Gwen - Christoph Brandhurst - E-Book

Gwen E-Book

Christoph Brandhurst

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Beschreibung

Gwen hat sehr viel und sehr guten Sex. Sex ist für sie Triebbefriedigung, aber auch viel mehr. Sex ist Jagdfieber. Wenn Gwen in einer Discothek eine interessante Person entdeckt, egal ob Mann oder Frau, dann sucht sie Selbstbestätigung, nicht selten eine Affäre. Sie hat viele Affären. Sie genießt es, immer wieder einen anderen Körper zu erkunden und zu befriedigen. "Daraus ziehe ich meine eigene Befriedigung", sagt sie. "Aber natürlich auch daraus, dass sich jemand mit mir beschäftigt." Schon mit 14 entdeckte sie SM – durch einen 21 Jahre älteren Mann. Seitdem bezeichnet sie sich als devot. "Ich finde es unwahrscheinlich reizvoll, ausgeliefert zu sein. Nicht zu wissen, was passiert. Oder es zu wissen, aber nichts dagegen tun zu können." Gwen geht gerne auf Partys oder in Clubs. Hier lebt sie ihre Neigungen aus. Mal als "Sub mit Hirn", mal als Voyeurin oder Exhibitionistin, mal als Lesbe oder Hetero, je nach Stimmung. Gwen. Tagebuch meiner Lust erzählt davon. Amüsante Situationen vermischen sich mit spannenden Augenblicken, zärtliche Momente mit ungezügelter Leidenschaft, sinnliche Abenteuer mit schockierenden Erfahrungen. Gwen. Tagebuch meiner Lust ist ein erotisches Lesevergnügen, aber noch viel mehr ist es das Dokument eines außergewöhnlichen Lebensentwurfs.

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Seitenzahl: 291

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Christoph Brandhurst

GWEN

Tagebuch meiner Lust

Schwarzkopf & Schwarzkopf

Ich

Ich heiße Gwen. Geboren wurde ich 1986. Jetzt bin ich 20 Jahre alt, werde dieses Jahr 21. Ich war gerade 13 geworden, als ich zum ersten Mal Sex hatte. Bewusst und willentlich. Und ja, es hat mir Spaß gemacht.

Ein Mann, der Frauen wie am Fließband vernascht, ist ein Held – ein Weiberheld. Frauen dagegen, die sich zu ihrer Lust, ihrem Liebesleben, ihren Träumen und Sehnsüchten bekennen, stehen schnell als Schlampen da.

Ich schere mich nicht um Geschlechterrollen, Moralvorstellungen und Vorurteile. Ja, ich gebe es zu: Ich lebe promiskuitiv. Ich habe Affären mit Männern. Und auch mit Frauen. Außerdem lebe ich SM. Ich bin devot. Ansonsten bin ich wohl von allem etwas: Voyeurin und Exhibitionistin, Lesbe und hetero, je nach Stimmung. Freunde behaupten, ich sei eine Nymphomanin. Wieder andere schütteln den Kopf ob meines leichtlebigen Treibens. Ich gehe sehr gerne auf Partys oder in Clubs. Hier lebe ich meine Neigungen aus. Mein Geld verdiene ich zurzeit in einem Swingerclub.

Damit wir uns richtig verstehen: Mir geht es gut. Ja, ich bin glücklich.

Wenn dies alles in Ihren Ohren abwegig klingt, wenn Sie sich beim besten Willen – so sehr Sie sich auch bemühen – nicht vorstellen können, dass eine Frau so denken und fühlen kann, klappen Sie das Buch ruhig erst einmal zu, legen Sie es beiseite und schlafen Sie eine Nacht drüber. Sollte sich Ihre Meinung bis morgen früh nicht geändert haben, dann verschenken Sie es doch bitte einfach an jemand anderen. Wenn Sie keine Kaffeeflecken aufs Titelbild gekleckert und keine Eselsohren in die Seiten geknickt haben, wird sich der- oder diejenige sicher darüber freuen.

Doch vielleicht kommen Sie ja auch zu dem Schluss: »Natürlich, Sex macht Spaß, man kann gar nicht genug davon bekommen. Auch als Frau!« Dann heiße ich Sie willkommen in meiner Welt.

Paulos und eine gar nicht so enge Umkleidekabine

1

Mein Vater hatte mir das Rauchen verboten. Doch Verbote interessierten mich nicht. Das taten sie schon lange nicht mehr. Also kletterte ich, wie an den beiden Tagen zuvor, auch an diesem Mittag von meiner Sonnenliege und sagte: »Ich muss mal auf Klo.«

Mein Vater grunzte irgendetwas. Vielleicht war es auch nur ein schläfriges Schnarchen. Er war erschöpft. Gerade erst waren wir von unserem Sightseeing-Trip nach Pythagorion zurückgekehrt. Drei Kilometer zu Fuß, die gleiche Strecke wieder zurück. Ohne eine einzige Kippe.

Jetzt schlappte ich durch den Sand rüber zur Strandbar. Eigentlich war es nur ein bambusgedecktes Dach auf acht massiven Holzpfeilern, das die Theke und die Sitznischen vor etwaigen Regenfällen schützte, die um diese Jahreszeit aber eher selten waren. Linker Hand säumten Olivenhaine die Bar. Ich umrundete sie, steuerte die Umkleidekabinen an, die dahinter lagen und sich vortrefflich für eine oder zwei versteckte Zigaretten eigneten.

Ich zwängte mich in eines der schmalen Häuschen, verschloss die Holztür hinter mir und kramte die Schachtel aus meiner Handtasche. Ich entzündete eine Zigarette, atmete den Rauch ein und spürte, wie die Anspannung von mir wich.

Hinter mir lagen beschissene Wochen. Und wenn ich beschissen sage, dann meine ich das auch. Das werden Sie noch verstehen.

