Verlag: Coppenrath Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

Halva, meine Süße E-Book

Ellen Alpsten  

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Bestseller

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E-Book-Beschreibung Halva, meine Süße - Ellen Alpsten

Teheran 2002: Nachdem der Vater der 8-jährigen Halva Mansouri nur mit viel Glück der Willkür und Folter im iranischen Gefängnis entkommen ist, sieht die Familie keinen anderen Ausweg, als mit Hilfe eines einflussreichen Bekannten aus dem Iran zu fliehen. Zehn Jahre später: Halvas Familie hat sich in Deutschland eine erfolgreiche Existenz aufgebaut. Ihre Eltern führen ein gut laufendes Café, ihr Bruder Mudi hat gerade mit seinem Jurastudium begonnen und sie selbst steht kurz vor ihrem Schulabschluss. Auf einer Erstsemesterparty lernt sie Kai kennen, einen Kommilitonen von Mudi. Für Halva ist es Liebe auf den ersten Blick und auch Kai schwebt auf Wolke Sieben. Doch auf einmal beginnt ihre Familie, die Treffen mit Kai zu verhindern. Halva ist völlig verwirrt: Was stört ihre sonst so weltoffenen Eltern an der Beziehung zu Kai? Und was hat es mit den Briefen auf sich, die plötzlich aus Teheran eintreffen? Als Halva schließlich hinter das Geheimnis ihrer Familie kommt, wird ihr klar, dass nicht nur ihre Liebe zu Kai, sondern ihre gesamte Zukunft auf dem Spiel steht. Denn der Preis, den ihre Eltern damals für die Flucht aus dem Iran gezahlt haben, war sehr hoch ...

Meinungen über das E-Book Halva, meine Süße - Ellen Alpsten

E-Book-Leseprobe Halva, meine Süße - Ellen Alpsten

ISBN 978-3-649-61242-1 (eBook)

eBook © 2012 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Text: Ellen Alpsten

Umschlag- und Innenillustrationen: Tina Kraus

Lektorat: Nicola Dröge, Sara Mehring

Satz: Sabine Conrad, Rosbach

www.coppenrath.de

www.facebook.com/coppenrathverlag

www.ellenalpsten.com

»Immer, wenn du Halva isst, dann sollst du an mich denken. An mich und daran, wer du bist und wo du herkommst. Du darfst das nie vergessen, vor allen Dingen, weil du von morgen an überall eine Fremde sein wirst. Wenn du Halva isst, dann denk an Teheran.«

Ein Wintermorgen in Teheran

2002

»Was für ein verrücktes Land, in dem man sich drinnen freier fühlt als draußen an der frischen Luft. Wir führen ein Leben zwischen zwei Welten!«, sagte Mamii, als sie ihrer Tochter Raya die Tür öffnete und sie zusammen mit Halva und Mudi hineinließ.

Halva trat über die dunkelrote Schwelle des Hauses ihrer Großmutter. Bei Mamiis lang zurückliegender Hochzeitsfeier war ein Widder geschächtet worden, dessen Blut den Hauseingang getränkt hatte.

Mamii schloss die Tür hinter ihnen und schob den Riegel vor. »Wir haben Glück. Sowohl Strom als auch Wasser sind gerade wiedergekommen.«

Halva sah sich um, als sie aus ihren Schuhen schlüpfte und die Socken auszog. Sie lief am liebsten barfuß. Durch die Stuckdecke der Eingangshalle sprangen Risse vom letzten Erdbeben – laut den Männern, die im Iran bestimmten, waren nur der Ungehorsam und das unmoralische Verhalten der Bevölkerung an den Erdbeben schuld. Von den Säulen bröckelte der Putz und in dem Mosaik des leeren Brunnens in der Mitte fehlten etliche bunte Steine. Als Mudi seine Schuhe auszog, ragte sein großer Zeh aus der linken Socke. Halva unterdrückte ein Kichern, als er ungeschickt die Wolle um seinen großen Onkel wickelte und ihr dann voranhumpelte.

»Seid ihr ohne Probleme hergekommen?«, fragte die Großmutter, während sie ihren Mantel und das eng gewickelte Kopftuch abstreifte. Frauen durften sich im Iran in der Öffentlichkeit nicht unverhüllt zeigen, und obwohl Mamii nur kurz über die Schwelle getreten war, hatte sie sich zur Sicherheit umgezogen. Nun strich sie sich das volle grau melierte Haar zurecht. Halva hatte ihre dichten schwarzen Haare, die ihr lang und offen über die Schultern fielen, von ihrer Großmutter geerbt.

»Ja. Wir mussten nur einmal warten«, antwortete Halvas Mutter und legte ebenfalls ihr Kopftuch ab. »Drei Offiziere haben einen Wagen mit zwei jungen Leuten darin kontrolliert. «

»Und? Waren sie ein Liebespaar?«, wollte Mamii wissen.

»Anscheinend nicht. Wohl eher Bruder und Schwester. Was den Polizisten nicht gepasst hat. Die hätten sich das Bußgeld sicher gerne eingesteckt, um ihre eigene Miete zu bezahlen!«

Mamii ging ihnen voran. Der altmodische Schnitt ihres bodenlangen, geblümten Kleides, das bei jedem Schritt um ihre Beine schwang, konnte nicht verbergen, wie teuer es einmal gewesen war.

