Beschreibung

Wenn Schönheit dein Fluch ist und dein Glaube ein Käfig, kann nur die Liebe deine Freiheit sein. Kyler "Ky" Willis führt das Leben, von dem er immer geträumt hat. Als Vizepräsident der Hades' Hangmen sind ihm die Loyalität seiner Brüder, die Freiheit der Straße und schöne Frauen in seinem Bett stets sicher. Doch als die junge Lilah beim MC unterkommt, merkt er das erste Mal seit langer Zeit, dass er mehr will - und dass es Dinge gibt, die er nicht haben kann. Denn völlig abgeschottet von der Außenwelt aufgewachsen kennt Lilah keine Freude, keine Freiheit und keine Liebe. Und wenn sie eins gelernt hat dann, dass Kys Welt verdorben und voller Sünde ist - egal wie sehr ihr Herz aus dem Takt gerät, sobald der wilde Mann mit dem Engelsgesicht in ihrer Nähe ist ... "Die Hades' Hangmen sind etwas ganz Besonderes!" For the Love of Books and Alcohol Band 2 der düster-sinnlichen Hades'-Hangmen-Reihe von USA-Today-Bestseller-Autorin Tillie Cole

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EPUB

Seitenzahl: 610


Inhalt

TitelZu diesem Buch WidmungAnmerkung der AutorinGlossarPrologKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26EpilogHeart Recaptured PlaylistDanksagungenDie LeseprobeDie AutorinTillie Cole bei LYX.digitalImpressum

TILLIE COLE

Hades’ Hangmen

Kyler

Roman

Ins Deutsche übertragen von Silvia Gleißner

Zu diesem Buch

Kyler »Ky« Willis führt das Leben, von dem er immer geträumt hat. Als Vizepräsident der Hades’ Hangmen sind ihm die Loyalität seiner Brüder, die Freiheit der Straße und schöne Frauen in seinem Bett stets sicher. Doch als die junge Lilah beim MC unterkommt, merkt er das erste Mal seit langer Zeit, dass er mehr will – und dass es Dinge gibt, die er nicht haben kann. Denn völlig abgeschottet von der Außenwelt aufgewachsen kennt Lilah keine Freude, keine Freiheit und keine Liebe. Und wenn sie eins gelernt hat dann, dass Kys Welt verdorben und voller Sünde ist – egal wie sehr ihr Herz aus dem Takt gerät, sobald der wilde Mann mit dem Engelsgesicht in ihrer Nähe ist …

Dieses Buch enthält explizite Szenen, derbe Wortwahl, Gewalt und die Schilderung von sexuellen Übergriffen. Leser*innen, die derart heftige Darstellungen nicht lesen möchten oder durch sie an ein Trauma erinnert werden könnten, wird hiermit geraten, diesen Roman nicht zu lesen. Alle sexuellen Handlungen zwischen Held und Heldin sind einvernehmlich.

Auf die Hades Hangmen Harlots!

Ohne eure unerschütterliche Unterstützung und Werbung für mehr von unseren Lieblingsmännern in Leder wäre Kyler nie entstanden.

Auf den Rest der Hades’ Hangmen-Reihe … Es wird eine wilde Fahrt!

»Leben in Freiheit. Fahren in Freiheit. Sterben in Freiheit!«

Anmerkung der Autorin

Wie der erste Band dieser Reihe, Styx, ist auch Kyler angeregt von Zeugenaussagen ehemaliger Mitglieder mehrerer NRMs, Kulte und Sekten sowie den Anführern, welche die Macht, die sie über ihre Mitglieder hatten, missbrauchten – vor allem über Frauen.

Die weibliche Protagonistin dieser Geschichte, Delilah, erträgt Situationen, auf die ich durch Schilderungen von Überlebenden solcher Gruppen gekommen bin. Diese Geschichte konzentriert sich in großem Umfang auf das Konzept der »Gehirnwäsche« und darauf, welche Auswirkungen zwangsbasierte Glaubensrichtungen auf das Leben ihrer Opfer haben.

Hades’ Hangmen – Kyler ist eine erfundene Geschichte, daher wurden einige Situationen überspitzt dargestellt. Doch die Glaubenslehren, Praktiken, Techniken der Bestrafung (manchmal äußerst extrem) und Erfahrungen von Delilah, ihren Schwestern Salome und Magdalene sowie der Orden in dieser Geschichte wurden inspiriert durch wissenschaftliche Forschungen über »unorthodoxe« und extreme Neue Religiöse Bewegungen.

Glossar

(nicht in alphabetischer Reihenfolge)

Terminologie des Ordens

Der Orden: Apokalyptische Neue Religiöse Bewegung. Glaubensvorstellung basiert auf ausgewählten christlichen Lehren und dem starken Glauben, dass die Apokalypse kurz bevorsteht. Zuvor angeführt von Prophet David (erklärte sich selbst zu einem Propheten Gottes und Nachfahren König Davids), den Ältesten und den Jüngern. Nachgefolgter Anführer ist Prophet Cain (Neffe von Prophet David).

Die Mitglieder leben zusammen in einer abgeschiedenen Gemeinde, basierend auf traditioneller und bescheidener Lebensweise, Polygamie und unorthodoxen religiösen Praktiken. Sie glauben, die Außenwelt sei sündhaft und böse. Kein Kontakt zu Nichtmitgliedern.

Gemeinde: Grundstück im Besitz des Ordens und kontrolliert von Prophet Cain. Abgeschieden lebende Gemeinschaft. Kontrolliert von Jüngern und Ältesten und schwer bewaffnet für den Fall eines Angriffs von der Außenwelt. Männer und Frauen leben in getrennten Bereichen der Gemeinde. Die Verfluchten sind getrennt von allen Männern (ausgenommen den Ältesten) in eigenen privaten Quartieren untergebracht. Das Gelände wird durch einen großen Grenzzaun geschützt.

Neu Zion: Neue Gemeinde des Ordens. Entstand nach der Zerstörung der vorherigen Gemeinde im Kampf gegen die Hades’ Hangmen.

Älteste: Bestehen aus vier Männern: Gabriel, Moses, Noah und Jacob. Verantwortlich für die alltägliche Führung der Gemeinde. Stellvertreter von Prophet David. Verantwortlich für die Unterweisung der Verfluchten. Alle tot.

Ratsälteste: Bestehen aus vier Männern: Bruder Luke, Bruder Isaiah, Bruder Micah, Bruder Judah.

Wächterjünger: Männliche Mitglieder des Ordens. Beauftragt mit der Verteidigung des Landbesitzes der Gemeinde und der Mitglieder des Ordens.

Göttliche Teilhabe: Ritueller Sexualakt zwischen männlichen und weiblichen Mitgliedern des Ordens. Gilt als Hilfe für die Männer, dem Herrn beständig näherzukommen. Wird in Massenzeremonien vollzogen. Häufige Nutzung von Betäubungsmitteln für übersinnliche Erfahrungen. Frauen ist es verboten, Lust zu erfahren, als Strafe dafür, dass sie Trägerinnen der Erbsünde von Eva sind, und sie müssen den Akt auf Verlangen als Teil ihrer schwesterlichen Pflichten vollziehen.

Die Verfluchten: Frauen oder Mädchen, die vom Orden als von Natur aus zu schön und angeboren sündig erachtet werden. Leben vom Rest der Gemeinde getrennt. Gelten als zu große Versuchung für Männer. Man glaubt, dass die Verfluchten wesentlich wahrscheinlicher Männer vom rechten Wege abbringen.

Erbsünde: Christliche Glaubenslehre des Augustinus, die besagt, dass jeder Mensch in Sünde geboren ist und einen angeborenen Drang zum Ungehorsam gegenüber Gott besitzt. Die Erbsünde ist das Ergebnis des Ungehorsams von Adam und Eva gegenüber Gott, als sie von der verbotenen Frucht im Garten Eden aßen. In der Lehre des Ordens (aufgestellt von Prophet David) wird Eva die Schuld an der Verführung Adams zur Sünde zugewiesen, und daher werden die Schwestern des Ordens als geborene Verführerinnen und Versucherinnen betrachtet und müssen den Männern gehorchen.

Sheol: Begriff im Alten Testament mit der Bedeutung »Grube«, »Grab« oder »Totenreich«. Ort für die Toten.

Glossolalie: Unverständliche Sprechweise von Gläubigen im Zustand religiöser Ekstase.

Diaspora: Zerstreuung einer Gemeinschaft außerhalb ihrer ursprünglichen Heimat.

Terminologie Hades’ Hangmen

Hades’ Hangmen: Onepercenter Outlaw MC. Gegründet im Jahre 1969 in Austin, Texas.

Hades: Gott der Unterwelt in der griechischen Mythologie.

Gründungschapter: Erste Niederlassung des Klubs. Gründungsort.

Onepercenter: Die American Motorbike Association (AMA) soll einmal verkündet haben, neunundneunzig Prozent der Biker seien gesetzestreue Bürger. Biker, die sich nicht den Regeln der AMA unterwerfen, nennen sich selbst »Onepercenter« (das übrige, nicht gesetzestreue eine Prozent). Die große Mehrheit der Onepercenter gehört Outlaw MCs an.

Kutte: Lederjacke, die von Outlaw-Bikern getragen wird. Geschmückt mit Aufnähern und Grafiken, die die spezifischen Farben des Klubs zeigen.

