Gullivers Reisen - Jonathan Swift - E-Book

Gullivers Reisen E-Book

Jonathan Swift

3,8

Beschreibung

Die spannendste, surrealste und faszinierendste Abenteuergeschichte - Gullivers Reisen in ferne Länder. Voller Satire und Fantasie und Phantastik. Lesen Sie hier alle vier Reisen in die skurrilen Länder Liliput, Brobdingnag, Laputa, Balnibarbi, Glubbdubdrib, Luggnagg, das Land der Houyhnhnms und Yahoos. Der Schiffsarzt Gulliver erlebt haarsträubende Abentuer, die so detailliert und liebevoll erzählt werden, wie kaum ein anderes Abenteuerbuch der Weltliteratur.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 488

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
3,8 (98 Bewertungen)
36
26
19
17
0



JONATHAN SWIFTGULLIVERS REISEN IN FERNE LÄNDER

Inhalt

REISE NACH LILIPUT

DER HERAUSGEBER AN DEN LESER

ERSTER TEIL REISE NACH LILIPUT

ERSTES KAPITEL

ZWEITES KAPITEL

DRITTES KAPITEL

VIERTES KAPITEL

FÜNFTES KAPITEL

SECHSTES KAPITEL

SIEBENTES KAPITEL

ACHTES KAPITEL

ZWEITER TEIL REISE NACH BROBDINGNAG

ERSTES KAPITEL

ZWEITES KAPITEL

DRITTES KAPITEL

VIERTES KAPITEL

FÜNFTES KAPITEL

SECHSTES KAPITEL

SIEBENTES KAPITEL

ACHTES KAPITEL

Dritter Teil

Erstes Kapitel

ZWEITES KAPITEL

DRITTES KAPITEL

VIERTES KAPITEL

FÜNFTES KAPITEL

SECHSTES KAPITEL

SIEBENTES KAPITEL

ACHTES KAPITEL

NEUNTES KAPITEL

ZEHNTES KAPITEL

ELFTES KAPITEL

VIERTER TEIL REISE IN DAS LAND DER HOUYHNHNMS

ERSTES KAPITEL

ZWEITES KAPITEL

DRITTES KAPITEL

VIERTES KAPITEL

FÜNFTES KAPITEL

SECHSTES KAPITEL

SIEBENTES KAPITEL

ACHTES KAPITEL

NEUNTES KAPITEL

ZEHNTES KAPITEL

ELFTES KAPITEL

ZWÖLFTES KAPITEL

Impressum

Weitere e-books in der Edition Lempertz

REISE NACH LILIPUT

Ich hoffe, Du wirst bereit sein, öffentlich zuzugeben, wenn man Dich darum bitten sollte, daß nur Deine dringenden und wiederholten Bitten mich veranlaßt haben, einen oberflächlichen und ungenauen Bericht über meine Reisen zu veröffentlichen mit der Anweisung, einige junge Leute von einer Universität mit seiner sachlichen und stilistischen Bearbeitung zu beauftragen, wie dies mein Vetter Dampier auf meinen Rat mit seinem Buch „Eine Reise um die Welt“ getan hat. Aber ich entsinne mich nicht, daß ich Dir gestattet hätte, etwas auszulassen, und noch weniger, etwas hinzuzufügen. Deshalb lehne ich, was das Letztere betrifft, alles dieser Art ab, insbesondere einen Abschnitt über Ihre Majestät die

Königin Anna frommen und ruhmreichen Angedenkens, obwohl ich sie mehr als irgendeinen anderen Menschen verehre und achte. Indes hättest Du oder Deine Mitarbeiter bedenken müssen, daß es nicht meine Gewohnheit und auch nicht schicklich ist, ein Geschöpf unserer Art vor meinem Herrn, dem Houyhnhnm, zu loben. Im übrigen sind diese Angaben völlig falsch, denn meines Wissens regierte sie, da ich während eines großen Teiles der Regierung Ihrer Majestät in England weilte, mit einem Ministerpräsidenten oder vielmehr mit zweien nacheinander. Der erste war Lord Godolphin und der zweite Lord Oxford. So hast Du den Anschein erweckt, als hätte ich das Ding gesagt, das nicht ist. Ebenso hast Du in dem Bericht über die Akademie der Erfinder und in einigen Teilen meiner Unterhaltung mit meinem Herrn, dem Houyhnhnm, einige wesentliche Umstände ausgelassen bzw. so sehr verwässert oder geändert, daß ich mein eigenes Werk kaum wieder erkenne. Als ich Dich in einem früheren Brief darauf hinwies, antwortetest Du mir, Du fürchtetest, Ärgernis damit zu erregen, überdies hätten die Machthaber ein wachsames Auge auf alles, was im Druck erscheine, und neigten dazu, alles, was wie eine Anspielung aussehe - so glaube ich, nanntest Du es - nicht nur auf sich zu beziehen, sondern auch zu bestrafen. Aber ich bitte Dich, wie könnte man das, was ich vor so vielen Jahren und über fünftausend Meilen weit weg in einem fremden Lande sagte, auf die Yähus beziehen, die, wie man sagt, jetzt unsere Herde regieren, zumal zu einer Zeit, wo ich kaum das Unglück bedachte oder befürchtete, noch einmal unter ihnen zu leben? Habe ich nicht die meiste Ursache, mich darüber zu beklagen, wenn ich sehe, wie diese Yähus von Houyhnhnms im Wagen gefahren werden, als wenn diese das Vieh und jene die vernünftigen Wesen seien? Der Wunsch, einem solchen abstoßenden und verwerflichen Anblick zu entgehen, hat mich hauptsächlich veranlaßt, mich hierher zurückzuziehen.