Raya und die Kinder folgten ihr in einen kleinen Raum, auf dessen Regalen früher unzählige Bücher gestanden hatten. Heute waren die Wände kahl. Es war kalt und roch staubig und das bunte Glas der Fenster filterte den kühlen Glanz des Januarschnees.

Doch, ja, Tausende von Büchern waren es gewesen, schwor Raya, wenn sie Halva von ihrer eigenen Kindheit erzählte. Tausende, bis Mamii und Halvas Großvater die Bücher in einer warmen Herbstnacht vor mehr als dreißig Jahren verbrannt hatten. Nach der islamischen Revolution und dem Sturz des Schahs – Halva kannte sein Gesicht nur von ausgeblichenen Fotos – kamen die Mullahs an die Macht. Offen zur Schau getragenes Interesse an westlicher Literatur war nicht empfehlenswert. Halvas Großvater war trotzdem abgeholt und im Gefängnis erschossen worden. Warum, wusste Halva nicht. Mamii hatte nie darüber geredet.

»Jetzt ist es also so weit, Raya«, sagte Mamii rau. Sie setzte sich auf eines der Kissen rund um den niedrigen Tisch, auf dem in kleinen silbernen Schalen Pistazien, Datteln und Schokolade auf die Besucher warteten. Halva ahmte die Art ihrer Großmutter zu sitzen nach. Sie betrachtete die Naschereien hungrig, aber rührte nichts an, da Mamii sie noch nicht dazu aufgefordert hatte. Zum Glück hatte sie in ihrer eigenen Wohnung noch von ihrem geheimen Vorrat an Pofak Namaki, einer Art Käsechips, genascht.

»Das ging schneller als erwartet«, fügte Mamii nach einer kurzen Pause hinzu.

Raya nickte. »Ja, Cyrus kennt jemanden, der uns helfen konnte. Einer seiner Freunde beim Militär. Du weißt schon, Bijan. Der, der vier Söhne hat.« Auch ihre Stimme klang belegt.

»Bijan? Ist das nicht der, der ihm auch aus dem Gefängnis geholfen hat?«

Raya nickte nur.

»Ah ja. Und neben den vier Söhnen hat dieser Bijan auch eine Frau, die Schmuck liebt, wie ich sehe«, sagte Mamii und deutete auf Rayas blanken Ringfinger. Nur ein weißer Streifen Haut verriet, dass dort vor einigen Tagen noch der große Diamantring aus Mamiis Familie geglitzert hatte. Halva hätte ihn einmal erben sollen.

Raya zuckte nur mit den Schultern. »Wir haben unsere Visa sehr schnell erhalten. Viel schneller als üblich. Bijans Vetter hat Beziehungen zur deutschen Botschaft hier. Sonst hätten wir Jahre warten müssen. Vielleicht unser Leben lang. Das konnten wir nicht riskieren.«

Der Blick aus Mamiis hellen grünen Augen ließ Raya nicht los. Auch diese Augen hatte sie von Mamii geerbt, dachte Halva stolz und studierte unauffällig, wie sorgfältig die Großmutter ihren schwarzen Lidstrich mit Khôl gezogen hatte. Mit ihren nackten Zehen strich Halva über die feinen bunten Fäden der vier übereinanderliegenden Teppiche. Es fühlte sich schön an. Kühl, weich und wertvoll.

Mamii griff über den Tisch nach Rayas Hand. »Bist du dir sicher? Ist das wirklich das Richtige?«

Raya schloss ihre Finger fest um die ihrer Mutter. »Cyrus sagt Ja.«

»Cyrus sagt, Cyrus sagt …«, äffte die Großmutter ihre Tochter nach, verstummte aber, als Raya warnend zischte.

»Nicht vor den Kindern, Mutter, bitte. Hast du mir nicht beigebracht, meinen Mann zu ehren, so wie du meinen Vater geehrt hast?«

»Das waren andere Zeiten. Und auch ein anderer Mann, wenn ich wenigstens das sagen darf. Seit wann lässt du dich von Cyrus beeinflussen?«

Raya schüttelte den Kopf. »Es ist genau umgekehrt und das weißt du. Cyrus ist ein guter Mann. Ich behandele ihn nach der Art aller Frauen, indem ich ihm beipflichte und meine Ideen in die seinen webe, bis er sie für seine eigenen Vorschläge hält.«

Mamii kräuselte die Lippen. »Und was erwartet dich in Deutschland? Hier weiß jeder, wer du bist. Du stammst aus einer der vierzig Familien, die seit Jahrhunderten die Geschicke dieses Landes gelenkt haben! Alle, auf die es ankommt, kennen unseren Namen. Und dort? Dort kannst du als Putzfrau arbeiten. Und Cyrus …«

»Cyrus hat hier schon lange keine Karriere mehr. Und nun müssen wir auch noch um sein Leben fürchten …«

»Hatte er denn je eine Karriere?«, unterbrach Mamii sie.

»Unter normalen Umständen hättest du nie, aber auch NIEMALS einen solchen Mann geheiratet. Vielleicht hätten wir ihn als Chauffeur eingestellt, aber …«

»Was hätte ich denn tun sollen? Wer wollte mich denn noch, nachdem Vater …« Raya stockte. »Und du weißt genau, wie erfolgreich Cyrus beim Militär war! Es ist ja wohl nicht seine Schuld, dass er damals im Irakkrieg das Auge verloren hat. Seit zwanzig Jahren schiebt er nun auf seinem Schreibtisch in der Amtsstube Papiere von rechts nach links. Weißt du, was das aus einem Menschen machen kann?« Sie senkte ihre Stimme. »Genug davon. Ich denke nicht an mich, wenn wir gehen.«

»Sondern?«, fragte Mamii herausfordernd.

