Hamadi im Auftrag des Pharaos - Johannes Graichen - E-Book

Hamadi im Auftrag des Pharaos E-Book

Johannes Graichen

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Beschreibung

Hamadi ist ein einfacher Bauer im alten Ägypten. Seine Familie und er leben in Armut. Ihre Lage verschlechtert sich noch, als Hamadis Bruder einen großen Fehler begeht und gefangengenommen wird. Es scheint aussichtslos, doch dann erteilt der König persönlich Hamadi einen Auftrag. Wenn er ihn erfüllt, erhält er nicht nur einen großzügigen Lohn, sondern kann auch seinen Bruder befreien. Er muss sich auf eine gefährliche Reise ins Land Nubien begeben, um dort einen Schatz zu stehlen, den der König um jeden Preis haben will. Doch die Nubier und die Ägypter stehen in Feindschaft, und Widersacher sind bereits Hamadi und seinen Weggefährten auf der Spur.

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Seitenzahl: 223

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Ähnliche


Inhalt

TEIL I

Hamadi und seine Familie

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

TEIL II

Die Reise nach Nubien

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

TEIL III

Der Mokrulus

Kapitel

20

Kapitel 21

Kapitel

22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

ANHANG

Figurenverzeichnis

TEIL I

Hamadi und seine Familie

KAPITEL 1

Die Sonne neigte sich und tauchte alles in ein tiefgoldenes Licht. Diese Zeit fand Hamadi immer am schönsten. Die Feldarbeit des heutigen Tages war beendet und er begab sich nun auf den Weg nach Hause. Hamadi war ein junger Mann mit schwarzen, kurzen Haaren. Noch kürzer war der Kinnbart, der sein rundes Gesicht zierte. Er trug einen hellen Schurz aus Leinen um die Hüfte, einfache Sandalen an den Füßen und war oberkörperfrei, wie die meisten Männer im ägyptischen Pharaonenreich. Und wie die meisten war auch er ein Bauer, der sich jeden Tag um landwirtschaftliche Belange kümmerte. In diesem Moment aber machte die Arbeit Platz für die Abendstunde, die ihn und alle anderen Bauern sowie Fischer und Handwerker allmählich nach Hause rief. So ging er zwischen Feldern entlang, vorbei an Palmen und den Bäumen, die dieses Land bewuchsen, stieg über Gräben und Kanäle, in denen das Wasser des Nils geleitet wurde und ließ den Blick schweifen. Zu seiner Linken lag der große Fluss, die Lebensader dieses Landes, gesäumt von Papyrusstauden und Schilfbewuchs, tagtäglich befahren von unzähligen großen Schiffen und kleinen Booten, über dem jetzt eine Gruppe Vögel eifrig aufflog. Zu seiner Rechten begann schon in Sichtweite die karge Wüstenlandschaft, in der es nichts als Felsen und staubigen Sandboden unter einer erbarmungslos glühenden Sonne gab, die nun allerdings tief über der Wüste im Westen stand, bevor sie vollends untergehen würde. Sie schickte ihre Strahlen, die schon rötlich-golden leuchteten, auf die Ebene und tauchte alles in eine andächtige Atmosphäre. Alles warf schon lange Schatten, so auch eine kleine Gruppe Palmen, die einen niedrigen Hügel krönten. Dieser Hügel ragte schon ein Stück weit in die Wüste hinein und war umgeben von Sand. Hamadi kannte ihn und die Palmen, die dort verbissen den Widrigkeiten der Wüste trotzten, gut, denn als Kind war er oft dorthin gegangen. Nur äußerst selten hatte er sich über diesen Punkt hinaus in das unendliche Meer aus Sand, Geröll und ewiger Trockenheit gewagt und wenn, dann nie sehr weit.

