Hanyska und Hanyskas Kinder - Helena Buchner - E-Book

Hanyska und Hanyskas Kinder E-Book

Helena Buchner

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Beschreibung

Zum ersten Mal erschien jetzt in der polnischen Literatur ein Buch unter dem Titel 'Hanyska', in dem eine deutsche Oberschlesierin, die in der Nachkriegszeit in Ilnau/Jelowa, Kreis Oppeln, geboren wurde, das Schicksal einer deutschen Familie in der Zeit zum Kriegsende, der Front, Flucht vor der Front, der Rückkehr in ihre oberschlesische Heimat, den Kampf gegen die Widrigkeiten, die sie seitens der kommunistischen Machthaber erfahren hat, beschreibt. Das vorliegende Buch ist spannend. Es ist eine wahre Geschichte, obwohl die Autorin ihr Buch eine literarische Fiktion nennt. Der jüngere Leser, der nicht Zeitzeuge war, wird erfahren, wie schwer es den Eltern oder Großeltern damals ergangen ist. Die hier geschilderten Erlebnisse sind vorgekommen oder hätten vorkommen können. Denn diese Zeit, von der die Autorin berichtet, war wirklich so schrecklich. In den Erzählungen wird der Leser jene Menschen aus dieser Zeit, die Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, Nachbarn, Verwandte oder Bekannte wiederfinden. Die Autorin ist in einem kleinen oberschlesischen Dorf als Autochthone geboren und hat dort gelebt. Viele Jahre lebte sie in einer großen Stadt, aber es zog sie immer wieder in ihr Dorf (wiocha), wo sie heute als Rentnerin lebt. Ihre Erzählungen sind in zwei Hauptkapitel eingeteilt: 'Hanyska' und 'Hanyskas Kinder'. Den ersten Teil 'Hanyska' hat die Autorin schon vor Jahren geschrieben, hatte aber nicht den Mut ihn unter ihrem eigenen Namen zu publizieren. Noch heute sitzt in ihr die Angst oder vielmehr der Komplex der Autochthonen fest. Der zweite Teil 'Hanyskas Kinder' behandelt die Nachkriegszeit. Die Kinder wachsen heran. Trotz der erlebten langjährigen Demütigungen, Entbehrungen und Repressalien durch das kommunistische System kommen sich die polnische und deutsche Jugend näher und es bilden sich Freundschaften und neue Familien werden gegründet. Die Autorin hat in Polen durch ihre Lesungen wesentlich zur Verbreitung der polnischen Ausgabe beigetragen. Ihre Erzählungen fanden in den dortigen polnischen und deutschen Medien landesweit ein unerwartetes Echo.Die Herausgabe dieser Erzählungen nunmehr auch in deutscher Sprache kann als positiver Beitrag zur deutsch-polnischen Versöhnung angesehen werden.

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Helena Buchner

Hanyska

und

Hanyskas Kinder

 

 

Herausgeber und Übersetzer

Helmut Wotzlaw

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Laumann-Verlag Dülmen

 

 

 

© 2016 by Laumann Druck & Verlag GmbH & Co. KG, Postfach 1461, 48235 Dülmen

 

Gesamtherstellung:

Laumann Druck & Verlag GmbH & Co. KG, 48249 Dülmen

 

ISBN 978-3-89960-434-4

 

[email protected]

www.laumann-verlag.de

 

 

Vorwort der Autorin

 

Die hier geschilderten Ereignisse sind vorgekommen oder hätten zumindest vorkommen können. Denn diese Zeit, von der ich berichte, war wirklich so. Wenn auch vieles fiktiv in den Erzählungen ist, wird der Leser sie wiederfinden, jene Menschen aus dieser Zeit: die Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, Nachbarn, Verwandte oder Bekannte. Aber auch derjenige Leser, der nicht unmittelbarer Zeitgenosse war, wird in diese für uns Autochthonen so schwierige Zeit hineinversetzt.

Ich bin in einem oberschlesischen Dorf als Autochthone geboren worden und habe dort gelebt. Viele Jahre lebte ich in einer großen Stadt, aber es zog mich immer wieder in mein Dorf (wiocha). Und jetzt lebe ich als Rentnerin in diesem meinem Dorf.

