Halloweenküsse - Liebe oder saures? - Mirjam H. Hüberli - E-Book

Halloweenküsse - Liebe oder saures? E-Book

Mirjam H. Hüberli

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Beschreibung

Ein Halloweenkuss ist etwas ganz Besonderes: knisternd, romantisch und wohlig-schaurig. Wenn sich in dieser finsteren Nacht die Tore zur Geisterwelt öffnen, kann jeder seine Liebe finden. Egal, ob Sterbliche, Geister oder der Tod selbst. Neun Autorinnen begeben sich auf die Suche nach Süßem, Sauren und der großen Liebe. Gemeinsam enthüllen sie den Zauber von Halloween in ihren Geschichten – mal gruselig, mal mystisch, aber immer fürs Herz. Neun schaurigschöne Geschichten von Mirjam H. Hüberli, Tanja Bern, Jennifer J. Grimm, Maria Engels, Cat Lewis, Jacqueline Mayerhofer, Katharina Fiona Bode, Melanie Schneider und der Herausgeberin Jenny Wood.

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Seitenzahl: 288

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Halloweenkusse

Herausgegeben von

Jenny Wood

© 2017 Amrûn Verlag Jürgen Eglseer, Traunstein

Herausgeberin: Jenny Wood

Covergestaltung: Kim Leopold

Lektorat: Sabrina ŽeleznýIllustration shutterstock.com / Romolo Tavani

Alle Rechte vorbehalten

ISBN – 978-3-95869-299-2

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http://amrun-verlag.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar

Inhaltsverzeichnis
Halloweenküsse
Impressum
Vorwort
Summer at Halloween von Maria Engels
Die Nacht der Lebenden von Cat Lewis
Das Flüstern der Tinte von Mirjam H. Hüberli
Von Göttern und Zaubertränken von Jenny Wood
Die Krankenschwester und der Doktor von Jacqueline Mayerhofer
Der neue Tod von Tanja Bern
Ein Herz für Zombies von Melanie Schneider
Geisterhaftes Halloween von Jennifer Grimm
Liebe im Wolfspelz von Katharina Fiona Bode
Autorenvitae

Ich will euch ein Geheimnis verraten.

Vor vielen Jahren saß ein kleines Mädchen am 31. Oktober weinend in ihrem Zimmer. Die Traurigkeit kam ganz plötzlich und brach in so herzzerreißenden Schluchzern aus ihr heraus, dass selbst der Trost der Mutter nicht helfen konnte.

Der Brauch, an diesem Tag Halloween zu feiern, war in Deutschland noch nicht sehr verbreitet. Das kleine Mädchen hingegen kannte ihn – woher auch immer. Und sie wollte dieses Fest feiern! Dieser Wunsch kam aus der Tiefe ihres Herzens. Sie wollte Süßigkeiten sammeln, verkleidet als Vampir, und mit wehendem Mantel durch die Herbstnacht rennen. Sie sehnte sich danach, Geister zu finden, das fahle Mondlicht zu bestaunen und nach Schokolade, sehr viel Schokolade.

So schnell der Drang in dieser Nacht gekommen war, verschwand er am nächsten Tag wieder.

Eins ist geblieben. Noch heute liebt dieses Mädchen Halloween – und Schokolade. Hinzu kam die Liebe zum Schreiben. Was liegt da also näher, als dies zu verbinden?

Gemeinsam mit acht wundervollen Autorinnen machte sich die junge Frau auf die Jagd, um den Zauber von Halloween einzufangen. Dabei entstanden einzigartige Geschichten und wir freuen uns sehr, sie nun mit euch teilen zu können. Der Dank des kleinen Mädchens – mein Dank – geht an die engagierten Autorinnen, meinem wunderbaren Verleger, sowie dessen rechte Hand und den restlichen Hexen, die im Hintergrund fleißig waren.

Nun wünsche ich euch herzerwärmendes Gruselvergnügen mit »Halloweenküsse – Liebe oder Saures?«.

Eure

Jenny Wood

»Och, Mom, muss das wirklich sein?« Milo sah von seiner Mutter zu seiner kleinen Schwester, die bereits ihr Kostüm trug und ihn wegen seines Einspruchs finster musterte.

»Du hast es versprochen. Hast du vergessen, dass ich heute Nachtschicht habe? Ich kann Ashley nicht begleiten. Bitte, Milo.«

Er klappte den Mund auf, um zu protestieren, doch das erschöpfte Gesicht seiner Mutter hielt ihn davon ab. Er seufzte ergeben. »Welche Demütigung von einem Kostüm muss ich anziehen?«

»Ashley hat dir extra eins ausgesucht.« Seine Mom lächelte in sich hinein. Was hatte das denn zu bedeuten?

Milo blickte misstrauisch zu seiner Schwester, die diabolisch feixte. Sollten Neunjährige so grinsen können? Es kam ihm nicht richtig vor.

Ashley hatte sich dieses Jahr für Harry Potter entschieden. Sie trug eine lange Gryffindor-Robe samt Schal, der typischen Brille und der Blitznarbe. Sie hatte sogar eine schwarze Perücke auf dem Kopf, die zwar nicht wirklich an Harrys Frisur – sondern eher an Snapes – erinnerte, aber ihre blonden Haare versteckte.

Seine Schwester zog einen Zauberstab aus dem Ärmel und deutete auf ihre Zimmertür hinter der Küche. »Folge mir.« Mit wehendem Umhang rauschte sie davon.

Milo biss sich auf die Lippe, um nicht loszulachen, und folgte ihr ergeben.