Ich nahm einen neuerlichen Zug von der Kippe und schnippte die Asche weg. Der Qualm wand sich in einem ellenlangen Faden hinauf, wurde von einem Windhauch über der Kabine zerpflückt.

Das enge Häuschen besaß kein Dach. Ich setzte mich auf die schmale Bank, streckte die Beine aus. Der Platz reichte gerade für eine Person.

Ich hörte das Meer, wie es an den Strand schwappte, klares Wasser, rein wie eine unschuldige Seele. Seit zwei Tagen befand ich mich mit meinem Vater auf Samos, einer der griechischen Inseln. Die Wiege des Abendlandes. Auch für mich so etwas wie eine Geburt. Ein Neuanfang.

Ich zog abermals an der Zigarette, als es plötzlich an der Tür klopfte. Hastig drückte ich die Kippe aus, ließ den halben Stummel in der Schachtel verschwinden, diese in meiner Handtasche und verließ die Kabine.

Vor mir stand ein Mann, mit T-Shirt und Badeshorts bekleidet, durchaus eine imposante Erscheinung. Er war einen halben Kopf größer als ich. Seine Haut war braun gebrannt; das dichte, schwarze Haar trug er ungekämmt. Seine tiefen, dunklen Augen blickten abschätzig auf mich herab. Ich kannte ihn vom Sehen. Es war der Betreiber der Strandbar. In flüssigem Englisch fragte er: »Kann es sein, dass du in den Kabinen rauchst?«

»Ja«, gab ich zu, ertappt und gleichsam beeindruckt. Der schwache Hauch eines Parfüms umgab ihn.

»Okay«, lächelte er. »Ich verrat’s niemandem.«

»Danke.«

»Aber dafür darf ich dich auf einen Drink einladen.«

Während ich mein Bikinioberteil zurechtzupfte, kramte ich meine Englischkenntnisse zusammen. »Habe ich eine Wahl?«

Er setzte ein Grinsen auf. »Nein.«

Ich folgte ihm unter das Bambusdach. An der Theke orderte er bei seinem Barkeeper zwei Cocktails. Als wir die kühlen Drinks schließlich in den Händen hielten, stießen wir an. »Auf deinen Urlaub«, sagte er.

»Auf deine Bar«, entgegnete ich, weil mir nichts Besseres einfiel.

Wir ließen uns auf Hocker nieder. »Du bist mir gestern schon aufgefallen«, erklärte er.

»Aha«, sagte ich und nippte an meinem Drink.

»Wie lange bist du schon auf der Insel?«

»Seit zwei Tagen.«

»Und? Gefällt es dir?«

»Sehr«, antwortete ich. Und das war nicht gelogen.

Neben der Bar schaukelten die sonnendurchfluteten Haine im Wind. Ihre Blätter wisperten verführerisch. Auch wenn man sie nicht wirklich verstand, konnte man sich abends im Bett in ihrem Flüstern verlieren.

Nur zu gerne überließ ich mich diesem sanften Rauschen, gerade nachts, wenn sie zurückkehrte, die Erinnerung an meine Trauer. An die Enttäuschungen. An die verzweifelten … Nein, nein, ich wollte nicht mehr daran denken. Ich wollte endlich vergessen.

»Schau nicht so traurig«, sagte er und strich mir eine Strähne aus der Stirn. »Dazu gibt es doch keinen Grund.«

»Nein, da hast du recht.«

»Wie ist dein Name?«

»Gwen. Und deiner?«

»Paulos. Mir gehört die Bar.«

»Ich weiß«, grinste ich ihn an und reckte mein Kinn vor. Seit dem Frühstück hatte ich nichts mehr gegessen und der Alkohol in dem Cocktail entfaltete schon nach den ersten zwei, drei Schlucken seine Wirkung. Ich wurde mutiger. »Du bist mir auch aufgefallen.«

»Und, was machst du so?«

»Urlaub am Strand.«

»Ach, nee …« Er grinste. »Und danach? Studierst du?«

Ich weiß nicht, wie alt ich auf ihn wirkte. Offenbar alt genug, dass er glaubte, ich sei eine Studentin, die er einfach anquatschen konnte, um mit ihr zu flirten. »Ich möchte mal irgendwas mit Journalismus machen.«

»Journalistin?«

»Ja.« Das war schon damals mein Berufswunsch. »Finde ich cool.«

»Cool«, wiederholte er.

Eine Stimme drang vom Strand an mein Ohr. Für einen Augenblick dachte ich, es sei mein Vater, der nach mir rief. Ich löste meinen Blick von Paulos, schaute zum Strand und stellte fest, dass ich mich geirrt hatte. Nur ein Fremder, der nach seiner Tochter gerufen hatte.

Als ich mich zurück zu Paulos drehte, war sein Gesicht plötzlich ganz nahe. Ich roch sein Parfüm. Ein intensiver Geruch, aber nicht unangenehm. Unsere Nasen berührten sich. Dunkle Augen, die mich verschlangen. Mein Puls ging schneller. Bevor ich reagieren konnte, presste er seine Lippen auf meine. Seine Zunge bohrte sich in meinen Mund, berührte meine Zungenspitze. Ich war so perplex, dass ich keinerlei Anstalten machte, ihn von mir zu weisen. Eigentlich wollte ich das auch gar nicht.

Denn obwohl ich nichts über den Mann wusste, nicht womit er seine Freizeit verbrachte, nicht sein Alter, nicht einmal seinen vollen Namen – seine Attacke gefiel mir. Wieder einmal war es das Küssen. Ein guter Kuss macht mich willenlos.