»Was glaubst du denn? Ich denke an meine Kinder. Vor allen Dingen an Mudi.« Raya strich ihrem Sohn durch seine dichten schwarzen Haare. »Er ist jetzt zehn Jahre alt, schon fast ein Mann. Meinst du, ich will, dass er einer von ihnen wird? Jemand, der Frauen verachtet und jeden hasst, der anders denkt als er? Der Menschen foltert und tötet? Dem jede Freude an Musik, an Kunst, an allem Schönen abhandengekommen ist? Mudi soll nicht einer ihrer Handlanger werden, einer ihrer Henker. Mein Sohn darf nicht zu einer Welt beitragen, in der Menschen mit Geist und Seele keinen Platz haben. Das würde mir das Herz zerreißen. In Deutschland kann er zur Schule gehen und studieren.«

»Hier kann er genauso gut studieren!«, mahnte Mamii.

Raya fuhr auf. »Und was dann? Fast ein Viertel aller Teheraner ist arbeitslos. Auf dem Land ist es sogar die Hälfte aller Menschen! Die Hälfte, Mutter! Und was ist, wenn man eine Arbeit findet? Dann kann man es sich doch trotzdem nicht leisten, eine Familie zu gründen – geschweige denn, in einem eigenen Haus zu leben. Weißt du, dass sich vergangene Woche auch der zweite Sohn unserer Nachbarn umgebracht hat? Seine Lage war hoffnungslos, schrieb er in seinem Abschiedsbrief.« Raya schüttelte den Kopf. »Nein. Mudi soll Anwalt werden oder sogar Richter wie Papa. Er kann … frei sein. Wirklich frei. Freiheit ist mit nichts aufzuwiegen. « Sie sah wieder auf ihren nackten Ringfinger und zuckte die Achseln.

Mamiis Augen füllten sich mit Tränen, doch sie nickte.

»Was will Cyrus in Deutschland tun?«

»Vielleicht eröffnen wir ein Café«, sagte Raya. Halva spitzte die Ohren.

»Ein Café?« Die Großmutter spuckte das Wort geradezu aus, ehe sie aufstand, aus dem Raum ging und dann mit einem Tablett mit einer Kanne Tee, vier Schalen und einem Teller mit Zuckerstücken darauf wiederkam. Sie alle legten sich ein Zuckerstück auf die Zunge und tranken den Tee darüber hinweg, sodass sein herber Geschmack sich mit der Süße des Zuckers mischte. »Ein Café«, wiederholte Mamii. »Meine Tochter bedient andere Leute.« Dann fragte sie lauernd: »Nehmt ihr Miryam mit?«

»Nein. Cyrus sagt, sie sei zu jung.«

»Sie ist doch kaum älter als Halva, oder? Gerade mal vierzehn oder fünfzehn Jahre?«

Halva nickte. Miryam war zwar als Halbschwester ihres Vaters streng genommen ihre Tante, aber sie war nur sechs Jahre älter als sie selbst. Miryam und sie waren fast wie Schwestern. Aber wenn sie nun nach Deutschland zogen – Mudi und sie hatten das Land erst vor Kurzem überhaupt auf der Landkarte entdeckt –, würde sie Miryam dann je wiedersehen?

Mamii griff zu den Datteln und bot Mudi und Halva davon an, wobei sie ihren besorgten Blick eine Weile auf Halva ruhen ließ.

Beide Kinder nahmen wohlerzogen je eine Frucht, und Halva saugte bedächtig an dem süßen Fleisch, während Mudi sich sofort die ganze Dattel in den Mund stopfte. Vom Saft bekam er Schluckauf und Raya sah ihn strafend an. Halva beobachtete ihren Bruder mit vergnügt funkelnden Augen. Mudi bekam den lustigsten Schluckauf der Welt, der über drei Oktaven ging.

»Und auf Halva passen wir natürlich gut auf«, versicherte Raya, der der Blick ihrer Mutter in Halvas Richtung nicht entgangen war.

Mamii hob den Kopf und musterte ihre Tochter scharf. »Cyrus hat doch nicht schon etwas arrangiert …? Oder weshalb hast du Bijans vier Söhne erwähnt?«

»Lass, Mutter.« Raya starrte schuldbewusst auf ihren blanken Ringfinger.

»Allah, steh uns bei«, flüsterte Mamii. »Und da sagst du, Freiheit sei mit nichts aufzuwiegen? Aber sie hat ihren Preis! Einen extrem hohen Preis, wenn du mich fragst.«

»Bijan hat mehr getan, als uns die Ausreise zu erleichtern. Er hat Cyrus das Leben gerettet, als er ihn aus dem Gefängnis geholt hat. Es hätte ihm sonst leicht ebenso ergehen können wie Vater damals«, flüsterte Raya.