Das habe ich Dir bezüglich Deiner selbst und des Auftrages, den ich Dir gab, sagen wollen.

Des weiteren bedaure ich meinen großen Mangel an Urteilsfähigkeit, den ich bewiesen habe, als ich mich durch Deine und die Bitten und falschen Gründe einiger anderer bewogen gefühlt habe, sehr gegen meine eigene Ansicht meine Reisen veröffentlichen zu lassen. Erinnere Dich bitte daran, wie oft ich, wenn Du auf die Gründe des Allgemeinwohles bestandest, Dich zu bedenken bat, daß die Yähus eine Rasse sind, die sich durch Beispiele nicht bessern lassen. Dies hat sich als richtig erwiesen, denn anstatt mit jeder Art Mißbrauch und Verderbnis wenigstens auf dieser kleinen Insel ein Ende zu machen, wie ich glaubte erwarten zu können, siehst Du, nachdem sechs Monate vergangen sind, daß mein Buch keine einzige der von mir beabsichtigten Wirkungen hervorgebracht hat. Ich bat Dich, mir brieflich mitzuteilen, wann die Parteien verschwunden, die Richter aufgeklärt und aufrecht, die Prozessierenden ehrenhaft und maßvoll und mit einigen Anzeichen von Sinn für das Allgemeinwohl, und das Smithfeld vom Feuer der brennenden Gesetzbücherhaufen erleuchtet sei, wann die Ärzte verbannt seien, die weiblichen Yähus Tugend, Ehrbarkeit, Wahrhaftigkeit und gutes Benehmen an den Tag legten, die Höfe und die Diensträume der Minister ausgefegt und gesäubert, Geist, Verdienst und Gelehrsamkeit belohnt und alle die, welche mit Vers und Prosa die Presse schänden, dazu verurteilt würden, ihren Hunger mit ihrem Papier und ihren Durst mit ihrer eigenen Tinte zu stillen. Diese und tausend andere Reformen erwartete ich nach Deinen Ermutigungen. In den Lehren meines Buches waren sie in der Tat klar angedeutet, und man muß gestehen, daß sieben Monate wohl ausreichen mußten, jedes Laster und jede Torheit zu bessern, die ein Yähu an den Tag legt, wenn er seiner Natur nach zu etwas Tugend oder Weisheit fähig wäre. Aber weit davon entfernt, in einem Deiner Briefe meinen Erwartungen zu entsprechen, belädst Du den Boten an mich jede Woche mit Flugschriften, Erläuterungen, Betrachtungen, Erinnerungen und Fortsetzungen, in denen ich mich angeklagt sehe, große Staatsmänner angegriffen, die menschliche Natur herabgewürdigt - so nehmen sie sich heraus, es zu nennen - und das weibliche Geschlecht beschimpft zu haben. Indes finde ich, daß die Schreiber dieser Wische nicht einmal untereinander einig sind, denn die einen gestehen mir nicht zu, daß ich der Verfasser meiner eigenen

Reisen sei, und die anderen machen mich zum Autor von Büchern, die mir vollkommen fremd sind.

Ebenso stelle ich fest, daß Dein Drucker mit den Zeitangaben sehr unachtsam um gegangen ist und die Daten meiner verschiedenen Reisen und Heimfahrten durcheinandergebracht hat, indem er weder Jahr noch Monat oder Tag genau angibt. Da ich höre, das Originalmanuskript sei nach der Veröffentlichung meines Buches vernichtet worden, und ich keine Abschrift zurückbehalten habe, sende ich Dir einige Berichtigungen, die ich Dich in einer etwaigen zweiten Ausgabe einzuschalten bitte. Doch stehe ich nicht dafür ein und muß es meinem wohlmeinenden und geneigten Leser überlassen, sich die Sache entsprechend vorzustellen.

Ich höre, einige unserer Seeyähus finden meine seemännischen Fachausdrücke falsch oder nicht richtig angewandt und veraltet. Ich kann es nicht ändern. Auf meinen ersten Reisen in meiner Jugend wurde ich durch die ältesten Seeleute unterrichtet und lernte die Ausdrücke, wie diese sie gebrauchten. Seitdem habe ich festgestellt, daß die Seeyähus ebenso wie die auf dem Lande geneigt sind, sich neue Ausdrücke anzueignen, und daß diese jedes Jahr wechseln. So erinnere ich mich, daß sich bei jeder Heimkehr von einer meiner Reisen ihre Sprache so geändert hatte, daß ich diese neue kaum verstand. Ebenso beobachte ich, wenn ein Yähu aus London kommt, um mich neugierigerweise zu besuchen, daß wir unsere Gedanken nicht gegenseitig verständlich machen können.

Wenn mich die Meinung der Yähus in irgendeiner Weise interessierte, so hätte ich Veranlassung, mich darüber zu beklagen, daß mehrere von ihnen sich herausnehmen, meine Reisebeschreibung eine Erfindung meines eigenen Gehirns zu nennen. Sie gehen so weit, zu behaupten, es gebe ebenso wenig Houyhnhnms und Yähus wie Einwohner von Utopia. Tatsächlich gebe ich zu, daß bezüglich der Völker von Liliput, Brobdingrag - so und nicht fälschlich Brobdingnag muß das Wort geschrieben werden - und Laputa sich kein Yähu erlaubte, ihre Existenz oder die Tatsachen, die ich im Zusammenhang damit berichtet habe, in Frage zu stellen, denn hier überzeugt die Wahrheit den Leser unmittelbar aus sich. Aber ist denn mein Bericht über die Houyhnhnms und Yähus weniger wahrscheinlich, wenn es feststeht, daß in diesem Lande hier so viele Tausende von den letzteren existieren, die sich von ihren viehischen Brüdern im Houyhnhnmlande nur dadurch unterscheiden, daß sie eine Art Dialekt sprechen und nicht ganz nackt gehen? Ich schrieb, um sie zu bessern und nicht um ihres Beifalls willen. Das einstimmige Lob ihres ganzen Geschlechtes bedeutet mir weniger als das Wiehern zweier entarteter Houyhnhnms, die ich in meinem Stalle halte, denn bei ihnen bemerke ich trotz ihrer Entartung noch etwas von Tugend ohne jede Beimischung von Laster.

