Beschreibung

Ungebrochene Seelen finden sich wie Magnete. Sie sind dazu bestimmt aufeinanderzuprallen und vor Glück zu zerspringen. Nachdem die Hades' Hangmen sie und ihre Schwestern aus der Gemeinschaft befreit haben, ist die junge Maddie das erste Mal im Leben frei und in Sicherheit - vor allem weil Flame, der berüchtigtste Hangmen, sie von morgens bis abends im Blick hat. Alle haben Maddie vor ihm gewarnt. Sie sagen, dass er unberechenbar ist, voller Wut und dass niemand ihn anfassen darf. Doch Flame ist fasziniert von Maddie. Sie regt etwas tief in seinem versteinerten Herz, und als seine eigenen Vergangenheit ihn einholt und Maddie in Gefahr bringt, ist ihm augenblicklich klar, dass er für die Frau, von deren Berührungen er nicht genug bekommen kann, sein Leben geben würde ... "Sündig, verboten und romantisch. Von Tillie Cole lese ich alles!" Vanessa Sangue Band 3 der düster-sinnlichen Hades'-Hangmen-Reihe von USA-Today-Bestseller-Autorin Tillie Cole

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EPUB

Seitenzahl: 560


Inhalt

TitelZu diesem BuchWidmungAnmerkung der AutorinGlossarMottoPrologKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30EpilogDanksagungPlaylistDie AutorinTillie Cole bei LYX.digitalImpressum

TILLIE COLE

Hades’ Hangmen

Flame

Roman

Ins Deutsche übertragen von Silvia Gleißner

Zu diesem Buch

Nachdem die Hades’ Hangmen sie und ihre Schwestern aus der Gemeinschaft befreit haben, ist die junge Maddie das erste Mal im Leben frei und in Sicherheit – vor allem weil Flame, der berüchtigtste Hangmen, sie von morgens bis abends im Blick hat. Alle haben Maddie vor ihm gewarnt. Sie sagen, dass er unberechenbar ist, voller Wut und dass niemand ihn anfassen darf. Doch Flame ist fasziniert von Maddie. Sie regt etwas tief in seinem versteinerten Herz, und als seine eigenen Vergangenheit ihn einholt und Maddie in Gefahr bringt, ist ihm augenblicklich klar, dass er für die Frau, von deren Berührungen er nicht genug bekommen kann, sein Leben geben würde …

Dieses Buch enthält explizite Szenen, derbe Wortwahl, Gewalt und die Schilderung von sexuellen Übergriffen. Leser*innen, die derart heftige Darstellungen nicht lesen möchten oder durch sie an ein Trauma erinnert werden könnten, wird hiermit geraten, diesen Roman nicht zu lesen. Alle sexuellen Handlungen zwischen Held und Heldin sind einvernehmlich.

Für Tessa, das erste Flame-Fangirl.Du hast mich um diese Geschichte gebeten.Dein Wunsch ist mir Befehl.

Anmerkung der Autorin

Flame ist der dritte Teil der Hades’-Hangmen-Reihe und knüpft unmittelbar an das Ende des Vorgängerbandes an. Um richtig in die Geschichte eintauchen zu können, sollte man zuvor Styx und Kyler gelesen haben.

Wie die komplette Hades’-Hangmen-Serie thematisiert auch Flame religiöse Glaubensvorstellungen und Praktiken, die – so extrem und schockierend sie auch auf viele wirken mögen – von tatsächlichen Ideologien noch oder ehemals bestehender christlicher Kulte und Sekten angeregt wurden. Diese Geschichte beinhaltet außerdem die verbreitete und überaus kontroverse Praktik des Umgangs mit Schlangen und der Einnahme von Gift bei Gottesdiensten. Dies wurde ebenfalls von der Ideologie existierender christlicher Sekten angeregt. Einige Szenen wurden im Rahmen der Geschichte überspitzt dargestellt, vor allem in der einzigartigen Weltanschauung des männlichen Protagonisten Flame und besonders in Bezug auf diese kontroversen Praktiken.

Ich möchte des Weiteren anmerken, dass viele Menschen in diesen speziellen Sekten leben, ohne je die gepredigten Doktrinen oder Werte zu missbrauchen. Viele folgen ihren Glaubensvorstellungen und der Heiligen Schrift friedlich, gefahrlos und hingebungsvoll, so wie Angehörige jeder anderen Religion. Diese Geschichte erforscht nur den Missbrauch solcher Praktiken.

Bitte seid euch auch darüber im Klaren, dass Flame Szenen schweren sexuellen Missbrauchs, Tabuthemen, körperliche und sexuelle Gewalt enthält.

Glossar

(nicht in alphabetischer Reihenfolge)

Terminologie des Ordens

Der Orden: Apokalyptische Neue Religiöse Bewegung. Glaubensvorstellung basiert auf ausgewählten christlichen Lehren und dem starken Glauben daran, dass die Apokalypse kurz bevorsteht. Zuvor angeführt von Prophet David (erklärte sich selbst zu einem Propheten Gottes und Nachfahren König Davids), den Ältesten und den Jüngern. Nachgefolgter Anführer ist Prophet Cain (Neffe von Prophet David).

Die Mitglieder leben zusammen in einer abgeschiedenen Gemeinde, basierend auf traditioneller und bescheidener Lebensweise, Polygamie und unorthodoxen religiösen Praktiken. Sie glauben, die Außenwelt sei sündhaft und böse. Kein Kontakt zu Nichtmitgliedern.

Gemeinde: Grundstück im Besitz des Ordens und kontrolliert von Prophet Cain. Abgeschieden lebende Gemeinschaft. Kontrolliert von Jüngern und Ältesten und schwer bewaffnet für den Fall eines Angriffs von der Außenwelt. Männer und Frauen leben in getrennten Bereichen der Gemeinde. Die Verfluchten sind getrennt von allen Männern (ausgenommen den Ältesten) in eigenen privaten Quartieren untergebracht. Das Gelände wird durch einen großen Grenzzaun geschützt.

Neu Zion: Neue Gemeinde des Ordens. Entstand nach der Zerstörung der vorherigen Gemeinde im Kampf gegen die Hades’ Hangmen.

Älteste: Bestehen aus vier Männern: Gabriel, Moses, Noah und Jacob. Verantwortlich für die alltägliche Führung der Gemeinde. Stellvertreter von Prophet David. Verantwortlich für die Unterweisung der Verfluchten. Alle tot.

Ratsälteste von Neu Zion: Bestehen aus drei Männern: Bruder Luke, Bruder Isaiah (tot), Bruder Micah (tot).

Hand des Propheten: Position von Cains Zwillingsbruder Judah. Stellvertreter von Prophet Cain. Beteiligt an der Führung von Neu Zion und allen religiösen, politischen oder militärischen Entscheidungen den Orden betreffend.

Ratgeber des Propheten: Zweiter Stellvertreter von Prophet Cain. Position von Bruder Luke (ehemals Ratsmitglied von Neu Zion). Berater in religiösen, politischen und militärischen Angelegenheiten. Arbeitet mit der Hand des Propheten zusammen.

Wächterjünger: Männliche Mitglieder des Ordens. Beauftragt mit der Verteidigung des Landbesitzes der Gemeinde und der Mitglieder des Ordens.

Göttliche Teilhabe: Ritueller Sexualakt zwischen männlichen und weiblichen Mitgliedern des Ordens. Gilt als Hilfe für die Männer, dem Herrn beständig näherzukommen. Wird in Massenzeremonien vollzogen. Häufige Nutzung von Betäubungsmitteln für übersinnliche Erfahrungen. Frauen ist es verboten, Lust zu erfahren, als Strafe dafür, dass sie Trägerinnen der Erbsünde von Eva sind, und sie müssen den Akt auf Verlangen als Teil ihrer schwesterlichen Pflichten vollziehen.

Erweckung: Übergangsritus des Ordens. An seinem achten Geburtstag muss ein Mädchen sexuell »erweckt« werden, von einem Mitglied der Gemeinde oder, bei besonderen Gelegenheiten, einem Ältesten.

Heiliger Kreis: Religiöse Praktik, die das Konzept der »freien Liebe« erkundet. Sexueller Verkehr mit vielen Partnern in der Öffentlichkeit.

Geheiligte Schwester: Auserwählte Frau des Ordens, deren Aufgabe es ist, die Gemeinde zu verlassen, um die Botschaft des Ordens mithilfe sexueller Handlungen zu verbreiten.

Die Verfluchten: Frauen oder Mädchen, die vom Orden als von Natur aus zu schön und angeboren sündhaft erachtet werden. Leben vom Rest der Gemeinde getrennt. Gelten als zu große Versuchung für Männer. Man glaubt, dass die Verfluchten wesentlich wahrscheinlicher Männer vom rechten Wege abbringen.

Erbsünde: Christliche Glaubenslehre des Augustinus, die besagt, dass jeder Mensch in Sünde geboren ist und einen angeborenen Drang zum Ungehorsam gegenüber Gott besitzt. Die Erbsünde ist das Ergebnis des Ungehorsams von Adam und Eva gegenüber Gott, als sie von der verbotenen Frucht im Garten Eden aßen. In der Lehre des Ordens (aufgestellt von Prophet David) wird Eva die Schuld an der Verführung Adams zur Sünde zugewiesen, und daher werden die Schwestern des Ordens als geborene Verführerinnen und Versucherinnen betrachtet und müssen den Männern gehorchen.

