Guardian Angelinos - Tödliche Vergangenheit - Roxanne St. Claire - E-Book

Guardian Angelinos - Tödliche Vergangenheit E-Book

Roxanne St. Claire

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Beschreibung

Nach einer gescheiterten Ehe nimmt der ehemalige FBI-Agent Marc Rossi einen Auftrag von den Guardian Angelinos an. Er soll die junge Devyn Sterling in die USA zurückholen, die in Nordirland nach ihrer verschollenen Mutter sucht. Da geraten die beiden ins Kreuzfeuer von Terroristen ...

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ROXANNEST. CLAIRE

GUARDIAN ANGELINOS

TÖDLICHE VERGANGENHEIT

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Nele Quegwer

Für Kresley Cole, Louisa Edwards und Kristen Painter,

die mich vom ersten Kapitel bis zum Schluss unterstützt und

motiviert haben (okay, ein bisschen Wein war auch dabei).

Ich liebe euch, ihr seid echt super, Mädels.

Prolog

Cambridge, Massachusetts, 1978

In dem Moment, als Sharon Mulvaney am Institut für Mikrobiologie den Behälter mit den drei versiegelten Ampullen hoch konzentrierter Botulinumtoxine in ihrer Handtasche verschwinden ließ, wurde sie zur Kriminellen.

Das Schlimmste, was sie bis dahin verbrochen hatte, waren allenfalls ein paar Demos auf dem Campus vor dem Kuppelbau des MIT gewesen. Oder dass sie mit Sympathisanten der irischen Rebellen irischen Whiskey getrunken hatte. Aber dafür hätte man sie bestimmt nicht verhaftet. Auch dass sie einen Mann liebte, der intensive Kontakte zu IRA-Dissidenten hatte, machte sie nicht zur Gesetzesbrecherin, obwohl die Tatsache, dass er verheiratet und fast dreißig Jahre älter war, grenzwertig sein mochte.

Auf den Diebstahl hochgiftiger Substanzen, die sie als angehende Doktorandin selbst synthetisiert hatte und die zur illegalen Lieferung nach Belfast bestimmt waren, stand jedoch ganz eindeutig eine beträchtliche Gefängnisstrafe.

Wenn sie dabei wenigstens einen kleinen Nervenkitzel empfunden hätte. Aber der Thrill blieb aus. Vermutlich hatte sie gar keine dunkle, abgründige Seele, sondern bloß einen schwachen Willen, seufzte sie.

Auf ihrem Weg über den Campus, der an diesem Winterwochenende einsam und verlassen wirkte, wurde sie von einem eisigen Wind geschüttelt. Sie zog sich ihren Schal über den Mund und die Mütze tief in die Stirn, während sie durch den schmutzigen, verharschten Schnee stapfte. Getrieben von der Angst, erwischt zu werden, klemmte sie ihre Schultertasche fest an ihren Daunenmantel und lief mit gesenktem Kopf weiter zu ihrer Wohnung.

Es war selbst an einem warmen Frühlingstag ein gutes Stück Weg. Aber bei eisigen Minusgraden, mit genügend Nervengift in der Tasche, um ein ganzes Regiment britischer Soldaten lahmzulegen, und dem bohrenden Bewusstsein, gegen das Gesetz zu verstoßen und alles, was ihr lieb und teuer war, aufs Spiel zu setzen, wurde die Strecke zu einem brutalen Gewaltmarsch, der jeden Muskel in ihrem Körper schmerzen ließ.

Als sie die Binney Street überquerte und in die Sixth Street bog, kribbelten ihr die Zehen vor Kälte, ihre Finger waren steif und taub, ihre Gehirnmasse ein einziger Eisklumpen, dass sie nicht einmal mehr rational denken konnte.

Ihr Verstand hatte ohnehin längst ausgesetzt. Sharon war verliebt.

Sie bog in ihre Straße und schob den Riemen der Tasche behutsam auf die andere Schulter. Die Tasche war zwar nicht schwer, doch die Last ihres Verbrechens drückte schwer auf Sharon Mulvaneys Herz.

Manchmal müssen eben ein paar wenige für das Wohl vieler leiden.

Hatte Finn das gesagt? Wie sie ihn kannte, war es eher so was gewesen wie: Tu es für mich, mein Mädchen, und ich werde … meine Frau für dich verlassen.

Na klar. Glaubte sie das wirklich? Anscheinend ja, denn sonst hätte sie sich niemals auf eine dermaßen riskante Geschichte eingelassen.

Sie umrundete einen Schneehaufen und stakste vorsichtig die Steintreppe zum Eingang ihrer Tiefparterre-Wohnung hinunter. Dabei überlegte sie sich bereits, was sie heute Abend anziehen wollte. Das schwarze Kleid, das er so mochte, mit dem breiten, goldfarbigen Gürtel, und dazu High Heels. Ihr Lover brachte das sexy Girlie in ihr zutage. Und offenbar auch die Kriminelle, dachte sie betroffen, während sie den Schlüssel umdrehte und die Haustür aufdrückte.

»Hast du es?«

Sie japste nach Luft, als sie seine Stimme hörte, und spähte ins Wohnzimmer, wo sie Finn sitzen sah, einen Drink in der Hand, die Dreihundert-Dollar-Slipper lässig auf ihrem Couchtisch, das Jackett offen, die Krawatte hing locker um seinen Hals. Seine Haare waren wild zerzaust, als hätte er nervös mit den Händen daran herumgespielt, während er auf sie gewartet hatte.

Sharon schmolz augenblicklich dahin.

»Ich hab’s«, sagte sie und hielt ihm die Tasche hin. Dann zog sie sich die Wollmütze vom Kopf und schüttelte ihre Haare, die vermutlich eine einzige Katastrophe waren. Zudem trug sie kein Make-up und sah in der dicken Daunenjacke bestimmt wie das Michelin-Männchen aus, seufzte sie im Stillen.

Er machte keine Anstalten, ihr die Tasche abzunehmen. Er stand nicht mal auf, um ihr einen Begrüßungskuss zu geben. Stattdessen saß er betont lässig da, ein Mustermacho mit einem umwerfenden Sexappeal. Es war ihr ein Rätsel, wie ein dreiundfünfzigjähriger Mann mit Fältchen in den Augenwinkeln und grau melierten Haaren es schaffte, dass eine fünfundzwanzigjährige Mikrobiologin spontan puddingweiche Knie bekam.

