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Indem ich den Halbindianer oder Halfbreed schrieb, beabsichtigte ich gewissermaßen eine Illustration zu meinen früher erschienenen Reisewerken zu geben.
Während eines langjährigen Aufenthaltes an den Grenzen der Civilisation und in abgelegenen Wildnissen häuft sich nämlich der Stoff so sehr, daß man ihn füglich nicht in den Reisewerken verwenden kann, ohne deren Charakter wesentlich zu verändern, ja, zu beeinträchtigen.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Balduin Möllhausen
H a l f b r e e d
Roman-Trilogie
INHALTSÜBERSICHT
Der Halbindianer
Der Flüchtling
Der Majordomo
Erzählung
aus dem westlichen Nord-Amerika
von
Balduin Möllhausen.
© 2025 Librorium Editions
ISBN : 9782385748470
INHALT.
Einleitung.
1. In der Havanna.
2. Am obern Missouri.
3. Die Stromfahrt.
4. Auf der Mission.
5. Der Tod eines Gerechten.
6. Auf der Plantage.
7. Das Haus der St. Louis Pelz-Compagnie.
8. Die junge Auswanderin.
9. Die Schicksale einer Auswandererfamilie.
10. Die einsame Schenke.
11. Die Zwillinge.
12. Lefèvre.
13. Die Adler-Compagnie.
14. Volksjustiz.
15. Nach Kalifornien.
16. Der letzte Wille.
17. Die Schmiede.
18. Die Kalifornia-Emigranten.
19. Die Potowatome-Familie.
20. Der Isthmus von Panama.
21. Auf der Reise und im Lager.
22. Der erste Anfall.
23. Die Salzsee-Stadt.
24. Das nächtliche Gelage.
25. Der verunglückte Reisende.
26. Die Flucht.
27. Die Felsenhöhle.
28. Der Kampf.
29. Das Nest des Adlers.
30. Der Handel.
31. Nach Kalifornien.
32. In Kalifornien.
33. Die Hölle.
34. In den Goldminen.
35. Der Engpass.
36. Der Bigler-See.
37. Die Blockhütte.
38. Gerichtsverfahren in den Goldminen.
39. Das Erkennen.
40. Der Abschied.
41. Auf der Plantage.
42. Schluss
Indem ich den Halbindianer oder Halfbreed schrieb, beabsichtigte ich gewissermaßen eine Illustration zu meinen früher erschienenen Reisewerken zu geben.
Während eines langjährigen Aufenthaltes an den Grenzen der Civilisation und in abgelegenen Wildnissen häuft sich nämlich der Stoff so sehr, daß man ihn füglich nicht in den Reisewerken verwenden kann, ohne deren Charakter wesentlich zu verändern, ja, zu beeinträchtigen.
Beim Rückblick aber auf die Zeiten des unstäten, vielbewegten Wanderlebens tauchen in der Erinnerung Scenen und Begebenheiten auf, die man früher übersah, oder für nicht wichtig hielt. Jeder Tag wird gleichsam immer wieder von Neuem verlebt, und scheint es fast, als ob das in der Vergangenheit suchende geistige Auge mitunter schärfer sieht und auffaßt, wie einst das Körperliche an Ort und Stelle.
Dergleichen auftauchende Bilder in ein Ganzes zusammenzufügen, war in den nachfolgenden Blättern meine Aufgabe, und wählte ich zu diesem Zweck eine Geschichte, in welcher namentlich die Vorurtheile der Amerikaner gegen jede dunkler gefärbte Haut, und die daraus entspringenden Folgen dargelegt werden.
Mit Freuden mischte ich mich im Laufe der Erzählung in das Volksleben; ich fand reichen Genuß in der Schilderung der üppigen, wie der stiefmütterlich behandelten Natur, der sie belebenden Geschöpfe und deren wunderbaren Treibens; mit eigener Spannung folgte ich den wilden Eingeborenen auf dem blutigen Kriegspfade bis in die fast undurchdringlichen Wüsten, und suchte mit Vorbedacht die Handlungen jedes Mal mit den Sitten der verschiedenen Nationen und der, Alles beeinflussenden Naturumgebung in Einklang zu bringen.
Wo es aber galt, die Gebrechen und Schattenseiten der menschlichen Gesellschaft bloszustellen, da ging ich schonungslos zu Werke.
Ob ich nun in dem Einen oder dem Andern von eifrigen Gefühlen zu weit fortgerissen wurde, und wie weit es mir überhaupt gelungen, die mir selbst gestellte Aufgabe zu lösen, das muß ich der Entscheidung eines nachsichtigen Publikums überlassen.
B. M.
Nächtliches Dunkel und geheimnißvolle Stille ruhte auf der palmenbeschatteten Havanna. In kurzen, kaum wahrnehmbaren Pausen hauchte die einschlummernde Seebrise über den stolzen Hafen hin und kräuselte strichweise die spiegelglatten Fluthen, aus welchen Fahrzeuge jeder Art, regungslos, wie in tiefen Schlaf versunken, vor den straffen Ankerketten lagen.
Es war eine jener sternenklaren, feuchten tropischen Nächte, welche gewöhnlich auf glühendheiße Tage folgen, und unter deren Einfluß die durch anhaltende Dürre leidende Vegetation sich aufrichtet und gleichsam neue Lebenskraft trinkt. In Millionen von Thautropfen spiegelte sich der volle Mond, bald leise schwankend, bald zitternd und bebend schwamm sein liebliches Bild auf der umfangreichen Wasserfläche, und wie von bläulichem Feuer magisch beleuchtet erschienen die breiten Dächer der schönen Stadt, die malerischen Thürmchen und Mauern der Hafenbefestigungen, die zahllosen Masten und die schlanken Palmen. Nur hin und wieder schimmerte noch ein Licht durch die geöffneten Fenster, wo vielleicht das gelbe Fieber von menschlicher Kunst, aber in den wenigsten Fällen siegreich, bekämpft wurde, oder wo heißblütige Sennoritas und träge Sennors kühlen Champagner schlürften, zierlich gedrehte Cigarritos rauchten, den fröhlichen Klängen wohlgestimmter Guitarren, oder süßen aber gehaltlosen Liebesworten lauschten. Doch Ausbrüche des Schmerzes wie der Freude verschwanden in der stillen Nacht, und nichts störte den Eindruck, hervorgerufen durch die Umgebung, durch die feierliche Ruhe und das tiefblaue monderleuchtete Firmament.
Auf der Südseite des Hafens, da, wo längere unangebaute Strecken sich zwischen den Kohlenmagazinen und den Festungswerken hinziehen, gerade gegenüber dem westlichen Ende der Stadt, erblickte man in jener Nacht einen einsamen Spaziergänger. Derselbe schien auf Jemand zu harren, denn langsam auf- und abschreitend, sandte er zeitweise seine Blicke nach der Mitte des Hafenbeckens hinüber, wo eins jener riesenhaften Dampfböte vor Anker lag, welche dazu dienen, den Verkehr zwischen Neu-York und Panama aufrecht zu erhalten. Ungeduldig zog er häufig seine Uhr, und überzeugte sich, dieselbe gegen den Mond haltend, von dem Stand der Zeit, wobei er murmelnd seinen Unwillen über den Ausbruch des gelben Fiebers äußerte, in Folge dessen es den Passagieren nicht gestattet war, das Dampfboot zu verlassen und frei mit den Bewohnern der Havanna zu verkehren.
Die Thurmuhren der Stadt meldeten die Mitternachtstunde, und mit den gewöhnlichen acht Schlägen bezeichneten die zahlreichen Schiffsglocken die Zeit der Ablösung. Der Spaziergänger lauschte; kaum war aber der letzte Ton zitternd in der stillen Atmosphäre verhallt, als er den leichten Mantel, welcher ihn schon größtentheils verhüllte, vollständig über den Kopf zog und die eine Hand an den Mund legend, einen kurzen Pfiff ausstieß. Alsbald erhob sich auf dem, ungefähr dreißig Ellen weit entfernten Ufer eine Gestalt aus dem Grase, die man sogleich für einen halbnackten Neger erkannte. Derselbe ergriff, ohne weitere Befehle abzuwarten, zwei Ruder, die neben ihm gelegen hatten, und verschwand darauf hinter einem kleinen Vorsprung, wo versteckt im Schatten eine leichte Gondel lag. Wenige Augenblicke nachher glitt das Fahrzeug vor den kräftigen, aber geräuschlosen Schlägen in’s offene Wasser und nahm seine Richtung auf das erwähnte Dampfboot zu.
Die Blicke des geheimnißvollen Mannes auf dem Ufer folgten aufmerksam jeder Bewegung des Negers, dessen Ruder tief in die Fluthen tauchten und phosphorisch leuchtende Wirbel erzeugten, welche sich mit den blitzenden Wellen hinter der Gondel vereinigend, weithin den zurückgelegten Weg deutlich bezeichneten. Ungefähr in der Mitte zwischen dem Ufer und dem Dampfboot hielt der Neger plötzlich mit Rudern inne, das Fahrzeug glitt noch eine kurze Strecke weiter, lag endlich ganz still, und schnell ebnete und verdunkelte sich dann das bewegte Wasser hinter demselben.
