Beschreibung

Sie waren dazu bestimmt ihre Familie in den Krieg zu führen. Doch gegen ihre Gefühle ist jeder Hass machtlos ... Tanner Ayers und Adelita Quintana wurden von klein auf dazu erzogen, sich zu hassen und ihre Familien eines Tages gegeneinander in den Krieg zu führen. Bis Tanner erkannte, wie falsch sein Leben verlaufen ist. Er verlässt seinen Klan, verliert alles, woran er einst geglaubt hat - und steht Adelita plötzlich auf der anderen Seite eines alten Krieges erneut gegenüber. Doch der einstige Hass ist längst etwas gewichen, das sie weder erklären noch leugnen können. Aus ihm wurde Verlangen, aus Verlangen Gefühle und plötzlich müssen sie um eine Liebe kämpfen, die niemals sein sollte. Eine Liebe, die sie und jeden, der ihnen jemals etwas bedeutete, in große Gefahr bringen wird ... "Eine großartige Geschichte, eine leidenschaftliche Liebe, rasante Action!" WRAPPED UP IN READING BOOK BLOG Band 7 der düster-sinnlichen HADES-HANGMEN-Reihe von USA-TODAY-Bestseller-Autorin Tillie Cole

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

Glossar

Prolog

1

2

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4

5

6

7

8

9

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Epilog

Playlist

Danksagungen

Die Autorin

Tillie Cole bei LYX

Impressum

TILLIE COLE

Hades’ Hangmen

TANNER

Roman

Ins Deutsche übertragen von Silvia Gleißner

Zu diesem Buch

Sie waren dazu bestimmt ihre Familie in den Krieg zu führen. Doch gegen ihre Gefühle ist jeder Hass machtlos …

Tanner Ayers und Adelita Quintana wurden von klein auf dazu erzogen, sich zu hassen und ihre Familien eines Tages gegeneinander in den Krieg zu führen. Bis Tanner erkannte, wie falsch sein Leben verlaufen ist. Er verlässt seinen Klan, verliert alles, woran er einst geglaubt hat – und steht Adelita plötzlich auf der anderen Seite eines alten Krieges erneut gegenüber. Doch der einstige Hass ist längst etwas gewichen, das sie weder erklären noch leugnen können. Aus ihm wurde Verlangen, aus Verlangen Gefühle und plötzlich müssen sie um eine Liebe kämpfen, die niemals sein sollte. Eine Liebe, die sie und jeden, der ihnen jemals etwas bedeutete, in große Gefahr bringen wird …

Dieses Buch enthält explizite Szenen, derbe Wortwahl, Gewalt und die Schilderung von sexuellen Übergriffen. Leser*innen, die derart heftige Darstellungen nicht lesen möchten oder durch sie an ein Trauma erinnert werden könnten, wird hiermit geraten, diesen Roman nicht zu lesen. Alle sexuellen Handlungen zwischen Held und Heldin sind einvernehmlich.

Für Tanner und Adelita.

Endlich können wir eure Geschichte erzählen.

Glossar

(nicht in alphabetischer Reihenfolge)

Terminologie des Ordens

Der Orden: Apokalyptische Neue Religiöse Bewegung. Glaubensvorstellung basiert auf ausgewählten christlichen Lehren und starkem Glauben daran, dass die Apokalypse kurz bevorsteht. Zuvor angeführt von Prophet David (erklärte sich selbst zu einem Propheten Gottes und Nachfahren König Davids), den Ältesten und den Jüngern. Nachgefolgter Anführer ist Prophet Cain (Neffe von Prophet David).

Die Mitglieder leben in einer abgeschiedenen Gemeinde, basierend auf traditioneller und bescheidener Lebensweise, Polygamie und unorthodoxen religiösen Praktiken. Sie glauben, die Außenwelt sei sündhaft und böse. Kein Kontakt zu Nichtmitgliedern.

Gemeinde: Grundstück im Besitz des Ordens und kontrolliert von Prophet Cain. Kontrolliert von Jüngern und Ältesten und schwer bewaffnet für den Fall eines Angriffs von der Außenwelt. Männer und Frauen leben in getrennten Bereichen der Gemeinde. Die Verfluchten sind getrennt von allen Männern (ausgenommen den Ältesten) in eigenen privaten Quartieren untergebracht. Das Gelände wird durch einen großen Grenzzaun geschützt.

Neu Zion: Neue Gemeinde des Ordens. Entstand nach der Zerstörung der vorherigen Gemeinde im Kampf gegen die Hades’ Hangmen.

Älteste des Ordens (ursprüngliche Gemeinde): Bestehen aus vier Männern: Gabriel (tot), Moses (tot), Noah (tot) und Jacob (tot). Verantwortlich für die alltägliche Führung der Gemeinde. Stellvertreter von Prophet David (tot). Verantwortlich für die Schulung der Verfluchten.

Ratsälteste von Neu Zion: Männer von erhabenem Status in Neu Zion. Ernannt von Prophet Cain.

Hand des Propheten: Position von Bruder Judah (tot). Stellvertreter von Prophet Cain. Beteiligt an der Führung von Neu Zion und allen religiösen, politischen oder militärischen Entscheidungen den Orden betreffend.

Wächterjünger: Männliche Mitglieder des Ordens. Beauftragt mit der Verteidigung des Landbesitzes der Gemeinde und der Mitglieder des Ordens.

Göttliche Teilhabe: Ritueller Sexualakt zwischen männlichen und weiblichen Mitgliedern des Ordens. Gilt als Hilfe für die Männer, dem Herrn stetig näherzukommen. Wird in Massenzeremonien vollzogen. Häufige Nutzung von Betäubungsmitteln für übersinnliche Erfahrungen. Frauen ist es verboten, Lust zu erfahren, als Strafe dafür, dass sie Trägerinnen der Erbsünde von Eva sind, und sie müssen den Akt auf Verlangen als Teil ihrer schwesterlichen Pflichten vollziehen.

Erweckung: Übergangsritus des Ordens. An seinem achten Geburtstag muss ein Mädchen sexuell »erweckt« werden, von einem Mitglied der Gemeinde oder, bei besonderen Gelegenheiten, einem Ältesten.

Heiliger Kreis: Religiöse Praktik, die das Konzept der »freien Liebe« erkundet. Sexueller Verkehr mit vielen Partnern in der Öffentlichkeit.

Geheiligte Schwester: Auserwählte Frau des Ordens, deren Aufgabe es ist, die Gemeinde zu verlassen, um die Botschaft des Ordens mithilfe sexueller Handlungen zu verbreiten.

Die Verfluchten: Frauen oder Mädchen, die vom Orden als von Natur aus zu schön und angeboren sündhaft erachtet werden. Leben vom Rest der Gemeinde getrennt. Gelten als zu große Versuchung für Männer. Man glaubt, dass die Verfluchten wesentlich wahrscheinlicher Männer vom rechten Wege abbringen.

Erbsünde: Christliche Glaubenslehre des Augustinus, die besagt, dass jeder Mensch in Sünde geboren ist und einen angeborenen Drang zum Ungehorsam gegenüber Gott besitzt. Die Erbsünde ist das Ergebnis des Ungehorsams von Adam und Eva gegenüber Gott, als sie von der verbotenen Frucht im Garten Eden aßen. In der Lehre des Ordens (aufgestellt von Prophet David) wird Eva die Schuld an der Verführung Adams zur Sünde zugewiesen, und daher werden die Schwestern des Ordens als geborene Verführerinnen und Versucherinnen betrachtet und müssen den Männern gehorchen.

Sheol: Begriff im Alten Testament mit der Bedeutung »Grube«, »Grab« oder »Totenreich«. Ort für die Toten.

Glossolalie: Unverständliche Sprechweise von Gläubigen im Zustand religiöser Ekstase. Annahme des Heiligen Geistes.

Diaspora: Zerstreuung einer Gemeinschaft außerhalb ihrer ursprünglichen Heimat.

Hügel der Verdammnis: Hügel am Rand der Gemeinde. Wird genutzt zur Isolierung von Bewohnern von Neu Zion und für Bestrafungen.

Männer des Teufels: Bezeichnung für die Hades’ Hangmen.

Gefährtin des Propheten: Von Prophet Cain auserwählte Frau zu sexueller Fürsorge. Erhabene Stellung in Neu Zion.

Hauptgefährtin des Propheten: Ernannt von Prophet Cain. Erhabene Stellung in Neu Zion. Bezeichnet die Gefährtin, die dem Propheten am nächsten steht. Erwählte Sexualpartnerin.

Himmlische Andacht: Akt des spirituellen Geschlechtsverkehrs. Teil des Glaubens und praktiziert von Mitgliedern des Ordens. Zweck ist das Erreichen einer engeren Verbindung zu Gott durch sexuelle Erfüllung.

Heimführung: Rückführung einer Person in sein oder ihr Land. Die Heimführung des Ordens beinhaltet die Rückführung aller Mitglieder der Glaubensgemeinschaft aus auswärtigen Gemeinden nach Neu Zion.

Erste Berührung: Erster Geschlechtsverkehr mit einer Jungfrau.

Terminologie der Hades’ Hangmen

Hades’ Hangmen: Onepercenter Outlaw MC. Gegründet im Jahre 1969 in Austin, Texas.