Patched-in: Wenn einem Neumitglied die volle Mitgliedschaft gewährt wird.

Kirche: Klubtreffen für Vollmitglieder. Geleitet vom Präsidenten des Klubs.

Old Lady: Frau mit Status einer Ehefrau. Wird von ihrem Partner beschützt. Status gilt als unantastbar durch Klubmitglieder.

Klubschlampe: Eine Frau, die das Klubhaus für zwanglosen Sex mit Klubmitgliedern besucht.

Braut: Bezeichnung für Frauen im Biker-Milieu. Kosename.

Zum Hades/Im Hades: Slang. Bezieht sich auf Sterbende oder Tote.

Zum Fährmann/Beim Fährmann: Slang. Sterbend oder tot. Bezieht sich auf Charon in der griechischen Mythologie. Charon war der Fährmann der Toten, ein Unterweltdämon (Geistwesen). Transportierte Seelen der Verstorbenen in den Hades. Die Gebühr für die Überfahrt über die Flüsse Styx und Acheron in den Hades bestand in Münzen, die beim Begräbnis auf die Augen oder den Mund des Toten gelegt wurden. Wer die Gebühr nicht zahlte, blieb zurück und musste einhundert Jahre lang an den Ufern des Styx umherwandern.

Organisationsstruktur der Hades’ Hangmen

Präsident (Präs): Anführer des Klubs. Inhaber des Richterhammers, der die absolute Macht des Präsidenten repräsentiert. Der Hammer wird genutzt, um Ordnung in der Kirche zu halten. Das Wort des Präsidenten ist Gesetz innerhalb des Klubs. Er lässt sich von altgedienten Klubmitgliedern beraten. Niemand stellt die Entscheidungen des Präsidenten infrage.

Vizepräsident (VP): Stellvertreter. Führt die Befehle des Präsidenten aus. Hauptsächlicher Kommunikator mit anderen Chaptern des Klubs. Übernimmt alle Verantwortungen und Pflichten des Präsidenten in dessen Abwesenheit.

Road Captain: Verantwortlich für alle Klubtreffen. Recherche, Planung und Organisation von Klubtreffen und Ausfahrten. Hochrangiger Kluboffizier, berichtet nur an den Präsidenten oder den VP.

Sergeant-at-Arms: Verantwortlich für die Sicherheit im Klub, Überwachung und Ordnung bei Klub-Events. Meldet unangemessenes Verhalten an den Präsidenten und den VP. Verantwortlich für Sicherheit und Verteidigung des Klubs, seiner Mitglieder und Prospects.

Schatzmeister: Führt Buch über alle Einnahmen und Ausgaben. Führt Buch über alle Aufnäher des Klubs, die ausgegeben oder aberkannt wurden.

Sekretär: Verantwortlich für Erstellung und Pflege aller Klubberichte. Muss Mitglieder bei Notfalltreffen benachrichtigen.

Prospect: Probemitglied des MC. Darf an Treffen teilnehmen, aber keine Versammlungen der Kirche besuchen.

Prolog

»Komm, Lilah, wir müssen hier weg, jetzt sofort!«, drängte Mae und zog Maddie und mich eilig durch unsere dezimierte Gemeinde, hinter den Männern ihres Geliebten her.

»Nein! Ich habe dir doch gesagt, dass ich nicht gehe!«, rief ich. Ich stolperte vor Schock, als ich die Jünger des Ordens reglos auf dem riesigen Zeremonienplatz liegen sah. Ihre Körper waren durchsiebt von Kugeln, und ihre leblosen, glasigen Augen verrieten mir, dass sie tot waren.

»Lilah, bitte!«, flehte Mae und zog an meiner Hand. Ihre eisblauen Augen flehten mich an, ihr zu folgen.

Ich wollte laufen, aber die Schreie der verzweifelten und verängstigten Frauen des Ordens drangen an meine Ohren, und ich sah sie wild und ziellos umherlaufen, nachdem keine Jünger mehr da waren, um sie zu führen und zu schützen. Einsame Kinder aller möglichen Altersstufen schrien inmitten der umherlaufenden Gestalten. Manche standen wie angewurzelt auf der Stelle und schrien nach ihren Müttern, die von der panischen Menge mitgerissen worden waren. Nach Kräften versuchten die Meinen, den teuflischen Männern in schwarzer Lederkleidung zu entkommen, die sich unserem Glauben aufgezwungen hatten.

Es war ein Gemetzel.

Eine Szene direkt aus den Seiten der Offenbarung.

»Lilah!«, rief Mae wieder und legte eine Hand an meine Wange, um meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ihre Miene verriet mir, dass sie sich um mich sorgte. Sie zeigte jedoch auch Entschlossenheit, als sie versuchte, mich mit sich zu ziehen.

»Ich … ich will nicht fort …«, flüsterte ich und warf einen Blick zu Maddie, die wie betäubt wirkte und brav Mae folgte … wie ein williges Lamm zur Schlachtbank.

»Ich weiß, du willst nicht fort, Schwester. Aber es ist nicht sicher hier. Wir müssen hier weg. Wir müssen hinaus.«

»Hinaus?«, kreischte ich mit weit aufgerissenen Augen und begann zu zittern. »Nein! NEIN! Ich kann nicht hinaus! Die Außenwelt ist böse. Ich muss hierbleiben. Ich muss hierbleiben, um erlöst zu werden! Das weißt du doch. Bitte, verwehre mir nicht meine Chance, erlöst zu werden!«

Ich riss meine Hand aus Maes Griff und wich zurück.

»Mae! Bring endlich dein Mädchen unter Kontrolle, wir müssen weg!«, rief der Mann mit den langen blonden Haaren hinter Mae, der Bruder Noah getötet hatte, meinen Erlöser. Seine blauen Augen wirkten schroff und befehlend, und er musterte mich eingehend. Er starrte mich schon an, seit ich die Zelle verlassen hatte, die ganze Zeit.

Maes finsterer Geliebter neben ihm gab einen Pfiff von sich und bedeutete uns mit einer Handbewegung, mitzukommen, aber Angst packte mein Herz, und mein Instinkt trieb mich zur Flucht.

»Lilah!«, rief Mae hinter mir, als ich auf die Schar der verängstigten Schwestern zustürmte. Hektisch sah ich mich um, um ein Versteck zu finden, und als ich einen Weg in den Wald erblickte, vergeudete ich keine Zeit und rannte darauf zu.

Doch ich kam kaum ein paar Schritte weit, als eine große Gestalt die Arme um mich schlang und mich in die Höhe hob, sodass ich nicht entfliehen konnte.

Ich schrie aus Leibeskräften, als sich ein starker, unnachgiebiger Arm in Leder um meine Taille legte. Ich hatte Angst und fing an zu weinen, als seine Beine schneller wurden und er zu rennen anfing.

»Bitte … bitte lass mich los!«, flehte ich. Dann versagte mir allerdings die Stimme, als ich plötzlich einen Mund an meinem Ohr und lange blonde Haarsträhnen – nicht meine – auf meiner Wange spürte.

»Nichts da. Du kommst mit, Süße, also hör auf damit, deinen sexy Hintern in die falsche Richtung zu bewegen. Obwohl: Ich könnte diesen perfekten Pfirsichbacken schon den ganzen Tag lang zusehen und nie genug davon bekommen. Aber Mae will dich im Klub haben, also kommst du dorthin mit.«

Mir stockte der Atem, als der blonde Außenseiter so mit mir redete, und ich erstarrte in seinen Armen und wagte nicht, mich zu rühren, denn ich fürchtete, mich würde sonst dasselbe Schicksal ereilen wie die erschlagenen Brüder auf dem Boden. Als ich schließlich vorsichtig den Kopf drehte, sah ich, wer mich in den Armen hielt und trug, als wöge ich gar nichts – der blonde Mann von zuvor. Der, der mich die ganze Zeit anstarrte, als wolle er mich verschlingen.

Derselbe Mann, der ein schmerzhaftes Sehnen in meiner Brust pochen ließ, seit ich ihm zum ersten Mal in die Augen gesehen hatte.

Wir näherten uns Mae und Maddie. Mae sah mich mit Erleichterung an, Maddie mit Mitgefühl. Der blonde Mann ließ mich nicht los, sondern drückte mich noch enger an sich, presste mich direkt an seine Brust, und ich wehrte mich nicht, als ich mit meinen Schwestern und ihm in ein großes Fahrzeug geschoben wurde und noch andere böse Männer hinter uns einstiegen … und die blauen Augen des blonden Mannes waren immer noch auf mich fixiert.

Eisiges Schweigen herrschte, als ich ein letztes Mal hinaus auf mein Zuhause blickte, und dann verschwand plötzlich alles, was ich kannte, als die großen Türen zuschlugen, uns hier drin einsperrten und in Finsternis tauchten.

Ich kämpfte einen Aufschrei nieder und spürte, wie Mae meine Hand nahm. Das bot nur wenig Trost, also schloss ich stattdessen die Augen und begann meine Gebete zu rezitieren. Ich hielt unerschütterlich an meinem Glauben fest. Gelobte dem Herrn, dass ich den rechten Weg nicht verlieren würde, und dann begann ich mich vor und zurück zu wiegen, festigte meinen Glauben an den Herrn und fühlte, wie der Heilige Geist mich mit seiner Wärme erfüllte.