Meine Erzählungen sind in zwei Hauptkapitel eingeteilt:

- Hanyska

- Hanyskas Kinder

Den ersten Teil »Hanyska« habe ich schon vor Jahren geschrieben, hatte jedoch nicht den Mut, ihn zu publizieren. Noch heute sitzt in mir diese Angst oder vielmehr der Komplex des Autochthonen. Ursprünglich wollte ich nicht erkannt werden und hatte deshalb die polnische Version der »Hanyska« unter dem Pseudonym »Leonia« herausgeben lassen.

Der zweite Teil »Hanyskas Kinder« behandelt die Nachkriegszeit. Es ist unsere Zeit. Das ist die Zeit meiner älteren Schwestern und meine persönliche Zeit.

 

Der ältere Leser, der zu jener Zeit dort gelebt hat, wird sich selber wiederfinden. Er kehrt in die Zeit seiner Kindheit zurück, die nicht immer angenehm war. Er wird die Nachkriegszeit wieder erleben, die für uns Oberschlesier, Autochthone, Deutsche so schwierig war. Der jüngere Leser, der nicht Zeitzeuge war, wird erfahren, wie es den Eltern damals ergangen war.

Es tut gut, darüber zu schreiben, was man weiß, fühlt…

Es tut gut darüber zu lesen und sich selber, vielleicht nur in winzigen Fragmenten dieses Buches, zu finden.

»Leonia« – Helena Buchner

 

 

Vorwort des Herausgebers

 

 

Im August 2011 verbrachte ich den Urlaub in meiner alten Heimat, dem Oppelner Land. Dort machte meine Schwägerin mich auf das Buch »Hanyska« aufmerksam, welches von einer Autorin unter dem Pseudonym »Leonia« verfasst worden war.

Schon die ersten, von mir gelesenen Seiten ließen erkennen, dass es sich um ein ungewöhnliches Buch über die Zeit gegen Ende des II. Weltkrieges und der Nachkriegszeit im Oppelner Land handelt. Am Beispiel einer Familie und eines Dorfes wird aufgezeigt, was die Oberschlesier, die dieses Land seit Jahrhunderten bewohnen, erleiden mussten.

Die Themen »Flucht«, »Vertreibung«, »Aussiedlung«, »Repatriierung« sind auch heute noch heikle Themen in Oberschlesien und in der polnischen Literatur, in der sie während der kommunistischen Herrschaft tabu waren.

»Hanys« ist eine Bezeichnung für die Ureinwohner des Oppelner Landes, für die Autochthonen, wie sie von den Polen genannt werden. Sie stammt von dem deutschen Vornamen »Hans«, unter dem die kommunistischen Herrscher alles Böse, was die Deutschen und Deutschland betrifft, verstanden und verbreitet haben. Weitere Bezeichnungen für die Autochthonen, die auch in dem Buch verwendet werden, sind »Schwab« oder »Hitlerowiec«.

Die aus den Ostgebieten Polens vertriebenen Polen wurden wiederum von den Oberschlesiern (Autochthonen) »Hadziaje«, »Polondry«, »Repatrianten«, »Fremde« oder »Osis« (Wschodniacy) genannt.

Die Autorin Helena Buchner wagte es nicht, das Buch unter ihrem wirklichen Namen herauszugeben. Sie benutzte das Pseudonym »Leonia«, weil sie schlimme Konsequenzen für sich und ihre Familie nach der Veröffentlichung befürchtete.

Das Buch war beim Erscheinen ein großes, viel diskutiertes Ereignis im Oppelner Land. Es erschienen Rezensionen in polnischen wie auch in deutschen Zeitungen. Die Autorin hat zu dem viele Einladungen zu Vorlesungen erhalten.

Nach meiner Rückkehr aus dem Urlaub habe ich mit der Autorin Kontakt aufgenommen und ihr vorgeschlagen, das Buch in die deutsche Sprache zu übersetzen und es beim Laumann-Verlag in Dülmen herauszugeben. Die Autorin und der Verlag stimmten spontan zu.

In der Zwischenzeit hatte die Autorin die Arbeit an dem 2. Teil »Hanyskas Kinder« abgeschlossen. Die Familiengeschichte geht dort weiter, wo sie im ersten Teil aufgehört hat. Die Kinder wachsen heran und müssen sich als Autochthone, in dem mitlerweile kommunistischen System durchschlagen.

Nach weiterer, langjähriger Demütigung, Entbehrung, dem Festhalten an ihrer Familie, dem väterlichen Erbe und der Heimat, erhält Maria schließlich die Erlaubnis, nach Westdeutschland ausreisen zu dürfen.

