Verlag: dtv Verlagsgesellschaft Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Hannes - Funkenflieger E-Book

Rita Falk  

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E-Book-Beschreibung Hannes - Funkenflieger - Rita Falk

Warmherzig, bewegend, unbedingt lesenswert! Rita Falks mitreißende Bestseller: jetzt im eBundle. Hannes: Einfach beste Freunde … Es ist einer der ersten warmen Frühlingstage, als Hannes und Uli sich voll Lebenshunger auf ihre Motorräder setzen. Natürlich machen sie auch die erste Tour des Jahres zusammen, so wie alles im Leben. Von Kindesbeinen an. Noch nie konnte irgendetwas sie trennen. Doch was dann passiert, stellt ihr Leben komplett auf den Kopf: ihre Vergangenheit, ihre Pläne, ihre Hoffnungen – und ihre Zukunft. Und alles droht auseinanderzubrechen …Eine ganz besondere Geschichte über das Leben. Über die Kraft der Hoffnung, über Treue und Verrat. Vor allem aber über eine Freundschaft, die durch nichts auf der Welt zerstört werden kann. Funkenflieger: Eine Kleinstadt in Bayern. Elvira war eigentlich noch viel zu jung, als sie ihre Kinder bekam – und ihre Söhne Kevin, Robin und Marvin haben es nicht gerade leicht mit ihr. Als eines Tages herauskommt, dass Kevin seine große Liebe Aicha geschwängert hat, noch bevor beide ihren Schulabschluss in der Tasche haben, kommt es beinahe zur Katastrophe. Denn Aichas Eltern setzen alles daran, dass das Kind nicht zur Welt kommt. Was tun? Marvin hat einen irrwitzigen Plan. Und für einige Wochen wird ihrer aller Leben kräftig durcheinandergewirbelt …

Meinungen über das E-Book Hannes - Funkenflieger - Rita Falk

E-Book-Leseprobe Hannes - Funkenflieger - Rita Falk

Rita Falk

Hannes Funkenflieger

Romane

Hannes

Roman

Heute ist der Jahrestag. Es ist auf den Tag und die Stunde genau dieselbe Zeit. Es hat sich gejährt, mein Freund. Mein lieber Freund, Hannes. Es ist die Stunde, in der ich in deinem Blut und Urin knie, und dein Kopf ruht auf dem kalten Asphalt, gefühlte Ewigkeiten lang. Ich sehe das Blaulicht und höre die Sirenen. Die vielen Menschen um uns rum. Schließlich der Rettungshubschrauber. »Verdammte Scheiße«, aus deinem blutenden Mund. Danach schließt du die Augen, wenn auch nicht ganz, ein winziger Spalt bleibt offen. Ich bücke mich tief über dich und kann deine Augäpfel sehen. Irgendwelche Hände zerren auf einmal an mir. Andere greifen nach deinem leblosen Körper. Dein Blut läuft langsam in den Rinnstein und nimmt mein Herz mit sich. Beides verliert sich in der Ferne.

An die nächsten Wochen habe ich kaum Erinnerungen. Ein dröhnender Schmerz lag auf mir wie Blei. Dann habe ich angefangen, dir zu schreiben, Hannes. Ich habe dir mein Leben niedergeschrieben, und das hat mir geholfen, nicht den Verstand zu verlieren. Viele der Zeilen hätte ich dir gerne erspart, mein Freund. Anderes wieder ließ meine Finger in Ekstase zucken bei jedem einzelnen Wort. Nun ist es an der Zeit, mich von den Briefen zu trennen, und ich übergebe sie heute in tiefer Dankbarkeit. Sie haben mein Leben gerettet.

*

Ich muss das hier jetzt niederschreiben, weil ich einfach mit niemandem darüber reden kann. Ich schreib es aus Wut und Enttäuschung. Eine riesige, unbeschreibliche, abartige Wut, kann ich dir sagen, Hannes. Ich hab geglaubt, wenn sie dich erst mal aus den Verbänden schälen, ist alles wieder wie früher. Dann stehst du aus deinem Bett auf wie Phoenix aus der Asche und wir wandern Seite an Seite die Gänge entlang und schnurstracks dem Ausgang entgegen. Aber das ist nicht passiert. Es ist überhaupt nix passiert. Du liegst da genau wie zuvor und bewegst noch nicht mal deinen kleinen Zeh. Liegst da, mit all deinen Schläuchen und Apparaten und rührst dich nicht. Du bist nicht tot und nicht lebendig, nicht Ebbe, nicht Flut, einfach verschollen zwischen den Gezeiten. Und ich sitz auf der Fensterbank in deinem Krankenzimmer und schau in die alte Kastanie hinaus. Ich hab so eine Wut auf dich, dass ich dich noch nicht mal mehr anschauen mag. Hab dich dann auch nicht mehr besucht (hast du wahrscheinlich eh nicht gemerkt). War die letzten zwei Tage nicht aus dem Haus und hatte keinerlei Kontakt zur Außenwelt.

Irgendwann, nach vielen Stunden der Wut und Enttäuschung, schlägt dann plötzlich alles um, verlagert sich quasi. Die Wut verlagert sich von deiner Person auf meine. Mir wird langsam klar, dass nicht du schuld bist an meiner Enttäuschung, sondern ich bin es selbst. Dass ich mit meinem naiven Kleingeist tatsächlich geglaubt hab, wenn die Verbände erst weg sind, ist alles okay. Als hätten die dich daran hindern können, die Augen zu öffnen oder einen Ton von dir zu geben. Wie dämlich von mir! Ich fühl mich wie ein echter Idiot, und das stimmt mich nicht gerade fröhlich. War jetzt, wie gesagt, einige Tage nicht bei dir, mein Freund, und hab schließlich gemerkt, dass es dann noch viel schlimmer ist. Dass es mir noch viel schlechter geht, wenn ich daheim rumdümple und mir das Hirn zermartere. Dann sitz ich lieber auf deiner Fensterbank und schau in die Kastanie. Schau in die Kastanie und hoffe auf ein Wunder. Und allmählich begreif ich, dass es wohl tatsächlich ein Wunder sein muss, das dich wieder zum Leben erweckt. Ich kann dir nicht helfen und kann mit niemandem darüber reden. Ich kann mit niemandem reden, weil ich ja immer verkünde, dass jetzt alles gut wird. Dass es bergauf geht, weil du ein Kämpfer bist. Dass es bergauf geht, weil eben jetzt die Verbände weg sind. Ich erzähl von deinen Fortschritten und merke, dass du keine machst. Es ist zum Kotzen. Das Schreiben hier gefällt mir gut. Ich kann da meinen Frust ablassen, ohne dass es jemandem wehtut. Vielleicht sollte ich einfach alles aufschreiben, was so passiert. Damit du auf dem Laufenden bist, wenn du wieder funktionierst, mein Freund. Es soll ja Komapatienten gegeben haben, die sind irgendwann aufgewacht und hatten keinen Schimmer, was passiert war. Wenn ich es aber schreibe und du es später liest, weißt du Bescheid. Werde drüber nachdenken, mal sehen. Übrigens hab ich vorhin noch kurz mit deiner Mutter telefoniert. Hab aber leider nix verstanden, weil sie wieder so geweint hat. Na ja.

Später: Hab mir gerade den ›Tatort‹ angeschaut und ’ne Pizza gegessen. Beides war nicht so toll. Im Grunde hab ich von beidem nix mitbekommen, weil ich an dich gedacht habe, Hannes. Weil ich dran denke, wie es wird, wenn du wieder zurückkommst. Wie es sein wird, wenn wir wieder zusammensitzen, der Kalle, der Rick, der Brenninger und wir zwei halt. Wenn wir ins Eisstadion fahren, um ein mieses Spiel zu sehen. Oder zum Baggersee und Steine floppen lassen. Wenn wir nächtelang unseren Urlaub planen und zu keiner Einigung kommen. Am Ende doch wieder nach Spanien fahren und dort wieder mal beschließen, im nächsten Jahr woanders hinzufahren. Wenn wir im Sullivan’s hocken und einfach ein paar Bier zischen. Das wird klasse, mein Freund. Im Moment sieht’s noch nicht danach aus. Im Grunde sieht’s eher beschissen aus. Ich sag das jetzt so, weil wir haben uns doch noch nie angelogen – warum sollten wir jetzt damit anfangen? Heute ist der 26. März, und es ist jetzt schon über sechs Wochen her, dass du ins Koma gefallen bist. Ich hab nun beschlossen, dir alles so aufzuschreiben. Damit du eben auf dem Laufenden bist, wenn du wieder klar bist, Hannes. Ja, das werd ich tun. Und morgen werd ich zu dir kommen, vor dem Dienst. Denn morgen beginnt mein Nachtdienst, der erste überhaupt.