Ihn erwartete keine Robe, sondern ein Sack mit Gürtel, Weste und Mantel. Obendrauf gab es noch einen krausen Vollbart und eine wallende dunkle Mähne, die aussah wie ein toter Igel.

»Das ist nicht dein Ernst!«, rief er entrüstet. »Ich geh doch nicht als Hagrid!«

»Oh doch. Oder soll ich Mom sagen, dass du dich weigerst?«

»Muss das sein, Ash? Ich will doch nicht wie ein Volltrottel rumlaufen!«

»Also erstens ist Hagrid kein Volltrottel!« Sie funkelte ihn an. »Und zweitens erkennt dich unter dem Bart sowieso niemand.« Er konnte sehen, wie sie gedanklich hinzufügte: Außerdem siehst du immer wie ein Volltrottel aus. »Zieh das jetzt an, wir müssen noch die anderen abholen.«

Milo strich sich durch die kurzen, blonden Haare. Sollte er wirklich mit Ashley diskutieren oder sich die Energie sparen? Diskussionen mit ihr gingen oft nicht gut für ihn aus.

»Abholen? Was meinst du damit?«, fragte er stattdessen.

»Tommy und Kendra müssen auch mit! Was wäre Harry ohne Ron und Hermine? Du bist echt schwer von Begriff!« Sie stampfte mit dem Fuß auf und wedelte mit dem Zauberstab vor Milos Nase herum.

»Schon gut, schon gut! Wo ist mein Zauberstab?«

Ashley klatschte sich die Hand gegen die Stirn. »Hagrid hat keinen Zauberstab.« Sie sagte es so, als wäre Milo der dümmste Mensch auf der Welt. »Er hat einen Regenschirm.« Sie zeigte neben den Kleiderhaufen. »Willst du dich weiter wie ein Depp aufführen oder ziehst du dich jetzt um?«

Milo verkniff sich einen Kommentar und griff nach dem Sack. Er hätte schwören können, dass Ashley im Hinausgehen etwas murmelte, das verdächtig nach »Muggel« klang.

Wenn der kratzige Bart nicht wäre, hätte Milo das Kostüm sogar witzig gefunden. Er hatte überall Haare im Gesicht. Nicht nur wegen des Bartes, sondern auch wegen der Perücke. Wie hielten Mädchen das nur aus? Ständig musste er sich die Zotteln aus den Augen streichen. Aber zum Glück würde er ja nicht lange durchhalten müssen. Eine Runde um den Block und er hätte es hinter sich.

Insgeheim war er froh, dass Ashley noch nicht Star Wars für sich entdeckt hatte, dann hätte er garantiert als Chewbacca geendet und hätte sich den ganzen Abend über mit Blöklauten verständigen müssen.

Seine Mom lächelte, als er zusammen mit Ashley die Wohnung verließ.

»Zuerst zu Tommy«, bestimmte Ashley und ging voraus.

»Sollte nicht Hagrid Harry führen? Wie durch die Winkelgasse?«

Ashley drehte sich zu ihm um und hob eine Augenbraue. »Hast du das gerade gegoogelt?«

»Ich hab die Bücher gelesen!«, begehrte Milo auf.

»Ach ja. Und ich dachte, du hast nur die Filme gesehen.« Sie drehte sich um und bog um eine Ecke. Zwei Häuser weiter wartete bereits Tommy und kam auf sie zugerannt.

Der Junge ging Milo bis zur Brust und hatte sich für die Verkörperung von Ron nicht einmal die Haare färben müssen. Seine wuschelige, rote Mähne stand in alle Richtungen ab. Wie Ashley trug er einen Umhang und einen Schal.

»Wow, sieht ja toll aus! Damit machen wir sicher gute Beute!«, rief er.

»Wir werden sehen«, kommentierte Ashley mit geschäftsmäßiger Miene. »Hoffen wir, dass es mein stumpfsinniger Bruder nicht versaut.« Sie streckte Milo die Zunge raus.

»Stumpfsinnig, ja? Na warte!« Er packte sie und kitzelte sie durch, bis sie quiekte.

»Ich ergebe mich!«, japste sie.

»Ich weiß nicht, ob mir das reicht«, überlegte Milo laut, ließ sie aber los. Sie zupfte ihre Robe und die Perücke zurecht, unter der blonde Strähnen hervorblitzten. Herrisch stopfte sie sie zurück.

»Weiter zu Kendra?«, fragte Milo.

Ashley nickte. Offenbar wollte sie nicht noch einmal durchgekitzelt werden. Sollte ihm recht sein, obwohl es ihm immer eine diebische Freude bereitete, ihr auf diese Art Kontra zu geben.

»Habt ihr schon bei jemandem geklingelt?«, fragte Tommy.

Ashley schüttelte den Kopf. »Ich wollte auf euch warten.«

Kendra wohnte nur ein paar Häuser weiter. Auf dem Weg dahin schnatterten Tommy und Ashley über die Kostüme der Kinder, die ihnen entgegenkamen. Milo musste sich eingestehen, dass Ashleys Idee am originellsten war. Sonst sah man vor allem die typischen Prinzessinnen, Cowboys, Skelette, Zombies und Gespenster. Ihre Gruppe stach auf jeden Fall aus der Menge hervor.

Kendra wartete nicht draußen, also klingelte Ashley. Kendras jüngerer Bruder Carter öffnete und musterte sie.

»Weasley, Potter«, sagte er abfällig in bester Draco-Manier, musste aber prompt lachen und rief nach seiner Schwester. Kendra kam zur Tür gestürmt, die Haare wirbelten wild um sie herum.

»Müffen die Hafenzähne wirklich fein?«, fragte sie Ashley unglücklich.