Hades: Gott der Unterwelt in der griechischen Mythologie.

Gründungschapter: Erste Niederlassung des Clubs. Gründungsort.

Onepercenter: Die American Motorbike Association (AMA) soll einmal verkündet haben, neunundneunzig Prozent der Biker seien gesetzestreue Bürger. Biker, die sich nicht den Regeln der AMA unterwerfen, nennen sich selbst »Onepercenter« (das übrige, nicht gesetzestreue eine Prozent). Die große Mehrheit der Onepercenter gehört Outlaw MCs an.

Kutte: Lederjacke, die von Outlaw-Bikern getragen wird. Geschmückt mit Aufnähern und Grafiken, die die spezifischen Farben des Clubs zeigen.

Patched-in: Wenn einem Neumitglied die volle Mitgliedschaft gewährt wird.

Kirche: Clubtreffen für Vollmitglieder. Geleitet vom Präsidenten des Clubs.

Old Lady: Frau mit Status einer Ehefrau. Wird von ihrem Partner beschützt. Status gilt als unantastbar durch Clubmitglieder.

Clubschlampe: Frau, die das Clubhaus für zwanglosen Sex mit Clubmitgliedern besucht.

Braut: Bezeichnung für Frauen im Biker-Milieu. Kosename.

Zum Hades/Im Hades: Slang. Bezieht sich auf Sterbende oder Tote.

Zum Fährmann/Beim Fährmann: Slang. Sterbend oder tot. Bezieht sich auf Charon in der griechischen Mythologie. Charon war der Fährmann der Toten, ein Unterweltdämon (Geistwesen). Transportierte Seelen der Verstorbenen in den Hades. Die Gebühr für die Überfahrt über die Flüsse Styx und Acheron in den Hades bestand in Münzen, die beim Begräbnis auf die Augen oder den Mund des Toten gelegt wurden. Wer die Gebühr nicht zahlte, blieb zurück und musste einhundert Jahre lang an den Ufern des Styx umherwandern.

Organisationsstruktur der Hades’ Hangmen

Präsident (Präs): Anführer des Clubs. Inhaber des Richterhammers, der die absolute Macht des Präsidenten repräsentiert. Der Hammer wird genutzt, um Ordnung in der Kirche zu halten. Das Wort des Präsidenten ist Gesetz innerhalb des Clubs. Er lässt sich von altgedienten Clubmitgliedern beraten. Niemand stellt die Entscheidungen des Präsidenten infrage.

Vizepräsident (VP): Stellvertreter. Führt die Befehle des Präsidenten aus. Hauptsächlicher Kommunikator mit anderen Chaptern des Clubs. Übernimmt alle Verantwortungen und Pflichten des Präsidenten in dessen Abwesenheit.

Road Captain: Verantwortlich für alle Clubtreffen. Recherche, Planung und Organisation von Clubtreffen und Ausfahrten. Hochrangiger Cluboffizier, berichtet nur an den Präsidenten oder VP.

Sergeant-at-Arms: Verantwortlich für die Sicherheit im Club, Wachdienst und Ordnung bei Club-Events. Meldet unangemessenes Verhalten an den Präsidenten und den VP. Verantwortlich für Sicherheit und Verteidigung des Clubs, seiner Mitglieder und Anwärter.

Schatzmeister: Führt Buch über alle Einnahmen und Ausgaben. Führt Buch über alle Aufnäher des Clubs, die ausgegeben oder aberkannt wurden.

Sekretär: Verantwortlich für Erstellung und Pflege aller Clubberichte. Muss Mitglieder bei Notfalltreffen benachrichtigen.

Anwärter: Probemitglied des MC. Darf an Treffen teilnehmen, aber keine Versammlungen in der Kirche besuchen.

Prolog

Tanner

Austin, Texas

Alter: sechs Jahre

»Tanner, kannst du Rafael zeigen, wo wir Füller und Bleistifte aufbewahren?«

Ich nickte und ging zum Tisch mit dem Schreibzeug. Ein Junge mit dunklem Haar blieb neben mir stehen, und ich zeigte auf die Stifte, wie Mrs Clary gesagt hatte.

»Du nimmst dir einfach, was du willst, und wenn du fertig bist, bringst du es zurück.«

Rafael hob den Kopf. »Danke.«

Ich runzelte die Stirn, als ich seinen Akzent hörte. Er klang komisch.

»Wieso redest du so?«

»Wie denn?«

War ihm denn gar nicht klar, dass er sich anders anhörte? Ich sah mich im Klassenzimmer um. Alle hatten weiße Haut. Seine war braun.

»Du siehst auch anders aus als wir alle.«

Bevor er antworten konnte, kam Mrs Clary zu uns herüber. »Alles in Ordnung hier, Jungs?«

Ich nickte, Rafael auch.

»Tanner, kannst du dich heute um Rafael kümmern? Setz dich neben ihn, verbring mit ihm die Pause und zeig ihm, wie es hier in St. Peter’s so läuft, in Ordnung?«

»Ja, Ma’am.«

Ich ging mit Rafael zu meinem Tisch zurück. Den anderen Kindern schien seine Hautfarbe nicht groß aufzufallen. Mein Kindermädchen, Mrs Murray, sagte, dass jede Hautfarbe, die dunkler als weiß war, ein Zeichen für Minderwertigkeit sei. Ich wusste nicht, was das bedeutete, aber Rafael wirkte nett. Ich konnte nichts Falsches an seiner Haut finden.

»Magst du Videospiele?«, fragte mich Rafael.

»Ja.«

Rafael lächelte.

Er verbrachte den ganzen Tag mit mir. Als die Glocke zum Schulschluss läutete, ging ich mit ihm zusammen zum Schultor hinaus. Sein Papa wartete draußen auf ihn. Er war auch dunkel, so wie Rafael. Ich hatte noch nie jemanden wie sie in echt gesehen.

Mrs Murray stieg aus dem Wagen, als wir drei auf sie zukamen. Sie lächelte Rafael und seinem Papa zu.

»Rafael sagt, dass Tanner sich heute um ihn gekümmert hat«, erklärte Rafaels Papa. »Ich wollte mich nur bedanken. Es war schwer für Rafael, aus Mexiko wegzuziehen. Ihr Sohn hat ihm den Beginn an einer neuen Schule leichter gemacht.«

»Sie ist nicht meine Mama«, sagte ich. »Mrs Murray ist mein Kindermädchen. Ich habe keine Mama.«

Mrs Murray schüttelte Rafaels Papa die Hand. »Tanner ist ein guter Junge. Ich freue mich, dass er heute helfen konnte.« Danach sah sie mich an. »Komm, Tanner. Wir müssen heim.«

Ich winkte Rafael zu und stieg dann hinten in den Wagen. Mein Bruder Beau saß schon in seinem Sitz.

Mrs Murray beugte sich über mich und schnallte mich an. »Aua!«, rief ich, als sie mich fest in den Arm kniff. Sie sagte kein Wort.

Als wir von der Schule wegfuhren, winkte ich Rafael und seinem Papa zu. Beau streckte die Hand aus, um mir sein Spielzeugauto zu geben. Als ich es nahm, fragte Mrs Murray: »Mochtest du diesen Jungen, Tanner?«

»Ja, er war nett«, antwortete ich und gab Beau sein Auto zurück. Mrs Murray beobachtete mich durch den Rückspiegel. Ich fühlte mich unwohl, denn sie sah wütend aus. »Er hat mir erzählt, dass sein Papa Arzt ist. Sie kommen aus Mexiko. Sein Papa hat einen Job im Krankenhaus in der Innenstadt bekommen.«

Danach sagte Mrs Murray nichts mehr zu mir. Also spielte ich mit Beau, bis wir daheim waren. Ich stieg aus dem Auto und ging hinein. Dort setzte ich mich an den Tisch, aß meine Brotzeit und machte Hausaufgaben. Mrs Murray war eine Weile weg, doch als ich fertig war, kam sie wieder. »Geh dich umziehen, Tanner, und bleib dann in deinem Zimmer. Dein Vater kommt heute Abend vorbei, wenn es dunkel ist.«

»Wirklich?« Aufregung stieg in mir auf. Ich hatte Papa lange nicht gesehen. Er arbeitete nicht hier. Und er war ein Geheimnis, das Beau und ich für uns behalten mussten. Wir mussten verschweigen, wer er für uns war. Um uns vor Menschen zu schützen, die uns nicht mögen würden. Sogar in der Schule musste ich vorgeben, ihn nicht zu kennen. Dort glaubten alle, mein Name sei Tanner Williams. Aber in Wahrheit war ich ein Ayers.

Genau wie mein Papa.

Ich ging nach oben in mein Zimmer und zog mich um. Dabei bemerkte ich ein Buch auf dem Bett. Auf dem Cover war ein Junge zu sehen. Er hatte dunkles Haar und dunkle Augen wie Rafael. Doch seine Klamotten waren ganz zerrissen und schmutzig. Rafael hatte keinen ungepflegten Eindruck gemacht. Er hatte genauso wie wir ausgesehen.

