Hälfte des Lebens - Manfred Mai - E-Book

Hälfte des Lebens E-Book

Manfred Mai

3,0

  • Herausgeber: Silberburg
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2013
Beschreibung

Der Gymnasiallehrer Dieter Beckstein aus Albstadt, selbsternannter Hölderlinexperte, nimmt eher unwillig als freiwillig an einer Lehrerfortbildung teil. Und mehr als am Seminarinhalt ist er an zwei Teilnehmerinnen interessiert. Da ist zum einen Uschi, seine frühere Geliebte, zum anderen die attraktive junge Kollegin Christine. Liebe und Begehren verschmelzen zu einer gefährlichen Mischung. Zur gleichen Zeit denkt Becksteins Frau Angelika über ihre gescheiterte Ehe nach. Getrieben von Einsamkeit und Enttäuschung, kreisen ihre Gedanken um die beiden halbwüchsigen Kinder, ihren Beruf als Krankenschwester, um die Frage, wie sie ihrer Ehe und dem Mann entkommen kann, den sie nicht mehr liebt. Als sie im Schrank eines Patienten eine Schusswaffe findet, fasst sie einen fatalen Entschluss ... Das Krimidebüt von Bestseller-Autor Manfred Mai.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 179

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
3,0 (16 Bewertungen)
3
2
6
2
3



Manfred Mai

Hälfte des Lebens

Ein Baden-Württemberg-Krimi

Manfred Mai, Jahrgang 1949, lebt und arbeitet in seinem Geburtsort Winterlingen (Zollernalbkreis). Nach einer Malerlehre, drei Jahren Fabrikarbeit und 18 Monaten Wehrdienst wurde er Lehrer und unterrichtete acht Jahre an einer Realschule. Er begann zu schreiben, kündigte seine Stelle und ist nun seit 30 Jahren freier Schriftsteller. Inzwischen hat er mehr als 150 Bücher geschrieben, die in 25 Sprachen übersetzt wurden.

1. Auflage 2013

© 2013 by Silberburg-Verlag GmbH,

Schönbuchstraße 48, D-72074 Tübingen.

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Christoph Wöhler, Tübingen.

Coverfoto: © pixdeluxe – iStockphoto.

Lektorat: Michael Raffel, Tübingen.

E-Book im EPUB-Format: ISBN 978-3-8425-1572-7

E-Book im PDF-Format: ISBN 978-3-8425-1573-4

Gedrucktes Buch: ISBN 978-3-8425-1246-7

Besuchen Sie uns im Internet

und entdecken Sie die Vielfalt unseres Verlagsprogramms:

www.silberburg.de

1

Angelika erhebt sich vom Frühstückstisch, den er wie so oft eilig verlassen hat, weil er spät dran war.

»Entschuldige, aber ich muss los.«

Früher hat er noch »Entschuldige, Schatz« gesagt, aber den Schatz lässt er schon lange weg und sie ist froh darüber. »Schatz« wäre in seinem Mund eine Lüge.

Sie räumt den Tisch ab, sieht die Kaffeespuren, die seine Lippen an der Tasse hinterlassen haben, und lässt sie in der Spülmaschine verschwinden. Sie würde gern mal wieder küssen, richtig wild küssen, aber nicht einen Mund, der solche Kaffeeschlieren an der Tasse hinterlässt und in dem »Schatz« eine Lüge wäre.

Nachdem sie alle Spuren des Frühstücks beseitigt hat, geht Angelika ins Bad. Bevor sie in den Spiegel schaut, stellt sie sich unter die Dusche und genießt das angenehm temperierte Wasser. Zwei Minuten, fünf Minuten, sie weiß nicht, wie lange, es ist ihr auch völlig egal.

Wenn er jetzt zu Hause wäre, würde er den Kopf zur Tür hereinstrecken und fragen, ob etwas passiert sei, so, als ob er besorgt wäre.