Jetzt war er auf dem Weg in die Stadt. Stolz und mächtig ragte die Stadtmauer vor ihm auf und noch höher hoben sich manche der dahinter liegenden Gebäude gen Himmel, von denen nicht wenige prachtvoll von der Bedeutsamkeit dieses Ortes zeugten. Theben war die Hauptstadt des Reiches und hier residierte der Pharao, Mentuhotep II., in einem großen Königspalast, den man von hier aus sehen konnte. Einen einfachen Bauern wie Hamadi interessierte das jedoch recht wenig. Im Moment genoss er einfach nur den schönen Abend und den Gang nach Hause. Er passierte die Stadtmauer und bahnte sich seinen Weg zwischen den einfachen Häusern und Hütten des Stadtrandes entlang, vorbei an spielenden Kindern, herumstehenden Tonkrügen, ein paar Ziegen, die ihn gleichgültig beäugten und einem Esel, der für seinen Herrn die Last trug. Auch eine Katze sah Hamadi, die mit eleganten Schritten vor ihm entlang stolzierte, um dann auf einer Treppe hochzulaufen.

Die Gassen wurden immer enger, bevor er schließlich an dem kleinen Haus ankam, in dem er mit seiner Familie wohnte. Gerade trat er ein, da begrüßte ihn schon die verärgerte Stimme seines Bruders Unas.

»Schon wieder nur so wenig«, schimpfte Unas. »Soll ich vielleicht Sand essen?«

»Jetzt hör schon auf«, erwiderte Satiah. »Du weißt genau, dass wir uns einfach nicht mehr leisten können.«

»Genau«, pflichtete Tahirah ihrer Schwester bei, »und wenn du mit unserer Auswahl nicht zufrieden bist, dann geh doch das nächste Mal selber zum Markt.«

Unas stöhnte nur, machte eine abweisende Handbewegung und verschränkte die Arme.

»Ich weiß doch, dass wir arm sind«, sagte er, »es ist nur so, ich hätte gerne mal wieder eine nahrhaftere Mahlzeit. Ich habe zum Beispiel so lange keinen Fisch mehr gegessen.«

»Fisch willst du?«, stieß Satiah hervor. »Wir müssen aufpassen, dass wir jeden Tag wenigstens Brot zum Essen haben, und jetzt kommst du und willst Fisch. Weißt du, dann geh doch zum Fluss und fange dir einen. Ansonsten kannst du das nämlich vergessen.«

»Ja, ja, ich weiß«, sagte Unas. »Ich bin eben nur enttäuscht, wenn ihr vom Markt kommt und ich sehen muss, wie wenig Essen ihr mitbringt.«

»Können wir denn etwas dafür?«, fragte Tahirah ärgerlich. »Du sagst das, als täten wir das absichtlich.«

»Nein, nein«, versuchte er seine Schwester schnell zu besänftigen, »ich weiß, unsere Mittel reichen einfach nicht für mehr. Aber ich meine doch nur, dass das nicht ewig so bleiben kann. Es muss sich doch mal etwas ändern.«

»Reg dich nicht auf, Junge«, ertönte eine erschöpft klingende Frauenstimme. Es war Rehema, die Mutter der Familie, die gerade aus einem anderen Zimmer kam – auch, wenn es kaum andere Zimmer gab, in diesem gedrungenen Haus.

»Bete zu den Göttern, das bringt vielleicht mehr«, sagte sie. »Aber jetzt finde dich mit deinem Schicksal ab, so wie wir es alle tun müssen. Wir sind arm. Das ist nun einmal so und wird auch so bleiben.«

Mit müden Schritten lief sie an der auf dem Boden liegenden Schilfmatte vorbei, auf der das wenige Essen, das Satiah und Tahirah vom Markt mitgebracht hatten, auf einem Teller lag. Sie schaute es traurig an. Dann erblickte sie Hamadi, der noch immer am Eingang stand und die Diskussion verfolgt hatte, als müsste er überlegen, ob er nicht lieber von hier verschwinden sollte.