Sheol: Begriff im Alten Testament mit der Bedeutung »Grube«, »Grab« oder »Totenreich«. Ort für die Toten.

Glossolalie: Unverständliche Sprechweise von Gläubigen im Zustand religiöser Ekstase. Annahme des Heiligen Geistes.

Diaspora: Zerstreuung einer Gemeinschaft außerhalb ihrer ursprünglichen Heimat.

Hügel der Verdammnis: Hügel am Rand der Gemeinde. Wird genutzt zur Isolierung von Bewohnern von Neu Zion und für Bestrafungen.

Männer des Teufels: Bezeichnung für die Hades’ Hangmen.

Terminologie der Hades’ Hangmen

Hades’ Hangmen: Onepercenter Outlaw MC. Gegründet im Jahre 1969 in Austin, Texas.

Hades: Gott der Unterwelt in der griechischen Mythologie.

Gründungschapter: Erste Niederlassung des Clubs. Gründungsort.

Onepercenter: Die American Motorbike Association (AMA) soll einmal verkündet haben, neunundneunzig Prozent der Biker seien gesetzestreue Bürger. Biker, die sich nicht den Regeln der AMA unterwerfen, nennen sich selbst »Onepercenter« (das übrige, nicht gesetzestreue eine Prozent). Die große Mehrheit der Onepercenter gehört Outlaw MCs an.

Kutte: Lederjacke, die von Outlaw-Bikern getragen wird. Geschmückt mit Aufnähern und Grafiken, die die spezifischen Farben des Clubs zeigen.

Patched-in: Wenn einem Neumitglied die volle Mitgliedschaft gewährt wird.

Kirche: Clubtreffen für Vollmitglieder. Geleitet vom Präsidenten des Clubs.

Old Lady: Frau mit Status einer Ehefrau. Wird von ihrem Partner beschützt. Status gilt als unantastbar durch Clubmitglieder.

Clubschlampe: Frau, die das Clubhaus für zwanglosen Sex mit Clubmitgliedern besucht.

Braut: Bezeichnung für Frauen im Biker-Milieu. Kosename.

Zum Hades/Im Hades: Slang. Bezieht sich auf Sterbende oder Tote.

Zum Fährmann/Beim Fährmann: Slang. Sterbend oder tot. Bezieht sich auf Charon in der griechischen Mythologie. Charon war der Fährmann der Toten, ein Unterweltdämon (Geistwesen). Transportierte Seelen der Verstorbenen in den Hades. Die Gebühr für die Überfahrt über die Flüsse Styx und Acheron in den Hades bestand in Münzen, die beim Begräbnis auf die Augen oder den Mund des Toten gelegt wurden. Wer die Gebühr nicht zahlte, blieb zurück und musste einhundert Jahre lang an den Ufern des Styx umherwandern.

Organisationsstruktur der Hades’ Hangmen

Präsident (Präs): Anführer des Clubs. Inhaber des Richterhammers, der die absolute Macht des Präsidenten repräsentiert. Der Hammer wird genutzt, um Ordnung in der Kirche zu halten. Das Wort des Präsidenten ist Gesetz innerhalb des Clubs. Er lässt sich von altgedienten Clubmitgliedern beraten. Niemand stellt die Entscheidungen des Präsidenten infrage.

Vizepräsident (VP): Stellvertreter. Führt die Befehle des Präsidenten aus. Hauptsächlicher Kommunikator mit anderen Chaptern des Clubs. Übernimmt alle Verantwortungen und Pflichten des Präsidenten in dessen Abwesenheit.

Road Captain: Verantwortlich für alle Clubtreffen. Recherche, Planung und Organisation von Clubtreffen und Ausfahrten. Hochrangiger Cluboffizier, berichtet nur an den Präsidenten oder VP.

Sergeant-at-Arms: Verantwortlich für die Sicherheit im Club, Wachdienst und Ordnung bei Club-Events. Meldet unangemessenes Verhalten an den Präsidenten und den VP. Verantwortlich für Sicherheit und Verteidigung des Clubs, seiner Mitglieder und Anwärter.

Schatzmeister: Führt Buch über alle Einnahmen und Ausgaben. Führt Buch über alle Aufnäher des Clubs, die ausgegeben oder aberkannt wurden.

Sekretär: Verantwortlich für Erstellung und Pflege aller Clubberichte. Muss Mitglieder bei Notfalltreffen benachrichtigen.

Anwärter: Probemitglied des MC. Darf an Treffen teilnehmen, aber keine Versammlungen in der Kirche besuchen.

»Denn gebrochene Seelen sind wie Magneten.Sie sind dazu bestimmt, aufeinanderzuprallen und vor Glück zu zerspringen …«

Prolog

»Habt ihr sonst noch jemanden hier draußen getötet?«

Ich sah, wie die kleine schwarzhaarige Braut – Maes Schwester – den Präs fragte, ob wir sonst noch jemanden in dieser gottverfluchten Sektenhölle umgebracht hatten.

Der Präs nickte.

»Wo ist er?«, wollte sie wissen.

Der Präs gab keine Antwort. Mein Kopf fing zu zucken an und meine Haut prickelte, als sie ihre grünen Augen ein wenig zusammenkniff.

»Bitte! Ich muss ihn sehen!«, rief sie. Sie war knallrot geworden, obwohl sie ein blasser Typ war, und ihre Hände begannen zu zittern.

Der Präs deutete in den Wald, und in null Komma nichts flitzte sie zu den Bäumen. Ich biss die Zähne zusammen und ballte die Hände zu Fäusten, als ich sie losrennen sah.

Viking lehnte sich so zu mir, dass er mich gerade noch nicht berührte. Mich fasste man besser nicht an, das wusste er. »Du hast den Wichser zugerichtet, als wärst du Freddy Krueger, stimmt’s, Bruder?«

Ich starrte weiter in die Bäume und sah das Kleid der Braut in der Ferne verschwinden.

»Flame?«, drängte Viking.

Ich knirschte mit den Zähnen, dachte daran, wie ich den Scheißkerl mit meinen Messern durchbohrt hatte, und knurrte: »Den habe ich so richtig geschnetzelt. Dieser Wichser hat es verdient, auf diese Weise zu sterben.«

»Das heißt also ja. Freddy Krueger hat dir ja schon immer imponiert.«

Aber ich gab Viking keine Antwort. Ich sagte nichts darauf, weil die schwarzhaarige Braut sich auf den Weg zurück machte. Den ganzen Weg über beobachtete ich sie. Ich zählte jeden ihrer Schritte, als sie näher kam. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf …

Ich sah, wie ihr Brustkorb sich hob und senkte: Sie atmete schwer. Verdammt schwer. Sie war doch nicht etwa sauer, weil der Typ tot war?

»Schwester?« Mae lief zu ihr hin, aber die grünen Augen der Kleinen waren auf den Präs fixiert.

»Wer hat ihn getötet?«, fragte sie und drängte sich an Mae vorbei. Ihr Gesicht wandte sich einem Bruder nach dem anderen zu, als sie jedem einzelnen in die Augen blickte.

Und ich konnte nichts anderes tun, als sie anzustarren. Ich zuckte und spürte, wie mein Blut zu kochen anfing.

Der Wichser hatte den Tod verdient. Ich hatte einen Mordsständer gehabt, als ich dem Scheißkerl beim Sterben zusah. Ich hatte zugesehen, wie das Leben aus seinen Augen gewichen war. Ich hatte sein Blut fließen sehen. Und ich hatte es geliebt.

Und dann kam sie bei mir an. Die zierliche Braut stand vor mir, sie war viel kleiner als ich, und diese großen grünen Augen blickten genau in meine. »Warst du es?«, fragte sie.

Das Blut rauschte schneller durch meine Adern, und ich nickte. »Ja, ich habe den Kerl kaltgemacht«, spuckte ich aus.

Ich versteifte mich und meine Muskeln zuckten, als ich darauf wartete, dass sie den Scheißkerl verteidigte. Dass sie mir erzählte, ich wäre böse, im Irrtum und ein Mörder – alles lauter Mist, den ich schon wusste.

Aber noch bevor ich einen klaren Gedanken fassen konnte, kam ein Aufschrei aus ihrer Kehle, und sie machte einen Satz und warf die Arme um mich. Mein Herz donnerte los wie eine verdammte Kanone, und meine Hände ballten sich zu Fäusten und schossen in die Höhe, als ihre Hände meine Haut berührten.

Niemand durfte mich anfassen. Keine verdammte Berührung von niemandem. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, zählte ich und wartete darauf, dass ich ihr wehtat. Ich wartete auf den Schmerz … acht, neun, zehn, elf … Mein Blick huschte nach unten, als ich bei elf ankam, und ich rechnete damit, ihren Schmerz zu sehen.

Elf.

Aber sie blieb unverletzt.

Elf.

Ich war über elf hinaus.

Ihre Arme umschlangen meine Taille noch fester, und ich schaute geschockt nach unten. Ich sah ihr dichtes schwarzes Haar. Ich sah, wie ihr Rücken sich mit ihren Atemzügen hob und senkte.

