Handsome but Psycho - Olivia Kohl - E-Book

Handsome but Psycho E-Book

Olivia Kohl

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Beschreibung

EMOTIONAL. UNVORHERSEHBAR. ANDERS. Neu auf der privaten Highschool in Mendale lernt Kirby einen Mann kennen. John ist charmant, attraktiv und der on-off-Freund der scheinbar genauso perfekten Sylvie Most, die für Kirby schnell mehr wird als nur ein Vorbild. Ganz zu Johns Unbehagen, der alles tut, um das Leben der Frauen zu zerstören. Aber irgendwie ist der junge Theaterlehrer doch viel zu gut, um wirklich gefährlich zu sein, oder? Aber warum sterben dann immer mehr Menschen in seinem Umfeld und wie lange wird es dauern, bis seine Nähe auch für Kirby zur Gefahr wird?

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HANDSOME BUT PSYCHO - Wo Liebe hinfällt

TriggerwarnungPlaylistPrologDie Geschichte / 12345Epilog20 Jahre späterDanksagungÜber die Autorin

Triggerwarnung

Dieses Buch enthält Elemente, die triggern könnten.

Diese sind:

Tod, Verlust, Mord, versuchter Mord, Mobbing,

Sektenabhängigkeit, Körperliche und psyschische Gewalt,

Toxische Beziehung und Stalking.

Playlist

Kirby

Arcade, Duncan Laurance

You don't even know me, Fouzia

Panic Room, Au/Ra

Amnesia, Roxen

Idfc, Blackbear

Talking to the moon, Bruno Mars

Comatose,Mikky Ekko

Love sux, Marisa Maino

Crazy, Diana Salvatore

Giver, K. Flay

Gangstas paradise, Coolio (Kina Grannis Cover)

War of hearts, Ruelle

Bird set free, Sia

Happier, Marshmello ft. Bastille

You cant stop the girl, Bebe Rexha

Sylvie

I see Red, Everybody Loves An Outlaw

Bury a friend, Billie Eilish

Him & I, G-Eazy ft. Halsey

Lay my body down, Rag 'n' Bone Man

Play with Fire, Sam Tinnesz

You don't own me, SAYGRACE feat. G-Eaty

Broken, Isak Danielson

Heaven, Julia Michaels

John

The Hills, The Weeknd

Blood in the water, grandson

Heathens, twenty one pilots

Control, Halsey

You love me, Flora Cash

Prolog

Das Rezept für eine gelungene Entführung? Ein Psychopath. Ein verdammt attraktiver, aber dennoch gemeiner Psychopath. Hm. Angst. Ein jugendliches Mädchen voller Angst. Was noch? Ein geschlossener Raum – aber der ist verboten. Natürlich ein Mord, er gehört zu dem Leben von John wie eine Party zu einem Kindergeburtstag.

Aber es fehlt noch was. Das Mädchen hat sich in den Psychopathen verliebt. Und er sich in das Mädchen – denkt sie. Denn er ist bösartig und sie ziemlich naiv.

Vorher passieren natürlich noch einige interessante Dinge. Und von diesen Dingen will ich hier erzählen. Immerhin muss der Mann, John, das Vertrauen von Kirby erst einmal gewinnen. Warum sollte sie sich sonst von einem gefährlichen Typen entführen lassen?

Nun, freiwillig ist was anderes. Kirby wehrt sich zwar nicht, aber alles ist Taktik. Denn Kirby ist stark. Ich bin stark. Kirby ist nicht schwach. Ich bin es nicht. Ich... ich bin Kirby. Ich bin das Mädchen.

Und jetzt erzähle ich meine Geschichte. Mehr Möglichkeiten habe ich hier nicht sonderlich. An diesem Ort. Ich weiß nicht, wo genau ich bin, aber ich hasse es und ich will hier raus.

Sylvie, hilf mir! Emma, wo auch immer du bist, hilf mir! Graham... du kannst mir nicht mehr helfen. Eigentlich kann es niemand.

Wie es dazu kam? Wieso ich hier festsitze und John trotz allem nicht vergessen kann? Das erfährst du, falls meine Geschichte eines Tages von einem kompetenten Menschen gehört wird – und damit meine ich nicht Krankenschwester Leah. Wenn du das hier hörst...

Vielleicht kannst du mir ja helfen. Denn sonst? Sonst wird es keiner.

Frisch aus der Kleinstadt Ravenswood im Hinterland wechselte ich vor elf Jahren mit meinem besten Freund Graham nach Mendale auf die dortige Privatschule. Wir kamen aus einer ärmeren Gegend von Washington DC und bekamen vom Ministerium Stipendien geschenkt, die der Förderung von Hilfe in Armutsvierteln dienten. Ravenswood hat zwar wenig Geld, ist aber eine Stadt voller bunter Leben und Freigeistern. Man kennt sich und ist eine große Familie. Nur die Kriminalitätsrate ist dort extrem hoch, genau wie die Steuern. Um dieses Problem vor der Gesellschaft zu verstecken, durften zwei Jugendliche die Eliteschule in Mendale besuchen, als Experiment. Wenn wir uns gut anstellen würden, erwarteten uns bessere Karrierechancen und eine Aufstiegsmöglichkeit auf der Leiter der Nahrungskette.

Sollten wir es allerdings vergeigen oder sollten unsere Noten einem bestimmten Durchschnitt nicht entsprechen, würden wir mit einem vorzeitigem Abschluss fristlos entlassen werden.

Es war schwierig, sich als die Neuen zu integrieren, aber noch schwieriger war es, Grahams Geheimnis für mich zu behalten. An unserer alten Schule kam es damals zu Komplikationen.

Aus Grahams Sicht war Mendale ein Neunanfang. Solange niemand von seiner wahren Persönlichkeit erfährt, kann eigentlich nichts Schlimmes passieren, hat er damals gesagt. Wie leichtgläubig wir doch alle waren. Dennoch schien mir das hier vorerst die spannendste Sache zu sein. Hätte ich ahnen können, wie sich unser Aufenthalt in dieser Staft entwickeln würde, hätte ich wohl die Klappe gehalten.

»Wir sind wie Gäste. Man wird uns nie akzeptieren. Lange werden wir nicht bleiben, glaub mir«, war meine Meinung. Dass ich unsere Chance nicht als Chance nahm, traf Graham etwas. Ich warf ihm Flucht vor. Flucht vor dem Alltag in Ravenswood und dem Mobbing der anderen. Selber war ich aber kein Stück besser. Vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr zu sehen, spiegelte meine Stimmung extrem gut wieder. Immerhin versteckte ich meine Depression unter einer Schicht lauter kleiner Problemchen. Meine Familie war zerstört und meine Noten gingen den Bach runter.

In Mendale wollte ich Masken tragen, sowie alle Menschen dort.

Und das war mein erster großer Fehler.

Von denen noch einige folgen würden.

Die Geschichte / 1

 1

Blöde Mutproben!

»Komm, gib mal dein Handy her!«, ermunterten mich meine Freunde Graham Sirk und das fast einzige nette Mädchen auf der komplett neuen Schule, Hanna Guski, im Rahmen eines Spiels vor der Schule. Seit Minuten wollten sie meine Zustimmung, einer Zufallsperson meiner Kontakte eine zweideutige Textnachricht zu schicken, weil 'es lustig wäre'. Dass ich das für keine gute Idee hielt, ließ ich sie wissen: »Bei solchen Ideen kann es ganz schnell zu Missverständnissen kommen. Was ist denn, wenn du etwas richtig Peinliches an die so richtig falsche Person schreibst?«

Graham entgegnete, dass es erst dann eine gelungene Challenge sei, wenn ich mich blamieren würde. Toller Freund.

Angesichts meiner Zweifel schlug Hanna aber vor, dass ich selber an jemanden schrieb. Gut, was soll's, dachte ich. Ich nahm die Herausforderung an und scrollte blind durch die Kontaktliste meines Mobiltelefons. Als ich langsam meine Augen öffnete, linselte Graham mir über die Schulter, fing zu kichern an und hielt mir dann mit zwei Fingern den Namen der Person zu.

»Was hat das zu bedeuten?«

»Na, dass es eine gelungene Challenge wird. Wie gesagt. Es wird eine. Und wie.« Mein bester Freund schien kein Problem damit zu haben. Noch zitternder als davor eh schon tippte ich die ersten Worte ein. Hallo Schnucki.

Aus dem Augenwinkel sah ich meine - zumindest bisher - gute Freundin, die mir mit einem ziemlich erwartungsvollen Lächeln gegenüberstand.

Was könnte ich tippen? Ich bin so einsam. Und du bist so süß. Da mir gerade einfiel, dass 60 meiner 70 Kontakte bloß Mädchen waren, und es dann nicht so peinlich wäre, wurde ich schnell übermütig: Ich habe so ein Gefühl, dass wir Zweisamkeit eine neue Definition schenken sollten. Und nach einer kurzen Denkpause packte mich das Adrenalin, schließlich wollte ich vor meinen Leuten nicht als Angsthase dastehen. Was meinst du, One-Night-Stand?

Graham verschluckte sich. Das hatte er nicht erwartet. Ich ergänzte noch, dass ich auf Vorschläge warte und beendete den Text als deine neue Liebste.

Hätte ich nicht sofort auf Absenden gedrückt, wäre diese Nachricht wohl nie verschickt worden.

Es gibt auch Leute, die verbringen ihre Freistunden mit Essen, doch wir machten nichts als Quatsch.

»Wieso hast du das getan?«, fragte mich mein Kumpel, mir das Handy entreißend. Da in dem Moment die Schulglocke klingelte, lief Hanna hektisch zu der letzten Stunde für heute, ihrem Lieblingsfach Mathematik, ohne sich zu verabschieden. Gute Ausrede.

»Wie bitte, Graham? Das war doch deine Idee! Spuck sofort aus, an wen ich da gesimst habe!« Meine Miene war streng. Der Junge wedelte provokant mit meinem Handy in der Luft herum. Aber anstatt mir einfach zu sagen, vor welchem Mädchen ich mich jetzt rechtfertigen musste, zettelte Graham ein Rätsel an: »Überlege doch selber, welche Leute du noch so eingespeichert hast. Denk vor allem an den letzten Wandertag. Und an das andere Geschlecht.« Das war interessant. Ein Junge also. Was für Denksportaufgaben!