Er wollte seinen Kopf zurückziehen, doch meine Hand schoss nach vorne und hielt ihn fest. Ich wollte mehr. Bitte, noch viel mehr davon. Als wir schließlich atemlos voneinander abließen, fragte er: »Kommst du mit?«

Beinahe hätte ich geschrien: »Ja!«

2

Die Tür der Umkleidekabine fiel hinter uns ins Schloss, da lag mein Bikinioberteil bereits am Boden. Paulos beugte sich zu meinen Brüsten herab, nahm eine der Warzen in den Mund, saugte und leckte daran. Wie gut sich das anfühlte. Beinahe hatte ich das schon wieder vergessen.

Ich drängte mich ihm entgegen, zog ihm sein T-Shirt über den Kopf. Seine Finger lupften meinen Hosenbund, fanden zielstrebig ihren Weg. Mein Körper zuckte unter der Berührung. Ich stöhnte auf. Er ging in die Hocke. Ich presste seinen Kopf in meinen Schoß. Ich wollte seine Zunge spüren. Jetzt sofort. Er nahm seine Finger zur Hilfe, drang in mich ein. Schon spürte ich, wie der Höhepunkt kam. Meinen Schrei erstickte ich mit einem Biss in meine Hand.

»Willst du mir einen blasen?«, flüsterte er in mein Ohr.

Ich stieß mich von ihm ab, kniete mich vor ihm hin, nahm seinen Penis in den Mund. Es war das erste Mal, dass sich mir ein steifer Schwanz zwischen die Lippen drängte, aber darüber machte ich mir keine Gedanken. Ich ging mit einer Zielstrebigkeit zur Sache, die mich selbst überraschte. Paulos stöhnte genießerisch, also schien ich alles richtig zu machen. Herrje, es fühlte sich auch so gut an. Warm, pulsierend, voller Leben. War es nicht das, was ich gesucht hatte? Endlich wieder Leben?

Schon kam Paulos. Er spritzte mir in den Mund. Zu meiner eigenen Überraschung störte es mich nicht. Eigentlich war es sogar ziemlich geil. Trotzdem schluckte ich sein Sperma nicht, sondern spuckte es aus. Direkt auf die Asche, die ich vor einer halben Stunde erst in eben dieser Kabine hinterlassen hatte. Ich wischte mir die Lippen, musste lachen. Paulos grinste. Wir kleideten uns an und kehrten zurück zur Theke. Ich sagte: »Ich muss jetzt gehen.«

Er zog einen Aschenbecher heran. »Hier, für dich. Wenn du eine rauchen möchtest …« Er zwinkerte verschwörerisch, »… kannst du jederzeit wieder in die Bar kommen.«

»Danke«, sagte ich. »Gerne.«

Am Strand schaute ich noch einmal zurück. Paulos winkte mir zu. Mein Blick streifte die Umkleidekabinen. Ich schüttelte den Kopf. Schon seltsam. Oder auch nicht. Denn ungeachtet der Örtlichkeit, an der wir es getrieben hatten, abgesehen von der Tatsache, dass ich Paulos gerade fünf Minuten gekannt hatte und dass ich nicht einmal wusste, wie alt er war – der Sex mit ihm hatte mir Spaß gemacht. Einfach nur Spaß. Damals war ich 13 Jahre alt.

Mama & Papa und die schönste Sache der Welt

1

Andere Mädels spielen mit 13 noch mit Puppen. Ich gebe zu, ich hatte mit Puppen nicht viel am Hut. Mit Jungs allerdings zunächst auch nicht. Natürlich war ich, als ich die Grundschule besucht habe, in den einen oder anderen Jungen verknallt. Oder das, was man in jenen Kindertagen »verknallt« nennt. Seine Freunde und meine Freundinnen spielten Botschafter und überbrachten feierlich unsere Zettelbriefe: Willst du mit mir gehen? Antwort: Ja. Oder: Nein. Das war’s. Händchen halten? Interessierte mich nicht. Küsschen geben? Kein Bock drauf. Klar, ich las mit meinen Freundinnen die »Bravo« und informierte mich über das, was Dr. Sommer mitzuteilen hatte. Aber als bei mir schließlich die Pubertät einsetzte, hatte ich keinen Kopf mehr dafür, im wahrsten Sinne des Wortes. Doch der Reihe nach.

2

Meine Mutter klärte mich auf, da ging ich noch in den Gießener Kindergarten. Eines Tages quittierte meine Gruppenleiterin, die ich sehr mochte, den Dienst. Daheim wollte ich den Grund dafür erfahren. Meine Mutter brachte ein kleines Buch zum Vorschein und nahm mit mir auf dem Sofa Platz.

»Weißt du«, erklärte sie, »die Erzieherin bekommt ein Baby.«

»Wie bekommt man ein Baby?«, wollte ich wissen.

Meine Mutter schlug das Buch auf und zeigte mir einige Zeichnungen, die an bunte Bilder aus Comic-Heften erinnerten. »Wenn Mama und Papa sich lieb haben und sie ein Baby haben wollen, dann nehmen sie ihre Geschlechtsorgane und verstöpseln sie miteinander. Und wenn sie Glück haben, dann gibt es ein Baby.«

Ich verstand, ohne wirklich zu begreifen. Als ich wenige Jahre später die Grundschule besuchte, legte die Lehrerin eine Aufklärungsstunde ein. Für all jene Kinder, die noch glaubten, Babys bringe der Storch. Ich gehörte nicht mehr dazu.