Sie dreht den Hahn noch weiter auf und erhöht langsam die Temperatur, bis das Wasser so heiß ist, dass ihre Haut aufschreit. Angelika würde am liebsten auch schreien, doch obwohl sie allein im Haus ist, schafft sie es nicht. Mit einem Dreh stellt sie den Temperaturregler auf zehn Grad, spannt die Muskeln an und erwartet die kalte Dusche. Als sie kommt, zieht Angelika die Luft ein und hält sie an. Nach einigen Sekunden wird die Kälte erträglicher, und sie dreht die Temperatur wieder hoch. Achtmal überwindet sie sich heute und kann sich nicht erinnern, es je so oft geschafft zu haben. Fast ein wenig stolz trocknet sie sich ab und reibt ihren Körper mit einer nach Lavendel riechenden Feuchtigkeits-Lotion ein. Dann stellt sie sich vor den Spiegel. Ihre Haut hat einen rosigen Ton, fast wie die eines Ferkels, denkt Angelika und muss lächeln. Sie nimmt die Schultern zurück und zieht den Bauch ein, damit der Brustkorb nach vorn kommt. Aber ihre Brüste, die für seine Hände immer zu klein waren, werden dadurch nicht größer. Sie drückt beide von unten hoch und bückt sich so weit, bis ihr aus dem Spiegel ein tief ausgeschnittenes Dekolleté entgegenschaut.

Ruckartig kommt sie wieder hoch und sagt: »Mir sind sie groß genug!«

Jedenfalls ist sie froh, dass sie keine Brüste hat, die mit zunehmendem Alter immer tiefer hängen.

Als sie noch darüber sprachen, hat er mehrfach angedeutet, es gebe verschiedene Möglichkeiten, der Natur ein wenig nachzuhelfen, wenn man mit Teilen seines Körpers nicht zufrieden sei. Damals hat sie sich ernsthaft mit diesen Möglichkeiten beschäftigt und hätte sich ihm zuliebe beinahe Silikonpolster reindrücken lassen.

Ganz schön bescheuert!

Sie schaut an sich hinunter, dreht sich einmal um sich selbst, hebt den Kopf, und ihr Spiegelbild sagt: »Ich bin mit dir zufrieden.«

»Ich auch.«

Sie geht ins Schlafzimmer, öffnet den Schrank und probiert Kleider, Röcke, Hosen, T-Shirts, Blusen. Es dauert über eine halbe Stunde, dann hat sie sich für ihre engste Jeans und ein schwarzes Shirt entschieden, das so knapp geschnitten ist, dass es bei jeder Bewegung zu reißen droht. Vor dem großen Spiegel fährt sie sich mit den Fingern durch ihr volles Haar, wobei der Bauch bis über den Nabel freigelegt wird. Niemand würde Angelika ihre zweiundvierzig Jahre glauben.

Sie will im Krankenhaus anrufen, um zu sagen, dass sie heute nicht kommt, aber das Telefon ist mal wieder nicht an seinem Platz. Bevor sie lange sucht, geht sie ins Arbeitszimmer, wo der Hauptapparat auf dem Schreibtisch steht. Sie wählt die Nummer, spürt die anklopfenden Vorwürfe, die sich bei Notlügen immer melden, versucht sie wegzuatmen und sagt mit kränklicher Stimme: »Hier ist Angelika. Mir geht es nicht so gut. Ich habe Fieber und Kopfschmerzen. Ich bleibe zu Hause und lege mich ins Bett. – Danke und Tschüss.«

Sie mag solche Gespräche nicht, aber heute musste es sein. Und sowieso machen das manche auf der Station viel hemmungsloser. Wie oft hat sie schon Vertretung schieben müssen, vor allem für Carmen und Ines. Die melden sich ja sogar krank, wenn sie am Abend zuvor einen draufgemacht haben. Das hat Angelika noch nie getan. Wenn sie fehlt, gibt es einen guten Grund. So wie heute, wo es um ihr Leben geht.

Angelikas Blick bleibt am Foto der beiden Kinder hängen. Das war vor drei Jahren, unser Pfingsturlaub in Griechenland. Da hat er uns mit abendländischer Kultur so vollgeknallt, dass wir ganz die Freude an dem schönen Land verloren haben.