Mamii seufzte. »Was musste Cyrus auch in seinem Büro Pamphlete kopieren?«

Raya hob hilflos die Schultern. »Das war er doch gar nicht. Er hatte jemandem seinen Schlüssel geliehen. Einem Freund …«

»Schöner Freund!«

»Aber das ist ja jetzt auch ganz egal. Es kann jederzeit wieder passieren, aber das nächste Mal kommt er nicht mehr lebendig heraus. Jetzt steht er auf ihrer Liste.« Raya strich Halva über das Haar. »Was kann ich denn schon tun?«, fragte sie und der leise Zweifel in ihrer Stimme war nicht zu überhören. »Das war eben Bijans Bedingung. Sonst hätten wir nie ausreisen können. Bis zu ihrem achtzehnten Geburtstag ist das doch bestimmt alles wieder vergessen.«

Bis zu wessen achtzehntem Geburtstag?, wunderte sich Halva. Miryams?

»Ja, was kannst du denn schon tun«, sagte Mamii. Ihr durchdringender Blick legte sich auf ihre Enkelin. »Nimm zwei Schokoladen, Halva.«

»Mamii, weshalb hast du nicht nur einen Teppich hier liegen, sondern gleich vier?«, fragte Halva.

Die Großmutter lächelte. »Die Teppiche sind meine Sparbüchse und meine Versicherung. Sollte es mal übel zugehen.«

Raya begann zu lachen. Sie bog sich nach vorn und lachte, bis ihr die Tränen übers Gesicht liefen. Glücklich sah sie dabei aber nicht aus und Halva legte ihrer Mutter besorgt die Hand auf die Schulter. Als Raya sich etwas beruhigt hatte, wischte sie sich die Augen und keuchte: »Sollte es mal übel zugehen! Sollte! Was muss noch geschehen, Mutter, damit du dir eingestehst, dass wir in der Hölle auf Erden leben? Soll es Atombomben regnen?«

Mamii fuhr auf. »Es gibt noch immer Überreste des alten Teheran. Der bunten, lebensfrohen und vornehmen Stadt, in der ich aufgewachsen bin! Schließlich sind es die Menschen, die ein Land ausmachen. Erst gestern nahm mich ein vollkommen Fremder in seinem Wagen mit, als ich den weiten Weg von der Bäckerei zurück kaum mehr geschafft habe. Wir haben uns vorzüglich unterhalten und viel gelacht.«

»Und als er dir aus dem Wagen half, ließ er noch ganz nebenbei deine Geldbörse verschwinden.«

»Woher weißt du das?«, fragte Mamii empört, aber auch beschämt.

»Das passiert hier doch jeden Tag. Wir werden zu einem Volk von Kleinverbrechern aller Art. Denn die Schwerverbrecher sind alle mit Regieren beschäftigt. Das sind die Menschen, die dieses Land ausmachen.«

Einen Augenblick lang herrschte eine ungemütliche Stille in der kleinen Bibliothek. Halva verlagerte ihr Gewicht auf dem Kissen und sehnte sich nach einem dritten Stück Schokolade. Als Mamii sie ansprach, zuckte sie zusammen.

»Sag mal, weißt du überhaupt, wie man Halva zubereitet? Ich meine, unsere Halva? Es ist ein geheimes Rezept, das nur die Frauen unserer Familie kennen.«

Halva schüttelte scheu den Kopf. Es gab einfach so viele Arten, das süße Konfekt, nach dem sie benannt war, herzustellen.

Mamii stand auf und zog Halva mit sich. »Das habe ich mir schon gedacht. Mudi und du, ihr könnt hier warten, Raya. Lasst euch die Schokolade schmecken. Halva, ich lasse dich nicht ziehen, ohne dass du weißt, weshalb du heißt, wie du heißt«, entschied Mamii und Halva folgte ihr durch die Halle in die Küche des Hauses.

In der Mitte des langen Raumes stand ein Holztisch, an dem gut zwanzig Leute ihre Arbeit verrichten konnten. In dem gusseisernen, vor rund fünfzig Jahren aus England importierten Ofen, der so aussah, als könne er das ganze Haus wärmen, brannte ein Feuer. Daneben sah Halva die breite Arbeitsfläche und ein tiefes Wasserbecken, in dem früher vor einem Festmahl ein gutes Dutzend Fische auf den Tod warteten. In dem großen Kamin konnte ein ganzes Rind gebraten werden und Kupferformen aller Arten und Größen hingen an Haken von der Decke, doch sie waren mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Es war eine Küche für eine Heerschar von Bediensteten. Für eine Familie, die die Feste feierte, wie sie fielen, und nicht für eine Frau, die allein mit den Schatten ihrer Vergangenheit lebte.

»Komm«, sagte Mamii zärtlich.

Halva gingen die Augen über. Auf dem Tisch standen Pakete mit Sesam, Nelken, Zimt, Pinienkernen und Mandeln neben einer Schachtel Eier, einem Glas Honig und Flaschen mit Öl und Rosenwasser. In den meisten Geschäften der Stadt waren die Regale so leer, dass ihre Mutter sich mit anderen Frauen um den letzten Laib Brot oder eine Flasche Milch stritt. Viele Ladeninhaber konnten es sich nicht mehr leisten, ihr Geschäft zu füllen, denn die Preise konnten sich zwischen zwei Bestellungen leicht verdoppeln.

Mamii musste das alles sorgfältig vorbereitet haben! Wo hatte sie nur all die Köstlichkeiten gefunden? Halva warf einen Blick durch die offene Tür zur Speisekammer, doch bis auf einige verstaubte Gläser mit Eingemachtem waren die Regale leer.