Die Lehrerin erzählte aber auch, dass man das, was Mama und Papa tun, nicht nur macht, um Kinder zu zeugen. »Viele Menschen haben Sex, weil es Spaß macht«, sagte sie. »Deshalb gibt es auch Selbstbefriedigung. Und auch Menschen, die keine Kinder kriegen können, zwei Männer oder zwei Frauen, haben manchmal Sex miteinander.«

Am Nachmittag kam ich von der Schule heim und baute mich vor meiner Mutter auf. »Du hast mich angelogen!«

Meine Mutter schaute mich erstaunt an. Mein Vater, der ebenfalls zu Hause war, fragte irritiert: »Was hat sie?«

Ich ging nicht auf die Frage ein. Ich war empört: »Das macht man ja nicht nur, wenn man Kinder kriegen will. Das macht man auch, wenn man Spaß haben will.«

Mein Vater lachte laut auf. Er nahm mich an die Hand und führte mich ins Wohnzimmer. Wir beide waren ein Herz und eine Seele, auch wenn er viel zu selten Zeit für mich hatte. Sein Job als Geschäftsführer einer großen Werbeagentur führte ihn quer durch Deutschland, häufig sah ich ihn die ganze Woche über nicht. Aber wenn er mal daheim war, dann verstanden wir uns prächtig. Keine Frage, ich war ein Papa-Kind. Jetzt rieb er sich das Kinn und schmunzelte verschlagen: »Ja, du hast recht. Sex macht man auch, wenn abends nichts im Fernsehen kommt.«

Ich wollte wissen: »Macht Sex wirklich Spaß?«

»Aber natürlich. Für viele Menschen ist Sex sogar die schönste Sache der Welt.«

Ich kratzte mir den Kopf. Das war alles ganz interessant zu erfahren. Aber wenn ich ehrlich bin: Was hätte ich damals mit diesem Wissen anfangen sollen? Deshalb vergaß ich es wieder. Fürs Erste zumindest.

3

Nein, ich war nicht frühreif. Allenfalls ein bisschen selbständiger als meine Freundinnen und Schulkameraden. Meine Mutter hatte, als ich drei Jahre alt war, eine Wirbelsäulenversteifung erlitten. Seitdem konnte sie im Haushalt nicht mehr so, wie sie wollte. Mein Vater war nach wie vor häufig auf Dienstreisen. Deshalb waren fortan ich und meine beiden Halbschwestern, zehn und 14 Jahre älter als ich, im Haushalt gefordert, mehr als vielleicht andere Kinder in unserem Alter.

Anfangs fingen meine Schwestern einen Großteil der Arbeit auf. Doch als meine älteste Schwester sich eine eigene Wohnung suchte, musste auch ich immer häufiger ran. Die Eigenständigkeit, mit der ich schließlich den Haushalt zu verantworten hatte, verlangte nach Entscheidungen. Diese wiederum führten zu einem eigenen Willen.

Wenn es hieß: »Wir müssen zum Arzt!«, dann antwortete ich: »Ich will nicht zum Arzt.«

»Aber du musst geimpft werden«, erklärte meine Mutter.

»Muss ich nicht.«

»Es ist doch nur eine Spritze.«

»Ich will keine Spritze.«

»Nur eine klitzekleine Nadel.«

»Ich hasse Nadeln!«, brüllte ich. »Ich hasse Spritzen. Und ich will nicht!«

»Aber du musst.«

»Muss ich gar nicht!«

Meine Mutter wollte nach mir greifen, aber da stand ich bereits auf den Stufen hinauf in mein Zimmer. »Jetzt sei vernünftig«, rief sie mir hinterher.

»Bin ich doch.«

Sie sog scharf die Luft ein. »Was wohl der Papa dazu sagt, wenn er am Wochenende von deinem Dickschädel erfährt?«

»Du musst ihm ja nichts sagen!« Und schon war ich in meinem Zimmer verschwunden.

Am darauffolgenden Sonntag verkündete mein Vater: »Wir fahren zur Oma.«

Ich erklärte: »Nö, heute hab ich keine Lust.«

»Was soll das heißen?«, wollte meine Mutter wissen.

»Ich hab keinen Bock.«

»Was soll denn die Oma denken?«

»Weiß nicht.«

Mein Vater nahm mich in den Arm und senkte verschwörerisch seine Stimme, so wie Eltern es tun, wenn sie ihre kleinen, ungezogenen Kinder überlisten möchten. »Es gibt leckeres Mittagessen.«

»Ich hab keinen Hunger.«

»Aber das von Oma magst du doch so gerne.«

»Heute aber nicht.«

»Du bleibst nicht alleine zu Hause.«

»Mache ich in der Woche doch auch!«

Er straffte seine Haltung. Seine Stimme wurde wieder lauter. »Erst die Sache mit dem Arzt …«

»Hat Mama gepetzt?«

»… jetzt die Oma.« Er stemmte die Hände in die Hüfte. »Junge Dame, treib es nicht zu weit!«

»Ich mach doch gar nichts.«

»Dann fahren wir nächste Woche nicht in den Zoo.«

Ich hob die Achseln. »Dann eben nicht.«

»Jetzt sei nicht so stur!«

»Ich mag aber nicht.«

»Es ist mir egal, ob du magst oder nicht.« Er verlor die Geduld und begann zu schreien. »Das fehlt mir noch, dass du mit deinem Dickschädel den ganzen Sonntag zu Hause bleibst.« Und er packte mich am Kragen, so wie man nach kleinen, ungezogenen Kindern greift, die partout nicht hören wollen. Er schleifte mich ins Auto und wir fuhren zur Oma, wie es sich für den Sonntagmittag gehörte.

4

Wenige Monate nach meinem siebenten Geburtstag bat mich mein Vater: »Komm mal mit raus in den Garten.«

Ich legte mein Buch beiseite. Ich war eine kleine Leseratte und eigentlich mochte ich es gar nicht, wenn man mich dabei störte. Während ich durch die Seiten stöberte, träumte ich davon, selbst mal so schön schreiben zu können wie Astrid Lindgren, Enid Blyton und Otfried Preußler, deren Bücher ich verschlang.