Momentan hatte sie indes wenig Lust, dieses Rätsel zu lösen.

»Und niemand hat dich gesehen.« Es war keine Frage. Bei Finn war alles ein Befehl.

Sie schüttelte den Kopf.

Er hob das Glas mit dem bernsteinfarbenen Jameson in die Luft – den hatte sie sich nur für ihn geleistet – und neigte den Kopf zur Seite, während seine laserblauen Augen aufreizend über Sharons Körpers wanderten. »Das sollten wir feiern.«

Sharon überlief ein aufregendes Kribbeln, gleichzeitig regte sich in ihr Protest. Sollten sie wirklich ein Verbrechen feiern?

»Schätzchen, du hast doch nicht etwa Muffe bekommen, oder?«

Natürlich konnte er jede noch so unterschwellige Botschaft lesen, die ihm ihre Körpersprache signalisierte. »Dafür ist es ein bisschen spät«, sagte sie und lachte gespielt auf. »Wie heißt es so schön? Passiert ist passiert.«

»Keine Sorge, Kleines, niemand wird das Zeug benutzen.« Er wies mit einer Kinnbewegung auf die Tasche, als sei ihr Inhalt völlig harmlos, bedeutungslos. »Das Zeug ist lediglich ein Druckmittel bei den Verhandlungen in Belfast. Ich schicke denen das bloß, damit sie ein bisschen Druck machen können.«

Druck machen? Sharon hatte den blöden Verdacht, dass es eher um Geldmittel als um Druckmittel ging.

»So läuft das heute«, fuhr er fort. »Schließlich gehören sie zum weitverzweigten Kreis der Familie, wenn du verstehst, was ich meine.«

Verdammt weit verzweigt. Sie hatte sich bei einem Freund, der sich mit den vielen irischen Clans auskannte, schlau gemacht und keine wirkliche Verbindung zwischen den Namen, die Finn erwähnt hatte, und dem MacCauley-Clan finden können. Tatsächlich tauchte diese Schreibung seines Nachnamens noch nicht mal auf, doch sie versagte es sich, Finn auf den Zahn zu fühlen. Er hasste das, und wenn sie es dennoch tat, bestrafte er sie, indem er für ein paar Tage von der Bildfläche verschwand. Manchmal auch länger.

»Schon klar«, sagte sie schwach und fühlte sich dabei grottenmies. »Wir könnten das bei einem Dinner feiern, was meinst du?«

Er stellte das Glas hart auf den Tisch, dann stand er auf und fixierte sie mit seinem Blick. »Das geht nicht. Ich habe heute Abend keine Zeit für ein Dinner.«

»Pläne mit Anne?« Die Frage klang zu scharf, das wusste sie sofort. Um seinem wütenden Blick auszuweichen, wandte sie sich ab und zog ihren Mantel aus.

»Ich hab heute Abend geschäftlich zu tun«, entgegnete er. »Schlag dir das mit dem Dinner aus dem Kopf.«

Sie warf den Mantel über einen Stuhl und kehrte Finn weiter den Rücken zu.

Geschäftlich. Das war das übliche K. o.-Argument. Als wenn sie nicht ganz genau wüsste, was sein Geschäft war.

Seine Hände legten sich um ihre Taille, besitzergreifend und stark.

»Du gehörst jetzt zu uns, mein Mädchen.«

Zu wem? Zu einer Bande von Kriminellen? »Zu einem echt irischen Clan?«, gab sie milde ironisch zurück.

»Du warst echt mutig, Kleines.« Er presste seine Erektion von hinten an ihren Po, hauchte ihr Küsse in den Nacken, und der würzige Duft von irischem Whiskey und teurem Eau de Cologne wirkte wie ein Aphrodisiakum, das ihren Körper, ihre Sinne beflügelte.

»Nein, ich bin nicht wirklich …« Sie verstummte, als er unter ihren Pulli griff und gierig ihre Brüste umschloss.

»Mutig.«

Sie war weiß Gott nicht so naiv anzunehmen, dass ein einflussreicher Strippenzieher wie Finn MacCauley eine mutige Amazone in ihr sah. Aber irgendwas musste er doch in ihr sehen? Oder war sie für ihn bloß Mittel zum Zweck? Eine dumme verliebte Tussi, die im mikrobiologischen Labor Massenvernichtungswaffen herstellte und heimlich für ihn mitgehen ließ? Das konnte und wollte sie einfach nicht glauben.

Er drehte sie mit dem Gesicht zu sich und presste seine Lippen heiß auf ihren Mund, brachte seine Hände auf ihren Po und schmiegte Sharon an seine Erektion.

»Du machst mich total scharf, Schätzchen.« Er schob sie nach hinten ins Schlafzimmer, küsste sie dabei und blieb unterwegs kurz am Tisch stehen, wo er nach dem Riemen ihrer Tasche angelte. »Die nehmen wir besser mit. Sicher ist sicher, hm?«

Sie sträubte sich, die Handtasche anzusehen. Immerhin war die Tasche der erkennbare Beweis dafür, dass sie willens war, ihm alles zu geben, was er verlangte. Ihren Körper. Ihr Herz. Im schlimmsten Fall sogar ihre Freiheit.

Trotzdem würde er seine Frau vermutlich niemals verlassen. Obwohl sie ihm etwas geben konnte, wozu Anne nicht in der Lage war: ein Kind.

Er schob sie vorwärts und riss ihr unterwegs Pulli und BH vom Leib, bevor er sein Jackett und sein Hemd auszog. Als er sie auf das Bett drückte, trug sie nur noch ihren Slip, den er mit einer wilden Handbewegung zerriss.

Er nickte in Richtung Badezimmer, streifte dabei die Boxershorts über seinen pulsierenden Ständer. »Los, setz dein Diaphragma ein.«

Sharon schluckte einen ärgerlichen Kommentar hinunter. Er bestand jedes Mal darauf, dass sie ihr Diaphragma trug. Und warum? Weil er kein Risiko eingehen, nicht an sie gebunden sein wollte, und ein Baby würde sie zwangsläufig aneinander binden.

Er könnte gar nicht anders, als bei ihr zu bleiben, wenn sie sein Baby bekommen würde, oder?

Sie schluckte schwer und traf impulsiv eine Entscheidung. Sie schob ihren Blick in seinen und schwindelte, ohne rot zu werden.