»Ach, Hamadi ist auch da«, sagte Rehema, schien sich aber nur wenig darüber zu freuen. »Seht ihr, wenigstens haben wir noch uns selbst. Das muss reichen. Mehr brauchen Leute wie wir nicht zu erwarten.«

Damit war Hamadi zu Hause und mittendrin in den schwierigen Verhältnissen, die in seiner Familie vorherrschten. Seitdem sein Vater vor einigen Jahren eine folgenschwere Verwundung am Bein erlitten hatte, verschlechterte sich die Lage der Familie. Es geschah zu der Zeit, als Pharao Mentuhotep II. den Zusammenschluss von Oberund Unterägypten zu einem vereinten Reich herbeiführte. Die Reichseinigung machte Ägypten ohne Zweifel wieder zu einem aufblühenden Staat, doch diese Errungenschaft wurde mit Blut bezahlt. In einem der Kämpfe, die im Zuge der Reichseinigung stattfanden, wurde Hamadis Vater am Bein verletzt, wodurch er erst gar nicht mehr laufen und dann nur noch hinken konnte. Der Vater war nicht mehr in der Lage zu arbeiten, musste aber versorgt werden, wie zum Beispiel mit gekochten Mäusen, die gekauft wurden, weil sie als Heilmittel galten. Das schmälerte die Mittel der Familie zusehends und die Armut wurde ein kritischer Zustand. Dann, vor fast zwei Jahren, verstarb er. Die Mutter Rehema, die den Verlust ihres Mannes kaum verkraften konnte, stürzte in eine Krise. Sie belastete fortan einerseits der Todesfall, andererseits die Armut und zudem war sie selbst schon in einem Alter, das für das einfache Volk Ägyptens als gehoben galt.

Nun saß sie resigniert mit ihren Kindern auf dem Fußboden vor Tellern, die mit dem Wenigen gefüllt waren, das sie hatten. Sie verbrachten das Abendessen in Gedanken und Schweigsamkeit gehüllt. Hamadi war es nur recht, dass die ohnehin bestehende Niedergeschlagenheit nicht noch in Gesprächen vertieft und gestärkt wurde.

Tahirah war es dann, die der Stille ein Ende setzte.

»Heute hat es scheinbar wieder Unruhen gegeben«, sagte sie.

»Was denn für Unruhen?«, fragte Unas.

»Ach, sie übertreibt«, warf Satiah ein und winkte ab. »Es gab nur eine Streitigkeit zwischen mehreren Leuten. Vorhin, bevor wir auf den Markt gegangen sind, haben wir es gesehen.«

»Also nur eine Auseinandersetzung, wie man sie manchmal in der Stadt sieht?«, wollte Unas genauer wissen.

»Richtig«, bestätigte Satiah.

»Das meine ich doch«, sagte Tahirah.

»Dann drücke das bitte auch so aus. Eine vorsichtigere Wortwahl wäre angebracht. Denk nur an unseren armen Vater und seine Erlebnisse mit echten Unruhen und Schlimmerem.«

Bei der Erwähnung des Vaters fielen ihre schuldbewussten Blicke auf Rehema, die jedoch abwesend schaute, als hätte sie das Gespräch gar nicht gehört. Hamadi begrüßte nun wieder das einkehrende Schweigen.

Die nicht allzu vollen Teller waren bald geleert und wurden abgeräumt. Die noch verbleibende Zeit des später werdenden Abends nutzte Hamadi für einen kleinen Spaziergang. Wie es ihm gerade in den Sinn kam, bummelte er durch die Nachbarschaft. Zwei Frauen standen vor einer Tür und unterhielten sich. Irgendwo schlich eine Katze um eine Hausecke. Als Hamadi fast wieder daheim war, traf er noch auf einen jungen Mann. Es war Emheb. Trotz der zunehmenden Dunkelheit erkannte er dessen Gesichtszüge. Seine eigenen, sozusagen, denn Emheb und Hamadi sahen sich so ähnlich, dass sie fast für Zwillinge gehalten werden konnten, obwohl zwischen ihnen keinerlei Verwandtschaft bestand. Im Kindesalter konnte man sie noch gut auseinanderhalten, doch seit ihrer Jugend sahen sie sich immer ähnlicher, was schon manchmal unter den Leuten für Verwechslungen, vor allem aber für Verblüffung gesorgt hatte. Wenn sie sich sahen, lächelten sie sich für gewöhnlich etwas verlegen an, weil sie beide über diesen kuriosen äußeren Umstand wussten. Nun arbeiteten sie beide als Bauern in der Landwirtschaft und wohnten nur zwei Häuser voneinander entfernt. Sie wechselten kaum ein Wort miteinander, begegneten sich jedoch immer mit Freundlichkeit, auch wenn diese nur distanziert war. So war es auch an diesem Abend. Das obligatorische Lächeln, ein flüchtiger Gruß mit der Hand und Hamadi machte sich auf nach Hause. Schließlich war er schon ziemlich müde.