Doch der Tonfall meines Vaters ließ mich aufhorchen. Auch wenn er eine Miene zur Schau trug, die Unbeschwertheit ausdrücken sollte, so einfach konnte er mir nichts vormachen. Er war schließlich mein Vater.

Ich legte das Buch beiseite und folgte ihm. Draußen hockten wir uns in den Sandkasten und er nahm meine Hand. Er hielt die Finger fest umschlossen, sagte ansonsten keinen Ton. Nur ein schweres Schnaufen. Als ich zu ihm aufschaute, entdeckte ich Tränen in seinen Augen. Das verunsicherte mich noch mehr. Es war das erste Mal, dass ich ihn weinen sah. Dann sagte er: »Ich ziehe zu Hause aus.«

Seltsamerweise fiel in diesem Augenblick die Verunsicherung von mir ab. Ich entgegnete mit einer Entschiedenheit, die mich wundert, wenn ich heute an diesen Moment zurückdenke: »Dann komme ich mit.«

»Das geht nicht.«

»Warum nicht?«

»Wegen meiner Arbeit, das weißt du doch.«

Trotz meiner sieben Jahre war mir das klar. Dennoch erwiderte ich: »Das ist mir egal.«

»Ich arbeite den ganzen Tag, ich bin so oft und so lange unterwegs.«

»Ich kann mir morgens und abends mein Brot alleine schmieren, das mache ich doch sowieso schon.«

»Schatz.« Er holte Luft und sagte gequält: »Das geht einfach nicht.«

»Geht es doch.«

»Sei nicht so stur.«

»Ich bin aber stur.«

»Ja«, lächelte er. »Das bist du.«

Natürlich half meine Sturheit mir in dieser Frage nicht weiter und ich blieb bei meiner Mutter. Die Trennung von meinem Vater fiel allerdings nicht so schlimm aus wie befürchtet. Obwohl ein Umzug ihm beruflich sehr viel Zeit erspart hätte, blieb er in Gießen wohnen. Wir sahen uns weiterhin regelmäßig. Mag sein, dass ich dies heute, rückblickend betrachtet, ein wenig verkläre, aber ich glaube, dass ich dies nicht zuletzt eben meinem Dickschädel verdanke. Womit wir wieder beim Kopf sind.

5

Es war der 20. Juni 1996. Für die ersten zwei Stunden stand Sport auf dem Stundenplan. Einige meiner Klassenkameraden sollten das Sportabzeichen nachholen. Ich hatte meines bereits in der Vorwoche errungen, weswegen ich zu jenen Schülern gehörte, die mit Stoppuhr bewaffnet an der Ziellinie wachten.

Mir war das ganz recht, denn bereits seit den frühen Morgenstunden plagten mich Kopfschmerzen. Nicht sehr heftig, aber doch so, dass ich wenig Lust verspürt hätte, eine Runde nach der anderen auf der Rennbahn zu absolvieren.

Im Anschluss blieb noch ein bisschen Zeit bis zur Pause und wir kehrten in die Halle zurück, wo wir Brennball spielten. Inzwischen hatten die Kopfschmerzen an Heftigkeit zugelegt. Die Turnhalle verschwamm vor meinen Augen. Meine Mitschüler und den Lehrer nahm ich nur noch schemenhaft wahr. Dementsprechend unaufmerksam war ich. Der Ball erwischte mich und ich schied aus. Erleichtert setzte ich mich zu den anderen an den Spielfeldrand.

Das Wummern hinter meiner Stirn war beinahe unerträglich. Tränen schossen mir in die Augen. Die anderen Schüler machten den Lehrer darauf aufmerksam. »Was ist mir dir?«, fragte er.

Ich würgte, so schlimm dröhnte es in meinem Kopf. »Kopfschmerzen«, brachte ich mühsam hervor.

Der Lehrer half mir auf und brachte mich zu dem Mattenwagen. »Leg dich hin, dann wird’s bestimmt besser.«

Ich ließ mich auf den Berg Gymnastikmatten sinken. Tatsächlich verspürte ich ein bisschen Linderung. Beruhigt schloss ich die Lider. Die Dunkelheit besänftigte den Schmerz etwas. Müdigkeit schwappte über mich hinweg und trieb mich fort.

Emily und der erste Traum von Freiheit

1

Als ich die Augen wieder öffnete, trübte ein nebeliger Schleier meinen Blick. Um mich herum dudelte und fiepte es. Meine Lider flackerten und mein Blick schärfte sich ein wenig.

Durch den Dunst erkannte ich, dass ich nicht mehr auf den Gymnastikmatten lag, sondern in einem Bett, das umgeben war von seltsamen Geräten, die noch seltsamere Töne von sich gaben. Etliche Monitore zeigten Grafiken, deren Sinn sich mir nicht erschloss. Schläuche führten an meinen Kopf, in die Nase und in den Hals, an meine Arme und Beine, wo Kanülen unter meine Haut stachen. Dutzende Kanülen. Ich hasse Nadeln! Mir wurde schlecht bei dem Anblick.

Was war geschehen? Wo war ich? Wo war meine Familie? Ich bemerkte ein Stofftier in meiner linken Hand. Eine putzige Maus, die mich so munter anlachte, dass ich für einen Augenblick die Nadeln und all meine Fragen vergaß. Das kleine, süße Kuscheltier fesselte meine Aufmerksamkeit und ich wollte es mir näher vor Augen halten.

Doch aus irgendeinem Grund gehorchte mein Arm nicht. Genauso wenig wie mein Bein. Es schien, als hörte mein ganzer Leib nicht auf den Befehl, sich zu bewegen. Nein, nur meine linke Körperhälfte war wie gelähmt. Aber diese Erkenntnis konnte das Entsetzen nicht mildern.

