Gute Töchter - Joyce Maynard - E-Book

Gute Töchter E-Book

Joyce Maynard

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12,99 €

Beschreibung

"Aber wir wollten mehr als seine kostbaren kleinen Mädchen sein. Wir wollten seine Helfer und Handlanger, seine Geheimwaffe sein. Wir lebten vielleicht nicht mehr mit ihm zusammen. Aber wir würden unersetzlich sein." "Wie fühlt es sich an, tot zu sein?" Rachel hält so lange wie möglich den Atem an, liegt neben ihrer elfjährigen Schwester auf dem Berghang und beobachtet, wie die Geier über ihnen Kreise ziehen - über dem Berghang, auf dem der Sunset Strangler mehrere Frauen umgebracht hat. Es ist eins der folgenschweren Spiele eines Sommers, in dem die Mädchen ihrem Dad, dem Detective, helfen und den Mörder stellen wollen - mit verhängnisvollem Ausgang. Jahre später will Rachel ihre Fehler wiedergutmachen. Aber statt die Schatten jenes Sommers zu beseitigen, verdunkelt sich ihre Welt, je mehr Licht sie in die Geschichten von einst bringt. "Spannend wie ein Thriller, aber mit zutiefst berührenden Emotionalität, die ein Echo im Herzen des Lesers hinterlässt." Booklist "Absorbierend und exquisit!" More Magazine

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Seitenzahl: 504

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Joyce Maynard

Gute Töchter

Roman

Aus dem Amerikanischen von Constanze Suhr

HarperCollins®

HarperCollins® Bücher

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2015 by HarperCollins

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

After Her

Copyright © 2013 by Joyce Maynard

erschienen bei: William Morrow

Published by arrangement with William Morrow,

an imprint of HarperCollins Publishers, LLC.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner GmbH, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Daniela Peter

Titelabbildung: by Thomas Szadziuk / Trevillion; HarperCollins

ISBN eBook 978-3-95967-985-5

www.harpercollins.de

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Für Laura Gaddini Xerogeanes und Janet Gaddini Cubley, genauso für Martha und für Dana. Es ist nicht ihre Geschichte, aber ihre Geschichte hat mich zu diesem Buch inspiriert.

Come a little closer huh …Close enough to look in my eyes, Sharona

(Komm ein bisschen näher, hmm …Damit du mir in die Augen sehen kannst, Sharona)

aus „My Sharona“ von Douglas Fieger und Berton Averre, Debüt-Single von The Knack, 1979

PROLOG

An einem Juniabend vor etwas mehr als dreißig Jahren, kurz vor Sonnenuntergang – ich war allein auf einem Berg in Marin County in Kalifornien –, kam ein Mann mit einer Pianosaite in den Händen auf mich zu, in der Absicht, meinem Leben ein Ende zu bereiten. Da hatte er bereits viele andere auf dem Gewissen. Ich war vierzehn. Nun weiß ich, wie es ist, jemandem in die Augen zu blicken und zu denken, dass sein Gesicht das Letzte ist, was ich noch zu sehen bekomme.

Ich habe es meiner Schwester zu verdanken, dass ich hier bin und berichten kann, was damals passiert ist. Zweimal hat sie mich gerettet. Leider konnte ich für sie nicht dasselbe tun.

Hier ist unsere Geschichte …

Dort am Berg, wo wir lebten und aufwuchsen, passierte nie etwas. Und wir hatten keinen Kabelanschluss. Immer hofften wir auf ein bisschen Aufregung, etwas Spannendes. Deshalb halfen meine Schwester und ich ein wenig nach. Was wir im Überfluss hatten, war Zeit.

Eines Tages wollten wir wissen, wie es sich anfühlte, tot zu sein.

„Wenn jemand tot ist, dann spürt er nichts mehr“, sagte meine Schwester Patty.

Ich hatte ein rotes Sweatshirt an. So ein Shirt mit einem Reißverschluss vorn, einer Kapuze und Seitentaschen für Kaugummis. Das breitete ich flach auf dem Hügel hinter unserem Haus aus. Als wäre es eine Person, die von einem Lkw platt gefahren worden war. Die Kapuze seitlich so weit herausgezogen, dass so viel wie möglich von dem roten Stoff zu sehen war. Wie eine Blutlache.

„Leg dich da hin“, sagte ich zu meiner Schwester und zeigte auf eine Stelle in der Mitte, wo sich der Reißverschluss befand.

Sie hätte sich weigern können, aber Patty tat fast immer, was ich ihr sagte. Wenn ihr etwas fraglich erschienen war, so behielt sie es für sich.

Ich legte mich neben sie. Ganz dicht, damit zu beiden Seiten von uns der rote Stoff zu sehen war.

„Und was jetzt?“

„Nicht bewegen. Pass auf, dass dein Brustkorb sich beim Atmen nicht so doll bewegt.“

Manche Leute hätten dafür eine Erklärung verlangt, nicht so Patty. Ich wollte, dass sie es allein herausfand, und das verstand sie.

Eine ganze Weile passierte gar nichts. Es war immer noch sehr heiß, aber wir blieben einfach dort liegen.

„Meine Nase juckt“, sagte sie.

„Vergiss es“, riet ich ihr. „Denk an was anderes. Irgendwas Interessantes.“

Was für mich damals Peter Frampton gewesen wäre oder die Jeans, die ich zwei Wochen zuvor im Einkaufszentrum gesehen hatte und die perfekt war, bis auf den Preis. Und die Notizbücher, die ich vollschrieb. In denen ich meine Geschichten ausbreitete, die ich dann meiner Schwester vorlas und von denen sie behauptete, sie wären besser als die von Nancy Drew.

Für Patty wäre es Larry Bird gewesen, wenn er gerade einen Hakenwurf machte. Oder irgendein Hund, den sie mochte. Was jeder auf dieser Welt existierende Vierbeiner hätte sein können.

„Siehst du diese Wolke da oben?“, wollte sie wissen. „Die sieht aus wie ein Dackel.“

„Pst! Sei ruhig!“, ermahnte ich sie.

Wer konnte sagen, wie viel Zeit vergangen war? Zehn Minuten? Vielleicht eine Stunde. Dann sah ich ihn: einen Geier, der über uns kreiste. Erst einer, dann zwei weitere. Sie flogen noch ziemlich weit oben, aber von ihrer Position her war klar, dass wir ihr Ziel darstellten. Sie kreisten direkt über dem Flecken Gras, auf dem wir lagen.

„Und was jetzt?“, fragte Patty.

„Leise!“

Noch zwei Vögel gesellten sich zu den anderen. Der Bogen, den sie flogen, wurde enger, so als kreisten sie ihr Ziel langsam ein. Auch kamen sie immer weiter herunter, immer näher auf uns zu.

„Was ist, wenn sie uns die Augen auspicken wollen?“

Ich antwortete nicht. Die Geier auf uns aufmerksam zu machen, das war der Sinn der Sache. Meine Schwester sollte das wissen, und eigentlich verstand sie das auch.

Die großen Vögel schwebten nun noch tiefer, als würden sie zum Sturzflug ansetzen, und kreischten fürchterlich. Sie hielten genau auf uns zu. Die Schreie galten nicht mir und Patty, sondern ihren Gefährten. Wahrscheinlich stritten sie sich darum, wer von ihnen unsere Augäpfel bekommen würde.

Dann ertönte ein besonders schriller Laut. Nicht von einem der Vögel, die uns am nächsten waren, sondern von einem, den wir noch gar nicht bemerkt hatten. Der aus weiter Entfernung schnell näher kam. Er segelte herunter, dann schoss er auf uns zu, Schnabel und Krallen voraus.

Ich musste meiner Schwester nicht sagen, was zu tun war. Kreischend sprangen wir auf und rannten den Berg hinunter zu unserem Haus. Ich hatte keine Zeit, mein Sweatshirt aufzuheben – doch später, als die Vögel wieder verschwunden waren, liefen wir zurück, um es zu holen, Hand in Hand und völlig außer Atem. Auf dem Berg konnten wir so laut schreien, wie wir wollten, und das fühlte sich gut an. Wir fanden immer wieder einen Grund, um zu schreien.

Später dann, als unser Atem wieder ruhiger ging, lagen wir in unserem Garten und ließen alles Revue passieren.

„Die Federn haben meinen Arm gestreift“, erklärte ich.

„Und ich habe den Wind an meinem Gesicht gefühlt, von den Flügeln“, behauptete Patty. „Wie heißen Atem.“

„Jetzt weißt du, wie es ist, wenn man tot ist“, sagte ich. „Oder vielleicht nicht ganz, aber kurz davor.“

So habe ich es in Erinnerung. Ich könnte mich auch täuschen. Als ich jung war, besaß ich eine unglaubliche Einbildungskraft. Ich war talentiert darin, mir Geschichten auszudenken. Und die waren so gut, dass ich sie manchmal sogar selbst glaubte.

Ich war immer auf der Suche nach einem aufregenden Abenteuer. Bis ich es fand.