Augenscheinlich mit großer Aengstlichkeit beobachtete der Fremde nunmehr die schwarzen unbestimmten Umrisse des Dampfers. Ein schwaches Blitzen, wie wenn der Stahl mit dem Feuerstein in Berührung gebracht, oder ein Streichholz entzündet wird, zeigte sich jetzt dreimal auf dem Bugspriet. Der Fremde athmete tief auf; die Ruder des Negers senkten sich kaum hörbar plätschernd in’s Wasser, und zwei Minuten später glitt das schwanke Fahrzeug in den Schatten des schwimmenden Kolosses. Fast ebenso schnell wie es verschwunden war, erschien es aber wieder auf der mondbeleuchteten Fläche, um den Rückweg einzuschlagen. Kräftig legte sich der Neger gegen die Ruder, und als er sich dem Ufer näherte, wurde eine zweite Gestalt sichtbar, die im Hintertheil sitzend, mittelst eines kleinen Steuers die Gondel in der beabsichtigten Richtung hielt. Kaum bemerkte der Mann aus dem Ufer, daß der Neger nicht allein kam, so schritt er schnell zum Wasser hinunter; und als der Kiel des Fahrzeugs auf dem Sande knirschte, rief er dem Erwarteten mit unterdrückter Stimme zu: »Endlich kommt Ihr! schon seit Wochen schaue ich vergeblich nach Euch aus!«
Jener sprang an’s Ufer, begrüßte den Harrenden mit kurzen Worten, und nachdem der Neger den Befehl erhalten, eine Strecke in den Hafen hinein zu rudern, und dort stille zu liegen, begaben sich Beide schweigend nach einer nahen Anhöhe, deren grasige Oberfläche nicht den geringsten Schatten bot, in dem ein unberufener Lauscher sich hätte verbergen können.
Das Licht des Mondes fiel nunmehr voll auf ihre Züge, von welchen sie, nach des Negers Entfernung, die Hülle hatten fallen lassen.
Der zuerst erwähnte Mann, ein Funfziger, den wir Antonio nennen, zeigte eine lange hagere Gestalt, die weder große Kraft noch Gewandtheit verrieth, und durch die Drapperie des Mantels nur gewann, weil diese sie eben größtentheils verbarg. Das von einem leichten breitrandigen Strohhut beschattete Gesicht war von jener südlich gelblichen Blässe, welche man oft geneigt ist für krankhaft zu halten. Die unstäten Augen deuteten durch ihr unheimliches Blitzen auf ein ganzes Heer von Leidenschaften, die schmalen zusammengekniffenen Lippen dagegen auf eine nicht gewöhnliche Willenskraft, während die schwarzen Haare, Brauen und der sehr kurz gehaltene Backenbart der ganzen Physiognomie einen überaus düstern Charakter verliehen.
Der Andere, den Antonio mit dem Namen Browns anredete, hatte ebenfalls zum Schutz gegen den starken Thau, vielleicht mehr noch, um nicht durch seinen leichten weißen Anzug unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, einen farbigen Plaid um die Schultern geworfen. Kleiner wie sein Gefährte, schien er demselben jedoch an physischer Kraft weit überlegen zu sein. Beim Hinblick aber auf die verschiedenen Physiognomieen mußte man, mit Rücksicht auf geistige Fähigkeiten, unbedingt Ersterem den Vorrang zugestehen, wenn auch dem runden gewöhnlichen Gesicht des Letzteren, vorzugsweise aber den kleinen geschlitzten Augen, der Ausdruck einer bedeutenden Schlauheit nicht mangelte.
Beide, obgleich in vertraulicher Unterhaltung begriffen, bewiesen durch Worte und Bewegungen, daß sie gewohnt waren, sich in gebildeten Kreisen zu bewegen, doch ließ Browns auch zuweilen Redensarten hören, welche bekundeten, daß ihm die niedrigste Klasse der menschlichen Gesellschaft ebenfalls nicht fremd sei.
»Ihr seht, Browns,« hob Antonio an, »daß ich Euch an einen Ort führte, wo wir vor Verräthern vollständig sicher sind. Daß Euch hier keine Bequemlichkeiten erwarten, habt Ihr lediglich dem gelben Fieber und der Quarantaine zu verdanken, wodurch ich gehindert wurde, Euch in meiner Behausung zu empfangen.«
»Keine Entschuldigungen,« antwortete Browns, »einen geeigneteren Ort hättet Ihr nach den sorgfältigsten Forschungen nicht entdecken können. Mauern haben zuweilen Ohren, und man spricht freier, wenn man außer dem schweigsamen Mond keine Zeugen hat. Daß übrigens meine Mittheilungen von Wichtigkeit sind, könnt Ihr daraus entnehmen, daß ich, um die Gefahr eines Briefwechsels zu vermeiden, überhaupt die lästige Reise von Neu-Orleans hierher unternahm.«
»Zur Sache denn,« erwiederte Antonio, indem er sich auf den Rasen niederließ und Browns aufforderte, seinem Beispiele zu folgen. »Ist es Euch gelungen, eine genaue Einsicht in die Vermögensverhältnisse des Gatten meiner Stiefschwester zu gewinnen?«
»Natürlich war meine Mühe nicht vergeblich, wenn auch nicht mit solchem Erfolg gekrönt, wie ich es wohl wünschte. Auf der Plantage haften keine Schulden, wie ich Euch schon brieflich mittheilte, und wenn ich jeden Neger durchschnittlich auf nur achthundert, und jede Negerin auf fünfhundert Dollars rechne, so wird die Gesammtmasse nicht unter einer Million betragen, ohne der vier Häuser in der Stadt zu gedenken.«
»Also eine Million.« sagte Antonio in nachdenkender Weise. »Meine Schwester wird eine reiche Wittwe werden. Doch wie steht es mit der Gesundheit des alten Nabob?«
»Sein Magenleiden tritt jetzt in hartnäckigerer Weise auf, und es ist kaum zu vermuthen, daß er sein Leben noch länger als zwei Jahre hinschleppen wird. Dazu nagt der Gedanke der Kinderlosigkeit jetzt doppelt an seinem Herzen und es ist sehr zu befürchten, daß er auf den Einfall kommt, unter den Pawnee-Indianern nach seiner Nachkommenschaft zu forschen. Ob dergleichen Nachforschungen erfolgreich werden können, müßt Ihr ja am besten wissen.«
»Hat er eine Ahnung von der Existenz seines indianischen Kindes?«
»Nur eine schwache Ahnung, wie mir Eure Schwester selbst versicherte. Die beiden Briefe, ohne Zweifel die einzigen, welche der alte Missionair je in dieser Angelegenheit schrieb, kamen ja in ihre Hände, und jetzt ist es kaum noch denkbar, daß ein Brief von dort Euern Schwager erreichen kann, weil Eure Schwester keinen andern Menschen mehr in seiner Nähe duldet.«
»Nennt ihn nicht meinen Schwager,« fuhr Antonio auf, »ich hasse diese Bezeichnung, wie Ihr wißt, seit seine Thür mir verschlossen wurde. Es handelt sich jetzt darum, meine Schwester in den unbeschränkten Besitz des Vermögens zu bringen. Ist das geschehen, so hält es nicht schwer, die ganze Masse nach dem Ableben ihres Gatten von Neu-Orleans nach Cuba hinüber zu schaffen, und bei ihrer Anhänglichkeit an die Religion, in der sie erzogen, wird sie sich kaum weigern, schon bei Lebzeiten die Kirche zu ihrer Erbin zu ernennen.«
»Ich setze keinen Zweifel in Eure Worte,« erwiederte Browns, »doch möchte ich Euch daran erinnern, daß ich selbst zu gar keiner Kirche gehöre, und es daher von sehr geringer Wichtigkeit für mich ist, wer überhaupt Erbe wird. Ihr wißt, daß die Verwirklichung Eurer Pläne und Hoffnungen hauptsächlich in meinen Händen ruht, und möchte ich meine Zeit und meine Mühe ungern um nichts und wieder nichts verschwenden, und dazu noch Gefahr laufen, vor irgend ein beliebiges Gericht gestellt zu werden.«
»Seid Ihr nicht zufrieden,« versetzte Antonio, nicht ohne einen Anflug von Verdruß, »daß Ihr mir zur Ausführung meiner Pläne unumgänglich nothwendig, und mir deßhalb Bedingungen vorschreiben könnt? Seid Ihr nicht zufrieden mit dem, was Ihr schon durch mich erlangt habt? Nicht zufrieden mit der Aussicht, nach glücklicher Beendigung dieser Sache ein Zehntel des ganzen Vermögens beanspruchen zu können?«
»Bis jetzt, ja,« antwortete Browns, »doch wird der letzte entscheidende Schritt von mir nur gegen Einhändigung einer rechtsgültigen Schuldverschreibung gethan werden. Ihr für Eure Kirche, oder was eben so viel sagen will, für Euch, und ich für mich,« fügte er mit höhnischem Lächeln hinzu. »Doch Monate, vielleicht Jahre mögen noch bis zu diesem Zeitpunkte hingehen; für jetzt genügt es mir, Euch auf meine Wünsche aufmerksam gemacht zu haben! Uebrigens bin ich bereit, Eure ferneren Anweisungen zu vernehmen.«
Ohne den Ausdruck seiner stechenden Augen zu verändern, oder durch ein Zucken der Gesichtsmuskeln seine Gefühle zu verrathen, vernahm Antonio die Worte seines Gefährten; und dessen Anforderungen gleichsam überhörend, ging er sogleich auf den letzten Theil der Rede ein.
