Gut Runst - Frank Stübner - E-Book

Gut Runst E-Book

Frank Stübner

0,0
5,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

„Gut Runst!“ Mit diesem Spruch, geprägt vom Rennsteigverein im 19. Jahrhundert, grüßen sich die Menschen, die den Rennsteig in voller Länge erwandern. Der beliebte Weitwanderweg zieht sich über den Kamm des üringer Waldes und des Thüringer Schiefergebirges bis in den nördlichen Frankenwald, vom Mittellauf der Werra bis an den Oberlauf der Saale. Frank Stübner wollte es wissen: Allein und ohne die Übernachtungen vorauszubuchen, lief er in sechs Tagen die Tour von Hörschel nahe Eisenach bis Blankenstein in Oberfranken. Auf knapp 170 Kilometern erlebt der Wanderer Natur und Geschichte, trifft auf Gleichgesinnte und Originale. Stübner schreibt seine Erfahrungen, Begegnungen und Beobachtungen auf der Strecke auf und reichert sein Tagebuch mit zahlreichen Bildern sowie Tipps zu Strecke, Unterkunft, Vorbereitung und Durchführung an.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2020

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Frank Stübner

Gut Runst!

Was der Rennsteig vom Leben erzählt

Bibliografische Informationen der Deutschen Bibliothek: Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte Dateien sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Impressum:

© Verlag Kern GmbH, Ilmenau

© Inhaltliche Rechte beim Autor

1. Auflage, April 2020

Autor: Frank Stübner

Fotos: Frank Stübner

Karten: Adidas Running (App Runtastic)

Layout/Satz: Ute Schmidt, Werbepunkt Geraberg

Lektorat: Anke Engelmann, poesiebuero.de

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH

Sprache: deutsch

ISBN: 978-3-95716-325-7

ISBN E-Book: 978-3-95716-306-6

www.verlag-kern.de

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck, Übersetzung, Entnahme von Abbildungen, Wiedergabe auf fotomechanischem oder ähnlichem Wege, Speicherung in DV-Systemen oder auf elektronischen Datenträgern sowie die Bereitstellung der Inhalte im Internet oder anderen Kommunikationsträgern ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Verlags auch bei nur auszugsweiser Verwendung strafbar.

INHALTSVERZEICHNIS

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Tag 1: Der schwarze Montag

Tag 2: Der Inselsberg

Tag 3: Das Dach des Thüringer Waldes

Tag 4: Historische Grenzsteine am Rennsteig

Tag 5: Im Thüringer Schiefergebirge

Tag 6: Zieleinlauf

Resümee

Danksagung

VORWORT

Heute ist der Tag gekommen, an dem ich etwas in Angriff nehme, was mir schon seit Jahren durch den Kopf geht. Was ich vorhabe, ist eigentlich nichts Besonderes, und trotzdem ist es erstaunlich, wie schwer man sich tut, Dinge anzugehen, die etwas Zusatzaufwand erfordern. Man findet für sich selbst immer wieder Gründe, die Umsetzung seiner Pläne vor sich herzuschieben, statt es einfach zu tun. Aber jetzt will ich, wie man so schön sagt, „den Bock umstoßen“. Die Situation ist günstig, ich habe Zeit und das Wetter verspricht, passend zu werden. Meine Frau kann mich leider nicht begleiten, doch dass ich mich alleine aufmache, hat den Vorteil, dass ich mich völlig auf den Weg konzentrieren kann. Ich muss auf niemanden Rücksicht nehmen und es gibt auch niemanden, der sich um mich kümmern muss. So hat meine Reise fast den Charakter eines Abenteuers. Genau das reizt mich daran: auszubrechen aus dem standardisierten Alltag.

Darüber denke ich nach, während mich meine Frau mit dem Auto zum Bahnhof bringt. Ich will mit dem Zug nach Hörschel fahren und überlege, ob ich an alles gedacht habe. Gestern hat mich mein Schwiegervater, ein alter Hase des Rennsteiges, mit den Worten „Gut Runst!“ verabschiedet. Ein traditioneller Spruch des Rennsteigvereins aus dem 19. Jahrhundert, der die komplette Rennsteigwanderung meint.