Wagen diese elenden Tiere es, anzunehmen, ich sei so entartet, daß ich meine Wahrhaftigkeit verteidigen müsse? Wenn ich auch ein Yähu bin, so ist es doch im ganzen Houyhnhnmlande bekannt, daß ich durch das Beispiel und die Belehrungen meines erlauchten Herrn während zweier Jahre - wenn auch, wie ich gestehe, unter den größten Schwierigkeiten - die höllischen Gewohnheiten des Lügens, Aufschneidens, Betrügens und der zweideutigen Rede, die im Charakter meiner Artgenossen, insbesondere in Europa, so tief eingewurzelt sind, vollkommen abzulegen in der Lage war.

Ich könnte noch mancherlei Klagen über diese bedauerliche Angelegenheit Vorbringen, aber ich will mich und Dich nicht länger damit belästigen. Ich muß offen gestehen, daß seit meinem letzten Brief durch den unvermeidlichen Verkehr mit einigen Deiner Art und besonders mit meiner eigenen Familie mehrere schlechte Eigenschaften meiner Yähunatur in mir wieder zum Vorschein gekommen sind. Sonst hätte ich wohl niemals einen so absurden Plan gefaßt, das Geschlecht der Yähus in diesem Lande bessern zu wollen. Nun habe ich aber an all diesen phantastischen Ideen genug!

Den 2. April 1727

DER HERAUSGEBER AN DEN LESER

Der Verfasser dieser Reisen, Mister Lemuel Gulliver, ist mein alter und intimer Freund. Mütterlicherseits sind wir sogar entfernt miteinander verwandt. Vor etwa drei Jahren erwarb Mister Gulliver, da er der dauernden Aufläufe neugieriger Leute vor seinem Hause in Redriff müde war, ein kleines Landgut mit einem bequemen Haus in Newark in seiner Heimat Nottinghamshire. Hier lebt er noch heute zurückgezogen, aber hochgeachtet von seinen Nachbarn.

Mister Gulliver ist zwar in Nottinghamshire geboren, wo sein Vater wohnte, aber seine Familie stammt aus Oxfordshire, wie er mir selbst einmal erzählte. Tatsächlich habe ich auf dem Friedhof in Banbury in dieser Grafschaft mehrere Gräber und Grabsteine der Gulliver gesehen.

Ehe er von Redriff wegging, übergab er mir die folgenden Aufzeichnungen und ermächtigte mich, darüber nach Gutdünken zu verfügen. Ich habe sie dreimal sorgfältig durchgelesen. Der Stil ist sehr klar und einfach. Nur einen einzigen Fehler, der allen Reisenden nachzusagen ist, möchte ich erwähnen. Der Verfasser ist in seiner Darstellung ein wenig zu umständlich. Indes hinterläßt das Ganze einen solchen Eindruck der Glaubwürdigkeit, und der Verfasser ist in der Tat wegen seiner Wahrheitsliebe so bekannt, daß seine Nachbarn in Redriff eine Behauptung mit den Worten zu bekräftigen pflegen: „Das ist so wahr, als wenn Mister Gulliver es gesagt hätte.“

Nach dem Rat mehrerer angesehener Persönlichkeiten, denen ich mit Erlaubnis des Verfassers diese Aufzeichnungen zugänglich gemacht habe, wage ich es jetzt, sie zu veröffentlichen, und hoffe, sie werden wenigstens für einige Zeit unseren jungen Adeligen eine bessere Unterhaltung bieten als das übliche politische und Partei-Geschreibsel.

Dieser Band wäre zum mindesten doppelt so dick geworden, wenn ich mir nicht erlaubt hätte, nebensächliche Bemerkungen in seemännischen Fachausdrücken über Wind und Gezeiten, Einzelheiten auf der Reise und das Verhalten des Schiffes im Sturm, wie auch Angaben über Längen- und Breitengrade auf die Gefahr hin, daß Mister Gulliver damit nicht einverstanden ist, auszulassen. Aber ich hatte mir vorgenommen, das Werk dem Verständnis der großen Masse meiner Leser nach Möglichkeit anzupassen. Wenn meine Unerfahrenheit in seemännischen Dingen die Veranlassung zu irgendwelchen Fehlern gewesen ist, so fühle ich mich allein dafür verantwortlich. Sollte ein Reisender ein Interesse daran haben, den ungekürzten Text im Originalmanuskript des Verfassers einzusehen, so stehe ich damit gerne zur Verfügung.

Nähere Einzelheiten über das Leben des Verfassers findet der Leser auf den ersten Seiten dieses Buches.