»Nun, den Praktikanten aus dem Souvenirshop, einen Besucher und den Jungen, der ins Löwengehege klettern wollte.« Ich analysierte Grahams Gesichtsausdruck. Er nickte, schien aber noch nicht zufrieden. Wen hatte ich vergessen? Ich kratzte mich am Kopf, aber nach kurzer Zeit fiel mir doch noch eine Person ein.

»Nein, das ist so unmöglich wie... nein! Ich... nein!«, versuchte ich krampfhaft zu bestreiten, was wir beide längst wussten. Dass es nur einen Mann geben konnte, an den ich diesen Text versendet hatte.

»So ist es halt, Kirby. Annehmen willst du es schon mal nicht, aber du musst deine Taten akzeptieren. Okay, meine Taten. Du weißt doch, dass man nicht auf mich hören darf.« Er hatte Recht. Mir die Hände vor den Kopf schlagend sprach ich so leise wie möglich den einzigen Namen aus, der übrig blieb. »Rake. Mr John Rake.«

Mein Gesprächspartner bejahte und gab mir dann endlich mein Handy zurück. Glückwunsch zu so viel Naivität, ihm vertraut zu haben.

Danach schwieg er bloß. Jeder weiß, Grams hat ein Rad ab. Auf meine Frage, warum er denn nichts sagte, obwohl er die Nummer klar gesehen hatte, antwortet er mit einem entspannten »Ich dachte, mein genervtes Schweigen spricht für sich. Außerdem war für mich klar, dass du kneifen würdest. Er wird das eh nie lesen.« Toll. Einmal Augen verdrehen bitte. Zugegeben, zumindest ein Mal hätte ich Rake sowieso geschrieben, und wenn nur, um nach den Hausaufgaben zu fragen. Immerhin war er einer der jungen, sympathischen, attraktiven Lehrer der Schule und davon gab es genau zwei. Dank Graham ging die Kontaktaufnahme anscheinend schneller vonstatten als erwartet.

Mittlerweile ging auch ich in die finale Stunde dieses Tages. Ein Blick auf den Stundenplan verriet mir, dass ich nun Englisch mit Mr Rake hatte. Oh nein.

»Bitte verschlucke mich, Boden«, murmelte ich zu dem selben. Im dritten Stock angekommen, stellte ich fest, dass ich einige Minuten zu spät dran war. Was würde meine Ausrede sein? Schob ich es auf Stau im Schulflur oder litt ich an spätmorgendlicher Übelkeit? Es klingt mehr als idiotisch, zu sagen, man ist zu spät, weil man eben noch schnell eine Zweideutige-Texte-verschicken-Wette einging. Wieso hörte ich auf meine Freunde? Ich muss aber auch immer alles mitmachen, unglaublich. Der Klassensaal war nur noch einen Gang entfernt. Womit ich mich rechtfertigen würde, sah ich als - »Guten Morgen Kirby!« - die männlichste Stimme der Schule ertönte. Die von John Rake.

»Hi. Jo. Äh, hey«, gab ich fesch zurück und bemühte mich, nicht übertrieben locker zu wirken. Komm schon, bleib cool. »Ich bin zu spät, weil ich noch einem kleinen Schüler bei seinen Hausaufgaben helfen musste.« Im Ernst, eine bessere Lüge ist mir nicht eingefallen? Und dann hatte ich noch die Sache mit der SMS vergessen. Tja. Er scheinbar nicht. »Oh, dann ist Graham wieder sieben und Aufgaben kriegt ihr jetzt über's Handy?« Überrascht sah ich ihn eine Weile lang nur an, dann ergänzte er:

»Ich habe alles gesehen, vom Auto aus. Ich bin ja selber zu spät.« Schön, dass er alles gesehen hat, aber es war keine Prügelei oder eine Drogenübergabe, wir waren nur am Handy und haben ihm zweideutige Nachrichten geschickt. Gott, wie dumm von mir. Immer noch machte er einen auf Verhör. Ich wollte aber einfach nur weiter und uns beiden diese Peinlichkeit ersparen, was er mir wohl ansah. Daraufhin deutete er in die Richtung des Klassenzimmers und sagte, ich bekäme zwei Sekunden Vorsprung, um nicht als verspäteter Ankommer in die Akten eingetragen werden zu müssen, denn die mag keiner. Nichts wie los! Verspätungen sind höchstens produktiv, wenn man auf's Nachsitzen hinfiebert. Veritas, das ist absolut nicht mein Ding.

Als ich einmal vor drei Jahren wegen meiner anderen besten Freundin Emma nachsitzen musste, bekamen wir Miss Most als Aufsichtsperson. Und das war nicht lustig. Später entwickelte sie sich zwar zum besten Menschen der Welt, aber damals hat sie mich verbal gekillt. Anschuldigungen und Vorwürfe wurden mir an den Kopf geworfen, nur weil ich Emma dabei unterstützte, wahre Fakten an die Schulwand zu sprühen. 'True traitors', 'fake friends' oder 'just jealous' waren nur einige der Bemerkungen über unsere Schulgemeinschaft, die wir Mädels eines Nachts mit Gravity an die Wand des Hauptgebäudes sprayten. Keine drei Tage später war alles wieder blitzeblank sauber, als wäre da nie was gewesen. Und Zicke Lanie war tot. Dazu später mehr.

Würden wir einfach nur nachsitzen, okay, aber warum wurden wir gezwungen, die Wänd zu putzen? Soweit ich weiß, mochte Miss Most die Schule auch nicht sonderlich. Genauso wie ich sie nie sonderlich mochte. Immerhin war sie unverschämt, ichbezogen und hinterhältig. Heute hingegen zählt sie zu den für mich wichtigsten Personen. Da sieht man, wie sich das Leben eines jeden ändern kann.

Über diese Erkenntnis lächelnd betrete ich den leeren Aufenthaltsraum. Nur eine Pflegerin sitzt mit geschürzten Lippen an einem Tisch mit einem Apfelsaft in der Hand. Sie gibt mir zu verstehen, mit mir reden zu wollen. Also gehe ich mit langsamen Schritten auf sie zu und überlege, ob ich der Grund für ihre gerunzelte Stirn bin.

»Stecke ich in Schwierigkeiten oder ist Ihnen der Saft einfach zu bitter?«, frage ich provokant.

»Mit meinem Saft ist alles in bester Ordnung«, entgegnet die Frau mit dem strengen Zopf und fährt fort, ohne sich auf mein Niveau herabzulassen.

»Matthew, Sie wurden beschuldigt, Lanie Mills ermordet zu haben, stritten dies vor der Polizei aber ab. Wieso?«, fragt sie kühl, während ihre Gesichtsmuskeln sich kein bisschen bewegen. Ich schulde zwar niemandem Rechenschaft, aber diese Frau will es wohl unbedingt wissen. Ich gebe ihr zu hören, was sie... nicht ganz hören will. »Lanie wurde überfahren von John Rake.«

»Matthew, nein. Diese Version kennen wir schon und die glaubt Ihnen hier keiner. Sie waren Opfer von Lanies Mobbingschikanen, sie hatte viel gegen Sie in der Hand und Sie wollten sie loswerden. Niemand hätte sonst ein Motiv. Sogar Ihr Englischlehrer hat gegen Sie ausgesagt. Jetzt bitte die Wahrheit.« Mit einer gehobenen Augenbraue trinkt sie von ihrem Drink. Ganz wenig und ganz kurz. Man hört die Eiswürfel im Glas klirren.

»Also schön«, setze ich an. »Dann nochmal von vorne. Hanna und ich sprühten ganz gewaltlose Aussagen über unsere nicht gewaltlose Schule an das Gebäude, als Lanie betrunken durch die Straßen lief, wir uns versteckten und John Rake sie anfuhr. Was ist daran nicht zu verstehen?« Verwirrt gucke ich erst durch den Raum, dann auf die rothaarige Frau mit der Pelzjacke. Sie nimmt noch einen Schluck und zuckt dann mit den Achseln.

»Ich weiß nicht. Vielleicht verstehe ich nicht, wieso Sie, das kriminelle Mädchen aus dem Ghetto, das hilflose Mädchen aus der Eliteschule erst erpresst haben, an Ihren Taten mitzuwirken, Sie sie dann bedroht und ermordet haben um letztendlich auch Hanna umzubringen. Und natürlich wieso Sie der Polizei nicht von Ihrem Verdacht erzählt haben. Das weiß ich nicht.« So viele Vorwürfe auf einmal. Sie ist wie Sylvie, nur in gemein. Es wäre klug, auf mein Recht zu Schweigen zu bestehen. Aber stattdessen rechtfertige ich mich erneut: »Stimmt, ich hätte sagen können, was ich, und Hanna auch, gesehen haben. Nur gab es da zwei Schwierigkeiten. Erstens wollte ich John decken, weiß der Kuckuck, warum. Zweitens stünden zwei Aussagen gegeneinander und wem würde man eher glauben? Dem gravitysprühenden Mädchen aus Ravenswood oder dem Elite-Psychopathen an einer Privatschule? Eben.« Ich stoße auf eine runzelnde Stirn.