Ashley verdrehte die Augen. »Das Thema hatten wir doch schon.«

»Ich glaube, man erkennt sie auch ohne Zähne«, mischte sich Milo ein. »Die meisten haben vermutlich eh nur die Filme gesehen. Und es ist jetzt kein Detail, das sich jeder merkt.« Um seiner Schwester, die wegen der strengen Aufsicht ihrer Mom nur die ersten beiden Bände – auswendig – kannte, nichts vorwegzunehmen, ließ er aus, dass Hermine die Zähne später sogar korrigierte.

Kendra schaute hoffnungsvoll von ihm zu Ashley.

Die seufzte. »Na schön.«

Kendra quietschte und drückte ihrem Bruder die Hasenzähne in die Hand. »Danke, Milo«, flüsterte sie, als sie sich in Bewegung setzten.

»Kein Problem.« Er lächelte sie an und meinte es auch so. Ashley konnte für ihr Alter ziemlich einschüchternd sein. Kleiner Tyrann, dachte er, ohne es ernst zu meinen.

»Ich habe einen Plan, wie wir die meisten Häuser abklappern können und am einfachsten zum Jahrmarkt kommen«, erklärte Ashley und zog ihr Smartphone aus der Tasche.

»Moment! Von Jahrmarkt war nie die Rede!«, protestierte Milo.

»Als ob man das betonen müsste.« Ashley schnaubte. »Schließlich ist Halloween! Jahrmarkt gehört dazu.«

Er stöhnte auf. Eigentlich hatte er sich seine Abendgestaltung anders vorgestellt. Aber als er in die großen Augen von Tommy und Kendra blickte – Ashley sah nur genervt aus –, konnte er schlecht Nein sagen.

Ergeben ließ er die Schultern hängen. »Du alte Nervensäge«, grummelte er.

Ashley grinste selbstgefällig und führte die Gruppe an.

Eines musste man ihr lassen: Die Verkleidung räumte ab. Wenn es einen Wettbewerb gegeben hätte, hätten sie vermutlich die meisten Süßigkeiten in der kürzesten Zeit eingesammelt. Milo konnte förmlich sehen, wie Ashleys Nase weiter nach oben wanderte, weil sie sich so überlegen fühlte.

Inzwischen schwitzte Milo im Gesicht und unter den vielen Schichten war es auch nicht gerade kühl. Was tat er nicht alles, um seine kleine Schwester glücklich zu machen …

Lächelnd blickte er zu ihr. So gern er sie manchmal erwürgen würde, so sehr liebte er sie auch – selbst an Tagen, an denen sie ihn zur Weißglut trieb.

Die nächste halbe Stunde brachte er schweigend hinter sich. Er hätte alles dafür getan, endlich die Perücke und den Bart loszuwerden. Auf dem Jahrmarkt konnte Ashley schlecht von ihm verlangen, dass er die Haare aufbehielt – im Zweifelsfall würde er sie irgendwo verlieren.

Eine weitere Tür öffnete sich und er sah auf schlanke Beine, die in schwarzen Leggins und einem kurzen, dunkelblauen Rock steckten. Das Outfit kam ihm bekannt vor. Hatte er das heute nicht schon gesehen? Und zwar an …

Er hob seinen Blick und starrte in Summers lächelndes Gesicht.

»Na, ihr seht ja toll aus!«, lobte sie gerade und lachte hell.

Ihre langen, braunen Locken fielen ihr über die Schultern, als sie sich nach vorn beugte und Süßigkeiten verteilte.

Milo schluckte. Summer.

Sie wohnte hier? Nur fünf Straßen von seinem Haus entfernt? Ein Glucksen stieg in ihm auf, das er unter einem Husten versteckte.

Wieso musste er ausgerechnet ihr begegnen?!

Sie schaute ihn an und runzelte die Stirn. »Ich glaube, Hagrid kann einen Schluck Wasser vertragen. Wollt ihr reinkommen und etwas trinken?«, fragte sie.

»Okay«, beschloss Ashley und folgte Summer hinein. Nach einem kurzen Flur landeten sie im geschmückten Wohnzimmer. Die Dekoration war schlicht, aber schaurig schön. Von der Decke hingen Netze und Spinnen, überall standen Kürbisse – aus Plastik, Keramik und sogar echte – und wurden von tropfenden Kerzen beschienen.

Summer kam aus der Küche und hatte sich Getränkedosen unter den Arm geklemmt, die sie jetzt verteilte. Für sich selbst hatte sie ein halbvolles Glas Wasser mitgebracht.

»Willst du deinen Bart nicht abnehmen, bevor du erstickst?«, fragte sie Milo zwinkernd. Er blinzelte und starrte sie an. Sie redete mit ihm. Er musste schlucken.

Ashley hatte das gehört und funkelte ihn warnend an.

»Ich denke, Harry findet das nicht so witzig«, antwortete er und nahm ihr eine Dose ab.

»Milo?«, hakte Summer nach, kniff die Augen zusammen und betrachtete ihn. Dann zog sie ihm kurzerhand den Bart vom Gesicht, wofür er ihr insgeheim dankbar war, denn mit ihr würde sich Ashley nicht anlegen – zumindest noch nicht.

»Danke«, flüsterte er und trank einen großen Schluck.

»Ihr habt schon ganz schön viel eingesammelt, seid ihr bald fertig?«, fragte Summer niemand Bestimmten und nippte an ihrem Wasser.

»Gerade erst angefangen«, log Ashley.

»Wow! Und schon so volle Taschen, echt beeindruckend!« Summer klang so, als ob sie es ernst meinte.

»Sie veralbert dich nur, wir sind beinahe fertig«, wandte Milo ein.