Ich ließ das Buch fallen, als die Tür zu meinem Zimmer aufging und Papa hereinkam. Ich lächelte und lief zu ihm. Aber er drückte mir die Hände an den Oberkörper und hielt mich auf. Es tat weh, und ich rieb mir über die Brust. Dann blickte ich zu ihm auf. Papa ging um mich herum und setzte sich auf einen Stuhl. Der finstere Blick, mit dem er mich ansah, gefiel mir nicht. Er machte mir Angst. Papa konnte manchmal echt Furcht einflößend sein. Ich wollte ihn nie enttäuschen oder wütend machen. Denn dann schlug er mich.

Und das tat echt weh.

»Papa?«

»Mrs Murray hat mir erzählt, dass du heute einen neuen Freund gefunden hast.« Ich nickte. »Sie sagte, dass er aus Mexiko kommt.«

»Ja, Sir.«

Papa stand auf und kam zu mir. Ich blieb still stehen und wagte nicht, mich zu rühren. Meine Hände an den Seiten begannen zu zittern, meine Beine fühlten sich ganz wackelig an, und ich hatte ein flaues Gefühl im Magen.

Plötzlich traf Papas Faust meine Wange. Ich schrie auf und fiel zu Boden. Ich blickte auf, doch Papa schlug mich weiter. Ich wollte von ihm weg, aber er hielt mich am Hemd fest und trat mich so in den Bauch, dass ich keine Luft mehr bekam. Ich konnte nichts mehr sehen, weil mir Tränen aus den Augen liefen. Ich verstand es nicht. Ich verstand nicht, warum Papa mir wieder wehtat. Ich wusste nicht, was ich falsch gemacht hatte.

Immer wieder trat und schlug er auf mich ein, bis ich mich nicht mehr rühren konnte. Ich hörte auf zu weinen. Daraufhin hörte Papa auf zu schlagen.

»Steh auf.«

Ich schniefte und wollte aufstehen, doch es tat zu sehr weh. Ich hielt die Hand über mein Gesicht und fühlte etwas Nasses unter den Fingern. Ich schaffte es, die Hand ein wenig wegzuziehen, sodass ich sie sehen konnte. Meine Fingerspitzen waren rot von Blut.

»Ich sagte, steh auf, Junge!« Papa packte mich und zwang mich aufzustehen. Ich krümmte mich, weil der Schmerz im Bauch zu groß war. Papa packte mich an den Haaren und zwang meinen Kopf hoch. Er kam ganz nahe und zischte mir dann ins Ohr: »Wenn du noch einmal mit irgendeinem dreckigen Latino redest, bringe ich dich um, Junge. Du bist weiß. Du bist der künftige Weiße Prinz, und ich dulde nicht, dass du mit irgendwem verkehrst, der unter deiner Würde ist. UnsererWürde.« Er stieß mich zurück, und ich fiel hin. »Ich weiß nicht, wer den in diese Schule gelassen hat, aber dafür werden sie bezahlen. So etwas dulde ich nicht. Wir, die guten christlichen weißen Eltern, zahlen nicht ein Vermögen, damit man dort verseuchtes Blut zulässt, das euch Kindern Flausen über Gleichheit in den Kopf setzt.« Er wischte seine Hand an meinem Schulsakko ab, genau über dem Aufnäher der Schule. »Du bist mein Sohn, Tanner. Ich liebe dich. Aber du bist ein Ayers. Und es ist Zeit, dass du weißt, wer wir sind … wozu du geboren bist. Ich werde das unverzüglich klären.«

Papa ging hinaus, und kaum schloss sich die Tür hinter ihm, fing ich zu weinen an. Ich zitterte am ganzen Körper. Mir tat alles weh … aber noch schlimmer war, dass es mein Papa gewesen war, der mir wehgetan hatte. Er hatte mich geschlagen und getreten.

Er hatte mich bluten lassen … wieder mal.

Als ich die Tür wieder aufgehen hörte, blickte ich auf. Mrs Murray setzte Beau auf den Boden, ging dann wieder hinaus und sperrte uns im Zimmer ein.

Beau starrte mich an. »Tanner?«, flüsterte er. Er war erst drei. Er lief zu mir herüber. Als er sah, dass ich weinte, fing er auch damit an.

Ich streckte die Hände nach meinem kleinen Bruder aus und nahm ihn in die Arme. Ich sah ihn nicht gern weinen. »Ist schon okay«, flüsterte ich. Aber das Blut tropfte weiter von meiner Lippe, und Beau weinte noch mehr. Ich legte ihn auf mein Bett, legte mich neben ihn und hielt ihn in den Armen. Ich wollte ihn nicht aufgebracht sehen. Ich musste ihn beschützen. Ich war sein großer Bruder, und er war mein bester Freund.

Als ich das Buch sah, das Mrs Murray für mich dagelassen hatte, fragte ich Beau: »Soll ich dir eine Geschichte vorlesen? Dann geht es dir bestimmt gleich besser.«

Beau nickte und nuckelte am Daumen. Ich betrachtete wieder das Bild auf dem Buchdeckel und las anschließend den Titel: Geh nach Hause, Juan! Ich schlug das Buch auf und las Beau jede Seite vor.

Als die Geschichte zu Ende war, konnte ich nur noch an Rafael denken. In dem Buch stand, dass alle Leute aus Mexiko schlecht waren. Dass sie Menschen mit weißer Haut wehtun wollten. Weißen wie mir und Beau. Ich seufzte, und mir wurde klar, warum Papa so wütend gewesen war. Denn Rafael war schlecht. Er war in meine Schule gekommen, nach Amerika, um Menschen mit weißer Haut zu verletzen und zu verderben.

Ich hielt Beau fester in den Armen. Beau war mein bester Freund auf der ganzen Welt. Papa besuchte uns nicht sehr oft. Mrs Murray war nicht sehr nett. Aber Beau brachte mich zum Lachen. Es wurde mir schwer ums Herz, als ich daran dachte, dass Rafael ihm wehtun würde, weil er eifersüchtig auf unsere weiße Haut war.

Danach holte ich tief Luft und fühlte mich schnell wieder besser. Denn Papa hatte gesagt, er würde ihn von der Schule vertreiben. Und mein Papa tat immer, was er sagte.

Papa würde Rafael wieder nach Hause schicken.

Und wir wären alle in Sicherheit.

1

Tanner

Austin, Texas

Heute …

Der Sand knirschte unter meinen Füßen. Kugeln flogen mir um die Ohren. Ich kriegte kaum mehr Luft, als ich sah, wie Gull und Arizona eine Kugel in den Kopf bekamen und fielen.

Beide mausetot.

Ein Pfiff drang durch das Gemetzel auf der gottverlassenen Farm. Ich schaute auf zur Scheune neben mir. AK gab mir von seiner Position auf dem Dach ein Zeichen: Er zog die Hand über die Kehle. Ich begriff die Botschaft – wir mussten uns zurückziehen.

»Nein!«

Ruckartig drehte ich den Kopf dorthin, woher der Ruf gekommen war. Viking rappelte sich auf die Beine. Als ich Flame über die Lichtung zu den windschiefen Ställen rennen sah, wusste ich, wieso. Der durchgeknallte Bastard marschierte mit weit ausgebreiteten Armen direkt dorthin, wo sich der Klan verschanzt hatte, als wäre er unsterblich, und feuerte dabei eine Kugel nach der anderen auf meine alten Klanbrüder ab, die uns mit absoluter Zielgenauigkeit ausschalteten, verdammt.

Ich legte meine Waffe an und konzentrierte mich darauf, die Ärsche auszuschalten, die sich jetzt auf Flame konzentrierten. AK kniff die Augen zusammen und jagte mit seiner üblichen Präzision als Scharfschütze Kugeln in ein paar Schädel, die ihre Deckung verlassen hatten, um an Flame heranzukommen.

Aber die Mistkerle hatten auch einen Scharfschützen. Das hier waren nicht die Skinheads, für die der Klan bekannt war. Die Dumpfbacken, an die immer alle dachten, wenn es um White Power ging. Nein, das hier waren die Brüder, die ich jahrelang trainiert hatte. Die, deren Existenz geheim gehalten wurde, damit das FBI und irgendwelche Rivalen nicht wussten, wie stark der Klan wirklich war. Mein Vater hatte diese Typen überaus sorgfältig rekrutiert. Das hier waren die Mistkerle, die den überraschenden Flächenbrand entfachen würden, der den Rassenkrieg beginnen würde. Die Soldaten, die kein Mensch kommen sehen würde.

Niemand außer mir.

»Flame!« Viking sprang von seiner Position hinter einem alten Traktor auf und sprintete auf seinen durchgeknallten Bruder zu. Rudge übernahm sofort Vikings Position. AK versuchte Vike Feuerschutz zu geben, damit er Flame erreichen konnte, und jagte eine Salve Kugeln in Richtung Klan. Aber dieser Zweig des Klans war stärker, schlauer, und sie wussten genau, was AK da tat. Im Versuch zu helfen verschoss ich mein ganzes Magazin und gab Smiler ein Zeichen, dass er auch Feuerschutz geben sollte. Doch sogar mit unseren Waffen und AKs totaler Zielgenauigkeit flogen uns die Kugeln aus allen Richtungen um die Ohren. Die waren in der Überzahl und besser als wir.