»Ich hab es vorhin schon eingesetzt.« Als er leicht verdutzt guckte, schenkte sie ihm ein verführerisches Lächeln und spreizte einladend die Beine auseinander. »Ich wusste doch, dass du hier auf mich warten würdest, wenn ich nach Hause komme, Finn.«

Mit einem wilden Stoß war er in ihr, er stieß, schwitzte und fluchte, bis er heftig kam. Dann ließ er sich auf sie fallen, völlig verausgabt und befriedigt, während sie vergeblich auf Zärtlichkeiten wartete.

»Jetzt hör mir mal gut zu, Sharon. Wenn dich irgendjemand fragt wegen …«

»Ich habe bestimmt nicht vor, fröhlich auszuplaudern, was ich heute getan habe«, unterbrach sie ihn.

»Gesetzt den Fall, dass dich jemand fragt, musst du vehement abstreiten, dass wir uns kennen, okay?«

»Mach ich, Finn. Keine Sorge.« Und wenn er nun der Vater ihres Kindes wäre? Hatten sie gerade ein …

Ein lautes Klopfen an der Tür riss Sharon aus ihren Gedanken. Finn rollte herum und griff wortlos nach seinen Kleidern.

»FBI. Ms Mulvaney, wir müssen mit Ihnen reden.«

Finn formte mit den Lippen das Wort »Scheiße« und schnappte sich sein Jackett. Seine Augen flackerten, als er auf die Tür zeigte. »Geh da raus und halte sie hin«, befahl er in schroffem Flüsterton. »Wehe, du verrätst mich, Sharon. Dann bring ich dich um, Baby.«

Für einen Moment war sie sprachlos. Finn würde sie eiskalt umbringen? Das war nicht sein Ernst, oder?

»FBI! Wir kommen jetzt rein.«

Finn packte sie am Arm, seine Finger bohrten sich schmerzhaft in ihr Fleisch, und er riss sie mit einem erschreckend heftigen Ruck hoch. »Los, geh! Hörst du schlecht?«

Sie stand da, nackt und fassungslos, während er nach ihrer Handtasche griff, die auf dem Schreibtisch lag. Ein weiteres hartes Klopfen.

»Warten Sie … eine Sekunde«, rief sie, ihre Kehle war wie zugeschnürt. Ihr Herz hämmerte so laut, dass sie kaum ihre eigene Stimme hörte.

Finn schubste sie grob, und sie stolperte aus dem Schlafzimmer in den Flur. »Du musst mir Deckung geben, Sharon.« Er schloss die Tür und ließ sie splitternackt im Flur stehen.

»Ich komme«, rief sie beim nächsten beharrlichen Klopfen. Sie zerrte ihren Daunenmantel vom Stuhl, streifte sich das kühle Nylon über die nackte Haut und fummelte mit zitternden Fingern am Reißverschluss herum.

»Ms Mulvaney, hier ist das FBI. Bitte machen Sie die Tür auf.«

Die Jungs vom FBI waren schnell, verdammt schnell, fuhr es ihr durch den Kopf. Du musst mir Deckung geben, Sharon.

Sie holte tief Luft, öffnete die Tür. Draußen standen zwei aalglatte Typen, die auch in einem Hollywood-Thriller eine gute Figur abgegeben hätten.

»Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie und versperrte mit ihrem Körper den Eingang.

Zwei Polizeimarken schnappten vor Sharons Augen auf. In ihrem Kopf drehte sich indes alles, Worte und Bilder verschwammen, sie registrierte nicht einmal ihre Namen.

»Wir würden Ihnen gerne ein paar Fragen stellen.«

Sie blinzelte und nickte. »Kein Problem, legen Sie los.«

Der Größere, Dunkelhaarige, blickte demonstrativ auf ihren Mantel. »Wollen Sie weg, Miss?«

»Nein, ich bin eben erst heimgekommen.« Vom Labor. Wo sie Waffen zur biologischen Kriegsführung gestohlen hatte, die für den entfernten Cousin ihres verheirateten Lovers bestimmt waren, der zudem Boss eines der größten Syndikate für organisiertes Verbrechen in Boston war – zufällig befand sich dieser Mann gerade nackt in ihrem Schlafzimmer.

»Dürfen wir reinkommen?«

»Nein, dürfen Sie nicht.«

Dafür erntete sie zwei verdutzte Gesichter. Na ja, ein verdutztes. Sein Kollege, ein blonder, bulliger Kerl vom Typ Schnellmerker, schien misstrauisch geworden. »Tut mir leid, aber ich kann Sie nicht reinlassen«, sagte sie mit Bestimmtheit, um Zeit zu gewinnen. »Ich sehe zwar, dass Sie sich ausweisen können und so, aber eine Frau, die allein in ihrer Wohnung ist, kann gar nicht vorsichtig genug sein.«

»Kennen Sie einen gewissen Finn MacCauley?«

Das Blut wich ihr aus dem Gesicht und ihr wurde mit einem Mal übel. »Keine Ahnung, müsste ich den denn kennen?« Verdammt dumme Antwort.

Der blonde FBI-Agent hob missbilligend beide Augenbrauen. »Sie sind niemals einem Mann namens Finn MacCauley begegnet?«

»Keine Ahnung«, wiederholte sie und war sich sicher, dass die beiden das Trommeln ihres Herzens hören konnten. »Wer ist das?«

»Ein Krimineller, Ms Mulvaney, und wenn Sie seine Aktivitäten unterstützen oder Beihilfe zu kriminellen Handlungen leisten, machen Sie sich strafbar.«

Zu spät, sie stand bereits mit einem Bein im Knast. »Haben Sie ein Foto von ihm?«, fragte sie und überlegte verzweifelt, wie sie die Beamten noch länger hinhalten könnte. »Vielleicht erkenne ich ihn darauf wieder.«

»Der Name sagt Ihnen nichts?«, bohrte der andere Mann.

»Ich … ich … nein, nicht dass ich wüsste.«

»Lassen Sie uns kurz rein, Ms Mulvaney.« Der Blonde war definitiv der böse Bulle.

»Warum?« Sie richtete die Frage an den netteren Cop, aber der andere antwortete.

»Weil wir einen Hinweis erhalten haben, dass Finn MacCauley heute hier ist, und wenn Sie uns nicht reinlassen, müssen wir Sie verhaften.« Er machte einen Schritt vorwärts, drängte Sharon mit seinem bulligen Körper zurück.