Irgendwie ist mir schon komisch, so allein mit all den Spinnern, aber andererseits ist es da vermutlich auch ruhiger. Hab jetzt die ersten Wochen als Zivi hinter mir, und ich kann dir sagen, die blöden Witze, die wir darüber im Vorfeld gemacht haben, waren beileibe nicht unberechtigt. Die Patienten oder Insassen, oder wie du willst, heißen in der Heimordnung und in der Heimbeschreibung »psychisch instabile Personen«. Die Heimordnung ist sowieso das Wichtigste hier. Die einzige Ordensschwester, Schwester Walrika (klein, dick, eine Stimme wie ein Nebelhorn und eine Zunge wie ’ne Natter, sag ich dir), achtet peinlich darauf, dass die Heimordnung penibel eingehalten wird. Die beiden Putzfrauen sind den ganzen Tag am Bohnern, Wienern und Polieren, und doch findet Walrika immer ein Stäubchen hier oder da. Wie ein Feldwebel, sag ich dir. Früher war das Heim ein Kindergarten, das Zwergennest. Wurde wohl irgendwie zu klein oder unmodern, keine Ahnung. Dann haben die Kinder halt was Neues gekriegt und hier haben sie das Heim reingemacht. Ich nenn es Vogelnest, weil die eben alle ’nen Vogel haben (hast du dir sicher selber denken können). Die Walrika hat vor ein paar Tagen meinen Stundenplan in der Teeküche gesehen, in den ich meine Arbeitszeiten reinschreibe; hab da groß draufstehen »Vogelnest«. Dafür wollte sie eine Erklärung und ich sag dir, ihr Tonfall hatte es in sich. Komischerweise hat sie nicht getobt, als sie meine Antwort hörte. Sie hat gesagt, sie glaube mir, dass ich das nicht gehässig, sondern liebevoll meine, das mit dem Vogelnest. Und drum findet sie den Ausdruck auch nicht so arg. Ich soll’s aber für mich behalten. Das hab ich auch getan, ich schwör’s. Aber trotzdem macht das nun die Runde, beim Personal und bei den Insassen, und alle lächeln dabei, irre nicht? Also wie gesagt, morgen ist meine allererste Nachtschicht und mir wurde gesagt, da sei es meistens ziemlich ruhig. Ich soll was zum Lesen mitnehmen und nur nicht einschlafen. Die Nachtschicht beginnt um sieben nach dem Abendessen und endet um sieben nach dem Frühstück. Werde also morgen so um fünf noch mal bei dir vorbeikommen und – wer weiß – vielleicht ist dann ein Wunder geschehen.

Bis morgen. Uli

*

Dienstag, 28.03.

War gestern natürlich wie versprochen bei dir. Deine Mutter war auch da. Diesmal hat sie nicht geweint, im Gegenteil. Als ich vorsichtig und leise ins Zimmer gekommen bin, ist sie von ihrem Stuhl aufgesprungen, dass der gleich nach hinten kippte und mit einem Riesengekrache zu Boden schlug. Ganz aufgeregt (ich vermeide absichtlich den Begriff hysterisch!) hat sie mir erzählt, dass du reagiert hast. Worauf, hat sie nicht gesagt. Sie hat nur immer wieder gesagt, du hast reagiert, und war ganz aufgeregt. Ich bin dann näher gekommen und hab dich angeschaut, konnte aber keine Veränderung feststellen. Du warst käsig wie eh und dein offener Mund hing kraftlos über dem Kinn. Die Unterlippe, durch einen Schlauch beschwert, wölbte sich nach außen und stand ab, als gehöre sie dir nicht. Deine Augenlider waren wie immer nicht ganz geschlossen, einen winzigen Spalt offen, und wenn man sich bückt, kann man deine Augäpfel sehen. Das ist unheimlich, mein Freund. Aber reagiert hast du nicht, auf gar nichts. Zumindest nicht in meiner Anwesenheit. Und seien wir mal ehrlich, Hannes, wenn du auf das Stuhl-Gescheppere nicht reagierst, worauf denn sonst? Hab deine Mutter dann runtergeschickt in die Cafeteria und gesagt, sie soll sich ’nen schönen Kaffee holen und sich etwas ausruhen. Hat sie auch gemacht. Sie hat heute auch viel besser ausgesehen als die letzte Zeit, hatte rote Wangen. Vermutlich von der Aufregung, weil du reagiert hast. Hatte also doch was Gutes. Als sie weg war, hab ich mich auf deine Bettkante gesetzt und dir die Sportseiten aus der Zeitung vorgelesen. Auch die Eishockey-Ergebnisse der gestrigen Spiele, und darauf hast du auch nicht reagiert. Ich hab dann deine Hand genommen, hochgehoben und fallen lassen. Sie ist auf die Bettdecke geknallt wie ein Stein. Von wegen Reaktion. Wenn ich dran denke, wie du mich beim Armdrücken immer genervt hast. Hatte selten eine Chance gegen dich. Und jetzt fällt dein Arm kraftlos zurück in seine ursprüngliche Position, ohne irgendeine Gegenwehr. Mensch, Hannes. Hab dann die Sportberichte weitergelesen. Irgendwann ist deine Mutter zurückgekommen und hat gesagt, ich solle doch mal was Poetisches vorlesen; so Schiller oder Goethe oder irgendetwas Melodisches und nicht die Eishockey-Ergebnisse. Musste aber dringend zur Arbeit, war eh spät dran.

Meine erste Nachtschicht war tatsächlich ruhig. Es ist praktisch nix passiert, worauf ich nicht vorher schon von Walrika aufmerksam gemacht worden wäre. Ja, die kennt halt ihre Pappenheimer. Tatsächlich ist die Frau Stemmerle aufgewacht, so um halb drei, und hat geklingelt. Als ich zu ihr kam, hat sie mich gebeten nachzusehen, ob ihre Enkelin im Zimmer sei. Man muss immer sehr laut reden, weil sie schlecht hört, und man kann sie kaum verstehen, weil nachts ihre Zähne im Glas sind. Als ich ihr schließlich erläutert hab, niemand sonst außer uns beiden wär im Zimmer, hat sie gesagt, dass sie die Jasmin umgebracht hat (ist wohl ihre Enkelin). Sie hat am ganzen Leib gezittert und ihre runzligen Hände waren eiskalt. Hab ihr die dann gerieben, ganz leicht, bis mir der linke Fuß eingeschlafen ist (bin auf ihrer Bettkante gesessen). Ich bin aufgestanden und jetzt war sie ganz ruhig. Ich war mir ehrlich gesagt nicht ganz sicher, ob sie mir nur bis zum Frühstück oder für immer weggedöst ist, und habe mit meinem Ohr kurz an ihrem Mund gelauscht. Aber sie hat schon noch geschnauft. Das war dann auch schon alles für diese Nacht.

Am Morgen hab ich der Walrika noch beim Frühstückmachen geholfen und musste anschließend die Insassen (Walrika nennt sie »Gäste«, und ich werde mich hüten, ihr von meinen »Insassen« zu erzählen), also die Walrika hat mich gebeten, die Gäste zu wecken und in den Frühstücksraum zu beordern oder gegebenenfalls zu begleiten. Ich sag dir eines, das war die schwierigste Aufgabe bislang überhaupt. Man könnte ja meinen, die hätten um neun, halb zehn Nachtruhe, wären ausgeschlafen und kämen dann morgens flott aus den Puschen. Weit gefehlt! Da musst du rütteln und schütteln und singen und ringen – ha –, ein Affenzirkus! Natürlich nicht alle. Einige der Insassen, genau genommen zwei, sitzen schon lange am Frühstückstisch, sehr lange, frisch gewaschen, topfit und können es kaum erwarten, dass wir mit den Rollwägen anrollen. Aber alle anderen krallen sich in ihren Federn fest, als würden wir sie für den Henker holen. Du siehst, die Späße, die wir im Vorfeld über meine Arbeit hier gemacht haben, haben die Thematik längst noch nicht ausgeschöpft, und ich finde hier den besten Nährboden für neue. Ich hau mich jetzt aufs Ohr, um abends dann fit zu sein. Um in mein weißes Kittelchen zu springen – das mir übrigens ausgezeichnet steht und mich sehr autoritär wirken lässt.

Freitag, 31.03.

Mensch, Hannes, das Frühjahr beginnt und du liegst da und rührst dich nicht. Als ich heut früh mit dem Radl heimgefahren bin, hat es schon überall nach Frühling gerochen. Und du weißt ja, ist der Frühling erst da, ist auch der Sommer nicht mehr weit. Und das wäre der erste Sommer für mich seit einundzwanzig Jahren, den ich ohne dich verbringe. Mir graust davor.

Gestern hab ich’s nicht mehr zu dir geschafft, habe verpennt. Hab dann vom Vogelnest aus bei dir zu Hause angerufen, in der Hoffnung, dein Vater geht ran. War aber nicht so. Und als ich die weinerliche Stimme von deiner Mutter hörte, hab ich aufgelegt, sorry. Aber das hat dann eh keinen Sinn, weil ich sie nicht verstehe, verstehst du?