MEINE SCHÖNE KLEINE, SCHÖNE KLEINE

1. KAPITEL

Die Stadt, in der meine Schwester und ich aufwuchsen, lag im Schatten des Mount Tamalpais, nicht weit von San Francisco entfernt. Die in die Jahre gekommene Siedlung an der Morning Glory Court, in der wir wohnten, war über eine Ausfahrt des Highway 101 zu erreichen, dreizehn Kilometer von der Golden Gate Bridge entfernt. Von unserem Ort aus fuhren Busse nach San Francisco – die Brücke markierte den Eingang in eine andere Welt. Aber wir wussten auch, dass die Leute dorthin fuhren, um hinunterzuspringen. Für uns hätte die Stadt genauso gut auch der Mond sein können.

Unser Vater war in der Stadt aufgewachsen – North Beach, da, wo die richtige rote Soße herkommt, wie er uns erklärte. Dorthin zogen die Hippies für den „Summer of Love“. Janis Joplin lief durch die Straßen des Viertels Haight, Kabelbahnen fuhren, und die verrückte Lombard Street schlängelte sich durch eine Reihe von hübschen pastellfarbenen Häusern im viktorianischen Stil. Wo eine andere Patty – Hearst – eines Tages, ein paar Jahre zuvor, als eine aus der Symbionese Liberation Army mit einem Karabiner in die Hibernia Bank marschierte.

Später kauften Rockstars nach und nach Häuser auf der unserer Siedlung gegenüberliegenden Seite des Highways. Aber in jenen Tagen war es noch kein angesagter Ort. Erst später begannen die Leute, hohe Mauern um ihre Grundstücke zu ziehen und Schilder aufzustellen, auf denen sie potenzielle Einbrecher auf ihre Sicherheitssysteme aufmerksam machten. Damals waren die Zeiten jedoch noch anders, die Leute vertrauten sich. Unsere Gärten gingen ineinander über, ohne trennende Büsche oder Zäune. Deshalb konnten Mädchen wie wir von einem Ende der Straße zum anderen rennen, ohne dass die Sohlen unserer Keds auch nur einmal den Asphalt berührten. Innerhalb der Nachbarschaft bewegten sich die Leute sorglos und entspannt, und nur wenige verschlossen ihre Türen.

Unser Haus, die Nummer 17, war das kleinste in der Straße – zwei winzige dunkle Schlafzimmer, ein Wohnzimmer mit heruntergezogener Decke und eine Küche, die von den Vorbesitzern mit grünen Formica-Oberflächen und dazu passenden avocadofarbenen Küchengeräten versehen worden war, die nie richtig funktionierten. Das Wohnzimmer hatten sie mit Holzpaneelen verkleidet. Wahrscheinlich, um dem Raum eine gemütliche Atmosphäre zu verleihen, was aber nicht funktioniert hatte.

Unsere Eltern hatten das Haus 1968 gekauft, als ich zwei Jahre alt gewesen war, kurz nach der Geburt meiner Schwester. Es war das beste, das sie sich mit dem Gehalt eines Polizisten hatten leisten können. Meine Mutter fand, dass Marin County für Kinder ein gutes Zuhause war, obwohl unser Vater zu dieser Zeit in der Stadt arbeitete – also in San Francisco. Er war damals Streifenpolizist, noch nicht bei der Mordkommission. Wie ich ihn einschätzte, gefiel es ihm sicher, zum Arbeiten so weit wegfahren zu müssen, über diese rote Brücke, die er liebte. Wahrscheinlich war es auch besser so – jedenfalls für einen Mann wie ihn –, eine Weile allein unterwegs zu sein und Leute zu retten, während wir drei zu Hause in diesem kleinen Bungalow untergebracht waren.

Heutzutage käme niemand auf die Idee, an einem Ort wie Marin County Häuser für Leute mit geringem Einkommen zu errichten. Das Grundstück, auf dem unsere Siedlung gebaut worden war, wäre inzwischen für 2000-Quadratmeter-Villen mit Swimmingpools und Gärten mit teuren Terrassenmöbeln vorgesehen. Dort stünden dann Garagen für drei Autos europäischer Produktion.

Aber wann auch immer diese Häuser an der Morning Glory Court gebaut worden waren (wahrscheinlich nach dem Krieg in den 40er-Jahren) – genauso wie die in den Nachbarstraßen (Bluebell, Honeysuckle, Daffodil und meine Favoritin – wahrscheinlich nach dem Namen der Frau des Unternehmers benannt – Muriel Lane) –, für die Nähe zur atemberaubenden Landschaft und den grandiosen Blick hatte man noch keinen Aufpreis verlangt. Damals war es möglich, mit so wenig Geld, wie es unserer Familie zur Verfügung stand, ein Haus zu finden, hinter dem sich einige Tausend Quadratmeter freies Land befanden. So wurde der gesamte Berg zu unserem Spielplatz. Für mich und meine Schwester.

Die ersten fünf Jahre ihres Lebens redete Patty kaum mit anderen, bei mir machte sie eine Ausnahme. Nicht, dass sie nicht sprechen konnte. Sie besaß einen ausreichenden Wortschatz und hatte keinen Sprachfehler. Und zu einer Menge Dinge bildete sie sich eine Meinung – nicht nur was Hunde und Basketball, sondern auch was rote Lebensmittel (um ihre Abneigungen zu nennen), wenn es sich nicht gerade um die Marinarasoße handelte, Klamotten, deren eingenähte Etiketten kratzten, und Kleider anging. Sie entwickelte früh einen herzhaften Humor, vor allem wenn es um Körperteile ging oder alles, was man im Badezimmer tat. Mit einem Rülpser konnte sie jeder zum Lachen bringen. Bei einem Furz – vor allem wenn er von einer fein gemachten Dame oder einem Herrn in Anzug kam – konnte sie sich überhaupt nicht mehr halten.

Aber wenn ihr jemand eine Frage stellte, und das betraf auch andere Kinder – außer meiner Wenigkeit –, die Kindergärtnerin oder unsere Eltern, sagte sie gar nichts. Es sei denn, ich war zur Stelle. In diesem Fall flüsterte sie mir ihre Antwort ins Ohr und überließ es mir, es der Außenwelt mitzuteilen, der Welt außerhalb der Einheit, die wir beide bildeten. In meinem Alter damals wusste ich lange nicht, dass andere fünfjährige Mädchen eine Menge zu sagen hatten. Es kam mir nicht in den Sinn, dass es bei anderen kleinen Schwestern anders sein könnte.

Wenn wir unsere Mutter zur Bank begleiteten und der Kassierer fragte, welchen Lutscher sie am liebsten mochte, flüsterte Patty mir ihre Wahl ins Ohr, und ich redete für sie. Grün. Sie achtete nicht darauf, wenn die anderen Kinder sie wegen ihres Überbisses Hasenzahn nannten. Wenn ein Junge in unserer Straße sich vor sie stellte und ihr Spielzeug forderte, gab sie es ihm, ohne zu protestieren. Aber wenn einer dieser Jungen mich hänselte (weil ich aus meinen Klamotten rausgewachsen war oder kein großes Talent bei den gelegentlich stattfindenden Ballspielen in der Nachbarschaft zeigte), ließ sie diesen Übeltäter mit ihren von unserem Vater erlernten Jiu-Jitsu-Griffen Bekanntschaft machen. Einmal, als ein Junge sich bei einem Puppentheater in der Bibliothek, zu dem unsere Mutter uns mitgenommen hatte, auf den Platz setzte, der für mich reserviert war, rammte sie ihm den Ellbogen in den Magen und versetzte ihm einen ordentlichen Tritt, bevor sie mich großartig auf den Sitz neben sich zog. Und das alles, ohne ein Wort zu verlieren.

Die anderen hätten annehmen können, dass sie schüchtern wäre. Aber wenn wir uns in unserem Zimmer aufhielten, kam Pattys wirkliche Natur zum Vorschein – ein Geheimnis, das sich nur mir offenbarte. Dann vollführte sie ihren Panty-Dance und imitierte unsere Lehrerin Mrs Eggert, wie sie unsere Klasse auf die Untersuchung unserer Schulkrankenschwester vorbereitete, als bei uns die Ringelflechte ausgebrochen war. Oder sie gab ihr besonders beliebtes Schauspiel als Hundewelpe, auf alle viere gestützt, die Zunge heraushängend und mit wackelndem Hinterteil, als würde sie mit einem imaginären Schwanz wedeln.

Meine Schwester konnte richtig wild sein, sie sprang von der oberen Koje unseres Etagenbetts auf einen Haufen Kissen, den sie dort postiert hatte, der aber für die harte Landung offensichtlich nicht ausreichend gewesen war. Ich sah ihr Gesicht, als sie auf dem Boden aufkam, und wusste, dass es wehgetan haben musste, aber sie war nicht der Typ, der weinte.

Manchmal, wenn ich für Patty sprach, ging es um nichts anderes, als dass sie Senf auf ihr Sandwich wollte oder welche Sorte Eiskrem sie gern hätte. Sie offenbarte mir ihre Wünsche mit diesem erstaunlich heiseren Flüstern, so leise, dass ich sie kaum verstehen konnte. Dann gab ich ihren Worten eine Stimme.

„Patty interessiert sich nicht so besonders für Puppen“, sagte ich meiner Mutter, nachdem Patty ihr Weihnachtsgeschenk, eine „Tiny Tears“ mit Babyausstattung, ausgepackt hatte. „Sie meint, die hier ist wirklich süß und würde mir bestimmt gefallen. Aber eigentlich wünscht sie sich einen Basketball oder ein Ferkel.“

Was sie sich wirklich wünschte, war natürlich ein Hund. Aber ein Haustier erlaubte unsere Mutter nicht.