Ehe sie die beiden aufhalten konnte, waren sie in Sharons Wohnzimmer. Sie ballte die Fäuste in den Manteltaschen, während sie ohnmächtig zusah, wie das blonde Ekelpaket geradewegs auf den Couchtisch zusteuerte, das Glas hochnahm und daran schnupperte.

»Jameson«, klärte sie ihn auf, bevor er fragte. »Ist das etwa illegal?«

Der andere Agent hielt mit gezogener Waffe durch den Flur, ehe er mit der Schulter die Tür zu ihrem Schlafzimmer aufstieß.

Sie hielt entsetzt den Atem an, wartete auf einen Schrei oder einen Schuss. Sekunden später tauchte der Agent wieder auf. Er schüttelte den Kopf und murmelte: »Nichts.«

Nichts? Wo war Finn?

Sie machte sich auf weitere unangenehme Fragen gefasst, die jedoch ausblieben. Stattdessen steckten die Cops ihre Pistolen weg und inspizierten die winzige Wohnung.

»Passen Sie lieber auf sich auf, Miss«, meinte der Dunkelhaarige halb zynisch. »Sie geben sich mit ein paar ziemlich gefährlichen Leuten ab.«

Sie nickte nur und blieb bemerkenswert gelassen, obwohl ihr Magen Purzelbäume schlug und ihr das Blut in den Ohren rauschte.

Wo war Finn?, hallte es unablässig in ihrem Kopf.

Nachdem die Cops weg waren, blieb sie lange Zeit wie erstarrt an der Tür stehen. Dabei war sie sich vage der Flüssigkeit bewusst, die klebrig an ihrem Oberschenkel hinunterlief. Was sie daran erinnerte, dass sie noch vor wenigen Minuten mit einem Mann geschlafen hatte, der vom FBI gesucht wurde.

»Finn?«, flüsterte sie und schleppte sich ins Schlafzimmer, sah, was der FBI-Agent gesehen hatte: ein zerwühltes Bett. Ihre Kleider auf dem Boden verteilt. Das Fenster sperrangelweit offen.

Mit einem tiefen Seufzer sank sie auf das Bett. Ihr Blick wanderte zum Schreibtisch. Es überraschte sie nicht wirklich: Finn hatte ihre Tasche mitgenommen.

Tränen brannten in ihren Augen, ihre Kehle schnürte sich schmerzhaft zusammen. Ein zentnerschweres Gewicht legte sich auf ihre Brust. Ihr schlechtes Gewissen brachte sie halb um. Gott, sie war eine Idiotin! Eine kindische, leichtgläubige Idiotin.

Finn war einer von der schlimmsten Sorte: ein Blutsauger, der sie bloß benutzt hatte.

Lange Zeit saß sie einfach nur da, in ihrem Daunenmantel, ihre Augen rot gerändert vom Weinen. Sie lauschte in die Stille der Wohnung, inhalierte den bittersüßen Duft nach Sex, der im Raum lag.

Und wartete.

Nicht auf Finn. Der würde sich nie mehr blicken lassen. Es sei denn, er bräuchte mal wieder einen Dummen wie Sharon. Dann würde er sie umgarnen, ihr das Blaue vom Himmel erzählen und Druck machen. Bis er genau das bekam, was er wollte. So war Finn.

Sie nahm sich fest vor, ihm nie wieder zu verfallen.

Sie wartete darauf, dass sich der qualvolle Schmerz in ihrem Herzen in etwas anderes transformierte. Stellte sich die Veränderung bildlich vor, die auf der molekularen Ebene ihrer Seele stattfand. Spürte, wie sich die DNS ihrer Liebe allmählich in tödliche Toxine des Hasses verwandelte.

Gift war schließlich ihr Fachgebiet, oder? Gifte aus den banalsten Substanzen herzustellen. Und die Liebe konnte zu einem mörderischen Gift mutieren.

Die Minuten wurden zu Stunden. Schließlich traf sie eine Entscheidung. Sie wusste zwar noch nicht, wie und wann, aber irgendwie würde sie einen Weg finden, um Finn MacCauley genauso zu benutzen, wie er sie benutzt hatte, und dann wollte sie ihn bluten sehen.

Bis dahin konnte sie nur hoffen, dass nicht eine andere Art von molekularer Transformation in ihrem Körper stattfand. Als ihr die unüberlegte Entscheidung, auf das Diaphragma zu verzichten, glutheiß wieder einfiel, stemmte sie sich vom Bett hoch, schlüpfte aus dem Mantel und steuerte ins Bad, um die Reste von Finns Sperma wegzuduschen. Grundgütiger, hoffentlich war es noch nicht zu spät!

Denn das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte, war ein Baby. Sie hatte etwas anderes, für das sie lebte – ihre Rache an Finn MacCauley.

1

Gegenwart

Die Halogenscheinwerfer durchschnitten den Regen wie Laserstrahlen, tauchten das dunkle Waldgebiet in gleißend weißes Licht. Schöner Mist, dachte Devyn Sterling, während sie den Wagen durch die engen Kurven steuerte, dass die Autovermietung kein GPS anbot. Und dass sich ihr Flug nach North Carolina angesichts der katastrophalen Wetterbedingungen auf spät in die Nacht verzögert hatte. Sie hatte keinen Schimmer, wo Oak Ridge Drive war. Sie hätte sich in den Allerwertesten treten können, weil sie mal wieder impulsiv gehandelt und sich dadurch in diese blöde Situation gebracht hatte.

Aber Devyn konnte keinen Tag mehr warten. Sie hatte sich fest vorgenommen, ihre leibliche Mutter vor vollendete Tatsachen zu stellen. Ganz egal, wie das Wetter war.

Ein Blitz erhellte das gespenstisch dunkle Waldstück. Sie spähte in den strömenden Regen, trat an einer Kreuzung im letzten Moment auf die Bremse, um das Straßenschild zu lesen.

Ja. Oak Ridge. Gott sei Dank.

Devyn lauschte auf das Donnergrollen, während sie mit Blicken die Straße abtastete. Sie registrierte die Wohnhäuser, die auf riesigen Grundstücken standen, die meisten um diese nächtliche Uhrzeit unbeleuchtet. Als sie das Ende der Sackgasse erreichte und die gesuchte Adresse fand, zog Devyn nervös den Atem ein. Was sollte sie bloß sagen, wenn Dr. Sharon Greenberg die Tür öffnete?