Richard Sympson

ERSTER TEIL

REISE NACH LILIPUT

ERSTES KAPITEL

Der Verfasser berichtet über sich selbst und seine Familie

Seine ersten Reisen - Er wird schiffbrüchig und rettet sich durch Schwimmen an die Küste des Landes Liliput - Er wird gefangen genommen und landeinwärts gebracht

Mein Vater hatte ein kleines Besitztum in Nottinghamshire. Ich war der dritte von fünf Söhnen. Als ich vierzehn Jahre alt war, schickte er mich zum Emanuel-College nach Cambridge, wo ich drei Jahre lang blieb und mich fleißig mit meinen Studien befaßte. Aber obwohl ich nur ein kärgliches Taschengeld erhielt, waren die Kosten für ein so bescheidenes Vermögen wie das meines Vaters zu hoch. So kam ich in die Lehre zu Mister James Bates, einem ausgezeichneten Arzt in London, bei dem ich vier Jahre lang blieb. Kleine Geldbeträge, die mir mein Vater hie und da schickte, verwandte ich dazu, Schifffahrtskunde und andere mathematische Wissenschaften zu erlernen, die man benötigt, wenn man zur See fahren will. Ich war nämlich davon überzeugt, daß mir dies eines Tages beschieden sein werde. Als ich Mister Bates verließ, kehrte ich zu meinem Vater zurück. Von ihm, meinem Onkel John und einigen anderen Verwandten erhielt ich vierzig Pfund und eine Zusage auf weitere dreißig, solange ich mich in Leiden aufhielt, wo ich zwei Jahre und sieben Monate lang Medizin studierte, denn ich war der Meinung, daß mir dies auf weiten Reisen nützlich sein werde. Bald nach meiner Rückkehr aus Leiden wurde ich durch meinen guten Lehrer Mister Bates als Schiffsarzt an den Kapitän der „Schwalbe“, Kommodore Abraham Pannell empfohlen. Hier blieb ich dreieinhalb Jahre und machte mehrere Reisen nach der Levante und anderen Gegenden. Nach meiner Rückkehr beschloß ich auf Zureden von Mister Bates, mich in London niederzulassen. Durch ihn wurde ich an mehrere seiner Patienten empfohlen. Ich mietete mich in einem kleinen Hause in Old Jewry ein, und da mir vom Junggesellenleben abgeraten wurde, heiratete ich Miss Mary Burton, die zweite Tochter des Strumpfhändlers Edmund Burton aus der Newgate-Street, von der ich vierhundert Pfund Mitgift erhielt.

Indes starb mein guter Lehrer Bates zwei Jahre später. Da ich nur wenige Freunde hatte, verschlechterte sich meine wirtschaftliche Lage, zumal mein Gewissen mir die üblen Machenschaften nicht gestattete, die bei so vielen meiner Kollegen üblich waren. So beschloß ich nach einer langen Unterredung mit meiner Frau und einigen Bekannten, wieder zur See zu gehen. Ich fuhr sechs Jahre lang als Arzt auf zwei Schiffen und machte mehrere Reisen nach Ost- und Westindien, wodurch ich meine Vermögenslage etwas verbesserte. In meinen Mußestunden las ich die besten antiken und modernen Schriftsteller und war stets mit einer beträchtlichen Zahl von Büchern versehen. Wenn ich an Land war, beobachtete ich die Sitten und Gebräuche der verschiedenen Völker. Dabei eignete ich mir auch ihre Sprache an, wobei mir mein gutes Gedächtnis sehr zustatten kam.

Nachdem die letzte dieser Reisen nicht sehr glücklich verlaufen war, wurde ich des Seefahrens überdrüssig und beschloß, zu Hause bei Weib und Kind zu bleiben. Ich zog von Old Jewry um nach der Fetter-Lane und von da nach Wapping, in der Hoffnung, mir dort unter den Seeleuten eine Praxis begründen zu können, aber die Sache brachte nichts ein. Nachdem ich drei Jahre lang auf eine Besserung meiner Verhältnisse gewartet hatte, nahm ich ein vorteilhaftes Angebot des Kapitäns William Pirchard an, der im Begriff war, mit seinem Schiff, der „Antilope“, eine Reise nach der Südsee anzutreten. Wir gingen am 4. Mai 1699 von Bristol aus in See und hatten anfangs eine durchaus glückliche Fahrt.

Ich will den Leser nicht mit Einzelheiten über unsere Erlebnisse während der Fahrt ermüden. Zur Information soll genügen, daß wir auf unserer Reise nach Ostindien durch einen furchtbaren Sturm nordwestlich von Van-Diemens-Land abgetrieben wurden. Bei einer Ortsbestimmung befanden wir uns auf 30°2' südlicher Breite. Zwölf Mann unserer Besatzung starben infolge von Anstrengung und schlechter Ernährung, und der Rest befand sich in einer jämmerlichen Verfassung. Am 5. November, dem Sommeranfang in dieser Gegend - es war sehr trübes Wetter - gewahrten die Matrosen in der Entfernung von etwa einer halben Kabellänge ein Riff, aber der Wind war so stark, daß wir gerade darauf zu getrieben wurden und unmittelbar danach daran scheiterten. Wir ließen unser sechs ein Boot zu Wasser und suchten, von unserem Schiff und von den Klippen wegzukommen. Nach meiner Berechnung ruderten wir ungefähr drei Meilen weit und konnten dann nicht mehr weiter, denn wir hatten unsere Kräfte bereits vorher im Schiff mit schweren Anstrengungen erschöpft. Wir überließen uns also der Willkür der Wogen, und etwa eine halbe Stunde später kenterte das Boot in einer plötzlichen, von Norden her kommenden Böe. Was aus meinen Begleitern und den Übrigen von der Schiffsmannschaft geworden ist, vermag ich nicht zu sagen, aber vermutlich sind sie alle ertrunken. Ich für meinen Teil schwamm auf gut Glück darauflos, wohin mich Wind und Wogen trieben. Oft ließ ich die Beine herunterhängen, konnte aber keinen Grund finden; als es aber fast mit mir zu Ende war und ich nicht länger den Wogen Widerstand zu leisten vermochte, fand ich Boden unter den Füßen, und gleichzeitig flaute auch der Sturm ab. Der Strand war so flach, daß ich etwa eine Stunde weit gehen mußte, und es war nach meiner Schätzung ungefähr acht Uhr abends, als ich das Ufer erreichte. Ich ging etwa eine halbe Meile weiter, vermochte aber keine Spur von Häusern der Einwohner zu entdecken. Wenigstens war ich so von Kräften, daß ich nichts dergleichen bemerkte. Ich war außerordentlich erschöpft und hatte, teilweise auch von der Hitze des Tages und nicht zuletzt von einer halben Pint Branntwein, die ich vor Verlassen des Schiffes getrunken hatte, ein großes Verlangen nach Schlaf. Ich legte mich ins Gras, das hier sehr kurz und weich war, und schlief schätzungsweise neun Stunden lang so tief, wie ich mich nicht erinnern kann, jemals in meinem Leben geschlafen zu haben.