Stellt euch mal vor, hier haben Sokrates, Aristoteles und Platon gelebt. Über diesen Platz sind sie oft gegangen, hat er in Athen erzählt. Vielleicht sind sie sogar hier gestanden, genau hier, wo wir jetzt stehen. Ist das nicht unglaublich? Wir stehen auf der gleichen Stelle, wo drei der größten Denker der Menschheit gestanden haben! Begreift ihr das?

Wir begriffen es nicht, jedenfalls nicht in seinem Sinn. Wir fanden es beeindruckend, aber wir flippten nicht aus wie er. Am wenigsten Anne, die damals erst dreizehn war. Und er wollte einfach nicht begreifen, dass es für ein junges Mädchen Wichtigeres gibt als Philosophen, die vor mehr als zweitausend Jahren gestorben sind. Selbst Benni, der sich sehr für Geschichte interessiert, fand die Begeisterung seines Vaters übertrieben.

Hier steht die Wiege unserer Kultur, dozierte er. Die alten Griechen haben auf allen Gebieten wichtige Grundlagen für unsere Art zu leben und zu denken geschaffen. Das muss man wissen, das gehört zur Bildung. Erst dann ist man wirklich Teil dieser Kultur. Und erst die Teilhabe an der Kultur macht einen Menschen aus. Ohne Kultur unterscheidet sich der Mensch nicht wesentlich vom Tier, dessen Leben auf Nahrungsbeschaffung, Nahrungsaufnahme und Fortpflanzung reduziert ist.

Angelika greift nach dem Foto. Das schiefe Lächeln der beiden sieht aus, als wären die Mundwinkel nach Aufforderung ein paar Millimeter hochgezogen worden, doch die Augen verraten die Münder.

Es gibt viele Fotos, auf denen Anne und Benni besser getroffen sind, aber da stehen sie nicht an der Wiege unserer Kultur.

Sie stellt das Foto zurück an den Platz, an dem früher eines von ihr gestanden hat. Dann gleitet ihr Blick entlang an den Regalen, in denen Bücher bis unter die Decke aufgebahrt sind. Die einzige Unregelmäßigkeit zwischen den ansonsten dicht gedrängten Buchrücken gibt es in der Mitte des Regals gegenüber der Tür. Dort lehnt ein Buch leicht schräg in einer Stütze und springt jedem, der das Zimmer betritt, sofort ins Auge. Dieter Beckstein – Der Mann im Turm – Versuch über Hölderlin, ist in schwarzen Buchstaben auf weißen Grund gedruckt.

Er hatte den Text vor etwa zehn Jahren geschrieben und dann an zig Verlage geschickt, aber nur Absagen erhalten. Schließlich ließ er auf eigene Kosten fünfhundert Exemplare drucken. Im Zollern-Alb-Kurier, in der Schwäbischen Zeitung und im Schwarzwälder Boten wurde das Buch des einheimischen Autors vorgestellt und gelobt. Er hielt auch ein paar Lesungen und Vorträge, zu denen zwischen drei und zwanzig Leute kamen, darunter solche, die sich von dem geheuchelten Interesse an Hölderlin Vorteile erhofften. Dank ihnen und ein paar Neugierigen in seinem Umfeld waren nach acht Jahren knapp hundert Exemplare verkauft. Ursprünglich für knapp dreißig, dann für fünfzehn Mark und nach der Währungsumstellung für fünf Euro. Da sich der Absatz trotz des reduzierten Preises stetig verlangsamt hat, wird das Werk aller Voraussicht nach ein Verlustgeschäft bleiben. Aber wer fragt bei einem Versuch über Hölderlin schon nach dem schnöden Mammon?