Vermutlich würde man sie sowieso nicht ausreden lassen, sondern ihr die Tür vor der Nase zuschlagen.

Trotzdem war es sinnvoll, wenn sie sich vorher eine Strategie überlegte.

Ob sie mit der Tür ins Haus fallen und Klartext reden sollte? Ich bin die Tochter, die du vor dreißig Jahren zur anonymen Adoption freigegeben hast. Das war kurz und bündig und kam ihrer unterkühlten Bostoner Erziehung entgegen.

Allerdings war Devyn keine richtige Hewitt, und in ihren Adern floss nicht das Blut der distanzierten englisch-anglikanischen Oberschicht, sondern ein heißer irischer Cocktail. Deshalb wollte sie Dr. Greenberg die ganze dramatische Geschichte verklickern, die sich vor ein paar Monaten in Boston abgespielt hatte. Die Frau sollte wissen, warum Devyn hergekommen war.

Ich habe einen Privatdetektiv engagiert, deine Identität herausgefunden – und die meines flüchtigen Mafioso-Vaters – und meinem Ehemann davon erzählt. Der beschloss, mich zu hintergehen, wurde jedoch von seiner Geliebten und einem korrupten Polizisten umgebracht. Die beiden haben versucht, Finn MacCauley die Tat anzuhängen. Ähm, kann ich vielleicht mal kurz reinkommen?

Da sie nicht viel über Dr. Greenberg wusste, war es schwer zu sagen, ob sie mit Taktgefühl weiterkommen würde oder mit kühler, schonungsloser Offenheit.

Devyn schaltete vorsichtshalber das Licht aus und bog in die leere Einfahrt. Sie betrachtete den geräumigen Backsteinbau im Landhausstil und seufzte. Vielleicht sollte sie einfach tun, was ihr Herz ihr riet.

Tut mir leid, Dr. Greenberg. Ich weiß, dass Sie mich nicht sehen wollen, und ich hatte wirklich vor, diesen Wunsch zu respektieren, aber ich habe meinem Mann Ihren Namen genannt und weiß nicht, ob er ihn vor seiner Ermordung noch vor irgendwem ausgeplaudert hat. Nur für den Fall, dass er es getan hat, dachte ich, es wäre bloß fair, wenn ich diejenige bin, die Ihr Leben ein bisschen aufmischt … Und wo ich schon mal hier bin, könnten wir uns eigentlich darüber unterhalten, warum Sie mich damals weggegeben haben, finden Sie nicht?

Fang nicht davon an, Devyn. Erst mal nicht. Die Frau hatte jedes Recht, ein Kind von einem landesweit gesuchten Kriminellen wegzugeben. Sie hätte das Baby von Finn MacCauley genauso gut abtreiben lassen können. Dann gäbe es dich heute gar nicht.

Trotzdem, dachte Devyn trotzig, vielleicht … vielleicht sollten sie darüber reden. Aber zunächst musste Sharon schleunigst erfahren, dass ihr Geheimnis kein Geheimnis mehr war. Im Übrigen war die junge Frau gespannt darauf, ihre leibliche Mutter kennenzulernen.

Wieder erhellte ein Blitz die Nacht, fast augenblicklich gefolgt von einem jähen Donnerschlag. Devyn kroch eine eisige Gänsehaut über den Rücken, obwohl es im Wagen angenehm warm war. Sie hasste Gewitter.

Als ihre Augen sich allmählich an die Dunkelheit gewöhnten, inspizierte sie durch die Windschutzscheibe das große Frontfenster, neun in weiße Holzrahmen gefasste Glasscheiben, die Jalousien dahinter dicht geschlossen. Aus den Regenrinnen gurgelte das Wasser in die matschig aufgeweichte Zufahrt.

Devyns perfekte Neuengland-Manieren appellierten an ihr Gewissen. Eine Dame rief an, bevor sie vorbeikam.

Okay, kein Problem. Devyn nahm ihr Handy und drückte auf Kontakte, da sie die Nummer in der Wartezeit am Logan Airport einprogrammiert hatte. Wo sie innerlich mit sich gekämpft hatte, ob sie ihren idiotischen Plan nicht besser sausen lassen und wieder nach Hause fahren sollte. Aber der Wunsch siegte über die Vernunft, und sie war am Flughafen geblieben, hatte die verspätete Maschine genommen und … jetzt gab es kein Zurück mehr.

Mit ihrem Anruf würde sie Sharon höchstwahrscheinlich wecken und ihr ein bisschen Zeit geben, um sich auf Devyns nächtlichen Überfall vorzubereiten. Dann war der Schock nicht so groß. Das schien ihr nur fair.

Devyn sah, wie die Worte auf dem winzigen Display aufleuchteten: Verbindung herstellen Dr. Sharon Greenberg.

Oh, Gott.

Das vierte Klingeln wurde mittendrin unterbrochen, und die Mailbox sprang an. Devyn presste sich das Telefon fest ans Ohr, um den Regen auszublenden, der unablässig auf das Auto prasselte. Gleich würde sie die Stimme ihrer leiblichen Mutter zum ersten Mal hören.

»Hey, hier ist Shar. Leider kann ich Ihren Anruf nicht persönlich entgegennehmen, aber tun Sie sich keinen Zwang an, ich komme auf Sie zurück. Hinterlassen Sie eine Nachricht, versuchen Sie’s in meinem Büro, schicken Sie mir ’ne SMS oder Rauchzeichen. Tschüssi.«

Devyn drückte die Beenden-Taste und steckte das Telefon wieder in ihre Handtasche. Sie starrte auf das dunkel verschattete Haus, ihr Herz trommelte mit dem Rhythmus des Regens um die Wette. Schnell. Heftig. Laut.

Sollte sie einen Rückzieher machen? Vor einer Frau, die Anrufer dazu aufforderte, Rauchzeichen zu schicken, und die das Leben offenbar mit Humor nahm? Aber bedeutete das auch, dass sie ein Herz hatte?

Wie dem auch sein mochte, sann Devyn, Sharon musste erfahren, dass ihr dunkelstes Geheimnis möglicherweise in die falschen Hände geraten war. Das konnte ihrer Karriere schaden … oder Schlimmeres.

Also tu ich ihr letztlich bloß einen Gefallen, beruhigte Devyn ihr Gewissen.