Interessant war jedoch: So wenig Patty in diesen Tagen auch sagte und so zurückhaltend sie auch später blieb, sie hatte eine verblüffende Stimme. Nicht hoch und schrill wie manche kleine Mädchen, sondern überraschend tief und volltönend. Und sie war weithin zu hören. Manchmal sagte unsere Mutter, wenn wir mit den Rädern unterwegs waren und wieder mal eine unserer Diskussionen auf der Heimfahrt hatten, dass sie Patty schon fünf Minuten vor unserem Eintreffen gehört hätte. Laut unseren Eltern war sie damit sogar schon als Baby aufgefallen.

„Rachel klingt wie ein ganz normales Kind“, sagte unser Vater über mich. „Aber wenn Patty schreit, kann man es wahrscheinlich bis nach Eureka hören. Es ist wirklich ein Wunder, dass meine Trommelfelle noch nicht geplatzt sind.“

Ich habe kein Bild aus meiner Kindheit (damit meine ich in meiner Erinnerung, kein Fotoalbum, das meine Mutter nie geschafft hatte anzulegen), in dem nicht auch Patty anwesend ist. Fast immer, wenn ich uns beide in Gedanken vor mir sehe, haben wir uns umarmt. Ihr Kopf liegt auf meiner Schulter oder (weil sie so schnell so groß wurde) mein Kopf auf ihrer. In meinen Bildern, die sie nach dem sechsten oder siebten Lebensjahr zeigen, hat Patty garantiert den Mund geschlossen. Aber während ich eher ein besorgtes Gesicht machte, war meine Schwester immer am Grinsen.

Den Ausdruck „Depression“ benutzte man damals noch nicht so häufig, doch ich denke, wir beide spürten schon sehr früh, dass unsere Mutter sehr fragil war – dass sie nicht sehr belastbar war und sich mit bestimmten Dingen nicht auseinandersetzen konnte. Das war die Zeit, als unser Vater ein Abendstudium absolvierte, um seinen Master zu machen, der es ihm ermöglichte, den Rang eines Detectives zu erreichen. Von Anfang an, seit er bei der Polizei begonnen hatte, war es sein Ziel gewesen, bei der Mordkommission zu arbeiten. Strafzettel auszustellen, kleine Delikte oder Diebstähle aufzuklären interessierte ihn nicht. Vielleicht hatte er ein paar Kriminalkommissare in Filmen gesehen – William Holden, Humphrey Bogart, Robert Mitchum – und Gefallen an diesem Bild gefunden. Das würde zu ihm passen: sich an der Rolle eines Filmhelden zu orientieren, nur eben im richtigen Leben.

Deshalb arbeitete er doppelt hart – tagsüber in San Francisco, abends an der Uni –, während unsere Mutter mit Patty und mir zu Hause blieb. Keine Frage, dass diese Tage hart für ihn gewesen waren, aber auch aufregend. Er studierte Psychologie und Forensik, und unsere Mutter kümmerte sich um die beiden kleinen Kinder. Wie ich meinen Vater einschätzte, war er sicher nicht immer gleich nach dem Abendkurs nach Hause gekommen. Wahrscheinlich gab es ein paar Studentinnen in der Polizeiakademie, ganz sicher aber die ein oder andere hübsche Kellnerin in den Clubs, die er nach seinen Kursen besuchte.

„Euer Vater hat schon immer gern Frauen glücklich gemacht“, hatte meine Mutter mir einmal erklärt, und als sie das sagte, hatte in ihrer Stimme keine besondere Schärfe gelegen, nur müde Resignation. Es war die Feststellung einer Tatsache, und ich wusste es sowieso. Vielleicht, so stellte ich mir vor, hatte er auf eine merkwürdige Art das Gefühl, er müsse das Glück multiplizieren. Und viele Frauen daran teilhaben lassen (jedenfalls für eine Weile).

Das Problem zwischen unseren Eltern lag womöglich darin, dass unsere Mutter unter all den Frauen die einzige zu sein schien, die sich gegen die Charme-Offensiven unseres Vaters immun zeigte. Einem Mann, der es gewohnt war, die weibliche Bevölkerung der gesamten San Francisco Bay Area zu bezaubern, musste das den Wind aus den Segeln genommen haben. Zunächst einmal war unsere Mutter schlauer als die meisten anderen. Sie blieb kühl und widerstand der Verführung durch Schmeichelei. Was sie liebte, war Ehrlichkeit. Süßholzraspeln führte denjenigen, der einen Betrug begangen hatte, nirgendwohin. So nach dem Motto: Lüg sie einmal an, und du hast verspielt.

Eine Szene aus meiner frühen Kindheit habe ich noch genau vor Augen: Mein Vater, wie er von der Arbeit nach Hause kommt, meine Mutter in den Arm nimmt und sie in der Küche herumwirbelt. Wie er ihr die Schürze abbindet, die Hände um ihre Taille legt und sie leidenschaftlich auf den Mund küsst (Ist das wirklich meine Erinnerung? Oder habe ich mir das in reinem Wunschdenken, dass es so gewesen ist, nur vorgestellt?). Er zog sie ganz eng an sich.

„Nettes Parfüm“, sagte sie und machte sich von ihm los. „Neue Sorte?“

Dabei schaute sie ihn kaum an und band sich die Schürze mit diesem müden, überdrüssigen Blick wieder um, so als wollte sie sagen: Gib dir keine Mühe.

Und nach einer Weile tat er das auch nicht mehr.

2. KAPITEL

Während seiner Zeit als Streifenpolizist hatte sich unser Vater ein paar Medaillen verdient. Aber es war der Job als Kriminalbeamter, den er wirklich liebte. Es hat alles mit Psychologie zu tun, erzählte er uns. Den Charakter einer Person erkennen. Das hatte sein Vater ebenfalls getan, damals in North Beach, während er Haare geschnitten und sich die Geschichten seiner Kunden angehört hatte. Es bestand also kein großer Unterschied zu dem, was unser Vater tat, wenn er die Tatverdächtigen in den Verhörraum brachte, um ihnen ein Geständnis zu entlocken.

Zuerst musst du verstehen, wie diese Person tickt. Dann gräbst du tiefer, so wie ein Uhrmacher sich das Uhrwerk genauer ansieht.

Von den Detectives der Marin-Mordkommission – und darüber hinaus in der ganzen San Francisco Bay Area, wahrscheinlich sogar in einem noch weiteren Radius – konnte Anthony Torricelli einen Täter am besten zum Reden bringen. „Seine eigene Mutter könnte ein Geheimnis haben, von dem sie schwört, dass sie es mit ins Grab nimmt“, erklärte sein Freund Sal mir einmal. „Aber zehn Minuten im Verhörraum mit Tony, und sie beginnt in ihr Taschentuch zu schluchzen und zu gestehen, dass sie Sex mit dem Milchmann hatte. So gut ist er.“

Nicht nur einfach gut. Er war der Beste.

Eine der Fähigkeiten, die eine Person besitzen müsse, um ein Einsa-Kommissar oder eine Eins-a-Kommissarin zu werden, erklärte unser Vater (Kommissar oder Kommissarin, sagte er, das war typisch für ihn), sei eine sehr gute Beobachtungsgabe. Du musst wissen, welche Fragen zu stellen sind und wie du richtig zuhörst, wenn die Antworten kommen. Du musst merken, ob dir derjenige, mit dem du sprichst, eine Lüge auftischt, und in der Lage sein, zwischen den Zeilen zu lesen.

Aber vor allem musst du auf alle Signale achten, die er neben dem Gesagten noch aussendet (er oder sie; Frauen konnten schließlich auch kriminell werden, genauso wie sie zum Objekt der Begierde gemacht wurden).

Es sei wichtig, die Körpersprache der jeweiligen Personen zu beobachten. Können sie dir in die Augen blicken, wenn sie dir erklären, wo sie letzte Nacht gewesen sind? Was bedeutete es, wenn sie die Hand in die Hüfte gestemmt hatten, wenn sie ständig die Beine übereinanderschlugen und unruhig auf ihrem Stuhl hin und her rutschten? Zupften sie sich am Ärmel, wenn sie behaupteten, noch nie von einem Typ namens Joe Palooka gehört zu haben, der unten am Hunters Point Crack verkaufte? Warum waren deren Fingernägel bis zur Haut oder noch schlimmer abgeknabbert? Die Witwe Jones trug vielleicht Schwarz, aber warum hatte sie drei Tage nach der Trauerfeier einen Knutschfleck am Hals?

(Von dieser letzten Beobachtung hätten meine Schwester und ich natürlich niemals durch unseren Vater erfahren. Das hatte ich aufgeschnappt, als er Sals Haare schnitt und seinem Freund dabei berichtete, wie er diesen Fall gelöst hatte. Die Frau eines Bankers hatte ihren Lover dazu gebracht, ihren Ehemann zu erledigen, damit sie die Kohle aus seiner Lebensversicherung kassieren konnte. Was unser Vater in unserer Gegenwart allerdings manchmal vergaß, war, dass mindestens eine seiner Töchter ebenfalls die Eigenschaften eines guten Detectives geerbt hatte. Merke: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm! Meine Ohren waren jedenfalls ständig gespitzt.)