»Danke«, wisperte sie und drückte ihre Wange an meine Brust. »Ich danke dir vielmals.«

Mir fror buchstäblich die Lunge ein, als sie mir dankte. Doch ich begriff es nicht. So wie immer. Ich kapierte absolut gar nichts.

Wieso tat ihr meine Berührung nicht weh?

Wieso dankte sie mir?

Dann umklammerten ihre Arme mich noch fester, und ich wollte ihren Rücken berühren. Verdammt, ich wollte sie wirklich anfassen.

Mein Herz hämmerte immer noch vom Rausch des Tötens, meine Ader am Hals pochte, und ich machte die Augen für einen Moment zu. Ich zwang meine Arme nach unten, atmete tief durch und drückte die Hände auf ihren Rücken. Als ich ihr Kleid berührte, holte ich tief Luft und spürte, wie ihr Körper unter meinen Handflächen zuckte.

Fast ließ ich sie wieder los, denn es machte mich wahnsinnig, sie in meinen Armen zu spüren. Aber das war schnell vorbei, als ich etwas Nasses auf meiner Brust spürte, auf meiner Haut, und sie schluchzte: »Du hast mich befreit. Du hast mich von ihm befreit.«

Bei ihren Worten kniff ich die Augen wieder zu. Mein Herz jagte los, doch das Lodern in meinem Blut, die Hitze in meinem Körper – war eingedämmt.

Die Flammen würden nie aufhören zu lodern.

Die brannten bis in alle verdammte Ewigkeit.

Aber bei ihr …

Ich wollte sie fester halten.

Ich wollte sie enger an mich drücken, doch da nahm sie die Arme von mir und wich zurück.

Ich ballte die Hände zu Fäusten, als ich sie zurückweichen sah, und dann, bevor sie ihre Schwestern erreichte, drehte sie sich zu mir um und fragte: »Wie heißt du?« Ihre Stimme bebte, als hätte sie Angst. Aber sie ließ mich nicht aus den Augen. Ihr Blick brannte sich förmlich in meine Augen und ließ mein Herz hämmern.

Und ich dachte an diese Frage. Wie ich heiße …

»Flame«, antwortete ich und verdrängte meinen anderen Namen ganz weit aus meinem Gedächtnis – den Namen, den ich nicht ertragen konnte.

Ich erstarrte, als sie den Blick senkte und lächelte. Meine Fingernägel gruben sich in meine Handfläche, also konnte ich auch versuchen, bei diesem Lächeln ruhig zu bleiben. »Ich werde dir ewig dankbar sein, Flame. Ich stehe für immer in deiner Schuld.«

Ich stieß die Luft aus, als sie sich umdrehte und davonging, doch ich konnte nicht aufhören, sie anzusehen.

Mein Blick fiel auf meine Hände, und ich starrte auf meine Handfläche. Ich hatte sie berührt. Ich hatte sie berührt, und ich hatte ihr dabei nicht wehgetan.

Dann wurde es mir schwer ums Herz. Denn die Flammen loderten immer noch unter meiner Haut. Ich konnte sie fühlen. Und wenn ich sie noch einmal anfasste, tat ich ihr vielleicht weh.

»Fuck, bist du in Ordnung, Mann?« AK stand vor mir. Er stand zwischen mir und der schwarzhaarigen Kleinen.

Ich hob die Hände, Handflächen nach oben. »Ich habe sie angefasst«, flüsterte ich. »Ich habe sie echt angefasst.«

AK nickte. »Ich weiß, Bruder. Geht’s dir gut? Du drehst jetzt aber nicht durch und gehst auf sie los, oder? Spielst nicht mit dem Gedanken, ihr die Kehle durchzuschneiden?«

Ich ging einen Schritt zur Seite, schaute über AKs Schulter und fragte: »Wie war ihr Name? Was hat Mae noch mal gesagt, wie sie heißt?«

AK warf auch einen Blick hinter sich und meinte: »Maddie, glaube ich.« Er holte tief Luft. »Ja, Maddie.«

Maddie, dachte ich und flüsterte dann hörbar ihren Namen. »Maddie …«

Wenige Stunden später kehrten wir zur Basis zurück, wo die Brüder aus den anderen Staaten zusammen mit den meisten aus unserem Club die Nacht durch tranken und vögelten. Doch ich hatte bloß noch Augen für Maddie. Ich konnte nur sie am Fenster von Styx’ Apartment sehen, wo sie Position bezogen hatte. Ich trank nicht und rauchte nicht, sondern sah zu, wie sie am Fenstersims saß und mich ihrerseits beobachtete.

Ich tigerte unter ihrem Fenster hin und her, bis AK und Viking mich nach Hause zu meiner Hütte schleppten. Doch ich bekam sie nicht aus meinem Kopf, verdammt. Im Geiste sah ich die ganze Zeit nur grüne Augen und lange schwarze Haare. Und ich fühlte ihre Arme um meine Taille.

Ich packte meine Messer, stürmte durch die Tür und rannte den ganzen verdammten Weg zurück zum Quartier. Ich brach zwischen den Bäumen durch und rannte, bis ich am Fenster von Styx’ Apartment ankam … und blieb dann wie angewurzelt stehen.

Maddie saß noch immer an dem verdammten Fenster.

Mein Herz hämmerte los, als ich sie anstarrte.

Dann schaute sie nach unten und starrte mich an.

Ich sah, wie ihr der Mund offen stehen blieb.

Ich sah, wie ihre grünen Augen groß wurden.

Ich sah, wie sie die Hand an die Scheibe presste.

Und ich sah, wie ihre Lippen formten: »Flame …«

Ich umklammerte die Messer an meiner Seite und stürmte vorwärts. Ich fing an, vor ihrem Zimmer hin und her zu tigern. Denn niemand würde je wieder in ihre Nähe kommen. Keiner würde ihr je wieder wehtun. Und wenn doch, würde dieser Jemand sterben.

Sterben unter meinen verdammten Klingen.

Denn sie gehörte mir.

Die schwarzhaarige Kleine namens Maddie war mein.

Kapitel 1

Flame

Heute …

Nein. Nein. NEIN!

Ich rannte über den Kiesweg zu meiner Hütte und konnte die verdammten verkorksten Gedanken einfach nicht aus meinem Kopf bekommen. Die haben sie. Die werden ihr wehtun.

Ich trieb meine Beine härter an. Die Muskeln protestierten vor Schmerz, immer noch geschwächt von den Wochen, die ich ans Krankenhausbett gefesselt verbracht hatte, aber ich musste zu Maddie. Sie brauchte mich, um die aufzuhalten. Sie brauchte mich, damit ich die davon abhielt, ihr auch wehzutun.

Ich hatte eine Kugel für sie abgefangen. Als Lilah nach ihrer Rettung aus der Gemeinde durchgedreht war und aus Versehen die Waffe in ihrer Hand abgefeuert hatte – die direkt auf Maddie gerichtet gewesen war –, hatte ich sie in Sicherheit bringen müssen. Ich hatte ihr das Leben retten müssen.

Doch es war alles umsonst, denn jetzt hatten die sie in dieser Kirche.

Ich kam zu meiner Hütte, riss die Tür auf und stürmte ins Wohnzimmer. Auf dem Tresen lagen die Schlüssel zu meiner Maschine; ich nahm sie an mich und rannte raus zum Motorrad.

Als ich den Ständer hochkickte, sah ich Viking und AK den Hügel runter auf mich zurennen. Sie schrien mir zu, ich solle anhalten, aber ich konnte nicht. Ich musste zu Maddie. Ich konnte sie nicht dort lassen, bei diesen Leuten.

Nicht sie.

Nicht Maddie.

Nicht meine Maddie!

Der Hinterreifen schlitterte auf dem Kies, als ich wie ein Berserker auf die Schotterstraße raste. Ich hörte ein Motorrad, das mir in der Ferne folgte, doch ich hielt nicht an. Die Worte von Kys Braut bohrten sich in mein Hirn.

Maddie ist in der Erlöserkirche … Sie geht schon seit einer Weile dorthin. Wir alle.

Ich fuhr schneller. Ich wusste nicht, ob ich zu spät kam. Aber ich wusste, wenn ich nicht hinfuhr, konnte es zu spät sein. Die würden sie zum Schreien bringen. Und ich konnte sie nicht schreien hören. Schreien konnte ich nicht ertragen. Es brachte mein Blut in Wallung, die Flammen unter meiner Haut zum Lodern und ging mir nicht aus dem Kopf.

Meine Hände am Lenker der Harley zitterten, während ich mir alle Mühe gab, nicht vor lauter Wut zu explodieren. Ich dachte an Maddies grüne Augen. Ihre blasse Haut. Ihr langes schwarzes Haar. Und dann sah ich sie in meiner Vorstellung nur noch voller Blut, zu Boden gedrückt und verletzt vor mir. Und ich konnte sie im Geiste schreien hören. Ich konnte diese grünen Augen weit aufgerissen sehen, konnte sie weinen sehen, während man sie fesselte. Während all die Leute in der Kirche sie festbanden und ihr Schmerzen zufügten.