»Ihr schriebt mir und spracht von einer Ahnung,« hob er an, »woraus schließt Ihr dieses?«
»Es gehören keine großen Geisteskräfte dazu, Euern Schwager,« ich wollte sagen, den Gatten Eurer Stiefschwester zu errathen,« erwiederte Browns. »Es ist Euch bekannt, daß derselbe vor zweiundzwanzig Jahren eine Vergnügungsreise in Gesellschaft der Häupter der St. Louis Pelzcompagnie den Missouri hinauf unternahm. Ebenso wißt Ihr, daß er sich dort auf indianische Weise verheirathete, das heißt, zwei Monate hindurch mit einem Mädchen vom Stamme der Pawnees in wilder Ehe lebte. Der Tod seines Vaters endigte plötzlich sein romantisches Leben in jenen Regionen. Die Uebernahme der Plantage mit den zwölfhundert Negern, und seine spätere Verheirathung mit Eurer Stiefschwester, der heißblütigen Cubanerin, hielten ihn wohl ab, nach dem Geschick der jungen Indianerin zu forschen; und was könnte auch wohl einen verständigen weißen Mann dazu verleiten, sich um farbiges Volk zu kümmern, als höchstens die Langeweile und die augenblickliche Befriedigung toller Leidenschaften?« —
»Später, als er vielleicht Muße und Ueberlegung fand, sich seiner fröhlichen Jugendjahre zu erinnern, sorgte Eure Schwester dafür, daß er dieselben ebenso schnell wieder vergaß. Sie wußte sehr wohl, um was es sich handelte, denn durch die Briefe des Missionairs, welche, glücklich genug, in ihre Hände fielen, hatte sie die untrüglichen Beweise erhalten, daß ihrem Gatten wirklich ein Sohn von der Indianerin geboren worden war. Anfangs verheimlichte sie diesen Umstand, wie sie mir selbst erzählte, aus Eifersucht, später aber aus Eigennutz, weil sie bei der eigenen Kinderlosigkeit ein zu inniges Verhältniß zwischen Vater und Sohn befürchtete. Ihr selbst waret vor Jahren Zeuge, daß diese Kinderlosigkeit niederdrückend auf das Gemüth des Gatten Eurer Schwester wirkte.«
»Seit dem ersten Beginn seiner körperlichen Leiden nahm auch die Unzufriedenheit, welche aus solchem Verhältniß entsprang, bedeutend zu, und immer häufiger äußerte er den Wunsch, noch einmal in jene Regionen zurückzukehren, wo er in seiner Jugend so schöne und erfolgreiche Jagden abgehalten. Ich frage Euch nun, glaubt Ihr, daß er nur die geliebten Jagdgründe wiederzusehen wünscht? oder daß er nach dem Geschick der Pawnee-Squaw zu forschen trachtet? Ich selbst kann nur Letzteres annehmen. Stundenlang habe ich ihn beobachtet, wenn er mir von dieser Reise erzählte; sein Auge leuchtete nicht wie das eines leidenschaftlichen Jägers, der fröhlicher Zeiten gedenkt, sondern sinnend schaute er vor sich hin, und mit trauriger Stimme wiederholte er immer wieder die Worte: ›Nur noch einmal möchte ich an den obern Missouri zurückkehren.‹«
»Seht, das nenne ich die Ahnung, von welcher ich Euch sagte, und bedarf es des beständigen Einwirkens Eurer Schwester, um ihn zu verhindern, sich auf dem nächsten nordwärts fahrenden Mississippidampfer, trotz seiner Kränklichkeit, einzuschiffen.«
»Das Schlimmste steht zu befürchten, wenn, durch irgend einen Zufall begünstigt, Euer Schwager die Fesseln Eurer Schwester auf einige Tage abschüttelt und Herr seiner eigenen Handlungen wird. Ich glaube, er würde mir eine schöne runde Summe zukommen lassen, wenn ich ihm seinen Sohn zuzuführen verspräche« —
»Welche Ihr dann im Gefängniß oder am Galgen verzehren könntet,« unterbrach ihn Antonio.
»Auch in England, Kalifornien oder China,« erwiederte Browns mit hämischem Lachen, »doch seid unbesorgt, es liegt in meinem Interesse, den Halfbreed nicht mit seinem Vater zusammenzubringen.«
»Habt Ihr Nachricht von dem jungen Geistlichen, den ich den Missouri hinaufsandte?« fragte Antonio nach einigem Sinnen.
»Ich sah ihn in St. Louis vor seiner Abreise, und erhielt auch einen Brief von ihm, worin er mir seine glückliche Ankunft auf der Mission in den Councilbluffs meldet. Er berichtet mir ferner, daß es ihm gelungen sei, sich das Vertrauen des alten Missionairs, dessen Tage gezählt sind, zu erwerben, daß aber bei der Affenliebe desselben für den Halfbreed, noch vor seinem Hintritt ein Durchkreuzen unserer Pläne zu befürchten ist.«
»Habt Ihr ihm Eure letzten Instructionen auf sicherm Wege zugehen lassen?«
»Ihr meint Eure eigenen? es geschah auf ganz sicherm Wege, und zwar schickte ich ihm eine Abschrift Eures Briefes, so weit derselbe diese Angelegenheit betrifft, und behielt das Original für mich. Er wird die Andeutungen verstanden und unser einziges Hinderniß zur Zeit wohl schon aus dem Wege geschafft haben.«
»Da Ihr, was sehr zu loben, nur eine Abschrift meines Briefes gesandt,« sagte Antonio jetzt in scheinbar gleichgültigem Tone, »so kann das Original keinen Werth mehr haben, und mögt Ihr, um zu verhüten, daß es in unrechte Hände falle, mir dasselbe zurückgeben.«
»Ihr irrt, frommer Vater,« erwiederte Browns, »der Brief hat seinen Werth noch nicht verloren. Er ist bei mir sehr sicher aufgehoben und dient vielleicht dereinst dazu, meinen Wünschen und gehorsamsten Bitten ein geneigteres Ohr zu verschaffen.«
»Wie Ihr wollt,« versetzte der Priester, wobei er sein Mißvergnügen nicht zu unterdrücken vermochte. »Das Schreiben ist überdies so abgefaßt, daß es nur dem Eingeweihten verständlich ist.«
»Seid Ihr aber auch der Fähigkeit und der Treue unseres Gehülfen aus der Mission so gewiß, daß Ihr ihn mit Aussicht auf Erfolg mit dergleichen Aufträgen betrauen könnt?« fragte jetzt Browns.
»Zweifelt nicht daran,« antwortete Antonio, »Harrison ist ein willenloses Werkzeug in meiner Hand, und obgleich schon seit Jahren und auf meinen Wunsch zum presbyterianischen Glauben übergetreten, dient er seiner Mutterkirche doch treu. Während seines langen Aufenthalts auf den kalifornischen Missionen hat er sich hinlänglich mit dem Charakter der Eingeborenen vertraut gemacht, um dieselben als willige Mittel zu seinen Zwecken verwenden zu können. Und dann,« fuhr er mit einem feinen vielsagenden Lächeln fort, »ist er mir ja auch zu unendlichem Danke verpflichtet, und bringt mir gern sein Leben zum Opfer, dessen jeder Tag ja ein Geschenk von mir ist.«
»Mit anderen Worten, Ihr könnt ihn jeden Tag an den Galgen bringen?« schaltete Browns ein.
»Kümmert Euch nicht darum,« erwiederte Antonio kurz, »sondern achtet jetzt genau auf meine Worte. Ich bin gebunden, in nächster Zeit eine Reise nach San-Francisco anzutreten, doch werde ich Euch vor meiner Abreise eine Adresse zustellen, unter welcher Ihr späterhin alle Eure Mittheilungen an mich gelangen laßt. Eurem frühern Versprechen getreu, sorgt Ihr dafür, daß, im Falle Harrison’s Plan fehlgeschlagen sein sollte, der Halfbreed nie mit seinem Vater in Berührung kommt. Die Art und Weise, wie, bleibt Euch überlassen. Ueberwacht meine Stiefschwester scharf und sorgt dafür, daß sich Niemand in ihr Vertrauen einschleiche. Ich kenne Euer Verhältniß zu derselben; benutzt daher Euern Einfluß, um ihre Anhänglichkeit an die Kirche bis auf’s Aeußerste zu steigern. Grüßt sie von mir und sagt ihr, daß ich vor meiner Abreise nach Kalifornien noch Mittel finden werde, sie zu sehen. Sollten unvorhergesehene Fälle eintreten, welche der Eile und der Entfernung wegen eine Entscheidung von mir unmöglich machen, so wendet Euch an den Rechtsanwalt Buschmark in St. Louis. Derselbe besitzt bis zu einem gewissen Grade mein Vertrauen, hütet Euch aber, Eurer eigenen Sicherheit wegen, ihn zu tief in unsere Angelegenheiten blicken zu lassen.«
»Unserer Sicherheit wegen,« verbesserte Browns.
»Nun wohl, unserer Sicherheit wegen,« sagte Antonio. »Uebrigens, wie die Sachen jetzt eingeleitet sind, braucht unsere Aufmerksamkeit nur dem Halfbreed zugewendet zu bleiben. Ich sage es Euch und wiederhole es nochmals: der Halfbreed muß verschwinden, wenn Ihr nicht vergebens auf Reichthum gehofft haben wollt. Zu Euern weiteren Unternehmungen übergebe ich Euch hier zweitausend Dollars; es sind neunzehnhundert in Gold und eine Banknote über hundert Dollars. Letztere habe ich einer Anzahl falscher Scheine entnommen; denselben, die Ihr im vorigen Jahre so geschickt angefertigt habt; Ihr werdet sie wohl wiedererkennen, Herr Falschmünzer.«
Browns, als er diese Worte vernahm, fuhr zurück wie vor dem Biß einer giftigen Schlange. »Was sagt Ihr,« rief er aus, »ich ein Falschmünzer?«
»Beruhigt Euch,« erwiederte Antonio, »die Beweise Eurer Falschmünzerei befinden sich allerdings in meinen Händen, doch sollen dieselben nur dazu dienen, meinen Wünschen und gehorsamsten Bitten ein geneigteres Ohr zu verschaffen, wie Ihr eben selbst mir gegenüber zu bemerken beliebtet, zugleich aber auch, um Euch den Glauben zu nehmen, daß Ihr durch Eure Schlauheit ein Uebergewicht über mich gewonnen habt. Ihr seht, lieber Freund,« fuhr er mit höhnischer Freundlichkeit fort, »ich verschenke mein Vertrauen nie unüberlegter Weise, und wähle nur solche Vertraute, deren aufopfernder Treue ich mich versichert halten darf. Ihr selbst werdet es jetzt beweisen, daß ich mich in Euch nicht täuschte, und vor Annahme des Geldes diese kleine Quittung unterschreiben.« Mit diesen Worten reichte er Browns einen schmalen beschriebenen Papierstreifen hin, den dieser hastig ergriff und gegen den Mond haltend mit halblauter Stimme las: »Zweitausend Dollars für die Ueberbringung der Nachricht des durch den Unterzeichneten herbeigeführten Todes des Halfbreeds Joseph empfangen zu haben, bescheinigt hiermit —«
»Nur bloße Form,« sagte Antonio, als er die Wuth seines ebenso feigen wie verbrecherischen Gefährten wahrnahm. »Nur bloße Form, aber zieht Eure Hand lieber ohne das Messer aus dem Busen, denn der Neger würde einen Mörder nicht nach dem Dampfboot zurückrudern, und kehrte ich nicht heim, so würde man auf meinem Tische die offenen Beweise Eurer Falschmünzerei nebst Angabe Eures Namens und Beschreibung Eurer Person vorfinden. Verharrt nicht länger in Eurer drohenden Stellung, Ihr sagtet ja selbst: Ich für mich und Ihr für Euch. Unterzeichnet Euren Namen und nehmt das Geld.« Mit diesen Worten zog Antonio ein kleines Schreibzeug aus der Tasche und reichte Browns die mit Tinte befeuchtete Feder hin.