»Geht ihr nachher noch auf den Jahrmarkt?«, fragte Summer weiter.

»Natürlich, du etwa nicht?« Ashley hatte ihren Rundgang durch das Wohnzimmer beendet und stellte sich jetzt vor Summer.

»Ich muss auf meinen kleinen Bruder warten. Er läuft gerade eine Runde mit seinen Freunden und sollte bald zurück sein.« In dem Moment klingelte es an der Tür und sie hörten Kinder rufen. »Moment.«

Sie kümmerte sich um die laute Schar und kam anschließend zurück ins Wohnzimmer.

»Wenn du möchtest, könnt ihr uns begleiten«, bot Milo verlegen an und ignorierte den Blick, den Ashley ihm zuwarf. Sie mochte es nicht, wenn sich jemand in ihre Planung einmischte. In der High School würde sie vermutlich Präsidentin von sämtlichen Clubs werden, um die Herrschaft über –

»Hey, das wäre klasse!«, riss Summer ihn aus seinen Gedanken und strahlte ihn an. »Dann wären wir nicht nur zu zweit und mein Bruder hätte jemanden in seinem Alter zum Reden.«

»Hat er keine Freunde?«, fragte Ashley und verdrehte die Augen.

»Ash! Summer hat eben gesagt, dass er mit ihnen unterwegs ist, vermutlich wollen sie nur nicht auf den Jahrmarkt oder-«

»Sie waren vor der Runde«, warf Summer ein. Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

»Entschuldigung«, sagte Ashley, senkte den Kopf und schaute auf ihre Schuhspitzen.

»Eine echte Entschuldigung«, mahnte Milo, der ihre Masche kannte.

Sie seufzte, trat aber näher an Summer heran und blickte ihr in die Augen. »Entschuldige bitte. Mein Bruder sagt, ich bin oft zu forsch. Ich versuche, mich zu bessern und … würde mich freuen … wenn du und dein Bruder uns begleitet.«

Summer blickte verblüfft von Ashley zu Milo, bevor sie die Entschuldigung annahm.

Erneut klingelte es an der Tür und Summer begrüßte die Truppe. Es stellte sich heraus, dass ihr Bruder mit einer ordentlichen Süßigkeiten-Ausbeute zurück war. Seine Bilbo-Verkleidung hatte ihm offenbar einiges eingebracht.

»Sam!«, rief Tommy.

»Ihr kennt euch?«, fragte Summer, die ihm seine Tasche abnahm.

»Na klar.« Tommy war richtig aufgeregt und auch Kendra redete auf Sam ein.

»Wusste gar nicht, dass du einen kleinen Bruder hast«, kommentierte Milo, nachdem er all seinen Mut zusammen genommen hatte. Summer und er standen etwas abseits und ließen die Kinder reden.

»Woher auch?«, entgegnete sie. »Aber deine Schwester ist echt ein harter Brocken.« Sie lachte und stupste ihn an.

»Sie kann fies sein, hat aber ein gutes Herz. Wirst du sehen, wenn ihr mitkommt«, verteidigte er Ashley. Auf seine Schwester ließ er nichts kommen. Milo lächelte Summer an und konnte sich kaum von ihren braunen Augen und den feinen Sommersprossen auf der Nase losreißen.

»Und was werde ich noch sehen?«, fragte sie neckend und verzog den Mund zu einem verschmitzten Grinsen.

»Äh«, machte Milo. Er hatte keine Ahnung, wie er reagieren sollte. Er spürte, wie sein Herz in seiner Brust hämmerte und seine Hände schwitzig wurden. »Also …«

»Du gehörst nicht zur gesprächigen Sorte, oder? Das wirkt in Philosophie aber anders.« Summer zwinkerte ihm zu.

Überrascht sah er sie an. »Hätte nicht gedacht, dass du weißt, dass ich in deinem Kurs bin.« Nervös fuhr er sich mit den Händen über den Nacken, weil er plötzlich nicht mehr wusste, was er mit ihnen machen sollte. Hosentaschen hatte er keine. Sollte er die Arme verschränken? Sah das nicht abwehrend aus? Wieso fühlte er sich plötzlich so unbeholfen? Sie war ein Mädchen, nicht sein Vater, der ihm eine Standpauke hielt!

»Wer so viel zu sagen hat und immer mit Mr Ross diskutiert, fällt auf.«

»Öhm.«

»Mann, Milo! Das kann man sich ja echt nicht mit ansehen.«

Milo zuckte erschrocken zusammen. Seine kleine Schwester stand kopfschüttelnd neben ihm und schaute ihn mitleidig an.

»Wir sollten losgehen, bevor du dich weiter blamierst. Da du mir so leidtust, erspare ich dir die letzten drei Häuser.« Sie grinste gönnerhaft. Wie vom Donner gerührt starrte er sie an.

Summer neben ihm brach in Gelächter aus.

»Nun zu dir. Wenn du nicht verkleidet bist, darfst du nicht mit«, bestimmte Ashley und musterte Summer, die prompt verstummte.

»Wir gehen doch nur auf den Jahrmarkt«, warf Milo ein.

»Na und? Das ist kein Grund für fehlende Verkleidung.« Sie sah dabei so ernst aus wie Snape, der gerade Harry runterputzte.

»Ich habe eine Robe und einen Ravenclaw-Schal«, bemerkte Summer nach kurzer Überlegung.

»Darüber können wir verhandeln.«

Summer holte die Sachen aus ihrem Zimmer.

»Sie kann Luna sein!«, warf Tommy ein. Milo grinste. Wenigstens der Kleine stand auf Summers Seite.