Verzweifelt suchten meine Augen die Maus. Sie war meiner Hand entglitten, lag jetzt auf dem Boden. Ich wollte sie zurück, aber wie? So sehr ich es mir auch wünschte, ich konnte mich nicht bewegen. Es gelang mir lediglich, einige der Streifen und Pflaster von meiner Haut zu zupfen. Sirenen jaulten auf. Keine zehn Sekunden später kamen ein Arzt und eine Krankenschwester in das Zimmer gestürmt.

Mit großen Augen starrten sie mich an, als ich mit der rechten Hand auf den Boden wies. Die Schwester begriff als Erste, bückte sich und drückte mir das Stofftier zwischen die Finger. Kaum dass ich den Plüsch spürte, griff die Erschöpfung nach mir, der Nebel kehrte zurück. Kurz darauf versank ich in Dunkelheit.

2

Als ich das nächste Mal erwachte, rollte man mich gerade in einem Bett durch einen lang gezogenen Gang. Grelle Neonröhren waberten über mir. Stimmen geisterten an mein Ohr. Das Gesicht meiner Mutter erschien in meinem Blickfeld. Ihr Mund bewegte sich. Mit einiger Verzögerung hörte ich sie sagen: »Hallo, mein Schatz.«

»Mama!«, brachte ich hervor und es klang erstaunlich verzerrt. Was zum Teufel hatten die Ärzte mir gespritzt? Beim Gedanken an die Nadeln wurde mir wieder übel.

Ich konzentrierte mich auf meine Mutter. Sie rieb sich die Nase. Tränen blitzten in ihren Augenwinkeln.

»Wo bin ich?«

Meine Mutter schluchzte. »Wir bringen dich auf die Allgemeine Station.«

Ich verstand nicht. »Und wo war ich?«

Wieder ein Schluchzen. »Du warst auf der Intensivstation.«

Sie stockte. Obwohl die Medikamente, die aus einem Tropf in mich glucksten, mich noch immer benebelten, spürte ich, dass ihre Sprachlosigkeit nur Erleichterung war. Sie lächelte. »Ab sofort solltest du die Schwestern nicht mehr ärgern.«

Ich begriff nicht. Mein Sichtfeld verengte sich. Mein Verstand war wieder auf dem Weg in die Dunkelheit. Ich hörte sie noch sagen: »Das mit dem Stofftier … auf der Allgemeinen Station … weniger Personal als auf der Intensivstation …«

3

Als ich endlich wieder bei vollem Bewusstsein war, bekam ich drei Mal täglich 60 Milliliter Kortison. Noch mehr Spritzen! Was die Angelegenheit noch schlimmer machte: Die Ärzte verzweifelten an meinen schlechten Venen. Drei oder vier Mal am Tag legten sie einen neuen Zugang. Schon bald waren meine Arme verschorft und verknorpelt. Der Arzt resignierte: »Da geht nichts mehr rein.«

Jetzt nahmen sie meine Füße, die Hände, den Hals. Überall dort, wo Nadeln in der Haut richtig schmerzen, Tag für Tag, Woche für Woche. Eine Tortur. Zum Verzweifeln. Immer wieder kam die Krankenschwester ins Zimmer und stellte fest: »O nein, der Zugang ist schon wieder raus.« Und immer wieder holte sie den Arzt, der dann einen neuen Zugang legte. Noch mehr Stiche. Noch mehr Schmerzen.

Eines Tages reichte es mir. Ich war erschöpft und mit den Nerven am Ende. Alles tat mir weh. Ich heulte und tobte und wollte nicht mehr, dass der beschissene Arzt mich erneut mit seinen beschissenen Nadeln malträtierte.

Mit Hilfe der Schwester hatte er meinen kläglichen Widerstand schnell gebrochen und jagte mir die nächste Kanüle unerbittlich unter die Haut. Das Gleiche am nächsten Tag. In der nächsten Woche. Im nächsten Monat. Es ging immer weiter. Egal, was ich machte, es ging weiter. Es passierte und ich konnte nichts dagegen tun. Drei verfluchte Monate lang.

Und jeden neuen Tag bat ich inständig darum, dass es der letzte sein möge.

4

Doch während ich auf meinem Krankenbett lag und die Decke anstarrte, reifte in mir die Erkenntnis: Es gibt immer einen neuen Tag. Egal, was ich unternahm, wie sehr ich mich dagegen wehrte: Am nächsten Tag ging die Sonne wieder auf. Und sie war kein Zeichen für Hoffnung: Der Arzt kam vorbei. Er trieb mir die Nadeln unter die Haut. Ich konnte zusehen, wie ich damit klarkam. Ich musste lernen, damit umgehen.

Genauso wie mit der Gefäßmissbildung, die unbemerkt seit meiner Geburt in meinem Hirn gewachsen war.

Eigentlich fällt sie erst auf, wenn sie platzt. Oder niemals. Es gibt Menschen, die werden mit einem Angiom achtzig Jahre alt und entschlafen schließlich glücklich und in Frieden, ohne dass sie je von ihrem kleinen »Dachschaden« wussten. Bei anderen wiederum platzt das Blutgefäß unversehens. Dann staut sich das Blut im Kopf, kann nicht ablaufen und drückt auf das Gehirn. Wenn es anfängt, weh zu tun, ist auch schon Feierabend. Licht aus. Ende. Noch bevor man überhaupt erfährt, was Sache ist.

Es sei denn, zufällig ist rechtzeitig ein Arzt zur Stelle. Der kann fürs Erste das Schlimmste verhindern und einen darüber informieren, dass man an einem so genannten Angiom leidet. Die eigentliche Gefahr ist damit allerdings noch nicht gebannt. Die Blutung im Hirn kann jederzeit wieder auftreten.