Browns knirschte mit den Zähnen, ergriff die Feder, doch zauderte er noch der Aufforderung zu genügen. Als aber der berechnende Priester die Goldrollen vor ihn in das Gras warf, da siegte die Habgier über jedes andere Gefühl. Mit zitternder Hand legte er das Papier auf sein Knie, und gleich darauf stand sein Name unter den Worten, welche ihn zum Mörder stempelten, ohne des Priesters Einfluß zu verrathen.
»Hier, nehmt hin,« sagte er dann, als er gierig das Geld auf seinem Körper barg, »nehmt hin und vergeßt nicht, daß Ihr so gut der Meinige seid, als ich der Eurige bin. Zweifelt indessen nicht an meiner Ergebenheit und Aufmerksamkeit, und verlaßt Euch darauf, Eure Schwester wird noch innerhalb zwei Jahren als unumschränkte Herrin des ungetheilten Vermögens nach der Havanna übersiedeln.«
»Und Ihr verlaßt Euch darauf,« erwiederte Antonio, »daß, nachdem dieses geschehen, ich Euch alle Papiere, die Euch betreffen und Euch schaden können, zusammen mit dem Zehntel einer Million aushändigen werde.«
Längere Zeit noch saßen die Beiden auf dem Hügel und tauschten Worte des Einverständnisses und Rathschläge für die Zukunft aus. Zweimal war auf den Schiffen der Ablauf einer halben Stunde durch die üblichen ein und zwei Schläge der Glocken gemeldet worden. Als aber von Nah und Fern das Ende der dritten halben Stunde herüberklang, da sagte Browns zu seinem Gefährten: »Meine Zeit ist abgelaufen und ich muß zurück an Bord. Mit dem nächsten Glockenschlage bezieht die Deckwache ein Matrose, dem ich nicht zu trauen wage, und da die Quarantaine so sehr strenge beobachtet wird, so könnte ich leicht die Aufmerksamkeit der Officiere auf mich lenken, was ich doch zu vermeiden wünsche.«
Der Priester antwortete nicht, sondern ebenfalls aufstehend, legte er die Hand an den Mund und pfiff leise, aber durchdringend. Sogleich erhob sich der Neger, der so lange ausgestreckt in seinem Boot gelegen hatte, ergriff die Ruder und befand sich bald darauf am Ufer, wo die beiden, nunmehr wieder verhüllten Männer seiner harrten. Sie stiegen ein und mit gewandtem Ruderschlag lenkte der schwarze Bootsmann auf den Dampfer zu; unter dessen scharfem Bug er einen Augenblick beilegte. Browns ergriff schnell eine Strickleiter, welche vom Bord niederhängend, den Spiegel des Wassers fast berührte, und ohne ein Wort zu sprechen, schwang er sich hinauf, während der Neger seinem Boot eine andere Richtung gab und dem östlichen Ende der Stadt zuruderte.
Phosphorisch leuchtete die zurückgelegte Bahn hinter dem eilenden Fahrzeug, das Spiegelbild des Mondes tanzte auf den sanft bewegten Fluthen, und tiefer Friede umgab Alles, die einfache Hütte wie den glänzenden Palast, die schönen Palmen wie den einsamen Hügel, wo die schwarzen Pläne geschmiedet worden.
Wie in Gedanken versunken saß der Priester auf der niedrigen Bank; mit lauten und regelmäßigen Schlägen ruderte die Hafenwache vorbei. »Woher des Weges?« schallte es herüber.
»Von einem Sterbenden!« antwortete der Priester, indem er sich grüßend verneigte.
»Gesegne Euch’s Gott, frommer Vater!« rief der Commandeur der Wache, seinen Hut ehrerbietig ziehend, und ein weiter Raum lag bald darauf zwischen den beiden Fahrzeugen.
Als der Priester endlich landete, reichte er dem Neger ein schimmerndes Goldstück, und befahl ihm, beim Heil seiner Seele, der nächtlichen Fahrt nicht weiter zu gedenken. Der Neger küßte Antonio’s Hand, versprach unverbrüchliches Schweigen und streckte sich dann auf den Boden seines Bootes aus, um den Rest der Nacht in demselben zu verträumen. Der Priester aber schritt der nächsten Straße zu und befand sich bald darauf vor einem kleinen Pförtchen, welches augenscheinlich in den Garten eines großen stattlichen Hauses führte. Er öffnete dasselbe; ehe er jedoch eintrat, blickte er die stille monderleuchtete Straße hinauf und hinunter, und mit der geballten Faust in der Richtung nach dem Hafen zu drohend, murmelte er vor sich hin: »Ohnmächtiges Werkzeug, Du vermeinst mich in Deiner Gewalt zu haben, aber hüte Dich, damit Du nicht verschwindest, noch ehe Deine Hand sich nach dem gehofften Reichthum ausstreckt!«
Hätte Jemand in diesem Augenblick Browns in seiner Koje belauscht, so würde er nicht weniger gehässige Worte vernommen haben, mit welchen derselbe dem »schlauen Pfaffen« den Untergang schwor.
Fast zur selben Zeit und Stunde, in welcher die in den vorhergehenden Blättern beschriebene Scene stattfand, ereignete sich viele, viele Tagereisen weiter nördlich eine ähnliche geheimnißvolle Zusammenkunft, nur daß kein Verderben gebrütet wurde, sondern daß rauhe Männer verschiedener Farben und Racen, aus natürlichen edlen Antrieben, mit größter Opferwilligkeit einander riethen und beschützten.
Es war am obern Missouri in der Nähe des Punktes, wo der Eau qui cours, wie die Kanadier, oder Running water, wie die Amerikaner das kleine Flüßchen nennen, sein krystallklares Wasser dem lehmfarbigen Missouri zur Weiterbeförderung an den Mississippi und den Golf von Mexiko übergiebt.
Nicht warm und feucht, wie auf der tropischen Insel, war die Atmosphäre, sondern rauh und kalt, in Folge schwerer Gewitter, welche sich in jüngster Zeit entladen, und der furchtbaren Regengüsse, die mit dem Eintritt des Sommers die ohnehin vom geschmolzenen Schnee der Rocky Mountains angeschwollenen Gewässer noch bedeutend erhöht hatten. Zerrissenes Gewölk eilte flüchtig vor dem scharfen Südostwinde dahin. Wenn dann der Mond die düstere Landschaft auf Minuten erhellte, dann beleuchtete er die hochgelegene grasreiche Prairie, und die dunkeln unbestimmten Massen der dichtbelaubten Waldungen, welche das Thal des Missouri und seines Nebenflusses schmückten. Auch auf den rauschenden Missouri warf er sein mildes Licht, und auf die zahllosen Baumstämme, welche der mächtige Strom auf seinem Rücken trug, und die er selbst hoch oben im Norden entwurzelte, oder die ihm von seinen Nebenflüssen aus weiter Ferne zugeführt wurden. Stamm stützte sich auf Stamm, wo auf seichten Stellen einige Bäume gestrandet waren und den Anfang einer jener gefährlichen Holzklippen gebildet hatten. Krachend sanken die schwerfälligen Bauwerke zusammen, wenn die sich mit jeder Minute mehrende Last zu schwer wurde, und Tausende von Wirbeln erzeugend überstürzten sich die Holzmassen in den wilden Fluthen, wenn sie, sich gegenseitig drängend, einen neuen Weg suchten, oder mit unwiderstehlicher Gewalt gegen andere Holzklippen trieben.
Im tiefen Schatten der überhängenden Bäume floß der Eau qui cours dagegen geräuschlos dahin. Er kam aus der holzarmen Prairie, und nur selten knirschten auf seiner Oberfläche morsche Stämme aneinander, welche dem Orkan oder dem Alter erlegen, von dem angeschwollenen Wasser den Ufern entführt worden waren.
Auf dem nördlichen Winkel, der von diesem Flüßchen und dem Missouri gebildet wird, ungefähr hundert Schritte von Ersterem und eine halbe englische Meile von Letzterem entfernt, beleuchtete ein kleines Feuer auf einer lichteren Stelle des Waldes die nächste Umgebung. Der Anblick des Feuers allein bewies schon, daß es von kundigen Wanderern und erfahrenen Jägern angelegt worden, denn ein mächtiger Wallnußstamm, der seit Jahren im Schatten seiner Nachkommen gemodert, war gleichsam als Kaminwand benutzt worden. Es genügte daher eine geringe Anzahl trockener Zweige, um ein Feuer zu nähren, dessen Flammen vom Winde getrieben, tief in den Stamm hineinleckten und brannten, und eine Art von Ofen bildeten, der sehr viel Hitze ausstrahlte, ohne einen zu starken Glanz auf die Kronen der nächsten Bäume zu werfen, wodurch unwillkommene Gäste hätten herbeigelockt werden können.