Der vorliegende Band ist spannend geschrieben, so dass man ihn nicht mehr aus der Hand legen möchte, wenn man einmal angefangen hat ihn zu lesen. Mir und auch vielen meiner Bekannten und Verwandten erging es so. Ich persönlich habe mich in vielen Abschnitten dieses Buches wieder gefunden, weil ich Ähnliches auch erlebt und durchgemacht habe. Unter den geschilderten Umständen musste man damals, als einer, der sich im Oppelner Land zum Deutschtum bekannt hatte, leben. Es ist eine wahre Geschichte, obwohl die Autorin ihr Buch eine literarische Fiktion nennt!

 

Helmut Wotzlaw

(Tarnau/Oppeln, jetzt Essen)

 

 

 

 

Teil 1

Hanyska

 

 

 

 

1. Kapitel

 

 

Dieser Januar des letzten Kriegsjahres 1945 war frostig. Es gab nicht viel Schnee. Die vom Schnee befreite Wintersaat grünte und fror. Der schneefreie Wald war schwarz und hässlich. Der Fluss war gefroren. Rehe und Hasen fanden ohne Probleme ihre Wege zu den grünen Inseln auf den Feldern und ästen furchtlos. Keiner schaute auf die Felder, nur der alte Johann sprach: »Ich muss eine Vogelscheuche aufstellen«. Die Menschen schauten auf die Straße. Obwohl der Winter nicht die Zeit zum Wandern, zum Verlassen der Häuser und der häuslichen Wärme, sondern des Meidens der frostigen Straßen, des Wärmens der gefrorenen Hände über dem Ofen, des Trocknens der nassen Schuhe und Socken ist, haben die Menschen ihre Häuser verlassen. Sie zogen und schoben ihr Hab und Gut auf Fuhren und Handwagen, trugen es auf ihren Rücken, angezogen in Jacken, langen Mänteln, warmen Kopftüchern und Schals. Man hörte bereits den Krieg, die Front war nahe, aber warum sollte man das eigene Haus verlassen?

Maria hatte am meisten Angst vor dem Hunger. Drei Mehlsäcke auf dem Boden, Räucherfleisch in der Räucherkammer, Krausen (Einmachgläser) mit Fett und zwei Milchkühe im Stall garantierten in der Kriegszeit Wohlstand. Sie stand auf dem Hof, schaute in Richtung Chaussee und auf die Schornsteine der Nachbarn: ob sie noch rauchten oder das Feuer in den Öfen schon erloschen und die Häuser verlassen worden waren. Sie hatte keine Angst vor den Polen, sie lebten doch schon seit Jahrhunderten nebeneinander. Sie hatte Angst vor den Russen. Man sagte, die Russen seien eine Horde.

Sie, ihr Vater und ihre Mutter sprachen ›oberschlesisch‹, so wie alle anderen. Aber die Kinder sprachen nur deutsch. Erika, Marias älteste Tochter, wusste von diesem Krieg, hatte aber nicht verstanden, was dies bedeutete. Sie freute sich, als Papa in einer Uniform kam, aber das war schon so lange her. Und auch Paul liebte seine älteste Tochter am meisten. Er sprach mit den Kindern nur deutsch und so befahl er es auch Maria zu tun. Nur, wenn man was im Geheimen besprechen wollte, unterhielten sie sich auf ›oberschlesisch‹. So war es vor Weihnachten, wenn das Christkind die Gaben bringen sollte. Johann und Ulka sprachen mit den Kindern ›oberschlesisch‹, denn so war es normal, so wie immer. Sie meinten, weil man sich hier seit Jahrhunderten in beiden Sprachen verständigte, wird dies auch so bleiben und keine Verbote werden das ändern können.

Johann und Ulka wohnten nebenan auf dem ›Wycug‹. Ihr Haus war neu, Johann hatte erst vor kurzem den Bau beendet. Paul hatte ihm noch geholfen, bevor er eingezogen wurde.

Als Johann aus einem weit entfernten Teil Deutschlands in das Dorf gekommen war, kaufte er das alte Holzhaus und fünf dazu gehörende Morgen Land. Der alte Gruss, Eigentümer des Hauses und des Landes, war bereits ein alter und einsamer Mann. Man nannte ihn ›Grusek‹, weil er so klein war. Er verkaufte die Wirtschaft gerne an Johann.