Ob ich leben oder sterben würde, sollte sich bei mir mit einer Bestrahlung im Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg entscheiden. Als ich im Dezember 1996 dorthin verlegt wurde, war mir und meinen Eltern klar: Der Zeitraum, den der »Gefäßklumpen« in meinem Schädel nach der Bestrahlung brauchen würde, um zu heilen, konnte sich auf bis zu fünf Jahre erstrecken.

Ich gab mich tapfer. »Wenn’s weiter nichts ist.«

Mein Vater schwieg und ich spürte, dass da noch mehr war. »Was noch?«

»In dieser Zeit kann das Angiom jederzeit erneut aufplatzen.«

»Und?«

»Dann müssen sie dich operieren.«

Noch immer wusste ich nicht, worauf er hinauswollte. »Was denn dann?«, drängte ich.

»Die Gefäßmissbildung liegt so ungünstig, dass sie, wenn sie operieren, wahrscheinlich einen Großteil deines Stammhirns beschädigen.«

Ich wollte witzig sein. »Dann bleibt nur Gemüse übrig, richtig?«

Wieder sagte er keinen Ton. Aber auch mir war nicht nach Lachen zumute. Denn was brachte mir ein Leben, von dem ich nichts mehr mitbekam?

5

Ich war gerade elf Jahre alt geworden. Mit einer Klarheit, die mir heute beinahe Angst macht, wusste ich plötzlich: Manche Dinge im Leben lassen sich beeinflussen. Aber es gibt eben auch Situationen, denen man hilflos ausgeliefert ist. So wie diese jetzt. Ein verflucht beschissenes Gefühl.

Ich schwor mir: Sollte die Bestrahlung anschlagen, sollte ich die Krankheit heil überstehen, dann würde ich alles daran setzen, mein Leben in die Hand zu nehmen, damit ich in Zukunft nie wieder irgendjemandem oder einer Sache so ausgeliefert sein würde wie in jenen Wochen und Monaten.

Was soll ich sagen? Die Bestrahlung schlug tatsächlich an, eine Operation war fürs Erste nicht mehr notwendig. Ich ging wieder zur Schule. Bis die Wunde in meinem Kopf endgültig abgeheilt war, durfte ich keinen Sport treiben und auch sonst nichts unternehmen, was den Blutdruck über den normalen Pegel trieb. Ich durfte in den Pausen nicht auf den Schulhof, im Sommer nicht ins Freibad. Jeden Morgen brachte mich meine Mutter zur Schule. Und holte mich am Mittag wieder ab. Wollte ich eine Freundin besuchen, fuhr mich mein Vater mit dem Auto.

So mischte sich die Krankheit noch fast zwei Jahre in mein Leben ein. Schränkte mich ein. Belastete mich. Erinnerte mich immer und immer wieder daran, wie haarscharf ich am Tod vorbeigeschrammt war.

Ich war jung, gerade mal zwöf Jahre alt. Doch die Erkenntnis war wie ein gewaltiger Orkan über mich hinweggefegt und hatte einen ungeheuren Lebenshunger zurückgelassen. Nicht dass ich diesen Zusammenhang schon damals begriffen hätte, aber in mir wuchs der Wunsch, mehr zu erleben. Denn ich wusste am besten: Es kann jeden Tag vorbei sein.

6

Als ich die siebte Klasse besuchte, auf dem Gymnasialzweig der Gießener Gesamtschule, trug uns die Religionslehrerin auf, das Vaterunser auswendig zu lernen.

Das tat ich, wie alle anderen in meiner Klasse. Tage später ging es reihum und jeder hatte das Vaterunser vorzubeten. Irgendwann stand die Lehrerin vor meinem Pult. »Kannst du es auch auswendig?«

»Ja«, erwiderte ich. »Ich kann es auswendig.«

Weil ich sonst nichts sagte, hob die Lehrerin die Augenbraue. »Dann sprich es doch bitte.«

»Nein, das mach ich nicht.« In der Klasse war es mit einem Schlag mucksmäuschenstill.

Die Lehrerin sah mich verunsichert an. Ich wich ihrem forschenden Blick nicht aus, sondern stellte noch einmal klar: »Ich kann das Vaterunser auswendig.«

»Das hast du bereits gesagt. Dann solltest du es auch aufsagen.«

»Nein.«

»Warum nicht?«

Ich hatte mir die Worte bereits sorgsam zurechtgelegt. »Ich finde, wenn es einen Gott gibt – was ich nicht glaube, aber ausschließen kann ich es auch nicht –, dann ist es ziemlich heuchlerisch, ihn anzurufen, nur um fünf Minuten später zu sagen: Ich glaube nicht an dich. Du interessierst mich nicht.«

Ein Tuscheln setzte unter meinen Mitschülern ein. Die Lehrerin strafte mich mit einem grimmigen Blick. »Betest du jetzt das Vaterunser oder nicht?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Du weißt, dass ich dir dann eine Sechs geben muss. Wegen Arbeitsverweigerung.«

Ich nickte.

»Und auch, dass ich deiner Mutter Bescheid geben muss.«

Ich dachte an meine Mutter. Sie ist sehr gläubig. Sie geht zwar nicht jeden Tag in die Kirche und betet auch nicht jedes Mal vor dem Essen oder Zubettgehen. Aber sie glaubt an Gott. Daraus macht sie keinen Hehl.

Deshalb wurde bei uns häufig über Gott gesprochen, vor allem an kirchlichen Feiertagen wie Ostern oder Weihnachten. Ich wusste schon in jungen Jahren, dass das Christkind kein kleines, liebreizendes Kind mit blonden Locken war, sondern ein langhaariger, bärtiger Mann, der im Alter von 33 Jahren für die Sünden der Menschheit am Kreuz gestorben war.

Eine wirklich schöne Geschichte. Mehr aber nicht.

Ich bekam die Sechs. Und ein fürchterliches Donnerwetter daheim.