Unser Vater zeigte sich immer aufmerksam, auch wenn er sich nicht im Dienst befand, sollte er jemals nicht im Dienst gewesen sein, was ich bezweifle. Die meiste Aufmerksamkeit schenkte er den Frauen. Aber nicht so, wie einige Männer es taten, indem sie einer Frau auf die Brüste starrten oder grinsend ihr Hinterteil begutachteten. Er hörte immer auf das, was eine Frau ihm zu sagen hatte, und schien es wirklich ernst zu nehmen. Er mochte sie zwar gern nackt sehen, aber genauso gern massierte er ihr die Füße oder strich ihr über die Innenseite ihres Handgelenks. Er erkundigte sich nach ihren Kindern, wenn sie welche hatte, ließ sie aber auch deutlich spüren, dass Frauen in seinen Augen nie einfach nur eine Mutter waren. Sie hätte achtzig sein können, und er hätte immer noch das Mädchen in ihr entdeckt. Ich bin mir nicht sicher, ob er jemals einer Frau begegnet war, bei der er sich nicht vorgestellt hatte, wie es mit ihr im Bett wäre.

Einmal waren wir in einem 24-Stunden-Supermarkt. Zigaretten kaufen, seine üblichen Lucky Strikes.

„Nicht bewegen!“, sagte mein Vater zu der Verkäuferin hinter dem Ladentisch. Darin klang eine solche Dringlichkeit mit, dass sie wahrscheinlich im ersten Moment an einen Überfall dachte.

Er beugte sich über den Ladentisch und streckte die Finger aus, um ihr ins Haar zu fassen. Als er die Hand wieder zurückzog, hielt er einen Ohrring in der Hand. Ein so winziges Ding, dass es erstaunlich war, wie er das überhaupt gesehen hatte.

„Der Verschluss muss abgefallen sein“, erklärte er. „Ich wollte verhindern, dass Sie den Ohrring verlieren.“

Verblüfft sah sie ihn an, das winzige goldene Kreuz in der Hand, und fasste sich ans nackte Ohrläppchen.

„Erwarte nur nicht, so einen Mann zu finden, wenn du anfängst, dich mit Jungen zu treffen“, sagte mal eine Kellnerin zu mir, als er uns zu Marin Joe’s ausgeführt hatte – eine unserer lieb gewonnenen Traditionen. „Denn es gibt nicht viele, die so sind wie er.“

Unsere Mutter hätte wahrscheinlich gesagt, das wäre auch sehr gut so.

Anthony Torricelli war der geborene Coiffeur, genauso wie sein Vater, und er liebte es, uns die Haare zu bürsten. Er konnte Haare schneiden wie ein Profi – dabei benutzte er die Schere seines Vaters.

„Manchmal denke ich, ich hätte Friseur werden sollen“, sagte er – dabei hätte er das niemals als Beruf ausüben wollen. „Es gibt Schlimmeres für einen Mann, als täglich das Haar einer Frau zu berühren, statt irgendwelchen idiotischen Trotteln hinterherzujagen.“

Zuerst kam das Shampoo ins Waschbecken. Dann testete er die Temperatur des Wassers mit den Handgelenken, bevor er es uns über den Kopf goss. Wenn er uns die Haare einschäumte, war es mehr wie eine Massage. Er benutzte eine spezielle Marke, mit Pfefferminz, von der unsere Kopfhaut prickelte. Mein Leben lang habe ich nach diesem Shampoo gesucht.

Er legte eine Schallplatte auf. Dean Martin wahrscheinlich. Oder auch Tony Bennett oder Frank Sinatra. Und dann sang er mit, aber nur wenn er nicht am Schneiden war, wobei er sich vollauf konzentrieren musste. Und eine ruhige Hand brauchte.

Manchmal stellte er auch einen Stuhl in den Garten. Als wir noch klein gewesen waren, trug er diejenige, die er an diesem Tag frisierte, mit einem Handtuch um die Schultern nach draußen. Wenn er sich zurücklehnte, um uns zu betrachten, wirkte er wie ein Künstler, und wir waren seine Kunstwerke. Dann begann er zu schneiden.

Er konnte singen wie Dean Martin, zumindest in meinen Ohren, und er kannte alle Texte auswendig, auch die italienischen.

Es gab etwas, das er für uns getan hatte, ein kleines Kunststück, das kein anderer Mensch, den ich jemals getroffen hatte, nachmachen konnte. Etwas so Merkwürdiges und Erstaunliches – allein es nur zu beschreiben ist schwierig.

Wenn wir neben ihm auf der Couch saßen, entweder ich oder meine Schwester – vielleicht hatte er es auch mal für unsere Mutter getan, aber wenn, musste das lange her gewesen sein –, dann riss er uns manchmal plötzlich ein einzelnes Kopfhaar aus. So blitzschnell, dass es nicht wehtat. Meine Schwester und ich ließen unser Haar von klein auf wachsen. Also hatte er viel Material. Und es war schwarz wie seins.

Wir wussten nie, wann er das machen würde. Wir saßen da und sahen fern oder lasen. Dann spürten wir ein kurzes Reißen am Kopf, nicht stärker als ein kleines Piken. Wir drehten uns zu ihm um, und er zwirbelte das Haar zwischen seinen Fingern. Die bewegten sich so schnell, dass ich nie mitbekam, was er eigentlich tat. Aber nach ein paar Minuten nahm er unseren Arm und setzte uns seine Kreation, die aussah wie eine Spinne, auf die Haut – die genauso dunkel getönt war wie seine. Eine Spinne aus unserem Haar.

Es hatte keinen Sinn, darum zu bitten. Monate konnten vergehen, in denen er nie eine für uns bastelte. Dann auf einmal tat er es. Die Dinger waren so winzig und fein, es war unmöglich, eins aufzuheben. Schon ein Atemzug konnte es fortwehen.

Das erste Mal, als er eine Spinne gebastelt hatte und ich sie verlor, heulte ich. „Keine Sorge, Kleines“, sagte er dann. „Es wird in Zukunft noch viele davon geben.“ Überraschend lange hatte ich angenommen, dass es mein ganzes Leben so sein würde – Männer würden etwas für mich zaubern –, und für längere Zeit dachte ich, so müsste es sein, obwohl es dann doch nicht so war.

Jahre später, als ich über zwanzig war und einen Mann kennenlernte, von dem ich kurze Zeit glaubte, dass ich ihn heiraten wollte, fragte ich diesen, ob er Spinnen kreieren könne.

„Spinnen?“, fragte er. Er wusste nicht, was ich meinte.

„Na, aus meinem Haar.“ Für eine ganze Weile glaubte ich, das würde ein Mann für eine Frau tun, die er liebte. Seine Töchter, seine Freundin oder seine Frau.

Aber es war nur unser Vater, der so etwas machte. Der einzige Mensch, der das tat. Wahrscheinlich der einzige in der gesamten Weltgeschichte.

Patty und ich beteten unseren Vater an, ganz einfach. So jung wir damals auch waren, er brachte uns das Ringen bei und ein paar Selbstverteidigungsgriffe. Um uns vor unerwünschten Annäherungen von Jungen zu schützen, die uns wahrscheinlich, ohne müde zu werden, unser ganzes Leben lang verfolgen würden. Er bereitete uns ebenso Schaumbäder vor und zündete Kerzen für uns an, bevor wir in die Wanne stiegen. Er legte Sinatra auf und brachte uns das Tanzen bei, indem wir in Strümpfen auf seinen glänzenden schwarzen Schuhen standen.

Wenn eine Frau den richtigen Tanzpartner habe, sagte er, solle sie die Augen schließen und sich von ihm überallhin führen lassen können. Aber haltet euch fern von Männern mit einem schlaffen Handgriff. Ihr solltet einen ausreichenden Druck an eurem Rücken spüren, wenn er führt, ebenso an eurer Hand, wenn er seine beim Führen dagegenpresst. Es ist okay, wenn er an eurem Haar schnuppert – ihr wollt ja einen sinnlichen Mann –, aber nicht, dass er euch die Hand auf den Po legt. Und wenn er euch nach dem Tanz nicht wieder an euren Tisch zurückbringt, dann hat er das letzte Mal mit euch getanzt. Andererseits, wie könnte ein Mann jemals aufhören wollen, mit einem Torricelli-Mädchen zu tanzen?

Lasst niemals zu, dass euch ein Partner nicht respektiert, sagte er. Ihr verdient einen Mann, der euch wie eine Königin behandelt.

Wir waren noch nicht sechs beziehungsweise acht, als er uns diese Sachen erzählt hatte. Was wussten wir denn damals schon von Liebe und Romantik oder von Grausamkeit und Ablehnung? Wir lauschten seinen Worten trotzdem, um sie für später zu speichern.

Er schimpfte nie mit uns. Das war auch nicht nötig. Wenn eine von uns etwas anstellte, was sie nicht tun sollte, genügte schon ein Blick von ihm, um unser Tun zu beenden.

Er arbeitete oft bis spätabends. Aber wenn er rechtzeitig nach Hause kam, kochte er für uns. Knoblauch gehörte immer dazu – mit seinen großen schönen Händen zerkleinerte er die Zehen und briet sie in Olivenöl an. Er bereitete seine Soße immer selbst zu, die Nudeln ebenso. Sie hingen wie Wäsche zum Trocknen überall in der Küche. Dazu gab es Fleischklöße nach dem Rezept seines Vaters. Er behauptete, Italienisch sprechen zu können, und stieß manchmal beim Kochen eine Salve fremd klingender Worte aus. Aber irgendwann bemerkten wir dann, dass es eine reine Fantasiesprache war.