Mamii folgte ihrem Blick. »Ich wusste doch schon lange, dass du heute kommst.« Ihre Hand strich über die Pakete. Die Haut rund um ihre kurz geschnittenen Fingernägel war rot und rissig. »Was fehlt noch?«

»Das sieht alles schon so wunderbar aus«, sagte Halva. »Ich weiß es nicht, Mamii.«

Mamii lächelte. »Aber ich weiß es«, sagte sie sanft. »Wir werden uns vielleicht nie wiedersehen, Halva, und darüber bin ich sehr traurig, auch wenn ich nicht die richtigen Worte dafür finde.« Sie umarmte ihre Enkelin kurz, ehe sie aus einer Blechdose eine Lakritzstange nahm. »Lakritz ist es, was fehlt. So schwarz wie meine Stimmung, wenn ich daran denke, dass ihr geht, aber so glänzend wie deine Zukunft in dem fremden Land. So bitter wie meine Tränen bei unserem Abschied, aber süß wie meine Hoffnung für dich.«

Sie trennte die Eier und schlug ihr Weiß gleichmäßig zu Schaum. Ihre Bewegungen flossen aus dem Handgelenk und schon bald stiegen Berge aus Eischnee in der Schale auf, so hoch und weiß wie im Winter die Elburs-Berge im Norden der Stadt. Als Mamii behutsam den Honig darauf tropfen ließ, gab der Eischnee nicht nach, und schließlich siebte sie aus einiger Höhe den Sesam darüber.

»In die Halva muss Luft, sonst wird sie nicht locker, sondern hart wie Zement«, erklärte Mamii. »Mit schlampig zubereiteter Halva kannst du jemanden totschlagen!«

Dann maß sie die notwendigen Gewürze zwischen den Fingerkuppen ab. Halva sog den reichen Duft der Nelken und des Zimts ein und ihr wurde auf angenehme Weise schwindelig.

Schließlich hob Mamii die gehackten Pinienkerne und die Mandeln sachte unter. »Geschmeidig, Halva. Es muss immer alles geschmeidig und fließend sein. Bei Halva kannst und darfst du nichts erzwingen, genau wie in der Liebe. Du musst ihr die Luft zum Atmen lassen.«

Halva wollte von der Masse kosten, doch Mamii hielt ihre Hand fest. »Tststs. Noch nicht. Verdirb dir nicht die Freude. Warte, bis die Zeit reif ist. Auch das ist wie in der Liebe.«

Halva nickte, obwohl sie nicht viel von dem verstanden hatte, was die Großmutter ihr mit diesen letzten Worten sagen wollte.

Mamii verstrich den hellen Schaum auf einem Blech und schob es in den sonst leeren Kühlschrank. »Gott sei Dank ist der Strom wieder da. Nun müssen wir eine Dreiviertelstunde warten. Hast du noch so viel Zeit?«

Beim Abschied auf der dunkelroten Schwelle wickelte Mamii Halva ihren Hijab um den Kopf und steckte das Tuch sorgfältig mit einigen Nadeln fest. Dann reichte sie ihr eine verbeulte Blechdose. Halva öffnete sie: Darin lag, in Rauten geschnitten, das weiße Konfekt. Auf jedem Stück Halva klebte eine kleine runde Scheibe Lakritz und ein betörender Duft stieg Halva in die Nase. Sie schloss die Augen und sog ihn tief in sich ein. Dann hielt sie das Konfekt gegen das spärliche Licht des Winternachmittags. Durch die Halva zogen sich goldene Honigadern und über den Mandelsplittern lockte dunkel das Lakritz.

»Iss«, sagte Mamii und Halva gehorchte. Es war schaumig und fest, bitter und süß zugleich. Augenblicklich explodierte ein Feuerwerk von Genuss an ihrem Gaumen.

Mamiis Augen glänzten feucht. »Immer, wenn du Halva isst, dann sollst du an mich denken. An mich und daran, wer du bist und wo du herkommst. Du darfst das nie vergessen, vor allen Dingen, weil du von morgen an überall eine Fremde sein wirst. Wenn du Halva isst, dann denk an Teheran.«

Mamii umarmte sie und Halvas Nase wurde in den Mantel aus schwarzer Seide gedrückt. Die weite Allee im Norden Teherans, an der das Haus ihrer Großmutter lag, war so gut wie menschenleer. Die kahlen Bäume gaben den Blick auf den hässlichen Wildwuchs der Häuser frei. Viele der alten Villen waren verfallen oder abgerissen worden und an ihrer Stelle schossen Hoch- und mehrstöckige Mietshäuser wie Pilze aus dem Boden. Eine Schmutzschicht überzog die gesamte Stadt, die auch die dicken, feuchten Schneeflocken, die Mudis und Halvas Schuhsohlen durchweichten, nicht vergessen machen konnten. Das Wasser der Joorab, der kleinen Straßenkanäle, war gefroren, und an der Straßenecke gegenüber packte ein Händler einen Käfig mit bunten Kanarienvögeln ein. Gegen ein paar Münzen ließ er sonst die Tiere mit ihrem Schnabel ein Faal, einen Liebesvers, aus einem Haufen gefalteter Papiere ziehen. Doch heute wurden seine Dienste offensichtlich nicht mehr benötigt.

Am Ende der Straße bog ein Jeep ein.

Der Mann packte seine Vögel schneller zusammen und nahm dann die Beine in die Hand. Haustiere waren verboten, obwohl in vielen Geschäften Haustierfutter angeboten wurde.