Wie in verdammter Zeitlupe sah ich, wie Vike sich auf Flame stürzte. Aber der riesige rothaarige Bastard kam zu spät. Eine Kugel traf Flame in die Seite. Der Psycho ging zu Boden, und Blut strömte aus seiner Bauchwunde.

»Fuck!«, brüllte AK und sprang vom Dach der Scheune. Rudge rannte zu Vike und Flame und half ihnen aus der Schusslinie. »Rückzug!«, rief AK mir und Smiler zu. »Zieht euch zurück!«

Ich stand auf und schoss weiter in Richtung Klan, während AK, Rudge und Vike Flame aus dem Kugelhagel schleiften. Ich sprang in den Truck, startete den Motor und registrierte, wie die anderen Flame hinten auf die Ladefläche legten. AK schlug aufs Dach. »Fahr los!«

Mein Puls raste, als ich schlitternd auf die Straße fuhr, während die Kugeln des Klans in den Wagen einschlugen und sich dabei wie explodierende Granaten anhörten, die die Karosserie zum Schaukeln brachten. Vike, Rudge und Smiler jagten auf ihren Motorrädern hinterher, und alle drei feuerten hinter sich auf den Klan, um uns die Zeit zu geben, die wir brauchten, um Flame heimzubringen.

Ich griff in meine Kutte, holte mein Handy heraus und tippte eine Nummer. »Tann?«, meldete sich Tank einen Moment später.

»Flame ist getroffen. Klan am Übergabeort. Echt viele, die über uns hergefallen sind. Der Mistkerl ist durchgedreht und wurde angeschossen. Schaff Rider oder Edge oder sonst jemand zum Club, scheißegal. Er hat einen Bauchschuss.« Ich schaute in den Rückspiegel und sah AK auf die Wunde drücken. Flame wollte den Bruder abschütteln. Seine kohlschwarzen Augen wirkten irre, während sein Blut auf die Ladefläche des Trucks lief.

»Flame, verdammt noch mal! Halt endlich still! Du willst nicht, dass ich dich anfasse, schon klar, aber denk an Maddie. Wenn ich die Blutung nicht stille, stirbst du! Willst du das? Willst du, dass Madds allein ohne dich leben muss?«

Flame erstarrte, aber ich konnte seine Nasenflügel in heftigen Atemzügen beben sehen. Der Kerl war kurz davor, hochzugehen.

»Tann? Tann, bist du noch da?«, hörte ich Tanks gehetzte Stimme übers Handy.

»Ja. Fuck, Tank. Die kamen aus dem Nichts. Wir machten die Übergabe, und auf einmal tauchten die aus dem Nichts auf und ballerten los. Arizona und Gull sind tot. Beim Fährmann mit Kugeln im Kopf. Sie hatten keine verdammte Chance. Ihr Präs sollte besser davon erfahren.«

»Du lieber Gott. Wie lange dauert es, bis ihr hier seid? Braucht ihr Verstärkung?«

»Nein. Wir sind nur zehn Minuten weg. Macht euch bereit, falls die Ärsche uns auf den Fersen sind. Sollte es übel werden, gebe ich Bescheid.«

Ich legte auf und raste wie der Teufel nach Hause. Slash, Smilers Cousin und Anwärter, war am Tor. Kero, ein Bruder aus Arlington, hielt neben ihm Wache. Wir rasten durchs Tor, Vike und Smiler hinter uns. Ich trat auf die Bremse und sprang aus dem Truck.

»Hilf mir, ihn runterzuheben«, rief AK.

AK und ich hoben Flame von der Ladefläche, und im selben Moment kamen Styx und Ky aus dem Clubhaus gestürmt. »Bringt ihn rein«, signalisierte Styx, und Ky sprach die Zeichen des Präs aus. Wir trugen Flame durchs Clubhaus in das Zimmer, das wir sofort als Lazarett eingerichtet hatten, als der Klan und das Kartell uns den Krieg erklärten. Und das war gut so, denn inzwischen standen wir seit Wochen von allen Seiten unter Beschuss.

Kaum hatten wir Flame aufs Bett gelegt, kam Edge auch schon mit seiner Arzttasche. Der Bruder war Unfallchirurg bei der Army gewesen, bis er irgendwann total ausrastete und in der Nervenklinik landete. Als er wieder rauskam, beschloss er, dass er seine Fähigkeit, Leute auseinanderzunehmen, ebenso gern nutzte wie die, Leute zusammenzuflicken. Er schloss sich dem Chapter in Arkansas an und wurde schnell zu einem der gnadenlosesten Brüder, die wir hatten. Er hatte ein blaues und ein braunes Auge. Und nur für den Fall, dass irgendwer nicht merkte, dass er total krank im Kopf war, färbte er sein Haar auf der Seite mit dem blauen Auge schneeweiß und ließ die Seite mit dem braunen Auge schwarz. Aber egal wie krank im Kopf er war – und sein Maß an Irrsinn war wahrscheinlich sogar noch schlimmer als das von Flame: Seit der Bruder mit seinem Chapter hierhergebracht worden war, war er ein Geschenk Gottes.

Er band sich das lange Haar nach hinten und beugte sich über Flame. Der total Irre blickte hinab auf den Irren. Flame, der Bastard, reagierte sehr schnell wie der Psycho, der er war, und fing an, auf dem Bett um sich zu schlagen, um an seine Messer zu kommen und auf Edge loszugehen. Doch Edge war gut in dem, was er tat, und noch mehr, er ließ sich von niemandem aus der Ruhe bringen. Nicht einmal Styx brachte den Typen dazu, mal kurz innezuhalten und zu überlegen, was er sagte. Auch wenn das irre Grinsen, das er rund um die Uhr draufhatte, einen anderes denken ließ. »Bauchwunde?« Er leckte sich über die Lippen. Dem Mistkerl schien einer abzugehen, wenn er Leute mit Schmerzen sah.

»Kugel. Scharfschütze …« AK fing an, alles Mögliche über Flames Verletzung herunterzurattern. Rider kam herein und fuhr sich über den rasierten Kopf. Die Hälfte des Clubs akzeptierte den Bruder immer noch nicht, aber er war ein guter Arzt, also ließ Styx ihn helfen, wenn es nötig war. Er schien gut mit Edge zusammenzuarbeiten, was an sich schon an ein Wunder grenzte.

»Was haben wir?«, fragte er Edge, und beide schnitten ihm die Klamotten vom Leib und fingen an, Flames Wunde zu verarzten. Ich sah es in Flames Augen, bevor er reagierte. Ich sah die Raserei in seinen schwarzen Augen, ehe er Edge und Rider wegstieß und total durchdrehte, um von der Liege zu kommen. AK und Vike versuchten ihn unten zu halten, doch der Bruder war total ausgerastet.

»Soll ich dem guten alten Bill einen Kinnhaken verpassen? Soll ich ihn ausknocken?«, fragte Rudge und ballte die Faust – die Faust, die regelmäßig Gegner in seinen Bare-Knuckle-Fights auf die Bretter schickte. Oder, noch häufiger, kaltmachte.

Ich schüttelte den Kopf und stürmte nach vorn, um Flame mit festzuhalten. Edge kam mit einer Spritze näher, und in seinen unterschiedlichen Augen leuchtete Aufregung auf. Plötzlich kamen Maddie und Lil’ Ash hereingestürmt.

»Flame!« Maddie rannte zu ihrem Ehemann und stieß Edge aus dem Weg. Flame wurde reglos, sobald er sie sah. »Geht weg von ihm«, sagte sie zu allen, und ihre angespannte Stimme klang warnend. Ich wich zurück. AK und Vike auch. Edge wurde von Styx weggezogen. Ich ging aus dem Weg und sah einfach nur zu. »Baby«, sagte Maddie und legte Flame die Hand an die Wange. Er starrte sie mit aufgerissenen Augen an. Seine Atemzüge waren schwer, beruhigten sich aber, als Maddie mit ihm redete. Tränen liefen ihr über die Wangen, doch ihre Stimme klang fest.

»Maddie«, flüsterte Flame, und sie gab ihm einen Kuss auf den Kopf.

»Baby, du bist verletzt. Du musst dich von Rider und dem Arzt behandeln lassen.« Seine Augen wurden langsam leblos. Sein Blut sickerte auf das Bett, und der Mistkerl war kurz davor, ohnmächtig zu werden. Maddie zog an seiner Hand, und er konzentrierte sich wieder auf sie. »Ich bleibe bei dir«, sagte sie. »Ich weiche nicht von deiner Seite. Und ich werde hier sein, wenn du aufwachst.«

Flame atmete aus, und dann fielen ihm die Augen zu. Edge und Rider wippten auf den Füßen und warteten darauf, zu ihm zu kommen. Ich war kein Arzt, aber ich glaubte nicht, dass seine Verletzung ihn umbringen würde. In der Army hatte ich Männer schon zehnmal Schlimmeres überstehen gesehen.

Kaum war Flame weggetreten, drängten sich Edge und Rider zu ihm nach vorn, ganz auf die Sache konzentriert. Die meisten Brüder gingen hinaus, doch ich konnte den Blick nicht von Maddie abwenden. Denn sie hatte Flame die verdammte Wahrheit gesagt. Sie blieb an der Seite ihres Mannes, hielt seine Hand und strich ihm über den Kopf. Sie flüsterte ihm ins Ohr, und der Anblick brach mir fast das Herz.