Nach dem Essen, wenn er gähnen musste, streckte er die Arme weit von sich, riss den Mund auf und stieß einen undefinierbaren Laut aus. Wir kuschelten uns beim Fernsehen – „Detective Rockford“, seine Lieblingsserie – auf der Couch mit ihm zusammen, und er massierte uns die Füße. Wenn wir müde wurden, trug er uns zu unserem Bett, auf jedem starken Arm eine, dann setzte er sich im Dunklen zu uns und sang für uns.

Unsere Mutter blieb meist zu Hause. Aber an seinen freien Tagen kletterten Patty und ich in sein Auto (Viersitzer, bevor er seinen Alfa Romeo bekam), beide zusammen auf dem Beifahrersitz, und brausten mit ihm über die kurvenreichsten Straßen. Er nahm die Biegungen wie ein Rennfahrer, was mich immer wünschen ließ, selbst einer zu werden.

„Verratet das nicht eurer Mutter“, sagte er – sein üblicher Spruch –, wenn der Tacho 120 anzeigte. Das taten wir natürlich auch nie.

Einmal nahm er uns zu einem Spiel der Giants ins Stadion Candlestick Park mit. „Dieser Typ dort auf der ersten Base“, sagte er. „Die Nummer vierundvierzig. Seht ihn euch gut an. Später könnt ihr immer sagen, ihr hättet Willie McCovey spielen sehen.“

Einmal standen wir mit unserem Vater in der Schlange im Supermarkt, als ein Mann vor uns seine Frau oder vielleicht auch Freundin anfuhr. „Halt den Mund, wenn du weißt, was gut für dich ist!“

Unser Vater stellte sich direkt vor ihn. „Fühlen Sie sich jetzt wie Superman, wenn Sie eine Frau auf die Art schikanieren?“, sagte er.

„Hört mir gut zu, Mädchen“, sagte er danach auf dem Parkplatz zu uns. „Ich würde normalerweise nicht solche Ausdrücke verwenden, aber eins muss klar sein: Lasst euch niemals so von irgendeinem Arschloch behandeln. Ein einziger Vorfall wie dieser, und ihr verabschiedet euch.“

Er fuhr mit uns in der Kabelbahn und lud uns zum Dinner in ein richtiges Restaurant ein, kein McDonald’s oder Chuck E. Cheese’s. Er brachte uns Gardenien oder eine Singleschallplatte mit, von der er glaubte, dass sie uns gefallen könnte. Oder einen Ring mit unserem Geburtsstein. Einmal hatte er uns zu einer Doppelvorstellung seiner liebsten James-Bond-Filme mitgenommen – „Feuerball“ und „Goldfinger“. Das sollte eigentlich ein Geheimnis bleiben. Aber als Patty nach Hause kam, sagte sie zu unserer Mutter, sie wolle eine Katze haben und sie Pussy Galore nennen.

Für kurze Zeit war unsere Mutter die Angebetete unseres Vaters gewesen. Doch seine Gefühle änderten sich bald, während ihre die gleichen blieben. Schwer zu sagen, wer von den beiden den anderen zuerst aufgab, aber irgendwann passierte das. Und nachdem das geschehen war, schien es für beide keinen Weg zurück zu geben. Unsere Mutter musste gesehen haben, wie er ihr entglitt – wie ein Stück von einem Gletscher, das abbricht und ins Meer stürzt, um einen ganz neuen Kontinent zu bilden –, und sie konnte nichts weiter tun, als dazustehen und zu beobachten, wie er verschwand.

Unser Vater zog aus, als ich acht war, Patty sechs. Danach lebte er in einem Apartment in der Stadt, mit einem Klappbett für Patty und mich, wenn wir ihn mal besuchten, was wir sehr selten schafften. Wir blieben weiterhin in unserer Nummer 17 mit den kleinen dunklen Zimmern und den dünnen Wänden, durch die wir alles im Nebenraum hörten und wo es unmöglich war, ein Geheimnis zu wahren. Aufgrund der dünnen Wände erfuhr ich den Grund für den Auszug meines Vaters. Natürlich eine Frau. Margaret Ann.

3. KAPITEL

In den frühen Jahren, als unser Vater noch bei uns wohnte, gab es eine feste Zeit für das Abendessen. Die wundervollen Düfte der Gerichte, die unser Vater kochte, erfüllten das Haus: Zwiebeln und Oregano schmorten in der Tomatensoße und natürlich Knoblauch. Beim Essen standen Rotwein und Kerzen auf dem Tisch, auch an den Wochentagen. Im Hintergrund lief immer leise Musik.

Unsere Mutter versuchte eine ganze Weile nach seinem Auszug zu kochen, aber das gab sie bald wieder auf. Damit war es uns überlassen, Tiefgefrorenes oder Dosensuppen aufzuwärmen. Die guten Abende waren die, an denen unser Vater uns zu unserem Lieblingsrestaurant ausführte, Marin Joe’s. Dort hatten wir unsere spezielle Nische, und die Kellnerinnen wussten schon, was sie uns bringen sollten: einen Teller Spaghetti mit Marinarasoße, Knoblauchbrot und Tiramisu.

Bei uns in der Morning Glory Court war das Geld immer knapp. Wir gewöhnten uns daran, dass es zu Hause keinen Fernseher mehr gab. Wir besaßen zwar eine alte Flimmerkiste von Zenith, aber die diente nur noch als Blumenhocker und Ablage für einen Stapel von Büchern, die unsere Mutter von der Bibliothek mitbrachte, außerdem für sämtliche Rechnungen, die ins Haus flatterten und liegen blieben, meist ungeöffnet. Bis dann die nächsten eintrafen, mit einer noch höheren Summe und der Warnung: Letzte Mahnung!

In den ersten Tagen nachdem unser Kabelanschluss gekappt worden war, hatte meine Schwester ein Bild gemalt, genau in der Größe des Fernsehschirms, das sie dann daraufklebte. Das zeigte eine Person, die ein Nachrichtensprecher hätte sein können und aus deren Mund eine Sprechblase mit den Worten „Traggische Neuigkeiten!“ (Pattys Art zu schreiben) kam. Und: „Die Torricelli-Mädchen können ihre Lieblingsserie nicht mehr sehen! Gemeine Mutter meint, gebraucht eure Fanntasie!“ Später war Pattys Zeichnung kaum noch zu erkennen, da sich die Blätter des Philodendron über die ganze Front ausbreiteten, um sich Richtung Boden zu schlängeln.

Die Vorstellung eines Lebens ohne Fernseher war zunächst schrecklich. Doch tatsächlich ersetzten wir diesen Verlust durch etwas Besseres. Wir entwickelten das Ritual des „Freiluftfernsehens“, um unsere Serien ansehen zu können. Wenn es dunkel wurde – was im Herbst und Frühling früher war, im Sommer später, zogen wir durch die Gärten der Häuser in der Morning Glory Court, bis wir einen Platz an irgendeinem Fenster fanden, von dem aus wir den Bildschirm eines angeschalteten Fernsehers überblicken konnten. Dieser Teil war nie schwierig. Alle Häuser in der Siedlung besaßen ein identisches Panoramafenster mit Blick auf den Berg, und fast alle Bewohner hatten ihren Fernseher in diesem Raum aufgestellt. Wir mussten nur jemanden finden, der eine für uns interessante Sendung eingeschaltet hatte, uns davorhocken und auf den Bildschirm sehen.

Meist nahmen wir im Garten unserer älteren Nachbarn Helen und Tubby Position. Deren Fernsehgewohnheiten waren nicht unbedingt immer nach unserem Geschmack, aber sie besaßen von allen den größten Apparat, was es uns einfacher machte, die Gesichter auf dem Bildschirm zu erkennen.

Wir legten uns auf eine Decke – die wir früher für Picknicks benutzt hatten, in den Zeiten, als unsere Eltern noch zusammen gewesen waren und wir die Sonntage mit ihnen im Golden Gate Park verbracht hatten. (Vielleicht hatten wir das ja auch nur einmal getan, aber daran erinnerten wir uns.)

Wenn die Abende kühl waren, wie es um diese Zeit oft vorkam, kuschelten wir uns dicht zusammen und wickelten uns in die Decke. Fanden wir Salzgebäck in unserem Haus oder diese kleinen Packungen mit Austerncrackern, die Leute in ihre Suppe taten (obwohl sie für unsere Mutter manchmal als Frühstück dienten), brachten wir das mit, um es währenddessen zu knabbern.

„Charlie’s Angels“ war unsere Lieblingsserie, aber Tubby und Helen schalteten diese selten ein. Nachdem Tubby gestorben war, schien Helen sich hauptsächlich für „Unsere kleine Farm“ zu begeistern – eine Serie, die uns auf die Nerven ging. Aber sie schaltete auch die Wiederholungen von „Drei Mädchen und drei Jungen“ ein. Jeden Abend um acht Uhr lief die Show, und wir waren hinten im Garten mit Blick zum Berg zur Stelle und warteten.