In der Arbeit war alles ruhig, aber eines muss ich dir schon erzählen: Wir haben da so einen kleinen Balkon im Hochparterre, direkt neben der Küche, und da verschwind ich ab und zu, um ’ne Zigarette zu rauchen. Ich bin ganz leise, dass mich niemand hört, stell mich ins Eck, dass mich niemand sieht, und schließ die Tür, dass mich niemand riecht. Und gestern – wie aus dem Erdboden und ohne jede Vorwarnung – steht die Walrika plötzlich mit mir auf dem Balkon. Ich hätt um ein Haar die Zigarette runtergeschluckt, nur um ihrem Anpfiff zu entkommen (steht nämlich in der Heimordnung, dass »das Rauchen auf dem gesamten Gelände des Heimes, dazu gehören auch die Außenanlagen, zu unterlassen ist!«). Sie sieht mich an, lange und ruhig, und die Zigarette glimmt zwischen meinen Fingern so dahin. Ich wage weder weiterzurauchen noch sie wegzuwerfen, und irgendwann brennt sie gewaltig zwischen meinen Fingerkuppen. Nach einer schieren Ewigkeit hat sie dann gefragt: »Brennt’s?« Ich habe genickt, und sie: »Warum benutzen Sie dann in Gottes Namen keinen Aschenbecher, Uli?«

»Weil das Rauchen hier auf dem gesamten Gelände des Heimes, dazu gehören auch die Außenanlagen, verboten ist«, sag ich. Darauf holt sie, und jetzt halt dich fest, unter ihrer Kutte eine Schachtel Zigaretten hervor und sagt: »Das gilt nur für unsere Gäste. Wir wollen doch nicht, dass sie sich oder uns in Gefahr bringen, nicht wahr?« Und sie schiebt mit ihrem Fuß in den schwarzen Schnürhalbschuhen hinter dem Fensterladen einen kleinen Aschenbecher hervor, der diskret am Boden stand. Dann hat sie eine Zigarette geraucht, zwar nur halb, aber das gilt trotzdem. Als wir wieder reingingen, sagt sie noch, ohne mich anzusehen: »Sonst hab ich aber keine Laster!« Ich hab das unglaublich gefunden: Da steht vor dir so ’ne dicke kleine Klosterfrau mit ’nem Riesenkreuz am Hals und pafft gemütlich ein Zigarettchen. Da fällt dir nix mehr ein.

Du, Hannes, ich hab die Kiermeier Sonja getroffen, weißt schon, die wir alle gern mal rumgekriegt hätten, und nur der Brenninger durfte da ran. Egal. Jedenfalls studiert die jetzt Medizin. Ich hab ihr natürlich von deinem Unfall erzählt und sie wollte alles ganz genau wissen. Aber sie hat nur den Kopf geschüttelt und gesagt, wenn das jetzt schon fast sieben Wochen sind, dann schaut’s schlecht aus. Die meisten Komapatienten kommen entweder gleich oder nimmer, hat sie gesagt. Sie ist zwar erst im zweiten Semester, aber Alter, du solltest langsam mal Gas geben, sonst wird’s hinten eng. Ich mach jetzt Schluss für heute, bin saumüde. Morgen schaff ich’s bestimmt zu dir rein, hab mir auch den Wecker gestellt.

Sonntag, 02.04.

Servus Hannes,

heute ist mein heiliger Ausschlaftag, und es ist jetzt tatsächlich schon halb zwei am Nachmittag. Ich hab hier im Bett gefrühstückt, und da lieg ich immer noch und schreib dir von den letzten Tagen. Werde vermutlich erst gegen Abend duschen und anschließend ins Eisstadion fahren. Heute kommen die Eisbären, ist womöglich das letzte Spiel in dieser Saison, wenn sie wieder verlieren. Mensch, ich hätt dich so gern dabei.

War also gestern bei dir, alles unverändert, bis auf deine Mutter. Die roten Backen sind wieder verschwunden und das Weinen hat sie auch aufgehört. Sie stand lange mit dem schnauzbärtigen Arzt im Korridor, ich hab es durch die kleine Scheibe in deiner Zimmertür gesehen. Sie wirkte ein wenig unsicher, als sie ihn angesprochen hat, und auch nicht besser, als sie zurückkam. Ich bin dann von deiner Bettkante aufgestanden, um ihr Platz zu machen, aber sie hat gesagt: »Bleib nur, Uli.« Danach hat sie ihre Tasche und Jacke genommen und ist raus. Ohne ein Wort. Das war schon komisch. Ich hab dir dann den Brief vorgelesen, so weit ich ihn halt geschrieben habe. Es sind meine Gedanken, die ich dir bis jetzt und mein ganzes Leben lang erzählt hab, mein Freund, und das fehlt mir am meisten. Unser alltägliches Gelaber. Über nix. Über Gott und die Welt. Du warst mein Tagebuch und ich das deine. Nun schreib ich es eben auf, damit du später weißt, was passiert ist in der Zeit, die du verpennt hast. Na ja. Jedenfalls bin ich auf der Bettkante gesessen und hab dir vorgelesen. Reagiert hast du aber nicht.

Nach einer Weile ist die Nele gekommen. Sonderbarerweise waren wir beide fast täglich bei dir und sind uns trotzdem nie begegnet. Sie ist zur Tür rein, hat mich angeschaut und ist ohne jede Vorwarnung mit erhobenen Fäusten auf mich los. Hat wie wild auf meinen Brustkorb getrommelt und immer geschrien: »Ihr mit euren blöden Motorrädern! Ihr mit euren blöden Motorrädern …« Das war gar nicht lustig. Irgendwie hab ich ihre Hände auch nicht richtig zu fassen gekriegt. Sie hat geschrien wie verrückt, und du hast wieder nicht reagiert. Zum Glück ist irgendwann der Dr. Schnauzbart rein und hat sie von mir entfernt. Sie ist noch kurz zu dir ans Bett und hat dich auf die Stirn geküsst. Dann ist sie weg. Ehrlich, Hannes, ich hätt so gern was Nettes zu ihr gesagt, was Freundliches oder was Tröstliches, aber ehrlich, ich hatte keine Chance. Wir sind ziemlich stumm gewesen, als sie weg war. Du ja naturgemäß, und mir war auch nicht mehr zum Erzählen. Drum bin ich dann auch gegangen.

Verdammt, ich hab dich doch noch im Rückspiegel gesehen, die ganze Zeit. Und plötzlich in dieser ewig langen Kurve, an dieser ewig hohen Mauer entlang, warst du einfach aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich bin noch ein Stück gefahren, grinsend zugegebenermaßen, weil ich dachte, du hättest in dieser Kurve das Tempo rausgenommen. Bin dann schließlich umgekehrt und … verdammt! Verdammt, Hannes!

War heute auf dem Heimweg noch kurz im Sullivan’s, hab ein Bier getrunken. Der Rick, der Kalle und der Brenninger waren da, und es spielte ’ne Live-Band. Es war voll und laut, wie jeden Samstag, und mir war’s zu voll und zu laut. Also bin ich heim und – stell dir vor – an meiner Haustür lehnt die Nele, angestrahlt von einer Straßenlaterne. Sie hat mich abgepasst. Und weißt du, Hannes, was dann passiert ist? Ich hab gesagt: »Hau ab!«, und bin einfach an ihr vorbei in meine Bude. Sie stand da, verweint und nass (es hatte geregnet), und ich hab sie einfach stehen lassen! Und weißt du, warum, mein Freund? Weil mir im Laufe des Abends aufgefallen ist, dass keiner von uns ein Recht hat, dem anderen einen Vorwurf zu machen. Weil wir nämlich alle gleich viel leiden. Der Rick, der Kalle, der Brenninger, deine Eltern, die Nele und ich. Und ich weiß nicht, wer noch, wir alle eben. Sie braucht mir also jetzt nicht so zu kommen. Ich hoffe, sie hat’s kapiert. Berichte morgen weiter, muss jetzt ins Eisstadion.

Montag, 03.04.

Die Narren haben das Spiel gestern 2:7 verloren, und das, obwohl sie schon 2:0 vorne lagen. Es war erbärmlich, du kannst dir das nicht vorstellen. Da kannst du echt mal froh sein, das verpasst zu haben. Nun ist die Saison rum, und ich glaube, es ist gut so. Hab dir den Spielbericht vorgelesen, aber du hast nicht reagiert.

Hab jetzt wieder Tagdienst, ist zwar anstrengender, aber die Zeit vergeht schnell. Heute haben wir einen Neuzugang bekommen, einen Jungen, Florian, siebzehn, groß und kräftig und sagt kein Wort. Wir hatten eine kurze Sitzung, wie immer, wenn jemand neu hier ankommt, Schwester Walrika, Frau Dr. Redlich und wir vom Pflegepersonal halt. Die Redlich ist hier die Psychologin, ein scharfes Teil mit langen roten Haaren, etwas schnippisch und von oben runter, aber absolut lecker, sag ich dir. Bei diesen Sitzungen erfahren wir alles über den Neuzugang, was uns den Aufenthalt hier verständlich macht. Hier im Vogelnest ist keiner eingewiesen worden, weißt du, alle sind freiwillig hier. Das Heim wird auch nur zu einem kleinen Teil von den Kassen bezahlt, das meiste muss privat berappt werden. Ab und zu gibt’s ’ne Spende von großzügigen Gönnern, denen selbst oder deren Familienangehörigen hier auch schon Hilfe zuteil wurde. (Mein mickriges Gehalt zahlt natürlich der Staat und das von der Walrika die Kirche.) Außerdem gibt’s hier keine Gruppengespräche, einfach weil man niemanden zwingen will, sein Innerstes nach außen zu kehren, nur weil es alle anderen tun. Das find ich gut. Die Insassen können ihr Herz der Frau Dr. Psycho-Redlich ausschütten oder der Schwester Walrika, oder sie lassen es einfach bleiben. Es wird zwar gemeinsam gebastelt, gemalt oder so, aber es gibt keinen Gruppenzwang. Ich vermute mal, dass das der Grund ist, warum alle so gern hier sind. Und das sind sie zweifellos. Ich selber muss gestehen, mein Freund, und nun lach nicht, dass ich gern hier bin. Dieses alte Gemäuer mit dem ganzen Jugendstil, das hat was. Ich weiß nicht, vielleicht ist es eine Art Würde, die das Haus den Insassen zurückgibt, und das haben sie unbedingt nötig. Das hab ich schon erfahren, als mich mein Vorgänger hier eingearbeitet hat. Wir haben da so einen Typen, Winfred, und der leidet unter Verfolgungswahn, was jetzt hier aber keine Rolle spielt. Jedenfalls sind wir zu ihm ins Zimmer rein und ich hab ihn begrüßt, indem ich »Servus Fredl« zu ihm gesagt hab. Was gar nicht böse gemeint war, ich schwör’s. Außerdem find ich auch Fredl viel netter als Winfred. Egal. Jedenfalls hat mich mein Vorgänger daraufhin am Kragen gepackt und gesagt: »Der Winfred heißt Winfred, und das soll auch so bleiben, kapiert! Das Einzige, was wir für die Menschen hier tun können, ist, sie zu respektieren. Ein bisschen Respekt hebt ihre Würde ganz enorm. Hast du das kapiert, du Prolet?« Ich hab genickt und schon gewusst, dass er recht hat damit. Ja, sosehr mir auch gegraust hat vor der Zivi-Zeit, ich bin schon ziemlich gern hier, warum soll ich dich anlügen? Werde morgen nach dem Dienst zu dir kommen. Gute Nacht!