Und ich konnte sie nicht retten. Konnte es beim besten Willen nicht. Ein Mensch mehr … noch ein Mensch, der mir genommen wurde. Weil ich nicht da war, um sie zu schützen.

Ich umklammerte den Lenker meiner Harley und ließ einen Schrei aus meiner lädierten Kehle. Und ich trieb die Maschine immer härter, bis ich die Straßen der Innenstadt erreichte. Ich fuhr über jede rote Ampel, raste durch jede Straße, jede Kreuzung.

Dann noch zweimal rechts und das Scheißding kam in Sicht.

Weiß.

Prachtvoll.

Ein gottverdammtes Haus des Bösen, verkleidet als gut.

Die Erlöserkirche.

Und da drin war meine Maddie.

Schlitternd kam ich davor zum Stehen und stieg von der Maschine. Meine Stiefel trafen auf den Asphalt, und ich kämpfte gegen das Hämmern in meinem Kopf an, weil ich dieser Scheißhölle so nahe war. Ich hatte immer noch die Medikamente aus dem Krankenhaus im Blut, aber mir blieb keine Wahl, als das durchzuziehen.

Ich schaute auf meine offenen Handflächen: Meine Hände zitterten, und meine Beinmuskeln verkrampften sich. Und als wäre ich ein verdammtes Weichei, blickte ich die steilen weißen Stufen hinauf und konnte mich nicht vom Fleck rühren.

Und dann sah ich ihn, vor meinem inneren Auge, wie er vor mir stand und mir befahl, zur Kirchentür zu gehen. Ich sah den kalten Blick seiner Augen, als er auf mich herabsah, die Lippen voll Abscheu verzogen.

Sünder. Ein Sünder bist du, Junge, zischte er. Die Erinnerung war viel zu echt, und mir rutschte das Herz in die Hose. Du musst dein Blut von den Flammen reinigen. Du musst deine finstere Seele vom Bösen reinigen.

Ich schnappte nach Luft und musste mich am Sattel meiner Maschine festhalten, weil ich dachte, meine Beine würden unter der Erinnerung einknicken. Ich wollte der Erinnerung nicht nachgeben. Ich wolltenicht dorthin zurück. Ich wollte sein verdammtes Gesicht nicht in meiner Erinnerung sehen. Aber was ich wollte, war einen Scheiß wert. Weil er immer da war. Er erwischte mich immer. Er ließ mich nie in Ruhe.

Hinter mir war das Dröhnen einer anderen Harley zu hören, und ich ließ die Hände sinken. Ohne nach hinten zu schauen, wusste ich, dass es AK und Viking waren. Sie würden versuchen, mich aufzuhalten. Ich wusste es, weil sie nicht begriffen, was hinter diesen Holztüren passieren würde, wo niemand es sehen konnte.

Ich richtete mich auf und starrte wieder hoch zur Kirche. Ich zwang meine Beine, sich zu bewegen, und ging zum Fuß der steilen Treppe. Aber weiter konnte ich nicht. Ich wollte meine Beine weiter zwingen, diese erste verdammte Stufe hinauf, doch sie wollten nicht. Sie gehorchten nicht. Ich Weichei hatte zu viel verdammte Angst, mich dem zu stellen, was hinter diesen Türen war.

Ich senkte den Kopf und schlug mir mit dem Handballen an den Schädel. »Mach schon!«, befahl ich mir. »Beweg dich, du verdammtes Weichei!«

Aber ich konnte die Stufen nicht hochsteigen. Also tigerte ich auf dem Gehweg hin und her. Ich lief vor und zurück, vor und zurück, und mein Kopf war viel zu voll. Beschissene Bilder im Kopf. Warnschreie im Hirn.

»Die werden Maddie wehtun. Die tun Maddie weh«, sagte ich mir vor. Und die Flammen in mir brannten noch heißer.

Ich rang nach Luft, während ich immer schneller hin und her tigerte und wieder Maddies Gesicht in Gedanken vor mir sah.

Ich würde sie da verdammt noch mal rausholen, koste es was es wolle.

Kapitel 2

Maddie

Stundenlang hatte ich in den Schatten gesessen, verborgen hinter der großen weißen Statue von Jesus.

Ich hielt es nicht mehr im Quartier aus, obwohl es Lilahs und Kys Hochzeitstag war. Ich konnte es keine einzige Sekunde länger ertragen, in diesem Zimmer gefangen zu sein, zum Fenster hinauszustarren und verzweifelt darum zu beten, dass Flame zwischen den Bäumen hervortrat.

Doch er kam nicht.

Ich schloss die Augen und sah in meiner Erinnerung, wie er sich dieser Kugel in den Weg warf, um mir das Leben zu retten. Und dann sah ich nur noch Blut.

Ich öffnete die Augen wieder. Mein Kopf sank an die Beine der Statue, und meine Hand drückte sich auf den hohlen Schmerz in meiner Brust. Umgehend sah ich ihn in meiner Vorstellung klar vor mir – dunkle Augen, kurzer dunkler Bart, leicht gekrümmte Nase und sein großer tätowierter Körper, während er schützend unter meinem Fenster stand, die Klingen in den Händen.

Mein Blick verlor sich, als ich auf den Holzboden der Kirche starrte, doch dann erklang mein Lieblingslied und ich hob den Kopf. Die Saiten einer Gitarre hallten von den hohen Wänden wider.

Daraufhin gesellten sich die sanften Klänge des Klaviers zur Melodie des Kirchenlieds, das mir immer ein Lächeln entlockte. Langsam entspannten sich meine Hände, und ich wiegte mich sanft im Takt mit.

Von meinem Platz aus konnte ich den Chor zwar nicht sehen, ihn aber hören. Deshalb kam ich in die Kirche. Nicht wegen der Religion, sondern wegen dieser Musik.

This little light of mine, I’m gonna let it shine.

This little light of mine, I’m gonna let it shine.

This little light of mine, I’m gonna let it shine.

Let it shine, let it shine, let it shine …

Meine Lippen bewegten sich lautlos mit dem Text. Aber ich sang nie mit. Ich konnte die Worte nicht laut aussprechen. Ich würde es nie wagen, mitzusingen. Stets hatte man mir eingetrichtert, dass Singen verboten war, eine Sünde. Doch ich konnte zuhören. Zuhören und mich geborgen fühlen … ein Aufflackern von Glück bei den süßen Klängen empfinden, wenn auch nur für ein paar kurze Minuten.

Das Lied ging weiter, und ich lächelte, bis das letzte süße Wort verklang …

Every day, every day, I’m gonna let my little light shine …

Mit einem langen tiefen Seufzer atmete ich aus und lehnte mich an die Beine der Statue, zufrieden damit, der Probe des Gospelchors zu lauschen. Aber in der kurzen Stille zwischen zwei Liedern war draußen vor der Kirche ein Ruf zu hören.

»Maddie!«

Ich richtete mich auf, als ich das raue und kehlige Brüllen meines Namens hörte. Mein Herzschlag klang hämmernd in meinen Ohren.

»Maddie!«, schrie jemand erneut. Meine Hände fingen an zu zittern. Von der Galerie oben war das fragende Gemurmel des Chors zu hören. Die Bürotür von Pastorin James ging auf, und sie eilte mit angespannter Miene hinaus. Pastorin James, die Frau, die mich und meine Schwestern in ihre Kirche gelassen hatte, ohne Fragen zu stellen. Die Frau, die erst vor wenigen Stunden Lilah und Ky getraut hatte. Und die Frau, die kurz nach mir in die Kirche zurückgekehrt war, damit ich nicht allein hier war.

Ich wurde so reglos wie die Statue neben mir, starr vor Schreck. Pastorin James kam auf mich zu, und es stand ihr ins Gesicht geschrieben, dass sie in Sorge war.

Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch da war das ohrenbetäubende Dröhnen eines Motors vor den Türen zu hören, gefolgt von einem weiteren Schrei.

»Maddie!« Dieser Schrei war lauter und verzweifelter.

Eine Hand berührte meine Schulter. Ich schrie auf, als ich die unerwartete Berührung spürte, und kroch hastig rückwärts, bis ich zwischen dem Altar und der Jesusstatue eingezwängt war. Automatisch zog ich die Knie an meinen Oberkörper und schlang augenblicklich die Arme um meine Beine. Pastorin James hob hastig die Hände, als ihr Blick auf mich fiel. »Maddie, es tut mir leid. Ich hätte dich nicht berühren sollen.«

Ich wollte atmen und das Gefühl von Pastorin James’ sengend heißer Berührung abschütteln. Doch gerade, als ich es schaffte, wieder Luft zu holen, kam ein erneuter verzweifelter Aufschrei.

»MADDIE!«

Pastorin James sprang auf und sah zu den offenen Türen. Sie warf mir einen Blick zu und befahl nervös: »Bleib hier, Maddie.«

Ein männliches Chormitglied kam die Treppe von der Galerie herabgelaufen und erreichte Pastorin James auf halbem Wege zwischen den Kirchenbänken.

Die sagte etwas zu ihm, woraufhin er mir einen Blick zuwarf, und dann gingen sie gemeinsam vorsichtig zum Eingang. Ich beobachtete die beiden eingehend, ohne zu blinzeln, und fragte mich, was sie wohl vorfinden würden.