Angelika nimmt das Buch in die Hand und blättert darin. Vor Jahren hat sie versucht, den Versuch zu lesen, aber es ist bei dem Versuch geblieben. Trotzdem hat sie dem Buch und damit ihrem Mann die Entdeckung eines Gedichts zu verdanken, das schon beim ersten Lesen an etwas rührte, was damals noch unter den alltäglichen Verrichtungen der Mutter und Ehefrau verborgen war. Mit jedem Lesen drangen die Worte tiefer und legten Schichten frei, die nur aus Fragen, Ahnungen und Ängsten bestanden.

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hängetUnd voll mit wilden RosenDas Land in den See,Ihr holden Schwäne,Und trunken von KüssenTunkt ihr das HauptIns heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wennEs Winter ist, die Blumen, und woDen Sonnenschein,Und Schatten der Erde?Die Mauern stehnSprachlos und kalt, im WindeKlirren die Fahnen.

Dieses Gedicht fasst in Worte, was sie empfindet. Mit zweiundvierzig Jahren hat sie die Hälfte des Lebens hinter sich. Und wenn sie nichts unternähme, würde die zweite Hälfte klirrend kalt werden.

Sie stellt das Büchlein zurück und nimmt den Band mit Hölderlins Gedichten aus dem Regal. Darin hat sie nach der Entdeckung von Hälfte des Lebens immer wieder gelesen, doch kein Gedicht hatte eine vergleichbare Wirkung. Nur einmal blieb sie an zwei Versen hängen:

Wo aber Gefahr ist, wächstDas Rettende auch.

Das bestärkte ihre Hoffnung und ermutigte sie, auch wenn sie damals noch nicht wusste, was ihr Leben retten sollte.

Sie nimmt noch drei Bücher aus dem Regal und zwei nackte Mädchen werden sichtbar. Liebestolle Schülerinnen hat Beckstein hinter Hölderlin versteckt. Angelika erinnert sich, als ob es gestern gewesen wäre. Sie wollte zum Einkaufen in die Stadt, da fiel ihr unterwegs ein, dass sie ihr Portemonnaie vergessen hatte. Sie fuhr zurück, schloss die Haustür auf und sah es auf dem Schränkchen im Flur liegen. Sie steckte es ein und wollte schon wieder gehen. Da hörte sie eigenartige Geräusche. Sie lauschte, machte ein paar Schritte und hielt den Atem an. Die Geräusche wurden eindeutiger und kamen aus dem Wohnzimmer. Sie schlich zur Tür, ihr Herz klopfte wie schon lange nicht mehr. Das gibt’s doch nicht! Der Saukerl treibt’s da drin mit einer anderen! Sie schob die angelehnte Tür ein bisschen auf und sah, dass sie sich geirrt hatte. Er stand onanierend vor dem Fernseher, in dem eine Frau auf einem liegenden Mann ritt und dabei unaufhörlich stöhnte. Angelika war erleichtert, dass die andere Frau nur per Video ins Haus gekommen war. Und dass sie ihn so stehen sah, erregte sie ungemein. Am liebsten wäre sie hineingegangen und hätte gesagt: Komm, wir machen es zusammen. Aber sie tat es nicht und schlich aus dem Haus wie eine Diebin.

Wenn sie später in immer größeren Abständen ihre ehelichen Pflichten erfüllte, musste sie stets an diese Situation denken, was sie keineswegs mehr erregte. Im Gegenteil, da sie ihm unterstellte, er habe das Videofleisch oder vielleicht sogar eine andere Frau im Kopf, während er in sie eindrang, wuchs ihr Abscheu von Mal zu Mal. Und als sie es vor einem Jahr wagte, sich ihm ganz zu verweigern, fragte er nicht warum, machte ihr auch keine Szene, sagte nur: Dann eben nicht.

Das war’s.

Angelika nimmt noch einmal Becksteins Hölderlinbuch, hält es in der einen, die Liebestollen Schülerinnen in der anderen Hand. Dazwischen wäre ich beinahe verlorengegangen, denkt sie. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.

2

Beckstein folgt den Hinweisschildern, die an jeder Ecke des eng bebauten Städtchens angebracht sind, biegt von der Straße ab, fährt an einem schmutzigweißen Gebäude entlang, bei dem nur Gitter vor den Fenstern zu einem Gefängnis fehlen, und hält auf dem Parkplatz nach einer Lücke Ausschau.