Der Rennsteig beginnt nicht weit von unserem Zuhause und als ich mir Gedanken gemacht habe, wie ich meine Wanderung durchführen will, entschied ich mich für den offiziellen Weg, wie ihn der Rennsteigverein beschreibt. Nur wenige Eckpunkte habe ich festgelegt. Eine Woche lang will ich mich einfach treiben lassen.

Allein will ich den gesamten Rennsteig in maximal sieben Tagen bewandern. Dafür brauche ich zumindest einen groben Plan. Zunächst legte ich für mich neben dem Anfang fest, dass ich unbedingt die Originalstrecke laufen will. Daraus ergibt sich gleich die Frage, ob die eindeutig zu identifizieren ist. Also will ich darauf achtgeben, ob das berühmte weiße „R“ mich eindeutig führt. Des Weiteren fühle ich mich zwar körperlich gut, schließlich bin ich erst kürzlich wieder einmal beim Rennsteiglauf dabei gewesen und gehöre, weil ich schon mehr als 25 Mal mitgemacht habe, zu den „Traditionsläufern“, aber eine Wanderung über viele Tage mit einer Gesamtstrecke von etwa 170 Kilometern habe ich noch nicht gemacht. Beim Rennsteiglauf habe ich vieles gelernt über mich und meinen Fitnesszustand. Man sollte nicht nur die Beschaffenheit der Strecke nie unterschätzen, sondern auch darauf hören, was der Körper für Signale sendet. Also lege ich auch keine Etappenorte fest. Ich will nicht dem Druck unterliegen, ständig, wie im Alltag, zu irgendeiner Zeit irgendwo sein zu müssen. Aber Trödeln ist auch nicht möglich. Grob und durchschnittlich will ich mindestens 25 Kilometer täglich schaffen, entscheide ich.

Da ich mich bei keiner Unterkunft vorher anmelden bzw. mich spontan nach Bedarf entscheiden will, bleibt ein gewisses Restrisiko. Ist der Tourist auf dem Rennsteig willkommen? Wie flexibel ist die Branche und wie viel Geld kostet die Tour am Ende? Ich plane zunächst auf Grund meiner allgemeinen Urlaubserfahrung pro Tag 100 Euro für alles ein und werde mich überraschen lassen, ob ich mit diesem Betrag auskomme. Ich will weder sparen, noch das Geld unnötig aus dem Fenster werfen.

Mein Gepäck möchte ich so gering wie möglich halten. Schließlich will ich unabhängig sein. Also muss ich immer alles dabeihaben. Ich bin kein Freund von größeren Rucksäcken beim Wandern, und vielleicht gelingt es mir, mit wenig auszukommen. Schließlich bin ich ein Mann und weil ich allein unterwegs bin, interessiert sich niemand dafür, ob ich ein T-Shirt in einer Woche schon das dritte Mal anhabe, oder der eine oder andere Slip mehrmals zum Einsatz kommt. Das Wetter spielt natürlich auch eine Rolle, aber das habe ich im Vorfeld schon gecheckt und es sieht gut aus. So um die 15 bis 20 Grad werden erwartet, ein Sonne-Wolken-Mix und selten ein Regenguss. Das klingt optimal.

Als eines der wenigen modernen Hilfsmittel habe ich das Handy dabei, unter anderem, um zu fotografieren. Das ist ja schließlich der Hauptgrund für die Tour, die Natur zu erleben und gegebenenfalls festzuhalten. Ich will den Rennsteig einsaugen, hören, riechen, schmecken. Aber ich möchte auch mit offenen Augen durchs Land ziehen, um den Rennsteig und seine touristischen Bedingungen auf Herz und Nieren zu prüfen. Natürlich kann ich das nur im Rahmen eines touristischen Laien. Ich will erfahren: Sind Folgen des angeblichen Klimawandels zu sehen? Wie sind die Menschen, denen ich begegnen werde, Touristen, Bewohner und die, die hier am Rennsteig arbeiten? Wie ist die Infrastruktur, für Touristen, aber auch allgemein? Was gibt es für Highlights, wie präsentiert sich der Rennsteig?