Johann Gruss arbeitete viele Jahre bei einem Bauern. Zuvor hatte er das Maurerhandwerk gelernt. Er hatte etwas Geld gespart und wollte in die Gegend zurückkehren, von der seine Eltern ihm erzählten, nach der sie Sehnsucht hatten. Sie sagten immer: »Dort ist unsere Heimat geblieben«. Sie verließen ihre Heimat auf der Suche nach Arbeit und dort blieben sie dann auch. Sie starben an den Folgen einer Epidemie und Johann verdingte sich bei den Bauern als Knecht. Er lernte, dass man alles verlieren kann, nur das Land kann einem erhalten bleiben, dass einen ernährt. Der alte Gruss kaufte diese Landwirtschaft zusammen mit seiner Frau Ulka, die nicht besonders schön, dazu noch arm, aber arbeitsam war. Der alte Grusek war bald darauf gestorben und das Geld, welches ihm Johann für das Haus gab, gelangte zu Johann und Ulka zurück, denn Ulka war gut zu dem Alten gewesen. Sie pflegte ihn bis zum Tode, so überschrieb er in seinem Testament ihr und Johann das Geld. Das alte Haus war eine Ruine, das Strohdach war undicht und man musste ein neues Haus bauen.

Und die Familie sollte größer werden. So errichtete Johann ein gemauertes Haus, bedeckt mit Dachziegeln, mit einem Stall und einer Scheune. Land hatte er auch dazu gekauft. Noch während der Bauzeit kam Tochter Maria zur Welt und nach zwei Jahren eine zweite, Barbarka. Die gesamte Landwirtschaft hatte er Maria überschrieben, als sie Paul heiratete. Die jüngere Tochter, Bärbel, denn so musste sie in deutscher Sprache genannt werden, wurde Krankenschwester und Hebamme. Er war stolz darauf, dass er eine solch schlaue und gebildete Tochter hatte. Für sich und Ulka baute er den ›Wycug‹, ein neues, kleines Haus mit einer Stube, kleiner Küche, Kammer und Flur. Das reichte für zwei alte Leute. Wenn Bärbel zu Besuch kam, schlief sie auf dem Sofa in der Küche.

Die Abende waren noch lang, obwohl nach Weihnachten die Tage wieder länger wurden. An diesem Abend versammelten sich alle in Marias Küche, wo sich das eigentliche Leben abspielte. Die Küche war groß, hier war es warm, hier stand ein großer Tisch und auf ihm eine Petroleumlampe. In die gute Stube ging man schlafen, dort wurde stets der Pfarrer zur Kollende empfangen.

Maria saß am Tisch und schaukelte mit ihrem Fuß die Wiege, in der die kleine Agnes schlief. Ulka und die beiden älteren Mädchen, Erika und Lisa, nahmen auf der Bank hinter dem Tisch Platz. Nur Johann stand am Ofen, wärmte seine Hände über den heißen Platten und stand mit dem Rücken zu den anderen.

»Vater, wir sollten flüchten« sagte Maria. Es war keine Frage, aber auch keine Forderung. Sie wusste selber nicht, was sie tun sollte. So war es schon immer. Sie tat sich schwer damit, Entscheidungen zu treffen. Bisher hatten Vater oder Paul für sie die Entscheidungen getroffen und das war für sie bequem. Sie hatte Angst vor Verantwortung. Wenn sie auch schon mal eine eigene Entscheidung getroffen hatte, so zweifelte sie meist, ob diese die richtige war.

»Wohin willst Du denn flüchten? Jetzt, im Winter, willst Du mit den Kindern das Haus verlassen? Alles liegen lassen, unser ganzes Vermögen, das wir in unserem Leben erwirtschaftet haben?«

»Vater, hier werden sie uns töten. Was nützt uns das ganze Vermögen. Man sagt, sie töten alle, deren Familienmitglieder bei der Wehrmacht sind.«

Johann schwieg, denn das gleiche hatten sie in der Kirche und Kneipe erzählt.

»Du, pack deine Sachen und flüchte mit den Kindern. Ich und Mutter bleiben«, sagte er entschlossen.

»Aber Vater, sie werden euch töten…«

Er hat sie nicht zu Ende sprechen lassen: »Ich habe dir gesagt, fahr! Ich und Mutter bleiben hier. Wir sind schon zu alt. Und wenn sie uns auch töten sollten, Du kannst doch die Wirtschaft nicht mitnehmen. Und was wird mit den Kühen und der anderen Habe; wenn es unsere eigenen Leute nicht stehlen, so krepiert alles vor Hunger…« Er schwieg und stand weiter am Ofen, mit dem Rücken zu den anderen.