»Aber Luna ist blond, sie nicht.« Ashley verschränkte die Arme vor der Brust. Milo horchte auf. Hatte sie etwa heimlich die Folgebände gelesen?

»Cho Chang?«, fragte Kendra.

»Ih, die mag doch keiner!«

»Wer denn dann? Ginny?«, fragte Sam.

Ashley warf ihm einen finsteren Blick zu. »Da sollte wohl jemand die Bücher lesen, wenn er nicht weiß, dass Ginny – wie übrigens alle Weasleys – in Gryffindor gelandet ist. Außerdem hat sie rote Haare.«

»Ich kann auch eine Mütze aufsetzen, dann ist die Haarfarbe egal«, schlug Summer vor.

»Gute Idee!«, rief Milo.

Ashley zog eine Schnute, stimmte aber zu. Sie tranken aus und machten sich auf den Weg. Dabei ließ Milo seine Perücke samt Bart »aus Versehen« bei Summer liegen. Er grinste in sich hinein.

»Sei nicht zu selbstbewusst, mir ist nicht entgangen, dass du deine Verkleidung nicht ernst genug nimmst«, sagte Ashley plötzlich mit Grabesstimme neben ihm. Sie hielt ihm seine Nemesis hin. »Anziehen oder ich geh petzen.«

»Manchmal bist du echt mies.« Milo verdrehte die Augen. »Du hättest als Tom Riddle gehen sollen.«

»Das war nicht viel netter«, bemerkte Ashley trocken, ließ die Hand aber sinken. Sie sah ganz und gar nicht glücklich aus.

»Habe ich wohl von dir gelernt.« Er legte ihr einen Arm um die Schulter. »Wenn du mich nicht zwingst, diesen Pelz zu tragen, kriegst du so viel Zuckerwatte, wie du essen kannst.«

Ashley musste nicht lange überlegen. »Und Popcorn.«

»Alles klar, aber erzähl es nicht Mom.« Er zwinkerte ihr zu und drückte sie an sich. Mit einem Seufzen verstaute sie die Perücke neben den Süßigkeiten und schloss zu Tommy auf, der gerade mit Kendra und Sam diskutierte.

»Bestichst du deine Schwester oft?«, fragte Summer hinter ihm.

Sein Mund klappte auf. Sobald er sie ansah, war sein Kopf wie leer gefegt. Wenn er den restlichen Abend mit ihr verbringen wollte, sollte sich das schnellstens ändern. Sie würde sonst sicher das Interesse an ihm verlieren – wenn sie überhaupt interessiert war. Er gehörte nicht gerade zu den Beliebten, aber offenbar war er ihr trotzdem aufgefallen. War das nicht ein gutes Zeichen?

Er merkte, dass sie auf eine Antwort wartete. »Erzähl mir nicht, dass du deinen Bruder noch nie bestochen hast«, wagte er sich vor.

Ihre Mundwinkel zuckten. Sie lief jetzt neben ihm und er konnte schwören, einen Hauch ihres Parfüms in der Nase zu haben. Blumig.

»Vielleicht.«

Er schnaubte belustigt. »Aber dein Bruder wird vermutlich vernünftige Preise haben, nicht so wie mein kleiner Giftzwerg.«

»Ich mag sie«, behauptete Summer.

»Das sagen unsere Eltern auch … Wenn sie schläft.« Milo musste lachen, fragte sich aber sofort, ob er das hätte sagen dürfen. Es warf kein gutes Licht auf ihn und seine Familie.

Doch Summer stimmte mit ein. »Sie ist sicher herausfordernd, aber Durchsetzungsvermögen kann nicht schaden. Und sie wirkt auch nicht wie eine Mobberin, also alles gut.«

Ashley warf ihnen einen Blick über die Schulter zu. Milo musste sich auf die Lippe beißen, um nicht loszukichern.

Sobald sie sich umdrehte, sah er zu Summer, die ebenfalls ein Lachen unterdrückte. Ihm wurde plötzlich warm – und das lag nicht an seinem Kostüm.

»Pass lieber auf, sonst landest du auf ihrer schwarzen Liste.« Da fiel ihm auf, dass er ja doch ein normales Gespräch mit ihr führen konnte. Jetzt musste er nur im Rhythmus bleiben. Lieber nicht zu viel drüber nachdenken, sonst erstarrte er wieder.

»Stehen da die bösen Mädchen drauf?«, fragte sie.

Milo musste schlucken. Immer schön cool bleiben. Aber was antwortete man darauf?

»Bisher vermutlich nur ich und ein paar Jungs, die ihr an den Haaren gezogen haben.«

»Als großer Bruder hast du da vermutlich ein Abo drauf.«

»Wie ist das bei euch? Versteht ihr euch gut?«, fragte er, um von sich abzulenken.

»Sam ist unkompliziert. Zweimal die Woche passe ich auf ihn auf und wir unternehmen etwas zusammen. Ich glaube, er mag mich mittlerweile ganz gern.« Sie zuckte mit den Schultern.

»Das klingt nicht, als ob es immer so gewesen ist«, hakte Milo vorsichtig nach.

Sie wiegte den Kopf hin und her, als würde sie überlegen, wie viel sie ihm erzählen sollte.

»Entschuldige die Frage. Ich wollte nicht -«

»Schon gut«, unterbrach sie ihn. »Es ist nur so, dass sich meist niemand dafür interessiert.« Sie rieb sich über die Arme. »Wir sind keine leiblichen Geschwister, sondern wurden von unseren Eltern zusammengewürfelt. Mein Dad und seine Mom sind seit zwei Jahren zusammen. Es war für Sam nicht leicht, uns als neue Familie zu akzeptieren.«

»Und was ist mit dir?«, fragte Milo weiter.