Nach einer Weile blieb das Fahrzeug stehen, die großen Türen gingen auf, und Mae führte uns eine Treppe zu einem kleinen Privatquartier hinauf, ließ uns dann dort allein und ging, um uns etwas zu essen zu holen. Ich würde nichts essen können, denn die Angst drehte mir derart den Magen um, dass mir fast die Knie nachgaben. Maddie stand neben mir, während ich mich in dem seltsamen Zimmer umsah, und langsam glitt ihre Hand in meine und hielt sie mit einer Kraft fest, die mir verriet, wie groß auch ihre Angst war.

»Denkst du, wir sind hier sicher, Lilah?«, flüsterte Maddie.

Ich ging zum Fenster, Maddie hinter mir her, und starrte hinaus auf die gottlosen Kerle, die meine Brüder ermordet hatten und jetzt draußen im Garten lachten und tranken. Ihre bedrohliche schwarze Kleidung und ihr sündiges Benehmen ließen mich erschaudern.

»Und, Lilah, was denkst du?«, drängte Maddie wieder.

Ich drehte mich zu ihr um, zog sie in die Arme und antwortete: »Nein, Maddie. Ich denke nicht, dass wir hier sicher sind. Vielmehr denke ich, Mae hat uns in die Tiefen der Hölle gestürzt.«

Kapitel 1

Einen Monat später …

Ku-Klux-Klan-Treffen

Austin, Texas

Ky

Was. Zur. Hölle?

Ich kauerte in Deckung auf einem Flecken Erde neben meinen Brüdern, Styx links, Viking rechts von mir, und sah mit offenem Mund dem Haufen beschränkter Hinterwäldler zu, die in ihren albernen weißen Kutten tief im Wald auf Johnny Landrys Farm herumstolzierten. Wie in einer Filmszene wurden brennende Fackeln hochgehalten, als sich die aufgebrezelten Klanmitglieder nacheinander im Kreis aufstellten und dabei immer wieder »White Power« riefen, gerichtet an ein riesiges Holzkreuz, das in Kerosin getränkt – das Parfüm des Klans – mitten auf der Lichtung stand.

Ein Typ in roter Robe trat vor und hielt seine Fackel in die Luft.

»Johnny Landry, Großmeister«, flüsterte Tank ein paar Armlängen weiter mit vor Zorn zusammengebissenen Zähnen.

Landry hielt seine Fackel hoch und rief: »Für Gott!«

Die Klanmänner taten es ihm nach und wiederholten: »Für Gott!«

»Für das Land! Für die Rasse! Für den Klan! Klanmänner des feurigen Kreuzes!«, brüllte Landry, und die Klanmänner wiederholten das Gebrüll.

Dann senkten sie synchron die Fackeln und warfen sie unten ans Kreuz. In Sekundenschnelle ging das Ding in Flammen auf, und das Symbol, das diese Wichser berühmt gemacht hatte, loderte auf dem höchsten Hügel auf Johnny Landrys Land.

Ihr Großmeister war endlich aus dem Knast raus.

Und die hielten eine riesige Versammlung ab, um das zu feiern – aber sie hatten vergessen, uns mit einzuladen!

Die Hangmen lagen auf der Lauer, unsichtbar unter ein paar Bäumen südlich des Hügels. Wir mussten herausfinden, ob Landrys Rückkehr aus dem Gefängnis Vergeltung an uns mit sich bringen würde. Styx hatte vor einer Weile ein paar von ihnen getötet, nachdem die Wichser Lois umgebracht, auf Mae geschossen und sie auch fast erwischt hatten. Styx trug dabei eine hakenkreuzförmige Narbe davon, und wir mussten in Erfahrung bringen, ob Landry deswegen Killer auf unseren Klub hetzen würde.

Die Klanmänner wichen vor den Flammen zurück, breiteten die Arme aus und bildeten so mit ihren Körpern ein Kreuz. Dann blieben sie stehen und starrten das brennende Kreuz an.

»Verdammte Arschlöcher«, zischte Tank weiter hinten. Ich warf einen Blick zu ihm und sah, dass er beim Anblick seiner alten Klanbrüder, deren Reihen inzwischen mit Frischfleisch aufgefüllt waren, die Hände zu Fäusten ballte. Ihm stand der ganze Hass ins Gesicht geschrieben, der ihn innerlich verbrannte.

Bull klopfte Tank auf den Rücken, Tank atmete tief durch, und wir verfolgten die beschissene Szene weiter.

»Großer Gott!«, meinte Vike neben mir. »Schwitzt ihr auch so wie ich? Ich kapiere echt nicht, wie diese Neonazifreaks so nahe an dem Kreuz stehen können, ohne dabei zu schmelzen!« Er griff sich an den Kragen seines Shirts, doch dann, abgelenkt, schaute er zu AK und Flame hinüber und fragte: »Habt ihr Marshmallows dabei? Bei der Hitze hätten wir die Zeit nutzen und uns Smores machen können!« Vike blickte in die Ferne und flüsterte vor sich hin: »Ich liebe diese Dinger …«

Flame, der angesichts der vermummten Horde vor uns keuchte wie ein tollwütiger Rottweiler, starrte Viking anund knurrte.

Vike hob die Hände und wich vor dem Bruder zurück. »He, Mann! Ist ja gut! Ich sage doch nur, es würde die Zeitverschwendung hier erträglicher machen. Wer setzt sich schon ohne Smores ans Lagerfeuer?«

»Das hier ist kein Scheißlagerfeuer, du Arsch! Das ist ein verdammtes brennendes Klankreuz!«, fauchte AK zu Vike hinüber. Und der hielt darauf tunlichst das Maul.

Ich schüttelte den Kopf über den rothaarigen Blödmann, und als ich sah, dass Styx stinksauer zu dem Bruder schaute, stieß ich ihn an, dass er sich beruhigen solle.

»Soldaten! Wir sind heute Nacht hier, um unsere neue Mission zu feiern: Schutz unserer Rasse oder Vernichtung!« Landry stolzierte hin und her und lenkte damit unsere Aufmerksamkeit wieder auf sich, während der Klan zusah: die Gesichter von Kapuzen verhüllt, doch ihre Füße traten aufgeregt auf der Stelle, während Landry schwadronierte.

»Ein Sturm kommt, ein Krieg. Und White Power muss wachsam bleiben, konzentriert auf unsere Mission. Wir bauen eine Armee auf, eine Macht, um gegen jene zurückzuschlagen, die uns niederwerfen wollen. Kein Versagen mehr. Die Weißen Ritter von Texas werden stark sein, wir werden bereit sein!«

Tank warf einen Blick zu Styx hinüber, und ich sah die Besorgnis in seinem Gesicht.

»Ein neuer Feind erhebt sich. Also werden wir Mitglieder rekrutieren. Wir werden unsere Rasse schützen! Weißen Stolz bewahren!«

»Und unsere alten Feinde?«, fragte irgendein kleiner Scheißer aus dem Kreis. »Die Hangmen haben einige unserer Ritter getötet, meinen Bruder eingeschlossen. Dafür müssen sie mit Blut bezahlen!«

Landry drehte sich um und ging auf den Mann zu. »Dein Bruder war schwach. Er hat sich umbringen lassen. War nicht klug genug, um den Kampf zu gewinnen. Er wurde geprüft, und er hat versagt. Sie alle. Wir müssen besser sein als das.«

Styx machte schmale Augen.

»Lenny ist tot! Die Scheiß-Hangmen haben es auch verdient zu sterben!«, spuckte der kleine Scheißer aus.

Landry trat zurück in die Mitte, ignorierte das Gelaber des Typen und drehte sich im Kreis, damit jeder Klanmann ihn ansah. »Wir haben jetzt eine neue Mission, und dafür brauchen wir gute Männer. Starke Männer. Wir werden einem höheren Zweck dienen, eine neue Schlacht, die heranstürmt. Und mit der Zeit wird alles offenbart werden!«

Ein paar Minuten später löste sich die Versammlung auf, und die Klanmänner ließen das Kreuz abbrennen und verzogen sich, um näher an Landrys Haus zu feiern.

Als die letzte weiße Robe verschwunden war, standen wir auf, und Styx wandte sich an Tank. »Denkst du, sie lassen uns in Frieden?«, fragte er per Zeichensprache, und ich sprach die Frage laut aus.

Tank nickte. »Hört sich so an. Wenn Landry einen Befehl gibt, dann ist das ein verdammter Befehl und jeder, der sich nicht daran hält, stirbt. Klingt, als hätten sie etwas Größeres in der Mache. Vielleicht richten sie sich auf den Rassenkrieg ein, von dem sie immer glauben, dass er bevorsteht, der aber nie kommt.«

»Damit bleibt nur …«, signalisierte Styx, weiter aufs Geschäft konzentriert, doch ich fiel ihm ins Wort, denn ich wollte den Mist einfach hinter mich bringen. Auf mich wartete noch eine Flasche Whiskey mit ganz groß meinem Namen darauf.