Dienstag, 04.04.

Heute hab ich das erste Mal seit dem Unfall deinen Vater getroffen. Er ist bleich wie deine Mutter, hat einiges an Gewicht verloren (was ihm nicht schadet – ganz klar), und er hat nach Alkohol gerochen. Es war am frühen Abend, und zwar im Krankenhausfoyer. Wir haben uns eine Zeit lang unterhalten, meistens natürlich über dich. Er macht einen sehr bedrückten Eindruck, mein Freund. Er hat gesagt, dass jetzt alles anders geworden ist seit diesem Tag, diesem Scheißtag, hat er wörtlich gesagt. Und dass euer Hund seit diesem Scheißtag nun auch wieder in die Küche kackt. Genau seit diesem Tag, hat er gesagt. Er kann ja die wahre Geschichte nicht wissen, oder? Die Geschichte, dass der Hund vom allerersten Tag an nachts in die Küche geschissen hat. Du und deine Mutter, ihr wolltet damals unbedingt diesen kleinen Köter, ich erinnere mich genau. Das Vieh hat von Anfang an und beinahe täglich in die verdammte Küche gekackt, und dein Vater hat vom ersten Tag an getobt. Deine Mutter hat geweint, nicht wahr. Sie wollte das blöde Vieh ja unbedingt behalten, allein schon deinetwegen. Weil du ja ein Einzelkind warst, und da solltest du wenigstens ein Hündchen haben. Irgendwann eines Morgens, nachdem deine Mutter die stinkenden Spuren der letzten Nacht beseitigt hatte, hat dein Vater gesagt: »Beim nächsten Mal kommt das Vieh weg, und wenn ich es eigenhändig in der Donau ersäufen muss!« Deine Mutter hat daraufhin geweint, und ab diesem Tag (du warst so vierzehn oder fünfzehn) hast du dir morgens den Wecker gestellt und bist vor deinen Eltern in die verschissene Küche gegangen und hast die nächtlichen Hinterlassenschaften deines Geschwisterchens beseitigt. Viele, viele Jahre lang, mein Freund. Das hat schon was Edles, muss ich gestehen. Würde aber gerne wissen, ob du’s wegen deiner Mutter getan hast oder weil dir selber was lag an der kleinen Töle. Werde dich fragen, sobald es geht. Jedenfalls hat dein Vater nun gesagt, es ist egal, ob der Köter weiterhin in die Küche scheißt oder nicht, er will ihn trotzdem behalten. Schließlich hätte man sich nach all den Jahren an ihn gewöhnt. Und wenn du erst wieder zu dir kommst, willst du ihn ganz bestimmt sehen. Vielleicht hört er ja dann auch wieder auf mit dem blöden Gekacke, hat er gesagt.

Bin heute früher zur Arbeit und war schon vor dem Frühstück anwesend. Es hat sich einfach so ergeben, also hab ich mitgefrühstückt. Das tu ich ja nach der Nachtschicht sowieso, hab nun aber beschlossen, dass ich es in Zukunft auch vor dem Tagdienst mache. Spart mir eine Mahlzeit, die ich nicht bezahlen muss, außerdem ist das Frühstück lecker. Es gibt Milchtee oder Kaffee Hag, dazu Semmeln, Marmelade oder Honig, Butter, gelegentlich Frischkäse vom Lehmbichlhof (die machen den eigentlich nur für den Eigenbedarf, manchmal bringt der alte Bauer aber einen Topf voll vorbei – unglaublich gut). Die alte Frau Stemmerle (die ihre Enkelin umgebracht hat) freut sich immer unheimlich, wenn ich mitfrühstücke, weil ich ihre Buttersemmel schmiere und sie dann nur noch essen muss.

Nach der Arbeit bin ich noch zu dir rein, es war ’ne Schwester da, die dir grad den Katheter gewechselt hat. Nicht schön, mein Freund. Ich hab derweil vor der Tür gewartet. Der Schnauzbart ist vorbeigegangen und hat an seinem Bart gezwirbelt. Auf einmal ist er stehen geblieben, umgekehrt und direkt auf mich zu. Er hat mich gefragt, ob wir beide verwandt sind. »Nein«, hab ich gesagt, »nur gute Freunde.«

»Nur gute Freunde, was?«, hat er nach einer Weile gesagt, hat weiter an seinem Schnauzer gezwirbelt und ist weggegangen. Gleich darauf, als ich dir die Geschichte erzählt hab, ist mir das noch mal so durch den Kopf gegangen. Und jetzt frag ich mich, was das eigentlich heißen sollte. »Nur gute Freunde, was?« Denkt der womöglich, dass wir zwei, na ja, denkt der denn, wir zwei wären schwul? Was sagst du dazu, Hannes, der hält uns womöglich für zwei Schwuchteln. Werde das klarstellen, sobald ich ihn wieder treffe, diesen Arsch. Melde mich morgen wieder.

Freitag, 07.04.

Hab nun ein paar Tage nix geschrieben, dafür war ich aber jeden Tag im Krankenhaus. Den Schnauzbart hab ich leider noch nicht erwischt. Hab dann im Schwesternzimmer nachgefragt, wo er abbleibt, und hab feststellen müssen, dass er die letzten Tage zeitgleich mit mir Schicht hat. Muss sie halt auf nächste Woche verschieben, meine Klarstellung.

Als ich am Mittwoch auf meinen Balkon rauswollte (im Vogelnest), stand die Walrika schon draußen und hat eine Zigarette geraucht. Es war nach dem Essen und die Insassen hielten gemeinschaftliche Mittagsruhe. Zuerst hab ich etwas verlegen in meinen Hosentaschen rumgefummelt, hab mir aber am Ende doch eine Zigarette angezündet, und so haben wir gemeinsam geraucht. War trotzdem irgendwie komisch. Ich hab immer das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, wenn sie mir dabei zuschaut. Obwohl sie ja selber raucht, die Walrika. Jedenfalls sind wir hinterher wieder rein, und ich bin ins Büro, um mir den Tagesablauf für den nächsten Tag anzusehen (steht immer drauf, wer was macht, Therapie, Basteln, Gesprächstermine und so weiter). Der Plan hängt an einer Pinwand und davor steht die Psycho-Redlich und guckt eben auch drauf. Als ich mich grade so neben sie stell, fängt sie auf einmal an, so zu schnüffeln, und sagt schließlich: »Sie stinken nach Rauch, Vorholzner!« Und bevor ich den Satz überhaupt kapiert hatte, hörte ich hinter mir die Walrika sagen: »Und sie nach Essigessenz!« Zuerst hab ich das gar nicht so begriffen, aber eigentlich hat sie schon recht, die Walrika. Die Redlich riecht immer irgendwie sauer. Nein, sauer ist wohl auch verkehrt, eher säuerlich oder süß-sauer. Vermutlich ist es ein Deo oder Parfüm, oder was weiß ich, bestimmt auch nichts Billiges (an ihr ist überhaupt nix billig). Na, jedenfalls riecht es nicht angenehm. Komisch ist nur, dass der Walrika so was auffällt. Und auch komisch, dass sie es so deutlich sagt und auch noch meinetwegen. Die Psycho-Redlich hat nur eine Augenbraue hochgezogen und dann schnurstracks den Raum verlassen. Die Walrika hat mir einen Pfefferminzdrops zugesteckt und geflüstert: »Sollte man immer dabeihaben, Uli. Nehmen Sie schon eins, in Gottes Namen.«

Und stell dir vor, wen ich gestern an der Tankstelle getroffen hab? Da kommst du nie drauf. Es war die Rektorin aus unserer Grundschule (leider ist mir ihr Name nicht mehr eingefallen, irgendwas Ausländisches, sie war doch mit einem Holländer verheiratet, Van der Neut, Van der Block oder so was). Na, jedenfalls hat die mich nach dir gefragt, hatte von deinem Unfall erfahren. Ich hab ihr also der Reihe nach ihre Fragen beantwortet, und sie sagt schließlich: »Ja, der Hannes und der Uli, unzertrennlich … unzertrennbar eigentlich, wie siamesische Zwillinge. Hab damals den Lehrern schon immer im Vorfeld Bescheid gegeben, euch nicht zusammensitzen zu lassen. Jedes Jahr, immer das Gleiche. Hab immer gesagt, den Vorholzner und den Ellmeier nicht in eine Bank, auf keinen Fall, hab ich gesagt.« Ich hab gleich gar nicht gewusst, was ich darauf sagen soll. Hab sie dann aber doch gefragt, warum sie das gemacht hat, wir wären doch eigentlich ganz harmlos gewesen.