Nur zwei Männer belebten diese verborgene Lagerstelle. Den Rücken dem Winde zugekehrt saßen sie auf ihren Decken und schauten in die Gluth, wo auf rothen Kohlen frisches Wildfleisch röstete; oder sie beobachteten auch zeitweise ein von dünnen Stäben hergestelltes Gerüst, auf welchem ihre Fußbekleidung, die indianischen Mokasins trockneten.
Ihre Waffen, die lange westliche Büchse und das Beil, lagen ihnen zur Seite, und der Zustand ihrer größtentheils hirschledernen Kleidung verrieth, daß sie einen mühevollen Weg zurückgelegt hatten.
Das volle Licht der Flammen fiel auf ihre Züge und beleuchtete zwei Männer, die sowohl in Jahren, als auch in Gestalt, Herkommen und Hautfarbe eine auffallende Verschiedenheit zeigten. Bei einem fremden Beschauer mußte der jüngere unbedingt das meiste Interesse erregen, weil seine Haut durch einen leichteren Bronzeanflug, als die nordamerikanischen Eingeborenen im Allgemeinen besitzen, sogleich den Halbindianer oder Halfbreed erkennen ließ. Im Schnitt seines Gesichtes befand sich weniger, was auf seine Abstammung hindeutete, dagegen gestatteten die großen dunkeln Augen und die schlichten schwarzen Haare, welche aus der Stirn gescheitelt, zu beiden Seiten auf die Schultern niederfielen, keine Verläugnung der indianischen Race.
Wie bei fast allen Halfbreeds hatten auch hier die Züge etwas ungewöhnlich Weiches, und bei der Zartheit der Haut und der gänzlichen Bartlosigkeit sogar etwas Mädchenhaftes. Er konnte das zwanzigste Jahr noch nicht lange überschritten haben, und trotzdem er zusammengekauert dasaß, erkannte man doch eine hohe schlanke Gestalt, fast zu groß für die kleinen schmalen Hände und Füße, ein anderes Erbtheil seiner eingeborenen Mutter.
Sein Gefährte, mit welchem er eine anscheinend sehr wichtige Unterhaltung führte, war einer der französischen Jäger, welche, bekannt unter dem Namen Voyageurs oder Trapper, durch Kühnheit und Ausdauer eine gewisse Berühmtheit in den westlichen Regionen erlangt haben. Derselbe hatte eine kurze, gedrungene, sehr kräftige Gestalt, und die wenigen Züge seines Gesichtes, die ein voller, mit einigen weißen Haaren untermischter braunrother Bart nicht versteckte, zeigten jenen leichtfertigen gutmüthigen Ausdruck, welche man fast als der französischen Nation eigenthümlich benennen möchte. Die Farbe der von einigen Runzeln durchfurchten Haut war durch äußere Einflüsse dunkelbraun geworden, dagegen hätte die Stirn eines sechszehnjährigen Mädchens nicht weißer sein können, als die des Trappers, soweit dieselbe unter dem zurückgeschobenen grauen Filzhut hervorlugte. Mit einer gewissen Gemächlichkeit blies er den Dampf eines kurzen Thonpfeifchens von sich, und ohne die Blicke von den röstenden Fleischschnitten zu erheben, nahm er die Unterhaltung wieder auf, die einige Augenblicke in’s Stocken gerathen war.
»Ich sage Euch, Jo, oder Joseph, wie Euch der Missionair lieber nennen hört,« hub er an, »ich sage Euch nochmals, Ihr braucht mir dafür nicht zu danken, daß ich den Weg von der Mündung des Nebraska bis zu den Ponkas, wo ich Euch traf, zurückgelegt habe. Es waren ja nur zehn Tagereisen, ein Katzensprung; und dann geschah es ja auch, um dem alten Mann auf der Mission gefällig zu sein, der, wenn ich nicht irre, im Begriff ist, nach den seligen Jagdgründen, wie die Indianer sagen, abzureisen. Der alte freundliche Mann; zweimal hat er mich in den letzten zwanzig Jahren auf seiner Mission aufgenommen und gepflegt, als ich so schwer erkrankt war; und in seinem eigenen Bett ließ er mich schlafen. Nein, Jo, ich hätte ihm die Bitte nicht abschlagen können. Es ist vielleicht die letzte, die er an mich gerichtet hat, und er schien ja nicht ruhig sterben zu können, ohne Euch vorher gesehen zu haben.«
»Eure Nachricht hat mich sehr, sehr traurig gemacht, Lefèvre,« erwiederte der Halfbreed, »und tief betrübt es mich, zu denken, daß mein Pflegevater von mir scheiden soll. Ich verdanke ihm viel, viel Gutes, ja Alles, was ich gelernt und erworben habe. Mein wirklicher Vater hat sich nie um mich oder meine Mutter gekümmert, und ihm, der jetzt vielleicht im Ueberfluß schwelgt, ist es gewiß ganz gleichgültig, ob ich der Segnungen der Civilisation theilhaftig geworden, oder, ähnlich meinen armen rothhäutigen Verwandten, jagend und kämpfend, oder gar raubend und mordend die Wildnisse durchstreife. Doch erzählt mir, wie Ihr den alten Mann verließt; bei meiner Abreise schien er sich doch bedeutend besser zu befinden. Aber verkündet mir auch, was Euch so mißtrauisch gegen Harrison gemacht hat, der doch freiwillig gekommen ist, um meinen Pflegevater zu unterstützen und ihm seine alten Tage zu erleichtern.«
»Euern Pflegevater verließ ich in einem sehr traurigen Zustande, das alte Herzübel hatte sich wieder eingestellt. Seine letzten Worte an mich waren: ›Da Ihr Euch entschlossen habt, mir einen Liebesdienst zu erweisen, so bitte ich Euch dringend, so dringend als es ein geängstigtes Herz nur vermag, nach dem Handelsposten der Ponka-Indianer zu eilen. Ihr werdet Joseph daselbst treffen, der im Auftrage der Pelzcompagnie dorthin gegangen ist. Sagt ihm, daß ich ihm meinen väterlichen Gruß sende und ihn beschwöre zu mir zu eilen. Sagt ihm, daß ich das Herannahen meines Endes fühle, daß ich ihm wichtige Mittheilungen, seine Geburt betreffend, zu machen habe, und daß er, wenn ihm an dem letzten Segen desjenigen gelegen, der ihn mehr als einen eigenen Sohn liebt, seine Rückkehr um keine Stunde hinausschieben soll.‹ Ich befand mich allein bei ihm. Zum Abschied reichte er mir dankend seine hagere kalte Hand, bat mich nochmals, wenn auch nicht seinetwegen, so doch Euretwegen keine Zeit zu verlieren, und beim Hinausgehen Harrison hineinzusenden. Als ich das Gemach verließ, erblickte ich den Geistlichen in der Vorhalle. Augenscheinlich hatte er an der Thür gehorcht und sich meinem Anblick nicht schnell genug entziehen können. Er zeigte sich indessen gar nicht überrascht, sondern trat auf mich zu, drückte mir herzlich die Hand und sprach, anscheinend mit aufrichtigem Schmerz, von dem hoffnungslosen Zustande Eures Pflegevaters. ›Ich lausche auf jeden Athemzug des edlen Greises,‹ sagte er mit trübem Ausdruck, ›und vernahm so eben, daß Ihr Euch entschlossen habt, Joseph herbeizuholen.‹ Ich bejahte dieses natürlich, und da er so besorgt um Eure baldige Ankunft war, so rechnete ich ihm die Meilenzahl und die Tagereisen vor, welche es erfordern würde, die ganze Aufgabe zu lösen. Er schien sich zu wundern, als ich ihm mittheilte, daß wir des hohen Wasserstandes wegen zu Fuße reisen müßten, und als ich schied, wünschte er mir das Geleite Gottes und empfahl mir ebenfalls die größte Eile an.«
»Und solch freundliches Benehmen konnte bei Euch Mißtrauen erregen?« fragte jetzt der Halfbreed.
»Das nicht,« erwiederte der Jäger, »sondern sein inniger Verkehr mit den vier Pawnee-Familien, die am Fuße des Missionshügels ihre Zelte aufgeschlagen haben und sich theils durch Betteln theils durch Stehlen ihren Unterhalt verschaffen. Obschon diese Indianer zum Stamme Eurer Mutter gehören, so scheue ich mich doch nicht, Euch geradhin zu sagen, daß ich dieselben für verrätherische Hunde halte, besonders aber den Medicinmann, der schon mehrfach den Tod Einzelner seiner Stammesgenossen so genau vorhersagte.«
»Glaubt nicht, Lefèvre, daß ich diese räuberische Gesellschaft irgendwie in Schutz nehme. Nein, gewiß nicht; denn wenn sie den geringsten Werth besäße, so würde sie sich nicht vom Stamm der Wölfe getrennt haben, der selbst leider das nicht mehr ist, was er in früheren Zeiten gewesen sein soll. Wäre es aber nicht möglich, daß Harrison solchen Verkehr suchte, um diese Elenden in bessere Menschen umzuwandeln, und sie zu veranlassen, ihre Kinder auf die Mission zu senden?«
»Jo, ich bin über noch einmal so alt als Ihr, und habe den Hirsch wie den Blackfoot-Indianer gejagt, als Ihr das Tageslicht noch nicht erblickt hattet. Es ist wahr, Ihr könnt sehr schön schreiben und lesen und habt Alles gelernt, was der gute Missionair nur selbst wußte, aber Menschen beurtheilen, ob nun schwarze, weiße oder rothe, das verstehe ich besser und« — — hier schwieg der Jäger plötzlich, legte die eine Hand an’s Ohr und bedeutete mit der andern den Halfbreed sich ruhig zu verhalten.
Nach einigen Minuten fragte er hastig:
»Was habt Ihr gehört?«
»Ich hörte das ferne Geheul des Prairiewolfs und des großen Uhus.«
»Aber wie oft das Geheul des Cayotes?«
»Dreimal den Wolf und einmal die Eule,« antwortete Joseph.