Zwar mussten wir uns anstrengen, um von draußen die Gesichter auf dem Bildschirm zu erkennen. Aber wir kannten die Charaktere bereits alle sehr gut, sodass es nicht so wichtig war. Da erschienen sie, die neun strahlenden Gesichter von Mike und Carol Brady, ihren sechs Kindern und der Haushälterin. Alle einzeln in einem der Rahmen, die im Schachbrettmuster den Bildschirm von Helens TV füllten. Den Ton hörten wir natürlich nicht, aber wir bekamen eine ungefähre Vorstellung vom Ablauf und dachten uns den Rest aus.

„Ich glaube, Cindy hat irgendwie Ärger“, sagte ich während einer Szene zu Patty. Keinen großen Ärger. Wir wussten ja, dass sich das Problem lösen würde. In unserer Version, in der wir die Dialoge zu den über den Bildschirm in Helens Wohnzimmer flackernden Bildern selbst lieferten, erklärte Mike seiner Frau Carol, dass er sie verlassen und mit der Haushälterin Alice losziehen würde (das war so unglaubwürdig wie ulkig). Oder eines der Kinder brauchte eine Nierentransplantation, und sie mussten herausfinden, welches der Geschwister das passende Organ besaß (glücklicherweise gab es da viel Auswahl). Ich dachte mir eine Version der Story aus, in der Marcia schwanger wurde und einer von Mikes Söhnen der Vater war. Kein Blutsverwandter, sodass zumindest nicht die Gefahr eines missgebildeten Babys bestand.

Irgendwie bekamen die Shows auf unsere Art angesehen und ohne die eigentlich unnötigen Dialoge einen gewissen Unterhaltungswert, den die tatsächlichen Filme – die Helen gemütlich von ihrem blauen Fernsehsessel aus verfolgte – nicht besaßen. Da draußen machten Patty und ich uns praktisch vor Lachen in die Hosen, während Helen im Wohnzimmer drinnen irgendeinen Pullover strickte und ab und zu einen Schluck aus ihrer Tasse nippte.

Was war da überhaupt drin?

„Ich könnte wetten, dass sie Trinkerin ist“, sagte ich zu Patty. „Sie gießt sich den Whisky in ihre Tasse, sodass keiner was merkt.“

„Sie braucht doch in ihrem eigenen Wohnzimmer nicht heimlich zu trinken“, widersprach Patty. „Dass wir sie durchs Fenster beobachten, weiß sie ja nicht.“

„Was, denkst du denn, passiert gerade?“

„Vielleicht haben die Bradys einen Hund bekommen“, schlug Patty vor. Sie gab sich immer Mühe, ein paar interessante Beiträge zu unseren Unterhaltungen beizusteuern, aber manchmal fehlte es ihr an ausreichender Fantasie. Ein Thema, das sie aber fortdauernd im Kopf hatte, waren eben Hunde.

„Und dann was?“, hakte ich nach.

„Sie haben ihn Skipper genannt.“

Manchmal betrafen die Geschichten, die ich mir ausdachte, eher die Leute in dem jeweiligen Wohnzimmer, in das wir lugten, als die Charaktere auf den Fernsehbildschirmen.

„Vielleicht schleicht sich Helen in die Häuser von anderen Leuten, wenn die nicht zu Hause sind, und klaut ihnen Schmuck und Geld“, fantasierte ich. „Dann hat Tubby es womöglich herausgefunden, und sie hat ihn umgebracht. Jetzt hat sie die Leiche im Keller versteckt. Deshalb brennt sie immer diese Vanilleduftkerzen ab. Damit es nicht so riecht.

Sie hatte genug davon, ihm immer Essen zu kochen, deshalb hat sie ihn erledigt“, fuhr ich fort. „Außerdem wollte er ständig Sex.“

Tatsächlich musste Helens Mann Tubby jahrelang bis zu seinem Tod an einer Alterskrankheit gelitten haben, wie meine Schwester es ausdrückte. Solange wir uns erinnern konnten, hatte er immer in seinem Sessel gesessen. Aber die Vorstellung, dass irgendjemand Sex mit Helen haben wollte, war einfach zu komisch. Die Vorstellung von Sex war generell komisch. Punkt. Komisch und fürchterlich aufregend.

Nachdem unser Vater ausgezogen war, gefiel es uns draußen besser als im Haus. Drinnen konnten Sachen kaputtgehen, die Möglichkeiten waren eingeschränkt. Jeden Monat schienen wir von allem noch weniger als vorher zu haben, einzige Ausnahme bildeten die ungeöffneten Rechnungen und der Qualm von Zigaretten. Drinnen konnten wir die Traurigkeit und Enttäuschung unserer Mutter spüren. Und sosehr wir sie auch liebten, wir mussten dieser miesen Stimmung entfliehen, weil sie sich sonst auch auf uns übertragen hätte. Aber außerhalb der vier Wände unseres baufälligen Hauses war alles möglich.

Wir hatten ein Spiel, das wir „Ding Dong Ditch“ nannten. Dabei musste eine von uns – das war immer Patty – irgendwo in der Nachbarschaft an einer Tür klingeln. Mehr als oft wählten wir dafür die Tür unserer nächsten Nachbarin Helen.

Nachdem Patty geklingelt hatte, raste sie zu einem Graben oder irgendwo hinter eine Hecke, wo ich bereits hockte, um den großartigen Moment abzuwarten, wenn Helen die Tür öffnete (oder Mr Evans weiter die Straße hinunter oder die Pollacks oder Mrs Gunnerson und ihre behinderte Tochter Clara, wenn meine Schwester dort geklingelt hatte) und verblüfft auf die leeren Stufen vor ihrem Haus starrte (nach einer Weile zweifellos nicht mehr ganz so verblüfft. Besonders Helen musste wissen, dass wir es waren, die so oft bei ihr klingelten).

Manchmal sammelten wir Steine in der Nachbarschaft – wahrscheinlich als Dekoration ausgelegte weiße Steine, mit denen die Beete eingegrenzt wurden. Die malten wir mit Plakatfarbe an, wenn wir welche hatten, oder geschmolzener Wachskreide, wenn nicht. Dann verkauften wir sie in der Nachbarschaft, höchstwahrscheinlich an die Leute, aus deren Gärten wir sie ursprünglich hatten. Wir bekamen dafür fünf Cent oder auch nur einen. Der Sinn der Sache war, genug zusammenzusparen, um ein Frucht-Frappé kaufen zu können. Wenn wir das Geld zusammenhatten (meist nur für eins), gingen wir die zweieinhalb Kilometer bis zum Einkaufscenter, um uns dort das Getränk zu holen. Wir beeilten uns nicht, wieder nach Hause zu kommen. Dort gab es nichts, wofür sich die Eile gelohnt hätte.

Aber unser hauptsächlicher Zeitvertreib fand fernab der Nachbarhäuser statt, in den wilderen Gefilden dahinter. Die Morning Glory Court stieß an die Ausläufer des Nationalparks „Golden Gate National Recreation Area“. Dort befand sich ein Netzwerk von ausgedehnten Wanderwegen, das sich von der südlichen Grenze in San Francisco bis zu einem achtzig Kilometer weiter nördlich gelegenen Ort namens Point Reyes erstreckte. Dahinter lag der Pazifische Ozean. Der Berg war für meine Schwester und mich mehr als alles andere – das Schlafzimmer, das wir teilten, unsere unordentliche Küche mit dem ab und zu aussetzenden Kühlschrank und dem kaputten Herd oder die Häuser unserer Freunde, die wir nicht hatten und zu denen wir nicht gingen –, der Ort, an dem wir uns fast täglich aufhielten.

Für die meisten Kinder in unserer Nachbarschaft war die wilde Landschaft hinter unserer Siedlung verbotenes Terrain. Aus Angst vor Schlangen oder Kojotenattacken oder, weitaus wahrscheinlicher, vor den Blättern der Gifteiche. Aber Patty und ich zogen umher, wo es uns gefiel. Unsere einzige Einschränkung war: so weit uns unsere Füße trugen.

Manchmal bereiteten wir uns ein Picknick vor und packten alles Essbare ein, was wir finden konnten – zusammen mit einem Buch, das wir gerade lasen, oder den Notizbüchern, die ich überallhin mitnahm, um meine Geschichten aufzuschreiben (und für Patty einen Stapel ihrer Comichefte „Betty & Veronica“). Dann verbrachten wir den Tag draußen auf dem Berg. Vielleicht gingen wir auch zum Mountain Home Inn, dorthin, wo der Hauptwanderweg hoch zum Berg begann. Patty rannte dann (auf meine Anweisung) ins Foyer, wobei sie in keiner Weise wie einer der Gäste aussah, die dort eingecheckt hatten, füllte sich die Taschen mit Erdnüssen von der Bar und rannte wieder hinaus, bevor ihr jemand sagen konnte, dass sie das nicht tun sollte.

Danach saßen wir dann oben auf dem Berg neben dem Wanderpfad oder auf einem Felsen, zerteilten Grashalme oder stellten uns vor, was wir tun würden, hätten wir es zu einer dieser Quizshows geschafft und zehntausend Dollar gewonnen. Oder (das interessierte eher mich, nicht meine Schwester) wir begutachteten Fotos von Leuten, deren Frisur uns gefiel, oder John Travoltas Hosenschlitz in Teenagermagazinen.