»Jeder von euch beiden schon, Uli, absolut harmlos, aber zusammen! Zusammen wart ihr eine Katastrophe. Wie Nitro und Glyzerin, weißt du. Jeder völlig harmlos für sich alleine, aber gemeinsam eben hochexplosiv.«

Komisch, ich hab das so nie gesehen, du etwa, Hannes? Na ja, die eine oder andere Geschichte im Pausenhof war wohl doch übel. Aber wir haben doch unsere gerechte Strafe immer postwendend abgesessen. Die vorderste Bank im Nachsitzraum hatte die Form unserer Arschbacken, wetten? Und die Mitteilungen an unsere Eltern, die natürlich umgehend durch Hausarrest quittiert wurden (zumindest in den ersten Jahren, danach haben wir sie ja selber unterschrieben), waren nicht wenig, oder? Aber Nitroglyzerin, ich weiß nicht. Na ja. Jedenfalls soll ich dir schöne Grüße ausrichten und gute Genesung, was ich dir auch am gleichen Tag noch ausgerichtet habe, du hast aber wieder nicht reagiert.

Übrigens hab ich nach diesem Treffen mit der Rektorin in meiner Fotoschachtel rumgekramt und nach dem Bild von unserem ersten Schultag gesucht. Bin schließlich fündig geworden. Wir beide stehen da, Arm in Arm mit unseren Schultüten und grinsen in die Kamera. Du hattest gerade die zweite Garnitur Schneidezähne gekriegt, welche bei mir zu dem Zeitpunkt komplett fehlten und durch eine irre Zahnlücke ersetzt wurden. Ich habe das Foto als Kind mal zerrissen, Hannes. Weil es mich nämlich geärgert hat, dass du so erwachsen gewirkt hast und ich im Vergleich wie ein Baby. Heut muss ich sagen, diese Riesenhauer waren auch nicht schön in deinem Kindergesicht. Na ja. Jedenfalls hab ich das Bild zerrissen und meine Mutter hat es anschließend mit Tesa geklebt. Sie hat das unglaublich süß gefunden, dass ich mich so geärgert hab. Es ist ein tolles Foto von uns beiden: Ich hab auf die Rückseite »Nitroglyzerin« draufgeschrieben, und seit heute trag ich es heckseits in der Hosentasche meiner Jeans.

Bin in deinem Krankenzimmer auf den Kalle und auf den Rick gestoßen, die beiden standen so zwei Meter von deinem Bett entfernt und haben sich auf Zehenspitzen gestellt, um dich überhaupt sehen zu können. Genau so, als hättest du Lepra oder so was. Der Rick hat an seinen Fingernägeln gebissen. Hab mich dann auf deine Bettkante gesetzt und gesagt: »Okay, wir sind zu viert, lasst uns Karten spielen!« Darüber haben sie gar nicht lachen können. Sie waren so ernst und beklommen, als wären sie auf deiner Beerdigung. Ich hab noch ein paar solcher Sprüche geklopft, und schließlich sind sie abgezogen. Hab ihnen noch kurz hinterhergeschaut, und als ich dich wieder ansah, hast du gegrinst, mein Freund. Zumindest hab ich mir das eingebildet. Nein, ich könnte wetten, dass du gegrinst hast. Das war am Mittwoch.

Und am Donnerstag, als ich bei dir war, herrje, das kannst du dir nicht vorstellen! Wir sitzen da so gemütlich und ich les dir grad die Sportseite aus der Zeitung vor, da kommen deine Eltern. Sie waren ganz schnell im Zimmer und haben die Tür hinter sich zugemacht und dagegen gehalten, als wär der Teufel hinter ihnen her. Deine Mutter hat geschnauft wie ein Walross, und dein Vater ist an ihr vorbei direkt auf mich zu. Er hat mir die Hand geschüttelt und gesagt: »Dieses Weib bringt mich noch mal um!« Und was soll ich dir sagen, die hatten den Köter dabei! Hatten ihn unter einer Jacke vorbeigeschleust an sämtlichem Pflegepersonal. Deine Mutter hat ihm die Schnauze zugehalten, damit er nicht bellt, dafür hat er aber gewinselt. Das wiederum hat sie mit einem künstlichen Gehüstel übertönt und so sind sie halt dahergehetzt. So hat es dein Vater erzählt und sich immer wieder die verschwitzte Stirn abgetupft. Seine weitere Aufgabe war es dann, an der Tür zu stehen und durchs Fenster zu starren, Schmiere stehen eben. Und deine Mutter hat dir den Köter auf die Brust gesetzt und drauf gewartet, dass du reagierst. Hast du aber nicht. Der Köter übrigens auch nicht. Der wollte immer nur runter vom Bett und vermutlich auf den Boden scheißen. Irgendwann sind sie wieder weg und ich hab mich auf deine Bettkante gesetzt und den Sportbericht zu Ende gelesen.

Ja, mehr ist eigentlich nicht passiert. Es hat grad geläutet bei mir, und der Brenninger, der Rick und der Kalle stehen mit einem Bierkasten unten. Melde mich morgen wieder.

Samstag, 08.04.

Du, Hannes, es wär jetzt schon schön, wenn du langsam wieder werden würdest. Es ist nicht das Gleiche ohne dich. Gestern Abend hatte ich ja noch Besuch (wie berichtet), wir haben Bier getrunken und über alte Zeiten gequatscht. Plötzlich hat der Brenninger gesagt, wie dämlich wir zwei gewesen wären, mitten im Februar, quasi mitten im Winter, mit den Maschinen rauszufahren. Aber es war doch so schön, oder, Hannes, so um die zwanzig Grad und Sonne. Und wir waren uns doch einig, dass genau ein solcher Tag wie geschaffen ist für die erste Tour des Jahres, oder, Hannes? Na ja. Irgendwann lief dann natürlich unvermeidlich die alte Scheibe von STS, und wir haben die Fotos vom letzten Urlaub angeschaut. Wir haben dann gemerkt, dass auf den allermeisten Fotos du drauf bist: Hannes am Strand, Hannes in der Disco, Hannes mit Bier, Hannes mit Weibern, Hannes in Badehose, Hannes ohne Badehose. Vermutlich liegt es dadran, dass du der Einzige ohne Fotoapparat warst. Egal. Wir haben eben Fotos angeschaut und Bier getrunken und STS gehört. Und der Rick hat an seinen Fingernägeln gebissen. Irgendwann hat der Kalle angefangen zu weinen und wir haben abgebrochen. Bin dann noch lange nicht eingeschlafen, hab das Licht ausgemacht, aus dem Fenster hinaus eine Zigarette geraucht und die Sterne (waren unglaublich viele) angeschaut. Mir war so hundeelend, wenn die Möglichkeit bestanden hätte, ich wär zu dir ins Krankenhaus gefahren und hätt mich neben dich ins Bett gelegt (hat der Schnauzbart womöglich doch recht??). Ich befürchte ja schon manchmal, dass das mit dir nix mehr wird, mein Freund. Aber heute Nacht hab ich mir das einmal so vorstellen müssen, wie das wär, wenn ich dich nicht mehr besuchen kann. Wenn du eben stirbst und ich nicht mehr zu dir ins Krankenhaus kann. Brauch dann hier auch nicht mehr weiterzuschreiben, wozu auch? Hannes, das war grauenvoll. Irgendwann bin ich eingeschlafen, nicht lange (es ist jetzt zwanzig nach sechs), und nun schreib ich halt das hier. Mensch, Alter, reiß dich zusammen. Es gibt Komapatienten, die lange weg waren und topfit wiederkamen. Du warst doch immer ein Kämpfer, also mach jetzt mal zu!

Hab den Rick und den Kalle übrigens gestern Abend noch gefragt, warum sie so verklemmt waren im Krankenhaus. Sie haben gleich drauflosgetönt (Bier löst Zunge!), dass sie doch gerade erst gekommen wären, und dann wär ich da hereinmarschiert, hätt mich aufs Bett gepflanzt und mich in den Vordergrund gespielt. Außerdem wären meine Witze geschmacklos und unpassend gewesen. Aber du, mein Freund, du hast gegrinst, ich bin mir ganz sicher.

Abends. War noch bei dir im Krankenhaus und bin auf die Nele gestoßen. Sie ist auf deiner Bettkante gesessen und hat deine Hand gestreichelt. Und ich bin auf dem Fensterbrett gesessen und hab ihr dabei zugesehen. Wir haben alle drei die ganze Zeit geschwiegen (du ja naturgemäß), und kurz bevor die Nele gegangen ist, hat sie dich auf die Stirn geküsst, hat sich vor mich hingestellt und mir die Hand gereicht. Sie hat gesagt: »Es war blöd von mir neulich. Tut mir leid. Aber mir fehlt er halt so, weißt du, Uli.« Hab ihr auch die Hand gereicht und genickt. Denke, die Sache ist aus der Welt.