»Sie meinen hoffentlich... Elite-Psychologen?«

»Nein, ich meine Psychopath. Ich meine immer, was ich sage.« Frech grinsend warte ich auf ein Gegenargument. Gedankenlesend hat sie es parat. »Sie sagten gerade, eine ihrer besten Freunde, habe es auch gesehen, na ja, dass Lanie überfahren wurde von...«

»Von John Rake.«

»Ja, angeblich. Aber wieso hat sich dann nicht wenigstens sie dazu geäußert? In keinster Weise. Und zwar nie.« Die Frau starrt mich an als wäre sie ein hungriger Löwe und ich bin mir nicht sicher, ob ich jemals mehr Falten auf einem Gesicht gesehen habe – dabei ist meine Gesprächspartnerin hier noch keine vierzig. Weil ich sie mustere, wie sie mich, denkt sie, ich habe die Frage nicht verstanden und wiederholt sich. »Warum hat Hanna nichts gesagt?«

»Weil sie noch am selben Tag starb«, erwähne ich fast nebenbei, die Augen geradeaus gerichtet, erstarrt von all der Angst von damals. »Achso, auch wegen Mr Rake, richtig?«, fragt die Pflegerin mit russischem Akzent spöttisch und nimmt den letzten Schluck, diesmal einen großen, aus ihrem Glas, in dem ihre eh schon kleine Nase noch dünner aussieht. Mir fällt es schwer, zu glauben, dass sie mir nicht glaubt.

»Er hat sie von dem Gebäude der Mendale High geschubst, das sollte man doch wissen. Es war tagelanger Tatort! Immerhin waren es zwei Morde nacheinander«, erkläre ich mit einem Hauch von Ausdrucks-losigkeit in meiner Stimme.

»Wie ironisch«, beginnt die große Frau und steht auf. »Wenn man bedenkt, dass Sie zwei perfekt geplante Morde begingen, aber erst im Krankenhaus geschnappt werden konnten, weil Ihnen Ihr eigenes frühstes Opfer, Sylvie Most, das Herz wie Butter erweichte. Waren Sie wirklich so naiv und haben sich in eine ihrer Aufsichtspersonen ver-«

»Das reicht, ich will wieder zurück in mein Zimmer. Oder sollte ich Zelle sagen?«, frage ich mit lautem Ton und trete den Rückweg an.

Nächstes Mal gehe ich nur in den Aufenthaltsraum, wenn ich mich auch tatsächlich nur dort aufhalten und keine Diskussionen über Verliebtheit führen will. Meine Pflegerin hat keine Ahnung von Sylvie oder mir. Sie haben sich nicht gekannt und beide kennen mich nicht. Wie will irgendein Mensch auf der ganzen Welt auch nur ansatzweise wissen, was in mir vorgeht, wenn er mich nicht kennt? Ich wurde nicht mit einem perfekten Leben gesegnet, im Gegenteil. Aber mein Leben war zumindest erträglich und zwar so lange, bis ich in den Genuss von John Rake gekommen bin. Seit da an hat er meine Zukunft nachhaltig zerstört. Die bittere Ironie daran ist, dass ich, das Opfer, in diesem Fall als Täterin dargestellt werde. Klar. Es ist viel leichter, sich einzureden, dass es das jugendliche, reservierte Mädchen aus dem Ghetto gewesen ist, als der attraktive und charmante Elitepädagoge. Sie alle halten mich für eine Mörderin. Aber das muss mir keiner sagen, ich sitze ja schließlich in diesem Loch fast.

Heute war mein Ziel doch nur etwas zu trinken, wie an jenem Tag, als ich nach dem SMS-Debakel den vollen Saal der Highschoolklasse betrat und als erstes an meiner Colaflasche nippte. Emma winkte mir, ansonsten merkte niemand mein Erscheinen.

»Hey hey hey«, rief mir dann Scott entgegen. Viele hielten ihn für zurückentwickelt, andere sagten, er sei in mich verliebt und wieder andere fanden seine zuvorkommende Art irgendwie edgy. Mir gefielen seine gelegentlich zynischen Sprüche und seine Verspieltheit. An die Gruppe winkend huschte ich flink wie ein Wiesel auf meinen Platz zu Lillia und packte meine Sachen aus. Dort tuschelte sie mit dem reichen Klassenclown Jenner und Streber Ceiley über irgendeine Castingshow, soll ja auch nicht die ganze versammelte Mannschaft mitbekommen. Ich fand, die beiden Jungs hatten eindeutig zu feminine Namen.

Nach gefühlten Stunden kam auch mal Rake rein und sah verändert aus. Aber gut verändert. Irgendwas sagte mir, dass er meine Nachricht mittlerweile gelesen hatte.

»Guten Morgen Klasse. Heute reden wir über Flirts in der englischen Sprache. Textnachrichten zum Beispiel. Sie können zwar ein Mysterium, aber auch ein Liebesgeständnis sein. Wahrscheinlich bekamt ihr nie so Anfragen wie Hey Schnucki.« Er sah mich an und entweder zwinkerte er, oder meine Fantasie hatte Lust auf Chaos. Ohje. Bitte nicht. Es war jener Moment, in dem ich glaubte, nichts könnte meine jetzige, peinliche Situation auch nur ansatzweise übertreffen. Falsch gedacht. Per Durchsage wurde ich wie aus dem Nichts zu Mr Smalli, meinem Sportlehrer, in die Turnhalle gerufen. Ob das gut oder schlecht war, würde sich zeigen. Mich erwartete aber kein Ärger, wie ich ihn vermutet hatte, sondern ein leerer Saal, Mr Smalli und eine Liste in seiner linken Hand. Überschwingt kam er auf mich zu und sagte: »Kirby, für die Willkommensfeier der Austauschschüler brauchen wir noch freiwillige Helfer und da dachte ich...« -

»Da dachten Sie, ich mache beim Aufbau mit? Oder soll ich mich lieber um das Essen kümmern?« Ich verschränkte meine Arme, da ich mir ungelogen keinen Reim darauf machen konnte, wieso ausgerechnet ich mich an den Aufräumarbeiten beteiligen sollte.

Aber da habe ich mich zu früh gewundert.

»Eigentlich will ich, dass du dich um die Musik kümmerst. Zumindest in Teilen. Nun, es hat sich rumgesprochen, dass du singfähig bist und bei der Planung der Auftritte ist mir dein Name als erster eingefallen«, erklärte er motiviert.

»Singfähig?«, wiederholte ich und kräuselte meine Lippen. »Das ist schon korrekt, aber wieso konnten Sie mich nicht erst nach dem Unterricht fragen? Es war leicht beschämend, vor der ganzen Schule rausgerufen zu werden, ganz so, als hätte ich irgendwas verbrochen.«

Ich nahm die Schulklingel wahr. Also bitte, das waren höchstens zwanzig Minuten Unterricht.

»Weil ihr jetzt hitzefrei habt und du da wahrscheinlich Besseres zu tun hast, als in deiner Freizeit mit deinem Sportlehrer über Musik zu reden. Und weil ich Besseres zu tun habe.« Er schrieb meinen Namen auf das Blatt mit rotglitzernder Überschrift, ohne auf meine Bestätigung zu warten, packte dann seine sieben Sachen und machte sich aus dem Staub. Das ging ja schnell.

Ich sah mich noch einmal um und versuchte, mir bildlich vorzustellen, was in einigen Wochen hier abgehen würde. Eine große Party also. Bisher stand außer einigen Bühnentrümmern, falls ich als Außenstehende des Dekokomitees das überhaupt so nennen darf, nicht sehr viel herum. Aber das sollte ich ändern. Zumindest würden Hanna und Lillia sich darum kümmern, das hatten sie schon seit Langem angekündigt.

Apropos, ich musste meinen Freunden npch von diesem Angebot, bei dem ich keine Wahl hatte, berichten. Deshalb stürmte ich wie aus allen Wolken gefallen auf meinen Klassensaal zu, hoffte, meine Leute noch anzufinden, aber da traf ich bloß auf Mr Rake, der es sich mit meiner Schultasche in der Hand schon wieder auf dem Pult gemütlich machte, als er mich sah. Da hatte jemand keine Lust auf Feierabend. Und mit einem Mal erinnerte ich mich an die peinliche SMS von vorhin. Scheiße.

Bitte sprich mich nicht an! Außer ihm war aber keiner mehr im Saal und so ahnte ich, was jetzt folgen würde, also umging ich dem anstehenden Ärger gekont, griff nach meiner Tasche und bedankte mich fürs kurze Aufpassen. Ich wollte wieder los, aber der dunkelhaarige Mann räusperte sich und verkündete so seine Ansprache, welche mir einen Strich durch die Rechnung machte. Ich stand schon halb in der Tür, hielt mich selbst am Türgriff auf, atmete einmal tief durch, schloss kurz die Augen und drehte mich dann genervt um.

»Du weißt schon...«, begann er. »Es kann tödlich enden, wenn du nicht aufpasst und die falschen Dinge an die falsche Person schreibst.« Er hob eine Augenbraue und setzte dieses Lächeln auf, das ich sonst nur von Kriminalisten in Filmen kannte. Ich fragte geschockt aber mit witzig hinterlegtem Ton: »War das jetzt eine Drohung oder ein Ratschlag?«

»Natürlich nur ein Tipp. Und, was wollte Mr Smalli von dir?« Er sah erneut ganz anders aus. Überrascht. Als würde er eine Maske mit tausenden Optionen besitzen und regelrecht damit spielen. Es konnte einen bewundern oder schaudern lassen, wie schnell seine Stimmung umschlug. Ich empfand es zuerst ganz gleichgültig, dann faszinierte es mich und zuletzt fand ich es schier abstoßend. Aber anzugeben habe ich nie verlernt.

»Er hat mich als musikalischen Showakt für die Willkommensfeier der Austauschschüler eingetragen«, gab ich intonierungslos wieder.

Mr Rake gab sich erstaunt und begründete diesen Einfall damit, dass neben mir Natalia die einizige Musikerin wäre, ihr Einsatz aber dermaßen übertrieben sei und man dieses Jahr einen bescheidenen Künstler vorweisen wollte. Mich. Außerdem sei es wichtig, dass man jemanden mit Ausstrahlung auf die Bühne stellte. Mich. Manno, wie viele Komplimente würden denn noch folgen? Immer wenn ich Lob erfuhr, und zwar genau durch egal wen, spielte mein Körper verrückt. Mein Stresspegel lag also auch in dieser Sekunde irgendwo zwischen Fluchtautofahrer und Haiflüsterer. Es war ungewohnt für mich, von Mr Rake so anerkannt zu werden und so bedankte ich mich extra sachlich, nicht emotional, und meidete den Blickkontakt, schließlich sind Augen das Tor zur Seele und John Rake war der Letzte, der alles über mich wissen sollte.