»Maddie!«, rief die Stimme wieder, und ihr grausam und schneidend rauer Klang ließ mich zusammenzucken. Doch dann hörte ich noch etwas anderes, und meine Furcht verging.

»So eine Scheiße! Die Bibelfuzzis holen noch die Bullen! Kapierst du das, Arschloch? Styx zieht deinem Psychohintern die Haut ab! Du bist doch eben erst nach Hause gekommen!«

Als ich die vertraute Stimme und den Namen hörte, hörten meine Hände zu zittern auf. Als der nächste »Maddie!«-Schrei in die Kirche drang, sprang ich auf und rannte aus den Schatten heraus. Ich raffte mein bodenlanges Kleid mit den Händen und hastete durch den Innenraum der Kirche, eilte weiter, bis das Sonnenlicht aus dem offenen Eingang den dunklen Holzboden erhellte.

»Ich wiederhole es nicht noch einmal. Sie müssen jetzt gehen, oder ich rufe die Polizei«, sagte Pastorin James gerade, als ich die großen Türen erreichte. Der Mann vom Chor sah mich sofort und tippte die Pastorin am Arm.

Diese drehte sich um und wurde blass. »Maddie, Liebes, bleib in der Kirche und rufe deine Schwester an, oder noch besser, Mr Nash.«

Ihr Gesicht verriet ihre Furcht, aber ihr Protest wurde ganz schnell zu einem dumpfen Rauschen in meinen Ohren, als ich den Ausgang erreichte und unten am Rand der belebten Straße jemand warten sah. Ihn … Flame. Er lief unruhig hin und her. Wie immer zählte ich seine Schritte mit. Elf nach rechts, elf nach links.

Ich nahm seinen Anblick in mich auf und fürchtete, dass mir die Beine wegknicken würden. Das verwirrende Gefühl in meinem Bauch kam wieder, als mein Blick auf seine Beine in Leder und die Hangmen-Kutte fielen, die zum Teil seinen nackten Oberkörper bedeckte.

Sein seltsam geschnittenes dunkles Haar war unordentlich wie immer. Seine Haut war blass, und er hatte etwas abgenommen. Ich runzelte die Stirn. Seine Muskeln zuckten mehr als sonst, und er ballte die Hände zu Fäusten. Er murmelte etwas vor sich hin, das aus der Ferne nicht zu hören war, aber … er war nach wie vor Flame. Nach wie vor der Mann, der mich beschützte. Nach wie vor der lautlose Schatten, der für meine Sicherheit sorgte.

Der Mann, den ich so wahnsinnig vermisst hatte.

Seine Freunde Viking und AK standen neben ihm. Viking, der riesige Bruder mit den roten Haaren, wirkte verzweifelt, während er mit dem dunkelhaarigen AK redete, und als er sich durchs Haar fuhr, drehte er sich dabei um und bemerkte mich.

Vikings großer Brustkorb senkte sich mit etwas, das wie Erleichterung aussah, und er sagte etwas zu AK. Letzterer schaute zu mir und winkte mir müde zu.

Aber ich hatte keine Zeit für die beiden. In diesem Augenblick konnte ich mich nur auf Flame konzentrieren.

Ich zuckte zusammen, als ich den weißen Verbandsmull an seinem Hals sah. Die Schusswunde. Die Kugel, die mich getroffen hätte, hätte er sich nicht in den Weg geworfen …

… um mich zu schützen.

Flames Schritte wurden schneller. Ich konnte seine Hände zittern sehen, als er unglaublich fest die Hände zu Fäusten ballte. Und dann traten seine Halsmuskeln hervor und er begann zu schreien. Seine heisere und raue Stimme brachte noch »Madd-« heraus, bis sein Blick ans obere Ende der Treppe fiel …

… und meinem Blick begegnete.

Flames Aufschrei verstummte unvermittelt, und er blieb abrupt stehen. Er wankte auf unsicheren Beinen, als sei er zu müde zum Stehen. Doch sein Starren blieb, finster wie tiefste Nacht. Seine Hände hörten auf zu zittern und sein breiter nackter Brustkorb hob und senkte sich schnell, aber zugleich schien ihn eine seltsame Ruhe zu überkommen.

Ich wollte mit ihm reden.

Ich wollte seine Hand nehmen und ihm danken. Ihm über alle Worte hinaus danken, weil er mir das Leben gerettet hatte.

Aber ich konnte nicht. Ich hatte nicht den Mut dazu. Also hob ich stattdessen die zitternde Hand an meinen Hals, an dieselbe Stelle, wo seine Verletzung war. Als ich sicher war, dass ich seine ungeteilte Aufmerksamkeit hatte, neigte ich dankend den Kopf.

Flame wurde ganz still bei meiner Geste, und dann, mit bebenden Nasenflügeln, trat er vorwärts. Mein Herz raste los, als ich dachte, er würde gleich die Stufen zu mir hinaufsteigen. Doch nach nur einem Schritt blieb er wie angewurzelt stehen, als würde etwas ihn aufhalten.

Mir wurde es schwer ums Herz.

Ich konnte sehen, dass er zu mir wollte.

Ich konnte sehen, dass er mit mir sprechen wollte. Aber genau wie bei mir war das nicht so einfach.

Ich spürte, dass jemand hinter mir näher kam, und mir drehte sich der Magen um, als Flames ruhige Haltung sich urplötzlich veränderte, als er über meine Schulter hinweg blickte. Der gequälte Mann, dem ich jede Nacht dabei zusah, wie er seine Wut unter Kontrolle hielt, brach wieder mit einem rauen Knurren hervor.

»Maddie?«, rief Pastorin James. Der Klang ihrer Stimme und dass sie an meiner Seite war schienen Flame den Rest zu geben. Sein Blick verfinsterte sich vor Zorn. Seine Füße trugen ihn vorwärts. Er wirkte bedrohlich, und seine schroffe Haltung versprach Schmerz.

Kaum atmend folgte ich meinen Instinkten und lief die Stufen hinunter. Und mit jedem Schritt, den ich auf ihn zulief, kam Flame zurück von wo auch immer sein gequälter Verstand gewesen war.

AK ergriff das Wort. »Maddie, du musst mit uns zurück.«

Flame atmete so schwer, als sei er stundenlang gerannt, und sein bleiches, fahles Gesicht war schweißbedeckt.

Ohne AK anzusehen, nickte ich. AK trat an Flame heran und sagte leise: »Sie fährt mit uns zurück, okay? Sie kann bei mir im Truck mitfahren.«

Flame versteifte sich und schüttelte den Kopf, als würde ihm nicht gefallen, was AK gesagt hatte. AK kam noch etwas näher und sagte: »Sieh mich an, Bruder.«

Flame wandte den Blick nicht von mir ab. AK versuchte es noch mal. »Flame, sieh mich an.« Dieses Mal reagierte Flame. Aber seine Miene war nicht freundlich.

AK legte sich die Hand aufs Herz. »Vertraust du mir? Nach allem, was wir durchgemacht haben, vertraust du mir doch, wenn ich dir sage, dass ich Maddie sicher nach Hause bringe, oder?«

Viking blieb neben AK stehen. Ich sah zu, wie Flame zwischen beiden hin und her blickte. Dann sanken seine Schultern sichtbar herab, und mit einem langen Seufzen krächzte Flame heiser: »Ja.«

AK entspannte sich. Er schaute mich an und streckte die Hand in Richtung des Trucks aus. Ich ging hin, doch ich wollte nicht vorn im Wagen sitzen, sondern stieg hinten ein.

Als ich auf den Sitz glitt, begegnete ich Flames besorgtem Blick, mit dem er mir beim Einsteigen zusah. Ich nickte und schenkte ihm ein beruhigendes Lächeln.

Flames Lippen öffneten sich ein wenig, und als AK auf dem Fahrersitz einstieg, rannte Flame zu seinem Motorrad.

Der Motor startete, und kurz darauf befanden wir uns auf der belebten Straße. AK sagte nichts zu mir, aber ich sah, wie er mich durch den Spiegel an der Wagendecke beobachtete.

Ich wollte seiner Aufmerksamkeit entfliehen und starrte aus dem Fenster. Als die Stadt der Landstraße wich, war neben mir das Röhren eines Motorrads zu hören. In Sekundenschnelle beschleunigte Flame, bis seine Maschine neben unserem Truck fuhr … bis er genau neben mir herfuhr. So blieb es den ganzen Heimweg.

Als wir hielten, lief Mae von der Veranda heran. Sie trug noch ihr Brautjungfernkleid und sah so atemberaubend aus wie immer. Und wie immer war auch Styx nicht weit.

Mae kam an meine Tür und zog sie auf. Augenblicklich sah ich seine besorgte Miene. »Maddie«, flüsterte sie deutlich erleichtert, »geht es dir gut?«

Ich nickte, nahm Maes ausgestreckte Hand und ließ mir von ihr aus dem Wagen helfen. Sie legte den Arm um meine Schultern und führte mich zur Hütte, doch als wir an Styx vorbeikamen, sah ich, wie der Flame einen finsteren Blick zuwarf und schnell die Hände bewegte. Anders als Styx, Mae und die meisten Männer hier beherrschte ich keine Gebärdensprache, aber ich konnte erkennen, dass er wütend auf Flame war.

