Ham & Axe - Michael Schöpf - E-Book

Ham & Axe E-Book

Michael Schopf

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Beschreibung

Sicherer Hafen für die einen – Schlachtbank für die anderen. Herzlich willkommen im schottischen Ham & Axe, dem Nr. 1 Hotel für Soziopathen, Kannibalen, Triebtäter oder sonstige Verbrecher. Wer hier absteigt, hat es entweder faustdick hinter den Ohren. Oder er hat einfach nur verdammtes Pech.

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Seitenzahl: 452

Veröffentlichungsjahr: 2019

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periplaneta

Michael Schöpf: „Ham & Axe“ 1. Auflage, September 2019, Periplaneta Berlin, Edition Totengräber

© 2019 Periplaneta - Verlag und Mediengruppe Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin www.periplaneta.com

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.

Lektorat & Projektleitung: Laura Alt Titel-Logo: Walter Ziegler Satz & Layout: Thomas Manegold

print ISBN: 978-3-95996-130-1 epub ISBN: 978-3-95996-131-8

Michael Schöpf

„HAM & AXE“

periplaneta

Prolog

Wenn du deine Schwiegermutter in Säure aufgelöst hast. Wenn du gern mit den Köpfen der Nachbarskinder spielst. Wenn deine Kettensäge Friedrich Nietzsche zitiert. Oder wenn du lieber Veganer statt Gemüse isst. Dann gibt es den perfekten Ort für dich, um eine Weile zu verschwinden. Ein Hotel am sprichwörtlichen Arsch der Welt. Es gibt nur eine Regel: Frag als Allererstes nach einem abgeschiedenen Zimmer.

Wenn du lieber ein Zimmer mit Aussicht willst. Eines mit Badewanne oder gar mit einem Kinderbett. Oder wenn du einfach nur wissen willst, wie viel Uhr es ist. Tja … dein Pech!

001

Das Vorstellungsgespräch

Grant Benders Kopf dröhnte. Nicht schmerzhaft, aber unangenehm. Erst vor ein paar Stunden hatte er sein letztes Geld zusammengekratzt und sich eine große Portion Haggis mit Rüben und Kartoffelbrei gegönnt. Plus 13 Pints Tennent’s Lager. Das Bier stieß ihm noch immer auf … und vom Haggis kam jedes Mal ein bisschen metallisch schmeckende Leber mit hoch.

Jetzt stand er hier am nordwestlichsten Festlandzipfel von Schottland und fragte sich, ob er auch wirklich genug getrunken hatte. So ein Bewerbungsgespräch war schließlich nicht ohne. Da durfte man nicht zu verkrampft auftreten. Und schon gar nicht zu nüchtern. Zumindest nicht, wenn man sich in einem Hotel bewarb. Auf eine Stelle, die einem der Barmann im „Cock ’n Bull“ gesteckt hatte …

„Im ‚Ham & Axe‘ suchen sie ’nen Koch“, hatte er ihm bei Pint Nummer fünf beiläufig zugeraunt. „Das ist das alte Hotel am Cape Wrath. Ein paar Meilen weiter die Straße hoch. Wäre das nicht was für dich? Nichts für ungut, aber du siehst so aus, als ob du schon seit ’ner ganzen Weile mehr Durst als Geld hast …“ Der rothaarige Barmann spuckte geräuschvoll in ein Whiskyglas und polierte es mit Daumen und Zeigefinger. Als er Grants starren Blick bemerkte, zuckte er mit den Schultern und sammelte Speichel fürs nächste Glas.

Grant verarbeitete die Information zusammen mit zwei weiteren Pints. Klar gab es einiges, das ihn als Koch qualifizierte. Zum Beispiel konnte er gut mit Messern hantieren. Das war schon mal ein Pluspunkt. Also schob er seine rechte Hand in die Gesäßtasche, zog ein schlankes Springmesser hervor und ließ die doppelseitig geschliffene Klinge aufschnappen. Mit ein paar raschen Bewegungen ritzte er eine ordentliche Tabelle ins vernarbte Holz der Theke. Links war die Plus-Spalte, rechts daneben die Minus-Spalte. „Gut mit Messern!“ Ein Schnitt auf der Plus-Seite. Dann fiel ihm ein, dass er sich ja auch ganz gut mit Essen auskannte. Schließlich aß er schon sein ganzes Leben lang. Quasi 28 Jahre Berufserfahrung. Also noch ein Schnitt auf der linken Seite. Zwei zu null. Und wenn es um alkoholische Getränke ging, dann konnte ihm eh keiner etwas vormachen. Drei zu null. Außerdem war er schon mal in Spanien gewesen. Auslandserfahrung nannte man sowas doch, oder? Vier zu null!

„Du kannst doch kochen, oder?“, unterbrach der Barmann Grants Schnitzwerk, während er ihm ein frisches Pint zapfte.

Vier zu eins.

„Na ja, macht nichts“, versicherte der Barmann hastig. „Die haben eh kaum Gäste! Sag der alten Vogelscheuche am Empfang einen schönen Gruß von mir. Und ich hätte gern mein Pökelfass zurück! Atticus hätte gern sein Pökelfass wieder, hörst du?“

Fünf weitere Pints und vier Meilen Fußmarsch später, stand Grant am Ende eines holprigen Feldweges und starrte auf einen gewaltigen Torbogen aus verwitterten Granitquadern. Keine Hausnummer. Kein Adressschild. Keine Klingel und schon gar keine Gegensprechanlage. Dafür zwei vier Meter hohe Torflügel aus geschwärztem Schmiedeeisen, fest verschlossen durch eine armdicke Kette und ein faustgroßes Schloss.

Grant kniff die verquollenen Augen zusammen, reckte das Kinn vor und kratzte seine stoppeligen Wangen. Eine sehr maskuline Geste, die in der Regel dafür sorgte, dass man ihm augenblicklich mit Respekt begegnete. Nicht jedoch in diesem Fall. Denn weit und breit war niemand da, der ihm hätte begegnen können. Geschweige denn mit Respekt. Also zwang Grant die Augen wieder auf, strich sich die strähnigen blonden Haare aus der Stirn und spähte zwischen den Gitterstäben durchs Tor hindurch. Doch so sehr er sich bemühte – es gab nichts zu sehen. Hinter dem Torbogen führte der Weg in einer sanften Linkskurve den Hügel hinauf und verschwand auf Nimmerwiedersehen hinter der Kuppe. Das war schon alles.

Dafür nahm Grant etwas anderes wahr. Nämlich das Meer. Ungefähr eine halbe Meile vor ihm musste die Küste sein. Grant konnte deutlich hören, wie der raue Nordatlantik voller Wut gegen das zerklüftete Festland donnerte. Immer und immer wieder. Voll urgewaltiger Kraft. Irgendwie naheliegend, diese Landzunge Cape Wrath zu taufen.

Nachdem Grant prüfend an dem schweren Vorhängeschloss gerüttelt hatte, trat er einen Schritt zurück und spuckte auf den Boden. Anschließend wandte er sich nach rechts, umrundete den Torbogen mit wenigen Schritten und setzte seinen Weg fort. Das Tor mochte vielleicht massiv und fest verschlossen sein – doch von der dazugehörigen Mauer fehlte jede Spur.

Fünf Minuten später war Grant schweißgebadet. Und das, obwohl sich die Sonne seit Stunden hartnäckig versteckte und ihm obendrein ein salzig-frostiger Wind direkt ins Gesicht wehte. Doch der Hügel zog sich sehr viel länger, als Grant zunächst angenommen hatte. Fast 500 Meter. Schließlich erreichte er schnaufend die Kuppe und tastete automatisch seine speckige Öljacke nach Zigaretten ab. Als er dabei hinunter zur Felsküste blickte, vergaß er sein Vorhaben augenblicklich. Und er fragte sich instinktiv, ob er genug getrunken hatte.

In der Ferne schmiegte sich ein gewaltiges Bollwerk aus verwittertem Granit dicht an die gezackte Küstenlinie. Anders konnte man es gar nicht nennen: ein Bollwerk. Ein schmuckloses und einschüchterndes Stück Architektur in Form eines gewaltigen, spiegelverkehrten L. Der lange Teil des L maß bestimmt 300 Meter und verlief parallel zur Küste. Vermutlich war dieser Trakt sogar bis direkt ans Wasser gebaut. Doch das konnte Grant von seinem Hügel aus nicht sehen. Der kurze Teil des L ragte als Seitenflügel ins Landesinnere. Wobei kurz relativ war, denn Grant schätzte die Länge des Seitenflügels immer noch auf 120 Meter und die Breite auf mindestens 40 Meter. Erdgeschoss plus fünf Etagen plus Dachgeschoss … das „Ham & Axe“ musste über eine gewaltige Anzahl von Zimmern verfügen. Über eine gewaltige Anzahl an leeren Zimmern, wenn man dem Barmann im „Cock ’n Bull“ Glauben schenken konnte.