Ich sah zu ihr hin, und meine Hände ballten sich zu Fäusten. Ich bin hier, mi amor. Ich bin hier … ich werde dich nie verlassen … ich konnte Adelitas Hand in meiner fühlen. Ich konnte ihren Finger an meiner Wange spüren, und ich konnte ihr Rosenparfüm riechen. Ich konnte den Duft wahrnehmen, als wäre er genau neben mir. Als wäre sie genau neben mir …

Als ich den Boden knarren hörte, gingen meine Augen ruckartig wieder auf. Eine Hand legte sich auf meine Schulter. Es war Tank. »Alles in Ordnung?«

Ich nickte und drehte mich um. AK und Vike standen immer noch hinter mir und sahen zu, wie Edge und Rider Flame behandelten. AK hatte die Hand auf Ashs Schulter gelegt. Der Junge war kreideweiß. Und er ließ Flame nicht aus den schwarzen Augen. Fixierte den Blick auf seinen Bruder auf der Liege.

»Styx hat in einer halben Stunde Kirche angesagt«, teilte Tank mit. Er sah mich an. »Holen wir uns was zu trinken.«

Wir gingen zur Tür. »Komm mit, Ash«, hörte ich AK sagen. »Lass sie arbeiten.« Er zögerte kurz. »Er wird wieder. Flame wird weder dich noch Maddie verlassen. Den schleppt nicht mal Hades höchstpersönlich von euch weg.«

»Ich bleibe hier.«

»Ash …«

»Ich sagte, ich bleibe hier!«, zischte er. Es war das erste Mal, dass ich einen solchen Zorn aus dem Mund des Prospects hörte. Als ich ihn anschaute, sah ich den Tod in seinen schwarzen Augen. Der Junge stemmte jeden Tag Gewichte. Hörte gar nicht auf zu wachsen. So langsam verwandelte er sich in eine verdammte Ein-Mann-Armee. Und mit den neuen Flammen-Tattoos, die sich um seinen Hals wanden, und den Piercings, die mit der Zeit zahlreicher in seinem Gesicht wurden, sah er immer mehr wie sein Bruder aus. Sah so aus, als hätte der Junge mehr von Flames Sorte Irrsinn in sich, als wir gedacht hatten. Von dem Moment an, als ich dem Jungen zum ersten Mal begegnet war, nahm ich etwas Finsteres in ihm wahr. Als müsste nur noch ein einziges Mal Scheiße in seinem Leben passieren, bevor der wahre Ash zum Vorschein kam. Der Junge machte einen ruhigen Eindruck. Aber ich hatte von seiner Vergangenheit gehört. Die schlimmen Dinge, die sein und Flames alter Herr ihm angetan hatte. Natürlich hieß das nicht, dass er automatisch krank im Kopf war. Menschen hatten schon Schlimmeres überlebt und waren dabei geistig gesund geblieben. Doch wann immer etwas mit Flame oder Maddie passierte, oder sogar AK – Menschen, die Ash nahestanden –, rührte sich etwas in seinen dunklen Augen. Etwas, das eine Million Meilen entfernt war von dem lieben Jungen, als den man ihn kannte.

Tank klopfte AK auf den Rücken. »Lass ihn hier. Es ist sein Bruder. Er will bei Flame und Maddie bleiben. Du weißt ja, wie er ist.«

AK drückte Ashs Schulter und ging dann. Einen Moment lang blitzte Beaus Gesicht in meinem Kopf auf. Aber bevor mir das Herz noch weiter brechen und mich lähmen konnte, verdrängte ich die Erinnerung. Tank musste ahnen, dass etwas nicht stimmte, denn er legte mir den Arm um die Schulter und meinte: »Whiskey, Tann. Jetzt.«

Ich folgte ihm in die Bar, von der ich schon laute Stimmen hörte. Als wir reinkamen, spürte ich sofort die Anspannung im Raum. Der Präs von Arizona und Gull war losgezogen, um die Leichen seiner Brüder zu holen. Wir marschierten zu unserem Chapter. Zane, Prospect und AKs Neffe, stand hinter der Bar. Ich sah ihn erleichtert aufatmen, als er AK auf sich zukommen sah. AK beugte sich über die Bar und gab dem Jungen einen Kuss auf den Kopf – eine Erklärung ohne Worte, dass es ihm gut ging.

Ich hielt es echt nicht aus. Der ganze Familienscheiß, der ganze Old-Lady-Scheiß. Das alles jeden Tag zu sehen war wie ein Krebsgeschwür, das mich auffraß. Und mir überdeutlich zeigte, was ich nicht hatte.

»Zane, eine Flasche Whiskey«, war Tanks Stimme neben mir zu hören. Ich setzte mich auf einen Barhocker, weg von Bull, Hush und Cowboy. An diesem Tisch war ich nicht willkommen. Ich konnte sehen, dass Bull und Hush mich die ganze Zeit beobachteten. Der verdammte Neonazi, den sie gezwungenermaßen in ihr Leben lassen mussten. »Ignorier es«, meinte Tank. Ich schloss die Augen und öffnete sie wieder, als Tank mir einen Whiskey hinstellte. Ich kippte ihn runter.

Der Lärm der Bar um mich herum verschwand, als Tank fragte: »Irgendwen von denen gesehen?« Ich nickte. Tank gab mir noch einen Whiskey. »Kennst du sie?«

»Ja.«

»Hast du sie ausgebildet?«

Ich zögerte und ließ die Schuldgefühle einsickern. Die Schuldgefühle, die ich verdiente. »Ja.« Tank legte mir die Hand auf den Rücken. Ich kippte noch einen Whiskey und wartete darauf, dass der mich betäubte. Danach stellte ich das leere Glas auf den Bartresen. »Aber die haben neue Tricks drauf.«

Tank sagte ein paar Sekunden lang nichts. Ich wusste, dass er einzuschätzen versuchte, ob ich damit klarkam. Dann sagte er: »Beau.« Es war keine Frage.

Ich rieb mir die Augen. Ich war müde, doch mein Körper ließ mich nie schlafen. Stattdessen beschloss mein Gehirn, mir in den Stunden der Dunkelheit alles zu zeigen, was ich je getan hatte, das ich bereute. Es schrie mir zu, dass ich außer Tank und Beauty niemanden hatte. Und noch schlimmer … dass mein Bruder, mein ehemals bester Freund, inzwischen die Soldaten anführte, die anzuführen ich erzogen worden war. Beau, der mich so vergöttert hatte, dass er mir in die Army gefolgt war, bloß um dann, als er sie verließ, herauszufinden, dass ich weg war und nun Schulter an Schulter mit seinen Feinden stand.

Beau, der jetzt sein ganzes Wissen aus der Army nutzte, um einen Krieg gegen mich zu führen. Fuck, ich hatte nicht mal die Chance gehabt, ihm Lebewohl zu sagen, bevor ich dem Klan endgültig den Rücken kehrte. Ich hatte ihn einfach zurückgelassen. Er hatte nie versucht, mich zu finden. Ich hatte nie mehr von ihm gehört, seit er nach Hause gekommen war.

Es war offensichtlich, dass er immer ein Klansmann bleiben würde. Er glaubte nach wie vor an die Ideologie. Und zweifellos sah er mich nicht mehr als seinen Bruder, sondern als Verräter an seiner Rasse.

Nun würde er mich hassen.

Mein eigener Bruder hasste mich.

»Sie sind gut«, sagte ich zu Tank. »Sie sind echt verdammt gut.« Ich kippte noch einen Whiskey und sah mich prüfend um, ob niemand zuhörte. Niemand lauschte. Alle zu beschäftigt mit ihrer eigenen Lage in diesem Krieg.

