmel, Colt, reiß dich zusammen.

Plötzlich wandte sie sich ihm wieder zu, und eine verwirrende Sekunde lang dachte er, sie hätte seine Gedanken gelesen.

»Ich sehe genau aus wie Cara Ferrari«, behauptete sie.

Er bekam einen leichten Lachanfall. »Sind Sie genauso bekifft wie diese anderen Skater?«

Sie blickte ihn finster an. »Richtige Skater kiffen nicht – das machen nur Angeber. Und sehen Sie sich dieses Gesicht an«, verlangte sie und deutete mit beiden Zeigefingern auf ihre Wangen. »Ist das nicht die Zwillingsschwester von Cara Ferrari?«

Er schmunzelte. »Wo wir gerade von Angebern sprechen.«

»Lang, verdammt noch mal.« Ihre Wangen färbten sich vor Entrüstung, was sie nur noch niedlicher machte. »Alle sagen, dass ich aussehe wie sie. Ich meine, wenn meine Haare länger wären und ich, na, Sie wissen schon, ein bisschen Make-up auflegen würde.«

»So ungefähr eine Wagenladung.«

»Ich werde ständig angesprochen und gefragt, ob ich Cara Ferrari wäre«, beharrte sie.

»Und Sie glauben, was Ihnen Besoffene in der Kneipe erzählen?«

»Mensch, Sie sind genauso schlimm wie meine Cousins. Hören Sie auf, mich aufzuziehen, und nehmen Sie das gefälligst ernst.«

Er setzte das humorloseste Gesicht auf, das er hatte, und er hatte viele. »Cara Ferrari ist ein Filmstar, Vivi.«

»Ja und?«

Wie tief wollte er sich noch reinreiten? »Ich meine, sie ist umwerfend, eine Ikone …«

Sehr tief.

»Nicht, dass Sie nicht auf Ihre Art attraktiv wären.« Scheiße, er redete sich um Kopf und Kragen, aber dennoch fuhr er fort. »Es ist nur, sie ist durch und durch Glanz und Glamour, und Sie …« Nicht.

»Ich kann mich aufbrezeln.«

Also, das würde er zu gerne mal sehen. »Na gut«, lenkte er ein, da er ihr nicht wehtun wollte. Er sah sie mit zusammengekniffenen Augen an und formte mit den Fingern einen imaginären Kamerarahmen. »Ja, ich kann die Ähnlichkeit sehen. Ihr habt beide dunkle Haare und dunkle Augen.«

Sie drückte seine Hände nach unten. »Schon gut, Lang, ich hätte es besser wissen müssen. Sie können einfach nicht um die Ecke denken. Ich hätte damit rechnen müssen, dass Sie total engstirnig sind, gefangen in Ihren Regeln und Vorstellungen. Dass Sie eine Sache mal kreativ angehen, wage ich noch nicht mal zu träumen. Das wäre zu viel verlangt von Ihrem strukturierten, formelhaften, uninspirierten Hirn.«

Alles klar, er hatte es nicht anders verdient, nachdem er sie gerade mit Beleidigungen überhäuft hatte, aber irgendwas an dieser Unterhaltung lief komplett schief, selbst für ihre Verhältnisse. »Zum Kuckuck, worauf wollen Sie eigentlich hinaus, Vivi?«

»Ein Double.«

Diesmal starrte er sie bloß an. »Das ist nicht Ihr Ernst.«

Sie schlug milde gereizt mit der Faust auf den Tisch. »Ich wusste, ich hätte es Ihnen nicht erzählen sollen.«

»Mir was erzählen?«

»Kommen Sie, Lang, es ist die älteste Form des Personenschutzes auf der ganzen Welt. Man bedient sich einer Doppelgängerin – einer professionellen Doppelgängerin – bis der Mörder gefasst ist. Wenn es überhaupt einen Mörder gibt, was ich nicht wirklich glaube. Trotzdem, wir werfen einen Köder aus und …«

»Moment mal«, sagte er mit tiefer, schroffer Stimme. Seine Miene wurde ernst. »Spaß beiseite, Sie bräuchten ein komplett neues Styling, um als Cara Ferrari durchzugehen.«

»Nicht von Weitem.«

»So ein Auftrag wird an einen ausgebildeten Profi vergeben, und nicht an eine externe Beraterin. Und viel Glück beim Versuch, an Cara Ferrari ranzukommen. Einen Termin beim Präsidenten zu kriegen ist einfacher.«

Ein Anflug von Arroganz huschte über ihr Gesicht. »Vielleicht habe ich ja schon einen.«

»Was? Wie denn?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Wie heißt es doch so schön? Jeder kennt jeden um sechs Ecken.«

»Sie kennen Cara Ferrari nicht mal um sechzig Ecken.« Oder doch?