Auf den ersten Blick sprach einiges dafür. Von den gut 30 Schornsteinen auf dem Dach rauchten lediglich zwei. Und auf dem großen Hof, der sich als Schotterfläche zwischen den beiden Gebäudeflügeln aufspannte, stand kein einziges Auto. Überhaupt herrschte nirgendwo Betrieb. Hinter keinem der hohen, schmalen Fenster war Licht zu sehen. Nirgendwo schnippelte ein Gärtner an einem verkrüppelten Nadelgestrüpp herum oder fegte ein Laufbursche die breiten Stufen zum Haupteingang hinauf. Man konnte nicht mal Möwen entdecken. Sehr ungewöhnlich für die Küste.

Grant zog seine Jacke fest unterm Kinn zusammen, denn plötzlich fröstelte er am ganzen Körper. Für einen Moment war er nahe daran umzudrehen und nach Hause zu gehen – bis ihm einfiel, dass er ja gar kein Zuhause hatte. Und Zigaretten hatte er auch keine mehr. Also spuckte Grant seine Zweifel auf den Boden, drückte seinen Rücken durch und versuchte, den Rest des Weges möglichst imposant zurückzulegen. Er hatte definitiv nicht genug getrunken!

Je näher Grant dem „Ham & Axe“ kam, desto kleiner fühlte er sich. Das Meer toste immer ohrenbetäubender, während der massive Steinkoloss mit jedem Schritt höher in den schiefergrauen Himmel wuchs. Als Grant über den leergefegten Schotterhof stapfte, bemerkte er verwundert, dass jedes einzelne Fenster im Erdgeschoss vergittert war. Und zwar durch schmiedeeiserne Stäbe, die mit nadelspitzen Metalldornen besetzt waren. Die Gitter an sich überraschten Grant wenig. Was ihn jedoch verwirrte, war die Tatsache, dass die Metallspitzen nach innen zeigten. Und nicht nach außen.

Aber schließlich war Grant kein Architekt, sondern Koch. Oder was auch immer. Deshalb wischte er seine Verwunderung über die Gitter beiseite, blieb am Fuß der Haupttreppe stehen und legte den Kopf in den Nacken. 14 ausgetretene Steinstufen über ihm versperrte eine schwarz gebeizte Holztür mit schweren Eisenbeschlägen den Weg. Grant ließ den Blick weiter nach oben wandern und blieb an einem verwaschenen Relief hängen, das in die raue Granitfassade gemeißelt war. Mit etwas Phantasie konnte man durchaus eine langstielige Axt erkennen, die einen gewaltigen Schinken kreuzte. Nur, dass der Schinken irgendwie wie ein menschliches Bein aussah. Ordentliche Steinmetze waren anscheinend nicht leicht zu finden.

Grant atmete tief ein und dann in die hohle Hand wieder aus. Zufrieden stellte er fest, dass er noch immer eine leichte Fahne hatte. Also setzte er sein gewinnendstes Lächeln auf, straffte die Schultern und stiegt die 14 Stufen bis zum Haupteingang hinauf. Da er weder eine Klingel noch einen Türklopfer entdecken konnte, packte Grant den gewaltigen Türknauf, der ebenfalls wie eine Axt mit Schinkenbein aussah, und zog mit aller Kraft daran. Doch die Tür knarzte nur empört und rührte sich kein Stück. Verärgert spuckte Grant in die Hände und zog erneut. Fester diesmal, aber noch immer ohne Erfolg.

Wütend verpasste er der Tür eine rechte Gerade, worauf das antike Stück widerstandslos ein paar Zentimeter nach innen schwang. „Geht doch!“, zischte Grant und wischte sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Dann schob er das schwere Türblatt behutsam nach vorn. So, als erwartete er ein markerschütterndes Quietschen. Doch die Angeln waren gut geölt.

„Herzlich Willkommen im ‚Ham & Axe Hotel und Spa‘. Mein Name ist Dietrich-Wilhelm III. – wie kann ich Ihnen helfen?“

Grant kniff die Augen zusammen und versuchte vergeblich, etwas in der Dunkelheit zu erkennen. Also brüllte er der dünnen Stimme mit dem schamlosen deutschen Akzent entgegen: „Hallo! Ich heiße Grant Bender! Ich bin hier, weil ich den Job als Koch will! Ich kann sofort anfangen!“

„Kommen Sie herein, Herr Bender. Und schließen Sie die Tür hinter sich, dann gewöhnen Sie sich schneller an die neuen Lichtverhältnisse!“, befahl die Stimme mit dem rollenden R.

Also trat Grant einen Schritt in die Dunkelheit und schob die Eingangstür mit der rechten Hacke wieder zu. Schon nach wenigen Sekunden formten sich erste Umrisse aus der Finsternis. Anscheinend befand er sich in einer großen Eingangshalle. Rechter Hand konnte Grant ein Sessel-Arrangement erahnen, das um einen großen Kamin gruppiert war. Über der kalten Feuerstelle hing der Kopf eines majestätischen Hirsches und behielt die verwaiste Sesselgruppe im Auge.

Zur Linken führten zwei hohe Türen in benachbarte Räumlichkeiten. Beide waren jedoch geschlossen. Zwischen den Türen hing das überlebensgroße Porträt eines weißhaarigen, grimmigen Mannes – eingefasst in einen mattgoldenen Rahmen. Was jedoch in der hinteren Hälfte des Raumes lag, konnte Grant nicht erkennen.

„Bitte entschuldigen Sie die Dunkelheit, Herr Bender. Wie Sie vielleicht bemerkt haben, sind wir nicht an das staatliche Versorgungsnetz angeschlossen. Wir beziehen unseren Strom aus dem hauseigenen Biomasse-Kraftwerk.“ Dietrich-Wilhelm III. hüstelte verlegen. „Anscheinend leiden wir gerade unter einem kleinen technischen Defekt. Aber ich bin sicher unser Hausmeister hat den Schaden jeden Moment behoben. Bitte kommen Sie doch näher. Folgen Sie einfach meiner Stimme. Dann erreichen Sie nach etwa 20 Metern die Empfangstheke.“

„Ich könnte auch die Vorhänge öffnen“, schlug Grant vor, während er die schweren Stoffbahnen musterte, die links und rechts neben der Eingangstür die Wände und Fenster verhängten.

„Bitte nicht, Herr Bender“, durchschnitt die deutsche Stimme die Dunkelheit. „Wir haben einige Gäste, die … wie soll ich sagen … die es gerne abgeschieden haben. Wenn Sie verstehen, was ich meine?“

Es gab also doch Gäste. „Ah, Sie meinen Filmstars!“

„Ja … so in der Art. Aber bitte, kommen Sie näher. Am besten treten Sie fest auf. Dann kann ich hören, ob Sie auf dem richtigen Weg sind.“

Da sich Grant kein drittes Mal bitten lassen wollte, löste er sich vorsichtig von der Tür und tastete sich mit hallenden Schritten in die Dunkelheit vor.

„Gut so, Herr Bender! Kommen Sie nur weiter! Immer geradeaus!“

Nach genau 54 vorsichtigen, aber lauten Schritten stieß Grant mit der linken Fußspitze auf ein Hindernis.

„Herzlichen Glückwunsch, Herr Bender! Sie haben die Empfangstheke erreicht!“, kam die Stimme unmittelbar vor Grant aus der Dunkelheit. Und das konnte Grant nicht nur hören, sondern auch riechen.

„Jetzt kann ich Ihnen ja auch von Angesicht zu Angesicht sagen, dass die Stelle des Chefkochs nicht mehr vakant ist. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“

Grant überlegte kurz, ob er einfach aufs Geratewohl in die Dunkelheit schlagen sollte. Dahin, wo der üble Atem und die arrogante Stimme herkamen. Doch dann beugte er sich stattdessen lautlos nach vorn und brüllte, so laut er konnte: „Was heißt nicht mehr vakant?!“

In diesem Moment geschahen zwei Dinge gleichzeitig. Das Licht ging wieder an. Und Grant bereute seinen Ausbruch. Zweiteres hing mit Ersterem unmittelbar zusammen. Denn der gewaltige Kronleuchter erhellte nicht nur die prunkvolle Empfangshalle des „Ham & Axe“ – sondern auch Dietrich-Wilhelm III., der mit gebleckten Zähnen wenige Zentimeter vor Grants Gesicht verharrte.

Dietrich-Wilhelm III. war knapp über 50 Jahre alt und ebenso lange ein fester Bestandteil des „Ham & Axe“. Sein Vater Dietrich-Wilhelm II. sowie seine Mutter Leni-Marlen hatten als untergetauchte Nationalsozialisten ihr Heil im schottischen Exil gesucht. Und es auch gefunden. Und zwar als hoch geschätzte Gäste beziehungsweise als kompetente Angestellte im traditionsreichen „Ham & Axe Hotel“. Damals noch ohne „Spa“. Hier hatten sie ihren einzigen Sohn gezeugt, hier wurde er geboren und bis zuletzt in ihrer ganz eigenen arischen Seifenblase großgezogen.

Bis Leni-Marlen bei einem tragischen Haushaltsunfall starb – und Dietrich-Wilhelm II. wenige Wochen später beim Reinigen seiner Luger. Nach dem abrupten Dahinscheiden der Eltern hatte Dietrich-Wilhelm III. das Hotelhandwerk von der Pike auf gelernt und es schließlich aus eigener Kraft vom Hilfstellerwäscher zum Wäschereiassistenten, zum Pagen, zum Einparker, zum Nachtportier bis hin zum Empfangschef gebracht. Darauf war er stolz.