Ulka sagte nichts. Sie wischte nur ihre Tränen mit den Kopftuchfransen aus ihren Augen. Johann entschied schon wieder für sie und fragte gar nicht, ob sie hier mit ihm bleiben oder mit Maria auf die Flucht gehen solle. Das hastige Gespräch weckte die kleine Agnes, die zu weinen anfing. Johann nahm sie auf den Arm, schaukelte sie und da hatte sie sich gleich wieder beruhigt. Opa liebte sie am meisten. Sie war dunkelhäutig, hatte schwarze Augen und Haare. Man sagte, sie sei hässlich, weil sie so dunkel war, wie Maria. Die zwei älteren waren wie Paul hellblond mit blauen Augen. Lisa hatte nur im Sommer strohfarbene Haare und man nannte sie ein ›Musterkind‹. Erika war etwas dunkler, hatte aber schöne, kornblumenblaue Augen, die immer etwas traurig wirkten.

Maria brachte die Kinder zum Schlafen und packte mit ihrer Mutter die Sachen. Sie packte für sich und die Kinder nur Wintersachen ein. Wozu Sommersachen? Der Krieg würde bald zu Ende sein und sie nach Hause zurückkehren. Ulka brachte Brote, Speck und Geräuchertes aus der Kammer, packte es in Zeitungen und verstaute es in einem alten Rucksack, den Paul mal nach Hause brachte und der einem gefallenen Kollegen gehört hatte.

»Mutter, ich werde diesen Rucksack nicht mitnehmen«, sagte Maria.

»Einen anderen haben wir nicht und das Essen musst Du immer bei dir haben. Denk daran, Du kannst Kleider und Geld verlieren, man kann es dir stehlen, aber das Essen musst Du immer bei dir haben. Und pass auf diesen Rucksack auf, denn im Krieg sind alle hungrig.«

Ulka legte die Zeitungspäckchen weiter in den Rucksack. Maria zog am Rucksack und sagte, auf den Blutfleck zeigend: »Das ist Blut von einem Toten und Du steckst mir hier das Essen rein.« – »Ich habe ihn selber gewaschen und die Stelle, wo der Blutfleck war, mit Bürste und Seife gescheuert …« Sie sprach nicht zu Ende, denn Johann mischte sich ein: »Du wirst diesen Rucksack nehmen, so wie es Mutter gesagt hat.«

Maria hatte nicht weiter widersprochen. Sie war auf Paul böse, denn er brachte häufig alte, nicht benötigte Klamotten nach Hause, so wie diesen Rucksack. Sie warf ihn in den Schuppen und wollte ihn verbrennen, wenn Paul nur wieder weg war. Dann war der Rucksack verschwunden. Mutter hatte ihn gewaschen und versteckt. Und so konnte er nun einem nützlichen Zweck dienen. Denn Mutter war sorgfältig und vorausschauend: Bevor sie etwas wegwarf, sah sie es von allen Seiten noch mal genau an.

Johann bereitete den Handwagen vor. Es war ein kleiner Wagen auf vier Rädern mit einer Deichsel. Ein solcher Wagen befand sich in jeder Wirtschaft. Auf ihm wurden Kartoffeln, Kraut, Rüben und Getreide vom Felde in die Mühle gebracht. Wenn es nötig war, brachte man auch einen Menschen damit in die Kirche, zum Arzt oder zum Bahnhof – ein solcher Wagen war in kleinen Wirtschaften ohne Pferde unentbehrlich.

Sie besaßen zwei solcher Handwägen. Nur die Räder hatte Johann beim Stellmacher anfertigen lassen. Wer damals einen solchen Handwagen besaß, belud ihn mit allem, was drauf passte und trat mit ihm die Flucht an. Auch Johann bereitete seinen Handwagen für seinen Einsatz vor. An der Deichsel wurde ein Lederriemen befestigt, damit Maria ihn ziehen konnte. Auf den Boden legte er eine Zudecke und die Päckchen.

Maria konnte in dieser Nacht nicht einschlafen. Sie lag unter einer warmen Zudecke und genoss die Wärme. Sie fragte sich, wo sie wohl die nächste Nacht verbringen würde und hatte Gewissensbisse, dass sie ihre Eltern im Dorfe zurücklassen musste; wären da nicht die Kinder, würde sie das Unternehmen niemals antreten. Man hörte im Dorfe die Kanonen in der Ferne donnern. Sie hatte Angst vor dem Krieg. Bis zu diesem Zeitpunkt blieben sie von Kriegsereignissen verschont. Im Dorf gab es jedoch viele Kriegerwitwen und viele Mütter weinten um ihre gefallenen Söhne. Es gab aber auch die Hoffnung, dass der Krieg bald zu Ende sein würde und die Personen, welche als ›vermisst‹ erklärt worden waren, doch noch nach Hause kommen würden.