Als ich erwachte, war es heller Tag. Ich versuchte aufzustehen, aber ich vermochte nicht, mich zu rühren. Ich lag auf dem Rücken, und meine Arme und Beine waren auf jeder Seite an den Erdboden gefesselt. Auch mein langes und starkes Haar war in gleicher Weise angebunden. Ebenso fühlte ich von den Achselhöhlen bis zu den Schenkeln mehrere leichte Bänder quer über meinem Körper. Ich vermochte nur aufwärts zu blicken, der Sonnenschein wurde heiß und das Licht blendete meine Augen. Ich vernahm ein wirres Geräusch, aber in meiner Lage sah ich nichts als den Himmel. Nach einer Weile fühlte ich etwas Lebendiges sich auf meinem linken Bein bewegen, das leise über meine Brust bis an mein Kinn vorwärts kam. Ich senkte meinen Blick, soweit es ging, und gewahrte eine menschliche Gestalt von etwa sechs Zoll Höhe mit Bogen und Pfeilen in den Händen und einem Köcher auf dem Rücken. Gleichzeitig fühlte ich noch mindestens vierzig weitere von der gleichen Art, wie ich vermutete, ihr nachfolgen. Ich war auf das höchste erstaunt und brüllte so laut, daß sie alle erschreckt davonliefen. Einige von ihnen verletzten sich, wie ich später erfuhr, beim Fallen, als sie von meiner Seite auf den Erdboden herabsprangen. Indes kamen sie bald zurück, und einer von ihnen, der sich so nahe heranwagte, daß er mir voll ins Gesicht blicken konnte, hob erstaunt Hände und Augen und rief mit schallender und deutlicher Stimme: „Hekinah degul!“ Die anderen wiederholten diese Worte mehrere Male. Ich wußte damals noch nicht, was sie damit meinten. Währenddessen befand ich mich, wie sich der Leser vorstellen kann, in einer sehr unbequemen Lage. Ich bemühte mich, loszukommen, und es gelang mir, die Bande zu sprengen und die Pfähle auszureißen, mittels derer mein linker Arm an den Erdboden angebunden war. Ich hob ihn vor meine Augen und sah nun, auf welche Weise ich gefesselt war. Gleichzeitig löste ich mit einem heftigen und sehr schmerzhaften Ruck die Stricke, mit denen mein Haar auf der rechten Seite befestigt war, und vermochte so meinen Kopf um etwa zwei Zoll seitwärts zu wenden. Aber die Wichte rannten weg, ehe ich einen von ihnen ergreifen konnte. Alsdann erscholl ein lautes und schrilles Geschrei, und als es verstummte, hörte ich einen von ihnen laut ausrufen: „Tolgo phonac“, worauf ich gleichzeitig etwa hundert Pfeilschüsse in meiner linken Hand fühlte, die mich wie ebenso viele Nadeln stachen. Einen zweiten Pfeilregen schossen sie in die Luft, wie man in Europa Granaten wirft. Viele davon fielen, wie ich annahm, auf meinen Körper, aber ich fühlte nichts davon. Einige trafen mein Gesicht, das ich mit der linken Hand bedeckte. Vor Kummer und Schmerz seufzte ich laut auf, und als ich mich erneut bemühte, loszukommen, beschossen sie mich mit einer noch stärkeren Salve als vorher, und einige versuchten, mich mit ihren Speeren in die Seiten zu stechen. Zum Glück aber trug ich ein büffel- ledernes Wams, das sie nicht zu durchbohren vermochten. Ich fand, daß es das klügste war, still zu liegen, und ich beschloß, so die Nacht abzuwarten, während der ich, da mein linker Arm ja nun lose war, mich leicht befreien konnte. Was die Einwohner betraf, so glaubte ich der größten Armee gewachsen zu sein, die sie gegen mich aufbrachten, wenn sie alle nicht größer waren, als diejenigen, die ich vor mir sah.