Und das zeigte er auch. Zum Beispiel mit einem makellosen Seitenscheitel, der wie mit dem Lineal durch sein kräftiges, weißblondes Haar gezogen schien. Oder mit dem sorgfältig gewachsten Schnurrbart, dessen Enden sich kunstvoll zwirbelten. Oder mit den akkurat gezupften Augenbrauen, die seine stechend-blauen Augen betonten. Oder mit der alten SS-Uniform seines Vaters, die er zu einer prunkvollen Hoteluniform umgenäht hatte. Oder mit den schneeweißen, sorgsam spitz zugefeilten Zähnen, die zu hunderten aus seinem Mund zu quellen schienen.

Dietrich-Wilhelm III. knallte besagte Zähne aufeinander und Grant brachte seine Nase durch einen beherzten Satz nach hinten in Sicherheit. Etwas höflicher fragte er nochmals: „Was meinen Sie mit ‚nicht mehr vakant‘?“

Der Empfangschef knirschte nachdenklich mit den Reißzähnen, dann richtete er seine spindeldürre Gestalt zu voller Größe auf und schlug hinter dem Tresen zackig die Hacken zusammen. „Das bedeutet, dass sich soeben ein vielversprechender Kandidat im Vorstellungsgespräch befindet.“

„Wie jetzt? Jetzt gerade?“

„Jetzt gerade! In diesem Moment! Ganz aktuell!“

„Na ja, aber das heißt ja dann, dass die Stelle noch nicht vergeben ist, oder?“

„Der ehrenwerte Hoteldirektor, Dr. Kilroy, ist da anderer Meinung, fürchte ich. Er unterhält sich gerade mit dem Kandidaten. Einem Franzosen. Der war schon ‚Maître de Cuisine‘ auf einem Kreuzfahrtschiff.“ Missmutig zwirbelte der Empfangschef seinen Schnurrbart. „Na ja, zumindest kochen können sie ja, die Franzosen …“

„Hören Sie, ich kann auch kochen! Und ich bin Schotte!“, warf sich Grant in die Brust. Nach einem kurzen Blick auf die SS-Runen am Kragen seines Gegenübers fügte er hinzu: „Und meine Großeltern waren Deutsche. Die Benders aus dem Harz!“

Das entsprach zwar keineswegs der Wahrheit, doch die Lüge erfüllte ihren Zweck.

Der Empfangschef richtete sich noch eine Spur mehr auf und Grant wartete nur darauf, dass der Dürre jeden Moment den rechten Arm hochriss. Doch stattdessen griff Dietrich-Wilhelm III. unter den Tresen und förderte ein antikes Wählscheibentelefon zutage. Er kniff kurz die Augen zusammen und ratschte dann blitzschnell drei Ziffern herunter. Fünf – Null – Null. Prüfend legte er den schweren Hörer ans Ohr und entblößte schließlich den Strauß nadelspitzer Reißzähne. „Verzeihen Sie die Störung, Herr Direktor Dr. Kilroy. Aber soeben ist noch ein weiterer Bewerber für die Stelle als Chefkoch eingetroffen. Ja, genau. Ein Schotte. Ein gewisser Herr Bender. Aha … ja, einen Moment bitte!“ Der Empfangschef hielt mit der Linken die Sprechmuschel zu und wandte sich an Grant: „Der Herr Direktor möchte wissen, welche Qualifikationen Sie vorzuweisen haben, Herr Bender.“

„Also erstens … ich hab’ schon mein ganzes Leben lang mit Essen zu tun!“

„Über zwei Jahrzehnte praktische Berufserfahrung!“, übersetzte der Empfangschef ins Telefon.

„Und dann … also, ich war auch schon im Ausland …“

„Beherrscht einheimische und internationale Küche!“

Grant kratzte sich die Wange, weil er vergessen hatte, was er noch sagen wollte. Also fragte ihn der Empfangschef: „Probieren Sie gerne mal was Neues, Herr Bender?“ Als Grant zaghaft nickte, erklärte der Dürre ins Telefon: „Herr Bender bezeichnet sich als kreativen Koch der ‚Nouvelle Cuisine‘, der auch vor exotischen Zutaten nicht zurückschreckt!“

Zustimmend reckte Grant den rechten Daumen empor, während er mit der Linken erneut auf die Suche nach Zigaretten ging.

„Ganz Ihrer Meinung, Herr Direktor!“, bellte der Empfangschef ins Telefon und nickte zustimmend. „Ein Wettstreit ist eine ausgezeichnete Idee, Herr Direktor! Ich werde sofort alles veranlassen, Herr Direktor!“ Mit einer zackigen Bewegung schmetterte der Dürre den Hörer auf die Gabel und ließ das Telefon wieder verschwinden. Anschließend kam er energisch hinter dem Tresen hervor und marschierte im Stechschritt an Grant vorbei auf eine große Treppe zu, die sich im hinteren linken Eck des Raumes um den schmiedeeisernen Gitterschacht eines Fahrstuhls wand. „Folgen Sie mir bitte in die Küche, Herr Bender! Es geht um die Wurst!“

Worum auch sonst? Grant warf einen letzten Blick in die große, holzgetäfelte Empfangshalle und folgte dann dem Rezeptionisten die Treppe hinab in den Keller. „Atticus hätte gerne sein Pökelfass zurück“, ließ er den knochigen Mann wissen. Doch der schnaubte nur verärgert und wischte die Nachricht mit einer Handbewegung beiseite.

Zwei Stockwerke tiefer war die Luft kühl und feucht. Ganz offensichtlich waren die unteren Geschosse direkt in die Klippen gehauen worden. Denn von der niedrigen Felsdecke tropfte überall das Seewasser – und an den Wänden hatte sich im Laufe der Zeit eine dicke Salzkruste gebildet. Grant musste seinen Kopf einziehen, um nicht gegen eine der nackten Glühbirnen zu stoßen, die an brüchigen Kabeln von der Decke baumelten. Immer wieder flackerte eine der Lampen auf und warf zuckende Schatten an die weißen Wände.

„Die Hauptküche befindet sich natürlich nicht hier unten, sondern im Erdgeschoss des Seitentraktes“, erläuterte Dietrich-Wilhelm III. knapp. „Doch da kocht gerade was Asiatisches vor sich hin. Und das kann dauern …“, fügte er mit rasiermesserscharfem Lächeln hinzu. Schließlich blieb er vor einer Metalltür stehen und kramte einen schweren Schlüsselbund aus seiner SS-Stiefelhose hervor. „Hier wären wir, Herr Bender. Die Küche für die Bediensteten.“ Der Dürre schloss die Tür auf und tastete nach dem Lichtschalter. Nach wenigen Sekunden sprangen im Inneren eine Reihe kalter Neonröhren an und eine Dunstabzugshaube begann zu rattern.

Alles in allem machte die Küche einen überraschend guten Eindruck. Sie war geräumige zwölf mal acht Meter groß, fensterlos und bis zur Decke weiß gefliest. Im Zentrum befand sich eine praktische Kochinsel mit acht gasbetriebenen Feuerstellen, zwei bauchigen Fritteusen und einer zwei Quadratmeter großen Bratplatte. An die Rückwand des Raumes schmiegten sich nebeneinander eine fünf Meter breite Arbeitsplatte aus Edelstahl, eine Industrie-Spülmaschine sowie zwei große Waschbecken und eine vier Meter breite Kühl-Gefrierkombination. Über der Arbeitsplatte war ein breites Magnetband angebracht, an dem mehr als 100 verschiedene Küchenwerkzeuge hingen. Tranchiermesser, Fleischmesser, Filetiermesser, Fischmesser, Obstmesser, Gemüsemesser, Knochenmesser, Wiegemesser, Hackmesser, Sushimesser, Brotmesser, winzige Messer, riesige Messer, gezackte Messer, Messer mit Wellenschliff, dünne Messer, lange Messer, gedrungene Messer, gekrümmte Messer. Und dazu Hackbeile, Fleischerbeile, Knochensägen, Fleischhämmer, Bratenthermometer, Sparschäler und Schalenzangen. Außerdem lag auf der Arbeitsfläche noch ein ganzer Stapel Hack- und Schneidebretter aus geöltem Hartholz mit Metallgriffen. Auf einem Edelstahl-Board in Kopfhöhe stapelten sich diverse Töpfe, Pfannen, Kasserollen, Schalen, Thermoboxen und Bräter in den unterschiedlichsten Größen.