KAPITEL 2

Geschäftiges Treiben erfüllte die Gassen und Plätze der Stadt Theben, während die Sonne am wolkenlosen Himmel aufstieg und einen warmen Tag verhieß. Die Brüder Hamadi und Unas gingen gemeinsam zu ihrer Arbeitsstätte auf den umliegenden Feldern. Unas’ nachdenklicher Blick haftete fest auf dem Boden, was ihn jedoch nicht daran hinderte, Mensch, Tier, Holzwagen und was auch immer auf seinem Weg stand, auszuweichen. Dann schaute er endlich auf.

»Sag mal, wie siehst du das eigentlich?«, fragte er ganz unvermittelt.

Hamadi sah ihn verständnislos an.

»Wovon sprichst du bitte?«

»Von dürftigen Mahlzeiten. Von Armut. Oder genauer von unserem Problem damit. Davon spreche ich.«

»Oh«, brachte Hamadi hervor und seine Stimme verriet einen deutlichen Mangel an Begeisterung.

»Dir fällt doch sicherlich auch auf«, begann Unas seinen Vortrag, »dass es momentan wieder besonders extrem ist.«

»Natürlich fällt mir das auf. Ich merke es nämlich immer daran, wie du dich aufregst.«

»Ich finde das nicht gerade komisch.«

»Entschuldige. Aber ich denke, die besseren Tage werden wieder kommen. So war es doch bisher immer.«

»Das schon«, gestand Unas ein, »aber die halten nicht so lange an. Irgendwann kommen wieder schwierigere Zeiten. Immer wieder und wieder. Und ich möchte, dass sich das ändert. Wir müssen ja nicht speisen, wie der König persönlich, aber zumindest so, dass man immer satt wird. Und das soll ein dauerhaft anhaltender Zustand sein, verstehst du?«

»Ja, aber …«

»Kein Aber«, unterbrach Unas. »Du willst doch nicht sagen, dass du dich damit zufriedengibst, wie es jetzt ist?«

»Nein, aber …«

»Na also. Und das heißt, dass wir etwas tun sollten.«

»Wir tun doch etwas«, betonte Hamadi. »Wir gehen arbeiten und werden dafür entlohnt.«

»Wie du aber siehst, reicht das auf Dauer nicht wirklich aus.«

Hamadi atmete darauf nur schwer aus.

»Ich habe das Gefühl«, sagte Unas, »dass du gar nicht vorhast, mir zu helfen, etwas an der Lage zu verändern.«

»Ach, Unsinn«, entgegnete Hamadi einem ersten Impuls folgend, doch er wusste, dass sein Bruder nicht ganz Unrecht hatte. »Was hast du denn überhaupt vor?«

»Ganz genau weiß ich das noch nicht, aber – bei Amun – das ist nicht mein letztes Wort in dieser Angelegenheit!«

Inzwischen kamen sie an der Stadtmauer vorbei und verließen die Stadt. Gleich schauten sie nach rechts, wo der Nil lag, denn es war immer interessant, die großen Schiffe zu sehen, die dort schon morgens den regen Flussverkehr einläuteten. Eines, das aus Richtung Süden kam, fuhr langsam und nah am Ufer, um gleich anzulegen.

»Sieh mal«, sagte Unas und deutete auf dieses Schiff, »ich denke, das kommt aus Nubien, oder was meinst du?«

»Kann gut sein.«

»Dann hat es bestimmt haufenweise Gold an Bord.«

Das Land Nubien grenzte im Süden an das Pharaonenreich. Es war ein dünn besiedeltes Land mit einem Königshaus, das viel umherzog, denn es gab keine Hauptstadt. Da es über große Goldvorkommen verfügte, war es für Ägypten schon lange interessant und nun waren die zwei Länder verfeindet und König Mentuhotep II. führte Feldzüge gegen Nubien, in denen zweifellos viel von dem Edelmetall erbeutet wurde.