Sie schnappte sich ihre Handtasche vom Beifahrersitz, drückte die Wagentür auf und war klatschnass, ehe sie die drei Steinstufen zu dem überdachten Hauseingang hochgelaufen war. Sie riss kurz entschlossen die Fliegengittertür auf und klopfte hart an die Haustür.

Sie zählte bis fünfzehn, dann klopfte sie erneut. Halb enttäuscht, halb genervt hämmerte sie mit der Faust auf die Tür, in ihrer Kehle ein Riesenkloß. Ihr war zum Heulen zumute.

»Bitte Sharon, tu mir den Gefallen und sei zu Hause«, murmelte sie beschwörend. Als es abermals blitzte und donnerte, umkrampfte sie mit der Hand den bombastischen Messingtürklopfer wie einen rettenden Anker und japste dabei panisch nach Luft.

Die Tür sprang auf.

Devyn zog intuitiv die Hand zurück, als sie merkte, dass die Tür unverschlossen war. Sie fasste sich ein Herz und drückte sie ein Stückchen weiter auf.

»Dr. Greenberg?«, rief sie, während sie unschlüssig im Türrahmen stehen blieb und in die Dunkelheit blinzelte. »Sind Sie da, Dr. Greenberg?«

So hatte sie sich ihre erste Begegnung wahrlich nicht vorgestellt.

Im Innern war es stockfinster, der süßliche Geruch von Duftkerzen und Blütenpotpourri vermischte sich mit muffiger abgestandener Luft.

»Dr. Greenberg, sind Sie zu Hause?«

Offenbar nicht. Devyn, ganz Tochter ihres Vaters, der einst die Liste der meistgesuchten Verbrecher des FBI anführte, beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen und sich ein bisschen umzusehen. Sie marschierte weiter. Ihre Adoptivmutter wäre vor Scham bestimmt in Ohnmacht gefallen. Aber hier ging es nicht um ihre Adoptivmutter. Sondern um ihre richtige Mutter.

Zwei Monate waren seit dem Mord an Devyns Ehemann vergangen. Zwei Monate hatte es gedauert, bis die Ermittlungen abgeschlossen waren und die Polizei ihr erlaubte, Boston zu verlassen. Zwei Monate, in denen ihr die eine Frage im Kopf herumspukte, die niemand außer Joshua Sterling beantworten konnte. Hatte er den Namen von Devyns leiblicher Mutter mit ins Grab genommen? Zwei Monate waren eine lange Zeit. Es ging kein Weg daran vorbei: Sie musste dieses Gespräch mit Dr. Greenberg führen und ihrer Mutter die Augen öffnen.

Zudem war es der perfekte Vorwand für eine brisante Begegnung.

Dein Geheimnis ist nicht mehr sicher, mehr brauchte sie gar nicht zu sagen.

Vielleicht sollte sie ihr einfach eine kurze Nachricht dalassen. Nein, Pustekuchen, Devyn wollte Sharon persönlich kennenlernen.

»Dr. Greenberg?«, rief sie erneut und blinzelte in den dunklen Flur. Auf einem Tisch im Eingangsbereich stand eine Vase mit einem vertrockneten Blumenstrauß.

Entweder war Sharon schon eine Weile weg, oder sie war eine lausige Hausfrau. Als Mutter war sie definitiv auch keine große Leuchte gewesen, ätzte Devyn im Stillen.

Irgendwo links von ihr tickte eine antike Uhr. Das sanfte Brummen des Kühlschranks drang aus der Küche. Der Regen trommelte auf die Dachschindeln, sonst war es still.

Rechter Hand konnte Devyn durch eine Glastür schemenhaft das grüne Licht eines Druckers und die Umrisse eines großen, mit Papieren und Ordnern beladenen Schreibtischs erkennen. Das war sicher ihr Büro. Goldrichtig, um dort eine Nachricht zu hinterlassen … und womöglich einen Hinweis darauf zu finden, was Dr. Sharon Greenberg so umtrieb.

Mit einer Mischung aus Neugier und Skepsis schob die junge Frau die Tür auf. Sie blendete ihr schlechtes Gewissen aus, lief zum Schreibtisch und knipste eine kleine Halogenlampe an, um das wilde Durcheinander in Augenschein zu nehmen. Stapelweise Papiere, Akten, wissenschaftliche Artikel, Fachmagazine, DVDs und mehrere Kerzen, die in ihren Haltern zu bizarren Formen heruntergebrannt waren.

Eine kurze Weile ließ sie diesen ersten Eindruck auf sich wirken. Meine Mom ist eine totale Chaotin, dachte sie milde lächelnd. Eine unordentliche, unorganisierte, unorthodoxe Wissenschaftlerin, die … Sex mit Gangsterbossen hatte?

Es brannte ihr auf der Seele, mehr über diese Chaotin zu erfahren.

Lass es lieber, Devyn.

Sie hob ein paar Papiere hoch, betrachtete die Zeitschriften, inspizierte den Terminkalender, auf der Suche nach Hinweisen. Wer war diese Frau? Der von ihr engagierte Privatdetektiv hatte Devyn ein kleines Vermögen gekostet. Nach seinen Informationen war Dr. Greenberg geschieden, kinderlos und in der medizinischen Forschung an der University of North Carolina tätig.

Die Beschriftungen auf den Aktenordnern bestätigten ihren Status als Wissenschaftlerin: Retrovirologie. Immunologie. Serologie. Pathologie. Belfast.

Belfast?

Das Wort war mit Bleistift hingekritzelt worden, so dünn, dass es aussah, als sei es nachher wieder ausradiert worden. Devyns Herzschlag beschleunigte. Sie zog den kartonierten Schnellhefter aus dem Stapel.

Belfast. Der Name dieser Stadt rief Erinnerungen wach. Grausame Erinnerungen an Bombenattentate, gewaltsame Übergriffe, Morde, an irische Rebellen und …

Die irische Mafia.

Wie in Trance schlug sie den kartonierten Deckel auf, und ihr Puls begann wie wild zu rasen. In dem Hefter befanden sich mehrere Seiten mit Notizen, ein paar Zeichnungen, mehrere E-Mails. Auf einem Post-it-Zettel stand die Notiz: US Air Ankunft 14:45 Uhr Belfast, Aufenthalt Heathrow 29.8., Rückflug offen.