»Ich habe dich noch nie Singen gehört, aber ich bin mir sicher, eines Tages werde ich das und dann werde ich ganz beeindruckt sein«, sagte er freundlich und war in diesem Moment der netteste Kerl auf Erden für mich. Ich gab ein Kompliment zurück, indem ich sein Schweigen über meine verstörende SMS als korrekt bezeichnete und ging dann lächelnd meine Wege. Andererseits wäre es vielleicht besser gewesen, kein Wort darüber zu verlieren. Nicht, dass ich ihn dadurch in eine seltsame Situation gebracht habe.

Draussen angekommen suchte ich meine Freunde und sah hinter jede Ecke, aber es war niemand mehr anwesend. Nirgends. Dabei hatte ich Hanna versprochen, mit ihr nach der Schule ein Kleid für die Party kaufen zu gehen. Ich konnte mir vorstellen, dass sie an unserem eigentlichen Treffpunkt, einem Materialraum, auf mich wartete. Wir haben uns dort kennengelernt, als ich sie am Anfang des Schuljahres nach dem Weg in die Sporthalle gefragt habe. Seit da an ist das so unser kleiner Insider.

Ich ging also wieder in die Schule, um nach ihr zu sehen, traf davor allerings auf eine interessante Erkenntnis. Auf der anderen Seite der Tür mit einem kleinen Glasfenster fiel mir Graham ins Auge, der im Musikraum oben ohne stand. Was? Ich wollte nicht entdeckt werden, aber doch mehr erfahren, also spähte ich aus sicherer Entfernung in den Saal, in dem meine Tests sonst das einzige Nackte waren – ich war Sängerin, keine Musikerin. Nachdem ich mich fast schon wieder beruhigt hatte und das eben Gesehene auf Zufall und Unwissenheit schieben wollte, wendete sich die Geschichte. Oder sagen wir mal so, eine weitere Figur trat dem Geschehen bei.

John Rake.

Er umarmte Graham und setze ihm einen Kuss auf die Stirn. Graham lachte leicht. Wie bitte? Was um alles in der Welt? Es war glasklar ein intimer Moment zwischen den beiden, aber ich konnte das erst gar nicht so recht einordnen.

»Bist du auch mal fertig!«, rief Hanna, die plötzlich hinter mir auftrat und dafür sorgte, dass Graham und John mich wahrnahmen. Mit einer Hand griff ich an meinen Mund, mit der anderen nach meiner besten Freundin, nickte und rannte dann aus der Schule, in der Hoffnung, das eben Erlebte für immer verdrängen zu können.

»Was war das?«, fragte ich nach einer gefühlten Ewigkeit mit gesenktem Kopf, obwohl wir beide ganz genau wussten, was wir gesehen haben. Und mein bester Freund wusste, dass wir ihn gesehen haben. Hanna probierte, das Beste aus der Situation zu machen und wandte den Schreck einfach in einen Witz um, aber mir war nicht nach lachen zumute. »Er wird denken, dass ich ihm nachspioniert habe. Und es petzen werde.«

»Wirst du?«

»Hanna, natürlich nicht! Aber...« Ich versuchte, das richtige Wort zu finden. »Jetzt weiß er, dass ich es weiß. Ich habe unsere Freundschaft zerstört.«

»Nein, so wichtig bist du nicht. Graham ist höchstens sauer, weil du sein Geheimnis gelüftet hast.« Sie schenkte mir ein falsches Lächeln. Ich würde Hanna nie als oberflächlich bezeichnen, aber wie jeder Mensch hatte auch sie eine dunkle Seite – eine eingebildete. Am Ende des Tages wollte sie mich nur aufheitern, um selbst einen Nutzen daraus zu ziehen, nämlich mich in den Kleidungsläden als fröhlichen Beraterin an ihrer Seite zu haben.

Wir quatschten unterwegs noch über ihr erhofft glamouröses Auftreten – nein, sie quatschte. Ich sah verbissen oft auf mein Handy, in der Hoffnung, irgendeine Erklärung von Graham zu bekommen, warum um Himmels Willen er ohne ein Oberteil in voller Vertrautheit seinen eigenen Kursleiter umarmte – und dieser in genauso voller Vertrautheit seine Stirn küsste. Nur zur Erinnerung: Es ging immer noch um den selben Mann, den ich so unverschämt gutaussehend fand.

Gut, strenggenommen war er mehr als gutaussehend. In der griechischen Mythologie könnte er ein Gott sein. Natürlich rein optisch betrachtet – charakterisch gesehen ist das schon etwas anderes. Undefinierbar und äh... platonisch. Sagt man das nicht so? Platonische Liebe? Denn von romantischer Liebe kann ja nicht die Rede sein. Bei all seinem Charme, aber ich würde nichts mit jemandem anfangen, der mehr als zwei Jahre älter war als ich. Oder?

Graham schien die Sache auf jeden Fall gehörig anders zu sehen, als er seinen gesamten jungen und unschuldigen Körper John Rake entgegenwandte, dem Abbild des Bösen persönlich – gut, zu dem Zeitpunkt war er nur gemein, noch nicht böse, aber das läuft auf das Gleiche hinaus. Und das Bild von ihm und meinem besten Freund ließ mich beim besten Willen nicht los.

»Kirby, hörst du mir überhaupt zu? Hallo?« Hannas Stimme weckte mich aus meinem Tagtraum. Mittlerweile waren wir vor ihrem Lieblingsladen angekommen und gedanklich schien sie sich schon darin zu befinden, ich konnte aber partout nicht einfach abschalten und reingehen. Aber wieso blieb sie eigentlich so ruhig?

»Ja, ich bin nur immer noch bei der Sache mit Graham und Rake. Interessiert es dich etwa gar nicht, was da vor sich geht?« Prüfend sah ich sie an und erwartete eine mehr als logische Antwort um meinen Verdacht zu übertreffen, sie wüsste bereits davon.

Warte! Beschämt zog Hanna die Brauen zusammen und als ich sie so ansah, lösten sich einige Fragezeichen in Luft auf.

»Kirby, es ist so...«

»Nein. Du wusstest davon! Wie lange? Und warum hast du mir nichts erzählt?«, fragte ich entsetzt. Meine bis dahin beste Freundin antwortete mit einem »Er hat es mir gesagt, es tut mir leid«, aber vergeben konnte ich ihr erstmal nicht. Das bewies mal wieder, dass ich Graham so viel Vertrauen schenken konnte, wie ich will – er hatte Hanna einfach lieber als mich, wenn er ihr schon alles aus seinem Leben anvertraut. Na danke auch..

Conclusio: Sie ging alleine shoppen und ich bestellte mir am Abend mein Kleid im Internet. Eine lange, dunkelblaue Robe – ohne viel Tamtam oder Glitzer. Sondern ein eher seriöses, meiner Stimmung entsprechendes dunkles Kleid.

»Blau. Schöne Farbe«, sage ich verträumt, das weiße Innere meines Zell-Zimmers musternd. Kein Farbton, nicht mal ein Klecks. Weiß wie Johns Hemd, als sein Träger mich am Tag nach der Sache mit ihm und Graham, seriös und mit diesem Funkeln in den Augen – das einen entweder bedrohen oder bezirzen soll – sprach er mich noch vor der ersten Unterrichtsstunde an.

»Wir sollten darüber reden, was du denkst, gestern gesehen zu haben.« Er strich sich durch das Haar und seine grünen Augen reflektierten das Licht der in ein Fenster einstrahlenden Sonne. Aber sein Blick verriet mir die wahre Kälte, die ihn durchströmte. Ich legte die Stirn in Falten und fragte verdutzt, ob er dasselbe meinte, wie ich, weil ich es ganz bestimmt gesehen habe und es mir niemals nur einbildete. Daraufhin schmunzelte er.

»Du wirst niemandem was davon erzählen«, flüsterte er, obwohl wir alleine waren, als sich seine Augen verengten. »Und wovon auch? Dass du dir irgendwelche Fantasien einbildest, weil du mich nicht haben kannst?« Er hob, wie so oft, sein Kinn und setzte diesen Gesichtsausdruck vonwegen 'Ich bin der Allerbeste und habe aus Prinzip immer Recht' auf. Ich war machtlos. Unfähig, mich ihm und seiner Lüge zu widersetzen, nickte ich und warf langsam mein Haar zurück. Wir redeten noch eine Weile und das Ergebnis war eine Bedrohung seinerseits. Oder eine Erpressung. Oder beides. So hatte ich ihn noch nie zuvor erlebt. Eigentlich war er ein respektvoller Mann und vor allem höflich. Aber in dem Moment zeigte er sein wahres Gesicht. Er wies mir an, zum Psychologen zu gehen und über meine Halluzinationen zu reden, aber ich war mir sicher, dass nicht ich derjenige war, der einen Aufenthalt in einer Arztpraxis dringend nötig hatte.

»John hat mich für verrückt erklärt, dabei ist er der Psycho, nicht ich«, sage ich zu mir selbst und spiele mit meinen Haaren, als wäre ich wieder ein gewöhnliches 19-jähriges Mädchen in Freiheit. Aber meine Mähne ist nicht mehr, wie sie mal war. Keine perfekte Glättung oder Glanz wie bei Sylvie. Mein braunes Haar ähnelt nun eher einem alten Lebensmittel nach dem Verfallsdatum, das immer noch irgendwo im Warmen gehortet wird und verschimmelt. Das Duschen ist hier in der Anstalt so gut wie unmöglich, zumindest in dem Abteil, wo ich untergebracht bin. Einzelne Strähnen sind zu Dreadlocks geworden und von meiner positiven Ausstrahlung fehlt genauso jede Spur. Dazu gibt es noch eine andere gar nicht so langweilige Geschichte.