»Das wäre doch etwas«, sagte Unas. »Wenn wir nur ein kleines bisschen von dem ganzen Gold bekommen könnten …«

Hamadi lachte kurz auf und schüttelte leicht den Kopf.

»Werd doch nicht albern«, sagte er.

Unas gab sich damit geschlagen, doch sein Blick verriet, dass er in seinem Kopf mit Vorstellungen und Überlegungen würfelte.

»Ich finde, einen winzigen Anteil von all dem Gold haben wir verdient«, murmelte Unas.

Hamadi war nicht ganz klar, was sein Bruder damit meinte, doch bevor er darüber nachdenken konnte, redete dieser schon weiter.

»Wie es wohl bei Yanara aussieht? Ob sie es besser hat?«

Yanara war die große Schwester der beiden. Unter den fünf Geschwistern war sie die Älteste und wohnte schon nicht mehr zu Hause. Vor nicht allzu langer Zeit war sie mit einem Mann zusammengekommen und hatte sich in andere vier Wände eingeheiratet. Seitdem sahen ihre Geschwister sie nur noch selten, Mutter Rehema sogar noch weniger, da sie doch kaum das Haus verließ.

»Bei ihr ist es bestimmt nicht sehr anders, wenn du mich fragst«, gab Hamadi als Antwort. »Gut, vielleicht hat sie nicht so schlimme Schwierigkeiten mit der Armut wie wir, aber die bescheidene Lebensweise ist ihr nach der Heirat noch erhalten geblieben.«

»Hm, das stimmt wohl.«

Das Gespräch fand nun ein Ende, denn jetzt standen sie auf dem Feld und fingen an zu arbeiten. Zusammen mit vielen anderen Bauern hatten sie hier zu tun. Es gab inzwischen erste Feldfrüchte zu ernten und auch um das Vieh musste sich gekümmert werden. Doch keine Stunde war vergangen, da kam Unas zu Hamadi und hatte das Bedürfnis, noch etwas an ihr Gespräch anzuknüpfen.

»Hör mal, Hamadi«, sagte er. »Ich weiß, es klingt absurd, aber ich muss dir diesen Gedanken einfach mitteilen.«

Erwartungsvoll schaute Hamadi seinen Bruder an.

»Was wäre denn, wenn wir zur Armee gehen würden?«

Da war Hamadi sichtlich verdutzt.

»Ich weiß, das klingt nicht schön, aber ich bin sicher, dass wir dort wahrscheinlich eine bessere Versorgung haben, als es jetzt der Fall ist. Da bekämen wir bestimmt immer genug Essen und Trinken.«

»Das meinst du doch nicht ernst, oder? Du willst doch nicht wirklich in die Armee gehen, und schon gar nicht, wenn unser Land gegen Nubien kämpft.«

»Es war ja nur ein Gedanke«, beeilte sich Unas zu sagen. »Natürlich hatte ich das nicht wirklich in Betracht gezogen.«

Ein wenig unangenehm war ihm die Sache schon und so entfernte er sich wieder. Es war durchaus eine schlechte Idee und konnte nicht die Lösung des Problems sein, aber das Problem selbst wollte ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen. Noch mehrere Male schaute er in Richtung Fluss und sah Schiffe, die möglicherweise aus dem Lande Nubien kamen. Vielleicht brachten manche von ihnen Gold. Ziemlich sicher sogar. Wie viel davon das Pharaonenreich wohl schon erbeutet haben musste, dachte er und verspürte eine stille Begierde.