Nicht allen Menschen im Dorf konnte man vertrauen. Wenn sich jemand hier verstecken würde, fände sich stets eine Person, die einen Verrat begehen würde: aus Loyalität gegenüber den Machthabern, wegen materieller Vorteile oder zur Rettung der eigenen Haut. Ihr Paul war schon das vierte Jahr im Krieg, wie die Mehrheit der jungen Männer aus dem Dorf und alle wussten das. Es war leicht, deutsche Familien zu nennen, wenn Russen in das Dorf einmarschieren sollten. 1923, als sich hier Aufständische versteckten, hatte sie jemand verraten. Sie waren jung, attraktiv, sprachen ›oberschlesisch‹ wie die Hiesigen und baten nur um Brot. Man sagte, dass sie ein Mann namens Koziol verraten hätte, der ihnen gegenüber eine Übernachtung anbot und so tat, als ob er sie verstecken würde. In der Frühe des nächsten Tages lief er auf den Bahnhof und benachrichtigte die deutsche Polizei. Polizisten kamen und erschossen sie. Die Menschen im Dorfe schwiegen, gaben keine Kommentare ab, schämten sich aber, dass gerade hier an den jungen Menschen diese schreckliche Tat verübt worden war. Die Tat war eine Schande für das ganze Dorf. Die jungen Männer hatten ›oberschlesisch‹ und deutsch gesprochen, kämpften aber während der Aufstände auf der polnischen Seite. Das war jedoch kein Grund, sie zu Feinden des Dorfes zu erklären und sie ihrer Erschießung zuzuführen. Man beerdigte sie auf einem nahe gelegenen Berg in einem Waldstück.

Kurz darauf ging eine Frau durch das Dorf und suchte das Grab ihres Sohnes. Sie war polnisch gekleidet, denn sie trug eine Mazelonka – einen langen, gekräuselten Rock mit eingenähten Taschen, dazu eine Jacke, eine vorn zugeknöpfte Bluse, mit verzierten Knöpfen und Ärmeln. Eine solche Kombi war gewöhnlich von dunkler Farbe, gelegentlich aus Damast mit Rosenmuster angefertigt. Dazu trug sie ein reich gesticktes Kopftuch mit einer Schürze. Die Frauen des Dorfes kleideten sich dagegen ›deutsch‹, trugen Kleider, Mäntel, Hüte oder auch ein Kopftuch. Sie kleideten sich also moderner.

Die polnisch gekleidete Frau wurde von der Dorfgemeinschaft dennoch als eine der ihren erkannt und so schämten sich die Leute noch mehr, dass gerade in diesem Dorf die jungen Männer getötet worden waren. Sie sprach, sie käme aus Hindenburg, ihr Sohn sei ohne ihre Erlaubnis zu den polnischen Aufständischen gegangen, weil er auf der Grube einen polnischen Kollegen kannte, der ihn in die Sache rein gezogen hatte. Ihr anderer, älterer Sohn war bei der deutschen Wehrmacht gewesen und starb durch die Kugel eines Aufständischen…

Maria musste öfters an diese Frau denken und dankte Gott, dass sie in einem solch ruhigen Ort wohnte. Informationen über Aufstände erreichten auch ihr Dorf, dennoch erschienen ihr diese Aufstände sehr weit entfernt. Einige Einwohner hatten auf verschiedenen Seiten mitgekämpft und kamen nicht mehr zurück. Sie lebten anscheinend in den ›Bergen‹. Erst der Tod der drei jungen Menschen brachte damals die bittere Wahrheit über die Aufstände auch in ihr Dorf.

1939, viele Jahre später, begann der fürchterliche Krieg. Das Kriegsgeschehen fand aber weit weg von hier statt: in Polen, Frankreich, in Russland… Manchmal erinnerte eine traurige Nachricht und die Angst um Paul an den Krieg. Jetzt musste Maria flüchten, denn der Krieg kam immer näher. Was erwartete sie in einem fremden Land? Obwohl das zwar ihr Land war, Deutschland, war sein Zentrum so weit entfernt und das Leben dort war anders und ihr irgendwie fremd.