Ich starrte auf das leere Schnapsglas in meinen Händen. »Ich kapiere, dass die Hangmen stark sind. Ihre Reichweite ist unübertroffen. Und sie haben eine Menge Ex-Soldaten. Psychos, die nur zum Spaß töten würden. Aber heute …« Ich schüttelte den Kopf. »Fuck, Tank. Wir werden jetzt schon seit Wochen vom Klan angegriffen. Und jedes Mal waren die organisiert, mobil und darauf ausgebildet, genau das zu tun, was sie tun sollen.« Ich lachte freudlos. »Er hat es geschafft.« Tank sah mich an, und an seinem Gesicht sah ich, dass er genau wusste, was ich sagen wollte. »Mein alter Herr. Sein Traum ist wahr geworden. Er hat eine Klanarmee. Eine, die tatsächlich das kann, was er will: einen richtigen Krieg anfangen.« Ich schüttelte den Kopf, und die Schuldgefühle überwältigten mich. »Und ich bin für ihre Existenz verantwortlich.« Tank schenkte mir noch einen Whiskey ein. »Zerstörer der Welten.«

Tank grinste spöttisch. »Oppenheimer-Zitate? Du wirst tiefgründig, Bruder. Schieben wir es auf den Whiskey.«

»Es stimmt. Ich habe die Atombombe des Klans gebaut, und nun darf ich mich zurücklehnen und zusehen, wie sie abgeworfen wird.« Meine Kehle schnürte sich zu, aber ich brachte heiser heraus: »Ich darf zusehen, wie mein Bruder, mein kleiner Bruder, derjenige ist, der den Befehl gibt.«

»Wir werden sie aufhalten, Tann.« Tank zeigte auf die Brüder aus allen Südstaaten-Chaptern im Raum. »Wir haben Männer. Richtige Männer.« Tank zeigte auf sich und dann auf mich. »Wir haben uns. Wir kennen den Klan. Vielleicht müssen wir nur wieder anfangen, genauso zu denken. Um herauszufinden, wie ihre Pläne aussehen könnten.« Noch ein Whiskey, und diesmal breitete sich die Taubheit langsam in meinen Adern aus. Ich rollte den Kopf, um die Muskeln zu lockern, als der Alkohol langsam seine Wirkung tat. »Und wir haben deinen Kontakt, oder? Wir haben immer noch einen Insider, der uns hilft?«

»Ja.« Richtig. Wade Roberts. Sein alter Herr war bis zu seinem Tod vor ein paar Jahren einer von Landrys engsten Freunden gewesen. Wade gehörte zum inneren Kreis und wollte aussteigen, aber anders als ich fehlte ihm der Anreiz zu gehen. Er hatte beschlossen, dass es besser sei, den Klan von innen zu Fall zu bringen, als einfach zu gehen und kein Leben zu haben, aber dafür auf ewig eine Zielscheibe zu bieten, weil er das Ganze hinter sich ließ. Zuerst hatte ich nicht gewusst, ob ich ihm trauen konnte. Doch er hatte sich immer wieder gemeldet.

»Aber wegen heute hat er mich nicht vorgewarnt.« Und ich würde zum Teufel herausfinden, wieso.

Die Flasche war fast leer, als Zane zu Tank kam und ihm sagte, dass Ky die Brüder zur Kirche rief. »Kirche!«, rief Tank, und Zane stellte die Musik ab. Ich wartete, bis die Brüder gegangen waren, und kam als Letzter rein. Der Raum war proppenvoll. Aber jeder hatte einen Sitzplatz. Styx saß vorn, wortlos wie immer, in seinen Augen loderte allerdings Feuer.

Er hob die Hände, um das Wort zu ergreifen, doch da stürmte der Präs von Arizona und Gull durch die Tür. »Die haben sie an Bäumen aufgehängt. Als wären sie gelyncht worden«, sagte er. Seine Augen waren geschwollen und traten vor lauter Wut hervor.

Ich schloss kurz die Augen. »Knüpft sie auf«, sagte ich. Ich lächelte, als die Körper unserer alten Klanbrüder von den Bäumen hingen und im starken Wind wie Pendel hin und her schwangen. Charles holte eine Dose mit Sprayfarbe heraus und sprühte das Kreuz mit dem Kreis auf – unser White-Power-Symbol. Das würde die Mistkerle lehren, aus dem Klan aussteigen und uns das FBI auf den Hals hetzen zu wollen. »Lasst sie hier«, befahl ich. »Damit man sie findet. Lasst alle wissen, dass man sich mit dem Klan nicht anlegt.«

Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich, dass Tank mich musterte. Er wusste ganz sicher, dass ich daran dachte, was wir früher getan hatten … denn bei vielem davon war er dabei gewesen. Er hatte direkt neben mir gestanden.

Als der Raum wieder in mein Blickfeld kam, redeten alle Brüder wütend durcheinander. Ein lauter Pfiff hallte durch den Raum. Styx stand auf. Sein Blick bohrte sich in jeden Einzelnen von uns und befahl uns, endlich das Maul zu halten, oder er würde es uns stopfen. Als alle sich wieder beruhigten und ihre Plätze einnahmen, blieb Styx stehen.

Seine Augen fixierten sich auf mich. Er hob die Hände, und Ky übersetzte. »Wir müssen alles über sie wissen. Wir müssen wissen, wie sie organisiert sind. Welche Ausbildung sie hatten. Woran sie glauben. Einfach alles, verdammt. Wir müssen diese Wichser in- und auswendig kennen.«

Totenstille im Saal, und einer nach dem anderen schauten alle Brüder zu mir. »Styx …«, wollte Tank sich einmischen, doch ich sah meinen besten Freund an und schüttelte den Kopf. Ich musste das tun. Ich hatte die Blicke gesehen, die mir die Brüder in den letzten paar Wochen zugeworfen hatten. Sie misstrauten mir. Mein eigenes Chapter nicht so sehr, aber die anderen. Bei jedem Angriff wurde ich gefragt, woher die wissen konnten, wo wir sein würden. Wie viele es gewesen seien. Alles. Tank sah nie einer so an. Er hatte seinen Beitrag geleistet. Anders als ich hatte er nicht mehr überall Neonazi-Tattoos. So tief Tank auch dringesteckt hatte – er war nicht zu dem alleinigen Ziel geboren worden, der Erbe des Ku-Klux-Klans zu sein. Dazu aufgezogen, nur die weiße Rasse zu vertreten. Im Hause Ayers atmete man ausschließlich Klanluft.

Ich wollte am liebsten bloß den Schwanz einziehen und den ganzen Mist hinter mir lassen, aber ich würde nicht kneifen. Das alles? War meine Schuld. Ich hatte das alles erschaffen. Ich musste es verdammt noch mal beenden. Das Mindeste, was ich jetzt tun konnte, war, diese Männer zu retten versuchen.

Und ich würde keine Schwäche zeigen. Auf gar keinen Fall.

»Man nennt es das unsichtbare Reich«, sagte ich und konnte schon fast den schwelenden Rauch eines brennenden Kreuzes neben mir riechen. Konnte die Luft fühlen, geschwängert von der Sache, den Drang, dass der Rassenkrieg endlich begann. Wie meine alte Bruderschaft einst mich angesehen hatte, gehüllt in grüne Roben vor brennenden Kreuzen stehend, so sahen mich nun diese Brüder an. Aber nicht so, als sei ich der verdammte Messias. Eher wie einen Verdächtigen.

»Unsichtbar, weil wir dort existieren, wo es keiner sieht. Niemand weiß, wer wir sind. Wir integrieren uns in die Gesellschaft. Wir existieren unter euch.«

»Ihr habt alle Flaggen vor euren Häusern hängen und riesige Hakenkreuze auf die Haut tätowiert.« Ein paar Brüder grinsten. »Das ist wohl kaum unsichtbar«, meinte Smiler.

»Und das sind die, um die ihr euch die wenigsten Sorgen machen müsst.« Ich stützte mich auf den Tisch, und meine Fingerknöchel knackten, so angespannt war ich am ganzen Körper. »Wie ich meinem Chapter bereits erzählt habe: Die Rednecks und die Skinheads, die aus Spaß kämpfen und vor Rathäusern demonstrieren, sind nicht diejenigen, die ihr fürchten müsst. Das sind die Blender, die Ablenkung. Sie sind die winkende Hand, die euch in die eine Richtung schauen lässt, während die echten Soldaten, die wahre Armee des unsichtbaren Reiches, euch von der anderen Seite aus niedermachen.«

»Ich habe vor keinem von euch Ärschen Angst«, sagte Crow, der Präs von New Orleans. Der Bastard grinste und rollte die Würfel, die er immer in der Hand hatte.

»Solltest du aber.«

Crow grinste spöttisch. So wie alle Brüder. Es brachte mein Blut in Wallung. Der Klan – ich, mein Bruder, mein Vater, mein Onkel –, wir hatten unser ganzes verdammtes Leben daran gearbeitet, dass die Leute genau so von uns dachten. Dass wir wie Witzfiguren wirkten. Aber insgeheim hatten wir das Reich der Denker aufgebaut. Bestehend aus Männern und Frauen, die euch von den Skinhead-Witzfiguren die Haustür eintreten ließen, während wir, die wahre Bruderschaft, durchs Fenster einsteigen würden.

»Wir?« Ich schaute zu Hush, von dem das Wort gekommen war. Cowboy hatte seinem Freund die Hand auf die Schulter gelegt. »Du redest ständig von wir.«

Echt? Mein Herz hämmerte. Ich hatte nicht wir sagen wollen. Ich dachte von mir nicht mehr als Klansmann. Ganz und gar nicht.

»Die«, korrigierte ich heiser und spürte, wie mir das Herz in die Hose rutschte. »Ich meinte die.«

Hush ließ mich nicht aus den Augen. Und mir war klar, wieso. Klanmitglieder, beschissene Arschgeigen, hatten seine Eltern umgebracht. Er hatte sie sterben sehen. Hatte zugesehen, wie sie verbrannten. »Die«, wiederholte ich und verlor jeden Kampfgeist. »Die sind eine organisierte Einheit …« Ich verstummte und verkniff mir, ihnen zu erzählen, warum die so gut ausgebildet waren. Aber wo war der verdammte Punkt dabei? Die meisten Brüder hier hielten mich doch sowieso immer noch für einen Neonazi. Sie sahen mich als den Weißen Prinzen, egal wie sehr ich dem entkommen wollte.