Leises Zirpen der Heuschrecken erfüllte die sich abkühlende Luft. Sanft atmeten Hamadis Familienmitglieder, bei denen er jetzt lag. Der Boden des Raumes war fast vollständig bedeckt von den Schilfmatten, auf denen sie ruhten, um in den Schlaf zu sinken. Auch er schloss nun die Augen am Ende dieses Tages. Er entspannte sich mehr und mehr. Doch bevor er einschlief, hörte er, wie neben ihm jemand aufstand. Es musste Unas sein, der sich da langsam und leise erhob. So lautlos wie möglich versuchte er, den Raum zu verlassen, das konnte Hamadi in der Dunkelheit erkennen. Er überlegte noch, ihn zu fragen, wohin er wollte, doch er zögerte zu lange und Unas war schon draußen. Wie auch immer. Er schloss wieder seine Augen. Aber etwas beunruhigte ihn. Er fragte sich, was Unas tat, lauschte, ob er ihn vielleicht draußen hören konnte, und wartete auf seine Rückkehr. Und solange er das tat, konnte er nicht einschlafen. Minuten musste er so dagelegen haben, als er Schritte hörte, die in das Haus führten. Unas kam zurück in den Raum – wieder so leise wie möglich. Hamadi fand, dass sein Bruder einen ziemlich verstohlenen Eindruck machte. Er musste ihn einfach darauf ansprechen.

»Was hast du gemacht?«, flüsterte er in die Dunkelheit und Unas erstarrte kurz. Dann setzte er die Bewegung, mit der er sich gerade hinlegen wollte, fort.

»Nichts«, raunte er. »Ich war nur kurz draußen. Habe frische Luft geschnappt und mir ein bisschen die Füße vertreten, das ist alles.«

»Aha.«

Unas konnte Hamadis Skepsis förmlich spüren.

»Ich wollte doch bloß ein wenig den Kopf frei bekommen«, erklärte er, »um jetzt besser schlafen zu können.«

»Schon gut«, erwiderte Hamadi und beließ es dabei.

KAPITEL 3

Schon als die Familie beim Frühstück zusammen saß, dachte Hamadi an das kurze Gespräch mit seinem Bruder zu der Zeit, als die anderen schon geschlafen hatten. Wovon hatte Unas den Kopf freibekommen wollen? Nun, warum sollte er ihn nicht einfach danach fragen? Es wäre doch das Beste, offen darüber zu sprechen.

Später, als sie das Haus verlassen hatten und auf dem Weg zu den Feldern waren, hielt Hamadi den richtigen Moment für gekommen.

»Sag mal, was ging dir denn gestern am späten Abend durch den Kopf, dass du deswegen nochmal an die frische Luft gehen wolltest?«, fragte er in aller Offenheit.

»Na, was wohl?«, erwiderte Unas. »Natürlich was ich tun kann, um unserer Familie zu helfen.«

Hamadi nickte, doch war sich unschlüssig, was er nun dazu sagen sollte.

»Na, ich hoffe, du machst dir nicht zu viele Sorgen«, antwortete er nach einer kurzen Pause.

Unas schaute ihn daraufhin mit einem forschenden Blick an und Hamadi wusste nicht, was sein Bruder jetzt dachte. Schweigend liefen sie weiter. Nicht lange und sie passierten wieder die Stadtmauer und verließen die Stadt. Wieder zog der Nil ihre Blicke auf sich. Wie immer sahen sie dort auch heute Schiffe.

Da sagte Unas: »Ich habe mir etwas überlegt.«

Er murmelte es nur, doch Hamadi konnte es verstehen. Kurz schaute Unas ihn an und dann wieder zu den Schiffen in der Ferne. Die beiden wurden langsamer, blieben schließlich stehen.

»Es müsste machbar sein«, murmelte Unas weiter.

»Was denn? Wovon redest du?«

»Von meinem Plan«, war seine Antwort, die so selbstverständlich klang. »Gestern hatten wir doch von den Schiffen gesprochen, die aus Nubien kommen. Sie bringen Gold mit, da besteht überhaupt kein Zweifel. Das Gold und was sie sonst noch geladen haben, wird vom Schiff in die Stadt transportiert. Ich habe vor, davon einen kleinen Teil – nun ja – zu entwenden.«

Hamadi zog die Augenbrauen zusammen. Was sein Bruder da von sich gegeben hatte, war schon ein starkes Stück.