Die rechte Wand war komplett von glänzenden Edelstahlregalen bedeckt, in denen allerlei schwer verderbliches Gemüse lagerte. Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauchzöpfe, Rüben, Kürbisse, Rettiche, Sellerie, Pastinaken sowie diverse weitere schrumpelige Wurzelknollen. Hinzu kamen ganze Regalböden voll sauer Eingemachtem. Gurken, hartgekochte Eier, Bohnen, Erbsen, Mais, Zucchini, Weißkraut, Rotkraut, Schwarzwurzeln, Silberzwiebeln und vieles mehr. Ein ausladendes Regalfach war restlos mit Gewürzen befüllt. Hier fanden sich säckeweise Salz, Zucker und Pfefferkörner. Hinzu kamen sorgsam beschriftete Blechbüchsen mit Wacholder, Lorbeer, Rosmarin, Thymian, Nelken, Zimt, Zitronenschale, Orangenblüten, Kardamom, Piment, Chili mild, Chili feurig, Paprikapulver, Curry, Safran, Muskat, Oregano, Petersilie, Schnittlauch, Bohnenkraut sowie drei Dutzend weitere Kräuter, Granulate und Pulver.

Ein anderes Regalfach war reserviert für verschiedene Kräuteröle und -essige sowie für Zwei-Kilogramm-Packungen Pasta und Fünf-Kilogramm-Säcke Reis und Mehl. Die Wand auf der linken Seite war – bis auf eine quer verlaufende Wasserleitung – kahl.

Kurzum: Grant blickte in eine Küche, die keinerlei Wünsche offenließ. Außer man wollte beim Kochen nach draußen gucken. Aber die fehlende Aussicht war Grant vollkommen egal. Denn er hatte weder Ahnung vom Kochen, noch von Architektur. Also zwängte er sich an dem dürren Empfangschef vorbei in die Küche hinein und trommelte verlegen mit den Fingerspitzen auf der Bratplatte herum.

„Vermissen Sie etwas, Herr Bender?“

„Sie hätten nicht zufällig Zigaretten?“

Dietrich-Wilhelm III. ignorierte die Gegenfrage routiniert und breitete die Arme aus. „Am besten machen Sie sich ein bisschen mit der Küche vertraut, Herr Bender. Ich werde jetzt kurz verschwinden, um den anderen Kandidaten zu holen. Den ‚Maître de Cuisine‘. Sobald wir zurück sind, haben Sie und der Franzose 30 Minuten Zeit, um mir eine ausgefallene Gemüsesuppe zu kreieren. Das sollte für einen welterfahrenen Koch wie Sie ja kein Problem sein. Wie auch immer. Ich werde die beiden Suppen blind verkosten … und das bessere Gericht bekommt den Job. Alles klar so weit?“

„Jawoll!“, brüllte Grant, woraufhin der Empfangschef automatisch die Hacken zusammenschlug und ein klitzekleines bisschen mit dem rechten Arm zuckte. Dann machte der Dürre auf dem Absatz kehrt und verschwand mit klackerndem Gebiss. „Verlassen Sie nicht diese Küche, Herr Bender. Egal was Sie hören!“

Grant zuckte mit den Schultern, ignorierte die kreischenden Schmerzensschreie der Dunstabzugshaube und ließ den Blick in Richtung Industriekühlschrank wandern. Doch die Suche nach einem eiskalten Bier war schon zu Ende, ehe sie wirklich begonnen hatte. Denn der stählerne Kühlkoloss war mit einem nagelneuen Vorhängeschloss gesichert. Wenn schon kein Bier, dann wenigstens ein Schluck Wein. Oder Whisky. So viel zumindest wusste Grant vom Kochen. Eine Soße war keine Soße ohne einen ordentlichen Schluck Alkohol. Keine Whiskysoße ohne Whisky. Keine Tomatensoße ohne Rotwein. Keine Barbecuesoße ohne Rum. Keine Sherrysoße ohne Sherry. Keine rote Buttersoße ohne Port. Und so weiter und so fort.

Mit dem geübten Blick eines routinierten Trinkers unterteilte er sein Umfeld blitzschnell in drei Bereiche: trocken, halbtrocken und lieblich. Dummerweise war die gesamte Küche knochentrocken. Bis auf einen verbeulten Karton im linken hinteren Eck unter der Arbeitsfläche. Der schien zumindest nur halbtrocken zu sein. Prüfend stieß Grant den unbeschrifteten Karton mit der Fußspitze an und lauschte auf das vertraute Klirren. Volltreffer. Das klang nicht nur lieblich, sondern geradezu süffig. Rasch ließ Grant sein Klappmesser aufschnappen und durchtrennte mit wenigen Schnitten die Klebestreifen an der Oberseite des Kartons. Vorsichtig schob er mit der Klinge den Pappdeckel zur Seite und hielt den Atem an. Süffiger als süffig! Zwölf wundervolle bauchige Wodkaflaschen lachten Grant aus vollen Hälsen an. Ganz klar das gute Zeug! Bestimmt siebenfach gefiltert und dann irgendwo in Russland vom Laster gefallen. Behutsam löste Grant eine der Flaschen aus der zerbröselten Holzwolle und musterte das Etikett. Dann zuckte er nur mit den Schultern, da ihm die kyrillische Schrift ziemlich spanisch vorkam. Voller Vorfreude löste er den mit Wachs versiegelten Korken aus dem Flaschenhals und machte sich an die Feuerprobe. Und zwar sprichwörtlich. Denn der erste große Schluck brannte sich direkt eine Schneise hinunter in den Magen und verwandelte sich dort in einen Waldbrand. Also löschte Grant diesen schleunigst mit einem noch größeren Schluck. Anschließend stellte er die Flasche griffbereit auf die Arbeitsfläche und überlegte sich seine nächsten Schritte. Franzosen tranken doch auch ganz gerne mal einen Schluck. Und Seefahrer sowieso. Vielleicht sollte er den französischen Ex-Schiffskoch einfach zu einem kleinen Wetttrinken herausfordern. Mal sehen, wer dann das bessere Süppchen kochte!

Doch nach einem weiteren Schluck Wodka kam Grant eine noch viel bessere Idee. Besser, weil er dabei seinen Alkohol nicht teilen musste: Warum nicht einfach im Internet nach einem ausgefallenen Rezept für Gemüsesuppe suchen? So was ganz Verrücktes, aber trotzdem einfach.

Während sich Grant noch selbst auf die Schulter klopfte, zückte er bereits sein Smartphone. Nur um es gleich wieder fluchend wegzustecken. Kein Empfang. Kein Plan B. Letzten Endes blieb ihm nur übrig, sich auf sein Glück und seine Kreativität zu verlassen. Und zumindest letztere konnte er beeinflussen. Was er dann auch die nächsten zehn Minuten lang tat. Schluck für Schluck.

Als ihn seine Kreativität langsam zu überwältigen drohte, hörte er endlich Schritte näherkommen. Die klackenden Stechschritte des dünnen Empfangschefs – begleitet von einem übergewichtigen Stampfen. Logisch. Die meisten Köche waren nicht gerade Hungerhaken.

Der schnaufende Franzose, der mit Dietrich-Wilhelm III. die Küche betrat, widerlegte diese These nicht. Vielleicht war er früher einmal ein athletischer Mann von 1,80 Meter Körpergröße und 90 Kilogramm Gewicht gewesen. Doch heute hing über dem Traumkörper ein 40 Kilogramm schwerer Sack aus Fett, der in einer gemächlichen Frequenz vibrierte. Das einzig Dünne an dem Mann war sein Schnauzbart, der sich in einem sorgsam ausrasierten Bogen über der fleischigen Oberlippe krümmte. Weitere Haare gab es auf seinem Kopf nur noch in den Nasenlöchern. Seine Augen verschwanden fast völlig unter schweren Schlupflidern und die Nase war rot geädert und von purpurnen Geschwülsten übersät.

„Bonjour!“, flötete der Dicke mit einer überraschend hohen Stimme.

„Aye“, grunzte Grant zurück und hakte das Wetttrinken innerlich ab.

„Herr Bender, darf ich vorstellen … das ist Herr Cèntine-Gauillard“, mischte sich der Empfangschef ein und warf einen kritischen Seitenblick auf die halbleere Wodkaflasche. „Und das ist Herr Bender. Ein Meister der schottischen Küche. Und ein Koch mit internationaler Erfahrung.“ Dietrich-Wilhelm III. breitete theatralisch die Arme aus. „Meine Herren, die Küche gehört Ihnen. Es gibt keine Regeln … halt doch! Es gibt nur eine Regel. Kochen Sie mir in der nächsten halben Stunde die weltbeste Gemüsesuppe … oder von mir aus auch Gemüsebouillon … und Sie haben den Job.“

Mit einem geübten Griff zog der Empfangschef eine silberne Taschenuhr aus der Innentasche seiner Uniform, warf einen kurzen Blick auf das Ziffernblatt und deutete dann eine knappe Verbeugung an. „Die Zeit läuft, meine Herren!“ Ohne ein weiteres Wort ließ der Dünne die beiden Kontrahenten in der Küche zurück.