Der neunundzwanzigste August lag fast zwei Wochen zurück. Sie inspizierte die anderen Unterlagen, in einem Zeitschriftenartikel war der Name Liam Baird unterstrichen. Als sie weiterblätterte, wurde ihr Blick auf ein körniges Foto gelenkt, das hinter dem Artikel abgeheftet war. Das Bild war aus einiger Entfernung aufgenommen worden und zeigte ein Mädchen auf einem Fahrrad, auf dem Rücken einen Rucksack, das Haar zu einem Pferde…

»Oh, mein Gott«, stöhnte sie unbewusst. Devyn kannte das Fahrrad, die Straße, das Mädchen.

Sie war das Mädchen auf dem Fahrrad.

Folglich wusste Sharon, wer sie war. Sie hatte sogar ein Foto von ihr!

Mit wackligen Fingern drehte sie das Bild um und starrte auf die kleinen, handgeschriebenen Buchstaben und Zahlen.

Finn 617–555–6253.

Finn? Finn MacCauley mit einer Bostoner Telefonnummer?

Ein Blitz flammte draußen auf, dicht gefolgt von einem ohrenbetäubenden Donnerschlag. Die Schreibtischlampe erlosch, der Parkettboden vibrierte unheilvoll unter Devyns Füßen.

War das Haus etwa vom Blitz getroffen worden? Sie stand da, den Hefter immer noch in der Hand, als sie unvermittelt das leise Summen ihres Handys hörte. Sie griff nach dem Telefon und las die Anruferkennung.

Dr. Sharon Greenberg.

»Oh, mein Gott.« Sharon rief sie an?

Sie atmete tief durch und überlegte, sekundenlang zu geschockt, um zu reagieren. Sharon hatte wahrscheinlich zurückgerufen, weil sie neugierig war, wem die Nummer gehörte.

Aber sie hat ein Foto von mir in einem Ordner abgeheftet.

Mit wackligen Fingern tippte sie auf Annehmen und hielt sich das Handy ans Ohr. »Hallo?«

Nichts. Stille. Aber jemand war in der Leitung, das spürte sie.

»Dr. Greenberg?« Sie nahm das Telefon vom Ohr und fixierte das winzige Display. Der Name stand eindeutig da, sie hatte sich das nicht bloß eingebildet. »Hallo?«

Keine Antwort. Im Haus war es mit einem Mal unheimlich still, da durch den Blitzeinschlag wohl der Strom ausgefallen war. Jedes elektrische Brummen erstarb. In völlige Dunkelheit getaucht, umklammerte Devyn das Handy, als wäre es ein rettender Anker, den ihre leibliche Mutter ausgeworfen hatte … doch die Leitung war genauso still wie das ganze Haus. Sie hatte den Anruf verpasst.

Mit einem kleinen, frustrierten Aufschrei drückte sie auf Wahlwiederholung. Vom anderen Ende des Flurs durchschnitt ein digitaler Klingelton die Stille.

Sharon war im Haus? Der Anruf, den sie gerade verpasst hatte, kam hier aus diesem Haus?

Langsam, fremdgesteuert wie eine Marionette, stakste sie durch die Dunkelheit um den Schreibtisch herum und glitt mit einem Arm mechanisch durch den Schulterriemen der Tasche, die sie vorhin auf den Aktenstapeln abgestellt hatte.

Das Telefon verstummte mitten im Klingeln, und in ihrem Ohr ertönte ein leises Klicken.

Jemand hatte das Telefon abgenommen. Irgendjemand, der sich in diesem Haus befand.

»Dr. Greenberg?«, sagte sie mit Nachdruck, nicht in ihr Handy, sondern in Richtung Flur. »Sind Sie hier irgendwo?«

Bleierne Stille.

Eiskalte Panik kribbelte auf ihrer Haut, ihre Nackenhaare stellten sich auf. Sie war nicht allein.

Sie tastete sich durch die Dunkelheit, fand zurück in den Eingangsbereich. Dort blieb sie stehen und lauschte in die Stille, wollte noch ein letztes Mal nach Sharon rufen, als sich eine Hand brutal auf ihren Mund legte und Devyn nach hinten gegen eine harte Männerbrust gerissen wurde.

»Was machen Sie hier?«, schnauzte ihr Angreifer. Er drückte noch fester zu, dass Devyns Nacken knackte.

Die Angst blitzte weiß hinter ihren Augäpfeln, ein erstickter Schrei schraubte sich aus ihrer Kehle.

»Also was ist, antworten Sie!«, drängte er und lockerte dabei seine Umklammerung gerade so viel, dass sie wieder Luft bekam.

»Ich … ich suche … Shar…«

»Warum?«

»Ich … ich wollte …« Sie suchte krampfhaft nach einer plausiblen Antwort. »Ihr was vorbeibringen.«

»Was denn?«

Wer auch immer dieses Ekelpaket war – Sharons Ehemann, Freund oder persönlicher Wachhund –, er wusste wahrscheinlich, wo Dr. Greenberg war. Sie musste bloß die Ruhe bewahren und sich eine glaubhafte Geschichte ausdenken.

»Ich bin eine Studentin von ihr«, sagte sie mühsam gefasst. »Sie wollte, dass ich ihr ein paar Unterlagen vorbeibringe. Persönlich.«

Er verstärkte seinen Griff auf ihren Brustkorb, dass sie ihr wildes Herzklopfen an seinem Unterarm fühlte.

»Wer hat Sie geschickt?«, schnaubte er.

»Niemand hat mich geschickt. Ich hab doch gesagt, ich bin Studentin …«

»Eine Studentin, die mal eben so in fremde Häuser eindringt?« Er hob die linke Hand und legte Devyn die Handfläche seitlich an den Kopf, während sich sein muskelbepackter Arm gegen ihre Schulter presste. Langsam drückte er ihren Kopf zur Seite, bis sich ihre Nackenmuskulatur unangenehm überdehnte und die Sehnen leise knackten. Der Schmerz schoss bis in ihren Arm hinunter, kalte Angst flutete ihre Magengrube.

»Wer hat Sie geschickt?«

»Niemand. Ich bin einfach so hergekommen, weil ich Dr. Greenberg persönlich was vorbeibringen wollte. Ist das ein Verbrechen?« Sie versagte sich ein gequältes Stöhnen. »Außerdem wollte ich kurz mit ihr sprechen.« Wenn dieser Idiot so weitermachte, brach er ihr noch das Genick.