»Ich habe sie ausgebildet«, erklärte ich und spürte, dass sich Tank neben mir versteifte. Er liebte diesen Club. Aber meinetwegen hatte er seinen Brüdern auch einen Haufen Dinge nicht erzählt. Er hatte ihnen nicht mal erzählt, wer ich war, bis ein paar Kerle aus meiner alten Bruderschaft Kys Old Lady zurück in die Sekte verschleppten, mit der wir zusammengearbeitet hatten. Sicher hätte er nicht gewollt, dass ich all den Hangmen erzählte, ich wäre derjenige, der die Männer aus ihnen gemacht hatte, die sie heute waren. Die Kämpfer. Und Beau derjenige war, der dort, wo ich sie hinter mir gelassen hatte, die Kontrolle übernommen und sie so unaufhaltsam gemacht hatte. »Ich habe sie ausgebildet, zusammen mit ein paar anderen Mitgliedern, die früher beim Militär waren. Ich habe sie zu dem gemacht, was sie heute sind.«

»Tanner, ich denke, es ist das Beste, wenn du jetzt die Kirche verlässt.«

Ich sah Ky an. Er sprach nicht für Styx. Er sprach für sich selbst. Styx starrte mich nur an.

»Komm, Tann. Gehen wir.«

Tank ging mit mir hinaus auf den Korridor. Seine Hand blieb auf meiner Schulter, bis wir in mein Zimmer kamen und ich mich aufs Bett fallen ließ. Ich senkte den Kopf und starrte auf den Holzboden. Die Maserung trug die Spuren von vielen Jahren und bewies, wie lange es den Club schon gab. Wie viele Brüder waren bereits durch diese Türen gekommen? Wie viele Männer mit total kranker Vergangenheit? Die ein Leben als Outlaw brauchten, weil sie für das normale Leben zu verkorkst waren?

»Ich weiß nicht, wie ich es anstellen soll«, sagte ich endlich. Meine Stimme dröhnte wie Donnergrollen im stillen Zimmer. Ich hob den Kopf und sah Tank reglos dastehen. Er fuhr sich über den rasierten Kopf. Ich sah die Narbe, die er sich im Knast von einem provisorischen Messer eingefangen hatte. Erinnerte mich daran, wie ich vor dem Gefängnis auf ihn gewartet hatte, als er wieder rauskam. Als er dem Klan den Rücken gekehrt hatte. Ich war so wütend auf ihn gewesen. Weil er sich im Knast gegen Landry gestellt hatte, wegen irgendeines Jungen, der mit ihm in eine Zelle gesteckt worden war und den Landry tot sehen wollte. Ich war so verdammt wütend gewesen, weil er allem, was wir aufgebaut hatten, den Rücken kehrte. Ich konnte nicht begreifen, wieso er den Glauben an uns verloren hatte – an den gottverdammten Ku-Klux-Klan.

Sein Zuhause. Unser Zuhause.

»Ich weiß nicht, wie ich dieses Leben ein für alle Mal hinter mir lassen soll … es findet immer einen Weg, mich wieder einzuholen. Egal wie sehr ich es auch versuche.«

Tank seufzte und ließ die Schultern hängen. Inzwischen konnte ich die Körpersprache meines besten Freundes deuten. Er hatte Mitgefühl mit mir. Aber ich wollte sein verdammtes Mitleid nicht. Ich musste nur wissen, wie zum Teufel ich dieses Leben hinter mir lassen konnte. Wie ich frei sein konnte. »Es ist alles, was ich kenne. Ich wurde geboren und zum perfekten Weißen Prinzen geformt. Wurde geschlagen, wenn ich es wagte, mit jemandem zu reden, der nicht zur weißen Rasse gehörte. Du kennst mich, Tank. Ich war ganz dabei. Dazu erzogen, eine andere Denkweise nicht mal zu erwägen.«

»Ich weiß.«

»Ich glaube nicht mehr an diese Phrasen. Nein.« Mi amor, vergiss, was man dir immer gesagt hat, und fühle einfach … Adelitas heisere Stimme ging mir durch den Kopf, und mir wurde sofort ganz warm ums Herz. Allein der Gedanke an ihre dunklen Augen, ihr langes dunkles Haar … ihre Stimme, ihre Hände an meiner Brust, als ich sie am dringendsten brauchte … »Ich glaube nicht mehr daran.«

»Du bist jetzt ein Hangman. Du trägst den Aufnäher.«

Ich nickte. »Es ist verdammt hart.« Ich rieb über meine Bartstoppeln und presste die Augen zu. »Und ich bin im Krieg mit meinem Bruder … und mit der Familie, für die die Frau, die ich mehr als alles andere will, arbeitet. Die Frau, die ich liebe … aber seit zwei Jahren nicht gesehen habe.« Ich seufzte und fühlte, wie sich meine verdammte Kehle zuschnürte. »Ich weiß nicht mal, ob sie mich noch will.« Ich lachte, um den riesigen Kloß in meinem Hals zu überspielen. »Warum sollte sie? Sie ist perfekt, klug, witzig. Einfach wunderbar. Ich bin der Erbe des Klans. Oder wahrscheinlich denkt sie das immer noch. Ich bin der verdammte Dreck an ihren Füßen. Ohne mich ist sie besser dran.«

Tank kam zu mir und gab mir einen Schmatz. »Tann, ich weiß, du glaubst nicht mehr an den ganzen Klanscheiß …«

»Aber die anderen Brüder denken das«, fiel ich ihm ins Wort. »Vielleicht nicht unser Chapter. Aber du siehst doch bestimmt, wie die anderen mich ansehen.«

»Scheiß auf die.« Er setzte sich neben mich. »Als ich hierherkam, brauchte ich eine Weile, um mich mit den anderen gutzustellen. Sie haben mir auch nicht getraut. Aber mit der Zeit werden sie es schon sehen.«

Ich drehte mich zu Tank um. »Ich glaube nicht, dass ich ihn töten könnte … wenn es so weit käme.«

»Beau?«

Ich nickte. »Er führt jetzt den Klan an. Er ist der, der gegen uns zieht.« Ich holte Luft. »Verdammt, Tank. Er ist derjenige, der getötet werden muss, um dem Klan wirklich zu schaden.«

Tank legte mir aufmunternd die Hand an den Kopf, sagte allerdings nichts. Was konnte er auch sagen? Er wusste, dass das die Wahrheit war. Mein Bruder musste sterben. Tank stand auf. »Ich muss zurück in die Kirche.« Er sah mich merkwürdig an. »Kommst du klar? Willst du ein paar Tage bei Beauty und mir bleiben? Ein wenig von hier wegkommen?«

»Nein. Ich werde mal meinen Klan-Maulwurf kontaktieren und herausfinden, was zum Teufel hier abgeht.«

»Bist du dir sicher?«

»Ja, danke.« Tank ging hinaus, und ich setzte mich an meinen PC in der Zimmerecke. Ich loggte mich in mein Mailprogramm ein und schickte eine Nachricht an Wade.

Was zur Hölle ist heute passiert?

Ich musste nur wenige Minuten warten, bis er antwortete.

War weg, hatte im inneren Kreis zu tun. Bin eben erst zurückgekommen. Hatte keine Ahnung, dass die was geplant hatten. Ein Neuer hat die Führung übernommen. Ex-Marine. Versteht sein Handwerk. Bin jetzt eine Weile hier, bis dein alter Herr mich abruft. Ich sperre die Ohren auf und gebe dir Bescheid, sobald was Neues im Busch ist. Ich habe versagt. Wird nicht mehr vorkommen.

Ich starrte auf die Mail und fragte mich zum millionsten Mal, ob ich bloß verarscht wurde. Aber Wades Informationen waren zu oft bei mir angekommen, um an ihm zu zweifeln.

Schließlich schrieb ich: Sorge dafür, dass es nicht mehr vorkommt.

Die Hangmen entschädigten Wade gut im Austausch für die Informationen. Geld, das ihm den Ausstieg ermöglichen würde, wenn der Zeitpunkt kam.

Meine Hände hingen wie erstarrt über den Tasten, bis ich endlich tippte: Beau hat noch das Sagen?

Mein Herz hämmerte wie verrückt, während ich auf die Antwortmail wartete.

Der Wichser ist ganz wild darauf, euch alle plattzumachen. Hätte nie gedacht, dass ich mal erleben würde, dass Beau mehr als nur ein paar Worte spricht oder sich nicht mehr allein verkriecht. Inzwischen ist er wie Hitler auf Crack …

Ich schloss die Augen und holte tief Luft. Ich konnte es mir auch nicht vorstellen. Beau war ein harter Hund. Genauso aufgezogen worden wie ich. Gnadenlos. Schlau, aber sehr viel zurückhaltender. Als zweiter Bruder konnte er sich das leisten. Er war der ruhige Typ. Ein Denker. Aber dabei so verdammt ruhig, dass man nie wusste, was er vorhatte.

Er ist tödlich, Tann. Absolut tödlich. Was immer da in ihm geschlafen hat die ganze Zeit, jetzt ist es hellwach.