Das Handy dient auch als Verbindung nach Hause, vor allem für den Notfall. Da ist natürlich auch die Frage: Wie ist der Empfang auf dem Rennsteig? Denn was nützt das tollste Handy, wenn es kein Netz findet. Und ich will es benutzen, um Daten zu erfassen. Dafür habe ich die App, die ich auch schon probeweise nutze. Zum Glück bin ich nicht völlig abhängig von der Technik und ich bin sicher, im Ernstfall auch ohne Handy klarzukommen. Pausen werde ich mir bei Bedarf nehmen, nicht nur, um mich zu erholen, sondern auch, um mir das eine oder andere anzusehen. Bis zirka einen Kilometer beidseitig des Rennsteiges will ich das tun, aber wann und was ich mir ansehen, entscheide ich operativ. Auf jeden Fall tue ich so, als wäre ich zum ersten Mal hier, auch wenn ich weiß, dass es schwer ist, unvoreingenommen zu sein. Schließlich will ich herausfinden, ob man den Rennsteig als Deutschlands ältesten und angeblich beliebtesten Fernwanderweg weiterempfehlen kann und vielleicht gibt es Themen, die man vor Ort besser versteht, oder es tun sich neue Fragen auf. Da wir in dieser Gegend leben, ist es logisch, dass bestimmte Dinge immer wieder Thema sind. Es ist ja oft so, dass man weit in die Welt hinauswill und sich vor der eigenen Haustür nicht auskennt. Auf jeden Fall freue ich mich, dass es jetzt endlich so weit ist. Auf geht’s – „Gut Runst!“

TAG 1: DER SCHWARZE MONTAG

Es ist Montag, der 8. Juli 2019. Ich sitze im Triebwagen der Süd Thüringen Bahn am Bahnhof von Friedrichroda. Soeben habe ich mir am Automaten eine Fahrkarte nach Hörschel für 9,90 Euro gekauft. Friedrichroda, ein durchaus bedeutender Ferienort in Thüringen, zumindest sagen das die touristischen Zahlen, hat in Sachen Bahnhof leider einen katastrophalen Anblick zu bieten. Zwar fahre ich selten mit dem Zug und kann nicht sagen, wann ich von hier das letzte Mal losgefahren bin, aber in den 30 Jahren nach der Wende, in denen durchgängig Züge fuhren, kann ich nur feststellen, dass anscheinend nie jemand ernsthafte Ambitionen hatte, an diesem Zustand auch nur ansatzweise etwas zu ändern. Der Anblick ist ernüchternd: Sämtliche Gebäude sind zugesprayt. Die Farbe am Vordach über dem Bahnsteig blättert ab. Es liegt Müll herum. Der gesamte Komplex sieht aus, als sei er zum Abriss freigegeben. Ich will, wie so viele, einfach nicht mehr hören, warum wer alles nichts dafür kann. Am Ende sind sowieso immer die Anderen schuld.

Wenigstens fährt der Zug, der übrigens sauber und relativ neu ist, pünktlich los. Es ist angenehm, einmal nicht selbst zu fahren und bei der sich anbahnenden allgemeinen Verkehrsumgestaltung ist die Bahn vielleicht ein Zukunftsmodell. An der ersten Haltestelle Reinhardsbrunn steigen zu den wenigen Mitfahrern noch einige hinzu. Zum Zustand des herzoglichen und unter Denkmalschutz stehenden Bahnhofgebäudes von 1897 will ich mich nicht äußern, da es nahtlos den Zustand des Bahnhofs Friedrichroda fortsetzt. Und wenn ich an die Posse vom Schloss Reinhardsbrunn denke, das mehrfach verkauft wurde und seit Jahren verkommt, bin ich traurig, wie nach der Wende diese bis dahin gut genutzten Einrichtungen verfallen sind.