Sonntag, 09.04.

Ausgeschlafen. Bin gestern früh ins Bett und habe durchgeschlafen bis heute um halb eins. Habe quasi die letzte Nacht wieder reingeholt. Beim Frühstücken haben dann meine Eltern von ihrem Altersruhesitz in Spanien angerufen (meine Mutter hasst dieses Wort. Sie sagt, es ist kein Altersruhesitz, sondern ein Neuanfang.). Natürlich war es dasselbe Blabla wie immer. Sie wollten wissen, wie es dir geht, und als ich sage schlecht, sagt meine Mutter, ich soll nicht immer so negativ sein. Vielleicht mal ein bisschen meditieren oder Yoga, und ich soll nicht mit vollem Mund reden (war aber gerade am Frühstücken). Außerdem soll ich dich schön grüßen und dir sagen »Kopf hoch«. Wie idiotisch ist das denn, wo sie doch weiß, dass du deinen Kopf noch nicht einmal spürst. Außerdem hat sie noch erzählt, dass der arme Carlos auch krank ist (wer auch immer der arme Carlos ist). Im Übrigen würde sie heute sowieso noch mit deinen Eltern telefonieren, mal sehen, was die sagen.

Danach ist mein Vater an den Apparat und hat nach einigem Blabla gefragt, ob ich denn noch hin und wieder Posaune spiele. Hatte gleich gar keine Antwort parat, weil ich die blöde Posaune längst verdrängt hab. So schön hätt ich gespielt und so laut, hat er gesagt. Und dass es für ihn noch heute eine wahre Freude ist, wenn er daran denkt. Eine wahre Freude, wirklich. Hinterher ist mir eingefallen, wie wir beide, Hannes, meine allererste Posaune sabotiert haben. Einfach weil ich keine Lust auf Posaune hatte, aber auch nicht den Mut, das meinem Vater zu gestehen. Irgendwie sind wir dann auf die Idee mit dem Sekundenkleber gekommen, weißt du das noch, Hannes? Wir haben fast den ganzen Inhalt dieser kleinen Tube reingedrückt in die blöde Posaune. Hinterher hat sie nur noch gefurzt. Mein Vater kam nie drauf, dass wir beide etwas damit zu tun hatten. Vielmehr hat er gesagt, wir hätten gleich ein teures Instrument kaufen sollen, und dass man da wieder mal sieht, was man von diesem billigen Chinascheiß hat. Habe am nächsten Tag eine echt teure Posaune von ihm bekommen.

Nach dem Telefonat bin ich dann in T-Shirt und Unterhosen rauf in den Speicher und habe die blöde Posaune gesucht. Bin nach einigem Gewühle auch fündig geworden und hab mich auf einen Stapel alter Teppiche gesetzt, um das Teil anzuschauen. Hab dann mein T-Shirt ausgezogen und angefangen, den Staub abzuwischen und das Metall zu polieren. Kurz darauf ist meine Nachbarin mit ihrem Wäschekorb gekommen, hat mir einen äußerst sonderbaren Blick zugeworfen und schließlich begonnen, die Wäsche aufzuhängen. Hat die noch nie jemanden in Unterhosen auf dem Speicher sitzen sehen, der seine Posaune poliert? Egal. Jedenfalls hab ich mir jetzt überlegt, das gute Stück mit ins Vogelnest zu nehmen. Für den Morgenappell. Werde mich damit in den Korridor stellen und die Insassen aus den Federn blasen. Dann ist dieses leidige Gewecke am Morgen Geschichte. Ja, das werd ich tun!

War am Abend noch bei dir und hab ein bisschen aus meinem Leben vorgelesen. Bin auf der Bettkante gesessen und auf dem Fensterbrett. Hab in die Kastanie geschaut oder in den Spalt deiner Augen und hab hundertmal deine Hand auf die Bettdecke plumpsen lassen. Sie fällt wie ein Stein. Morgen beginnt meine Nachtschicht wieder und ich werde dich davor besuchen.

Mittwoch, 12.04.

Es ist jetzt halb zwei in der Früh und ich schreibe hier im Vogelnest. Ich mag die Nachtschichten, sie sind ruhig (meistens) und das alte Gemäuer hier ist nachts noch viel besser als am Tag. Die Walrika hat im ganzen Haus Stehlampen aufgestellt, die warme Töne an uralte Mauern werfen und den Insassen den Weg weisen sollen, wenn sie nachts wandern. Das kommt zwar kaum vor, aber eben nur kaum. Unter einer solchen Lampe sitz ich nun und erzähl dir von den letzten Tagen. Also, wie gesagt, die Nächte hier sind durchweg ruhig, und so habe ich beschlossen, mir die Akten der Insassen mal genauer anzusehen. Einfach weil ich wissen will, weshalb sie hier die Zeit totschlagen. Am meisten hätte mich natürlich die Akte von unserem Neuzugang Florian interessiert. Weshalb ist ein siebzehnjähriger kräftiger Junge in einem Heim für »psychisch instabile Personen«? Leider ist die Akte aber bei der Psycho-Redlich, deshalb hab ich mit Frau Stemmerle angefangen.

Und stell dir vor, Hannes, die hat tatsächlich ihre Enkelin auf dem Gewissen. Natürlich nicht absichtlich und auch nicht fahrlässig, aber trotzdem. Also, die Stemmerles hatten (oder haben, keine Ahnung) ein nicht unbeachtliches Grundstück am Starnberger See mit direktem Zugang und fetter Villa drauf. Übrigens seit Generationen, wäre mittlerweile wohl unerschwinglich. Die ganze Familie wohnte dort, und der Herzschlag dieser Familie war die Jasmin, eben die Enkelin von der Frau Stemmerle. Wohl schon sehr früh hat man dem kleinen Mädchen das Schwimmen beigebracht, war die Nähe zum See doch ein ständiges Risiko. Und schnell schwamm das Kind wie ein Fisch und die Familie war beruhigt. An diesem heißen Nachmittag, den die Jasmin nicht überleben sollte, ging die Oma, wie schon so oft zuvor, mit ihr zum nahen Wasser runter. Die Eltern waren beide arbeiten und der Großvater hat in den kühlen Räumen des Hauses seinen kleinen Mittagsschlaf gehalten. Das Mädchen hat vergnügt auf einer Luftmatratze geplanscht und die Oma mit Wasser bespritzt, die auf einer Decke am Ufer saß. Jasmin war übermütig und fröhlich und aus dem Wasser gar nicht mehr rauszukriegen. Das war es dann wohl auch, sie hat einfach ihre Kräfte überschätzt. Irgendwann wollte sie sich auf der Luftmatratze umdrehen und ist abgerutscht. Der Druck, der so entstanden war, ließ die Matratze davonschwappen. Die Kleine ist untergetaucht, bekam Wasser in Nase und Mund, tauchte auf, riss Hilfe suchend die kleinen Ärmchen in die Höhe und schrie aus Leibeskräften. Das alles geschah in Sekunden. Vermutlich erschien ihr jetzt der rettende Weg zum Ufer unbezwingbar. Na, jedenfalls ist die Oma zu Tode erschrocken aufgesprungen, doch die Beine versagten ihr den Dienst. Noch ehe sie der Enkelin die helfende Hand reichen konnte, verlor sie das Bewusstsein. Jasmin war tot, noch ehe die Oma wieder zu sich kam. Sie starb im Alter von acht Jahren. Es war ein Schwächeanfall bei der alten Frau, nichts weiter. Durch die Hitze und die Aufregung hatte ihr Körper kurz ausgesetzt, einfach um wieder zu Kräften zu kommen. Nur für ein paar winzige Augenblicke. Es sollten die verhängnisvollsten ihres Lebens werden.

Sechs Wochen danach hat Jasmins Mutter die Familie verlassen. Niemand hat sie je mehr gesehen. Und weitere sechs Wochen später ist der Großvater gestorben. Nach dem Tod ihres Mannes hat die Frau Stemmerle ihren Sohn gebeten, sie fortzubringen. Raus aus dem Haus und weg vom See. Es war das Einzige und Letzte, was Mutter und Sohn seit dem Unfall miteinander gesprochen haben. Er hat sie ins Vogelnest gebracht, fuhr weg und kam nie wieder. Das ist jetzt fast zehn Jahre her, und da fragt man sich natürlich, warum so etwas passieren muss. Warum wird ein Mensch für einige Momente außer Gefecht gesetzt, und danach ist nix mehr, wie es war? Danach ist nichts mehr überhaupt etwas wert. Das Leben von fünf Personen ist nichts mehr wert. Keinen Pfifferling. Wo liegt da der Sinn? Na ja, Hannes, das mit dem Sinn, wozu und warum, muss ich dich ja wohl nicht fragen, mein Freund. Wir haben da ja selber unsere Sorgen, nicht wahr. Da ist so ein sauguter Tag, und man fährt mit der Maschine durch die Sonne, und von einem Moment zum anderen ist alles verändert. Kein Brummen der Motoren, kein Reifenquietschen. Und auch das Lachen ist verstummt. Stille bis zum Eintreffen der Sirenen. Alles, was man hören kann, ist das eigene Herz. Es trommelt und trommelt und pocht wie wild in den Schläfen. Und man weiß sofort, es ist nichts mehr, wie’s war.