»Die Kolumbianer verschicken die neue Munition nächste Woche. Die Straßengangs sind wieder auf unserer Seite, nachdem der Übernahmeversuch der Jesusfreaks zu so einem Desaster wurde. Die unbedeutenden MCs gehen uns aus dem Weg, Senator Collins sorgt dafür, dass die FBI-Agenten sich nicht in unsere Angelegenheiten einmischen, und es gibt keine Neuigkeiten, die auf irgendwelche drohenden Probleme mit den Diablos hindeuten«, meinte ich, zwinkerte meinem besten Freund zu und machte dann noch einen Bückling, als ich fertig war.

Styx biss die Zähne zusammen, weil ich ihm ins Wort gefallen war, aber als ich wieder den Kopf hob, signalisierte er: »Gut. Dann sind wir fertig.«

Ich klatschte einmal in die Hände und setzte mein preisgekröntes Lächeln auf. »Dann lass uns zurück ins Quartier fahren, damit wir uns gehörig volllaufen lassen können!«

Ich legte Styx den Arm um die Schultern, und wir steuerten den Hügel hinunter auf unsere Motorräder zu. Wir hatten es eilig, diesem brennenden Stück Hinterwäldlerhölle zu entkommen!

Eine Stunde später erreichten wir das Quartier, wo es schon von Frauen wimmelte. Ich stieg vom Bike und wandte mich an meine Brüder.

»Zeit, sich zuzudröhnen! Heute Nacht kommen mehr Pussys auf uns zu, als ich schaffe. Ich habe auch nur zehn Finger und einen Schwanz; da kann ich nicht alle beglücken!«

»Obwohl du es verdammt hart versuchst!«, rief AK zurück und marschierte zum Klubhaus.

Ein Chor aus Gelächter brüllte los, und die Brüder machten, dass sie reinkamen, um sich ihre Mädchen und Alk zu sichern. Flame marschierte in den hinteren Teil der Garage, das Messer in der Hand, um wieder den irren Wachhund zu spielen, wie schon seit Wochen.

Ich ging zu Styx und klopfte ihm auf den Rücken. »Bist du heute Nacht bei uns, Bruder?«

Er schüttelte den Kopf, und das dunkle Haar fiel ihm ins Gesicht. »K-Kleine F-Fahrt mit M-Mae.«

Ich pfiff scherzhaft. »Fuck, Mann, nicht schon wieder! Bleib hier, trink und lass dich volllaufen. Du musst dich nicht immer mit deiner Braut verpissen, wenn wir feiern.«

Styx sah mich finster an. »S-Sie ist immer noch dabei, das L-Leben in der A-Außenwelt zu lernen. Es ist z-zu vi… viel.«

Damit meinte er, dass Mae nach wie vor kaum etwas anderes kannte als das Leben in der Gemeinde. Ein echt altmodisches Pilgerleben. Sie war immer noch dabei, sich anzupassen, wie das Leben hier draußen funktionierte, und Styx brachte ihr nach und nach alles bei.

»Schön«, seufzte ich, und Styx griff in seine Tasche und holte eine Zigarette heraus. Plötzlich kam mir eine Frage in den Sinn. »Du ziehst dir aber was über, wenn du mit Mae schläfst, oder? Im Moment hat der Klub eine Menge Mist am Hals, und wir brauchen nicht noch mehr Probleme.«

Styx erstarrte und sah mir scharf in die Augen. Schon kapiert. Keiner redete schlecht über Mae, und sie war niemals ein Problem. Der Kerl war echt verrückt, wenn es um sie ging. Sie war total heiß, mit ihren langen kohlschwarzen Haaren und den faszinierenden Wolfsaugen, die den Bruder so verrückt machten. Styx war besessen von ihr. Er lebte und starb für sie. So würde ich mich auf keinen Fall je wegen einer Tussi aufführen.

Mir gingen die Worte der Weisheit meines alten Herrn durch den Kopf: Weiber soll man gründlich lecken und hart vögeln – aber niemals anbeten.

Ich hielt die Hände hoch und wich zurück. »Hey, ich will nur sichergehen, dass mir nicht in nächster Zeit ein paar kleine Styx’ um die Füße rennen. Ich bin noch nicht bereit für den Job als Onkel, und so oft, wie ihr zwei es treibt, will ich mich nur vergewissern.«

Styx zuckte mit den Schultern und ignorierte mich. Ich sah ihn misstrauisch mit schmalen Augen an. »Du verhütest gar nicht, stimmt’s, du Dumpfbacke?«

Styx biss die Zähne zusammen und meinte: »N-Nein. U-Und falls sie s-s-schwanger wird, ist das auch gut. Ich will, dass mir mein M-Mädchen auf jede Weise g-gehört. Ich w-will, dass sie ein K-K-Kind von mir b-bekommt.«

Mir blieb der Mund offen stehen, und dann warf ich den Kopf in den Nacken und lachte. »Fuck, Styx! Du schwängerst sie noch vor der Hochzeit. Erst schnappst du dir eine Prinzessin aus einer extremen religiösen Sekte, machst sie zur Old Lady des Präsidenten der Hangmen, also im Grunde genommen zur Nummer eins von allen Bräuten unter diesem Dach, und um das Ganze abzurunden, schwängerst du sie vielleicht noch, bevor sie einen Ring am Finger trägt.«

Styx’ Augenwinkel spannten sich an, aber er verzog keine Miene, was mir nur noch mehr Grund gab, mich totzulachen. »Mann, dich hat echt der Teufel geritten. Du hast die Kleine komplett verdorben! Wenn sie nicht schon vorher zur Hölle gefahren wäre, dann ganz bestimmt jetzt!«

Styx machte einen Satz nach vorn, die rechte Faust geballt – und genau da ging die Tür zur Bar auf. Eine Sekunde später kam Mae herein, und Styx wich etwas zurück und warf mir einen verärgerten Blick zu, der mir verriet, dass ich vielleicht später für meine Bemerkung büßen musste.

»Hallo, Ky«, grüßte Mae, ganz Dame und korrekt in ihrem komischen altmodischen Akzent, und kam zu Styx. Er griff nach ihrer Hand und zog sie in seine Arme, ballte die Fäuste in ihr kohlschwarzes Haar, drückte seine Lippen auf ihre und zeigte mir dabei hinter ihrem Rücken den Mittelfinger.

Der Mann war schon verrückt nach der Kleinen gewesen, bevor sie von Rider entführt wurde, aber seit er sie wiederhatte, hatte er sie zu seinem Besitz gemacht, ihr eine Kutte mit seinem Namen auf dem Rücken geschenkt und sie seitdem keine Sekunde mehr aus den Augen gelassen. Im Gegenteil: Die zwei verzogen sich so oft in sein Zimmer, dass ich überzeugt war, dass er mehr Zeit damit verbrachte, sie zu vögeln, als mit Atmen.

»Tja, nachdem ihr zwei die Situation hier gerade total peinlich gemacht habt, gehe ich mich jetzt besaufen«, meinte ich sarkastisch und quetschte mich an den beiden vorbei, während Styx stöhnte und anfing, sie an die Wand zu drücken.

Ich ließ Mae und Styx allein, ging in die Bar und hob die Hände, als Led Zeppelin aus den Lautsprechern dröhnte und der Duft süßer Mädchen in meine Nase stieg.

»Auf ihr Süßen, lasst die Höschen fallen und werdet feucht. Euer Sexgott ist endlich hier!«

Die Mädchen umschwärmten mich wie Fliegen einen Scheißhaufen, kicherten und grapschten mir ans Gemächt, während die Brüder grüßend ihre Gläser hoben. Ich marschierte direkt an den Bartresen, und der Prospect schenkte mir ein. Noch bevor ich saß, hatte ich schon ein Glas mit Whiskey in der Hand.

AK und Smiler saßen rechts und links von mir, griffen sich ein paar Schlampen und zogen sie zu sich auf den Schoß. AK sah zu, wie Viking mit zwei Tussen zugange war, und lachte über sein Glück. Smiler saß da und schaute trübselig drein, wie immer.

Tank kam mit Beauty, seiner heißen blonden Old Lady – im Prinzip unserer Klubmutter – herüber.

»Hey, Süßer, wie geht’s?«, fragte Beauty und drückte mir einen Kuss auf die Wange.

»Gut. Und in einer Stunde geht es mir noch besser, wenn ich durch den Whiskey fünf von euch sehe und alle viere von mir gestreckt unter den leckenden Zwillingen liege.«

Beauty schüttelte tadelnd den Kopf, und AK tippte zustimmend an mein Glas.

»Wie geht es Maddie und Lilah? Sind sie schon mal von oben heruntergekommen?«, fragte Beauty.

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, obwohl ich wünschte, die Blonde mit den großen Brüsten würde mal über mich kommen. Ich träume davon, wie sich diese rosigen Lippen um meinen Schwanz anfühlen würden.«

Und Scheiße, wenn das nicht stimmte. Allein schon die Vorstellung, die Blondine würde vor mir knien, ließ mich fast in meinen Jeans kommen. Allerdings war sie total durchgeknallt. Sie war extrem gläubig und würde auf absehbare Zeit ganz bestimmt nicht für mich zur Verfügung stehen. Ich meine, verdammt, da müsste mein Schwanz schon ein vergoldetes, vom Propheten gesegnetes Kruzifix sein, um in ihre Nähe zu kommen.

Ich zog die Zähne über meine Unterlippe und stellte mir ihr wunderschönes Gesicht vor, und dann diese Titten … Hm … ich konnte sie schon fast auf der Zunge schmecken.