Aber das Schicksal hatte es anders mit mir beschlossen. Als das Volk sah, daß ich mich ruhig verhielt, wurden weiter keine Pfeile auf mich abgeschossen, aber aus dem Lärm schloß ich, daß sich ihre Zahl vermehrte. Ungefähr vier Yards von mir entfernt gegenüber meinem rechten Ohr hörte ich etwa eine Stunde lang hämmern und andere Arbeitsgeräusche. Als ich meinen Kopf so weit in dieser Richtung herum drehte, wie es die Stricke und Pfähle erlaubten, sah ich, daß eine ungefähr anderthalb Fuß hohe Tribüne errichtet wurde, auf der vier dieser Leute Platz fanden und die mit zwei oder drei Leitern zu besteigen war. Von hier aus hielt einer von ihnen, anscheinend eine Person von besonderem Rang, eine lange Ansprache an mich, von der ich keine Silbe verstand. Ich muß erwähnen, daß dieser Würdenträger, ehe er seine Rede begann, dreimal ausrief: „Langro dehul san!“ Diese und die früheren Worte wurden mir nachher des öfteren wiederholt und erklärt. Daraufhin eilten ungefähr fünfzig von den Leuten herbei und durchschnitten die Stricke, mit welchen die linke Seite meines Kopfes gefesselt war, so daß ich ihn nach rechts wenden und so die Person, die zu mir sprach, und ihre Handbewegungen beobachten konnte. Es war dies ein Mensch von mittlerem Alter und höher gewachsen als seine drei Begleiter. Der eine von diesen war ein Page, der seine Schleppe trug und etwa so groß war wie mein Mittelfinger. Die beiden anderen standen rechts und links von ihm zu seiner Verfügung. Er benahm sich durchaus wie ein Redner, und ich vermochte genau zu unterscheiden, ob er mir drohte oder etwas versprach, ob es mitleidig oder freundlich gemeint war, was er sagte. Ich antwortete mit wenigen, aber untertänigen Worten und hob meine linke Hand und meine Augen zur Sonne, als wenn ich sie zum Zeugenanrufen wollte. Da ich vor Hunger beinahe verschmachtete – denn ich hatte bereits mehrere Stunden, bevor ich das Schiff verlassen hatte, nicht einen Bissen mehr zu mir genommen —, vermochte ich mich nicht zu enthalten, vielleicht gegen die Regeln des Anstandes, mehrmals meinen Finger in den Mund zu stecken, um dadurch mein Verlangen nach Nahrung auszudrücken. Der Hurgo - so nannte man dort eine so hochgestellte Persönlichkeit, wie ich später erfuhr - verstand mich sofort. Er stieg von seiner Tribüne herab und ließ mehrere Leitern an meiner Seite anlegen, mittels derer etwa hundert von den Leuten auf mich heraufstiegen. Sie kamen mit Körben voll Fleisch bis zu meinem Munde, das auf Befehl des Königs beschafft und hierher gebracht worden war, als er die erste Nachricht über mich erhalten hatte. Ich erkannte das Fleisch verschiedener Tiere, konnte es aber dem Geschmack nach nicht unterscheiden. Es waren Schulterstücke, Keulen und Rippenstücke in der Art wie Hammelkeulen und -rippen, ausgezeichnet zubereitet, aber kaum von der Größe eines Lerchenflügels. Zwei oder drei davon nahm ich gleichzeitig mit drei Brotlaiben von der Größe einer Musketenkugel in den Mund. Die Leute versorgten mich so schnell wie möglich und äußerten tausenderlei Zeichen der Verwunderung und des Erstaunens über meine Größe und meinen Appetit.

Dann gab ich durch ein anderes Zeichen zu verstehen, daß ich trinken möchte. Als ich aß, hatten sie bereits erkannt, daß mir mit einer kleinen Menge nicht gedient war, und da es intelligente Menschen waren, zogen sie mit viel Geschick eines ihrer größten Fässer hoch, rollten es zu meiner Hand hin und schlugen ihm den Boden aus. Ich leerte es leicht mit einem Zuge, denn es enthielt kaum eine halbe Pint. Es schmeckte wie ein leichter Burgunder, war aber weit köstlicher. Sie brachten mir ein zweites Faß, das ich in der gleichen Weise austrank. Dann verlangte ich durch Zeichen nach mehr, aber sie hatten nichts, was sie mir noch geben konnten. Als ich dieses Wunder vollbracht hatte, jauchzten sie voll Freude und tanzten auf meiner Brust herum. Dabei riefen sie wie anfangs immer wieder aus: „Hekinah degul!“ Durch Zeichen bedeuteten sie mir, ich solle die beiden Fässer fortwerfen. Vorher forderten sie die in der Nähe stehenden Leute mit dem Ruf „Bor ach mevolah!“ auf, aus dem Wege zu gehen. Als sie die Gebinde durch die Luft fliegen sahen, erhob sich ein allgemeines Geschrei: „Hekinah degul!“ Ich geb zu, daß ich oft in Versuchung war, vierzig oder fünfzig von denen, die in meine Reichweite kamen, während sie auf meinem Körper hin- und herliefen, zu ergreifen und auf den Boden zu schleudern. Aber die Erinnerung an das, was ich auszustehen gehabt hatte und das vielleicht noch nicht das schlimmste war, was sie mir antun konnten, dazu das Ehrenwort, das ich ihnen gegeben hatte – so legte ich meine untertänigen Gesten aus - brachten mich bald wieder davon ab. Darüberhinaus betrachtete ich mich nun auch durch die Gesetze der Gastfreundschaft den Leuten gegenüber verpflichtet, die mich mit soviel Aufwand und Großzügigkeit bewirtet hatten. Immerhin konnte ich mich im stillen nicht genug wundern über die Unerschrockenheit dieser winzigen Kerle, die es wagten, so auf meinen Körper hinaufzusteigen und darauf herumzulaufen, während eine meiner Hände frei war, ohne beim Anblick eines so ungeheuren Lebewesens zu erzittern, als das ich ihnen erscheinen mußte. Als sie nach einiger Zeit festgestellt hatten, daß ich nicht weiter nach Fleisch verlangte, erschien vor mir eine hochgestellte Persönlichkeit aus der Umgebung Seiner Kaiserlichen Majestät. Seine Exzellenz stieg an der Fessel meines rechten Fußes herauf und kam mit etwa einem Dutzend Leuten aus seinem Gefolge bis an mein Gesicht heran. Dann zeigte, er mir sein mit dem königlichen Siegel versehenes Beglaubigungsschreiben, das er mir dicht vor die Augen hielt, und sprach etwa zehn Minuten lang, ohne ein Zeichen der Erregung, aber mit einer gewissen Entschlossenheit zu mir. Dabei wies er des öfteren in eine Richtung, wo, wie ich später feststellte, etwa eine halbe Meile entfernt die Landeshauptstadt lag und wohin ich auf Beschluß der Ratgeber Seiner Majestät transportiert werden sollte. Ich antwortete mit wenigen Worten - aber es half mir ja alles nichts - und machte mit meiner freien Hand ein Zeichen, indem ich sie über den Kopf Seiner Exzellenz hinweg, besorgt, ihn oder sein Gefolge nicht zu verletzen, in meine andere und dann auf meinen Kopf und meinen Leib legte, um so auszudrücken, daß ich meine Freiheit wiederhaben wolle.