»Es ist ein verabredetes Zeichen,« fuhr der Trapper fort, »doch laßt uns weiter lauschen; wenn es Wabasch-Ginga von den Omahas ist, so muß der Ruf sich wiederholen.«
Schweigend verharrten darauf die beiden Wanderer in horchender Stellung. Nach einer kleinen Weile vernahmen sie abermals das Geheul des Wolfs in drei besonderen Pausen, dem sogleich das unheimliche Lachen des Uhus folgte.
Seiner Sache nunmehr vollständig gewiß, legte Lefèvre das Pfeifchen zur Seite, brachte beide Hände in Form einer Muschel an den Mund und ahmte das jauchzende Geheul des grauen Wolfs so täuschend nach, daß die Thiere selbst dadurch hätten irre geführt werden können. Den Kopf darauf hintenüber werfend und sich mit der Hand schnell hinter einander auf den Kehlkopf schlagend, erzeugte er ebenso ähnlich das dumpfe Lachen der Eule.
Ein einfacher Eulenruf antwortete aus der Ferne, als Zeichen des Verständnisses, und über den Erfolg des ganzen Verfahrens nicht länger in Zweifel, wandte er sich zu seinem jungen Gefährten.
»Ich erzählte Euch, Jo,« begann er, »daß ich ein unbesiegbares Mißtrauen in den jungen Missionair und seine Freundschaft mit dem Pawnee-Zauberer setze. Es würde mich gar nicht überraschen, wenn ich dieses Mißtrauen jetzt gerechtfertigt fände. Als ich nämlich nach meiner Unterredung mit dem Geistlichen die Mission verließ und über dieses und jenes grübelte, erschien es mir sehr auffallend, daß dieser Mensch an der Thür gelauscht hatte, wo er doch hätte frei eintreten können. Je länger ich darüber nachdachte, um so sonderbarer fand ich solch verstecktes Benehmen, so, daß ich mich zu einem kleinen Umweg entschloß, der mich durch das Dorf der Omahas führte. Ihr wißt, daß ich dort wohl gelitten bin und der Kleine Bär, trotzdem der Tod seiner Schwester, meiner Squaw, die verwandtschaftlichen Bande schon längst zwischen uns gelöst hat, noch immer die größte Anhänglichkeit für mich zeigt. Ich war glücklich genug, Wabasch-Ginga gleich zu finden. Ich theilte ihm meine Befürchtungen hinsichtlich Harrison’s und dessen Pawnee-Freunde mit, und trug ihm auf, beide Theile zu überwachen. Sodann verabredete ich die Signale mit ihm, welche Ihr eben gehört, um ihm die Möglichkeit an die Hand zu geben, mich jederzeit aufsuchen zu können, falls er wichtige Nachrichten für uns haben sollte. Aus diesem Grunde habe ich Euch veranlaßt, stets in der Nähe des Missouri zu bleiben, wo ein Verfehlen weniger wahrscheinlich ist, und wundere ich mich nur, Wabasch’s Ruf vom Rande der Prairie her zu vernehmen; er wird aber wohl seine Gründe dafür haben. Doch horcht, da ist wieder der Eulenruf, aber zitternder und lang gedehnt! Es ist Gefahr im Anzuge, und wir dürfen nicht länger vor dem Feuer weilen.«
Der Halfbreed, der so lange mit einem gewissen Gleichmuth in’s Feuer geschaut und den Worten seines Freundes gelauscht hatte, war plötzlich wie neu belebt, als er von der Annäherung einer Gefahr hörte. Eiligst streifte er die feuchten Mokasins auf seine Füße, und einige Scheiben des halbrohen Fleisches in die Decke wickelnd und diese nebst Pulverhorn und Kugeltasche auf den Rücken hängend, stand er gleich darauf zum weitern Handeln bereit da.
»Wir müssen uns verbergen,« sagte Lefèvre, »aber so, daß wir das Feuer im Auge behalten, um Wabasch Gelegenheit zu geben, sich mit uns vereinigen zu können. Ich will ihm aber ein Zeichen zurücklassen, das ihn von unserer Nähe in Kenntniß setzen soll.« Mit diesen Worten nahm er einen glimmenden Feuerbrand, legte denselben quer auf den Wallnußstamm und folgte dann dem Halfbreed nach, der sich schon vorsichtig dem Missouri zu bewegte.
Nach Zurücklegung von ungefähr hundert Schritten, hielten sie an und erstiegen einen hohen Eichbaum, zwischen dessen dichtbelaubten Zweigen hindurch sie ihre alte Lagerstelle zu überblicken vermochten.
Eine halbe Stunde verrann und noch hatte keiner von Beiden gesprochen. Jetzt aber stieß der Halfbreed seinen Gefährten an und deutete auf eine dunkle Gestalt, die kriechend aus dem schwarzen Schatten der Bäume vor das niedergebrannte Feuer glitt. Nach einigen Augenblicken regungslosen Harrens sprang die Gestalt plötzlich auf, ergriff einen Feuerbrand und leuchtete mit demselben auf den Stamm. Beim Anblick des erloschenen Brandes, der mit dem Stamm ein Kreuz bildend, auf diesem ruhte, schwenkte der Indianer, denn ein solcher war es, den fackelähnlichen Zweig mehrere Male um’s Haupt, bis derselbe wieder aufflammte, und warf ihn dann unter das dürre, vor dem Feuer zurückgebliebene Reisig. Als dieses dann aufloderte, trat er in das volle Licht der vom Winde bewegten Flammen, ließ die Decke von seinen Schultern gleiten und zeigte auf einige Sekunden die schöne, kriegerisch bemalte und bewaffnete Figur Wabasch-Ginga’s.
»Sie sind ihm auf der Ferse,« flüsterte Lefèvre, »und da er weiß, daß wir ihn beobachten, warnt er uns, durch keinen voreiligen Laut die Feinde herbeizulocken.« Der Omaha hatte sich unterdessen wieder in seine Decke gehüllt und schritt geräuschlos dem Eau qui cours zu, wo er bald hinter dichtem Buschwerk verschwand.
»Jetzt schnell!« rief Lefèvre mit unterdrückter Stimme; und gleich darauf befanden sich die beiden Freunde wieder auf der Erde und schlichen der Mündung des Flüßchens zu, wo sie mit Wabasch zusammenzutreffen gedachten. Ehe sie indessen bis an den Missouri gelangten, gesellte der Omaha sich zu ihnen, und ohne Zögerung setzten sie ihren Weg auf dem Ufer des Eau qui cours fort, bis sie das Rauschen des Missouri vernahmen. Hier erst öffnete der Omaha seine Lippen, um den Jägern mitzutheilen, daß sie von acht Pawnee-Kriegern verfolgt würden, die auf nichts Geringeres ausgingen, als sie noch auf dem Gebiet der Ponkas zu erschlagen, um demnächst diesem Stamme die verrätherische Handlung zuschreiben zu können.
Während sie nun, nach einer kurzen Berathung, vereinigt die in ihrem Bereich vorübertreibenden Baumstämme anhielten und mittelst ihrer Gürtel und Riemen zu einem Floß fest zusammenfügten, berichtete der Kleine Bär, auf welche Weise es ihm gelungen sei, dem ganzen Anschlag auf die Spur zu kommen.
Getreu seinem Versprechen, hatte er Harrison und die betreffenden Pawnee-Familien scharf bewacht, und sogar eine Unterredung belauscht, welche Ersterer eines Abends mit dem vorgeblich kranken Zauberer in dessen Zelt führte. Aus derselben war hervorgegangen, daß Harrison versprochen hatte, dem Pawnee behülflich zu sein, den bei seinem Stamme verlorenen Einfluß wieder zugewinnen. Den Aberglauben des Indianers schlau benutzend, hatte er ihm gerathen, eine längere Reise zu unternehmen und durch Träumen und Nachdenken den Gegenstand ausfindig zu machen, der eigentlich die Schuld trage, daß er vom Stamme der Wolfs-Pawnees gewissermaßen ausgewiesen sei.
Schon am folgenden Abend war sodann eine Versammlung der am Missionshügel hausenden Pawnees von dem Omaha belauscht worden. Bei dieser Gelegenheit hatte er vernommen, daß man den Halfbreed einstimmig für die Ursache der Ausweisung halte und ihn, sammt seinem weißen Gefährten, aus dem Wege zu schaffen beabsichtige. Ein Trupp von acht Pawnees begab sich in Folge dessen auf den Weg, angeblich um Pferde von den Ponkas zu stehlen, im Grunde aber, um die verrätherischen Pläne noch auf dem Gebiet der Ponkas auszuführen.