»Ky!«, rief Beauty ärgerlich und riss mich aus meinem Tagtraum. »Kannst du die verdammte Frage nicht auch mal ohne den ganzen Sexkram beantworten! Du bist echt ein Schwein!«

»Komm wieder runter, Beauty. Nein, sie haben das Apartment noch nicht verlassen. Sie verkriechen sich immer noch da drin, schauen aus dem Fenster und halten uns alle für Jünger des Teufels, die nur darauf warten, ihre süßen Pilgerärsche in die Hölle zu zerren.«

AK lachte. »Dann hätten sie recht.«

Beauty seufzte und blickte zur Tür, die zu Styx’ Apartment führte. »Arme Dinger. Kannst du dir vorstellen, von allem weggerissen zu werden, was du kennst, und dann ausgerechnet hier zu landen? Sie müssen ja völlig verängstigt sein.«

Ich zuckte mit der Schulter. »Mae hat es verkraftet, und sie war allein. Die zwei müssen eben einfach härter werden.«

Beauty sah mir in die Augen, die Lider halb geschlossen und die Lippen gespitzt. »Mae hat sich entschieden, diese beschissene Sekte zu verlassen. Sie wollte da weg. Die zwei da oben wurden ihr ganzes Leben lang missbraucht, aber sie wollten nie gehen. Und dann stürmt ihr da rein, feuert aus allen Rohren, tötet den Mann, den sie für einen Gott halten, schleift sie gegen ihren Willen hierher, verfrachtet sie ausgerechnet in einen Van, der perfekt für Vergewaltigungen wäre, und dann erwartest du, dass sie sich daran gewöhnen?« Inzwischen war Beauty voll in Fahrt. »Die zwei werden dieses Leben nie begreifen. Sie sind nicht für ein Leben als Outlaw geschaffen. Die Frage ist: Was in aller Welt wird aus ihnen, falls sie uns verlassen? Wo sollen sie hingehen? Was sollen sie tun?«

Darauf sagte keiner von uns etwas. Falls die Schwestern hier weggingen, würde Mae daran zerbrechen, und das würde Styx auf keinen Fall zulassen. Im Moment blieben die zwei Mädchen da, wo sie waren, ob sie sich jetzt versteckten oder nicht. Keine Frage. Und ich wollte mich auch gar nicht beschweren. Wenn das Ganze bedeutete, dass ich immer wieder mal einen Blick auf die heißeste Braut erhaschte, die ich je gesehen hatte, dann kam ich damit klar … genau wie mein fünfundzwanzig Zentimeter kleiner Freund.

Ein hohes Kichern drang zu uns, und als ich hinter Tank und Beauty blickte, sah ich Tiff und Jules auf uns zukommen – meine allzeit bereiten Schlampen, die berühmten leckenden Zwillinge. Die zwei machten alles gemeinsam, und damit meine ich wirklich alles. Und wenn ich noch dazukam, tja, dann war das schlicht gleichbedeutend mit richtig Spaß.

»Ky, Baby«, trällerte Tiff und grinste.

Beauty seufzte genervt, verdrehte dann die Augen und tippte Tank an die Brust. »Unser Stichwort abzuhauen, Baby.«

Tank winkte uns zum Abschied zu, undAKund Smiler schlenderten zum Billardtisch. Ich streckte die Hände aus, zog die zwei Blondinen an mich und stöhnte auf, als Jules’ Hand sofort an meinen Reißverschluss wanderte und über meinen Ständer streifte.

Tiff flüsterte mir ins Ohr: »Lust auf ein wenig Spaß, Baby? Wir sind grade so richtig geil.«

Ich nahm ihre Hand, legte sie auf die von Jules und flüsterte: »Fühlt sich das harte Ding hier so an, als wäre ich dafür zu haben?«

Die Tussi leckte sich über die roten Lippen, zog mich vom Barhocker und führte mich in den Flur, der zu meinem Privatzimmer führte. Innerhalb von zehn Minuten lag ich flach auf dem Rücken, alle viere von mir gestreckt, mit Tiff auf meinem Schwanz und Jules über meinem Gesicht.

Ich liebe mein Leben!

Kapitel 2

Lilah

»Maddie! Ich halte das einfach nicht mehr aus! Diese … diese … Musik! Sie ist das Werk des Teufels, sage ich dir. Des Teufels! Hast du die Texte gehört? Sie sind sündig, widerlich, obszön! Und meine Ohren! Mir platzt noch das Trommelfell, so unglaublich laut ist sie!«

Mein Blick fiel auf eine stille und nachdenkliche Maddie, die auf ihrem Bett saß, die Arme um die angezogenen Beine geschlungen, während ich auf dem dunklen Holzboden hin und her lief. »Wo ist Mae? Ich muss sofort mit ihr reden!«

Maddie seufzte genervt und schaute sehnsüchtig aus dem einzigen Fenster in unserem kleinen Apartment – das wir nie, niemals verließen, außer um in Begleitung von Mae am Fluss unsere täglichen Gebete zu verrichten. Styx’ Apartment lag über diesem sogenannten »Motorradklub«, in dem wir gefangen waren. Die Hades’ Hangmen – was auch immer das war.

Doch eins wusste ich genau: Es war die Hölle auf Erden, in der wir jetzt existieren mussten, nachdem man uns unserem Zuhause und allem, was wir kannten, entrissen hatte: der Gemeinde. Dem Orden. Dem Propheten des Herrn. Wir gehörten zu den Auserwählten Gottes. Es war der einzige Weg, um unsere Erlösung zu erlangen, nachdem wir von Geburt an des Teufels waren, geboren als sündige Verführerinnen. Stattdessen waren wir unseren Mitbrüdern und -schwestern entrissen und in diese Grube des Bösen geworfen worden. Wir wussten nicht, was aus den anderen geworden war, nachdem diese sogenannten Hangmen auf unsere Brüder und Schwestern geschossen hatten. Sie hatten unseren Propheten getötet! Und das alles erst vor wenigen Wochen.

Ich hasste es hier. Ich hasste jede Einzelheit: die täglichen sündigen Akte der Ausschweifung, die unten in dieser verrufenen Bar stattfanden, die Gewalt, die ich mit angesehen hatte, die Waffen und vor allem die Männer. Und ganz besonders … ihn. Ky. Den Aufreißer der Hangmen. Den Mann, der mich jedes Mal, wenn er mich sah, angrinste und sich dabei so absurd lüstern über die Lippen leckte.

Er jagte mir Schauer über die Haut. Äußerlich betrachtet mochte er ja gut aussehen, mit dem langen blonden Haar und den blauen Augen, aber seine Seele war verdorben.

Man kann ihm nicht trauen … keinem von ihnen.

»Sie ist bei Styx. Sie ist immer bei Styx, Lilah«, sagte Maddie müde und riss mich aus meinen Gedanken über diesen liederlichen, ungeratenen Wüstling.

Ich ging zu meinem Bett, ließ mich auf die Matratze fallen und legte mich mit ganzem Körper flach auf die schwarzen Seidenlaken.

»Wieso gefällt ihr dieses Leben, Maddie? Wieso lächelt sie, lacht, vereint sich fleischlich mit ihrem Styx, während wir nur große Verzweiflung über unsere Lage empfinden können? Wieso verkümmern wir hier, eingesperrt in diesem Zimmer wie in einer Zelle, tagaus, tagein? Wir sind verdammt, hier in der Hölle zu leben, Maddie … in der Hölle!«

Maddie richtete langsam den Blick auf mich und legte die Wange aufs Knie. Sie sah mich mit einem schwermütigen Gesichtsausdruck an. »Weil sie sich verliebt hat, Lilah. Bei Styx hat sie das fehlende Stück ihrer Seele gefunden.«

Dann seufzte sie und fuhr mit einem Lächeln unter Tränen fort: »Wir sollten alle zum Herrn darum beten, dass wir ebenso gesegnet werden. Dass wir jemanden finden, der uns vollkommen liebt und vor Schaden schützt. Von Kindheit an wurden wir gezwungen, mit Männern zusammen zu sein, die wir nicht liebten. Würdest du nicht die Zuneigung eines Mannes willkommen heißen, den du selbst gewählt hast? Einen Mann, der dich für mehr will als nur eine Göttliche Teilhabe?«

Mir blieb der Mund offen stehen, als ich ihre Antwort hörte. »Nein, das würde ich nicht! Wie sollen wir je Erlösung aus den Klauen des Teufels finden, hier an diesem Ort, voll mit seinen willigen Höllenwesen! Du kennst unsere Heilige Schrift, Maddie. Wir können nur durch den rechtmäßigen Willen des Propheten und des Herrn von unserer Erbsünde freigesprochen werden. Durch die erwählten Jünger. Nicht durch irgendeinen Kerl, der sich zwischen unsere Beine drängen will! Ich habe gesehen, wie sie die Frauen hier verführen. Es ist abstoßend.«

Maddies grüne Augen schienen traurig zu werden, und sie seufzte und richtete den Blick wieder zum Fenster unserer »Zelle« hinaus auf den dunklen Himmel. Und mir drehte sich vor Angst der Magen um.

Sie hatte ihren Glauben verloren.

Bella war tot.

Mae lebte das Leben einer Sünderin.

Ich war die Einzige, die noch dem rechten Pfad folgte, die Einzige, die uns noch auf dem rechten Pfad halten konnte.