»Um Maats Willen!«, stieß Hamadi empört hervor. »Du willst klauen?«

»Zum Wohl unserer Familie«, betonten Unas. »Und auch nicht viel. Der König und die Beamten werden keinen Schaden davontragen.«

»Das ist … nicht in Ordnung«, waren die einzigen Worte, die Hamadi dazu einfielen. »Wie willst du das überhaupt anstellen?«

»Ich habe mir das folgendermaßen gedacht: Wir werden mit einem kleinen Boot auf dem Fluss fahren und geben uns als ganz normale Fischer aus. Wenn dann ein Schiff im Hafen anlegt, um sein Gold abzuladen, ziehe ich mich an dessen Seite nach oben und greife nach den Schätzen. Eine Handvoll wird für uns genug sein und niemandem schmerzen. Das sollte auch ganz schnell gehen. Solange hältst du das Boot auf Position und dann verschwinden wir ganz unauffällig, ohne dass jemand etwas bemerkt hat. Ja, und das ist mein Plan.«

Hamadi schüttelte etwas ungläubig den Kopf.

»Das meinst du doch nicht ernst«, sagte er mit einem seichten Lächeln. Doch der unbeirrte Gesichtsausdruck seines Bruders ließ eine eindeutige Entschlossenheit erkennen und Hamadi gab ein Stöhnen von sich.

»Ich habe das gut durchdacht«, sagte Unas. »Und ich bitte dich darum, mir zu helfen. Du musst nur das Boot steuern, den Rest erledige ich. Es wird schnell und unauffällig vonstattengehen. Stell dir nur vor, wir werden alle etwas davon haben. Du auch, vergiss das nicht! Genug Essen für die ganze Familie. Und das jeden Tag, ohne Sorgen.«

Jetzt hatte Unas seinen Bruder fast so weit, diesem Vorhaben zuzustimmen. Eine Sache war für Hamadi jedoch klar: Mit kriminellen Aktionen wollte er nichts zu tun haben.

»Vergiss es!«, erwiderte er und bewegte seine Hände, als wollte er lästige Mücken vertreiben. »Vergiss das alles! Es ist riskant und es ist verboten. Ich möchte, dass du dir das aus dem Kopf schlägst.«

Dass Hamadi bei seinem etwas jüngeren Bruder einen mahnenden Ton verlauten ließ, kam nur äußerst selten vor. Vielleicht, weil er für derartige Zurechtweisungen einfach zu gutmütig war, sicherlich aber, weil es die Harmonie zwischen den Beiden zerstörte.

»Schön, wie man sich auf dich verlassen kann«, gab Unas zurück. »Und ich hatte noch gedacht, du würdest verstehen, was das für unsere Familie bedeuten könnte.«

Damit ging er beleidigt davon.

›Der beruhigt sich schon wieder‹, dachte Hamadi. Nur ob er von seinem Plan ablassen würde, war nicht klar und das war besorgniserregend.

KAPITEL 4

Am nächsten Morgen stand Hamadi auf und Unas war nicht mehr da. Er frühstückte mit Mutter Rehema und seinen Schwestern Satiah und Tahirah. Sein erster Gedanke über die Abwesenheit des Bruders kam mit einem Hauch von schlechtem Gewissen. War er womöglich schuld daran, dass Unas nicht gemeinsam mit der Familie frühstücken wollte? Hatte er ihn gestern mit seinen strengen Worten so schwer getroffen? Nein, diesen Gedanken konnte er sofort als falsch beurteilen, denn Unas hatte am vergangenen Abend auch mit der Familie zusammengesessen und das wie immer nicht sehr üppige Mahl eingenommen. Dabei war er nicht sonderlich gut gelaunt und auch nicht sehr gesprächig gewesen, doch Hamadi war überzeugt, dass sich das Verhältnis zu seinem Bruder wieder auf dem Weg der Besserung befand. Nun war er aber trotzdem nicht hier. Natürlich fragte Hamadi gleich nach seinem Bruder.

»Der hat sich schon davongemacht, da war ich noch halb im Schlaf«, antwortete Rehema. »Will etwas machen, hat er gesagt. Wir sollen nicht auf ihn warten.«

Schlagartig wurde Hamadi klar, was da im Gange war. Gleich versuchte er, sein Erstaunen zu zügeln.