Der Kleine Bär war ihnen unbemerkt Schritt für Schritt gefolgt und hatte sie beobachtet, als sie in der Nähe des Uebergangspunktes des Eau qui cours ihr Lager aufschlugen, um den von den Ponkas Zurückkehrenden daselbst aufzulauern. Schon seit zwei Tagen harrten sie daselbst, und hatte Wabasch regelmäßig zur nächtlichen Stunde das verabredete Zeichen gegeben, ohne Antwort darauf zu erhalten. Das Flüßchen zu überschreiten durfte er nicht wagen, aus Furcht, die Reisenden zu verfehlen; zu gleicher Zeit aber mußte er sich aus dem Bereich der scharfen Augen der Pawnees halten. Als er nun an diesem Abend den bekannten Ruf vom höher gelegenen Rande der Prairie niedersandte, hatte er in den Kronen der Bäume den schwachen Schimmer des versteckten Lagerfeuers wahrgenommen und seine Schritte sogleich darauf zugelenkt. Vorsichtig am Lager der Pawnees vorbeischleichend, war es ihm nicht entgangen, daß, wahrscheinlich dem Geheul der Wölfe und dem Ruf des Uhus mißtrauend, einer derselben einen hohen Baum erstiegen und von dort aus den Feuerschein ebenfalls entdeckt hatte. Er harrte darauf nur lange genug, um sich zu überzeugen, daß die verrätherische Bande wirklich Anstalt traf, noch in derselben Nacht das fragliche Feuer aufzusuchen und, im Falle der Halfbreed vor demselben ruhe, das blutige Werk zu vollenden. —
Die Jäger waren endlich mit dem Bau des aus drei schweren Treibholzstämmen bestehenden Floßes zu Stande gekommen. Im Begriff, ihre Decken und Waffen auf demselben zu befestigen, vernahmen sie plötzlich von ihrer alten Lagerstelle her den klagenden Ruf des Ziegenmelkers, der sogleich an verschiedenen Stellen, und zwar einmal kaum zweihundert Schritte oberhalb von ihnen am Flüßchen beantwortet wurde. Schnell wie ein Gedanke sprangen Lefèvre und Joseph auf das Floß und versuchten mit Hülfe des vom Ufer aus nachschiebenden Wabasch dasselbe flott zu machen. Doch vergeblich, der eine Balken ruhte schwer auf dem Sande, und es war zu spät, um zurückzueilen, und mit vereinigten Kräften vom Ufer aus, das erleichterte Fahrzeug in Bewegung zu setzen. Das Knacken eines dürren Zweiges, der unter dem Fuß eines nachspürenden Pawnees brach, führte indessen eine schnelle Entscheidung herbei. Lefèvre und Joseph warfen sich schnell nieder, und zwischen den Stämmen sich halb in’s Wasser hineindrückend, durften sie hoffen, im tiefen Schatten der überhängenden Laubmassen, den Blicken ihrer Feinde verborgen zu bleiben. Der Omaha dagegen suchte Schutz hinter einer dicken Sykamore, welche nur einige Fuß von seinen Gefährten entfernt stand.
Keine fünf Minuten hatten sie in dieser Stellung verharrt, als sie zweier Indianer ansichtig wurden, die behutsam dem Lauf des Flüßchens folgten und augenscheinlich jeden Schatten auf dem Wasserspiegel und jeden Strauch auf dem Ufer sorgfältig prüften. Plötzlich bückte sich der eine, und mit den Händen auf der Erde umhertastend, forderte er den Gefährten auf, seinem Beispiel zu folgen. Die drei Jäger sahen ein, daß ihr Versteck verrathen werden mußte, denn die Spuren, welche sie in dem aufgeweichten Erdreich zurückgelassen, waren entdeckt worden, und sich zum Kampfe vorbereitend, streckten sie ihre Hände nach den Waffen aus. Augenscheinlich vermutheten die beiden Pawnees ihre Opfer an der Mündung des Flüßchens, denn sie vermieden es ihre Gefährten durch Signale herbeizulocken, durch welche die Flüchtlinge ebenfalls gewarnt werden konnten.
Nach kurzer Berathung kamen sie überein, daß Einer von ihnen zurückkehren und die ganze Rotte herbeiholen solle, während der Andere die Forschungen fortsetzte.
Geräuschlos wie eine Schlange verschwand die eine Gestalt; der Zurückgebliebene dagegen untersuchte tastend Zoll für Zoll den Boden vor sich und rückte dem Floß allmählich näher. Endlich befand er sich nur noch fünf Schritte von demselben entfernt. Seine Blicke hefteten sich fest auf die schwarze Masse, und sich vorn überneigend, schien er die Dunkelheit, erzeugt durch die tiefen Schatten der Bäume, mit den Augen gleichsam durchdringen zu wollen.
Wiederum bewegte er sich einen Schritt vorwärts; seine rechte Faust hielt das Kriegsbeil zum Schlage bereit, während die linke sich an das Heft des Messers legte. Er hatte eine Stellung angenommen, welche ihm eben sowohl gestattete, sich gegen einen unvorhergesehenen Angriff zu vertheidigen, als auch durch einen Sprung rückwärts der Uebermacht zu weichen, Todtenstille herrschte ringsum, und da die Flüchtlinge den Athem zurückhielten, so vernahmen sie deutlich das leise Knistern des Sandes unter dem Mokasin des Pawnees, wenn derselbe sich bückte oder zur Seite neigte und dadurch das Gewicht des Körpers bald auf dem einen, bald auf dem andern Fuß ruhte. Unheimlich erklang aus der Ferne der melancholische Ruf des Ziegenmelkers, mit welchem sich die Räuber zusammenlockten, und als ob dieser Ton ihn ermuthigt hätte, näherte sich der Pawnee abermals um einen Schritt. Er stand jetzt kaum, noch eine Elle von dem treibenden Wasser, welches sich murmelnd an dem Floß brach. Dicht neben ihm aber befand sich die Sykamore, hinter deren Stamm der Omaha wie ein Tiger auf sein Opfer lauerte.
Der schwarze Gegenstand im Wasser fesselte des Pawnees Aufmerksamkeit in so hohem Grade, daß er die leichte Bewegung hinter sich gar nicht vernahm. Wahrscheinlich war es ihm gelungen, die Formen der halb im Wasser liegenden Männer zu unterscheiden, denn seine Hand verließ den Griff des Messers und hob sich zum Munde, wie um durch einen Ruf seine Gefährten zur Eile zu spornen. Seine Lippen hatten sich indessen noch nicht geöffnet, als des Omahas Tomahawk sausend durch die Lust fuhr, und sich tief in des Pawnees Schädel grub.
Mit einem schweren Seufzer sank der Getroffene vorn über; kaum spritzten aber die Wellen unter ihm auf, als Lefèvre wie der Blitz emporschnellte, den Verwundeten in’s tiefe Wasser zog und dort niederdrückte. Er wollte einen Aufschrei des Sterbenden ersticken, doch war das unnöthige Vorsicht, denn der Kleine Bär hatte seinen Hieb so sicher geführt, daß die Fluthen nur eine regungslose Leiche davontrugen.
Den vereinten Kräften der drei Männer gelang es endlich, das Floß vom Ufer aus in Bewegung zu setzen. Sie begaben sich sodann mit ihren geringen Habseligkeiten auf dasselbe, und von der Strömung erfaßt, wurde das Fahrzeug schnell dem Missouri zugetrieben.
Leise glitten sie dahin; der Wind brauste, die schwarzen Kronen der Bäume nickten, die schweren Wolken flogen, und wie toll jagten sich Schatten und Licht wechselweise über die düstere Landschaft. Hinter den Reisenden aber blieben weit zurück das nasse Grab des erschlagenen Kriegers und ihre vergeblich spürenden Feinde.
Nach kurzer Zeit gelangten die Flüchtlinge bis dahin, wo ein kleines weidenbewachsenes Delta die Mündung des Eau qui cours bezeichnete. Nicht ohne Mühe hielten sie das gebrechliche, schwerfällige Fahrzeug im Hauptkanal, und bald erkannten sie an dem Schwanken, daß sie auf der gefährlichen Grenze trieben, welche von dem Wasser des Missouri und dem seines Nebenflusses gebildet wurde. Sie versuchten es zwar, den Kanal des letzteren wieder zu erreichen, doch war die Strömung des Missouri zu überwiegend für ihre Kräfte und ihre einfachen Ruderwerkzeuge. Nachdem sie daher eine Zeit lang auf den schäumenden Strudeln herumgewirbelt waren, wurden sie endlich mit verstärkter Geschwindigkeit der Mitte des Flusses zugeführt, wo ihr Fahrzeug sodann einen stetigeren Lauf annahm.
»Sacré tonnerre,« brach jetzt der Trapper los; »bis an die Ohren will ich mich skalpiren lassen, wenn der bleichsüchtige Pfaffe nicht Ursache ist, daß wir diese unfreiwillige Stromfahrt machen!«
»Welchen Grund sollte er wohl haben?« fragte der Halfbreed zurück, wobei er seine Blicke nicht von dem langen Baumast wendete, mit welchem er, gleich seinen Gefährten, schneller treibende und deshalb gefährlichere Treibholzstämme zur Seite lenkte. »Welchen Grund sollte er wohl dazu haben? Er lehrt ja eben sowohl das Christenthum wie mein Pflegevater; und zudem hat Niemand von uns ihn beleidigt, warum sollte er uns also Uebles wünschen?«
»Ihr denkt, alle Pfaffen müssen und können nicht anders sein als der gute alte Missionair,« rief Lefèvre mit einem Anflug von Unwillen aus. »Sapristi! ich sage Euch, dieser Hendrichson oder Harrison, wie Ihr ihn nun nennen mögt, hat den Pawnee-Medicinmann veranlaßt, uns nachzustellen, und von ganzem Herzen wünsche ich, daß er jetzt da läge wo sich der Bursche befindet, dem Wabasch so zierlich den Schädel gespalten.«
»Mäßigt Euern Zorn, Lefèvre,« begütigte der Halfbreed, »Ihr irrt, und ich versichere Euch, der alte Missionair, dem Ihr doch mehr glaubt als mir, würde Euch gewiß ganz dasselbe sagen. Ich gebe zu, daß der Medicinmann Harrison’s Absichten falsch verstand und in einem Anfall abergläubischen Wahnsinns uns hat verderben wollen. Der Tod seines Gefährten wird ihn aber wieder zur Vernunft bringen und er sich schämen, uns je wieder unter die Augen zu treten.«
»Jo, hört jetzt, was ich Euch sagen werde, und ich denke, daß ich alt genug bin, um zu Euch so sprechen zu können. Ihr wißt, daß Hunderte von Halfbreeds sich unter den Stämmen befinden. Die meisten derselben bergen unter ihrer hellbraunen Haut alle Schlauheit des Indianers, und alle bösen Leidenschaften der weißen Race. Andere dagegen die Neigungen der Rothhaut und die Friedfertigkeit und Nachsicht eines guten Bleichgesichtes. Ihr seid einer dieser Letzteren, und es gehört nicht viel Scharfsinn dazu, zu beobachten, wie zeitweise das Blut Eurer Mutter und zeitweise das Blut Eures Vaters die Oberhand gewinnt.