Sowohl Raya als auch Mamii prüften instinktiv den Sitz ihres Mantels und des Kopftuchs, denn in dem Wagen saßen möglicherweise einige der gefürchteten Sittenwächter der Polizei.

Halva saugte an dem Konfekt und wieder rann geschmolzenes Gold durch ihre Adern. Nein, wenn sie in Zukunft Halva aß, wollte sie nicht an Teheran denken und an alles, was sie heute gehört hatte. Sondern nur an Mamii.

… ebenfalls ein Wintermorgen

Kai rieb sich kurz die Hände und blies einmal in die Luft, als er in der Dämmerung vor das Haus seines Vaters trat. Sein Atem wurde zu Wolken, und er sah dem weißen Hauch kurz nach, ehe er vorsichtig, um nicht auszurutschen, die Stufen hinunterging. Wie konnte es Ende Oktober schon so kalt sein? Irgendwie hatte das Jahr den Herbst vergessen. Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, stiegen krächzend einige Raben von den kahlen hohen Bäumen im Garten auf. Ihr schwarzes Gefieder stand wie Schriftzeichen im frühen Winterhimmel.

Sein Fahrlehrer Herr Steinlein wartete in seinem Opel Astra mit laufendem Motor vor dem hohen Gittertor. Die Scheinwerfer rissen Löcher in den Morgennebel, als Kai die Fahrertür aufzog, sich setzte und anschnallte. Er versuchte zu ignorieren, wie schnell und hart sein Herz schlug. Alles würde gut gehen. Kai grüßte seinen Fahrlehrer, was dieser mit einem Nicken erwiderte und sich knarzend in seinem Sitz zurechtrückte. Kai zwang sich, keine Miene zu verziehen. Er wusste genau, dass nicht das Leder geknarzt haben konnte, denn die Sitze des Opel Astras waren mit widerstandsfähigem Stoff bezogen. Herr Steinlein furzte leider die ganze Zeit, denn er führte einen aussichtslosen Kampf mit seiner so gut wie ausschließlich sitzenden Tätigkeit. Aber konnte er sich nicht wenigstens am Tag von Kais Fahrprüfung zusammenreißen? Was, wenn der Prüfer nachher auf der Rückbank einfach ohnmächtig wurde? Kein Wunder, dass es in der Stadt hieß: Es geht doch kein Schweinlein zum Steinlein!, dachte Kai und presste seinen Kiefer zusammen. Wenn ihm nicht so mulmig zumute gewesen wäre, dann hätte er gerne gelacht. Er ließ den Motor an, und Herr Steinlein klopfte gegen das Amulett des heiligen Christophorus, das am Armaturenbrett klebte und angeblich alle Reisenden beschützt.

»Also, los geht's. Wir fahren mal die Strecke ab. Ich kenn den Prüfer gut. Der fährt immer dieselbe Tour. Nach der Brücke links, da kann man Gift drauf nehmen.«

Wenn der Prüfer Herrn Steinlein ebenso gut kannte, dann kam er sicher mit einer Nasenklemme, dachte Kai, atmete durch den Mund und stellte sich einige elementare Fragen:

Wer war er?

Was tat er auf dieser Erde, insbesondere im Morgengrauen eines Oktobertages?

Weshalb lag er nicht zusammen mit einem hübschen Mädchen in seinem Bett oder zumindest mit einem spannenden Buch?

Musste er seine Fahrprüfung unbedingt am selben Tag wie seine Einschreibung an der Uni haben?

Und, Himmelherrgott, konnte Herr Steinlein nicht endlich seine Furzerei einstellen? Wie sollte er da noch einen klaren Gedanken fassen?

Egal, Augen und vor allem Nase zu und durch.

»Augen auf im Straßenverkehr«, sagte der Prüfer, ohne eine Miene zu verziehen, als er sich auf die Rückbank des Opel Astras setzte. Der Fahrlehrer knarzte und Kai warf dem Prüfer einen kurzen besorgten Blick durch den Rückspiegel zu. Er sah aus, als hätte er zum Frühstück eine Flasche Essig genossen. Das konnte ja heiter werden.

»Nach der Brücke rechts«, sagte der Prüfer. Herr Steinlein sah betreten drein und Kai legte den ersten Gang ein. Seine Hände waren schweißnass. Er gab sachte Gas. Das Leben war eben voller Überraschungen. Was für ein Tag!

»Machen wir's kurz«, sagte der Prüfer eine Dreiviertelstunde später zu Kai. »Bestanden. Obwohl Sie den Blinker hätten setzen müssen, als Sie bei der Uni links rübergezogen sind. Da waren Sie wohl in Gedanken woanders. Glückwunsch.«

Herr Steinlein strahlte und schüttelte Kais Hand, ehe er aus seiner Tasche eine kleine Tüte zog. »Pikante Kichererbsen « stand darauf und Herr Steinlein schob sich ein paar in den Mund.

Der Prüfer sah auf die würzig duftende Tüte: »Hm, das sieht ja interessant aus. Wo haben Sie das her?«

»Aus diesem Café, dem Hafez, das da in der Karlstraße hin zum Rathausplatz liegt. Die haben alle möglichen Leckereien. Immer wenn ich mich belohnen will, gehe ich dorthin. «

»Ach ja, den Laden kenne ich. Meine Frau kauft dort oft mal was, wenn wir Gäste haben. Ich selber war noch nie dort. Sind das Türken?«

»Nein, Libanesen, glaube ich. Oder irgend so etwas. Sprechen aber sehr gut Deutsch.«

Kai warf einen Blick auf seine Uhr. In einer Stunde begann die Einschreibung an der Uni. Er war richtig froh, dass er einen Studienplatz für Jura hier in Augsburg ergattert hatte. Die Uni war ziemlich begehrt.