Sie war noch als Ledige jedes Jahr mit anderen Mädels aus dem Dorf zu einem Bauern weit nach Deutschland hineingefahren. Dort mussten sie zwar schwer arbeiten, aber der Bauer zahlte gut und ihr Vater freute sich, weil das Geld gebraucht wurde. Er baute doch seinen Wycug. Maria fühlte sich nicht wohl in der Fremde. Am Sonntag ging man gewöhnlich in die Kirche. Dort war es eine evangelische Kirche. Beim Besuch dieser Kirche hatten sie das Gefühl, ihren Glauben zu verraten.

Hier im Dorfe lebte man mit den Evangeliken friedlich und nachbarschaftlich gut nebeneinander. Die von den Katholiken Abgelehnten hielten zusammen. Jetzt waren sie nicht mehr da. Nur in einigen Häusern blieben alte Menschen zurück, um das Eigentum und den Besitz zu überwachen. Sie meinten, der Krieg würde bald zu Ende sein und die Deutschen die Sieger.

Maria war, kurz vor Sonnenaufgang, für eine Weile eingeschlafen. Ihr Vater weckte sie aber gleich. Sie ging in den Stall, molk die Kühe und trieb sich im Stall herum. Es tat ihr weh, dies alles zurücklassen zu müssen. Sie mochte den Geruch der Kühe, der Milch, der Felder, sie fühlte sich zu einer Bäuerin geboren.

Paul war da anders. Er half ihr zwar in der Wirtschaft, tat das aber nur aus Pflicht. Er reiste durch die Welt und lebte ein anderes Leben, stammte nicht aus einer Bauernfamilie. Sein Vater war Beamter und starb, als Paul noch jung war. Die Menschen sagten, Polen hätten ihn zusammengeschlagen, andere wiederum, es seien Deutsche gewesen. Er kehrte aus dem oberschlesischen Industriegebiet mit einer Kopfwunde zurück und hatte sich von dieser nicht mehr erholen können. Er starb an den Folgen dieser Prügelei. Nach dem Tod des Vaters begab sich Paul auf Weltreise. Er verdingte sich auf Schiffen oder arbeitete in Häfen.Maria erinnerte sich noch seine Adresse in Bremerhaven. Sie kannten sich nur kurz. Manchmal schrieb er ihr und sie antwortete ihm, obwohl sie keine gemeinsame Zukunft voraussah, denn Paul war attraktiv und gefiel den Frauen. Sie hatte sich bereits nach einem anderen Kavalier umgeschaut, einem Bauernsohn. Dieser erwiderte ihre Gefühle nicht und heiratete eine Frau von einem reichen Hof. Da schrieb sie Paul einen Brief, dass sie auf ihn warte. Er kam zurück. Nach zwei Monaten hatten sie bereits geheiratet und lebten friedlich miteinander. Paul hatte damals eine gute Stelle bei der Post in Oppeln, so wurde er schon 1940 als Funker eingezogen. Er war ein einfacher deutscher Soldat und fühlte sich auch als solcher. Den Krieg hatte er jedoch nicht verstanden. Er glaubte an keine Idee, nur an die Menschen. Menschen hatten ihm viel Böses angetan, aber wenn es darauf ankam, hatte ihm immer jemand geholfen. Er kämpfte, weil es so sein musste. Er tötete, weil es im Krieg den Befehl dazu gab. Er war bereit, für sein Vaterland zu sterben.

Den Unsinn des Krieges spürt man am meisten in den Schützengräben. So war es auch im vorherigen Krieg an der französischen Front, von der ihm noch sein Vater erzählte. In diesem Krieg kämpfte er wieder in diesem Land. Hier an der Front war er glücklich darüber, dass er keinen Sohn, sondern zwei Töchter hatte. Er bekannte sich jedoch nicht dazu. Kollegen erzählte er, er möchte gerne noch einen Sohn haben. Urlaub gab es nur selten, er freute sich jedes Mal darauf. Jeder, der an der Front kämpfte, träumte davon, nach Hause fahren zu dürfen, um der Familie zu zeigen, dass man noch am Leben sei, durch das Dorf zu marschieren, um zu zeigen, dass man auch am Krieg teilnahm. Doch im Dorf gab es fast nur noch Alte, ganz Junge und Verwundete, die zu Hause kuriert wurden. Die Tage zu Hause waren erholsam: ohne Schüsse, Lärm und Angst. Das waren Tage mit Maria und den Mädchen, mit normalem Essen, Hausarbeit und Nächten mit der Ehefrau im normalen Bett unter dem Federbett.