Ich las die Mail immer wieder, bis ich irgendwann meinen Stuhl zurückschob und gehen wollte. Doch dabei bohrte sich die Halskette in meiner Jeans in mein Bein. Ich griff in die Tasche und holte das goldene Kreuz heraus. Das angelaufene Gold fing das Licht kaum ein. Es war alt …

Ich will, dass du es hast, mi amor. Ich will, dass du es behältst. Denk an mich. Und wenn du zweifelst, wie sehr ich dich liebe, dann sieh es an und wisse, dass ich auch an dich denke. Dass ich dich auch vermisse …

Ich hatte es schon zu lange geschafft, ein gewisses Programm auf meinem Computer nicht anzurühren. Und wie ein Mann in der Wüste, der nach Wasser lechzt, ließ ich meine Finger über die Tastatur wandern und den Bildschirm aufrufen. Meine Hand ballte sich zur Faust, und ich schloss die Augen. Mir war klar, dass ich nicht auf die Play-Taste drücken sollte. Aber nichts konnte mich noch eine Minute länger von ihr fernhalten.

Also drückte ich auf Play.

Kaum richtete ich den Blick auf den Bildschirm, wurde mir schwer ums Herz, und dann tat es weh, als hätte man mir eine Brechstange in die Brust gerammt. Mit pochendem Herzen sah ich Adelita vor die Kamera treten. Ich erstarrte, erstarrte total, als sie sich umdrehte, ein Buch in der Hand, und ihr Gesicht ins Blickfeld kam. Meine Lippen öffneten sich, und ich atmete aus. Adelita lächelte über etwas, das sie gerade las, und ich ballte wieder die Hand zur Faust. Ihr goldenes Kreuz bohrte sich in meine Handfläche, doch ich hieß den Schmerz willkommen. Es war das Einzige, das mir das Gefühl gab, lebendig zu sein.

Das, und sie. Immer nur sie.

Das dunkle Haar fiel ihr über den Rücken, und ihre großen braunen Augen leuchteten. Ihre Haut, ihr Körper … alles war perfekt.

Ich streckte die freie Hand aus und strich mit einem Finger über ihr Gesicht auf dem Bildschirm. Ihre Lippen. Diese Lippen. Ich konnte sie auf der Zunge schmecken und sie dahinschmelzen hören, als ich diesen Mund eroberte.

»Adelita«, flüsterte ich heiser. In diesem Moment drehte sie sich um, als könne sie mich hören. Aber das konnte sie nicht. Wir hatten seit Jahren nicht miteinander gesprochen. Es war zu gefährlich, zu riskant für ihre Sicherheit. Was allerdings nicht hieß, dass sie nicht immer noch mein finsteres Herz besaß. Das gehörte dieser Frau. Und sie war die Einzige, der es je gehören würde. Ohne sie war ich innerlich tot, war es bereits seit zwei Jahren ohne sie. Zwei verdammt lange Jahre, ohne sie in meinen Armen zu halten. Zwei Jahre ohne Kontakt. Während ich mich fragte, ob sie nach wie vor mir gehörte. Aber zugleich wusste ich mit jedem neuen Tag, der verging, dass ich nicht gut für sie war.

Sie brauchte mich nicht in ihrem Leben.

Wir waren im Krieg.

Sie war wunderschön, und sie verdiente jemanden, der ihr mehr geben konnte.

Doch obwohl ich das wusste, konnte ich nicht von ihr lassen. Ich war ein egoistischer Arsch.

Ich wandte den Blick nicht vom Bildschirm ab. Ich rührte mich nicht einmal, als sie darauf nicht mehr zu sehen war. Ich starrte auf den dunklen Bildschirm und wartete auf irgendein Zeichen von Bewegung, bis die Sonne aufging … ihr goldenes Kreuz nach wie vor in meiner Hand.

2

Adelita

Mexiko

Das Klopfen eines Löffels an ein Champagnerglas riss mich aus meinem blicklosen Starren auf die Rosen mitten auf dem Tisch. Ich blinzelte, und der Landschaftsgarten wurde wieder klar. Um die Veranda herum waren Lichter aufgehängt worden, und alle Partner Papas saßen um die lange extravagante Tafel. Ich blickte zu Diego, der aufgestanden war – Diego Medina, Papas Stellvertreter und der Junge, mit dem ich aufgewachsen war.

Diego lächelte den Geschäftspartnern zu. Wie üblich trug er einen Anzug von Armani, und sein frisches weißes Hemd betonte seine hellbraune Haut. Seine himmelblaue Krawatte saß perfekt. Natürlich hatte mein Dienstmädchen mich passend gekleidet – wie immer, wenn mein Vater es anordnete. Ich trug ein bodenlanges blaues Seidenkleid von Armani. Mein Haar fiel in lockeren Wellen über meinen Rücken. Ich warf einen Blick auf Papas neueste Freundin. Auch sie war passend zu seiner Krawatte gekleidet.

Ich kämpfte gegen den Drang an, die Augen zu verdrehen. Wir Frauen saßen da wie die perfekt gestalteten Puppen, zu denen Papa uns gemacht hatte … eine Tatsache, die jeden einzelnen Tag an mir nagte. Nur Charley Bennett, meine beste Freundin, frustrierte dieses patriarchalische Leben immer mehr ebenso wie mich. Ihr Vater war ein Geschäftspartner von Papa. Mr Bennett war der Kokainhändler für Kalifornien. Von dort kamen sie her. Ich bekam Charlie nicht annähernd so oft zu sehen, wie ich es mir wünschte. Sie saß neben mir in ihrem blassrosa Kleid, das perfekt zu ihrem blonden Haar, den grauen Augen und ihrer sonnengeküssten Haut passte.

Als alle am Tisch still wurden, streckte Charley die Hand aus, nahm unauffällig unter dem Tisch meine Hand und ließ nach ein paar Sekunden wieder los. Ich warf ihr diskret einen nervösen Blick zu. Vor lauter Panik riss sie die Augen auf. Charley wusste nichts von Tanner. Aber sie wusste, dass ich von meinem Vater zu Diego gedrängt wurde. Und sie wusste, dass ich Diego weder liebte, noch mehr als Freundschaft von ihm wollte.

Diego räusperte sich, und ich konzentrierte mich wieder auf ihn. Seine dunklen Augen richteten sich schnell auf mich. Ich erstarrte unbehaglich, als er nicht mehr wegsah. Er lächelte das Lächeln, für das ich über die Jahre zahllose Frauen ihm zu Füßen hatte fallen sehen. Das Lächeln, das er mir schon seit Jahren schenkte, dem ich jedoch immer hatte widerstehen können.

Ich hielt meine Champagnerflöte fester, als mich plötzlich Nervosität überkam. »Jeder von euch hier am Tisch kennt mich. Ihr alle kennt mich als die rechte Hand von Alfonso Quintana. Ihr kennt mich als den Mann, der für diese Familie sterben würde. Für unser Unternehmen.« Er machte eine kurze Pause und drehte sich dann zu mir um. Ich warf meinem Vater kurz einen unsicheren Blick zu. Er beobachtete mich voller Stolz.

Mein Blut geriet in Wallung und mir schlug das Herz bis zum Hals, als mir klar wurde, was hier vorging … als mir klar wurde, was Diego gleich tun würde.

»Aber viele von euch kennen nicht den Mann, der ich privat bin.« Diego legte den Kopf leicht schief und sah mich voller Verehrung an. Liebevoll. Derselbe besitzergreifende Blick, mit dem er mich bereits von Kindesbeinen an bedacht hatte.

Mein fester Griff um die Champagnerflöte war das Einzige, was mich vom Zusammenbruch abhielt. Davon, meine Nervosität und Angst zu zeigen. Doch ich war Adelita Quintana. Ich war die Tochter meines Vaters und durfte niemals, würde niemals irgendwen meine Angst sehen lassen. Ich hatte mich nie vor irgendwem verletzlich gezeigt … abgesehen von einem Mann …

»Was ihr nicht gesehen habt, sind die vergangenen Jahre, in denen ich eine ganz bestimmte Frau geliebt und verehrt habe. Eine Frau, die ich schon seit meiner Kindheit kenne. Wir sind gemeinsam aufgewachsen.« Er lachte und schüttelte den Kopf. »Wir haben gemeinsam gespielt … und in all der Zeit hat sie nie Notiz von mir genommen. Bis vor sechs Monaten, als sie sich endlich von mir zum Abendessen einladen ließ, nachdem sie es davor unzählige Male abgelehnt hatte. Und von da an war alles anders.« Wir hatten uns nur ein paarmal geküsst, und selbst da hatte sich jede Sekunde wie die schlimmste Art Folter angefühlt. Ich konnte mich Papas größtem Wunsch und Diegos Beharrlichkeit nicht länger entziehen. Aber als ich ihn jenes erste Mal küsste, dachte ich an den letzten Kuss, den ich bekommen hatte … einen, den ich noch immer wie ein Brandmal auf meinen Lippen spüren konnte. Der Mund, den ich nach wie vor schmecken konnte. Die starken Arme und der Körper des Mannes über mir …

Doch ich hatte etwas anderes heucheln müssen. Denn niemand wusste, wer mir mein Herz gestohlen hatte. Niemand wusste, an wen ich meine Seele gebunden hatte … selbst ich wusste es nicht mehr. Kein Kontakt seit über zwei Jahren. Kein Wort. In mir war Leere. Tod. Nur ein Mann konnte mich zurück ins Leben holen.