»Na, dann alles Gute!«, sagte Herr Steinlein. »Oder kann ich Sie noch irgendwo absetzen?«

»Ich muss noch einmal nach Hause. Wenn es Ihnen nichts ausmacht …?«, begann Kai. Wenn Steinlein ihn nicht fuhr, dann schaffte er es nie rechtzeitig nach Westheim und anschließend zur Universität.

»Kein Problem. Nach all den Fahrstunden, die Ihr Vater bezahlt hat, ist das auch noch drin.«

Blöder Hund, dachte Kai, stieg aber ein.

Am Haus stand das schmiedeeiserne Tor offen. Hatte er vergessen, es zu schließen? Das passierte ihm doch sonst nicht. In der Einfahrt parkte ein Mercedes A-Klasse. Sein Vater hatte offensichtlich Besuch. Kai sah an der efeuberankten Fassade des Hauses hoch. Im oberen Stockwerk war trotz der Kälte ein Fenster geöffnet und Kai hörte leise Klaviermusik. Wartete sein Vater auf ihn?

Gott sei Dank hab ich bestanden, dachte er, gerade als die Haustür geöffnet wurde. Sein Vater trat auf die Schwelle. Uli Blessing trug eine weiche dunkelrote Cordhose und aus dem Ausschnitt seines beigefarbenen Kaschmirpullovers lugten ein blauer gestärkter Hemdkragen und eine dezent gemusterte Krawatte hervor. Manchmal fragte sich Kai, ob sein Vater nicht auch im Swimmingpool am liebsten einen Schlips tragen würde.

»Und, und, und?«, fragte Uli ungeduldig, als Kai die Stufen zu ihm hinaufstieg. Kai hatte eine verrückte Lust zu sagen: So ein Mist, leider bin ich in eine wartende Schlange von drei Porsches und einem Jaguar gerast, ach ja, ein oder zwei Ferraris waren auch dabei – Totalschaden. Dann habe ich noch einen Dackel platt gefahren. Versichert bin ich nicht, aber das macht doch nichts, oder?

Nein, das macht nichts, würde sein Vater wahrscheinlich nur sagen. Also ließ er es gleich bleiben und antwortete: »Bestanden. «

»Etwas anderes habe ich von dir nicht erwartet.« Sein Vater wirkte dennoch erleichtert und umarmte ihn kurz und ungeschickt. Es fühlte sich an wie früher in der Grundschule, wenn die großen Jungen ihn im Schwitzkasten gehalten hatten. Kai wusste nicht, was er tun sollte. Seine Lippen streiften eher zufällig die Wange seines Vaters und dieser ließ ihn auch schon los. »Wenn Monika das erlebt hätte! Sie wäre so stolz auf dich gewesen«, sagte er.

»Ja …«, erwiderte Kai nur und dann schwiegen beide.

Sein Vater und er sprachen nur selten über seine Mutter. Ihr Tod hatte ein Loch in Ulis und Kais Leben hinterlassen, in dem seither alle Warmherzigkeit und Ausgelassenheit verschwunden waren. Seit dem Autounfall damals wurde jeder Tag von Monika Blessings Abwesenheit überschattet. Sicher, sein Vater hatte auch mal Freundinnen gehabt, aber keine hatte eine Spur hinterlassen. Sie beide, das war heute alles, was da war.

»Hast du Besuch?«, fragte Kai.

»Besuch? Nein. Wieso?«

»Wessen Auto ist denn das?« Kai zeigte auf den Mercedes A-Klasse.

»Deins natürlich.« Sein Vater lächelte mit eigenartiger Scheu. »Freust du dich?«

»Meins?«, fragte Kai ungläubig. Nein. Er freute sich nicht, dachte er dann. Er mochte Autos nicht, würde das Fahren nie mögen. Daran änderte auch der Führerschein oder jeder Wagen der Welt nichts.

»Jetzt hast du den Führerschein und ab heute Abend bist du Student. Bravo. Ganz schön viel Freiheit auf einmal. Wie willst du denn ohne Auto jeden Tag pünktlich in die Uni kommen?«

»Hm. Daran hatte ich noch nicht gedacht. Vielleicht mit deinem Wagen?«, fragte Kai harmlos, aber ihm entging nicht der schockierte Blick, den sein Vater ihm zuwarf. Der Porsche wartete in der klimatisierten Garage neben dem Haus unter einer Wärmedecke auf seinen Fahrer. Vor wenigen Monaten noch hatte sein Vater zwei Straßen vor Kais Gymnasium halten müssen, wenn er ihn mal morgens zur Schule brachte. Kai wollte nicht, dass ihn jemand in dem Auto sah, das beinahe so viel kostete wie ein kleines Haus.

Er betrachtete den Mercedes, der quer in der Einfahrt stand. Wollte er wirklich an seinem ersten Studientag schon mit einem eigenen Wagen an der Uni vorfahren? Und dann auch noch mit einem Benz! Am liebsten hätte er trotz der Kälte das Fahrrad genommen oder die Straßenbahn, aber dazu war die Zeit zu knapp.