Als Dietrich-Wilhelm III. exakt 29 Minuten und 52 Sekunden später wieder die Küche betrat, stand Grant noch immer an derselben Stelle und liebkoste gedankenverloren die fast leere Wodkaflasche. Zu Grants Füßen lag Herr Cèntine-Gauillard und rührte sich kein Stück. Schuld daran war das große Fleischerbeil, das in seinem Kopf steckte. Die rasiermesserscharfe Klinge hatte den kahlen Schädel des Franzosen genau in der Mitte gespalten. Dabei hatte sie nicht nur sauber die beiden Gehirnhälften voneinander getrennt, sondern auch den linken vom rechten Nasenflügel. Erst zwischen den Schneidezähnen war das Beil steckengeblieben. Außerdem hatte der anscheinend recht kräftige Schlag das linke Auge des Franzosen aus der Höhle gesprengt. Es hing noch immer an seinem knubbeligen Sehnerv und ruhte friedlich in einer Blutlache, die langsam, aber sicher auf dem Fliesenboden eindickte.

„Arbeitsunfall?“

„Beim Karottenschneiden abgerutscht“, bestätigte Grant geistesgegenwärtig.

Der Empfangschef nickte verständnisvoll und klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. „Willkommen an Bord.“ Dann drückte er Grant eine Knochensäge in die Hand und krempelte sich die Ärmel hoch. „Du kannst übrigens gleich anfangen. Und jetzt, wo wir Kollegen sind … nenn mich einfach ‚Dick‘.“

002

Aufs Haus

Würde man Carson F. Dwellington bitten, sich mit einem einzigen Wort selbst zu beschreiben, dann wäre seine Antwort mit Sicherheit: „Vielleicht.“ Vielleicht war es ratsam, ein paar Kilo abzunehmen. Vielleicht sollte er mit dem Rauchen aufhören. Und mit dem Saufen. Vielleicht war es an der Zeit, endlich in die Heimat zurückzukehren. Und sich eine schnuckelige Texanerin zu suchen, um mit ihr eine Familie zu gründen. Vielleicht würde er dann ein paar Rinder züchten. Oder Tabak anpflanzen. Oder was man sonst so im texanischen Niemandsland machte. Vielleicht spielte Carson aber auch schon viel zu lange mit diesen Gedanken. Ohne sie jemals in die Tat umzusetzen. Denn vielleicht war Carson auch einfach nur ein kleiner, dicker, schweinsgesichtiger Amerikaner, der sich am liebsten durchs Leben schnorrte und einfach jeden über den Tisch zog. Immer auf dem Weg des geringsten Widerstandes. Und vielleicht gefiel er sich in dieser Rolle einfach viel zu gut …

Als Carson schnaufend die massive Eingangstür des „Ham & Axe Hotel und Spa“ aufstemmte, war er schon seit fünf Jahren auf Europa-Tour. Er hatte sich inzwischen erfolgreich durch Frankreich, Belgien, Deutschland, Dänemark, Schweden, Finnland, England und Wales gegaunert. Osteuropa hatte er hingegen gemieden. Denn dort verstanden die Leute keinen Spaß. Zumindest erzählte man sich das in Trickbetrüger-Kreisen. Haute man im ländlichen Polen jemanden übers Ohr und wurde erwischt, so konnte man ganz schnell ganz tief im Waldboden enden. Oder im Kohlenkeller. Und wenn man schon nicht mit dem Leben bezahlte, dann zumindest mit irgendeinem Körperteil. Vielleicht war das alles auch nur Blödsinn. Doch darauf wollte Carson es nicht ankommen lassen. Deshalb zog er seine Reisereporter-Masche auch nicht in Łużany oder sonst wo ab, sondern hier in Cape Wrath. Im zivilisierten Schottland.

Das hölzerne Portal knallte hinter Carson ins Schloss und er zuckte instinktiv zusammen. Kein guter Start, wenn man vorgab ein abgebrühter Undercover-Journalist zu sein. Doch der kleine Amerikaner hatte sich sofort wieder im Griff und überprüfte selbstbewusst den Sitz seines preiswerten graumelierten Toupets. Anschließend atmete er einmal tief durch, zupfte sein braunes Cord-Sakko zurecht und marschierte mit durchgedrücktem Rücken auf die Empfangstheke zu. Dabei musterte er verstohlen die riesige Eingangshalle. Allein der Wert der handgeknüpften Teppiche, die fast den gesamten Parkettboden bedeckten, verschlug ihm den Atem. Und es wurde sogar noch besser. Aus den Augenwinkeln konnte er zu seiner Rechten mehrere lederbezogene Chesterfield-Sessel erkennen, die um einen erloschenen Kamin gruppiert waren. Auch wenn das kastanienbraune Leder der antiken Sitzmöbel stellenweise bereits brüchig wurde, so waren sie bestimmt an die 4.000 Dollar wert. Und zwar jeder Einzelne. Aber wer wollte schon einen Sessel klauen? Dann schon eher die unscheinbare Blumenvase aus hauchzartem Meissner Porzellan, die auf einem schlanken Chippendale-Tischchen zwischen den Sesseln thronte. Mindestens 200 Jahre alt. Mindestens 9.000 Dollar. Mit dem Tischchen zusammen glatte zehn Riesen.

Den großen, verstaubten Hirsch über der Feuerstelle schätzte er hingegen auf läppische 200 Dollar. Da hatte sich der Tierpräparator nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Das Tier schien nicht nur zu schielen, sondern auch halbseitig gelähmt zu sein. Zu beiden Seiten des gemauerten Kamins hing allerlei Plunder. Zwei Dudelsäcke, etliche goldgerahmte Schwarzweißfotografien von grimmig dreinschauenden Menschen, ein Fuchsfell mit Kopf, zwei Kupferstiche, eine von Hand gezeichnete Karte der näheren Umgebung sowie eine Urkunde aus dem letzten Jahrhundert, die den hervorragenden Service des Hotels prämierte. Bis auf die beiden Instrumente war nichts von Wert.

Als Carson vorsichtig den Blick nach links wandte, sah er direkt auf das überlebensgroße Porträt eines weißhaarigen Mannes. Eines sehr schlechtgelaunten und abstoßend hässlichen Mannes. Trotzdem war das Bild ein echtes Meisterwerk. Hier stimmte einfach alles. Perspektive, Präzision, Farbkomposition und Pinselführung. Harmonie pur. Doch im Grunde seines Herzens interessierte sich Carson nur für den handgeschnitzten, mit Blattgold veredelten Bilderrahmen. Fünf Riesen. Einfach nur die Leinwand herausschneiden, an allen Ecken die Haltekeile lösen: fertig. Ab damit zum Hehler seines Vertrauens und der nächste Monat war gerettet. In diesem Augenblick beschloss Carson F. Dwellington, nicht nur seine Journalisten-Masche abzuziehen, sondern sich ein bisschen gründlicher umzusehen. Konnte nicht schaden, eine ungesicherte Hintertür zu finden, wenn man zu einem späteren Zeitpunkt noch mal heimlich einchecken wollte.

„Herzlich Willkommen im ‚Ham & Axe Hotel und Spa‘. Mein Name ist Dietrich-Wilhelm III. – wie kann ich Ihnen helfen?“, ertönte eine herrische Stimme und riss Carson zurück in die Wirklichkeit. Stand da wirklich ein waschechter Nazi mit gekräuseltem Schnurrbart hinter der Empfangstheke? So einer wie in diesen US-Sitcoms aus den Sechzigern? Carson blinzelte zweimal kräftig und verbuchte die Uniform schließlich als „Britischer Humor“. Sollte sie allerdings echt sein, könnte er locker 2.500 Dollar dafür bekommen. Und das, obwohl einige Details wirklich stümperhaft umgenäht waren.

„Gestatten, Dwellington mein Name. Carson Frederick Dwellington. Ich hätte gerne ein Zimmer für die Nacht, guter Mann“, entgegnete Carson in breitem Texanisch.

Der dürre Empfangschef entblößte eine Reihe nadelspitzer Zähne und zupfte träge an seiner Uniform. „Irgendein spezielles Zimmer, der Herr?“

„Ein gutes, bitte!“

Dietrich-Wilhelm III. fletschte die Haifischzähne. „Wir haben nur gute!“

„Das freut mich“, versicherte Carson. „Eines davon hätte ich gerne!“ Dann zückte er demonstrativ seine Brieftasche und klappte sie auf. „Bitte mit Frühstück. Was macht das?“

Der Empfangschef musterte den kleinen Amerikaner von Kopf bis Fuß. „Zimmer 203 ist noch vakant. 62 Pfund pro Nacht mit Frühstück. Zahlbar bei Check-out. Und der ist bis elf Uhr morgens.“

Carson machte sich für seinen entscheidenden Schachzug bereit. „Nein, nein! Ich bezahle meine Schulden immer sofort. Eine Nacht. Ein Frühstück. 62 Pfund.“ Und mit diesen Worten zählte er nacheinander 13 Fünf-Pfund-Noten auf den Tresen. Nur, dass er mit dem letzten Schein aus Versehen eine Visitenkarte aus dem Geldfach zog, die auf den Tresen segelte. Blitzschnell schoss Carsons Rechte vor, schnappte sich das Kärtchen und ließ es unauffällig in der Hosentasche verschwinden. Doch blitzschnell war nicht schnell genug für die Augen des Empfangschefs. Der hatte im Bruchteil einer Sekunde gelesen:

Carson F. Dwellington

Dallas Observer

Ressortleiter Reisen & Tourismus

Und das sollte er auch. Denn die Visitenkarte war Carson nicht zufällig aus dem Geldbeutel gefallen. Er hatte sie sorgsam mit etwas Klebestift an einer der Fünf-Pfund-Noten befestigt. Wenn man den so präparierten Geldschein beim Herausnehmen nur ganz leicht knickte, dann löste sich der Kleber und die Karte sprang förmlich ab. Da man jedoch niemals wusste, auf welcher Seite die Karte landen würde, hatte Carson sie kurzerhand doppelseitig bedruckt. Natürlich hatte er eine besonders gut lesbare Schrift verwendet und die Schriftgröße extra groß gewählt. Denn dieses 85 Millimeter breite und 55 Millimeter hohe Kärtchen aus dickem, hochwertigem Papier war das Herzstück seiner Masche. Innerhalb eines Sekundenbruchteils wurde aus dem nervigen Touristen ein Reisejournalist, der nach allen Regeln der Hotelkunst umworben werden wollte. Oder mit anderen Worten: Der alles aufs Haus bekam. Denn wer konnte sich in so einem harten und konkurrenzbetonten Gewerbe schon schlechte Presse leisten? Dann doch lieber ein kostenloses Zimmer-Upgrade nebst einer eisgekühlten Flasche Champagner springen lassen. Und dazu ein Abendessen mit mindestens drei Gängen – serviert vom ersten Oberkellner persönlich. Mit einer Weinempfehlung vom Restaurantleiter. Und besten Grüßen vom Chefkoch. Vielleicht auch noch den Porno-Kanal freischalten. Und zum Frühstück ein gratis Südfrüchte-Bouquet. Und noch mehr Champagner. Die Rechnung am Ende wurde dann mit einem Delikatessenkorb zur Erinnerung überreicht und war geradezu lächerlich niedrig. „Empfehlen Sie uns weiter“, war die letzte Bitte, die den Reisejournalisten hinaus zur extra georderten Limousine begleitete. All das nahm man als Hotel liebend gern in Kauf. Man konnte es unter Spesen verbuchen und gut. Einen schlechten Artikel hingegen wurde man nicht so günstig wieder los. Der hing einem ewig nach. Auf Blogs. Und in sozialen Netzwerken. Plötzlich erinnerten sich sogar Promis an ihren Horror-Aufenthalt, die noch nie einen Fuß ins Hotel gesetzt hatten. Und zwielichtige Investigativ-Trittbrettfahrer versuchten, mit versteckten Kameras neue Skandale ans Licht zu bringen. All das brauchte ein Hotel nicht. Und genau das schien dem spindeldürren Empfangsnazi in dieser Sekunde durch den Kopf zu gehen. Er verzog zwar keine Miene, als er sorgsam die 65 Pfund zusammenschob und in einer Geldkassette verschwinden ließ. „Mir fällt gerade ein, dass Zimmer 203 bereits für einen anderen Gast reserviert ist“, erklärte er dann jedoch emotionslos und stapelte drei Pfund in Münzen auf den Tresen. „Wie dumm von mir. Bitte verzeihen Sie diesen Fehler, Herr Dwellington! Aber zum Glück haben wir noch eine Suite im fünften Stockwerk zu Verfügung. Ohne Aufpreis, versteht sich. Dafür mit einer kleinen Überraschung nach Art des Hauses. Was sagen Sie?“

Köder ausgeworfen. Fisch angebissen. Alles, was jetzt zählte, war, das Tier so richtig auszunehmen und jede einzelne Schuppe zu vergolden. Doch dafür durfte man nicht mit der Tür ins Haus fallen. „Machen Sie sich meinetwegen bitte keine Umstände. Ich bin glücklich, wenn ich ein Dach über dem Kopf und ein weiches Bett für die Nacht habe.“ Carson setzte sein unschuldigstes Lächeln auf und kicherte grunzend. „Und ein schönes Glas Whisky wäre sicher auch nicht schlecht“, fügte er augenzwinkernd hinzu.

„Ich bin sicher, es findet sich eine exquisite Flasche Single Malt, die Ihnen den Aufenthalt versüßt, Herr Dwellington“, presste Dietrich-Wilhelm III. durch seine angefeilten Zähne. „Aufs Haus, versteht sich.“ Mit diesen Worten griff er unter den Tresen, zog schwungvoll eine breite Schublade auf und nahm einen angelaufenen Messingschlüssel mit der eingravierten Nummer 509 heraus. „Ihr Gepäck steht noch in der Einfahrt, nehme ich an? Jemand wird sich darum kümmern. Wenn Sie mir bitte in die Bar folgen wollen? Dort servieren wir ein Begrüßungsgetränk Ihrer Wahl, während der Service Ihre Suite vorbereitet!“ Mit diesen Worten kam der Dünne hinter dem Empfang hervor und deutete auf die hintere der beiden geschlossenen Türen. Carson nickte zustimmend und folgte der SS-Uniform quer durch die Hotelhalle.

Kraftvoll stieß der Empfangschef die schwere Holztür auf und verschwand im angrenzenden Raum. Einen Augenblick später trat auch Carson über die breite Türschwelle und stieß einen ehrfürchtigen Pfiff aus. „Now we’re talking business“, fuhr ihm durch den Kopf, während er die düstere und annähernd tennisplatzgroße Bar mit raschen Blicken erfasste. Zu seiner Linken waren gut zwei Dutzend lederne Sessel in lockeren Sitzgruppen verteilt. Manche waren mit kostbaren handbestickten Quilts bedeckt. Andere lockten mit prunkvollen Samtkissen und gepolsterten Fußschemeln. Schwere Brokatvorhänge und die weinrote Samttapete schienen nicht nur alles Licht zu schlucken, sondern auch die Geräusche. Die Mitte des Raumes war frei von Möbelstücken und das ausgetretene Parkett deutete auf den einen oder anderen wilden Tanzabend hin. Gegenüber der Tür, am anderen Ende des Raumes befanden sich mehrere Sitznischen, die aber von der Dunkelheit fast völlig verschluckt wurden. Das einzige Licht kam von der indirekten Beleuchtung über dem 15 Meter breiten Barspiegel. Die Bar-Theke selbst erstreckte sich über die gesamte Länge des Raumes und endete irgendwo in der Dunkelheit. Doch das war Carson völlig egal, denn er hatte nur noch Augen für das schier unerschöpfliche Sortiment an Spirituosen, das vor dem angelaufenen Barspiegel aufgebaut war. Und fast sofort verguckte er sich in eine Flasche schottischen Single Malt, die vom Alter her sein Vater sein konnte. 480 Dollar schätzte Carson. Das Glas. Nicht die Flasche. Wie hypnotisiert steuerte der kleine Amerikaner direkt auf die dunkle, mit schwungvollen Intarsien verzierte Theke zu, schob seinen breiten Hintern auf einen der schweren Barhocker und legte beide Hände flach vor sich auf den Tresen – ohne dabei die leicht angestaubte Whiskyflasche aus den Augen zu lassen. Das Wasser lief ihm im Mund zusammen. In Strömen. Carson musste zweimal kräftig schlucken, bevor er sich räusperte und mit leicht bebender Stimme in Richtung Whisky deutete: „Ich glaube, ich probiere mal ein Glas von dem da.“ Gierig würgte er einen weiteren Schwall Vorfreude hinunter und fügte unschuldig hinzu: „Darf ruhig ein größeres Glas sein.“

„Nicht zu gierig“, wies sich der vermeintliche Reisejournalist innerlich zurecht. Und immer schön den Einfaltspinsel spielen. Die müssen denken, dass sie dich schon in der Tasche haben. „Also nur, wenn es keine Umstände macht“, fügte er deshalb scheinbar demütig hinzu. „Ich glaube, ich habe noch nie einen so alten Whisky probiert.“

„Ah, eine ausgezeichnete Wahl“, dröhnte es wie aufs Stichwort von den Sitznischen herüber. Rasch drehte Carson den Kopf und versuchte, etwas in der Dunkelheit zu erkennen. Doch alles, was er sah, war das glimmende Ende einer Zigarette.

„Der Dundee Doodler ist einer unserer traditionsreichsten Whiskys.“ Der leuchtende Punkt tanzte jetzt wie Glühwürmchen. „Das erste Fass Doodler wurde 1790 eingelagert. Die Flasche, die Sie vor sich sehen, ist ein ganz besonderer Jubiläumswhisky. Er wurde zum 150-jährigen Bestehen der Doodler-Destille 1940 abgefüllt. Genauer gesagt am 12. April 1940. Doch das allein macht ihn noch nicht zu etwas Besonderem“, fuhr der Unbekannte fort. „Im April 1940 befand sich Großbritannien bereits seit über einem halben Jahr im Krieg gegen die deutschen Nazi-Schweine!“

Unwillkürlich riss Carson den Kopf herum, um die Reaktion des arischen Empfangschefs nicht zu verpassen. Doch der war verschwunden und hatte sogar die Tür zum Barbereich wieder geschlossen. Lautlos.