Das Wochenende nach dem Grahamdebakel in der Schule war grau und langweilig, denn ich war alleine mit meinen Gedanken. Die flogen nur so durcheinander. Schlimmer war es aber an jenem Samstag, ein knappes Jahr bevor. Es war kurz nach der erfolgreich bestandenen Probezeit. Es war ein Montag Nachmittag und ich sollte Besuch von zwei Lehrern bekommen, die mich bei einer freiwilligen Aufgabe unterstützten. John Rake kam in noch normalen Zeiten tatsächlich zu mir, um mich bei der Facharbeit in Englisch zu betreuen, die ich über politische Konflikte in Amerika schrieb. Und weil Sozialkunde nie so wirklich sein Ding war, hat er Politik-, Historie- und Kunstlehrerin Sylvie Most eingeladen, uns zu helfen. Eigentlich habe ich mit einem Gast gerechnet. Ein Gast für den Gast ist eher untypisch, aber was sollte ich schon machen? Am Ende des Tages verfolgten wir doch alle nur das Ziel, mich bei meinem Projekt zu unterstützen.

Miss Most mochte ich zu der Zeit immer noch nicht sonderlich, ihren Kollegen aber noch weniger, was gar nicht so sehr an ihm lag, als an meiner seltsamen Wahrnehmung. Ich hatte immer so ein komisches Gefühl, wenn er da war. Es hat sich stets wie Unbehagen angefühlt, aber begründet war meine Angst nie, die jedes Mal aufkeimte, wenn John Rake den Raum betrat. Bei manchen Menschen ahnt man schon, dass sie Ärger machen werden. Leider hat mir meine Intuition nicht schon früher ein Zeichen gegeben. Zum Beispiel als ich auf die Mendale High kam.

Die zwei klingelten, ich öffnete, und keine Sekunde später umschwärmte Mr Rake seine Begleitung wie eine Motte das Licht. Ich hieß sie zwangszweise beide willkommen und bis John sich vom Acker machte, lief auch alles ganz in Ordnung. Gast sein ist nicht schwer, Gastgeber sein jedoch sehr. Aber ich habe Tee aufgesetzt, netten Smalltalk geführt und sogar gefragt, wie denn der Anfahrtsweg war.

»Klärt ihr zwei doch schon mal den groben Inhalt ab 1896, ich melde mich wieder zur Korrektur der Sprache«, stammelte er, meine Frage ignorierend und trat einen Schritt von Miss Most weg. Dann ging er sich einen Kaffee für zwei zubereiten, einfach so, in meiner Küche. Anscheinend war ich die einzige Teetrinkerin hier. Und für mich und die Frau würde es wohl oder übel bedeuten, dass wir nun alleine wären. Sie schien das auch begriffen zu haben und schaute Mr Rake so konfus an, als hätte er vorgeschlagen, barfuß zum Nordpol zu laufen. Unsere Unsympathie füreinander beruhte allem Anschein nach auf Gegenseitigkeit. Das Problem daran war aber immer nur, dass wir uns gar nicht wirklich kannten. Da war zum einen die perfekte, von allen geliebte Frau mit dem makellosen Image, die nie irgendwas falsch zu machen schien, Menschen aber auch nicht gerade nah an sich ließ. Und zum anderen gab es da mich: Stadt gewechselt, Schule gewechselt – Persönlichkeit blieb dieselbe. Und die war am Anfang nicht gerade kompatibel mit der Einstellung dieser Frau. Das wusste ich aus der High School.

Doch war sie im privaten so anders, irgendwie sogar richtig schön – nicht nur von außen betrachtet. Ich merkte bei der groben Zusammenfassung spätestens ab 1917, wie detailverliebt und offen für neue Ideen und Auffassungen Sylvie Most war. Sie hatte eine sumpfgrüne Mappe dabei, angeblich mit den wichtigsten Daten und prähistorischen Quellen, aber die öffnete sie nur, um ab und zu eine Pause von mir und dem Arbeiten zu haben. Alle Fakten der amerikanischen Geschichte waren in Sylvie verankert und dass sie so klug und wissbegierig war, hatte ich vor einigen Wochen nicht für möglich gehalten. Na ja, als sie mich und Hanna beim Nachsitzen betreute und kritisierte. Manchmal muss man mit einem Menschen reden und Zeit mit ihm verbringen und dann fällt einem vielleicht auf, dass diese Person gar nicht so unhöflich ist, wie man erst gedacht hat. Miss Most lässt mich ausreden, hört mir bei meinen Vorschlägen zu und ist genauso motiviert bei diesem Programm wie eine Olympiasportlerin. Es waren zehn Minuten, in denen wir unsere Einfälle austauschten und hin und wieder machte sie sogar einen Witz – die Eisfrau konnte mich überraschenderweise gut zum Lachen bringen. Erst als ich mich vor lauter Losprusten nicht mehr fangen konnte, stellte ich fest, dass John immer noch in der Küche war und dass die Frau neben mir hier auf dem Sofa, noch immer ihre Jacke trug. Ich sagte, sie solle und könne sich bei mir wie Zuhause fühlen und während sie in den Flur ging, akzeptierte ich meine neue Lage ein bisschen mehr.

Durch diese unglaublich zurückhaltende Art wurde ich zum Junkie und es ist besser, seine Droge nicht in der Nähe zu haben, auch wenn man high bleiben muss. Aber sie war kein Heroin, sondern nur eine mehr oder minder normale Frau. Und ich hatte Selbstbeherrschung. Als sie also ihre Jacke auszog, gab sie freie Sicht auf das wahrscheinlich figurbetonteste meerblaue T-Shirt, das sie im Schrank hatte, verziert mit zwei silberen Ketten, die um ihren Hals lagen. Wenn ich diesen Anblick mit nur einem Wort beschreiben müsste, würde ich sagen unerwartet. Und doch so cool. Dennoch fragte ich mich, wieso sie sich selbst für ein Treffen mit einer Schülerin so schick machte und dann erst fiel mir John wieder ein, der es sich seit einer geraumen Ewigkeit in meiner Küche gemütlich machte, als würde er mir damit einen Gefallen tun. Leider nicht, denn als ich als ganz profesionelle Gastgeberin auch Miss Most fragte, ob sie anstatt von dem Kaffee, die anscheinend beide für John waren, etwas mit mehr Vitaminen trinken wollte und gleichzeitig für meinen bekannten, selbstgemachten Erdbeersaft warb, winkte sie ab. Okay, mit Lebensmitteln konnte man sie also nicht für sich gewinnen. Und wieso genau ich das vorhatte, habe ich auch schon wieder vergessen, weil ich in ihre Augen sah, in denen ich plötzlich irgendwas anderes sah. Mehr sah.

Etwas verloren stand Sylvie im Raum herum und ähnlich verloren schaute ich zu ihr hoch, wo ich auf einen verständnislosen Blick traf.

»Ich nehme grundsätzlich nichts von Schülern an, egal ob Saft, Salami oder Safari.« Sie hielt inne, um ihre Worte wirken zu lassen. Das taten sie. Und um den Effekt zu verstärken, verschränkte sie die Arme und musterte mich. Nicht böse aber definitiv eingeschnappt. Wo lag der Fehler? Und wieso tat sie das ab dem Zeitpunkt immer wieder? Seht ihr, das war genau das Problem, das ich mit der Brünette hatte. Im ersten Moment ist man hin und weg von der Ausstrahlung und Freundlichkeit und keine drei Sekunden später, wenn man einfach nur nett sein will, lässt sie einen wie den letzten Trottel dastehen und stellt sich selbst als die Königin der Welt dar. Was ihr Problem mit mir war, wusste ich nicht, aber dass sie eins hatte, war ja kaum zu übersehen.

»Ich bitte ehrlich um Verzeihung, Sie jemals verärgert zu haben. Aber welchen Grund haben sie, mich tagtäglich so zur Schnecke zu machen, dass ich...« Ich rieb mir die Stirn und probierte, authentisch meine Zweifel darzulegen. Die feine Dame hingegen wartete meine Worte nicht einmal ab, sie nahm ihre weiße Handtasche vom Sofa und suchte das Bad auf. In meiner Wohnung. Ich habe völlig die Kontrolle über mein Leben verloren. Schön für Syl, dachte ich, aber versteckte sie sich jetzt? Nachdem ich die Augen verdreht, wild mit den Händen herumgefuchtelt, und einen ungläubigen Ton rausgelassen habe, fiel mir das andere Problem wieder ein – das sich in meiner Küche befand.

Ich ging zu John und entdeckte auf dem Küchentisch zwei leere Kaffeetassen und einen Zettel. 'Ich bin weg' stand da. Durch die hintere Glastür muss er entkommen, ich meine, verschwunden sein. Was ihn dazu bewegt hat, bei einem wichtigen Termin einfach die Fliege zu machen, würde wohl ein Rätsel bleiben. War nicht dieser ganze Tag eins?

Denn genau so schnell, wie Sylvie Most in mein Bad gegangen war, stand sie auch wieder auf der Matte. Aber sie sah verändert aus. Gut verändert. Über ihr knappes Outfit hat sie eine dünne Strickjacke in gedeckten Farben übergeworfen und die sonst so perfekt sitzenden Haare gelockert, leicht verwuschelt. Ihr Gesicht war identisch wie immer und doch völlig anders. Nein, das ist das falsche Wort. Nicht anders, sondern ungewohnt. Nämlich ungeschminkt.

Meine Kinnlade klappte leicht nach unten, aber zum Glück übernahm die Frau für mich das Wort.

»Stimmt, ich schulde dir eine Antwort. Genauso ehrlich wie sie sein soll, will ich dir auch gegenübertreten. Deshalb...« Sie deutete auf ihren natürlichen Look. »Tadaaaa.« Sie zog es so lang, als wäre das hier eine Zaubershow. Was mir ihre Typveränderung jetzt genau erklären sollte, wusste ich nicht, und so ließ ich sie meinen Ärger über diese komische Situation hier spüren.

»Mr Rake ist gegangen«, entgegnete ich brüsk und tat so, als wären mir ihre Worte völlig egal. Das hat gesessen. In der Sekunde entdeckte ich meinen Spaß daran, Sylvie zu provozieren. Es würde im Laufe unserer Bekanntschaft noch zu einer meiner größten Leidenschaften werden, schließlich zeigt sie sich immer so angegriffen, wenn man ihr Ego ankratzt. Oder wenn ihr gutaussehender männlicher Kollege einfach ohne seine Prinzessin abhaut und sie mit einem Teenager alleine lässt. Tja. Er war weg.