Unten war ein lauter Knall zu hören. Maddie und ich fuhren zusammen und drückten uns ängstlich flach aufs Bett. Der Lampenschirm an der Decke begann zu schaukeln. Raues Gelächter drang aus dem Raum direkt unter uns herauf … von der »Unterwelt«, wie sie es nannten.

Ich fuhr kerzengerade hoch, umklammerte mit der Faust das Laken, bis ich fürchtete, dass der Stoff reißen würde, und gab einen lauten Schrei von mir. Wochen voller Frustration explodierten in mir. Maddie wimmerte neben mir und kauerte sich an die Wand.

Das reicht!, dachte ich und verlor die Beherrschung.

Ich sprang auf, strich mein bodenlanges graues Kleid glatt und griff nach meiner weißen Haube. Ich band das dicke Leinenstück über meinen festen Haarknoten und verbarg so mein langes blondes Haar. Dann atmete ich tief durch und ging zielstrebig zur Tür.

»Lilah! Was machst du da?«, rief Maddie panisch. Sie riss die grünen Augen auf, als sie sah, dass ich fest entschlossen war.

»Ich ersuche sie darum, sofort mit ihrem sündigen Treiben aufzuhören! Ich bin müde, Maddie. Ich kann nicht schlafen bei dem unablässigen Lärm, und ich traue mich nicht hinunter, weil ich Angst habe, dass einer dieser Sünder mich unangemessen berührt. Die Art, wie sie uns ansehen, ist obszön, als seien wir verbotene Früchte, die sie verschlingen wollen! Ich bin müde … so müde, und ich kann es einfach nicht mehr ertragen. Ich habe ständig Kopfschmerzen vom Schlafmangel. Ich kann nicht essen, weil sich mir bei der Angst, was hier aus uns werden soll, ständig der Magen umdreht. Und außerdem wird mir so eng in der Brust, dass ich keine Luft mehr bekomme. Ich werde schwach, und mir ist, als würde ich zerbrechen. Ich zerbreche, Maddie. Ich fühle mich, als würde ich auseinanderbrechen, und niemand versteht es oder interessiert sich dafür …«

Maddie schüttelte langsam den Kopf. »Lilah, bitte. Lass es sein, bis Mae zurückkommt. Diese Männer … sie sind gefährlich. Du hast gesehen, was sie in der Gemeinde mit unseren Leuten gemacht haben. Treibe sie nicht dazu, dass sie auch dir gegenüber gewalttätig werden.«

»Ich muss sie bitten, aufzuhören! Ich muss es versuchen!«, rief ich schrill. »Wir können uns nicht länger auf Mae verlassen. Sie hat ihren Weg verloren und die Lehren des Propheten vergessen. Sie hat sich zu sehr auf Styx eingelassen. Auf die Stimme der Vernunft wird sie nicht hören. Damit bin nur noch ich übrig. Nur ich, um um etwas Frieden zu bitten.«

Maddie sank wieder aufs Bett und fing an, nervös auf ihren Fingernägeln zu kauen. Sie hatte sich wieder in sich selbst zurückgezogen. Das passierte bei jeder Erwähnung unseres Glaubens. In ihren Augen konnte ich die schwindende Hingabe an unseren Propheten sehen. Die Art, wie sie sich gefreut hatte, als Bruder Moses vor wenigen Wochen getötet wurde, bewies mir, wie sehr sie von unserer gesegneten Berufung abgekommen war. Der Orden folgte schlicht dem Willen des Herrn, wenn die Ältesten ihr Bestes gaben, um uns in unseren häufigen göttlichen Vereinigungen vom Teufel zu befreien.

Ich kniff fest die Augen zusammen und holte wieder tief Luft. Dann schob ich hastig die vier Riegel der Tür zurück und drehte den Knauf. Nachdem ich still bis drei gezählt hatte, schluckte ich meine Angst hinunter, zog die Tür auf – und gab einen ohrenbetäubenden Schrei von mir. Geschockt stolperte ich rückwärts, prallte mit dem Rücken gegen die Wand und mir blieb die Luft weg.

Auf einem Stuhl in dem schmalen Korridor, genau gegenüber unserer Tür, saß der tätowierte Heide, Flame. Ich wusste, er saß den ganzen Tag hier, jeden Tag. Ich hatte ihn durch den Türspion hindurch beobachtet. Ich wusste nicht, ob er da draußen war, um dafür zu sorgen, dass wir nicht zu fliehen versuchten, als seien wir Gefangene hier, oder ob er da war, um über uns zu wachen. Er verließ seinen Posten nur sehr selten.

Flames schwarze Augen waren auf eine lange silberne Klinge in seiner Hand fixiert … eine Klinge, die über die schwer narbenbedeckte Haut an der Unterseite seines Unterarms schnitt, und währenddessen wölbte sich seine Männlichkeit in der Hose und strapazierte den Stoff bis zum Zerreißen.

Das ängstliche Wimmern, das über meine Lippen drang, konnte ich nicht unterdrücken. Flame richtete seine Aufmerksamkeit von seinem Messer auf mich, und sein verstörter Blick bohrte sich in meinen. Ein Knurren drang über seine Lippen, weil ich ihn gestört hatte, und ich wich ängstlich zurück.

Das Messer fiel klappernd zu Boden, und Flame sprang auf, jeder Muskel angespannt. Hinter mir knarrte eine Bodendiele, noch während ich versuchte, mit der Tür zu verschmelzen. Und seine Aufmerksamkeit richtete sich auf das Geräusch.

Flame atmete langsam durch die Nase aus und ballte die Hände zu Fäusten, während das Blut aus der Schnittwunde langsam eine Pfütze auf dem Boden bildete. Ich folgte seinem Blick, und der führte mich zu Maddie, die gleichermaßen auf Flame fixiert war. Inzwischen saß sie auf dem Bettrand und sah ehrfürchtig drein. Vorsichtig richtete sie den Blick auf die Blutpfütze und schluckte dann schwer.

So langsam wie möglich kam Maddie auf die Füße. Flame bemerkte die Bewegung. Seine Atmung wurde schwer, und seine wilden Onyxaugen gingen zwischen Maddie und mir hin und her.

»Geh nach unten Lilah. Tu, was du tun wolltest«, befahl Maddie mir sanft. »Es wird dich beruhigen, wenn wir etwas Schlaf bekommen.«

Ich räusperte mich. »Ich lasse dich nicht allein mit ihm. Hast du den Verstand verloren? Er sieht aus, als könnte er jeden Moment jemanden töten!«

Maddies Schultern entspannten sich, und sie sah mich an. »Flame wird mir nichts tun, was das angeht, da bin ich mir sicher.« Sie sah ihn wieder an und errötete. »Genau genommen ist Flame der einzige Mann, bei dem ich mich sicher fühle.«

Ich drehte den Kopf zu Flame und gab mir alle Mühe, das Vertrauen zu sehen, das Maddie so offensichtlich in ihn hatte. Er war ganz in Schwarz gekleidet, Lederhose, enges schwarzes Shirt und diese Lederjacke, die sie alle trugen. An den Oberkörper hatte er Schusswaffen und Messer geschnallt, und er war von Kopf bis Fuß tätowiert. Er hatte einen Bart und zerzaustes Haar.

Ich wankte vor Müdigkeit.

»Geh, Lilah! Bevor du noch vor Müdigkeit umfällst«, befahl Maddie, setzte sich wieder aufs Bett und sah erneut aus dem Fenster. Flame rutschte an der Wand abwärts, bis er auf dem Boden saß, genau vor der Tür. Er wählte ein neues Messer, und ohne den Blick von Maddie abzuwenden, schnitt er sich wieder in den Unterarm.

Von unten dröhnte ein weiterer lauter Schuss herauf und brachte diesmal die Lampen im Flur zum Beben. Maddie blieb still auf dem Bett, verloren in ihren Gedanken. Flame war versunken darin, sein Blut zu vergießen, womit es an mir war, das Benehmen der Tiere dort unten anzugehen.

Vorsichtig huschte ich an Flame vorbei und stieg die Treppe hinunter zum Flur, der zum Klubhaus führte. Mit jedem Schritt nahm der Lärm zu, und ich zuckte zusammen, als die Holzwände unter der lauten Musik bebten. Noch nie im Leben hatte ich solchen Zorn empfunden, ein so drängendes Verlangen nach Schlaf.

Ich stand vor der Stahltür, die mich in die Höhle des Bösen einlassen würde, und nahm meinen ganzen Mut zusammen, um der gottlosen Horde gegenüberzutreten. Meine Hand zitterte, als ich nach dem Türknauf griff. Einen kurzen Moment fühlte ich Zweifel. Hätte ich es je gewagt, in der Gemeinde einen Mann herauszufordern, wäre ich streng bestraft worden. Ausgepeitscht. Gezeichnet. Gebrandmarkt von einem heißen Eisen mit dem heiligen Kreuz … verbrannt. Aber dort hatte ich meinen Platz gekannt. Ich hatte Struktur und Routine, und Frauen forderten die Männer niemals heraus. Doch dieser Klub war ein gesetzloser Raum, in dem jeder tat, was er wollte und wanner es wollte, ungeachtet der Gefühle oder Empfindungen aller anderen hier.