»Styx, Präs …« Ich hörte, wie Viking mit Styx reden wollte, doch der schnitt ihm offensichtlich das Wort ab.

Mae führte mich weiter, die Erinnerung an Flames kreidebleiches Gesicht, als er mich aus der Kirche kommen sah, sein Körper noch geschwächt von der Verletzung, ließ mich allerdings abrupt stehen bleiben.

Aus welchem Grund auch immer hatte er seine Erholung außer Acht gelassen, um mich vor etwas zu schützen, das er als Bedrohung ansah. Ich atmete aus.

Er sollte nicht bestraft werden.

»Maddie? Was ist los?«, fragte Mae neben mir. Ich löste mich aus ihrem schützenden Arm und drehte mich um. Sofort stand ein müde aussehender Flame neben mir. Styx verständigte sich nach wie vor in Gebärdensprache, doch Flame sah mir zu, als ich zögernd vortrat und langsam und beklommen näher kam. Vor lauter Erstaunen ballten sich seine Hände zu Fäusten und sein Kiefer wurde starr vor Anspannung.

Ich hörte das leise Geräusch, als Mae zu Styx eilte und ihm etwas zuflüsterte, das ich nicht hören konnte, doch ich wollte nur eins.

Zuerst kam der Geruch von Öl und Leder, und dann etwas, das ich nicht ausmachen konnte, etwas, das ganz deutlich Flame war. Nun stand ich bloß eine Haaresbreite von Flame entfernt, den Blick zu Boden gerichtet, und alle anderen waren verstummt.

Ich verschränkte fest die Hände, um nicht die Fassung zu verlieren, und hob den Kopf. So nahe vor ihm stehend wurde mir klar, wie sehr er mir gefehlt hatte. Mir wurde klar, dass ich mich nicht einen Moment so geborgen gefühlt hatte, seit er weg gewesen war.

Flame schluckte schwer und musterte mich. Mein Herz flatterte, als ich mir eingestand, dass mir gefiel, wie er mich ansah. Mir gefiel, dass sein schmerzerfüllter Gesichtsausdruck immer verschwand, wenn ich in der Nähe war.

Obwohl meine Nerven blank lagen, flüsterte ich: »Danke.« Ich holte schnell Luft, um meine zitternde Stimme zu stärken, senkte den Blick unter seinen durchdringenden Augen und fuhr fort: »Danke. Danke, dass du mir das Leben gerettet hast.«

Die schwere Stille fühlte sich an, als würde sie mich ersticken. Ich konnte die Brise hören, die nächtlichen Vögel in den Bäumen, und dann hörte ich ein rasches Ausatmen. Ich hob wieder den Blick und sah, wie sich Flames Lippen öffneten, als fiele ihm eine schwere Last von den Schultern.

Er knirschte mit den Zähnen, wobei die »Schmerz«-Tätowierung auf seinem Zahnfleisch sichtbar wurde. Langsam kam Flame näher, bis er so nahe vor mir stand, dass ich vollkommen durcheinander war. Ich blinzelte schnell und versuchte mich darauf gefasst zu machen, was er wohl tun würde.

Seine schweren Muskeln spannten sich an. Seine Hand hob sich. Mein Körper wurde ganz starr bei dem Gedanken, dass er mich berühren würde. Mein Instinkt befahl mir, einen Schritt nach hinten auszuweichen, um den Körperkontakt zu meiden. Doch als ich in sein müdes Gesicht blickte, konnte ich nicht anders als still stehen zu bleiben.

Flames Hand zitterte, als er sie an mein Gesicht heben wollte, doch nur wenige Zentimeter davor hielt sie in der Luft an. Seine Augen wurden glasig. Und dann stieß er den angehaltenen Atem aus, zog die Hand zurück und stolperte rückwärts.

Als ich den Kopf ruckartig nach rechts drehte, starrte Mae mich mit vor Schock offenem Mund an. Styx blickte mit schmalen Augen finster drein. Sofort fühlte sich meine Haut brennend heiß an und meine Wangen glühten vor Verlegenheit.

Ich wich zurück und steuerte auf die Hütte zu. Ich wollte unbedingt der Aufmerksamkeit der anderen entfliehen. Mae eilte an meine Seite. Als ich gerade in die Zuflucht der Hütte eintauchen wollte, hörte ich ein kehliges niederschmetterndes Flüstern: »Maddie …«

Ich blieb auf der Stelle stehen, warf einen Blick über die Schulter und sah Flame ein paar Schritte vor seinen Brüdern stehen. Er schaute mich mit so traurigen Augen an, dass ich Angst hatte, es mir würde das Herz zerreißen.

Sein Blick war von solcher Sehnsucht, als warte er ganz verzweifelt darauf, dass ich etwas sagte. Irgendwas.

Ich zwang mich zu einem Lächeln, strich mir das Haar hinters Ohr und flüsterte: »Gute Nacht, Flame. Ich … ich bin froh, dass du zurück bist.« Und im Geiste fügte ich hinzu: »… zurück zu mir gekommen bist«, doch das würde ich nie laut auszusprechen wagen.

Kapitel 3

Flame

Ich blickte ihr nach, bis die Tür zur Wohnung des Präs mit einem Klicken zuging. Ich rührte mich nicht, sondern starrte nur auf die Holztür und fühlte mich innerlich total leer.

Ich hob die Hände und schaute auf meine starren Finger. Sie sahen aus wie bei jedem anderen Menschen, funktionierten allerdings nicht genauso. Denn andere Menschen konnten andere berühren. Sie hätten ihr die Hand an die Wange legen können, als sie Danke sagte. Sie hätten ihre Haut fühlen können. Sie hätten vielleicht dafür sorgen können, dass sie sich besser fühlte.

Aber dann kam der Frust, und ich dachte: Deine Berührung ist Gift. Du wirst sie verletzen.

Ich ballte die Hand zur Faust und kochte innerlich. Ich hasste das: Ich hasste es, sie nicht berühren zu können. Ich hasste es, dass sie mit diesen grünen Augen zu mir aufsah und ich kein einziges Wort herausbrachte.

Ich wusste einfach nicht, wie ich mit ihr reden sollte. Ich wusste bloß, dass ich es nicht konnte. Weil ich nicht ganz richtig im Kopf war. Weil ich nicht wie alle anderen war. Weil alle sagten, ich sei ein Scheißfreak. Mein Leben lang hatte man mir gesagt, dass ich schon gestört auf die Welt gekommen war.

»Flame?« Ich drehte den Kopf und sah AK und Viking neben dem Präs stehen. Styx wies mit dem Kopf auf mich. Daraufhin sah Vike erst ihn und schließlich wieder mich an. »Komm her, Bruder.«

Ich schaute noch mal zur geschlossenen Tür, ließ dann den Kopf hängen und ging zurück zum Präs. Styx musterte mich die ganze Zeit, während meine Lippen sich bewegten, als ich unhörbar meine Schritte zählte. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht …

Bei acht war ich bei Styx angekommen. Neun, zehn, elf … Bei elf blickte ich auf. Mein Kopf zuckte unter seinem harten Blick. Ich krallte die Finger in die Handfläche, meine Nägel gruben sich in die Haut, und ich genoss den stechenden Schmerz.

Styx schüttelte den Kopf und signalisierte: »Ich habe keinen Schimmer, was das jetzt mit Maddie war, und ich weiß auch gar nicht, ob ich es wissen will.« Er schaute AK und Vike an, doch ich wandte den Blick nicht von ihm ab. Dann drehte er sich wieder zu mir und signalisierte: »Ich habe kapiert, dass du auf irgendeine verkorkste Art besessen von ihr bist, aber das ist deine Sache. Falls, oder wenn, du ihr allerdings wehtust, dann tust du auch Mae weh, und das werde ich nicht zulassen.«

Ich knirschte so laut mit den Zähnen, dass man es richtig hören konnte. Kopfschüttelnd zischte ich: »Ich werde Maddie nie wehtun. Niemals.«

Eine ganze Weile sagte Styx nichts, nickte dann jedoch und ging zu seiner Hütte. Mein Blick folgte ihm, und er signalisierte: »Bin froh, dass du wieder da bist, Bruder. War nicht dasselbe ohne dich. Das Leben war viel zu zahm.«

Meine Hände entspannten sich. Styx ging in sein Zimmer und ließ mich draußen mit Vike und AK stehen.

AK fuhr sich übers Gesicht. »Gehen wir nach Hause.«

Aber ich wollte nicht weg. Ich musste draußen vor Maddies Fenster bleiben und dafür sorgen, dass sie in Sicherheit war.

AK versperrte mir die Sicht. »Morgen, Bruder. Fang morgen wieder damit an, den Wächter zu spielen. Aber im Moment bist du hundemüde. Du brauchst was zu essen und Schlaf. Du hast ganz schön abgenommen und siehst wirklich fertig aus. Im Moment kannst du wirklich keinen klaren Gedanken fassen.«

Ich schüttelte den Kopf und wollte den beiden sagen, dass sie sich verpissen sollten, doch da kam Viking dazu. »Flame, genau so läuft es. Streite deswegen nicht mit uns, Bruder. Wir haben nicht viel geschlafen, seit du weg warst, und einer von uns hat die ganze Zeit über in diesem verdammten Siechenhaus auf dich aufgepasst, für den Fall, dass du aufwachst und durchdrehst, weil du gefesselt bist. Also gönn uns eine verdammte Pause, ja? Nur eine Nacht.«

Ich wollte Streit. Ich wollte ihnen sagen, sie sollten sich verpissen und mich bei Maddie lassen. Mein Kopf zuckte unter seinem Blick, doch am Ende nickte ich.