»Woher willst du das wissen?«

»Weil es da steht.« Ich deutete auf den Zettel und las vor, nur nochmal zum Verständnis, ganz langsam. »Ich bin weg. Da habe ich wohl zwischen den Zeilen gelesen.«

»Kirbs, es gibt darauf nur eine Zeile.« Sie lächelte und nannte mich zum ersten Mal Kirbs. Sollte ich sie Syl nennen? Nein, sollte ich nicht. Sie war zwar nur vier Jährchen älter als ich, aber ein wenig Respekt sollte man trotzdem haben.

Die Frau schürzte schweigsam die Lippen und strich ihr Haar hinters Ohr. Ich dachte nach. Jetzt ergab es Sinn: Sylvie war nicht schwer zu haben, sondern schwer zu verdienen.

»Mein Kollege ist gegangen. Na und? Warum ist es dir so wichtig? Er ist mindestens sechs Jahre älter als du und wirklich nett ist er auch nicht zu dir. Oder zu irgendjemandem«, bemerkte sie. Das war zwar richtig, aber mir kam diese Aussage ein wenig suspekt vor. Seit ich an der Mendale High war, sah ich die zwei wie Turteltauben und nie voneinander lassend. Sylvie zeigte sich immer so glücklich bei John, er präsentierte die Freundschaft oder Beziehung – zu dem Zeitpunkt war man sich noch nicht ganz klar, was das zwischen den beiden war – jeden Tag ausnahmslos jedem auf dem Silbertablett und jetzt wollte sie mir weismachen, dass er in ihrer Sicht nicht nett war? Sollte das ein schlechter Trick sein oder hatte Sylvie ihre Meinung so schnell geändert? Ich wollte es herausfinden, ging auf sie zu und nahm ihre Hände, wie in einer Szene aus Johns Theaterunterricht. Zugegeben, diese Aktion war etwas übertrieben. Wir kannten uns erst einen knappen Monat. Die 21-Jährige lächelte, sagte aber kein Wort. Es war wie eine Mauer des Schweigens. Dann begann ich mit meine Rede: »Sie sehen heute viel besser aus, als sonst. Gerade heute. Da ist was in Ihrem Aussehen, in Ihrem Blick. Da ist Ehrlichkeit, Natürlichkeit und... Intimität. Es ist bescheiden und trotzdem so schön. Ich sehe ein gutes Herz und ich sehe Ausstrahlung. Lassen Sie mich hinter die Fassade sehen. Ich will hinter das Makellose sehen.« Voller Erwartungen sah ich ihr tief in die Augen, doch Miss Most sah weg und zog ihre kalten Hände aus meinen. »Veronica in Paris«, stellte sie fest und entblößte meinen Monolog als den geklauten Text, den er nun mal war, was mich fast etwas stolz machte. Aber zur Sicherheit, dass es auch wirklich kein Zufall war, hakte ich nach: »Vero... was?«

»Kirby, du gehörst zu den Besten in Johns Theaterkurs. Du hast die Zweitbesetzung von Veronica gespielt, das war gut. Wieso denkst du, ich hätte die Aufführung nicht gesehen? Ich habe John bei all seinen Taten immer bedingungslos unterstützt.« Wie wahr diese Aussage war, und welche Ausmaße sie später noch haben würde, habe ich zu dem frühen Zeitpunkt nicht zu denken gewagt.

Ich entschuldigte mich und fragte Syl, warum sie sich denn mit Geschichte und Theater und alldem so gut auskannte, sich vor den anderen aber irgendwie als Dümmchen darstellte. Sie verkaufte sich schließlich unter Wert.

»Du hast Recht, in meinem Leben verstelle ich mich«, gab sie zu und setzte sich, weil hier sowieso alle machen, was sie wollen, auf die Kücheninsel, auf ihre weißen Sneaker herabblickend.

»Es ist schwer, dazuzugehören, wenn man weiß, dass man anders ist.« Das kam mir bekannt vor, aber in welcher Hinsicht sie anders war, würde ich scheinbar nie erfahren.

»Oh. Ich kenne das. Darf ich fragen, in welch-«

»Nein, du darfst nichts fragen. Das geht dich nichts an und Mr Rake auch nicht, also behalte es einfach für dich.« Den letzten Satz sagte sie viel ruppiger, als sie vorgehabt hatte. Was war nur um uns passiert? Mal hörte sie zu und baute mich auf. Heute zeigte sie mir einen Vogel, weil ich mich in irgendetwas hineingesteigert hatte. »Sie haben von Aufrichtigkeit geredet. Was wollten Sie mir sagen und warum dieser Stilwechsel?«, fragte ich im Eifer des Gefechts etwas zu laut, aber die Frage stand natürlich noch im Raum.

»Ich kann es dir nicht sagen«, murmelte die Frau nur vor sich hin und räusperte sich. »Nicht, dass ich es nicht will. Aber... Ich kann nicht.« Sylvie Most nahm ihre Tasche und setzte den Nachhauseweg an, doch an der Tür nuschelte ich noch, dass wir uns wie Fremde verhalten. Die Frau ließ den Türgriff los, atmete laut aus und drehte sich zu mir.

»Wie gesagt, du hast Recht. Und da kann ich dir sogar sagen, wieso«, Sie stemmte die Arme in die Hüfte. »Da ist nämlich was Wahres dran. Wir sind Fremde.« Ihre Stimme war monoton und ohne Wärme. Während sie das alles sagte, blickte sie mich starr wie ein Examinator an. Ich trat zur Seite, als hätte ich ihr den Weg versperrt. Hab ich nicht. Und sie ging. Gut, das war das Ende. Wobei, kann etwas enden, das nie begonnen hat? Etwa wie mein Englische-Geschichte--Politik-Projekt, das ich nie fertigstellen konnte, weil die Umstände es nicht erlaubten?

Ich sehe mich wieder in meinem Zimmer um, dem Zellenzimmer, sozusagen. Es ist keine Farbe dazugekommen. Und das wird es wohl auch nie. Denn die einzige Person, die mir Abwechslung, Wärme und Farbe in mein tristes Leben gebracht hat, lebt nun vielleicht mit John und acht Kindern irgendwo auf einem Bauernhof oder einem Waldgrundstück mitten in Kanada. Mich sehen eklig weiße Wände an, die mich voller Hohn belächeln. Oder ich bilde es mir ein.

Gefühlt habe ich es mir an jenem Wintertag auch nur eingebildet, als wir in einer Vertretungsstunde Sport mit Sylvie Most machen mussten. Mr Smalli war wohl erkrankt und es musste ein Ersatz her, da dringend Benotung angebracht war. Wie es dazu kommen konnte, habe ich nie erfahren. Da Syl ja eigentlich nur Kunst, Politik, Geschichte und im größten Notfall vielleicht noch Mathematik unterrichtete.

Gut, gegen Ende des Jahres wurde sie die Trainerin der Cheerleader, obwohl sie für Sport und Spaß noch nie sehr viel übrig hatte. Ganz offensichtlich war Mr. Rake ein fantastischer Überredungskünstler, denn als er irgendwann mit dem Coachen unseres Footballteams begann, dauerte es nicht lange, und er hatte bei den Proben, Spielen und Trainings neben ihm Unterstützung von den Cheerleadern und seiner ihn anhimmelnden Miss Sylvie Most. Dabei gibt es doch bestimmt eine Regel, die Schulen vorschreibt, dass nur Leute mit Ahnung im Sport die Teams trainieren dürfen, oder nicht?

So oder so. Es war mein erster Winter an der Mendale High und da war jeder noch am Leben. Es war das erste Mal nach dem peinlichen Projektdrama, dass ich mich Sylvie wieder gegenüber traute. Eigentlich hatte ich ja keine Wahl. In Kunst hatte ich sie auch, aber da kann man alle Gespräche auf ein Minimum reduzieren. Vor ihr eine Aufführung zu haben, war etwas ganz anderes.

Jedenfalls gab es in den vorherigen Sportstunden Turngruppen und in jener Stunde würde die Bewertung stattfinden. Unser Thema war Tanzgymnastik. Vor der eigentlichen Vorführung diskutieren Lanie und ich noch über Miss Most. Damals waren sich die meisten Mädels nicht sicher, was sie denn nun von ihr halten sollten. Sie war ein unbeschriebenes Blatt, weil man sie erst so kurz kannte und seine Grenzen erst noch testen musste. Aber trotz der Umstände habe ich irgendwo gehofft, von Miss Most besser gewertet zu werden als Mr Smalli es tun würde. Aus Mitgefühl oder... ach, ich weiß auch nicht. »Ehrlich Kirby, ich kann nicht verstehen, wieso du gut findest, dass die uns jetzt bewertet und nicht Smalli. Most ist nicht nur streng und ahnungslos in diesem Gebiet, sie wird uns auch alle demütigen. Sie beleidigt andere gerne, habe ich gehört.« Zwischen den Sätzen hielt Lanie inne um ihren Worten mehr Wirkung zu verleihen. Ich machte mir eher Gedanken darüber, dass Lanie Miss Most demütigen wird. Und so machte ich meine Gegenseite deutlich: »Ich finde, sie ist ein Engel. Total nett. Sie liebt Schüler. Wir werden alle bestens bewertet werden und ehrlich gesagt... Also, nein, das glaube ich mir selber nicht.« Ich wusste nicht, was in mich gefahren war, aber wir lachten und wurden kurz darauf von meinem, sagen wir mal, Versuchsexperiment gerufen, zur Bewertung.

Wir tanzten und turnten unsere eigens gemachte Choreo und ich fand uns ziemlich gut. Meiner Meinung nach waren wir sogar die Besten und verdienten die volle Punktzahl, da der Bewerter ein von Mr Smalli erstelltes Punkteschema ausfüllen musste. 15 Punkte wären zu erreichen gewesen, aber die Pappnase von Lehrerin gab uns bloß 8 Punkte. Das wäre um ein Haar die Note E, oder wie wir Abschlussschüler zu sagen pflegten, das war ein Bestanden aus Mitleid.