Er schob sie brutal zur Tür, die weit offen stand. Merkwürdig. Hatte sie die vorhin aufgelassen? War er ihr heimlich ins Haus gefolgt? Oder hatte er etwa schon auf sie gewartet?

Sie bohrte ihre Absätze in die Fußmatte, sträubte sich dagegen, durch die Fliegengittertür und in den strömenden Regen hinausgestoßen zu werden. »Ich muss mit ihr reden«, beteuerte sie hartnäckig. Sie unternahm einen verzweifelten Versuch, sich umzudrehen und einen Blick in sein Gesicht zu werfen, doch er hielt sie gnadenlos an seinen Torso gepresst.

War er ein Killer? Hatte er Sharon womöglich überfallen und umgebracht? Lag ihre Leiche irgendwo im Haus? Blutüberströmt, verstümmelt?

»Wenn Sie sie sehen, könnten Sie ihr dann von mir etwas ausrichten?« Ein heftiger Stoß schleuderte sie gegen die Gittertür, die krachend aufflog. Dabei erhaschte Devyn einen kurzen Blick in sein Gesicht. Er sah älter aus, als seine Stimme vermuten ließ, wutblitzende Augen, ein grimmig verkniffener Mund.

Er presste sie erneut an sich. »Wenn sie hierher zurückkehrt, ohne ihren Job erledigt zu haben, ist sie tot.«

Devyn, die ihre fünf Sinne spontan wieder beisammenhatte, unternahm einen weiteren Befreiungsversuch, indem sie sich verzweifelt in seiner Umklammerung wand. »Was für einen Job?«

»Das weiß sie schon selbst. Wenn sie dieses Haus unverrichteter Dinge wieder betritt, wird sie es in einem Sarg verlassen. Wir beobachten sie, und wir warten.«

Er schob sie brutal ins Freie, stieß sie in das wütende Unwetter. Devyn hörte, wie die Fliegengittertür hinter ihr zuschnappte. Sie stand buchstäblich im Regen, sann sie milde sarkastisch.

Geistesgegenwärtig wirbelte sie herum, um einen letzten Blick auf ihren Angreifer zu werfen, als ein ohrenbetäubender Knall sie nach hinten katapultierte. Ungläubig starrte sie auf das Loch, das in der Fliegengaze klaffte.

Der Mistkerl hatte sich allen Ernstes im Haus verschanzt und schoss auf sie! Kopflos stürmte sie in Richtung Zufahrt, rutschte auf der glitschigen Steintreppe aus. Zum Glück bekam sie das Geländer noch rechtzeitig zu fassen, sonst wäre sie mit Vollspeed sämtliche Stufen hinuntergesegelt.

Von Panik geschüttelt, wühlte sie in ihrer Tasche nach den Autoschlüsseln.

Heiliger Strohsack, hatte sie die Schlüssel etwa im Haus liegen lassen?

Ihr entwich ein Stoßseufzer der Erleichterung, als sie sie endlich fand. Sie riss sie hektisch aus der Tasche, und prompt landeten sie in einer Pfütze.

»Mist!« Als sie sich danach bückte, flatterten die Unterlagen aus Sharons Hefter fröhlich zu Boden. Wo war das Foto? Igitt, alles war klatschnass, durchweicht und klebte schmutzig auf dem Pflaster.

Ein weiterer Schuss hallte durch die Nacht.

Sie raffte mit einem zittrigen Griff die Blätter zusammen, schnappte sich die Schlüssel, riss die Autotür auf. Dann klemmte sie sich hinter das Lenkrad und warf den aufgeweichten Rest des Hefters samt Handtasche auf den Beifahrersitz. Sie fingerte mit dem Schlüssel nervös an der Zündung herum, bis der Motor unwillig aufjaulte, und legte hart den Rückwärtsgang ein. Mit Bleifuß auf dem Gaspedal setzte sie mit quietschenden Reifen aus der Einfahrt.

Kaum dass sich das grelle Licht ihrer Scheinwerfer in dem großen Panoramafenster spiegelte, warf sie unwillkürlich einen Blick auf die Jalousien. Sie öffneten sich einen Spaltbreit, als beobachtete ihr Angreifer, wie sie wegfuhr. Der Kerl war laut eigener Aussage fest entschlossen, Sharon Greenberg zu töten, wenn sie zurückkehrte … ohne ihren Job erledigt zu haben. Was für ein Job war das? Forschung für die Uni? In Belfast?

Ihre Augen wanderten kurz zu dem angepappten Papierwust, den sie gerade auf den Beifahrersitz geworfen hatte. Das Foto war noch da.

Ein Foto von Devyn, das vor siebzehn Jahren gemacht worden war. Wieso hatte Sharon ein Foto von ihr? Wo ihre Rabenmutter sie doch als kleines Baby weggegeben hatte?

Hunderte möglicher Antworten fuhren in Devyns Kopf Karussell, dass ihr fast schwindlig wurde. Und sie begriff mit elektrisierender Deutlichkeit: Ihre leibliche Mutter hatte sie nicht aus den Augen verloren.

Sie war ihrer Mutter nicht egal.

War das möglich?

Sie musste es herausfinden. Sie schluckte schwer, die Last der Entscheidung schmeckte metallisch bitter in ihrem Mund. Sie musste wissen, warum Sharon dieses Bild besaß. Und sie musste Sharon warnen, dass ihr Haus bespitzelt wurde und dass sie in großer Gefahr schwebte.

Aber wie?

Innerlich aufgelöst folgte sie dem Verlauf der dunklen Landstraße, rechts und links gesäumt von den tiefen Wäldern North Carolinas. Dr. Sharon Greenberg zu finden, war von einem Impuls zu einer Mission geworden. Belfast.

Zum Glück hatte sie ihren Pass mitgenommen.

2

Die Büros der frisch gegründeten Sicherheitsfirma und Detektei lagen direkt über Silk, einer Wäscheboutique für extravagante Dessous in der Newbury Street – schon deswegen fand Marc Rossi seinen neuen Job spitzenmäßig.

Er lümmelte sich vor dem Silk-Schaufenster herum und konnte sich nicht sattsehen an den goldfarbenen Tangas, Push-ups und Korsagen in aufreizenden Rottönen. Während er sich im Geiste eine Traumfrau vorstellte – mit verführerischer Reizwäsche und in High Heels –, vibrierte sein Handy. Er nahm an, ohne nach der Nummer des Anrufers zu schauen.

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