Jedenfalls ist die Frau Stemmerle letzte Nacht wieder aufgewacht und hat mich nach der Jasmin gefragt, eben wieder, ob sie im Zimmer ist. Und weil die Frau Stemmerle jedes Mal so traurig ist, wenn ich sage, nein, die Jasmin ist nicht im Zimmer, es ist überhaupt niemand im Zimmer außer uns zwei Hübschen, hab ich diesmal gesagt, dass die Jasmin im Zimmer ist. Und was soll ich dir sagen: Die Frau Stemmerle hat sich gefreut. Es war das allererste Mal überhaupt, seit ich sie kenne, dass sie gelächelt hat. Und dann hat sie mit der Jasmin gesprochen. Sie hat mich dann gebeten, weil sie doch so schlecht hört, dass ich ihr doch bitte sagen soll, was die Jasmin ihr geantwortet hat. Hey, Alter, da ist mir jetzt aber schon etwas komisch geworden. Was hab ich da nur angefangen? Und was überhaupt würde ein totes achtjähriges Mädchen der Großmutter antworten, wenn die fragt, wo sie jetzt ist und wie es ihr geht? Hab mich aber schließlich durchgerungen, hab ja selber mit dem Schmarrn angefangen. Hab ihr gesagt, dass es schön ist, wo sie jetzt ist, und so warm, und dass es ihr sehr gut geht. Die Frau Stemmerle ist dann mit einem Lächeln auf den Lippen eingeschlafen, und das hatte sie noch immer, als ich sie morgens geweckt hab.

Noch am selben Abend, grad als ich meine Nachtschicht antrete und in mein weißes Kittelchen schlüpfe, steht die Walrika im Türrahmen und sagt, ich soll zur Frau Dr. Redlich kommen. Und zwar umgehend. Ich war bei der noch kaum zur Tür drin, da hat sie mich angekeift, was ich mir überhaupt einbilde. Wie ich dazu käme, der Stemmerle zu erzählen, ihre Enkelin wär im Zimmer und würde mit ihr reden. Meine Aufgabe hier wäre es, Milchtee zu verteilen und mein blödes Maul zu halten (so hat sie es natürlich nicht gesagt, aber der Sinn ist identisch). Und dass es einzig und allein ihre Scheißaufgabe ist, die Gäste psychologisch zu betreuen. Na, wenn ich mal bedenke, dass die Frau Stemmerle seit Jahren hier rumhockt und psychologisch betreut wird und es der Redlich in der ganzen Zeit nicht möglich ist, ein winziges Lächeln rauszuquetschen, dann ist doch der Erfolg der Betreuung zumindest infrage zu stellen, oder, Hannes? Egal. Vermutlich habe ich mit meiner Aktion keine Pluspunkte gesammelt, werde kein Fleißbildchen erhalten und kann froh sein, nicht in der Ecke stehen zu müssen.

Hab die Walrika noch darauf angesprochen (in der Raucherpause), und die hat dann gesagt, dass die Frau Stemmerle auf jedes »Guten Tag« oder »Ein schöner Tag heute, nicht wahr?«, immer geantwortet hätte: »Es gibt keine schönen Tage mehr, schon sehr lange nicht«, und das seit vielen, vielen Jahren. »Sie haben die Stemmerle zum Lachen gebracht, das soll die Redlich in Gottes Namen erst mal nachmachen!«, hat sie am Schluss noch gesagt.

Hab übrigens herausgefunden, dass die Walrika jeden Tag nur eine einzige Zigarette raucht, und das macht sie abhängig von meiner Schicht. Wenn ich Frühschicht habe, raucht sie mittags eine, wenn die Insassen ein Schläfchen machen. Hab ich Nachtschicht, holt sie mich kurz vor zehn, bevor sie sich zurückzieht, auf den Balkon raus. Irgendwie macht mich das schon stolz, dass sie gerne mit mir zusammen eine rauchen geht. So, das war nun meine Insassengeschichte, hab sie dir auch erzählt, du hast aber nicht reagiert.

Übrigens hab ich tatsächlich die Posaune ins Vogelnest mitgenommen. Für das Weckmanöver. Ich fürchte, das war irgendwie nicht richtig durchdacht von mir. Der Plan, die Insassen aus den Federn zu blasen, hat einwandfrei funktioniert. Klar, es war ja was Neues, und so viel Neues passiert hier eben nun mal nicht. Also sind alle brav und getrieben von einer unstillbaren Neugier aus den Zimmern gekommen, und das Frühstück konnte glatte zwanzig Minuten eher stattfinden. Leider kleben nun aber ständig irgendwelche Leute an meinen Ellbogen, die mich bitten, noch einmal zu spielen. Was wiederum eher nervt. Ich hoffe, das beruhigt sich wieder.

Ach ja, was ich unbedingt noch erzählen muss, ist, dass ich jetzt herausgefunden hab, warum die Psycho-Redlich so süßsäuerlich riecht. Hab nämlich letzte Nacht mal ihr Fach im Gemeinschaftsraum unter die Lupe genommen. Hab aber nix angefasst, ich schwör’s. Ich hab nur ganz gezielt nach einem Parfümfläschchen oder Ähnlichem geschaut, und siehe da – bin fündig geworden. Nämlich befindet sich diese süßsäuerliche Substanz in einem rosa Flakon mit der Aufschrift »Wildrose – Jean Moragne«. Habe es nach nur einem einzigen Sprühversuch klar identifizieren können. Es riecht nicht aufdringlich, eher zurückhaltend, wie ein stiller Beobachter im Eck, und deshalb wohl gerade unangenehm. Wildrose süßsauer, Wildrosenessig. Na, egal.

So, mein Freund, das war die Berichterstattung der letzten Tage, mehr ist nicht passiert. Wird auch langsam Zeit für mich, meine Runde zu drehen, und dann muss ich auch schon in die Küche, um das Frühstück vorzubereiten. Werde morgen vor dem Dienst bei dir vorbeischauen, bis dahin.

Freitag, 14.04.

Du, Hannes, du glaubst nicht, was heute Nachmittag passiert ist. Hab leider auch nur die Hälfte mitbekommen, war zu spät dran und habe wohl das Beste verpasst. Der Kalle und der Rick haben mir aber hinterher alles haarklein erzählt, und nun geb ich’s eben an dich weiter. Es ist irre. Na, jedenfalls waren der Kalle und der Rick heute grad auf dem Weg zu dir und haben schon vom Krankenhausflur aus gesehen, dass deine Zimmertür weit aufsteht und ein ganzer Pulk von weißen Kitteln um dich rum steht. Die zwei haben natürlich gleich einen Riesenschrecken gekriegt, weil sie geglaubt haben, dass weiß Gott was passiert sei mit dir. Wie sich aber schnell herausstellte, hat sich der Dr. Schnauzbart nur mit einigen seiner Studenten um dein Bett versammelt, um deinen ja nicht gerade gewöhnlichen Fall zu präsentieren. Der Kalle und der Rick haben artig im Gang gewartet und natürlich penibel drauf geachtet, was der Schnauzbart mit seinen Lakaien da drinnen alles so durchhechelt.

Als sich der Konvoi schließlich aus deinem Zimmer bewegt hat, sagte einer der Studenten zu ’nem anderen: »Eigentlich ist der doch schon längst tot, nur stinkt er halt noch nicht.«

Das war ein böser Fehler! Der Rick hat seine Faust ausgefahren und hat sie mitten in die Fresse von diesem Arsch gedroschen. Der wiederum hat sich das natürlich nicht gefallen lassen. Nicht gefallen lassen können, schließlich waren ja Leute im Publikum, vor denen er sein Gesicht wahren muss. Und so entstand im Handumdrehen eine feine Rauferei, die mir leider entgangen ist. Ich bin erst dazugestoßen, als sich der Rick und der Kalle schon vor dem Krankenhauseingang befanden und der Kalle den Rick immer daran hindern musste, wieder hineinzugehen, weil der dachte, er sei noch nicht fertig mit dem Typen. Noch lange nicht. Der Kalle hat mir eben diese Vorfälle erzählt, und dass der Rick nun Hausverbot hätte. Und der Rick hat nur an den Nägeln gekaut.