Die Wertung alleine war nicht mal das Schlimmste an der Situation. Laut Miss Most war unser Tanz zu hektisch, chaotisch, null zielorientiert und brachte kein Gefühl rüber. Dass sie sich das alles bloß aus dem Ärmel schüttelte, um sich an mir und meiner Stichelei von neulich zu rächen, erkannte ich an ihrem Zitat und dem schadenfrohen Lächeln. »Da fehlt mir einfach die... Aufrichtigkeit.«

Nun verlor ich komplett die Behrrschung. »Sorry Königin«, rutschte es mir aus. »Es kann ja nicht jeder so viel Attitüde und Emotionen wie Sie haben, Miss Gefühlskälte.« Das kam in die Kategorie Schlagfertigkeit, oder wie Lanie sagte, Kategorie lebensmüde. Emma würde es wahrscheinlich mutig nennen. Für diejenige, an die meine Worte gingen, war es eher töricht.

»Kirby Schatz?« Syl musste mich so nennen, war ja klar, dass sie jetzt auch so spielen würde. immerhin wusste sie genau, dass sie sich für mich langsam aber sicher zu jemandem entwickelte, der mehr war als bloß ein Ersatz für Mr Smalli.

Nun rief sie mich also zu sich und sagte mir unter vier Augen ruhig aber bestimmt, dass ich sie nicht zu bemängeln hatte und ich, wenn ich ein Problem mit ihr habe, es offen ansprechen sollte, anstatt es hinter ihrem Rücken rumzuposaunen. Sympathisch. Wieso mochte ich sie nochmal? Achja, sie war ja irgendwie schön. Eine Blenderin. Aber eine gute. Es war immer wieder aufs Neue aufregend, nicht zu wissen, was passiert. Ob sie ehrlich spielt oder wieder mal nur Aufmerksamkeit will. »Dann habe ich ja alles richtig gemacht. Ich habe es Ihnen ins Gesicht gesagt«, entgegne ich mit erhobenem Kinn. Ihre Antwort darauf war ein: »Süße, unter vier Augen. Sag es mir nächstes Mal unter vier Augen.« Nein, ihr grandioser Humor war nicht der Grund für meine Bewunderung zu ihr. Nein. Definitiv nicht. Hallo? Es war ja nicht so, dass ich zum Beispiel in Pausen regelmäßig versuchte, die Sache mit ihr zu klären, oder ihr ein Friedensangebot zu unterbreiten, und nur abgewiesen wurde, weil sie zu angeblichen Dienstbesprechungen oder Trainings musste. Jeder wusste, in den Pausen war Pause. Es gab keine Treffen, sie hatte mich bloß immer belogen.

Nach der Stunde gingen sich alle umziehen und ich regte mich mit Colleen und Hanna über die unfaire Wertung auf, da sie uns beim Kritikpunkt Kreativität und Fantasie einfach ganze fünf Punkte abgezogen hatte. Und das nur, weil ich sie neulich vor den Kopf gestoßen hatte, was ihre Ehrlichkeit betrifft? Schlimm, was für eine Dramaturgie sie in Gang setzen konnte mit einfachen sieben Punkten Abzug. Hanna fragte, ob ich Most denn noch mögen würde.

»Ich weiß nicht. Mal so, mal so«, sagte ich. Aber ich betonte zusätzlich meine Wut. Colleen warf ein: »Du magst sie bald doch eh wieder. Die plinkert nur mit den Augen und schon verzeihst du dieser Deppin.« Ich ging nicht mehr darauf ein.

Wie ironisch, wenn man bedenkt, dass mir damals mangelnde Kreativität vorgeworfen wurde und ich heute in einer Anstalt für krankhaft fantasierende Leute sitze. Obwohl, ganz ehrlich? Ich hatte nichts getan. Ich habe keine Menschen verletzt oder gar getötet – im Gegensatz zu John. Der einzige Grund, wieso ich eingewiesen wurde, ist seine krankhafte Eifersucht, die ihn zu grausamen Dingen verleitet hat. Dieser Kerl sah mich von Anfang an als Konkurrenz für seine Beziehung mit Sylvie. Wovor hatte er Angst? Mir? Meinem unwiderstehlichen Charme? Ganz sicher nicht! Er ist ein Psychopath, der sich eingeredet hat, von einem Kind bedroht zu werden und es daraufhin aus Feigheit wegsperren lässt.

Sieger? Das ist ja fast niedlich, wie er denkt, gewonnen zu haben. Auf diese Weise. Als ob ich ihm jetzt dafür danken würde oder aufhören, Sylvie zu mögen. Niemals! Ich denke jede Nacht und jeden Tag an sie. Wenn ich mich in den Schlaf weine, wenn ich von ihr träume, wenn ich unter Tränen wieder aufwache. Denn ich will nicht lügen: Bei all den Gedanken sind nicht nur schöne dabei. Manchmal zweifele ich an all ihren Worten und Versprechungen. Und oft schlage mir wortwörtlich gegen den Kopf, weil ich hoffe, sie dort rauszubekommen. Obwohl selbstverständlich ist, dass ich Sylvie nicht liebe, ist sie immer und für alle Zeit Teil in meinem Kopf und ein viel größerer Teil meines Herzens. Sie ist alles Gute und die Definition von einmalig. Sie ist perfekt, denn sie ist nicht perfekt. Mein Segen und auch mein größtes Problem. Sie ist wie ich, nur so schön anders. Sie ist da, wenn ich die Augen schließe. Sie kann trotzig sein, gemein und kaltherzig. Die, die mich furchtbar nervt und am lautesten lacht. Ich wollte trotzdem nichts mehr, als die sein, die mit ihr lacht. Diesen Wunsch hatte ich noch nie zuvor und dieses Gefühl bei keinem anderen. So schön. Von innen und außen. Niemand konnte mich je davon abhalten, in ihre Augen zu blicken. In die Augen, die so viel mehr als Wärme ausstrahlen.

Und ihr Stolz lässt sie stur werden, weil sie nicht schwach wirken will. Dabei bin ich hier die Schwache. Ich lebe eine Lüge, indem ich mir, ihr und der ganzen Welt vormache, nichts für sie zu fühlen. Beziehungsweise betone ich meine Gleichgültigkeit öfters, als dass ich in Supermärkten nach dem Kassenbon gefragt werde. Es ist hart, ignoriert zu werden. Aber noch härter ist es, so tun zu müssen, als wäre es einem egal. Denn diese Frau ist die eine, die mich in jeder Lebenslage unterstützt und beraten hat, die mir wichtige Werte vermittelt und Vertrauen geschenkt hat. Die eine, die meine Fehler als Markenzeichen sah und mich dennoch nie mögen wird. In keinster Weise. Nicht einmal diese Auffassung konnte ich ihr beibringen. Dabei wäre es so leicht, die Wahrheit zu sagen. Denn sie bedeutet mir so viel, wie ich nie ausdrücken könnte. Keine Sprache der Welt ist fähig, anderen zu verstehen zu geben, wie sehr ich Sylvie Most schätze und respektiere. Und dass ich nie aufhören werde, für sie zu kämpfen. Nicht um sie. Für sie. Weil ihre Sicherheit mir wichtig ist. Genauso, wie dass es ihr gut und dass sie immer einen Grund zum lächeln haben wird, selbst, wenn nicht ich dieser bin. Ich hoffe, dass John gut mit ihr umgeht. Denn wenn er nicht weiß, was für ein Glück er in ihrer Gesellschaft hat, verdient er diese nicht – ganz einfach. Viele wissen, wie selbstverliebt und dunkel er ist. Ich wünsche ihm auch vom ganzen Herzen eine gerechte Strafe für das, was er mir, ihr und so gut wie jedem dritten dieser grässlichen Stadt angetan hat. Aber Schlechtes kann und will ich ihm bei bestem Willen nicht zuschreiben. Dafür war unsere Vergangenheit einfach zu emotional. Hat er jetzt erreicht, was er wollte? Ich bin gefangen. Oder verhaftet. Ich weiß noch nicht einmal, was ich getan habe. Ich bin von meinen besten Freunden getrennt, von meiner Mutter und von der kompletten Außenwelt. Da sind nur zwei Mitarbeiter, die ich regelmäßg zu Gesicht bekomme. Ramona, eine angebliche Ärztin, die mir gerne Pillen, Medizin und Spritzen einflößt und wahrscheinlich Johns oberste Qualifizierte ist. Sofort erkennen kann man sie an ihrer nervtötend quitschigen Stimme, ganz hellgrau gefärbten Haaren, vielen Falten und einem Muttermal an der Stirn. Ich schätze sie um die vierzig Jahre. Dann sehe ich sehr selten aber trotzdem noch viel zu oft Leah, eine wenigstens reale Angestellte. Sie hat extrem lange naturblonde Haare, eine Brille und die stechendsten grünen Augen der Welt. Ihr Charakter aber lässt zu wünschen übrig. Viel zu oft besteht sie auf Geständnisse und Erzählungen meinerseits, dabei weiß sie ganz genau, wie schwer mir die Situation fällt und dass mir jedes Menschenrecht in dieser zu einhundert Prozent illegalen Anstalt verwehrt bleibt. Um Johns Gründe zu verstehen, beziehungsweise zu erklären, wieso er mich so hasst, sollte ich vielleicht ganz am Anfang unserer Geschichte anfangen.

Als er an jenem Sommertag als der neue Lehrer an unsere Schule kam, hatte ich noch keinen Unterricht mit ihm. Und stand deshalb noch nicht auf seiner Beschussliste. Emma hat dennoch immer geahnt, dass bei ihm mehrere Schrauben locker waren, aber ich habe sie bloß für neidisch erklärt und meine Zeit lieber mit Schwärmen verbracht. Jedes Mädchen fand ihn attraktiv. Vor allem dieses eine Outfit, das aus allem ein Ereignis machte. Er trug gerne dieses T-Shirt, das mich und die Gesamtheit der weiblichen Schüler so schwach werden ließ: Rot, eng, muskelbetont. Ja, rote Farbe wirkt bei jedem.