„Damals musste Großbritannien seine Truppen versorgen. Und zwar überall auf der Welt. Verstehen Sie? Kämpfen macht hungrig. Und hungrige Soldaten haben keine Lust, den Krauts die Rüben wegzuschießen …“

Carson nickte der glimmenden Kippe zu, während er im Kopf den Preis auf 600 Dollar pro Glas hochschraubte.

„Also wurden die Grundnahrungsmittel mit Kriegseintritt im September ’39 rationiert. Unter anderem auch die Gerste. Und ohne Gerste kein Whisky. Doch ein Jubiläum ohne Jubiläumswhisky kam für den Doodler-Chef Morgan T. Dreadwood Jr. nicht in Frage. Zum Glück war er ein weitsichtiger Mann. Deshalb verheiratete er bereits Ende 1939 seine bildschöne Schwester Adlene Dreadwood mit dem damaligen Vize-Agrarminister … James … John … ach, ich hab’ seinen Namen vergessen. Er war das, was man als ‚politische Randgestalt‘ bezeichnet. Nicht von Bedeutung. Jedenfalls … als Dankeschön erhielt die Doodler-Destille zwei Güterwaggons voller Gerste. Und daraus wurden genau sieben Eichenfässer zu je 250 Litern mit feinstem Dundee Doodler befüllt. Fässer dieser Größe heißen bei uns Schotten übrigens ‚Hogshead‘. Aber nicht, weil die Fässer wie Schweinsköpfe aussehen. Oder wir gerne Sülze darin lagern. Nein, ‚Hogshead‘ ist ein altes englisches Volumenmaß für Flüssigkeiten. Aber ich schweife ab. Jedenfalls … in diesen sieben Fässern reifte der Whisky unter ständiger Überwachung für genau 50 Jahre. Wissen Sie, was der ‚Angel Share‘ ist?“

Carson dachte einen Moment nach, schüttelte dann jedoch den Kopf. Natürlich wusste er, was der Angel Share war. Natürlich! Aber nicht die Rolle, die er spielte. Denn die hatte von Tuten und Blasen und Whisky keine Ahnung!

Am anderen Ende des Raums leuchtete die Zigarette hell auf und der unsichtbare Gesprächspartner inhalierte tief. „‚Angel Share‘ nennt man den Teil des Whiskys, der einfach verdunstet. Der seinen Weg durch die Poren und Ritzen im Holzfass findet und einfach verdampft. Ab zu den Engeln! Je länger ein Whisky reift, desto mehr verdunstet. Und wenn ein Whisky 50 Jahre in ein und dem selben Eichenfass lagert, dann verschwindet eine ganze Menge. Im Schnitt ein Fass-Volumen-Prozent pro Jahr. Von den 250 Litern bleiben also nur noch 125 übrig. Bei sieben Fässern macht das 875 Liter. Allerdings hat der Whisky jetzt 62 Prozent Alkoholgehalt. Üblicherweise hat Whisky um die 40 Prozent. Man könnte ihn also auf rund 1350 Liter strecken und hätte dann den richtigen Alkoholgehalt.“

Die Zigarette glühte ein letztes Mal auf, bevor sie ausgedrückt wurde. Für einen kurzen Moment herrschte Grabesstille im Raum. Dann durchschnitt ein knarzendes Polster die unheimliche Ruhe. Angestrengt kniff Carson die Augen zusammen und erahnte eine hochgewachsene Gestalt, die langsam durch die Dunkelheit auf ihn zukam. Dabei schien es fast so, als ob das Licht vor ihr zurückweiche. Denn die Person wurde zwar immer größer, aber nicht heller.

„Das Problem war nur …“, fuhr der Unbekannte fort. „Wenn man einen Whisky nicht verderben will, dann darf man ihn nur mit demselben Quellwasser verdünnen, mit dem er angesetzt wurde. In diesem Fall war das Wasser aus dem Tay. Tja, aber der Tay war inzwischen so stark mit Arsen belastet, dass an seinen Ufern Reihenweise die Fische verendeten. Schuld daran war eine Färberei, die Garn für Kilt-Stoffe herstellte und ihre Abwässer direkt in den Tay leitete.“

Inzwischen war der Unbekannte bis auf 15 Meter an Carson herangekommen. Er war knapp zwei Meter groß und sehr muskulös. Sein Gesicht verschwand fast vollständig hinter einem beeindruckenden rabenschwarzen Vollbart – was ihn jung und alt zugleich aussehen ließ. Genau wie sein blankrasierter Schädel. Carson schätzte den Hünen auf Ende 40 und lag damit gar nicht so verkehrt. Vor der Brust trug der Fremde eine breite Lederschürze, darunter ein kariertes Flanellhemd, eine dunkle Stoffhose und schwarz-glänzende Arbeitsstiefel. Mehr konnte Carson in der schummrigen Beleuchtung noch immer nicht erkennen.

„Das ist der Grund, warum dieser Whisky unverdünnt abgefüllt wurde. 62 Volumenprozent reiner Alkohol kombiniert mit dem einzigartigen Geschmack von 50 Jahren Eichenfassreifung. 75 Liter behielt Sullivan M. Dreadwood, der Enkel von Morgan T. Dreadwood Jr., für sich. Pünktlich zum 200-jährigen Jubiläum wurden die restlichen 800 Liter in ebenso viele Flaschen abgefüllt und unter dem Namen ‚Dundee Doodler – Adlene Dreadwood Memorial Edition‘ an 800 sorgfältig ausgewählte Personen verschenkt. Keine einzige Flasche gelangte je in den Handel. Keine einzige Flasche wurde je verkauft. Zwei Jahre später war die Dreadwood-Destille pleite. Anscheinend hatte Sullivan M. Dreadwood schlichtweg keine Ahnung von moderner Marktwirtschaft.“

Der Unbekannte blieb in zehn Metern Entfernung stehen. Sorgfältig strich er seine speckige Lederschürze glatt und musterte Carson vom leicht schiefsitzenden Scheitel bis zu den abgelaufenen Sohlen. „Welche Zimmernummer haben Sie, mein Freund?“

„509“, antwortete Carson nach einem kurzen Blick auf die Gravur seines Zimmerschlüssels.

„Unsere Flitterwochen-Suite“, bemerkte der bärtige Hüne wertfrei. Dann schien er kurz über etwas nachzudenken, wandte sich plötzlich nach links um und schritt direkt auf die Theke zu. Im nächsten Moment saß er rittlings auf dem Tresen, schwang beide Beine über die Theke und landete geschmeidig auf der anderen Seite. Er bückte sich kurz und förderte ein bauchiges Whiskyglas zutage, das er kritisch beäugte und dann zufrieden vor sich abstellte. Mit einer fast beiläufigen Handbewegung schob er das leere Glas in Richtung Carson, sodass es die zehn Meter über den Tresen glitt und direkt vor ihm stehenblieb. Dann setzte sich der Bärtige wieder in Bewegung.

„Diese spezielle Flasche Dundee Doodler gehörte ursprünglich dem französischen Botschafter Cecil Benoit, der 1990 in London eingesetzt war. Er führte die Flasche wie eine Trophäe mit sich, wenn er auf Reisen ging. Jeden erfolgreichen diplomatischen Schachzug feierte er mit einem kleinen Glas Doodler.

Doch er war weder eine besonders charismatische Person – noch ein besonders erfolgreicher Politiker. Es heißt, dass er sich in diesem Saal mit einem windigen Öl-Magnaten aus Oklahoma auf eine Partie Poker einließ. Da war die Flasche noch fast voll. Er verlor jedes Spiel. Und zuletzt diese Flasche Whisky. Zu unserem Glück fand der Öl-Baron keinen Geschmack am Doodler und tauschte die Flasche kurzerhand an der Bar gegen eine Flasche Wild Goose ein. Das ist jetzt 25 Jahre her. Seitdem haben nur zwei Personen von diesem Whisky gekostet.“

Mit diesen Worten griff der Riese nach der angestaubten Flasche, entkorkte sie sorgfältig und schenkte Carson zwei Finger breit ein. Anschließend stellte er die Flasche zurück und verschränkte die tätowierten Arme vor der Brust. „Mein Name ist T. J. – kurz für Trevor Jay – ich bin der Barmann, der Ihnen jeden Wunsch erfüllt. Es sei denn, Sie wünschen sich Eis für diesen Whisky. Denn dann schlag ich Ihnen den Schädel ein.“

Carson riss die Augen auf und schüttelte den Kopf. „Kein Eis! Niemals Eis in Whisky!“ Dann nahm er ehrfürchtig mit beiden Händen das Glas auf und schwenkte es behutsam unter seine Nase. Er roch schweren Honig, feuchte Erde, Zedern, Nelken, Brombeeren, Zimt, Muskat und einen Hauch von frischem Pfeffer. Und ganz, ganz unterschwellig die zarte Note von Torf. Lächelnd schloss der kleine Mann die Augen und führte das Glas zum Mund. Es hatte wirklich seine Vorteile, ein falscher Reisejournalist zu sein. Dann berührte der Whisky seine Lippen und entfachte ein Feuerwerk. Die 62 Prozent Alkohol brannten sich den Weg über sein Zahnfleisch, seinen Zungenboden, seinen Gaumen, seine Geschmacksknospen – und explodierten in einem wahren Geschmacksinferno. Sandelholz und überreife Erdbeeren. Kandierte Äpfel und geschmolzene Butter. Baumrinde und Shiitake. Zitrusfrucht und Kautschuk. Und jede Menge Aromen, die Carson nicht einmal in Worte fassen konnte. Denn er hatte noch nie in seinem Leben etwas Vergleichbares gekostet. 600 Dollar waren bei weitem nicht genug für diese zwei Fingerbreit voll Himmel. So mussten sich die Götter fühlen, wenn sie Ambrosia kosteten.