»Das war ja klar«, brummt er, weil er keine entdeckt.

Er will zurückstoßen, sieht im Augenwinkel eine Frau winken, schaltet schnell in den ersten Gang, fährt ruckartig los, macht den Hals schräglang, kann trotzdem keine Lücke sehen, nimmt zweifelnd den Fuß vom Gas und lässt seinen Golf Diesel ausrollen. Die Frau deutet neben ihren Wagen, und endlich hellt sich Becksteins Gesicht auf. Der letzte freie Platz ist zwar ziemlich schmal, und das Einparken bereitet ihm einige Mühe, aber mit Unterstützung der Frau schafft er es schließlich ohne Schramme. Er zwängt sich aus der nur halb zu öffnenden Tür und zupft seinen Pullover zurecht. »Vielen Dank für Ihre Hilfe!«

»Keine Ursache.« Die Frau greift nach ihrem Gepäck, das hinter dem Wagen steht.

»Warten Sie, ich trage Ihren Koffer!« Mit ein paar schnellen Schritten ist Beckstein neben ihr.

»Das ist nett von Ihnen, aber er ist nicht so schwer, wie er aussieht.« Die Frau geht mit Koffer und Tasche in Richtung Eingang.

Beckstein schaut ihr kurz nach, holt sein Gepäck und folgt ihr so schnell, dass er sie auf halber Strecke eingeholt hat.

Kurz vor dem Eingang wendet sie den Kopf und sagt: »Ich bin mal gespannt, was uns hier erwartet.«

»Ich auch.« Beckstein ärgert sich sofort, dass er nichts Originelleres gesagt und die Chance zu einem Gespräch so billig verschenkt hat.

Bei der Anmeldung müssen sie warten, weil drei Männer vor ihnen dran sind. Beckstein mustert die Frau heimlich: Blaue Augen, in denen er sich gern verlieren würde; dezent geschminktes Gesicht mit schmaler, ein paar Millimeter zu langer Nase, volle Lippen und zwei neckische Grübchen; dunkelblonde Haare, die burschikos geschnitten sind und zu der jungen Mode passen, nach der sie gekleidet ist; überaus weiblicher Körper mit weichen, fast schon üppigen Rundungen.

Als sie an der Reihe ist, spitzt er die Ohren, um ihren Namen und ihre Zimmernummer zu erfahren.

»Christine Kaiser, Hölderlin-Gymnasium Tübingen«, sagt sie zu der Frau hinter dem Tresen.

Christine? Beckstein betrachtet sie von der Seite. Christine, Christine, Christine. Er findet den Namen schön und passend. Und dass sie am Hölderlin-Gymnasium in Tübingen unterrichtet, nimmt er als doppelt gutes Omen. In dem schmucken Neckarstädtchen hat er studiert, und über Hölderlin hat er geforscht und geschrieben. Daraus könnten sich Gesprächsmöglichkeiten am Rand der sicher öden Veranstaltung ergeben.

Als Christine an ihm vorbeigeht, lächelt sie. Beckstein erwidert ihr Lächeln und nickt fast unmerklich, als ob es bereits ein stilles Einvernehmen zwischen ihnen gäbe.

Nachdem er seine Sachen aufs Zimmer gebracht und sich ortskundig gemacht hat, stellt er sich vor das Schwarze Brett, von wo aus er sowohl die Treppe, die Christine demnächst herunterkommen müsste, als auch die Tür zum Großen Saal, in dem sich alle Teilnehmer um zehn Uhr einfinden sollen, im Blick hat.

Nach und nach trudeln seine Kolleginnen und Kollegen ein, melden sich an, lassen sich den Zimmerschlüssel geben, kommen wenig später die Treppe wieder herunter, gehen in den Großen Saal oder stehen unschlüssig im Flur, als warteten sie auf ein Klingelzeichen wie in der Schule.