Summer schaute ihn mit einem merkwürdigen Blick von der Seite an. »Ich fand es auch nicht gerade prickelnd, aber mein Vater ist glücklich mit ihr, also …«

»Opferst du dich für das Wohl der Familie und sagst nichts weiter dazu«, mutmaßte Milo. Das kam ihm bekannt vor, obwohl seine Situation kaum mit ihrer vergleichbar war.

Summer presste die Lippen zusammen. Hatte er etwas Falsches gesagt?

»So ungefähr«, gab sie schließlich zu. »Komisch, das jemandem zu erzählen.«

»Wieso redest du nicht mit Courtney darüber? Ihr seid gute Freundinnen, oder nicht?«, fragte er und fühlte sich prompt wie ein Stalker.

»Du weißt doch, wie das ist. Man hat Freunde und Freunde-Freunde. Die einen interessieren sich nur für ihre eigenen Probleme und die anderen finden ab und an auch Zeit für dich.«

Das kannte er nur zu gut. »Und Courtney gehört zur ersten Sorte.«

»Ganz genau«, antwortete sie, obwohl es keine Frage war. Sie lachte trocken auf. »Selbst wenn es mal ganz schön ist, diese Dinge laut zu sagen, sollten wir vielleicht das Thema wechseln.« Sie schenkte ihm ein schmales Lächeln, das ihre Augen leuchten ließ. »Sonst kriegen wir nur schlechte Laune. Das wäre den Kleinen gegenüber blöd.«

Sie hatten den Jahrmarkt inzwischen erreicht. Wie immer war der Eingang festlich geschmückt, ein Pantomime begrüßte sie, ein Clown daneben verkaufte Ballons. Summer besorgte einen und band ihn Kendra um, da Ashley sich weigerte, wie ein kleines Kind behandelt zu werden. Milo sah, dass sich Kendra insgeheim freute und immer wieder den Ballon – ein Einhorn – antippte.

»Damit wir sie in der Menge leichter finden«, flüsterte Summer Milo zu und hakte sich bei ihm unter.

Sein Körper versteifte sich und er konnte nur nicken. Ihre Hand lag warm auf seinem Arm und er mochte, wie ihre Hüfte ab und an seine streifte. Wenn er mutiger wäre, würde er sie an sich ziehen. Vielleicht später. Erst sollte er wohl herausfinden, ob sie ihn mochte oder ob sie sich nur mit ihm unterhielt, weil er in ihrem Alter war. Aber eins stand fest: Er unterhielt sich gern mit ihr und wollte mehr über sie erfahren.

Sie schlenderten an den ersten Buden vorbei und er hielt nach Popcorn und Zuckerwatte Ausschau, um seine Schuld bei Ashley zu begleichen. Es roch bereits nach dem süßen Zeug. Sobald er einen Stand entdeckte, kaufte er den Kindern eine große Tüte und sich selbst und Summer eine kleine. Ein bisschen Spaß musste sein.

Ashley strahlte ihn an und stopfte sich eine Handvoll in den Mund. Manchmal verhielt sogar sie sich wie eine Neunjährige.

Milo schüttelte belustigt den Kopf, probierte sein Popcorn und bot Summer etwas an, während er sich das Salz von den Fingern leckte.

»Damit sind sie den Rest des Abends versorgt«, kommentierte sie und steckte sich ein Stück in den Mund.

»Zur Not haben sie auch noch ein paar Süßigkeiten.« Er schmunzelte.

»Ein paar.« Summer begann zu lachen und hakte sich erneut bei ihm unter. Ihm fiel auf, dass sie die Nase lustig kräuselte, wenn sie lachte.

Sie passierten ein paar Buden und die Kinder versuchten sich im Dosenwerfen und an den Angelspielen. Milo nahm es auf sich, seiner Schwester einen Teddy zu besorgen – davon hatte sie ja zum Glück erst drei zu Hause. Seine Mutter würde ihn vermutlich umbringen, wenn er ihnen noch so ein riesiges Plüschmonster anschleppte. Aus Versehen ging der ein oder andere Schuss ins Leere, sodass für Ashley nur ein kleines Exemplar heraussprang. Als sie weiterzogen, gewann er für Summer einen Anhänger, den er ihr später geben würde – wenn er sich traute.

Er schloss zu den anderen auf und nahm die inzwischen nur noch halb volle Popcorntüte von Summer entgegen.

»Hast du was vergessen?«, fragte sie.

Was jetzt? Sollte er lügen? Vermutlich mochte sie das nicht besonders, selbst wenn es um eine Überraschung ging. »Ich …« Er seufzte innerlich und zog den Anhänger aus der Tasche. »Für dich.«

Überrascht schaute sie ihn an, als er ihr den Gewinn überreichte. Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, als sie den roten Panda musterte. Er hatte keine Ahnung, ob Mädchen die Tiere mochten, aber es erschien ihm besser als die typischen Teddys, Einhörner oder Katzen.

»Danke, Milo. Das ist echt süß. Woher wusstest du, dass ich Katzenbären mag?«

»Äh … Wirklich?« Oder veralberte sie ihn?

»Puh, gut, dann bist du doch nicht so ein Stalker, wie ich vorhin befürchtet habe.« Unsicher sah er sie an. Sie musste merken, dass er sich verloren fühlte, da sie ihm eine Hand auf den Arm legte. »Ich mag sie wirklich. Vielen Dank. Auf meinem Mäppchen ist einer und ich will mir bald einen stechen lassen.«

Misstrauisch musterte er sie. »Weißt du schon, wo?«, fragte er, um sie zu testen.