So. Wir stellen uns also einen knapp fünf Jahre älteren Schönling vor, dessen Haar vor Glanz und Augen vor Leuchten nur so trieften. Der erste Moment wird für immer in meiner Erinnerung bleiben. Neuer Mensch, neue Impulse. Immerhin wurde ich kurz davor sechzehn. Ein Alter in dem es, nennen wir es mal, üblich war, dass man bereits einen Freund hatte und Intimitäten austauschte.

Mein einziger Freund bis dato war ein damaliger Nachbarsjunge namens Daniel Burned. Ernsthaft, genau das war sein Name. Dieser Typ und ich wurden mit zwölf Jahren beim Fangen spielen im Wald von einem Grizzlybären attackiert. Er beschützte mich, landete im Krankenhaus und schenkte mir meinen ersten Kuss kurz nach seiner OP. Das war aber auch alles zwischen uns und wenn ich so darüber nachdenke, vielleicht durch die heftige Medizin oder aus Mitleid zustanden gekommen. Zumindest hatte er nie gesagt, dass er mich liebt. Wieso auch? Wir waren nicht einmal fest zusammen. Aber immerhin hat er die Attacke unversehrt überstanden – also, so gut wie.

Bevor ich eine Träne darüber vergießen konnte, zog Daniel weg, weil seine eingebildete Schlaukopfmutter (mit zwei Doktortiteln inklusive einer Musicalausbildung) Mendale für 'medizinisch schlecht ausgeprägt und quasi grenzwertig schädlich für Wesen aller Art und besonders Menschen im Kindesalter' hielt. Seit da an lebte ich ein Single Dasein.

Die Jungs in meinem Umfeld verhielten sich in meinen Augen seltsamer als ein frisch geschlüpftes Küken, das im Sombrero auf einem Pferd Salsa tanzt. Und dann bekam die Schule nun mal diesen Theaterkursleiter – erst später riss er sich auch Englisch, das Footballteam, und all sowas unter den Nagel.

Tja, was soll ich sagen? Als ich ihn sah, schlug es ein wie ein Blitz. Seine gesamte Ausstrahlung war so dermaßen außerirdisch, dass sich mit der Zeit zwei Parteien bildeten. Die einen waren der offizielle Fanclub von Mr Rake, die anderen das offizielle Gegenspielerteam.

Ich war ein Sympathisant seines Charakters und nicht bloß auf Äußerlichkeiten aus, im Gegensatz zum Fanclub. (Kein Scherz, Natalia hat den wirklich in die Welt gerufen, einen Internetblog zu Ehren von John gestaltet und dieser hatte lange bis zu zwei Millionen Fans. Was krass war, wenn man darüber nachdenkt, wie wenig Menschen unsere Eliteschule überhaupt besuchten, John also gar nicht kannten und doch bei der Promotion seiner selbst teilnahmen.)

Emma war Gründerin, Chefin und bisher einziges Mitglied der Kritikerpartei. Sie gehörte nie zu den von Grund auf hatenden Menschen, entwickelte dennoch regelmäßig Theorien über die angeblich erkaufte Beliebtheit von John.

Zugegeben, es klang im ersten Moment mehr als nur mysteriös, dass ein geheimnisvoll aussehender Handsome von einer öffentlichen Schule nahe der Bronx, New York, ins beste Viertel Washington DCs zog um an einer hochqualifizierten Privatschule Englisch, Theater, Musik und Naturwissenschaften zu unterrichten. Das waren bereits drei Fächer mehr als der Durchschnitt meiner Lehrer unterrichteten. Er erzählte gelegentlich auch von der Geschichte seines Lebens, von der Schule geworfen worden zu sein. Laut meiner besten Freundin wegen Drogenskandalen, Affären mit Schülerinnen oder Todesfällen. Quatsch, dachte ich.

»Selbst wenn das stimmen würde, wieso ist er dann wieder an einer Schule und nicht etwa im Gefängnis?«, fragte ich mit gerunzelter Stirn. Emma schnaubte: »Korruption, ist doch offensichtlich! Du wirst früher oder später merken, wie er hier die Fäden zieht. Bald steht hier das einsturzgefährdete Gebäude der John-Rake-High mit ihm als Obersekretärsdirektor, suizidigefährdeten Schülern und unmenschlichen Bedingungen. Glaub mir Kirby, der Rest von uns, der dann noch nicht von ihm getötet wurde, wird zu Marionetten seiner kranken Spiele werden.« Nach dieser Vorstellung konnte ich nur noch ein »Hm« von mir geben, da diese Idee ziemlich gut für einen Film wäre, aber mit der Realität nichts zu tun hatte und irgendwie doch ziemlich weit hergeholt war. Emma übertrieb bloß mal wieder.

Denn so, wie ich in der nächsten Zeit mit Mr Rake flirtete, glaubte ich nicht im Geringsten daran, dass er etwas Böses in sich trug. Im Gegenteil. Er war für mich der witzigste, netteste und vor allem bestaussehendste Typ, der jemals auf der Erde herumlief. Ich wollte unbedingt ein konkretes Fach mit ihm. Flüchtige Gespräche zwischen Tür und Angel waren einfach doof.

Als einige Lehrer zu alt für den Job wurden oder den Arbeitsplatz wechselten und sich so unser Stundenplan änderte, ging mein Wunsch in Erfüllung. Zweiter März. Dann betrat er zum ersten Mal den Theaterkurs. In kurzer Hose und weißem Muskelshirt. Dazu lächelte er sein John-Lächeln, das meine Knie jedes Mal in Wackelpudding verwandelte. Alle Mädchen aus der Gruppe schwärmten für ihn, das war normal. Aber die fanden ihn einfach nur attraktiv oder cool. Bei mir war es etwas anderes. Das spürte ich deutlich an meinem wild klopfenden Herzen, als er mich grüßte. Es war eine neue und vor allem aufregende Erfahrung für mich, definitiv. Aber sollte dieser Kerl etwa der nächste Meilenstein meines Liebeslebens sein? Nein! Ich rief mir tausende Male ins Gedächtnis, nicht in einer spanischen Teenieserie zu sein, in der mit ihm ein schönes Leben außerhalb so einfach wäre, wie eine Traube zu zerquetschen.

Erst fiel es mir schwer, aber auf Dauer verließ mich allmählich jedes Gefühl von Zuneigung ihm gegenüber. Mit der Zeit verblassten die Träume in denen wir zusammen weggingen und ich schloß mich Emmas Hatergruppe an. Das wiederum hielt aufgerundet nur zehn Tage. So magisch war JohnsAniehung.

In der ersten Theaterstunde gab es aber erstmal Kuchen für alle Kids, als Willkommensgeschenk. John nahm sich ein Stück Käsekuchen und schob es sich genüsslich in den Mund. Ich wollte wegsehen. Ich wollte es wirklich. Aber mein Blick fixierte ihn und sein verschmitztes Lächeln, als etwas Creme auf seinem Shirt landete. Meine Wenigkeit nannte es Beobachten und Selektieren. Ich habe nicht gestarrt, auch wenn jeder andere das glauben mochte. Nach dem Kaffeklatsch – und das war ein irre guter Kuchen, wenn er wirklich selbst gebacken war – begann er mit der Organisation unseres nächsten Projektes, indem er mich im Stück Sinna, womit wir schon länger arbeiteten, für die gleichnamige Hauptrolle in der Aufführung vorschlug. Mir ging alles viel zu schnell, aber ich musste mich sofort entscheiden. Wie sollte das so ad hoc funktionieren?

Es herrschte ein Durcheinander wie in einem Bienenstock, schließlich wollte jedes Mädchen jene Heldin spielen, die nur mit Raffinesse und der Kraft ihres Glaubens das Böse der Welt bekämpfte. Das Ende vom Lied war, dass ich zusagte, bei einem Bühnenauftritt gefeiert wurde und mich mit einem Jungen namens Scott anfreundete, den ich davor nur flüchtig kannte.

Die gute alte Zeit. Nicht wirklich. Ich muss lachen. Wenn ich heute wieder eine Wahl hätte, würde ich diese Rolle lieber an Colleen oder Hanna geben, denn ich bin vieles. Selbstbewusst, abenteuerlustig, zielstrebig. Aber eines bin ich nicht. Ich bin keine Sinna. Keine Heldin, keine Mutige und das Böse konnte ich auch nicht besiegen. Immerhin bewundere ich John nicht mehr. Er hat zwar alles, was er je wollte, aber es kommt der Tag, da wird er mal für sich alleine sein und es wird nichts mehr zu lügen geben, weil ihm klar werden wird, dass etwas fehlt: ein gutes Herz, die Anerkennung eines Mädchens – na ja, meine. Also wer hat verloren? Ich? Ich mich? Er... sich? Wir, wir uns?

»Matthew, erzählen Sie mir doch nochmal von Sylvie Most.« Wow, die Pflegerin kann es einfach nicht lassen. Sie sitzt immer noch da mit ihrem blöden Klemmbrett und dem weißen Kittel, als wäre sie eine seriöse Ärztin oder so. Aber ich falle nicht darauf rein.

»Wieso sollte ich Ihnen auch nur eine weitere Sache sagen? Sie verwenden es ohnehin gegen mich.« Ich nickte zu meiner eigenen Aussage, um zu verstärken, dass ich nicht mehr lange dazu bereit sein werde, zu kooperieren. Aber Leah droht mir mit einer Tablettendosis, die mich laut ihr wieder auf den rechten Pfad lenken soll. Also lenke ich ein. »Was möchten Sie wissen?«

»Habe ich gerade gesagt. Sylvie Most.«

»Okay. Was ist mit ihr?«

»Wieso waren Sie in sie verliebt, Matthew?« Mit großen Augen starrt mich die Pflegerin an, als hätte sie mir das Geheimnis entlockt. Aber sie liegt falsch und das lasse ich sie sofort wissen: »Habe ich nicht. Wie kommen Sie darauf?«