Mit geschlossenen Augen stellte Carson das Glas vor sich ab und hielt den Atem an. Denn er wollte kein einziges Geschmacksmolekül verlieren. Als der Drang nach Sauerstoff zu groß wurde, atmete er stöhnend aus und öffnete verzückt die Augen. Seine Ekstase wuchs sogar noch, als er sah, dass das Glas noch immer halb gefüllt war.

„Der Letzte, der diesen Whisky probiert hat, hat eine halbe Stunde lang geschwiegen“, erzählte T. J. „Und dann hat er nur ein Wort rausbekommen: Wow!“

Zur Bestätigung nickte Carson und strich sich eine Locke falschen Haares aus der Stirn. „Das … ist … mit … Abstand … das  … Beste … das … ich … je … probiert … habe!“

Der bärtige Barmann lächelte verständnisvoll und öffnete sich ein Bier. „Darauf trinke ich“, prostete er Carson zu und nahm einen tiefen Schluck direkt aus der beschlagenen Flasche. „Aber ich muss Sie warnen. Die 62 Prozent steigen einem direkt ins Hirn. Gehen Sie’s lieber langsam an, bevor Sie mir umkippen.“

„Keine Sorge“, erwiderte Carson und nippte vorsichtig an seinem Glas. „Ich habe einige Erfahrung im Trinken. Man könnte sogar sagen, ich bin ein recht geübter Trinker.“

„Wo kommen Sie eigentlich her?“, wollte T. J. zwischen zwei großen Schlucken wissen.

„Heute oder im Allgemeinen?“

„Wo sind Sie geboren, meine ich?“

„Brentville, Texas, US-and-A, Sir“, erwiderte Carson in breitem Texanisch.

„Sie haben wohl Verwandte hier in der Gegend? Oder besuchen Sie Freunde?“

„Nein, ich bin auf der Durchreise. Reisen ist mein Beruf.“

„Dann sind Sie also eine Art Vertreter?“

„Ja … so was in der Art“, fügte Carson geheimnisvoll hinzu.

„Verstehe.“

Eine ganze Weile lang schwiegen beide und Carson nahm einen weiteren Schluck Doodler. Als dem dicken Amerikaner die Stille schließlich zu unbehaglich wurde, deutete er auf die tätowierten Unterarme des Barmanns. „Sie kommen wohl auch viel rum? Ich meine, da sehe ich asiatische Schriftzeichen, kyrillische Buchstaben und …“

T. J. hob fragend die rechte Augenbraue, lächelte dann aber milde und stellte sein Bier beiseite. „Könnte man so sagen.“ Mit dem linken Zeigefinger fuhr er sich langsam über den rechten Unterarm und ließ dabei die stahlharten Muskelstränge unter der bemalten Haut spielen. „Diese indonesischen Schriftzeichen hier hab’ ich aus Barlinnie. Sie bedeuten …“

„Sie meinen Bali?“, unterbrach Carson den Barmann.

„Nein, ich meine Barlinnie. Bar-L. Der Knast in Glasgow. Jedenfalls, sie bedeuten: ‚Der, der Köpfe abreißt und in Hälse scheißt.‘“

„Wow, das ist … bildlich“, schluckte Carson beeindruckt.

„Es wird noch besser.“ T. J. fuhr sich über den linken Unterarm und deutete auf eine Reihe kyrillischer Buchstaben. „Das hier hab’ ich aus Peterhead. Die haben übrigens 2013 dicht gemacht. Egal. Jedenfalls … hier steht ‚Gesichtshautfresser‘. Und in Craiginchess hab’ ich mir die Knöchel stechen lassen.“ Er ballte beide Fäuste und hielt sie dem kleinen Amerikaner dicht vor die Augen.

„W … H … O … S“, las Carson auf den Knöcheln der rechten Hand. Und: „N … E … X … T“, auf denen der Linken. Die tätowierten Worte schienen seltsam im Raum zu tanzen. „Das ist eine berechtigte Frage“, murmelte er mehr zu sich selbst und nahm den letzten Schluck Doodler. Dann atmete er tief durch und ließ sich unsicher vom Barhocker gleiten. „Aber ich weiß zumindest, wer der Nächste auf dem Klo ist! Ich!“

Mit diesen Worten wandte sich Carson ab und entfernte sich zwei Schritte von der Theke. Dann fiel ihm auf, dass er keinen blassen Schimmer hatte, wo sich die Toiletten befanden. „Und überhaupt: Die 62 Prozent purer Sprit knallen ganz schön rein. Wow … denke ich gerade besoffen? Dann muss ich schon ganz schön einen sitzen haben …“

Vorsichtig wandte sich Carson zurück zum Barmann, doch der Raum hörte nicht mehr auf sich zu drehen. „Wla … wnn …“ Speichel tropfte dem kleinen Mann vom Kinn direkt auf den Boden.

„Die Toiletten sind am Ende des Raumes. Einfach der Theke folgen, direkt durch die Tür und dann die erste links. Links! Rechts ist für die Ladies. Klar so weit?“

„Fshnhdn …“, salutierte Carson mit der rechten Hand gegen seine Nase und setzte sich langsam in Bewegung. Eigentlich war er gar nicht betrunken. Genaugenommen war der Raum betrunken. Kein Wunder bei dem ganzen Schnaps überall. Scheiß Suff-Loch! Irgendwie fummelte Carson die Tür am Ende der schwankenden Theke auf, drängte sich hindurch, prallte zweimal gegen irgendeine Wand, kroch durch eine Tür und zog sich mit beiden Händen an einem dreckigen Urinal wieder hoch. Während er seinen Arm bis zum Ellbogen in die Hose schob und nach seinem Penis fahndete, las er mit zusammengekniffenen Augen ein Gedicht, das vor ihm auf den Fliesen verschwamm:

I don’t drink much!

From time to time a glass of wine.

There and herea bottle of beer.

Once a week an Aquavit.

On every weekend a bottle of cheap blend.

Only in the rain a sip of champagne.

When the sun is out I love a Stout.

Every midnight a glass of dry white.

In the …

Weiter kam Carson nicht mehr. Denn er hatte nicht nur den Faden verloren, sondern auch das Bewusstsein.

Der erste Sinn, der wieder zu sich kam, war Carsons Geruchssinn. Er roch das salzige Meer. Fauligen Seetang. Scharfe Vogelexkremente. Alte Dachpappe. Und Zigarettenrauch. Als Nächstes kehrte sein Gehör zurück. Zuerst gedämpft, doch dann konnte er zwei unterschiedliche Stimmen wahrnehmen. Der hagere Kerl vom Empfang unterhielt sich mit dem Barkeeper.

„… 24.000 Pfund bei eBay, mein Freund“, beendete der Barmann eben seinen Satz.

„Für eine Flasche Whisky?! Herr im Himmel … was macht das pro Glas?“

„24.000 Pfund für einen Liter … macht 50 Gläser … macht 480 Pfund pro Glas.“

„Ungefähr 620 Dollar“, errechnete Carson, während er vergeblich versuchte, die Augen zu öffnen.

„Dieser kleine, fette Betrügersack hat 480 Pfund versoffen?“

Oh, oh …

„Eigentlich 600. Ich hab’ ihm einen besonders großen Schluck eingeschenkt“, brummte der Barmann.

„Wie gut, dass wir uns mit solchem Abschaum auskennen. Was für ein Arschloch. Und natürlich alles aufs Haus, hm?“

Fuck!

„Natürlich!“

„Na, dann geben wir ihm mal aufs Haus!“

In diesem Augenblick erwachte noch etwas in Carson. Nämlich der Schmerz. Wobei erwachen noch milde ausgedrückt war. Denn eigentlich explodierte der Schmerz zuerst in Carsons linker Hand, schoss dann durch seinen linken Unterarm, den Ellbogen, Oberarm und Schulter. Mit einem gellenden Schrei riss Carson die Augen auf und blickte direkt auf die beiden Männer, die über ihm standen.

Der hagere Empfangschef wechselte eben die blutverkrustete Nagelpistole von der rechten in die linke Hand und machte einen großen Schritt quer über Carsons Oberkörper. Carson versuchte, sich aufzurichten, doch sofort setzte ihm der Barmann seinen gewaltigen Fuß auf die Brust und drückte ihn zurück auf den Boden. Zudem stellte Carson mit einem kurzen Seitenblick entsetzt fest, dass sein linker Arm auf ganzer Länge an einem freigelegten Dachsparren festgenagelt war. Und zwar nicht nur durchs Fleisch, sondern durch sämtliche Knochen hindurch.