„Es müsste einem, der so berühmt ist, doch peinlich sein, dass sie ihn in Hosen fotografieren, die ihm zu eng sind“, kommentierte Patty. „Er hat bestimmt genug Geld, sich neue zu kaufen, wenn er da rausgewachsen ist.“

Einige Dinge erklärte ich ihr. Andere nicht. Manchmal lagen wir auch einfach zusammen da, ohne zu reden. Ließen uns nur die Brise mit dem Duft von wildem Fenchel in die Nase wehen oder spuckten Kerne aus, um zu sehen, wer es am weitesten schaffte. Wir zogen unsere T-Shirts aus, genossen die Sonne auf unserer Haut und überprüften die Entwicklung unserer Brüste. Meine war unwesentlich. Ihre gar nicht vorhanden.

Zu anderen Zeiten krochen wir in einem alten verrosteten Lastwagen herum, den jemand am Hang zurückgelassen hatte. Unkraut überwucherte die rostige Karosserie, und das Vorhandensein dieses Wracks bildete Anlass zu unzähligen Spekulationen. Wir hätten gern geglaubt, dass wir als Einzige von diesem kaputten Auto wussten. Doch einmal, als wir uns auf unseren angestammten Platz setzten, fanden wir zwei aufgerissene leere Kondompackungen, was uns annehmen ließ, dass wir uns geirrt hatten.

Die Karosserie stand etwa drei Kilometer den Berg hoch von unserem Haus entfernt, abseits des Wanderweges. Ein Stück weiter dahinter befand sich ein Amphitheater, das nur zu Fuß zu erreichen war. Jeden Sommer führte dort eine halbprofessionelle Theatergruppe eine ziemlich pompöse Version eines bekannten Musicals auf („Meine Lieder, meine Träume“ in einem Jahr, „Brigadoon“ im nächsten). Die Eintrittspreise überstiegen bei Weitem das, was unsere Mutter hätte aufbringen können. Doch manchmal wanderten wir in den Sommerwochen, in denen Aufführungen stattfanden, nach oben zum Freilufttheater. Wir hatten eine Stelle entdeckt, die sich nahe genug an der Tribüne befand. Dort breiteten wir unsere Decke aus, hörten der Musik zu und beobachteten die Schauspieler während der Proben – Kostüme wechseln, Hasch rauchen, knutschen womöglich –, was noch interessanter war als die Show selbst. „Schwere Jungs – leichte Mädchen“ gefiel uns am besten. Patty und ich hatten die Aufführung tatsächlich nie gesehen. Aber im Verlauf einiger Wochen, in denen sie das Stück damals aufgeführt hatten, waren uns die Songs so vertraut geworden, dass wir sie von unserem abseits gelegenen Posten mitsangen: „I Got the Horse Right Here“, „Luck Be a Lady Tonight“, „Take Back Your Mink“.

Noch besser war es, wenn keine Proben stattfanden und wir beide die Bühne für uns hatten, um unsere eigene Show aufzuführen. So schüchtern meine Schwester auch unter Leuten war, oben auf dem Berg, wo sie außer mir und ab und zu einem Reh oder einem Rotschwanzhabicht niemand sah, verlor sie alle Scheu. Einmal, als sie sieben oder acht gewesen war, führte sie oben auf dem Berg im Amphitheater – vor einer Kulisse mit der Abbildung der Hauptstraße für das Stück „Music Man“ – einen kompletten und wunderbaren Striptease vor.

„Wir sind wie die Kids aus den ‚Peanuts‘“, sagte Patty. War irgendjemand jemals den Eltern dieser Kinder in den Cartoons begegnet, die den zahlreichen Abenteuern der Clique im Weg gestanden hätten? In den Comics jedenfalls schienen die berühmten Figuren ein Leben zu führen, ohne dass irgendwelche Erwachsene sich jemals darin eingemischt hätten.

Ich hatte einmal ein Buch von einem kleinen Jungen gelesen, der sich im Wald verirrt hatte und von Wölfen gefunden und aufgezogen wurde – natürlich war es ein Junge, wer hätte schon sonst so ein Abenteuer erleben dürfen. Trotzdem liebte ich diese Geschichte. Ich sah uns unbeschwert über den Berg rennen, nicht gestört durch elterliche Verbote oder Ängste, dass etwas passieren könnte. Wir waren zwei Wolfsmädchen – allerdings mit modernen Jeans, auch wenn es sich nur um zwei Levi’s handelte.

Wir fuhren oft mit unseren Rädern los. Ohne ein Ziel vor Augen. Man konnte ja nie wissen, worauf man stieß. Einmal kamen wir auf unserer Tour an einem Müllcontainer vorbei, neben dem ein Stapel Langspielplatten lag. Es sah aus wie eine ganze Schallplattensammlung von jemandem, aber nicht solche Sachen wie Mitch Miller oder Mantovani, Herb Alpert und die Tijuana Brass, die Lieblingsmusik unserer Nachbarin Helen. Oder etwa Jennifer Pollacks Favoriten, die wir den ganzen Tag durch ihr Fenster hören konnten – die Carpenters.

Aus irgendwelchen nicht nachvollziehbaren Gründen hatte irgendjemand beschlossen, seine oder ihre gesamte Plattensammlung zu entsorgen (obwohl ich als ein Mädchen, das sich Geschichten ausdachte, ein paar Szenarios erfand, die dazu geführt haben könnten). Die Beatles und die Rolling Stones natürlich. Ebenso Black Sabbath und die Moody Blues, Procol Harum und Led Zeppelin. Dazu auch ein paar Platten, die eher in Richtung Folkmusic tendierten – Cat Stevens und Linda Ronstadt, Leonard Cohen, Arlo Guthrie, Judy Collins und Crosby, Stills & Nash, Simon & Garfunkel. Es gab eine LP, die eher nicht in diese Mischung passte und die Patty ganz besonders liebte: das Album „Burning the Midnight Oil“ von Dolly Parton und Porter Wagoner. Das Cover zierte ein Doppelbild: auf der einen Seite Dolly in einem wahnsinnigen roten Hauskleid und mit traurigem Gesicht am Kamin. Auf dem Bild gegenüber Porter in bedrucktem Hemd, der sich mit der Hand durch das blonde Haar fährt und ebenso bedrückt aussieht wie sie. Meine Schwester liebte Led Zeppelin und Cream, aber nachdem sie dieses Album gefunden hatte, wurde Dolly Parton für immer zu ihrer Lieblingssängerin.

Es waren zu viele Schallplatten, um sie in unseren Fahrradkörben verstauen zu können. Einen Teil des Stapels versteckten wir für den Fall, dass jemand anders vorbeikommen und sie mitnehmen könnte, bevor wir zurückkamen, um die nächste Ladung zu holen. Wir brauchten drei Fuhren, bis wir die ganze Sammlung nach Hause geschafft hatten. Für den Rest des Sommers bestand unsere Hauptbeschäftigung darin, die Musik auf meinem kleinen blechernen Monoplattenspieler zu spielen, der mit Disney-Figuren dekoriert war und den ich besaß, seit ich klein gewesen war.

Wir lernten alle Stücke von „Alice’s Restaurant“ auswendig und sangen „City of New Orleans“ oder „American Pie“, wenn wir mit unseren Fahrrädern unterwegs waren. „This’ll be the day that I die, this’ll be the day that I die.“

Wir liebten den Song „Suzanne“ von Leonard Cohen, und obwohl der Text für uns keinen Sinn ergab, wussten wir, dass es ein erotisches Lied war. Wir liebten Donovan. Das Album von Crosby, Stills & Nash mit „Suite for Judy Blue Eyes“ war irgendwann total zerkratzt. Bei „Whole Lotta Love“ drehten wir die Musik auf volle Lautstärke, aber etwas sanftere Musik mochten wir auch. Wir wussten, dass Jim Croce tragischerweise sehr jung gestorben war. Weshalb wir nur umso trauriger waren, wenn wir den Song hörten, in dem er seine ehemalige Freundin anrufen will, aber die Telefonnummer, die er auf einer Streichholzschachtel notiert hatte, nicht mehr entziffern kann. Wenn wir etwas an einem Lied mochten, dann war es eine Geschichte mit gebrochenem Herzen oder – noch besser – einer richtigen Tragödie.

„Jedes Mal, wenn ich den Song höre, wünsche ich mir, dass er endlich die Nummer rausbekommt und genug Münzen zum Telefonieren hat“, sagte Patty. „Denn dann kämen die beiden wieder zusammen.“

Einmal, nachdem die Platten in unserem Zimmer verstaut waren, hatte ich unsere Mutter gefragt, welche Musik sie geliebt hatte, als sie jünger gewesen war. Für einen Moment bekam sie einen Gesichtsausdruck, den ich bei ihr noch nie gesehen hatte. „An Elvis konnte nie einer ranreichen“, sagte sie. „Aber darüber bin ich jetzt weg.“

Es war wohl nicht nur Elvis, der sie nicht mehr interessierte, sondern Männer im Allgemeinen. Nachdem unser Vater ausgezogen war, kam es mir vor, als hätte sie einen Vorhang zugezogen. Alles, was sie wollte, war, in Ruhe gelassen zu werden. Um damit die Möglichkeit, Enttäuschungen oder Verluste zu erleben, auf ein Minimum zu reduzieren.