Meine Mutter tobte: »Du mit deinem Dickkopf. Es hätte dir doch keinen Zacken aus der Krone gebrochen, wenn du das Gebet aufgesagt hättest.«

»Ja, das stimmt, das hätte es nicht«, räumte ich ein. »Ich kann das Gebet auch aufsagen.«

»Aber?«

»Ich wollte einfach nicht.«

»Warum denn nicht?«

Ich schwieg. Und dachte: Ich will nicht den Glauben an das Leben. Ich will das Leben selbst.

7

Meine Klassenkameradinnen gingen zur Schuldisco, hörten langweilige Chart-Musik von den Spice Girls oder den Backstreet Boys, tranken Limonade, hielten Händchen, tauschten erste Küsse und träumten dabei vom Traummann, der ein schönes Auto fährt und möglichst eine Eigentumswohnung, noch besser ein eigenes Haus besitzt, über dessen Schwelle er sie trägt, natürlich im weißen Hochzeitskleid, um zwei oder drei Kinder zu zeugen.

Was für ein Bullshit!

Ich hing mit den Mädchen und Jungs aus den Klassen über mir ab. Sie waren 15, 16 Jahre alt, hörten Rock und Heavy Metal. Das klang nach Leben.

Leben extrem. Extrem schön. Ja, die Älteren an meiner Schule wurden zu meinen Vorbildern. Erst begann ich ihre Musik zu hören, laut und voller Gitarrengeschrammel. Dann wechselte ich wie sie mein Outfit, färbte mir meine Haare kunterbunt, schminkte mich stark, trug eine Lackjacke mit Fellkragen, eine schwarze Lackhose mit Nieten und einem Schlag.

Als ich die Klamotten im Schaufenster entdeckte, war ich Feuer und Flamme. Meine Mutter sah das Unheil kommen: »Lass uns zuerst noch in ein paar andere Geschäfte gehen.«

»Ich will aber diese Sachen haben!«

»Das ist doch Plastikzeug, in dem du fürchterlich schwitzt.«

»Ja und?«

Meine Mutter streckte die Waffen. Wir betraten den Laden und ich verdrückte mich in die Umkleide. Als ich mit den Klamotten am Leib vor dem Spiegel stand, entfuhr es meiner Mutter: »Du siehst nuttig aus!«

»Was soll das heißen?«

»Billig!«

Ein Wort wie ein Peitschenhieb, der voll daneben traf. »Nuttig ist extrem und extrem ist schön.« Ein blöder Spruch, ich weiß, aber damals war es mein Lebensmotto.

Meine Freunde waren begeistert und schickten mich in den Supermarkt zum Schnapsholen.

»Wieso geht ihr nicht selbst?«, wollte ich wissen.

»Weil du ihn kriegst, wir nicht.«

Auch in die Diskotheken, in die mich meine neuen Freunde schleppten, kam ich trotz meiner jungen Jahre problemlos rein. Aus den Boxen dröhnten die Ärzte und die Toten Hosen. An anderen Tagen hingen wir in Kneipen ab. Im »Taranis«, einer Mischung aus Rock- und Billard-Kneipe, trank ich zum ersten Mal Whiskey. Dort begann ich auch Zigaretten zu rauchen.

Daheim versteckte ich die Kippen in einer kleinen, unscheinbaren Box in meinem Kleiderschrank. Aus irgendeinem Grund kam meine Mutter dahinter. Sie petzte es meinem Vater. Als ich ihn am darauffolgenden Wochenende besuchte, stellte er mich übellaunig zur Rede: »Du rauchst?«

Leugnen war zwecklos, also gab ich unumwunden zu: »Ja.«

»Das will ich nicht.«

»Du rauchst doch auch.«

Er fuhr auf. »Du bist zwölf Jahre alt!«

»Und?«

»Und du bist noch immer nicht gesund.«

»Meinst du, das Rauchen ändert etwas daran?«

»Du hattest es mit den Gefäßen. Meinst du, es ist eine gute Idee, eine Droge zu nehmen, die dir die Gefäße ruiniert?«

Ich begriff, dass er Angst hatte, Angst, seine Tochter zu verlieren. Ich bekam ein schlechtes Gewissen und stammelte: »Es tut mir leid.«

»Dann mach es nie wieder.«

»Ja«, versprach ich und verabschiedete mich gleich darauf. Ich fühlte mich schäbig, denn ich wusste, dass ich ihn angelogen hatte. Die Krankheit lag hinter mir. Ich dachte nicht mehr daran. Nur noch ans Leben. Und daran, wie schnell es enden konnte.

Da half es auch nicht, dass meine Eltern mir mit Stubenarrest drohten oder damit, das Taschengeld zu kürzen. Ich verdrückte mich weiterhin an den Schultagen in den Pausen in die Raucherecke, wo ich von allen die Jüngste war. Das war mir egal, auch, dass ich nicht wirklich auf Lunge rauchte, sondern nur paffte. Bis eine der Oberstufenschülerinnen lachte: »Ja, ja, die Pimpfe, die paffen nur.«

Ich kannte das Mädel gar nicht, und eigentlich hätte es mir egal sein können, was sie von mir dachte. Aber dieser Spruch saß mir irgendwie quer und ich beschloss: Jetzt kiffe ich!

Natürlich wusste ich dank meiner Freunde längst, wer an der Schule was zu verticken hatte. Emily und ihr Freund Daniel waren daher meine erste Adresse. Die beiden waren drei Jahre älter als ich und staunten Bauklötze, als ich plötzlich vor ihnen stand: »Was willst du Küken denn von uns?«

»Ich will kiffen.«

Ich muss wohl ziemlich überzeugend gewirkt haben, denn sie gaben mir tatsächlich was. Wir rauchten einen Joint zusammen, alberten herum und verstanden uns prächtig.