Vikes Schultern entspannten sich, und er ging zu den Bäumen, durch die es zu unseren Hütten ging. AK folgte ihm. Ich ging mit. Aber gerade, als ich dabei war, unter den Bäumen zu verschwinden, ließ mich etwas zurückblicken.

Maddie.

Maddie saß an ihrem Fenster und sah mich gehen. Reflexartig blieb ich stehen. Sie war auf Knien, die Hand an die Scheibe gepresst. Das Herz klopfte mir bis zum Hals. Als sie mir zulächelte, entspannten sich meine Hände an den Seiten, und für eine Minute hörte das Pochen in meinem verdammten Kopf auf. Das Zucken war weg. Und das Gefühl, dass etwas unter meiner Haut krabbelte, auch.

»Flame?«, rief AK unter den Bäumen nach mir. Aber ich konnte nicht wegsehen. Ich wollte nicht, dass das Gefühl verging. Ich wollte sie nicht zurücklassen. Ich wollte nur in ihrer Nähe sein.

Ich musste einfach in Reichweite bleiben.

Als Maddie AK vom Fuß des Hügels rufen hörte, ließ sie sich auf den Fenstersims sinken. Ihre grünen Augen verloren das Funkeln, und die Hand an der Scheibe bewegte sich und winkte mir zu.

Ich rührte mich nicht.

Sie bewegte sich auch nicht.

AK kam durch die Bäume zurück.

Mein Bruder kam zu mir, und ich erstarrte, weil er so nahe war. Ich hörte ihn seufzen und sah, wie Maddie den Kopf schief legte und uns beobachtete. »Flame, du musst echt nach Hause kommen. Lass die Kleine heute Nacht in Ruhe.«

AK wartete schweigend. Dann änderte sich Maddies Miene, sie nickte einmal und verschwand vom Fenster.

»Sie geht jetzt schlafen, Flame.«

Als sie nicht wieder ans Fenster kam, drehte ich mich um und folgte AK zu unseren Hütten. Als ich auf unsere kleine Lichtung kam, war Vike schon vor seiner Hütte und heizte den Grill an.

»Setzt euch, ich habe Steaks und kaltes Bier.«

Ich ging hinüber zu Vike und setzte mich auf meinen üblichen Platz. AK setzte sich mir gegenüber. Viking griff in die Kühlbox und gab AK und mir ein Bier rüber. Ich machte es mit den Zähnen auf und nahm einen kräftigen Schluck. Alle schwiegen, während Viking die Steaks wendete und AK am Etikett seiner Bierflasche zupfte. Dann verteilte Viking das Fleisch auf Teller und hielt mir einen hin.

Ich schüttelte den Kopf. Viking hielt es mir direkt vors Gesicht. »Nimm schon, Bruder. Du hast ganz schön Gewicht verloren.« Ich nahm den Teller, aber mein Blick blieb auf den Wald fixiert. Ich wusste, sie war dort oben, und ich fragte mich, ob sie wohl schlief. Ich wollte ihr dabei zusehen.

Viking räusperte sich. Als ich ihn ansah, starrten er und AK mich an. Ich rutschte herum und fragte: »Was?«

Viking stopfte sich ein Stück blutiges Steak in den Mund, doch AK rührte sich nicht. Ich schaute finster zurück, und meine Beine fingen zu zucken an, während die inneren Flammen unter seinem prüfenden Blick wieder loderten.

»Was?«, fauchte ich wieder.

Vike sah AK an und zuckte mit den Schultern. Der schaute entschlossen drein und fragte mit einer Kopfbewegung: »Wieso diese Kleine, Bruder?«

Meine unruhigen Beine erstarrten, und alle meine Muskeln versteiften sich.

AK beugte sich vor. »Wieso willst du die Kleine schützen? Vor ihrem Zimmer Wache halten? Ich versuche das gerade alles zu kapieren.« Er warf Viking einen Blick zu, der nun sein Bier hinunterkippte, schaute dann wieder mich an und fuhr fort: »Du stehst auf sie? Ist es das?«

Ich sagte gar nichts und presste die Zähne zusammen. Ich senkte den Blick. Mein Kopf zuckte bei der Unterhaltung, und dann ertappte ich mich dabei, dass ich den Kopf drehte und wieder zu den Bäumen schaute.

»Ist es, weil sie dich berührt hat?«

Als AK die Frage stellte, drehte ich ruckartig den Kopf zu ihm. Ich ballte die Hände zu Fäusten, als ich daran dachte, wie Maddie die Arme um meine Taille gelegt hatte, nachdem ich diesen Wichser Moses vor Monaten in dieser Gemeinde getötet hatte. Sie war direkt zu mir gekommen und hatte mich berührt. Aber die Flammen konnten sie nicht packen.

Ich wusste immer noch nicht wieso. Doch an dem Tag war etwas passiert. Sie hatte etwas mit mir gemacht. Irgendwie hatte sie sich in mein Herz geschlichen und ich bekam sie nicht mehr aus dem Kopf. Aber seitdem war der Gedanke, berührt zu werden, noch schlimmer gewesen. Denn jetzt wollte ich, dass sie mich anfasste.

Doch das durfte ich nie zulassen.

»Bruder, rede mit mir.«

»Ja. Sie hat mich berührt. Nachdem ich diesen Wichser Moses derart fertiggemacht hatte, hat sie mir gedankt. Sie hat mich mit diesen großen grünen Augen angesehen, und dann hat sie mich berührt.« Ich schaute AK und Viking an. »Und ich konnte sie auch anfassen. Ich kann niemanden anfassen, außer ich töte jemanden, wegen der Flammen.« Ich schüttelte den Kopf, meine Augen umwölkten sich, und meine Eingeweide verkrampften sich so, dass ich keine Luft bekam. Ich blinzelte und sagte: »Aber sie hat mich berührt. Das Feuer hat sie nicht verletzt. Es ging ihr gut durch mich.«

Mir blutete das Herz, so sehr wollte ich Maddie wieder berühren. Dann machte sich allerdings eine tiefe Leere in mir breit, als ich mir sagte, dass ich das nicht durfte. Dass das eine einmalige Sache war. Dann sah ich einen Wassertropfen auf meinen Oberschenkel fallen. Meine Hand fuhr darüber, und meine Finger glitten durch die Nässe. Dann noch ein Tropfen.

»Shit!«, hörte ich AK zischen. Als ich den Kopf hob, konnte ich Viking und AK nur verschwommen sehen. Ich hob die Hand an mein Gesicht und spürte etwas Nasses auf meiner Haut. Es kam aus meinen Augen.

AK stand auf. »Flame, Mann. Fuck. Tut mir leid, ich hätte dich nicht drängen sollen. Ich hätte nicht wegen der Kleinen und der Berührungen fragen sollen, oder wie du dich ihretwegen fühlst. Das ist deine Sache.«

»Sie würde mich nie wollen. Ich bin ein verdammter Arsch.« Ich schlug mir mit dem Handballen an den Kopf, als mein Blick wieder verschwommen wurde. »Ich kann da drin nicht richtig denken. Ich bin verkorkst – ich kapiere die Menschen nicht, und die verstehen mich nicht. Und ich werde nie in der Lage sein, andere Leute zu begreifen. Wieso sollte jemand, der so perfekt ist wie sie, jemanden wollen, der so verkorkst ist wie ich? Jemanden, der nicht ganz richtig im Kopf ist?«

AK streckte die Hand aus. »Rede nicht so ein Zeug daher. Das Mädchen beobachtet dich genauso aufmerksam wie du sie. Und nach dem, wo sie herkommt, denke ich nicht, dass sie so perfekt ist, wie du glaubst. Mae ist es nicht. Lilah auch nicht. Was lässt dich glauben, bei ihr wäre es anders?«

»Weil sie es einfach ist. Alles an ihr ist verdammt perfekt. Einfach alles.«

AK machte einen Schritt vorwärts und zog dabei die Hände nach oben. »Bruder, ich denke, du brauchst einfach Schlaf. Nur … ja. Sieh zu, dass du ein wenig Schlaf bekommst.«

Vike stimmte AK zu. »Geh schon, Flame. Geh in deine Hütte und schlaf. Wenn du wieder ein wenig zu Kräften gekommen bist, sieht sicher alles nicht mehr so schlimm aus.«

Ich stellte das nicht angerührte Steak weg, stand auf und drehte mich zu meiner Hütte um, doch kurz vor der Tür warf ich einen Blick zurück. »Ich musste sie retten. Ich musste sie vor dieser Kugel retten. Ich kann sie nicht berühren. Ich kann nie … bei ihr sein. Ich kann … das nicht tun. Aber ich kann sie schützen. Ich kann dafür sorgen, dass sie sicher ist.«

AK fuhr sich durchs dunkle Haar. »Weiß ich, Mann. Das weiß ich ja.« Er ließ den Kopf hängen. »Und ich sage es noch mal. Die Braut sieht auch etwas in dir. Als würde sie dich begreifen oder so was …« Er verstummte, und seine Stimme wurde rauer.