Einmal wanderten wir auf dem Berg herum – ein bisschen höher und weiter von zu Hause entfernt als sonst –, als wir etwas Erstaunliches sahen: Ein Mann und eine Frau liefen durchs Gras, total nackt.

Wir zögerten weiterzugehen, wollten die beiden nicht in Verlegenheit bringen, aber die Frau winkte uns zu. Lachend kamen sie uns entgegen – immer noch ohne ihre Kleidung, verhielten sich jedoch, als wäre daran gar nichts Ungewöhnliches. Wir mussten uns anstrengen, um nicht nach unten zu gucken, vor allem nicht bei dem Mann. Die beiden waren aber alles andere als schüchtern.

„Was für ein wundervoller Tag!“, rief die Frau. „Es ist kaum zu fassen, all diese Wildblumen!“

Es war gerade die Saison für Kalifornischen Mohn. Die gelben Blüten leuchteten überall, es sah aus wie auf einer Postkarte. Obwohl man, wenn es eine Postkarte gewesen wäre, natürlich die beiden nackten Leute nicht gesehen hätte.

Gemeinsam ging das Paar Hand in Hand weiter. Patty und ich sagten nichts, auch nicht zueinander. Wir kannten uns so gut, dass es nicht nötig war, zu reden, selbst wenn irgendetwas Außerordentliches passierte. Wir brachen einfach nur in Gelächter aus, nahmen uns bei den Händen und rannten den Berg hinunter, so schnell, dass wir uns fast überschlugen.

Ein anderes Mal begegneten wir einem Mann, der Gitarre spielte und sang. Eine Frau mit langen Haaren und einem Baby im Arm saß neben ihm im Gras.

„Ich glaube, das war Jerry Garcia“, sagte ich zu meiner Schwester. Allerdings musste ich ihr erklären, wer das war, bevor sie sich beeindruckt zeigte. Und selbst dann hielt sich ihr Staunen in Grenzen.

Einmal waren wir gerade mitten beim Spielen – „Charlie’s Angels“ vielleicht. Oder wir streiften wie so oft einfach nur so durch die Gegend, rissen die Köpfe der Wiesen-Lieschgräser ab und riefen: „Mamma hatte ein Baby, und der Kopf flog weg!“ Da trafen wir plötzlich auf ein merkwürdiges Etwas. Patty hatte es als Erste entdeckt: der merkwürdige nackte Körper eines ungeborenen Tieres – ein Rehfötus wahrscheinlich, noch immer umgeben von der Fruchtblase, die spindeldürren Beinchen ineinander verschränkt, die Augen von fast durchscheinenden Lidern verschlossen, die sich nie öffnen würden, die Ohren fest an den Schädel gelegt und ein Netzwerk von blauen Äderchen dicht unter der Hautoberfläche. Irgendwo nicht weit von diesem Ort, stellten wir uns vor, würde eine Rehmutter umherstreifen, blutend und wie betäubt. Innerhalb von Stunden, das wussten wir, würden die Geier oder Kojoten diesen Körper finden. Am nächsten Tag wäre er spurlos verschwunden.

Manchmal taten wir so, als wären wir zwei über einen einsamen Berg streifende indianische Squaws, einzige Überlebende eines Stammes, die Fallen legten und jagten, bis sie spät am Abend in ihr Tipi zurückkehrten, um ihren Haferbrei zu essen und an einem kleinen Stück Pökelfleisch zu kauen, dann die fadenscheinigen Decken über ihre Lederhemden wickelten, bis ein weiterer Sonnenaufgang sie wieder hinaus in die weite Landschaft rief. Ich wollte ein Lagerfeuer anzünden, in das wir Maiskörner werfen und zusehen konnten, wie sie zerplatzten. Aber Patty machte da nicht mit. Bei Feuer wurde meine Schwester nervös. Es war das Einzige, wovor sie Angst hatte.

Auf dem Hügel gab es auch zwei Pferde. Sie mussten jemandem gehören, aber sie grasten dort einfach, deshalb konnten wir so tun, als wären es unsere. Manchmal brachten wir ihnen Karotten, wenn wir genug zu Hause hatten. Und wir gaben ihnen Namen – Crystal und Pamela, denn so hätten wir uns selbst gern genannt. Nach einer Weile schienen sie uns zu kennen, sie ließen uns dicht an sich heran, sodass wir ihnen über den Rücken streichen konnten. Vor allem bei Crystal hätten wir uns gut vorstellen können, sie ohne Sattel zu reiten, wenn wir denn irgendwie hätten aufsteigen können, aber das schafften wir nicht.

Wir spielten, wir wären Blinde, schlossen die Augen, drehten uns fünfmal im Kreis, liefen fünfzig Schritte, um dann die Augen zu öffnen und uns zu wundern, wo wir gelandet waren. Wir blätterten zu irgendeiner Seite von „My Secret Garden“ von Nancy Friday und lasen uns gegenseitig daraus vor (ein Buch, das ich im Haus unserer Nachbarn, den Pollacks, eines Abends beim Babysitten gefunden hatte, voller wilder Sexfantasiegeschichten, die Frauen sich ausgedacht hatten. Das hatte ich in meiner Schultasche nach Hause geschmuggelt). Wir taten so, als wären wir Jungen, und pinkelten im Stehen.

Damals war es aufregend für uns, gewisse Ausdrücke einfach laut auszusprechen. Wir häuften ausgerissene Grashalme oder Butterblumen vor uns auf und mussten uns abwechselnd ein unanständiges Wort ausdenken. Während wir es laut ausriefen, warfen wir die Stängel oder Halme in die Luft. Doch unsere Liste war enttäuschend kurz, denn unser Vokabular an Worten, die mit Sex zu tun hatten, zeigte sich als äußerst begrenzt: Geschlechtsverkehr natürlich. Hintern. Brustwarze. Vagina. Penis. Und dann das eine, das für mich in diesem Jahr am beängstigendsten war: Periode.

Zweimal trafen wir während unserer Streifzüge über den Berg auf ein Pärchen, das sich im Gras liebte – doch in beiden Fällen hatten sie uns nicht bemerkt. Aus jahrelanger Erfahrung im Detektivspiel konnten wir uns heimlich wegschleichen. Obwohl wir später – sicher in unserem Haus – nicht mehr aufhören wollten zu lachen.

Man könnte meinen, dass einige unserer Erfahrungen uns womöglich von weiteren Forschungstouren abhielten, aber genau das Gegenteil war der Fall. Der Berg eröffnete uns das Bild einer Welt, die größer war als alles, was wir in unserem engen Haus und Garten jemals hätten kennenlernen können. Und die Tatsache, dass es in dieser anderen Welt tote Tiere, nackte Leute und Raubvögel gab, machte uns nur noch neugieriger darauf, mehr zu entdecken.

Die Tage zogen dahin, einer nach dem anderen, ausgedehnt und ungestört wie die grüne Landschaft auf diesem Berg mit dem weiten Himmel darüber. Andere Kinder mussten zum Abendessen nach Hause gehen. Wir hörten die Mütter manchmal nach ihnen rufen, obwohl die meisten wussten, wann es Zeit war, nach Hause zu gehen, ohne dass sie ermahnt wurden. Uns rief nie jemand. Und wir brauchten uns keine Sorgen zu machen oder Schuldgefühle zu haben, weil unsere Mutter den ganzen Nachmittag in der Küche gearbeitet hatte, um ein dampfendes Familienmahl zu kochen, das nun auf dem Küchentisch stand und kalt wurde. Dinner war für uns das, was wir im Kühlschrank fanden, und zwar dann, wenn wir nach Hause kamen.

Nachdem wir gegessen hatten, gingen wir gewöhnlich wieder nach draußen und blieben dort bis zehn Uhr. Wir dachten uns Geschichten aus und schlichen in den Gärten hinter den Häusern umher, lugten in die Fenster der Nachbarn, um zu sehen, ob dort etwas Interessantes passierte. Was nie der Fall war. Wenn wir wieder ins Haus zurückgingen, hörten wir das Radio unserer Mutter in ihrem Zimmer und rochen den Zigarettenrauch. Wir riefen ihr „Gute Nacht, Mom!“ zu und gingen in unser eigenes Zimmer, wo wir dann eine Reihe Schallplatten abspielten. Wir lagen in unseren Betten und lasen uns gegenseitig vor – aus Comicbüchern oder einer der Biografien, die ich vom Scholastik Book Club bekommen hatte. Oder eine weitere der wilden Geschichten von „Den sexuellen Fantasien der Frauen“ (obwohl diese meine Schwester eher verwirrten). Wir flüsterten miteinander, bis eine von uns eingeschlafen war. Normalerweise war das Patty.

Bei geöffnetem Fenster konnten wir die Grillen zirpen hören oder den Schrei einer Eule, das Heulen eines Kojoten und manchmal auch einen Berglöwen. Wir konnten aus dem Fenster zum Berg hinaufblicken und die Sterne sehen. Und wenn es morgens hell wurde, grasten dort die Pferde – manchmal begatteten sie sich sogar –, und die Falken kreisten am Himmel.

Dieser Berg war der Ort, an dem wir alles über das Leben erfuhren. Wir entdeckten Tierknochen und die Fehlgeburt eines Rehs. Vögel, Blumen und benutzte Kondome. Tierkadaver und nackte Menschen. Zerklüftete Felsen und Eidechsen. Sex und Tod.

4. KAPITEL