Jetzt kam ich auf den Plan. Ich bin direkt ohne Umwege zum Büro vom Dr. Schnauzbart, hab die Tür aufgerissen und ihn schließlich dort angetroffen. Er war in einen Stapel Unterlagen vertieft und sah dann über seine fassungslose Lesebrille hinweg in mein Gesicht. Nach einem »Was erlauben Sie sich eigentlich …« seinerseits hab ich dann das Wort ergriffen. Habe ihn erst mal darauf hingewiesen, dass wir nicht schwul sind. Weder du noch ich. Keiner von uns beiden. Und was die blöde Frage von neulich eigentlich sollte. Außerdem ginge ihn das sowieso einen echten Scheißdreck an, ob wir schwul wären oder nicht. Habe keine Antwort abgewartet, sondern gleich weitergedonnert, was er für unsensible und unqualifizierte Trampel in seiner Crew hätte und dass ich, wenn ich mit solchen Leuten zusammenarbeiten müsste, das Kotzen kriegen würde. Und dass er lieber, bevor er versucht, diesen Idioten etwas beizubringen, mal daran arbeiten sollte, dich wieder ins Leben zurückzuholen. Das würde wenigstens Sinn machen. So ging das eine ganze Weile, und ich vermute, ich hab kein Schimpfwort ausgelassen. Abschließend hab ich ihm noch gesagt, er soll umgehend das Hausverbot für den Rick zurücknehmen, sonst würd ich ihm seine blöde Klinik abfackeln. Er hat die ganze Zeit nix gesagt. Ist nur hinter seinem riesigen Schreibtisch gesessen, hat über den Brillenrand geschaut, an seinem Bart gezwirbelt und mich toben lassen. Als mir schließlich nichts mehr einfiel, ist er aufgestanden, hat mich mit einer ganz ruhigen Armbewegung Richtung Tür gewiesen und gesagt: »Das Hausverbot für Ihren Freund bleibt bestehen. Ich bürge hier sowohl für meine Patienten als auch für meine Mitarbeiter, und ein Risiko, egal aus welchen Emotionen heraus, kann ich mir nicht leisten. Was Ihre freche Person angeht, werde ich ein Hausverbot noch überdenken, Sie haben sich eben benommen wie die Axt im Walde. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich habe nun zu tun, den einen oder anderen ins Leben zurückzuholen.«

Und schon stand ich draußen. Bin dann noch kurz runter zu dem Kalle und dem Rick, um Bericht zu erstatten. Leider hab ich’s nicht mehr zu dir geschafft, bin eh zu spät ins Vogelnest gekommen. Morgen komme ich bestimmt.

Ach ja, habe übrigens heute vor dem Krankenhauseingang die Walrika und den Florian (der Neue) getroffen. Gerade als wir den Rick davon abgehalten haben, wieder reinzugehen, kamen die beiden strammen Schrittes vom Parkplatz herauf und auf den Eingang zu. Die Walrika hat mir später auf dem Balkon erzählt, die Großmutter des Jungen liege im Sterben. Na ja. Jedenfalls war ich jetzt noch bei der Frau Stemmerle (es ist wieder halb drei, sie hat offensichtlich eine innere Uhr). Wir haben eine Zeit lang mit Jasmin geplaudert, und ich habe der Psycho-Redlich in Gedanken einen Stinkefinger geschickt. Stinkefinger an Wildrosenessig!

Samstag, 22.04.

Hallo Hannes,

habe jetzt eine Woche nix geschrieben, war aber dafür außer Mittwoch jeden Tag bei dir. Bin auch einige Male dem Schnauzbart begegnet, der hat aber nichts mehr gesagt von wegen meinem Hausverbot. Der Rick aber traut sich nicht mehr rauf zu dir und steht dann ab und zu vorm Krankenhaus, kaut an seinen Nägeln und versucht, jemanden abzupassen, der ihm sagt, wie es dir geht. Hatte letzte Woche wieder Tagschicht, und irgendwie komm ich da zu gar nichts mehr. Bin dann schon in aller Herrgottsfrüh im Vogelnest und radele hinterher noch schnell zu dir ins Krankenhaus, les dir die wichtigsten Berichte aus der Zeitung vor (meistens Sport, aber auch ein bisschen Politisches, sollst ja nicht verblöden), oder ich erzähl dir was aus meinem Leben. Es ist sowieso egal, weil du eh nicht reagierst.

Wie gesagt, daheim komm ich zu gar nichts im Moment, weil ich abends auch ziemlich platt bin. Schieb mir bloß noch schnell ’ne Pizza oder so was in den Ofen, schalte den Fernseher ein und schlaf meistens beim ersten Krimi ein. In meiner Bude sieht’s aus wie bei Schweins hinterm Haus, und heute werd ich dem Elend ein Ende bereiten und den Wischmob schwingen. Zuerst aber schreib ich auf, was es Neues gibt, damit nichts in Vergessenheit gerät.

Neu zum Beispiel ist, dass die Frau Dr. Redlich nun im Vogelnest nächtigt. Genau gesagt, in ihrem Praxiszimmer. Da hat sie sich ein Notbett aufgestellt, und dort schläft sie nun. Vorübergehend, wie sie sagt. Weil sie sich von ihrem Lebensabschnittsgefährten getrennt hat. Weil sie mit dem jahrelang an irgendwelchen Gemeinsamkeiten gearbeitet hat und nun rausfinden musste, dass es keine gibt. Und nun will sie erst mal eine passende Wohnung finden, schließlich kann ja eine Frau Dr. Psycho-Redlich nicht in jeder x-beliebigen Behausung residieren. Na ja. Jedenfalls hab ich zu ihr gesagt, jetzt, wo sie eh da ist, bräuchte ich ja keine Nachtschichten mehr zu machen (obwohl mir die viel lieber sind). Hab das auch nur so zum Spaß gesagt, um zu sehen, wie sie reagiert. Und prompt: »Nein, mein lieber Vorholzner«, hat sie gesagt, »ich werde hier nicht bezahlt, um Händchen zu tätscheln, alberne Gutenachtgeschichten zu erzählen, Bettpfannen auszuleeren oder imaginäre Gespräche mit Verstorbenen zu führen. Das überlass ich großzügig Ihren ach so talentierten Händen«, sprach’s, warf ihr güldenes Haar zurück und verschwand mit wehenden Kleidern.

Hab übrigens der Frau Stemmerle gesagt, sie soll von den Gesprächen mit der Jasmin bloß niemandem mehr erzählen. Hab gesagt, wenn die erst wissen, dass die Jasmin nun auch hier wohnt, muss die womöglich noch für die Unterkunft bezahlen, und das wollen wir doch alle nicht. Lieber Gott, wie soll das enden? Na ja. Jedenfalls hat die Frau Stemmerle seither kein Sterbenswörtchen mehr über die nächtlichen Besuche von der Jasmin fallen lassen. Da ist sie zuverlässig.

Am Mittwochnachmittag hatte ich dann die ehrenvolle Aufgabe, den Florian zur Beerdigung seiner Großmutter zu begleiten. Es waren unglaublich viele Menschen auf dem Friedhof, und viele von ihnen haben Florian die Hand geschüttelt, oder sie haben ihm auf die Schulter geklopft. Anschließend hab ich vorgeschlagen, irgendwo noch ’nen Kaffee zu trinken, in der Hoffnung, der Junge würde mal Muh oder Mäh sagen. Fehlanzeige. Er ist nur dagesessen, rührte unmotiviert in seiner Tasse und gab nicht eine einzige Antwort auf meine Fragen. Vielleicht war ich auch zu ungestüm oder zu aufdringlich, vermutlich hab ich die gleichen dämlichen Fragen gestellt, die er schon der Redlich nicht beantwortet hatte, wer weiß. Jedenfalls hat er mich irgendwann angebrüllt: »Das alles geht dich einen Scheißdreck an, verstanden? Lasst mich endlich zufrieden mit eurer neugierigen und einfältigen Fragerei! Ihr kapiert es ja eh nicht! Und jetzt fahr mich heim, ich will zurück ins Vogelnest!«

Aber eins hat mich dabei dann doch gefreut: Er hat gesagt, er will heim, nicht ins Heim! Und als sein Heim hat er das Vogelnest genannt. Er hat das Heim für »psychisch instabile Personen« beim Namen genannt, beim inoffiziellen Namen, den es von mir erhalten hat. Das heißt vielleicht, er fühlt sich wohl dort. Das hat mich beruhigt. Ich habe ihn dann auch gleich heimgebracht.

Sonntag, 23.04.

Leider bin ich nicht sehr weit gekommen gestern. Weder mit dem Schreiben noch mit dem Putzen. Unglücklicherweise ist irgendwann der Kalle draußen gestanden und hat Steinchen an mein Fenster geworfen (hatte die Klingel abgestellt, um in Ruhe schreiben und putzen zu können. Du siehst, der gute Wille war schon da.). Jedenfalls war das Wetter gestern ganz großartig, und der Kalle hat vorgeschlagen, mal mit den Maschinen ein wenig rauszufahren. Seit deinem Unfall, Hannes, steht das Teil unberührt in der Garage, und ich hatte keinerlei Absicht, daran etwas zu ändern. Der Kalle hat gesagt, dass er dringend mal rausmuss, und außerdem wird der Hannes nicht schneller gesund, nur weil das Motorrad nun in der Garage verstaubt. Na ja. Und nach einigem Hin und Her sind wir schließlich losgefahren. Wir sind über Regensburg Richtung München und dann rein zum Chiemsee. Eine Aussicht wie auf ’ner Ansichtskarte, vorbei an allen Autostaus und zum Abschluss Forelle vom Grill. Nicht zu übertreffen, Hannes. Aber du kennst das ja. Du warst dabei, in jeder Minute des Tages, glaub mir, zumindest bis zu diesem Zeitpunkt.

Als wir nämlich am späten Nachmittag gen Heimat wollten, hat die Maschine vom Kalle plötzlich keinen Mucks mehr getan. Wir haben wirklich alles probiert, und der Motor lag in sämtlichen Einzelteilen auf dem Parkplatz, aber nix. Kein einziger Ton von dieser Scheißmaschine. Der Kalle hat geflucht wie ein Bierkutscher und hat etliche Male gegen die Reifen getreten, aber nix, kein Mucks. Irgendwann haben wir eine Tankstelle gefunden. Die konnten uns aber nur insoweit helfen, als sie uns gesagt haben, das nächste Motorradgeschäft