Ich hatte das Gefühl, ich müsste wissen wieso. Doch ich kapierte andere Leute nie.

Vike deutete auf meine Hüttentür. »Geh rein. Leg dich aufs Ohr.«

Ich öffnete die Tür und ging hinein. Die Emotionen des Bruders brachten mich durcheinander. Ich sah mich im Zimmer um, und meine Sachen waren alle noch so, wie ich sie dagelassen hatte: Messer, Ledersachen, Knarren.

Dann schaute ich rechts von mir auf den Boden. Das heiße Blut in meinen Adern traf mich wie ein Güterzug, als mein Blick sich auf die Falltür hinten im Wohnzimmer fixierte. Ich hielt den Atem an, als sich ein scharfer Schmerz in meine Eingeweide schnitt und ich die Flammen wieder fühlte. Ich schloss die Augen und stolperte auf meine Messer zu.

Ich hob das alte Stahlmesser auf. Das, das ich immer nahm. Ich starrte es an. Fühlte das Böse in meinen Adern; das Feuer, das an die Oberfläche kroch. Dann merkte ich, dass mein Schwanz hart wurde, fühlte, wie er gegen den Reißverschluss meiner Hose drückte. Und ich wusste: Jeden Augenblick würde er in meinem Kopf auftauchen.

Schnell atmend, mit zuckenden Muskeln und einem Ständer stolperte ich zu der Falltür. Ich hob das Messer und klemmte es mir zwischen die Zähne. Es war dunkel, denn auf dieser Seite des Zimmers gab es kein Licht, aber mein Blick blieb auf diese Falltür fixiert.

Und dann meldete sich die Stimme in meinem Kopf.

Seine Stimme.

Die Stimme, die mich einfach nie in Ruhe ließ.

»Zieh dich aus«, befahl er, und seine raue Stimme klang laut in meinem Kopf. Ich biss auf den Messergriff, zischte, und meine Augen rollten nach hinten. In Sekundenschnelle hatte ich mir die Kutte vom Leib gerissen.

»Alles, Junge«, grollte er, und ich hörte den Knall seines Ledergürtels, der dem Befehl folgte.

Mein Schwanz pochte und strapazierte den Reißverschluss der Hose. Ich senkte die Hände und umfasste ihn. Ich drückte zu, immer härter, mit eiserner Faust, bis meine Beine zitterten und ein Brüllen aus meiner Kehle drang.

»Alles, Junge«, befahl er wieder. »Runter damit.«

Ich ließ meinen steinharten Schwanz wieder los, öffnete den Hosenknopf, machte die Hose auf und zerrte sie über die Beine nach unten.

Meine Schultern spannten sich an, und meine Atemzüge waren schwer, als ich auf den nächsten Befehl wartete. Meine Hände waren zu Fäusten geballt, und mein unberührter Schwanz schmerzte, hart und wartend.

Meine Augen waren zu und ich biss noch härter auf die Klinge, als die Stimme plötzlich befahl: »Auf den Boden.«

Meine Beine gaben nach, und ich landete auf der kleinen Falltür im Boden der Hütte. Ich nahm das Messer aus dem Mund und packte mit der anderen Hand meinen Schwanz. Ich wand die Finger darum, bis sich meine langen Nägel in die Haut gruben, und zischte, als ich den blendenden Schmerz spürte.

Ich stöhnte laut auf, und meine Hüften stießen vorwärts. Meine Hand fing sich zu bewegen an; vor und zurück, vor und zurück. Es schmerzte. Es brannte … es fühlte sich verdammt gut an.

Das war es, was ich brauchte.

Das war es, was ich so verdammt brauchte.

Mir blieb der Mund offen stehen, als meine Hand schneller wurde. Mein Körper spannte sich an, als ich das Feuer über meinen Rücken laufen fühlte. Der Druck in meinen Eiern wurde stärker. Doch ich konnte nicht kommen. Es war da, das Feuer, die Flammen, die herauswollten. Aber ich brauchte … ich brauchte …

Blitzschnell schnitt die scharfe Stahlklinge in meinen Oberschenkel, schlitzte mir die Haut auf. Blut sammelte sich an der Wunde, und die Stimme zischte: »Eins.« Mit jedem Mal zählte er weiter. »Zwei.« Meine Hand bewegte sich immer schneller an meinem Schwanz auf und ab, die scharfen Fingernägel gruben sich in die dünne Haut. »Drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun …« Ich kippte vornüber, und mein Atem kam zischend durch zusammengebissene Zähne, während die Stimme – und die tiefen Schnitte der Klinge – mich immer höher trieben. »Zehn«, rief die Stimme lauter, und Blut tropfte von meinen Oberschenkeln auf die Falltür.

Angespannt machte ich mich auf den letzten Befehl gefasst. Meine Hand packte fest zu, meine Nägel zerrissen die Haut an meinem Schwanz, und die Klinge bohrte sich tief in meinen Oberschenkel. Und dann donnerte die Stimme: »ELF!« Mit einem Schwall reiner Hitze erwachte jeder Muskel in mir brüllend zum Leben. Die aufgestaute Wut ließ mich bis auf die Knochen zittern, und ich kam mit einem schmerzerfüllten Aufschrei, so verdammt heftig, dass mein Kopf in den Nacken und mein Messer klappernd zu Boden fiel.

Ich rang um Luft, und mein erschöpfter Körper sackte nach vorn. Aber als ich wieder zu Atem kam, überrollte mich die übliche Welle der Übelkeit, ich kippte zur Seite und kotzte in den schon wartenden Eimer neben mir.

Als mein Magen nichts mehr hergab, verdrängte der Rausch von Scham, den ich jede Nacht empfand, die Leere. Jede Nacht, nachdem ich mich selbst verletzt, mich gereinigt und seiner Stimme unterworfen hatte.

Ich ließ den Kopf hängen und spürte das Sperma an den Beinen, das sich mit dem Blut auf dem Boden unter mir mischte. Ich bewegte meinen schmerzenden, müden Körper, schlang die Arme um meine Taille und sank auf den Boden. Mühsam holte ich Luft, keuchend vom Orgasmus, und legte mich auf die Falltür auf dem harten kalten Boden. Ich schloss die Augen und gab mir alle Mühe, einzuschlafen.

Und seine Stimme in meinem Kopf blieb vorerst still.

Kapitel 4

Maddie

Ich zeichnete liebend gern.

Es war etwas, das ich in den vielen Nächten allein in meinem Zimmer entdeckt hatte.

Und ich war gut darin. Zumindest dachte ich das. Aber mehr als das war dies meine Zuflucht. In meiner Fantasie konnte ich das Leben leben, das ich mir erträumt hatte, wäre ich anders groß geworden … wäre ich eine andere.

Ein kalter Wind umwehte mich, als ich draußen saß. Ich konnte nicht schlafen, und es juckte mich in den Fingern zu zeichnen. Es war mitten in der Nacht, und die Sterne am dunklen Himmel funkelten wie Diamanten.

Ich schloss die Augen und holte tief Luft. Ich liebte es, die Nachtluft einzuatmen. Ich war so gern draußen. Ich liebte einfach den Frieden.

Ich lehnte mich auf dem Gartenstuhl zurück und griff nach dem Skizzenbuch auf dem Gras, das schon zu drei Vierteln voll war. Ich öffnete das gebundene Buch und blätterte durch die ersten Seiten: Bilder von Blättern, Vögeln und Bäumen. Ich überblätterte die Seiten, die ein junges Mädchen auf einer Wiese zeigten, das zur großen Sonne hinauflächelte. Vier junge Schwestern, Hand in Hand – drei mit dunklem Haar, eine strahlend blond – noch immer unschuldig und unberührt.

Dann blätterte ich die nächste Seite um. Ich hielt inne und meine Hände erstarrten, als mir ein vertrautes Paar schwarzer Augen entgegenblickte, als sei es real, schimmernd im Mondlicht unter meinem Fenster.

Zaghaft fuhr ich diese Augen mit dem Finger nach und wünschte mir, ich könnte ihn im wahren Leben berühren. Ich hob die rechte Hand in die Luft und verschränkte die Finger mit meiner linken Hand, nur um mir vorzustellen, wie es sich wohl anfühlen mochte.

Eine Hand, die meine hielt.

Eine schlichte Berührung.

Eine Berührung, die so viel verriet.

Ich fühlte einen schmerzenden Stich in der Brust und seufzte tieftraurig. Denn seit ich Flame begegnet war, hatten meine Gedanken sich so sehr verändert.

In der Gemeinde hatte ich immer geträumt, ich sei ein Schmetterling. Dass ich meine bunten Flügel ausbreiten und allem Schmerz davonflattern würde. Doch nun, wenn Flame in der Nähe war, hatte ich neue Träume. Ich träumte davon, dass ich eines Tages erfahren würde, wie es sich anfühlte, wenn seine Hände meine hielten.

Mir wurde es schwer ums Herz, weil das unmöglich war. Ich ließ die Hände sinken und löste die Finger wieder voneinander.