Bis nach Fröttstädt sind es noch einige Haltestellen und ich komme planmäßig an. Soweit ich weiß, muss ich auf die andere Seite des Bahnsteigs, um Richtung Eisenach weiterzufahren. Komischerweise bleiben alle anderen auf derselben Seite stehen, und ich bin zunächst irritiert. Schließlich kommt doch ein Mann mittleren Alters und ich frage vorsichtshalber nach, ob das hier Richtung Eisenach richtig ist. Er bestätigt es und wir kommen ins Gespräch. Da er, wie sich herausstellt, an der dualen Hochschule Eisenach als Dozent arbeitet, finden wir schnell ein Thema. Die Firma, in der ich arbeite, hat in der Vergangenheit schon etliche Absolventen dieser Schule aufgenommen bzw. den Part des Arbeitgebers übernommen, den so ein duales System aus Theorie und Praxis benötigt. Er berichtet von seinen Erfahrungen mit Firmen und Konzernen und ich merke ihm an, dass er resigniert ist. Seiner Meinung, die Wirtschaft im Osten sei ausgeblutet, kann ich nur zustimmen. Auch wenn ich letztendlich persönlich Glück hatte, kann ich bestätigen, dass das, was speziell in den ländlichen Gegenden an leistungsfähigen Betrieben übriggeblieben ist, an den Fingern abgezählt werden kann. Speziell die ingenieurtechnischen Leistungen und kreativen Fähigkeiten werden im Osten zurückgedrängt. Das ist eine fatale Entwicklung und für Großkonzerne nur die verlängerte Werkbank zu sein, ist keine nachhaltige Lösung. Obwohl es dramatisch ist, finde ich es fast amüsant, wenn dann die Verantwortlichen überrascht sind, dass speziell die jungen Leute in den Westen gehen oder die wenigen Lichtblicke in den Städten nutzen. Es sind völlig logische Schritte und am Ende muss sich niemand wundern. Noch schlimmer ist, dass es zwar seit vielen Jahren die sogenannten Experten die Probleme kennen, aber nichts unternommen wird. Aber ich will ja Urlaub machen und nachdem wir uns in Eisenach verabschieden und er mir viel Glück wünscht, gehe ich auf die Suche nach dem letzten Zug Richtung Hörschel.

Auch hier ist es zwar relativ eindeutig, aber ich frage trotzdem sicherheitshalber einen Fahrgast, ob das hier der Zug ist, der in Hörschel hält. Da er schon dasteht, kann ich mich bereits hineinsetzen. Da aber bisher kaum jemand darin sitzt, will ich mich noch einmal vergewissern. Schließlich will ich heute noch den ganzen Tag wandern und da wäre es ungünstig, wenn ich schon zu Beginn unnötig Zeit verschenke. Es klappt dann alles fast wie geplant und mit wenigen Minuten Verspätung bin ich endlich in Hörschel. Eine Stunde und 15 Minuten für diese Strecke ist sehr lange. Mit dem Auto hätte ich wahrscheinlich die Hälfte der Zeit gebraucht. Aber wenn man auf dem Lande wohnt, ist das eben so.

Mit mir steigen unter anderem zwei junge Männer aus. Sie haben beide einen großen Rucksack dabei und ich frage: „Rennsteigwanderung?“ „Ja“, erwidern sie. „Ich auch“, sage ich und füge hinzu „Sonst gibt es auch keinen Grund, in Hörschel auszusteigen.“ Wir lächeln alle leicht. Nach wenigen hundert Metern trennen wir uns. Der Tradition entsprechend nimmt man einen Stein aus der Werra mit und den will ich noch holen. Die zwei scheinen dieses Ritual nicht zu kennen und marschieren los. Am Ufer treffe ich zwei Frauen, die soeben auch einen Stein geholt haben und starten wollen. Es ist gar nicht so einfach, stelle ich fest und setzte den Rucksack ab, um mich möglichst gefahrlos bücken zu können. Schließlich will ich nicht gleich zu Beginn nasse Füße bekommen, zumal es gerade um die 13 Grad Celsius sind. Als ich alles habe und losmarschieren will, werfe ich beschwingt den Sack auf meinen Rücken. Da dieser nur acht bis neun Kilogramm wiegt, geht das recht gut, aber schon passiert es: Ein Träger bleibt an meiner Armbanduhr hängen und das Armband reißt ab. Na prima denke ich und stecke die Uhr einfach in die Hosentasche. Ich habe jetzt keinen Nerv, das Armband wieder an die Uhr zu fummeln, das kann ich später in Ruhe machen. Ich starte noch die App und laufe los, an einem unter Denkmalschutz stehendem Kirchlein vorbei und auf der anderen Seite in eine kleine Seitenstraße hinein, die nach wenigen Metern zum Feldweg wird.