Von den Verfluchten war ich immer die Gehorsame, diejenige, die zwischen den Fronten blieb, die keine Grenzen überschritt. Anders als die arme Bella und Mae. Ein endloser Tag nach dem anderen ohne Schlaf, mit wenig Essen und Angst vor dem Unbekannten trieben mich allerdings dazu, Dinge abseits der Norm zu tun. Wie das hier!

»Ky, halt die Weiber mal davon ab, deinen Schwanz zu lutschen, und komm hier rüber!«, übertönte eine Stimme die Musik, und mir wurde es ganz schwer ums Herz. Ich war überzeugt, dass ich gleich etwas sehen würde, das alles andere als angenehm war. Vom Fenster in unserem Zimmer aus hatte ich Dinge mit angesehen, die ich mir vorher nicht einmal vorzustellen wagte.

Gütiger Gott, gib mir die Kraft, weiterzugehen. Gib mir Kraft, mich allem zu stellen, was unrein ist.

Ich hörte zerbrechendes Glas und das Gejohle der Männer, öffnete die Augen nach meinem Gebet, drehte den Türknauf und trat ein.

Dichter Rauch wallte durch den Raum, und der Geruch von Männerschweiß, Alkohol und Sex lag in der Luft. Ich kämpfte die Übelkeit nieder und begab mich tapfer in den Wahnsinn.

Es dauerte nicht lange, und ich erstarrte vor Angst.

Halb entkleidete Frauen bevölkerten den Raum und gossen Männern Alkohol in den Mund, manche leißen den Schnaps über ihre entblößten Brüste laufen. Ich wünschte, das wäre das Schlimmste gewesen. Doch der Anblick von Frauen, die Männer oral befriedigten, rittlings auf deren Schößen saßen, sie in sich aufnahmen und sich dabei zugleich mit anderen Frauen vergnügten, ließ mich angeekelt stehen bleiben.

Alles, was sie taten, war falsch und sündig.

Ich versuchte Styx und Mae zu finden, doch in dem dichten Nebel aus Rauch konnte ich sie nicht sehen.

Ich räusperte mich, holte tief Luft und fragte: »Würdet ihr bitte die Musik leiser machen?«

Niemand hörte mich. Kein Mensch sah zu mir.

Ich straffte die Schultern und versuchte es noch einmal. »Bitte! Irgendwer! Könnt ihr bitte die Musik ausschalten? Ich bin müde und möchte mich ausruhen.«

Gelächter drang durch den Raum und machte mir Gänsehaut. Einen Augenblick lang dachte ich, das Lachen gelte mir, doch niemand würdigte mich auch nur eines Blickes. Mein Flehen war unbemerkt geblieben.

Ich überlegte, was ich jetzt tun sollte, als eine Hand meinen Po packte und zudrückte. Ich wirbelte herum und wollte protestieren – und sah mich einer großen blonden Frau gegenüber … einer von Kys Frauen, einer derjenigen, mit denen er mich verspottete, wenn ich ihn vom Fenster meiner Zelle aus beobachtete.

Ich wich aus dem Griff der Frau zurück, aber sie folgte mir. Sie trug einen kurzen Lederrock, und durch den durchsichtigen Stoff ihres Shirts konnte man ihre Brüste sehen. Ihre grünen Augen waren glasig und ihre Lippen scharlachrot.

»Ach, sei doch nicht so, Liebes. Hier ist Schüchternheit nicht angebracht. Du bist schön. Ich kann verstehen, warum Ky dich die ganze Zeit ansieht. Warum er dich vögeln will.«

Unbehagen raubte mir die Stimme, als die Frau wieder näher kam. Mit ihren rot lackierten Fingern wollte sie mein Haar aus der Haube befreien. Ihre harten Brüste pressten sich dabei an meinen Oberkörper.

Als die Schnur meiner Haube aufging, schnappte ich nach Luft, riss mich mit einem Schritt rückwärts aus meiner Betäubung und band die Schnur hektisch wieder zu. Ich drehte mich um, um zu fliehen, aber ich wusste nicht wohin, denn Rauch vernebelte meinen Fluchtweg. Ich rannte zwischen betrunkenen Männern und Frauen hindurch, und Panik zerrte an meiner Kehle.

Ich hätte es nie wagen sollen, hier herunterzukommen. Es ist wahrlich eine Höhle des Bösen.

Männer und Frauen streckten die Hände nach mir aus, verspotteten mich, lachten mir ins Gesicht, und meine Angst wurde immer größer.

Als ich hektisch nach dem Ausgang suchte, stolperte ich über eine große schwarze Maschine, die einen Lärm von sich gab, der mir in den Ohren wehtat: die Quelle der Musik. Ein Aufblitzen von Zorn huschte über mein Gesicht, als ich mich im Raum umsah, und dann drehte ich mich, um die Hand auszustrecken, fühlte ein langes Kabel und zog daran … fest.

Augenblicklich verstummte die Musik. Ich seufzte erleichtert und konnte ein leichtes Lächeln auf meinen Lippen nicht unterdrücken …

Und dann wurde mir klar, dass es im Raum absolut still geworden war.

Ich spürte Dutzende Augen in meinem Rücken und drehte mich langsam um, das schwarze Kabel immer noch in der Hand. Ohne die schmerzhaft laute Musik blieb es unheimlich still hier drin, und mir stockte der Atem, als die Männer – die Hangmen – langsam einer nach dem anderen durch den Rauch näher kamen. An den Lederjacken erkannte ich die Anführer.

Der erste Mann hatte kürzeres und dunkleres Haar als die übrigen und machte ein neugieriges Gesicht. Er war nicht Furcht einflößend an sich, aber trotzdem einschüchternd. Der zweite Mann war groß, hatte rotes Haar und einen langen roten Bart. Er grinste mich lüstern an und zog die Zähne über seine Unterlippe. Der Nächste war schlank, weniger bullig, mit langem braunen Haar und freundlichen Augen. Dann kam ein Mann mit Glatze und an seinem Arm eine lächelnde blonde Frau. Sie sah aus, als wolle sie zu mir kommen, doch meine starre Körperhaltung musste sie davon abgehalten haben. Ich hatte sie zuvor schon mit Mae gesehen, vom Apartmentfenster aus. Sie wirkte nett. Aber ich war nicht hier, um neue Bekanntschaften zu machen. Genau genommen, hatte ich überhaupt nicht die Absicht, allzu lang hierzubleiben.

Schon bald würden die Jünger kommen, um uns zu holen. Dann würde alles wieder in Ordnung kommen im Angesicht des Herrn. Wir konnten immer noch gerettet werden.

»Aus dem Weg, verdammt noch mal! Was ist hier los? Wer zum Teufel hat Led Zeppelin ausgemacht?«, rief eine undeutliche Stimme durch die Bar.

Ich machte mich gefasst, als die Menge sich teilte und ein Mann hindurchschritt … eine vertraute imposante Erscheinung mit schulterlangem blonden Haar. Der Mann war hochgewachsen, breit gebaut, hatte ein faszinierendes Gesicht, einen kurzen dunkelblonden Bart und die durchdringendsten blauen Augen, die ich je gesehen hatte.

Es war Ky.

Ich konnte den Blick nicht von ihm abwenden, und mir stockte der Atem. Meine Eingeweide verkrampften sich vor Verlangen nach ihm.

Kys volle Lippen waren vor Ärger angespannt, als er näher kam, doch als er aus der Menge heraustrat und seine Augen meinem Blick begegneten, schienen sie eine Spur sanfter zu werden, und seine Lippen öffneten sich, um lautlos Luft zu holen.

Ich fürchtete, meine Beine würden nachgeben, weil meine Knie so weich waren. Vorsichtig stand ich auf und trat einen Schritt zurück, um mich an die nun stille Musikmaschine zu lehnen.

Ky kam auf mich zu, das weiße T-Shirt eng am angespannten Oberkörper anliegend, die blauen Jeans locker um die Beine. Im Näherkommen fuhr er sich mit der Hand durch das unordentliche lange Haar und kaute langsam an einem kleinen dünnen Holzstöckchen, das er sich zwischen die Zähne geklemmt hatte.

Ich konnte nicht sprechen, nicht denken, nicht atmen. Mit der freien Hand griff ich hinter mich und stützte sie auf ein Regal, um mich aufrecht zu halten. Der rauchige Geruch von Ky überrollte mich. Mein Herz pochte hektisch, und das Blut rauschte in meinen Adern.

Kys Nasenflügel bebten, als er näher kam, und seine blauen Augen sogen den Anblick meiner züchtig verhüllten Gestalt in sich ein. Er blieb nicht drei Schritte vor mir stehen, wie die Brüder in der Gemeinde es tun mussten. Er hielt keinen angemessenen Abstand, wie ein Mann es in der Öffentlichkeit bei einer Frau tun sollte. Oh nein, stattdessen kam er immer näher, bis seine beeindruckende Größe über mir aufragte und sein Brustkorb sich an meinen Busen drückte.

Ich konnte seinen eindringlichen Blick spüren. Ich kniff fest die Augen zu, denn ich hatte zu viel Angst, um mich diesem teuflischen Mann zu stellen. Wenn er in der Nähe war, verlor ich komplett die Fassung. Er war ungehobelt, ein Aufreißer, und obwohl mein Verstand mich vor seiner bösen und verführerischen Natur warnte, verriet mein Herz meine Tugend und strebte nach seiner Nähe. Sein wunderschöner Körper führte mich in Versuchung. Er war meine ganz eigene verbotene Frucht, und zwar eine, von der ich mich weit, weit entfernt halten musste.