Kai wollte seinen Vater nicht enttäuschen und sagte: »Danke, wie großzügig von dir. Darf ich dich eine Runde spazieren fahren?«

»Ich muss in die Klinik. Das alles hat schon viel länger gedauert, als ich gedacht habe.«

Das alles. »Sorry«, sagte Kai und scharrte mit den Füßen.

»Macht nichts. Habe ich gerne gemacht. Ich habe doch nur dich. Fang!« Sein Vater warf ihm einen Schlüsselbund zu. »Frau Zimmermann hat dein Mittagessen im Ofen warm gestellt. Bis heute Abend dann.«

»Ich esse in der Mensa.«

Sein Vater lachte. »Na, dann sehen wir uns schon eher wieder.«

»Wieso? Wo denn?«

»Im Klinikum, wenn meine Kollegen dir den Magen auspumpen. «

»Haha.«

Kai drückte sich an seinem Vater vorbei und stieg schon die Treppe zu seinem Zimmer hoch, als sein Vater sich auf der Haustürschwelle noch einmal umdrehte.

»Und, Kai«, sagte er mit plötzlichem Ernst.

»Ja?« Kai hielt inne.

»Fahr vorsichtig, ja? Denk an …« Seinem Vater hingen beim Sprechen weiße Atemwolken vor dem Mund, doch Kai fröstelte nicht deshalb. »Heute ist Glatteis.«

»Ich weiß, Papa«, sagte Kai leise. »Mach dir keine Sorgen. Ich weiß.«

Er lief in sein Zimmer, das Gott sei Dank unordentlich war. Das gemütliche Chaos schien ihm wie eine Insel in dem peinlich aufgeräumten Haus. Das Bett war ungemacht, über dem Stuhl häuften sich Kleider und Socken, und Unterhosen lagen neben Büchern, Zeitungen und Zeichnungen auf dem Boden. Die Schreibtischoberfläche war voll mit Zetteln, seinem Computer und dem iPad. Nur die Hülle seines Saxofons, das hinter der Tür an der Wand lehnte, war staubfrei. Kai wühlte auf dem Schreibtisch nach den Papieren, die er heute für die Immatrikulation an der Uni brauchte. Den Zulassungsbescheid, sein Abiturzeugnis und seinen Perso. Er blickte auf das Dokument. Kai Artus Blessing stand neben dem Bild, auf dem er eine Brille vor den dunklen braunen Augen trug und einen karierten Schal um den Hals gewickelt hatte. Das helle Haar war kunstvoll verstrubbelt.

Kai Artus. »Du bist mein Ritter in glänzender Rüstung«, hatte seine Mutter beim Zubettgehen immer leise gesagt.

Er steckte den Ausweis zu den anderen Immatrikulationsunterlagen in eine Klarsichtfolie, schlüpfte in seinen dunklen Wollmantel, dessen Ellenbogen abgewetzt waren, und lief die Treppe hinunter.

Er zögerte beim Hinausgehen. Auf dem Tisch unter dem Spiegel stand ein Foto seiner Mutter, auf dem sie ihn als kleinen Jungen auf dem Schoß hielt. Die Sonne warf helle Flecken auf sie beide. Seine Mutter strich sich gerade die langen Haare aus dem Gesicht und lachte Kais Vater an, der die Kamera gehalten hatte. Die Fotografie war ein paar Jahre vor dem Unfall aufgenommen worden.

Kai sah sich um. Er war allein im Haus. Frau Zimmermann war schon wieder gegangen, nachdem sie das Mittagessen gekocht hatte. So sah niemand, wie er den Silberrahmen mit dem Bild aufnahm und seine Lippen kurz auf das nun ewig junge Gesicht seiner Mutter drückte.

Bist du wirklich stolz auf mich?, fragte er sie stumm.

Immer!, lächelten ihre Augen zurück.

Draußen war es noch einmal kälter geworden und die Raben hatten wieder auf den kahlen Zweigen Stellung bezogen. Worauf warteten die Biester nur, wunderte sich Kai und drückte auf den oberen Knopf seines Autoschlüssels. Etwa auf ihn? Da konnten sie lange warten. Aber irgendwie waren sie ihm unheimlich.

Der Mercedes blinkte ihm zweimal zur Begrüßung zu. Vielleicht gelang es ihm ja, noch vor der Uni eine Delle ins Blech zu fahren, dachte Kai. Oder auch nicht. So schlecht war das kleine Auto schließlich gar nicht.

»Kannst ja nichts dafür, dass du ein Mercedes bist«, sagte Kai, stieg ein, schnallte sich an und trat mit klopfendem Herzen seine erste eigene Autofahrt an. Frei war er, hatte sein Vater gesagt.

»Freedom's just another word for nothing left to lose«, fiel ihm eines der ersten Lieder ein, das er auf dem Saxofon hatte spielen können.

Die Vorhalle der Uni schwirrte vor Stimmen, und überall drängten sich die Studienanfänger mit ihren Zulassungspapieren und auch einige Studenten, die volle Taschen mit Ordnern oder Büchern mit sich herumschleppten. Gewohnheitsmäßig suchte Kai die Menge nach bekannten Gesichtern ab – Augsburg war ein Dorf und viele seiner Mitschüler aus dem Peutinger Gymnasium hatten zum Studium in der Stadt bleiben wollen, aber er erkannte niemanden.

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