Er schien mich durchaus verstanden zu haben, denn er schüttelte sein Haupt in mißbilligender Weise. Dabei machte er mit seinen Händen eine Geste, die besagte, daß ich als Gefangener transportiert werden müsse. Immerhin gab er mir durch ein anderes Zeichen zu verstehen, ich würde ausreichend Speise und Trank erhalten und gut behandelt werden. Daraufhin versuchte ich noch einmal, meine Fesseln zu sprengen, aber wieder fühlte ich schmerzhaft ihre Pfeile auf Gesicht und Händen. Ein Teil blieb darin stecken, und sie waren mit zahlreichen Blasen bedeckt. Gleichzeitig bemerkte ich, daß sich die Zahl meiner Feinde vermehrt hatte, und so gab ich ihnen ein Zeichen, sie möchten mit mir nach Belieben verfahren. Daraufhin zog sich der Hurgo mit seinem Gefolge höflich und mit freundlicher Miene zurück. Bald danach hörte ich ein großes Geschrei und unterschied wiederholt die Worte: „Peplom selan!“ Ich bemerkte eine große Menge Menschen an meiner linken Seite, welche die Stricke soweit lockerten, daß ich mich nach rechts herumdrehen und endlich meine Blase entleeren konnte. Dies tat ich ausgiebig zum größten Erstaunen der Menge, die, als sie meine Absicht erkannt, sofort nach rechts und links aus wich, um dem Sturzbach zu entgehen, der mit großer Wucht und Getöse aus mir hervorschoß. Vorher hatten sie mir Gesicht und Hände mit einer angenehm duftenden Salbe eingerieben, die in wenigen Minuten die durch die Pfeile verursachten Schmerzen linderte. Diese Tatsache, verbunden mit der durch die sehr sättigenden Speisen und Getränke bewirkte Stärkung machte mich schläfrig. Ich schlief, wie ich nachher feststellte, etwa acht Stunden lang, und dies war kein Wunder, denn die Ärzte hatten auf Befehl des Kaisers einen Schlaftrunk in den Wein gemischt. Anscheinend war der Kaiser, als ich nach meiner Landung auf der Erde schlafend gefunden wurde, sofort durch einen Eilboten benachrichtigt worden. Im Kronrat hatte man dann beschlossen, mich in der Art zu fesseln, wie ich berichtet habe - das war in der Nacht geschehen, während ich schlief-, eine Menge Fleisch und Getränke für mich herbeizuschaffen und ein Fahrzeug herzurichten, mit dem ich in die Hauptstadt gebracht werden sollte. Dieser Beschluß wird vielleicht kühn und gefährlich erscheinen, und ich bin überzeugt, daß ein europäischer Fürst in einer ähnlichen Lage nicht so gehandelt haben würde. Indes war es meines Erachtens ebenso klug wie edelmütig. Denn wenn diese Leute versucht hätten, mich im Schlaf mit ihren Speeren und Pfeilen zu ermorden, so hätte ich sicherlich beim Erwachen als erstes einen heftigen Schmerz empfunden. Dies hätte meine Wut angefacht und meine Kräfte gesteigert, so daß ich die Stricke, mit denen ich gefesselt war, leicht hätte zerreißen können. Wenn sie mir dann keinen Widerstand entgegenzusetzen vermochten, konnten sie auch nicht mit Schonung rechnen.

Diese Leute sind ausgezeichnete Mathematiker und haben es auf dem Gebiete der Mechanik durch die Förderung und Unterstützung des Kaisers, der als Beschützer der Wissenschaften gilt, zu großer Vollkommenheit gebracht. Dieser Fürst besitzt mehrere auf Rädern laufende Maschinen für den Transport von Bäumen und schweren Lasten. Er läßt oft seine größten Kriegsschiffe, von denen einige neun Fuß lang sind, in den Wäldern bauen, wo das Werkholz wächst, um sie dann von diesen Maschinen drei- oder vierhundert Yards weit bis an die See transportieren zu lassen. Fünfhundert Zimmerleute und Ingenieure wurden sogleich eingesetzt, die größte vorhandene Maschine dieser Art herzurichten. Sie bestand aus einem sieben Fuß langen und vier Fuß breiten Holzgerüst, das sich drei Zoll hoch über dem Erdboden erhob und auf zweiundzwanzig Rädern lief. Das Geschrei, das ich vernommen hatte, kündigte die Ankunft dieser Maschine an, die, wie es schien, bereits vier Stunden nach meiner Landung in Marsch gesetzt worden war. Sie wurde parallel zu mir aufgestellt, aber die größte Schwierigkeit bestand darin, mich auf dieses Fahrzeug hinaufzuheben. Achtzig Pfähle, jeder einen Fuß lang, wurden zu diesem Zweck eingeschlagen, und sehr starke Taue von der Dicke eines Bindfadens mit Haken an ebenso vielen Gurten befestigt, welche die Arbeiter um meinen Hals, Körper, Arme und Beine geschlungen hatten. Neunhundert der stärksten Männer waren damit beschäftigt, mittels Flaschenzügen, die an den Pfählen hingen, an diesen Stricken zu ziehen und mich in weniger als drei Stunden hochzuheben und auf die Maschine zu werfen, wo ich festgebunden wurde. Dies alles wurde mir nachher berichtet, denn während des ganzen Vorganges lag ich dank des Schlafmittels, das sich in meinem Getränk befunden hatte, in tiefem Schlummer. Fünfzehnhundert der stärksten Pferde aus den kaiserlichen Stallungen, jedes etwa vier und einen halben Zoll hoch, waren nötig, mich in die Hauptstadt zu ziehen, die, wie gesagt, eine halbe Meile weit entfernt war.