Sie spielte mit ihrem Getränkebecher, stellte ihn wieder ab. »Vergessen Sie es, Lang. Sie haben recht. Sie war beschissen in ›Reise aus der Vergangenheit‹. Sie sollte bei den Kitschfilmen bleiben, mit denen sie wirklich Geld verdient hat.«

»Ganz genau«, stimmte er zu und ignorierte ihren Sarkasmus. »Wie seinerzeit der B-Movie, in dem sie die Stripteasetänzerin gespielt hat. Der hat mir gefallen.«

»Kann ich mir denken. Welcher Mann bewundert nicht das natürliche schauspielerische Talent, das eine Frau benötigt, um beim Lapdance den Reißverschluss ihrer Stiefel mit den Zähnen aufzumachen? Noch dazu, wenn ihr diese Dinger bis zu den Oberschenkeln reichen.«

»Sie müssen zugeben, dass das eine unvergessliche Szene war.«

»Ja, und eine schauspielerische Glanzleistung.«

»Und eine koordinatorische«, stimmte er zu. »Denken Sie bloß daran, wie viele Collegejungs sie damit glücklich gemacht hat.«

»Waren Sie auch einer von diesen Jungs, Lang?«

»Ich bitte Sie. Ich war bereits auf der FBI-Akademie, als der Film rauskam, aber …« Er unterdrückte ein Lächeln. »Es war allerdings ein ziemlich erotischer Lapdance, das muss ich zugeben.«

»Ja, mag sein. Können wir dieses Gespräch nicht einfach vergessen? Es ist sowieso müßig. Es heißt, Kimberly Horne hat den Oscar schon so gut wie in der Tasche.«

Er entspannte sich ein wenig. »Vivi, Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass Sie Cara Ferrari davon überzeugen können, so lange als ihr Double einzuspringen, bis sich dieses Buhei um den Oscar-Mörder gelegt hat. Ich finde, Sie sollten Ihre törichte Idee vergessen.«

»Buhei.« Sie verdrehte die Augen und griff nach ihrem Getränk. »Ist mir egal, was Sie finden.«

Als er stumm blieb, saugte sie abermals an ihrem Strohhalm und blickte mit großen Augen zu ihm hoch – als wäre sie gerade dabei, ihm einen zu blasen.

Lang verfluchte seinen Schwanz, der prompt einen Freudentanz vollführte.

»Keine Chance«, sagte er, sowohl zu seinem ungehorsamen Penis als auch zu seiner sexy Beraterin. »Es ist eine niedliche Idee, aber …«

»Lecken Sie mich, Lang«, feuerte sie zurück.

»Sorry, ich weiß, Sie hassen alles, was niedlich ist.«

»Sie raffen es einfach nicht, oder?«

Offensichtlich nicht. »Was raffe ich nicht?«

»Was ich mit dieser Firma vorhabe, die mein Bruder und ich gegründet haben.«

»Wie können Sie so etwas behaupten?« Er schob sein Getränk beiseite, um näher an Vivi heranzurücken. »Ich glaube an Ihre Firma. Wenn ich nicht aufpasse, fängt mein Chef an, mich zu löchern, warum ich Ihnen in den letzten vier oder fünf Monaten dauernd neue Aufträge erteilt habe. Wir sind nämlich angehalten, das Budget für Externe entsprechend zu verteilen und nicht auf eine Firma zu konzentrieren.«

Sie schüttelte bloß den Kopf. »Es geht hier nicht um Sie und Ihr Büro, sondern um mich und mein Büro.«

»Mal ganz im Ernst, Vivi. Sie haben dieses Unternehmen erst im letzten Herbst gegründet. Was erwarten Sie denn?«

»Größe«, antwortete sie, ohne zu überlegen. »Es gibt Firmen, die das Gleiche tun wie meine und damit Millionen verdienen. Diese Unternehmen haben zig Niederlassungen und Hunderte von Ermittlern, Bodyguards und Sicherheitsspezialisten auf ihrer Gehaltsliste stehen.«

»Und das wollen Sie auch?« Irgendwie passte der Traum vom großen Geschäft gar nicht zu diesem Skater-Girl. Wie so vieles an Vivi überraschte ihn dieser unverstellte Ehrgeiz.

»Ich will immer die Beste sein«, vertraute sie ihm an. »Ich will keine halben Sachen machen.«

»Das respektiere ich ja auch. Aber …« Er legte beide Hände auf ihre und verwünschte die elektrische Ladung, die er jedes Mal verpasst bekam, wenn seine Haut mit ihrer in Kontakt kam. »Schlagen Sie sich das mit Cara und Ihrer Doppelgänger-Idee aus dem Kopf.«

Sie zog ihre Hände unter seinen weg. »Sie haben mir gar nichts zu sagen. Was ich tue oder nicht tue, entscheide ich ganz allein.«

Ganz offensichtlich.