»Ich werde mich mal nach ihm umschauen«, verkündete er und versuchte dabei, so ruhig wie möglich zu klingen. »Ein kleiner Spaziergang am Morgen ist doch eine schöne Sache.«

Schon verließ er das Haus und wusste nicht, ob er wegen seines Bruders wütend oder besorgt sein sollte. Wenigstens hatten die anderen nicht bemerkt, wie bedenklich die Lage war. Gut so weit. Nun galt es, so schnell wie möglich zu den Anlegestellen am Nil zu gelangen. Das war das richtige Ziel, denn dahin war sein Bruder gegangen.

Auf sich allein gestellt, hatte Unas seinen Plan ausführen müssen. Im Dämmerlicht des frühen Morgens hatte er auf einem kleinen Schilfboot gesessen und sah aus wie ein ganz normaler Fischer. Bis dahin war das Glück auf seiner Seite, denn es trieb schon zu dieser Zeit ein Schiff den Fluss hinunter. Es kam aus Nubien und wollte sein Ladegut in die Hauptstadt bringen. Das wusste Unas und sein Herz begann schneller zu schlagen, als sich das Schiff einer Anlegestelle näherte. Unruhig saß er in dem kleinen Boot, das auf dem großen, breiten Fluss dümpelte und mit dem er sich langsam näherte. Vom anderen Ufer drangen die Rufe von Ibissen. Irgendwo dort saßen diese Wasservögel und ihre Laute klangen wie ein Schimpfen über Unas und sein sträfliches Vorhaben. Doch jetzt waren keine Zweifel angemessen, denn das Schiff, das schon an der Anlegestelle befestigt wurde, lag unmittelbar vor ihm. Sanft glitt das kleine Schilfboot an ihm vorbei und der Abstand verringerte sich zusehends, bis Unas schließlich die Bordwand berühren konnte. Vom Deck des Schiffes aus war er nun nicht mehr zu sehen. Man musste sich schon über die Reling beugen, um ihn zu entdecken. Recht deutlich hörte er Stimmen von Menschen jenseits des Schiffes. Auch vom Deck waren noch Schritte zu vernehmen, doch sie schienen das Schiff zu verlassen. Unas konnte nur hoffen, dass sie nicht sofort mit dem Löschen der Ladung beginnen würden. Er tastete sich vorsichtig am Schiffskörper entlang, wagte es kaum zu atmen und als er etwa die Mitte erreicht hatte, wusste er, dass der Moment gekommen war. Mit all seinem Mut richtete er sich auf und seine Hand ergriff die Reling, an der er sich festhielt und kräftig nach oben zog. Sein anderer Arm langte so weit es ging über diese hinweg. Und tatsächlich. Seine Hand griff in einen Leinensack, der gefüllt war mit kalten, glatten Kleinteilen: Münzen und andere aus Gold bestehende Schätze und Kostbarkeiten, die einen so hohen Wert hatten, wie Unas ihn noch nie in die Finger bekommen hatte. Es konnte nicht besser laufen. Doch wie er da halb stand, halb hing und sich an der Reling festhielt, wollte das Boot unter seinen Füßen wegtreiben. Wäre Hamadi hier gewesen, hätte er das Boot durch sein Körpergewicht und mit einem Ruder stabilisieren können, doch auf die Hilfe seines Bruders hatte Unas ja nicht hoffen können. Also musste er schnell loslassen und sich mehr oder weniger in das Boot fallen lassen, um schließlich nicht mitsamt der Beute in seiner Hand ins Wasser zu stürzen. Das darauffolgende Geräusch des Wassers drang an die Ohren eines Soldaten, der in diesem Moment über eine Planke vom Steg auf das Schiff stieg. Seine Aufmerksamkeit, sein Misstrauen und nicht zuletzt seine Neugier veranlassten ihn, zu schauen, was dieses Geräusch im Wasser unmittelbar hinter der Schiffswand verursacht hatte. Als er über die Reling sah, entdeckte er den unglücklichen Unas, der in einem Schilfboot saß, von dessen Boden er hektisch ein paar heruntergefallene Münzen aufsammelte, woraufhin er gleich ängstlich zu dem Soldaten auf dem Schiff schaute. Dieser konnte sich gleich zusammenreimen, was geschehen war, als er das funkelnde Gold sah.

»He!«, rief er noch.