Ungefähr vier Stunden nach Beginn unserer Fahrt erwachte ich durch einen lächerlichen Zwischenfall. Als das Fahrzeug eine Weile hielt, damit irgendeinem Übelstand abgeholfen werden konnte, waren zwei oder drei junge Leute aus Neugierde, wie ich wohl aussah, wenn ich schlief, auf das Fahrzeug gestiegen und ganz leise bis an mein Gesicht herangekommen. Einer von ihnen, ein Gardeoffizier, steckte die Spitze seines Spontons tief in mein linkes Nasenloch. Dies kitzelte mich wie ein Strohhalm, so daß ich heftig niesen mußte. Daraufhin stahlen sie sich unbemerkt davon, und erst drei Wochen später erfuhr ich die Ursache meines so plötzlichen Erwachens. Während des Restes dieses Tages machten wir einen langen Marsch. Die Nacht über wurde haltgemacht, wobei fünfhundert Mann an meinen beiden Seiten Wache hielten, die eine Hälfte mit Fackeln, die andere mit Bogen und Pfeilen, um sofort auf mich zu schießen, wenn ich versuchen würde, mich zu rühren. Am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang setzten wir unsere Reise fort und waren um Mittag noch etwa zweihundert Yards von den Toren der Hauptstadt entfernt. Der Kaiser kam uns mit seinem ganzen Hofstaat entgegen. Indes ließen es seine Minister unter keinen Umständen zu, daß Seine Majestät durch Besteigen meines Körpers sein Leben in Gefahr bringe.

Auf dem Platz, wo der Wagen hielt, stand ein alter Tempel, wohl der größte im ganzen Lande. Einige Jahre vorher war er durch einen Lustmord befleckt worden. Das Volk hielt ihn in seinem Religionseifer für entweiht, und man hatte ihn, nachdem alle heiligen Geräte und aller Schmuck daraus entfernt worden waren, für weltliche Zwecke bestimmt. In diesem Bauwerk sollte ich wohnen. Das große, nach Norden hin gehende Tor war etwa vier Fuß hoch und zwei Fuß breit, so daß ich leicht hindurch kriechen konnte. An jeder Seite des Tores befand sich ungefähr sechs Fuß über dem Erdboden ein kleines Fenster. An dem linken befestigte der kaiserliche Hofschmiedemeister einundneunzig Ketten von der Art der Damenuhrketten in Europa, die mit sechsunddreißig Vorhängeschlössern an meinem linken Bein befestigt wurden. Dem Tempel gegenüber auf der anderen Seite der breiten Straße stand etwa zwanzig Fuß weit entfernt ein ungefähr fünf Fuß hoher Turm. Diesen bestieg der Kaiser mit zahlreichen Würdenträgern seines Hofstaates, um mich bequem betrachten zu können. Das erzählte man mir später, denn ich selbst konnte sie nicht sehen. Schätzungsweise hunderttausend Menschen kamen auf die Nachricht hin aus der Stadt heraus, und ich glaube, daß gleichzeitig nicht weniger als zehntausend trotz der Wachen mit Leitern auf meinen Körper hinaufgestiegen sind. Aber bald darauf wurde eine Verfügung erlassen, wonach dieses bei Todesstrafe verboten war.

Als die Arbeiter sahen, daß es mir unmöglich war, mich zu befreien, durchschnitten sie alle Stricke, mit denen ich gefesselt war. Daraufhin erhob ich mich in einer so niedergeschlagenen Stimmung, wie ich sie nie vorher in meinem Leben empfunden hatte. Aber der Lärm und das Erstaunen des Volkes, als es mich aufstehen und umhergehen sah, ist nicht zu beschreiben. Die Ketten an meinem linken Bein waren etwa zwei Yards lang und gestatteten mir nicht nur, in einem Halbkreis umherzugehen, sondern, da sie nur vier Zoll vom Tor entfernt befestigt waren, hineinzukriechen und mich im Innern des Tempels auszustrecken.

ZWEITES KAPITEL

Der Kaiser von Liliput besucht in Begleitung mehrerer Edelleute den Verfasser in seinem Gefängnis - Beschreibung der Person und Kleidung des Kaisers - Es werden Gelehrte beauftragt, den Verfasser in der Landessprache zu unterrichten — Durch sein umgängliches Verhalten gewinnt er Freundschaften - Seine Taschen werden durchsucht und ihm Degen und Pistolen abgenommen

So gelassen ich meine langwierige Einsperrung über mich hatte ergehen lassen, so fand ich mich doch zu meiner größten Freude nun wieder auf meinen eigenen Füßen. Ich blickte um mich und muß gestehen, nie eine schönere Aussicht genossen zu haben. Das Land rings umher erschien mir wie ein ausgedehnter Garten und die eingefriedigten Felder, jedes etwa vierzig Fuß im Quadrat groß, glichen ebenso vielen Blumenbeeten. Zwischen die Felder waren Waldstücke von etwa acht Fuß eingestreut, deren höchste Bäume schätzungsweise sieben Fuß hoch waren. Linker Hand erblickte ich die Stadt, die wie die gemalte Szenerie eines Theaters aussah.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!