»Du.« Ky seufzte. Ich roch den starken Duft von Alkohol in seinem Atem, als seine Lippen über meine Wange streiften. Ich wollte den Kopf von seinem Mund abwenden, aber seine Hand umfasste meine Wange und hielt mich fest.

»Sieh mich an, Mädchen. Ich will diese verdammt schönen blauen Augen sehen.«

Ich konzentrierte mich darauf, ruhig zu bleiben, doch gegen die Panik konnte ich nichts tun.

Plötzlich spürte ich eine Hand um meine Brust und wimmerte. Der Schauer war instinktiv, und ich verfluchte mich selbst, weil ich hier heruntergekommen war. Ich benahm mich nicht angemessen, und nun zahlte ich den Preis dafür. Gott strafte mich, weil ich mich freiwillig in diese Hölle begeben hatte.

»Bitte … lass mich gehen«, flehte ich und hielt dabei weiter die Augen geschlossen.

Ky kam noch näher, und ich fühlte, wie seine harten Muskeln sich an meine Brüste pressten. Ich wollte meine Angst hinunterschlucken, aber das klappte nicht. Kys Hand wanderte nach oben an meinen Nacken, an die Bänder meiner Haube. »Wieso versteckst du dein Goldhaar, Liebes? Es ist doch wunderschön. Du bist ein verdammt hübsches Mädchen«, meinte Ky heiser und rieb mit seiner stoppeligen Wange über meine glatte Haut, während ich spürte, wie seine Hände meine Kopfbedeckung abnahmen. Dann zupfte er an den Nadeln, die mein Haar zu einem Knoten fixierten. Ich spürte die Haarspitzen bis an meinen Po niederfallen, und Ky gab ein langes, schmerzerfülltes Stöhnen von sich, als mein Haar offen herabfiel.

Tränen brannten mir in den Augen, als ich seine Hände in meinem Haar fühlte. Ky beugte sich herunter, atmete tief ein, und seine Hüften drängten sich an meinen Bauch.

»Fuck, Mädchen. Ich von dir, seit ich dich zum ersten Mal gesehen habe … ich will dich … unter mir … auf mir. Ich will dich meinen Namen schreien hören … dich küssen, bis du es nicht mehr aushältst …«

Ich atmete schaudernd aus, und mein Herz schmerzte bei seinen derben Worten.

Kys warmer Atem streifte über meine Wange, bis ich etwas Feuchtes über meine Lippen gleiten fühlte, und dann riss ich die Augen auf, als mir klar wurde, woher das Feuchte kam … seine Zunge. Seine Zunge, die meine Haut kostete.

Ich drückte die Hände auf Kys breiten Brustkorb, und gerade als ich ihn von mir schieben wollte, drang ein lauter, fast ohrenbetäubender Pfiff durch die Luft.

Kys Zunge verschwand wieder, und er legte seine Stirn an meine und seufzte, anscheinend verärgert. Füße polterten über den Holzboden auf uns zu. Plötzlich wurde Ky von meinem starren Körper weggezerrt und neben mir an die Wand gedrückt.

Ich erstarrte vor Schreck, als ich sah, dass Styx Ky an der Kehle gepackt hielt. Aber Ky hatte nur Augen für mich. Als mein Blick seinem begegnete, stöhnte er und biss sich auf die Lippe. Mit einem Knurren schlug Styx Ky hart mitten ins Gesicht. Ich zitterte am ganzen Körper und verspürte den starken Drang, ganz schnell zu verschwinden, wenn es hier zu Gewalt kam.

Ich wandte den Blick ab, als Styx Ky zu einem privaten Zimmer zerrte, und dann fiel mir auf, dass die übrigen Leute im Klub mich anstarrten, bis ein Mann mit kurzem braunen Haar alle davonscheuchte.

Tränen liefen mir über die Wangen.

Was hatte ich mir nur dabei gedacht, hier herunterzukommen? Ich verhielt mich nicht wie ich selbst. Dieser Ort verdarb meine Seele. Er trieb mich zu unziemlichem Benehmen. Frauen hatten nicht die Stellung, um Männer herauszufordern, und doch benahm ich mich hier ganz schamlos und launenhaft.

»Lilah, geht es dir gut? Was machst du hier unten, so allein?« Unvermittelt tauchte Mae in meinem Blickfeld auf und legte die Arme um meine Schultern. In ihren eisblauen Augen standen Liebe und schwesterliche Sorge.

Ich schüttelte heftig den Kopf. »I-I-Ich bin nur so müde und durcheinander, und ich wollte, dass diese laute, schmutzige Musik aufhört. Ich brauche dringend Schlaf. Ich bin einfach so müde, Mae. Und dann hat er … er … er mich berührt … mein Haar geöffnet … seinen Mund auf meine Haut gedrückt …«

Ein Schluchzen drang über meine Lippen, und Mae nahm mich in die Arme. »Er hat mein Haar enthüllt, Schwester. Er hat meine Sittsamkeit unter dem wachsamen Blick Gottes geschändet. Ich habe ihn dazu verführt, mich zu berühren. Ich habe schon wieder einen verführt, Mae … Er hat von obszönen Dingen gesprochen … von Dingen, die er mit mir tun wollte. Er steht unter meinem Bann. Schon wieder einer, Mae. Prophet David hat davor gewarnt, dass wir Fallen der Verführung seien, und das sind wir auch! Er hat gesagt, er will mich unter sich …« Ich zitterte vor Abscheu, unfähig, alles zu wiederholen, was er gesagt hatte.

»Schsch … Lilah. Beruhige dich. Du bist nicht der Teufel, wie man es uns unser Leben lang eingeredet hat. Du bist keine Verführerin. Du bist schön. Schön zu sein ist keine Sünde.«

Ich zuckte vor ihren Worten zurück. »Du lästerst Gott, Salome. Du vergisst die Heilige Schrift und sprichst Unwahrheiten.«

Maes Züge wurden hart. Ich hatte sie noch nie so wütend gesehen. »Lilah, hör auf damit. Ich sage keine Unwahrheiten. Ich rede endlich mit der Stimme der Vernunft. Was man uns unser Leben lang zu glauben gelehrt hat, war falsch.« Sie strich über meine Arme. »Ich lerne selbst immer noch alles Mögliche über diese Welt. Jeder Tag ist eine Lektion. Jeder Tag ist eine Überraschung, wenn ich wieder etwas Neues lerne. Aber du musst es versuchen, Lilah. Ihr beide, du und Maddie, müsst es versuchen.«

»Ich will dieses Leben nicht, Mae. Ich glaube fest an die Sache des Propheten, und nichts wird das ändern. Und wir sind Verführerinnen. Sieh doch nur, wie Ky sich gerade mir gegenüber verhalten hat!«

»Zuallererst: Prophet David ist tot, Lilah! Der Orden existiert nicht mehr. Je schneller du das akzeptierst und versuchst, wieder leben zu lernen, umso besser wird es uns allen gehen! Und zweitens: Styx redet jetzt gerade mit Ky. Ky wird bestraft werden, weil er dich beschämt und gegen deinen Willen angefasst hat. Er ist betrunken und benimmt sich deshalb schlecht. Glaub mir, in der kurzen Zeit, seit ich hier bin, habe ich gelernt, dass das für ihn normales Verhalten ist.«

Mae räusperte sich und sah mich wachsam an. »Von dem Moment an, seit er dich zum ersten Mal gesehen hat, war er ergriffen von dir. Ich habe das selbst mit angesehen, als du in der Gemeinde aus der Arrestzelle gekrochen bist. Und das liegt nicht daran, dass du der Teufel in Verkleidung bist, oder eine Hexe, die ihn in ihre bösen Machenschaften gelockt hat, wie Bruder Noah dich – uns – hat glauben lassen. Es liegt daran, dass du blond und schlank, eben wunderschön bist – genau der Typ Frau, der ihm gefällt. Ky findet nichts Schlimmes daran, eine Frau anzumachen oder forsche Annäherungsversuche zu starten. Dieser Klub ist der Gemeinde, aus der wir kommen, sehr ähnlich …«

»Wie das?«, fragte ich da und hatte plötzlich Angst um meine Tugend.

Mae seufzte über meine Besorgnis. »Sie haben ihre eigenen Regeln und Glaubensvorstellungen, die sie von der Außenwelt trennen. Ky ist der Stellvertreter hier und genießt daher gewisse Privilegien.«

»Wie Bruder Gabriel bei Prophet David?«

Mae nickte. »Ja. Und deshalb hat er auch ziemlich viel Macht unter den Hangmen. Außerdem sieht er sehr gut aus, als sei dir das nicht aufgefallen …« Mae musterte eindringlich mein Gesicht, daher senkte ich schnell den Kopf, um mein Erröten zu verbergen. Für jeden, der Augen im Kopf hatte, war offensichtlich, dass es mir aufgefallen war. Als ich aus dieser gottverlassenen Zelle trat, war er das Erste, was ich sah. Er war einfach so … beeindruckend. »Also hat Ky keinen Mangel an Frauen, die sich willig mit ihm vereinen.«