»Vielleicht.« Sie grinste verschmitzt, wovon ihm schwindelig wurde.

Die Kinder waren zum Geisterhaus weitergezogen und warteten dort auf sie.

»Was macht ihr denn die ganze Zeit?!«, beschwerte sich Ashley und tippte mit dem Fuß auf den Boden.

Milo warf sich lässig etwas Popcorn in den Mund und zuckte mit den Schultern. »Ihr seid nur zu schnell.«

»Können wir reingehen?«, fragte Sam seine Schwester. Die sah von ihm zum Geisterhaus und wieder zurück.

»Aber ihr müsst zusammen bleiben«, entschied Summer.

Erst jetzt bemerkte Milo, wie viel los war. Viele Familien und Jugendliche waren unterwegs. Unter ihnen erkannte er ein paar Gesichter aus der Schule. War es schon von Anfang an so voll?

Sie zahlten den Eintritt und liefen dicht hinter den Kindern her, die das ganze Haus erkunden wollten.

Im Inneren war es überraschend ruhig. Im Hintergrund konnte man mal Wasser tropfen, mal Schritte hören. Ab und an erklangen Schreie oder Gelächter. Es war dunkel, hier und da standen elektrische Kerzen und erhellten die Szenerie nur spärlich. Neben den Kürbissen und Spinnennetzen fanden sich auch Skelette, Mumien und Geister.

Als ihnen ein Mitarbeiter mit aufgemaltem fluoreszierenden Skelett entgegensprang, quiekte Summer und hielt sich an Milo fest. Er legte beschützend einen Arm um sie, was sie nicht zu stören schien. So liefen sie gemeinsam durch das Haus. Es war nicht leicht, die Kinder im Auge zu behalten, aber sie schafften es gemeinsam nach draußen.

»Das war cool!«, verkündete Sam und strahlte über das ganze Gesicht. Die anderen stimmten mit ein und plauderten aufgeregt darüber, was sie gesehen hatten.

Milo kicherte in sich hinein, Summer noch immer im Arm.

Ashley warf ihm einen kurzen Blick zu, ein Mundwinkel hob sich, aber sie sagte nichts dazu. Das hieß wohl, dass Summer ihren Segen hatte.

»Wie läuft eigentlich dein Abschlussjahr? Kommst du zurecht?«, fragte Milo nach einer Weile.

Sie sackte in sich zusammen. »Lass uns nicht darüber reden, ja?«

»So schlecht?«, hakte er nach und biss sich auf die Lippe.

»Du weißt doch, wie Lehrer sind. Jeder versucht, den anderen mit Aufgaben zu übertreffen. Aber ich habe mir auch zu viele Kurse vorgenommen, vermutlich liegt es daran, dass mir alles über den Kopf wächst.«

»Hey, wenn du willst, können wir uns gegenseitig helfen. Aber beeindruckend, dass du trotzdem Zeit für Sam findest«, wandte Milo ein, um sie aufzuheitern. Es schien zu funktionieren, da sie sich wieder aufrichtete.

»Es ist nicht leicht, aber ihm tun diese Nachmittage gut – und mir auch. Ich kann abschalten, weißt du? Ich mache mir viel zu viele Gedanken über alles. Mit dem Kleinen habe ich ein paar Stunden Ruhe.« Sie lehnte sich gegen Milo.

»Ich glaube, ich weiß, was du meinst. Schule ist so schon ätzend, das Drama nebenbei macht es da nicht besser. Kommt dir das Ganze manchmal auch wie ein sich selbst zerstörender Organismus vor?«, fragte er in Gedanken versunken. »Wir lassen uns fertigmachen und lassen es wiederum an jemand anderem aus. Ein Teufelskreis.« Er blinzelte und blickte verlegen zu Summer, die ihn mit großen Augen anstarrte. Mist! Jetzt wirkte er wie ein Psycho! »Sorry, das war etwas düster, ich-«

»Schon gut. Tatsächlich beschreibt das ziemlich treffend, wie ich mich fühle.«

Summer sah ihn so intensiv an, dass seine Knie weich wurden. Es kam ihm vor, als würde sie direkt in sein Innerstes blicken und dort alles freilegen, was er sonst lieber versteckte. Bei ihr konnte und wollte er ehrlich sein, statt sich hinter einem falschen Lächeln zu verbergen.

»Obwohl ich nicht drüber reden will, tut es echt gut, die eigenen Gedanken von dir zu hören.« Sie schenkte ihm eins ihrer kleinen, aber strahlenden Lächeln. Wenn er nicht schon längst Wachs in ihren Händen wäre, wäre das spätestens jetzt der Fall. Er hatte das Gefühl, dass er sich an ihr festklammern musste, um sich nicht zu verlieren.

»Können wir Riesenrad fahren?«, riss ihn Kendra aus seinen Gedanken.

Milo räusperte sich. »Klar.« An Summer gewandt meinte er: »Die Runde übernehme ich.« Schweren Herzens löste er sich von ihr. War er verrückt geworden? Er kannte sie kaum. Bisher hatten sie nur ein paar Worte gewechselt. Dass er sie schon seit Monaten aus der Ferne anschmachtete, konnte man schwer als »kennen« bezeichnen.

»Du magst sie«, stellte Ashley fest.

Er zuckte zusammen. Seine Schwester stand neben ihm und hatte den Kopf schief gelegt. »Vielleicht?«

Sie schnaubte. »Mir brauchst du nichts vormachen. Sie wirkt nett.« Ashley klang analytisch, als ob sie Summer komplett durchgecheckt hätte. Manchmal machte sie ihm Angst. Sie wirkte oft viel erwachsener und ernster, als ihr guttat.