Beckstein beobachtet sie, schließt von ihrem Äußeren, von der Art, wie sie sich anmelden, umschauen und bewegen, auf die Fächer, die sie unterrichten, wobei er seine Vermutungen durch Vergleiche mit Kolleginnen und Kollegen an seiner Schule absichert. Er bildet sich ein, Mathe- und Physiklehrer noch hundert Meter gegen den Wind zu riechen, wie er es nennt. Eindeutige Kriterien kann er dafür nicht nennen, es ist mehr ein Gespür, ein sechster Sinn, der ihn selten täuscht. Bei ihnen ist alles einen Tick korrekter; dieser Tick ist unterschiedlich ausgeprägt, in manchen Fällen für alle sichtbar, in anderen nur für das geübte Auge. Schwieriger wird es, wenn an Stelle von Physik ein anderes, vielleicht sogar ein sozialwissenschaftliches Fach tritt. Dann braucht Beckstein alle Sinne, um von den sich häufig widersprechenden Signalen nicht auf eine falsche Fährte geführt zu werden. Da jedoch der Mathematiker in der Regel die Oberhand gewinnt, kann Beckstein auch in diesen Fällen auf eine hohe Trefferquote verweisen. Ähnliches gilt für die Vertreter der Fächerkombinationen Deutsch/Geschichte und Deutsch/Gemeinschaftskunde – wie Politik in Baden-Württemberg vielsagend heißt –, die Beckstein spätestens auf den zweiten Blick erkennt, ohne dafür seinen sechsten Sinn beanspruchen zu müssen. Überhaupt keine Herausforderung bilden die Sport-, Kunst- und Musiklehrer. Die einen stellen ihre sportlichen Körper, die andern ihr Künstlersein so penetrant zur Schau, dass jeder sehen kann, was sie gern wären. Lehrerinnen und Lehrer mit anderen Fächern findet Beckstein nicht besonders interessant; sie sind schwer zu unterscheiden und bilden die grauen Gruppen in Kollegien.

Hier registriert Beckstein zwei Mathe- und Physiklehrer, fünf bis sechs Mathelehrer und ebenso viele Vertreter von Deutsch/Geschichte beziehungsweise Deutsch/Gemeinschaftskunde. Zu ihnen müsste auch Christine gehören, doch bei ihr ist Beckstein nicht ganz sicher. Etwas in ihm verhindert ein klares Urteil.

Er schaut wieder zur Uhr. Sechs Minuten vor zehn. Wo sie nur so lange bleibt?

»Hallo Dieter!«, hört er in diesem Moment eine Frauenstimme neben sich sagen.

Beckstein dreht den Kopf, sieht ein fremdes und zugleich bekanntes Gesicht, braucht ein paar Sekunden, bis das Bekannte überwiegt. »Uschi!«

»Schön, dass du mich noch erkennst.«

Beckstein hört den Unterton, den er noch von früher im Ohr hat und den er schon damals nicht mochte. »Na hör mal!«, sagt er nur.

Sie streckt ihm die Hand entgegen. »Fünfzehn Jahre ist das jetzt her.«

»So lange?«

Sie scheint kurz nachzurechnen. »Es sind sogar schon sechzehn. Mein Gott, wie die Zeit vergeht. Sechzehn Jahre – kaum zu glauben.« Sie schaut Beckstein von oben bis unten an. »Dir scheint es gut zu gehen, sogar ein Bäuchlein hast du angesetzt. Wie ein richtiger Ehemann und Familienvater.«

Unwillkürlich zieht er den Bauch ein.

Uschi grinst.

Beckstein will etwas sagen, da kommt Christine die Treppe herunter. Er sieht sofort, dass sie frisch geschminkt ist, bezieht das auf sich und lächelt.

»Du siehst aus, als ob du dich freuen würdest, dass wir uns nach so langer Zeit hier treffen.«

»Ich freu mich auch«, sagt er, wobei seine Augen zwischen den beiden Frauen tanzen.