»Nennen Sie mir nur einen guten Grund, der dagegen spricht, außer der Tatsache, dass ich nicht wie ein Filmstar aussehe. Und das haben Sie mir bereits mit großer Genugtuung und schonungsloser Offenheit deutlich gemacht.«

»Was, wenn es wirklich ein Oscar-Mörder ist? Oder ein Nachahmer? Es ist gefährlich.«

»Mein Job ist nun mal gefährlich«, erwiderte sie. »Ihr Job ist gefährlich. Wo bleibt der Spaß, wenn es keine Gefahr gibt? Wenn wir den Auftrag kriegen, hat Zach drei hochkarätige Bodyguards an der Hand, die sieben Tage die Woche vierundzwanzig Stunden an meiner Seite sind.«

Drei Kerle rund um die Uhr an ihrer Seite? Zu seinem Erstaunen überkam ihn ein ungewohntes Gefühl. Eifersucht. »Das spielt keine Rolle. Bei diesen ganzen Spinnern, die da draußen rumlaufen, ist das zu riskant.«

Sie wandte sich mit einem angewiderten Schnauben ab. »Bah, Sie sind immer so … vorsichtig.«

»Sie sagen das, als wäre es eine Behinderung. Ich bin FBI-Agent, Vivi. Vorsichtig ist mein zweiter Vorname. Und wenn Sie in der Securitybranche bestehen wollen, tun Sie gut daran, Selbigen ebenfalls anzunehmen.«

»Tja, mein zweiter Vorname ist Belladonna«, teilte sie ihm mit.

»Ein Gift.«

»Eine schöne Frau, auf Italienisch«, korrigierte sie ihn und hob die Hand, um eine mögliche Antwort abzublocken. »Nicht. Sie haben mich für heute schon genug gedisst. Meiner Meinung nach funktioniert vorsichtig nicht immer, wenn es ums Geschäft geht, Lang.«

»Im Sicherheitsgeschäft schon.« Drei hochkarätige Bodyguards? Scheiße, das behagte ihm ganz und gar nicht.

»Wenn man immer auf Sicherheit setzt, kommt man kein Stück weiter. Es ist wie mit der Halfpipe da drüben.« Sie wies mit dem Kopf auf eine große Betonschale, in der Skater herumwirbelten, hin und her rollten und blitzschnell die Richtung wechselten. Und auf ihre Hinterteile fielen. »Entweder machen Sie’s im großen Stil und extrem, oder sie landen auf der Erde.«

»Tja, ich hab’s im großen Stil und extrem gemacht und bin hart auf der Erde gelandet.« Nein, nicht er, sondern die einzige Frau, die er je geliebt hatte. Oder vielmehr zwei Meter unter der Erde.

»Was ist denn passiert?«

Er schüttelte den Kopf. »Gehen Sie einfach keine verrückten Risiken ein, Vivi.«

»Ich kann nicht anders – so ticke ich nun mal.« Sie stand auf, stieß mit dem Fuß ihr Skateboard unter dem Tisch hervor und hüpfte darauf. »Ich komme zu spät zum Sonntagsessen der Rossis. Bis dann, Assistant Special Agent in Charge Colton Vorsichtig Lang.«

»Wiedersehen, Privatdetektivin Viviana Giftspritze Angelino.«

Sie band das schäbige Sweatshirt von ihren Hüften und zog es sich über den Kopf, dann stülpte sie sich den Helm auf. »Danke für den Slurpee und die guten Ratschläge.«

Sie brauste davon und gewährte ihm eine perfekte Sicht auf ihren Hintern, während sie kräftig trat, um Geschwindigkeit aufzunehmen.

Und wieder war’s um seinen Schwanz geschehen.

Damit das Blut wieder in sein Hirn zurückströmte, zwang er sich, über ihre dumme, idiotische, verrückte Idee nachzudenken. Okay, verdammt, so komplett blöd war sie gar nicht, aber das letzte Mal, als er ein solches Risiko eingegangen war, hatte er alles verloren.

Nie wieder.

2

Mit einer Sache hatte Lang recht gehabt: Vivi kannte Cara Ferrari nicht um sechs Ecken. Sondern um drei. Ihre Cousine Nicki war mit einem Typen auf die Seelenklempner-Schule gegangen – und ebendieser Typ war der Bruder von Caras Stylistin, Bridget McKeever. Nachdem er sie überzeugt hatte, dass Cara zumindest mal mit Vivi sprechen sollte, hatte seine Schwester sich bereit erklärt, dabei zu helfen, ein Treffen zu arrangieren.

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