»Schon«, druckste er herum.

»Worauf wartest du dann? Auf eine Einladung?«

»Wusste gar nicht, dass du seit Neustem Expertin in diesen Dingen bist«, bemerkte Milo schmunzelnd.

»Ich bin in allen Bereichen unschlagbar. Wenn‘s dir hilft: Ich glaube, sie mag dich auch.«

»Aha?«

»Sie ist zumindest noch nicht schreiend weggerannt. Ein gutes Zeichen.« Ashley stupste ihn in die Seite und nahm ihm die vier Kinderkarten ab. »Viel Glück.«

Belustigt schaute er ihr nach, als sie zu den anderen lief und sie zu einer der Kabinen zerrte. Er folgte ihr langsam und hielt Summer ihre Karte hin.

»Sie wollten ohne mich einsteigen«, erklärte sie.

»Dann müssen wir uns wohl oder übel eine zu zweit teilen.«

»Müssen wir wohl. Aber ich kann nicht behaupten, dass ich besonders traurig darüber wäre.«

Sie stiegen ein und setzen sich nebeneinander. Sie blieben allein und konnten ungestört die Fahrt genießen, die Kinder befanden sich zwei Kabinen vor ihnen.

Das Riesenrad setzte sich ruckelnd in Bewegung. Milo hätte gewettet, dass er noch nie mit so einem hohen Teil gefahren war. Es hatte zudem ordentlich Tempo drauf. Summer stieß einen überraschten Laut aus, als es schnell aufwärts ging.

»Hoffentlich verkraften das die Kinder«, meinte sie und lehnte sich an ihn, während sie den Blick über die Stadt schweifen ließ.

»Die werden ihren Spaß haben, glaub mir.«

»Solange das Popcorn drin bleibt.« Summer kicherte.

»Wir haben auch welches gegessen, schon vergessen?«

»Oh Mist!« Sie hielt sich den Bauch, als ob ihr übel wäre, hörte aber nicht auf zu kichern.

Das Riesenrad hielt an. Sie waren noch nicht am höchsten Punkt, aber die Aussicht war atemberaubend. Überall funkelten Lichter.

»Von hier oben wirkt alles so winzig«, bemerkte Summer und lehnte den Kopf an seine Schulter. »Alle Probleme. Alle Sorgen.« Sie schnaubte. »Das muss wahnsinnig kitschig klingen.«

»Eine neue Perspektive kann manchmal helfen. Ich weiß, was du meinst.«

»Das Gefühl habe ich auch.«

Sie neigte den Kopf zu ihm und schaute ihn mit ihren großen, braunen Augen an. Augen, in denen er sich verlieren konnte. Augen, die- Er schüttelte sich innerlich.

»Ob alle dieselben Probleme und Unsicherheiten haben?«, fragte sie leise. »Ob es helfen würde, wenn wir einander offener begegnen und zuhören würden, statt nur zu reden? Über Sinnlosigkeiten, die in einer Woche sowieso niemanden mehr interessieren?« Summers Augenbrauen zogen sich zusammen.

»Vielleicht.« Er traute sich nicht, einen Arm um ihre Schulter zu legen, da er dafür zuerst Abstand zwischen sich und sie hätte bringen müssen. Sie würde es bestimmt falsch verstehen und denken, dass er sie nicht so nah bei sich haben wollte. Dabei war das Gegenteil der Fall. Sie konnte ihm gar nicht nah genug sein.

»Weißt du, ich freue mich jeden Tag auf Philosophie. Es ist spannend, dir während der Diskussionen zuzuhören, obwohl ich dir nicht immer folgen kann.« Sie drehte den Kopf weg, doch Milo hatte nichts dagegen. So konnte er sie wenigstens ungeniert betrachten. Ihre Sommersprossen zählen.

»Ich hätte nicht gedacht, dass irgendjemand die Diskussionen ansprechend findet.« Er lachte leise.

»Na ja, einige Themen sind wirklich hohl. Aber darum geht es mir nicht.« Sie brach ab, schien zu überlegen, ob sie weiter darauf eingehen sollte. »Um auf dein Angebot von vorhin zurückzukommen: Ich würde mich gern mit dir treffen«, sagte sie euphorisch.

Milo blinzelte. Sie wollte wirklich Zeit mit ihm verbringen. Mit ihm? Das konnte nur ein Scherz sein – oder ein Traum.

»Klar!«, rief er etwas zu enthusiastisch. »Ich meine, gern, wenn du willst.«

»Vielleicht können wir auch mal etwas zusammen mit unseren Geschwistern unternehmen.«

Das dämpfte seine Freude.

Geschwister waren nicht Teil eines Dates. Wollte sie nur mit ihm befreundet sein? Und wäre das so ein schlechter Start? Da musste er nicht lange überlegen. Mit Summer würde er überall hingehen, solange sie ihn dabeihaben wollte.

Ihre Gondel glitt zum höchsten Punkt.

Er lehnte seinen Kopf gegen ihren und atmete ihren blumigen Duft ein.

Viel zu schnell ging es abwärts. Sie drehten noch zwei Runden, dann war die Fahrt vorbei und Summer musste sich von ihm lösen, damit sie aussteigen konnten. Mit wackligen Beinen kletterte er aus der Kabine und folgte ihr, streckte eine Hand nach ihr aus, um sie an sich zu ziehen.

Summer blieb plötzlich stehen und schaute sich nach allen Seiten um. Er ließ seine Hand fallen.

»Was ist?«, fragte Milo.

»Wo sind die Kinder?«