»Darauf müssen wir heute Abend anstoßen«, flüstert sie, greift nach seinem Arm und drückt ihn kurz.

»Aber jetzt müssen wir uns erst einmal anhören, was wir alles falsch gemacht haben und wie wir bessere Lehrer werden. Dazu sind wir schließlich hier, oder?«

»Du sagst es.«

Nebeneinander gehen sie in den Großen Saal, wobei er Christine nicht aus den Augen lässt. Am liebsten würde er sich neben sie setzen, aber das scheint ihm zu viel Nähe für den Anfang. Er will ihr an den hufeisenförmig aufgestellten Tischen gegenübersitzen, damit er sie sehen kann. Deswegen zögert er, bis sie sich für einen Platz entschieden hat. Links und rechts von ihr sind die Plätze noch frei.

Einer davon könnte für mich sein, denkt Beckstein. Und als sich ihre Blicke treffen, ist er ganz sicher. Entgegen seinem Vorsatz wendet er sich in Christines Richtung, wird jedoch von Uschi gestoppt. »Dort drüben sind noch zwei Plätze.« Sie greift nach seinem Arm. »Komm schnell, sonst sind sie besetzt!«

Er macht sich los, weil ihm die Berührung unangenehm ist. Doch nach dieser Vertraulichkeit kann er sich nicht mehr zu Christine setzen und folgt Uschi. Erst nach einer Weile hebt er den Kopf und schaut möglichst unauffällig in Christines Richtung. Inzwischen sind die Plätze neben ihr von einem Mann und einer Frau besetzt. Die Frau ist Beckstein egal, aber der Mann stört ihn.

»Was hältst denn du von der PISA-Studie und den ganzen Aktivitäten, die seither über uns gekommen sind?«, fragt Uschi und reißt ihn damit aus seinen Gedanken.

»Nichts!«

Seit diese verdammte Studie zum ersten Mal durch die Medien geisterte, spielen seiner Meinung nach alle verrückt, angefangen von der Kultusministerin bis zum Schulleiter, und der am meisten. Der fühlt sich mit seinem pädagogischen Firlefanz jetzt natürlich bestätigt.

PISA! Er kann dieses Wort nicht mehr hören. Dabei weckte es vor einiger Zeit noch schöne Erinnerungen. PISA stand für den Schiefen Turm und damit für eine Reise in die Toskana, als er und Angelika vor mehr als zwanzig Jahren noch gemeinsam auf der Suche waren. Aber diese Erinnerungen stören ihn jetzt, sind ihm lästig. Genau wie ihm das neue PISA lästig ist. Weil deutsche Schüler bei diesem Ländervergleich im letzten Drittel landeten, muss er sich drei Tage lang mit neuen pädagogischen Theorien, mit zeitgemäßen Lehr- und Lernformen herumschlagen. Er, Oberstudienrat Dieter Beckstein, mit zwanzig Jahren Erfahrung als Deutsch- und Geschichtslehrer!

»Guten Morgen, meine Damen und Herren«, unterbricht ein Mann die Gedanken und Gespräche. »Mein Name ist Peter Meissel, ich bin der Leiter dieses Hauses und möchte Sie recht herzlich begrüßen. Wenn Sie Fragen oder Probleme haben, können Sie jederzeit zu meinen Mitarbeiterinnen oder zu mir kommen. Soweit es uns möglich ist, werden wir Ihnen behilflich sein. Nun wünsche ich Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in unserem Haus und übergebe das Wort an Ihren Lehrgangsleiter, Herrn Regierungsschuldirektor Bäumler.«

Der nickt, stellt sich vor und wünscht sich zu Beginn kurze Statements zu der PISA-Studie, um ein Meinungsbild zu bekommen.

Die meisten der sieben Lehrerinnen und einundzwanzig Lehrer senken den Blick. Auch Dieter Beckstein. Er hat eine Meinung zu der Studie, das ist keine Frage. Aber er denkt nicht daran, sie hier auszubreiten. Seine Meinung geht die andern nichts an und einen Regierungsschuldirektor schon gar nichts.