Ich räume ein, daß beim Fang des Bibers und beim Spüren des Luchses eine vollblütige Rothhaut Euch kaum übertrifft, und daß Ihr ebenso gut lesen und schreiben könnt wie der alte Missionair selbst. In diesem Falle aber hätte ich Euch etwas mehr indianisches Mißtrauen und Schlauheit gegönnt. Doch es ist, wie ich Euch schon oft gesagt habe, Ihr seid manchmal weiß, wenn Ihr roth sein solltet, manchmal wieder umgekehrt, und viele Unannehmlichkeiten werden Euch im Leben daraus erwachsen. Glaubt einem alten Jäger.«
»Ihr macht mir denselben Vorwurf wie mein Pflegevater und mögt vollkommen recht haben,« erwiederte der Halfbreed. »Ich sehe aber nicht ein, warum ich einem Menschen mißtrauen, ja, verrätherische Absichten zuschreiben soll, der mir immer mit der größten Menschenfreundlichkeit begegnet. Anders ist es mit dem Pawnee-Zauberer. Ich werde ihm seine Verrätherei gewiß nicht so leicht vergeben, und obgleich er sich der Verwandtschaft mit meiner Mutter rühmt, werde ich doch dafür Sorge tragen, daß er in Zukunft dergleichen Streiche unterläßt, wenn ich ihm nicht eigenhändig eine Kugel durch den Kopf schießen soll. Daß er übrigens den Tod einzelner Menschen so genau vorhergewußt hat, erscheint mir sehr verdächtig, und glaube ich fast, daß er sich auf irgend eine Art schnelltödtendes Gift zu verschaffen gewußt hat. Aber er soll sprechen!«
»Ganz recht,« versetzte Lefèvre, »der Zauberer muß sprechen, und zwar nicht allein über jene Prophezeihungen, sondern auch über sein gutes Einvernehmen mit Harrison, und wie er so genau über unsere Reise unterrichtet worden ist. Jo, Jo, der Pfaffe steckt hinter Allem; nur er allein wußte um den von uns eingeschlagenen Weg. Die offene Feindseligkeit, ja, die heimliche Verrätherei des Indianers ist nicht halb so strafwürdig, als die ruhige Ueberlegung, mit welcher ein schurkischer Weißer den eingeborenen Herrn dieses Landes zum Ausführungsmittel seiner Schandthaten macht. Daß der Medicinmann sich so gerne zu dergleichen Diensten verwenden läßt, liegt theils in seinen eigenen schlechten Neigungen, dann aber auch in dem wahnsinnigen Wunsch: bei seinem Stamm für ein mit überirdischen Kräften ausgerüstetes Wesen zu gelten. Der Thor,« fuhr Lefèvre mit herzlichem Lachen fort, »sogar mich glaubte er einst mit seinen Kunststückchen bethören zu können. Wollte mir seine Zauberkraft dadurch beweisen, daß er vor meinen Augen eine Kugel in seine Büchse lud und einen Indianerburschen aufforderte, aus der Entfernung von fünf Schritten mit derselben auf seine Brust zu feuern. Der junge Mensch drückte los, statt daß aber der Medicinmann durchbohrt niederstürzte, stand er unversehrt da und warf dem, der geschossen, die vorgeblich in ihrem Fluge aufgefangene Kugel zu. Der Thor! als wenn ich nicht gewußt hätte, daß die Kugel aus feuchtem Staub zusammengeballt und im trockenen Zustande mit Blei glatt gerieben gewesen wäre. Natürlich mußte sie unter dem eisernen Ladestock wieder in Staub zerfallen, und sich beim Feuern harmlos mit dem Pulverdampf vermischen. Der Indianerbursche erschrak begreiflich über alle Maßen, ließ das Gewehr fallen, rannte so schnell davon, als ihn seine Füße zu tragen vermochten, und glaubt heute noch fest an die Unverletzbarkeit des mächtigen Zauberers,« schloß der Jäger mit einem abermaligen Lachen seine Erzählung.
»Ich kenne seine Künste schon lange,« bemerkte der Halfbreed; »doch hat er sich stets gescheut, mich zum Zeugen solcher Betrügereien zu machen. Er weiß wohl, daß ich nicht anstehen würde, dieselben aufzudecken, und mag dieses Bewußtsein mit zu dem Rachegefühl gegen mich beigetragen haben, doch paßt auf! wir treiben gegen den Ast eines versenkten Baumes!«
Lefèvre hatte die gefährliche Klippe aber schon bemerkt, und sein Ruderholz gegen dieselbe stemmend, trachtete er darnach, dem Floß eine andere Richtung zu geben.
In demselben Augenblick jedoch erhielt das Fahrzeug einen so heftigen Stoß, daß die Jäger fast in’s Wasser gestürzt wären, und die Riemen, welche die Balken aneinander hielten, theilweise zersprangen.
Das Floß war auf eine andere verborgene Klippe gerannt und lag eine Minute regungslos da. Dann aber, nachdem es einigemal hin und her geschwankt, wurde es von der Strömung erfaßt und mit gesteigerter Geschwindigkeit um sein Vordertheil wie um seine Axe gedreht, worauf es von der Klippe hinuntergleitend, wieder ein Spiel der brandenden Fluthen, unbehindert in dem Hauptkanal dahinschoß.
»Glücklich entkommen!« rief Lefèvre aus, als er seinen Körper wieder in’s Gleichgewicht gebracht hatte und sich bereit hielt, anderen Hindernissen entgegenzutreten. »Aber was sagt Ihr, Wabasch, ist es Euch nicht, als wenn wir nach dem andern Ufer hinübertreiben?«
»Wir treiben nach dem andern Ufer,« antwortete der Indianer, der damit beschäftigt war, die gelockerten Baumstämme wieder fester aneinander zu fügen. »Ein zweiter Stoß wie dieser wird aber zu viel für die Riemen,« fuhr er fort, »und ich fürchte die Strudel in den Biegungen des Kanals mehr als alles Treibholz und Klippen.«
»Ihr habt recht, Wabasch,« versetzte der Halfbreed, »sogar mit guten Rudern möchte es uns kaum gelingen, die Biegungen unbeschadet zu überwinden.«
»Jedenfalls sind wir dann aber dem Ufer um so viel näher und können uns möglicher Weise durch Schwimmen retten,« fügte Lefèvre hinzu.
»Eine schwere Aufgabe, hier zu schwimmen,« sagte der Halfbreed, indem er seine Blicke umherschweifen ließ.
Es gehörte in der That ein kräftiges Männerherz dazu, um nicht in einer solchen Lage und inmitten einer solchen Umgebung, eine gewisse Beklemmung zu empfinden.
Wenn der Mond auf Minuten zwischen dem zerrissenen Gewölk hindurchschimmerte, dann beleuchtete er den breiten Wasserspiegel des Stromes, der durch die treibenden Holzmassen doppeltes Leben erhalten zu haben schien. Mächtige Bäume mit hoch hinaufragenden Kronen, deren schwere Wurzelenden auf dem Boden schleiften und die Geschwindigkeit hemmten, zogen träge dahin. An diesen vorbei eilten zweiglose Stämme, die vielleicht seit Jahren modernd am Fuße der Rocky Mountains gelegen. Kurze Baumstumpfe und Bruchstücke von Aesten und Rinde folgten in kreisender Bewegung nach, oder bildeten, sich aneinander drängend, kleine Flöße, welche von dem nächsten Strudel wieder getrennt und weit auseinander gewirbelt wurden. Halbverfaulte Bäume hasteten mit den schweren, von Wasser gesättigten Wurzeln tief im Sande des Stromes, während der leichtere Theil halbschwimmend über dem beweglichen Spiegel emporragte. Der Andrang der Fluthen preßte ihn niederwärts, die eigene Leichtigkeit hob ihn wieder empor, und hinab und hinauf ging es, bald unter bald über dem Wasserspiegel, mit der Regelmäßigkeit eines Perpendikels.1 Neben diesen schwarzen unbeholfenen Tauchern standen aufrecht geschmeidige Bäumchen und Zweige, welche in ähnlicher Weise am Boden gefesselt, mit ihren dürren Armen hoch hinaufreichten. Die Strömung hielt auch sie in beständiger Bewegung, und wie der die Säge führende Arbeiter sich bückt und aufrichtet2, so neigten und hoben diese sich über den schäumenden Wellen; hier im langsamen gemessenen Takt, dort mit komischer Eilfertigkeit. Festonähnlich schmückten angeschwemmte Kräuter und Halme jeden Zweig und halfen die neckischen Bilder vervollständigen, welchen man, ihrer Regsamkeit wegen, Leben und eigenen Willen hätte zuschreiben mögen.
Unheimlich rauschten und schäumten die Wellen, wo sie auf den geringsten Widerstand trafen; ebenso unheimlich heulte der Wind über den breiten Strom, und mit rasender Geschwindigkeit flog das zerbrechliche Floß dahin. Die drei Jäger hielten ihre Blicke nach vorne gerichtet, und die Stangen zum augenblicklichen Gebrauch bereit.
Eine dichte Wolke verschleierte den Mond jetzt wieder, und dunkler wurden die Schatten auf Fluß und Wald.
»Wir nähern uns einer Insel,« rief plötzlich der Halfbreed aus.
»Wenn’s nur keine Holzinsel ist,« antwortete Lefèvre, der die schwarzen Umrisse auf dem Wasser zu unterscheiden strebte.
»Ein Treibholzriff,« sagte der Halfbreed, indem er sein Ruderholz fester umklammerte und zugleich Büchse und Kugeltasche ergriff.
»Und eins von der schönsten Art,« bekräftigte Lefèvre. »Der Hund von einem Geistlichen,« fuhr er grollend fort und stellte sich neben den Halfbreed, um ihm beizustehen, den ersten Anprall zu schwächen. Auch der Omaha blieb nicht zurück, sondern sich auf ein Knie niederlassend, harrte er ruhig des entscheidenden Augenblicks.