Auch Maria war dann glücklich. Sie dankte Gott, dass Paul am Leben war, obwohl sie sich nicht vorstellen konnte, dass er einmal fallen könnte. Sie hatte keine Vorstellung von der Front, vom Töten.

Den Krieg erlebte sie aus der Ferne. Sie erinnerte sich, wie sie im Herbst 1939, als der Krieg angefangen hatte, mit einer Kuh zum Bullen ging. Sie musste sich im Graben bewegen, denn auf der Straße fuhren Panzer, einer hinter dem anderen ohne Ende. Und die Kinder, die auf dem Weg zur Schule waren, hoben ihre Hände und riefen: »Heil Hitler!«. Als der Krieg schon drei Jahre dauerte, kamen manchmal in der Nacht Menschen zu ihnen: russische Gefangene. Sie sahen schrecklich aus: mager, dreckig und traurig. Sie baten um Essen. Maria oder Johann gaben ihnen Brot, manchmal auch ein Stück Speck. Einmal kamen sie, als Paul auf Urlaub da war. Seine Uniform hing im Flur. Sie erschraken und flohen. Maria rief ihnen nach: »Habt keine Angst!« Aber sie waren im Dunkel der Nacht in Richtung Wald geflohen. Paul warnte Maria, denn wenn das rauskommen würde, könnte man sie bestrafen. Dann kamen sie nicht mehr. Vor kurzem hatten Dorfbewohner gesehen, wie sie durch die Häuser zogen und alles, was ihnen gefiel, mitgenommen hatten. Keiner protestierte, denn sie waren bewaffnet und hatten im Nachbardorf einige Bewohner getötet.

Was war von diesem Krieg ebenfalls in Erinnerung geblieben? Im letzten Herbst, als die deutschen Soldaten ihren Rückzug angetreten hatten, haben alle, alte und junge Frauen, alte Männer, darunter der Koziol – noch jung, aber Invalide – Panzergräben ausgehoben. Sie gruben von früh bis spät. Sie überlegten, wozu diese Arbeit gut sei, es würde hier doch kein Panzer herfahren. Doch man hatte ihnen diese Arbeit befohlen und so hatten sie diese getan.

Ulka gab den älteren Töchtern etwas zu essen, bekleidete sie mit warmen Sachen und drückte die kleine Agnes noch einmal. Sie wickelte sie in ihr Tuch, legte sie aufs Federbett in den Handwagen. Sie gab der Tochter die Hand: »Möge dich, Marika, Gott führen, möge dich Gott führen!« – »Bleibt mit Gott, Mutter. Und weinet nicht, wir kommen zurück.«

Sie ordnete noch die Päckchen auf dem Handwagen, setze Lisa neben Agnes und befahl ihr, auf die kleine Schwester aufzupassen.

»Vielleicht möchtest Du doch noch bleiben«, sagte Johann. – »Wenn nicht die Kinder wären, würde ich bleiben. Ich würde Euch nicht alleine lassen!« Maria hängte sich den schweren Rucksack über den Rücken. Dabei musste ihr Johann helfen. Dann setzten sie sich in Bewegung. Johann begleitete sie bis zur Chaussee und half ihr, den Handwagen zu ziehen.

»Marika, pass auf die Kinder auf.« – »Vater, ich werde auf sie aufpassen, geht schon nach Hause, denn es ist kalt und passt auf Euch auf! Lasst Euch nicht von den Russen töten!«

Sie blieben noch eine Weile stehen. Johann schaute auf Agnes und Lisa, gab erst Erika, dann Maria die Hand und blieb auf der Straße stehen. Maria schloss sich einer Kolonne von Menschen an. Nur noch für kurze Zeit waren sie in der Dunkelheit zu sehen, dann hörte man bloß noch das Poltern der Wagen auf dem Asphalt. Johann ging nach Hause.

Um die Mittagszeit kamen sie in Oppeln an. Jemand sagte, es würden noch Züge fahren und alle zogen in Richtung Bahnhof. Dort stand tatsächlich ein Güterzug. Die Menschen luden ihre ganze Habe in die Viehwaggons, auch Maria. Ein alter Eisenbahner half ihr, den Handwagen zu verstauen und sagte, sie würden nur bis Breslau fahren. Sie solle aber weiter flüchten, denn die Russen sind nicht mehr weit und unsere haben den Rückzug angetreten, auch aus Breslau. Sie möge auf ihre Sachen aufpassen, denn es wird massiv gestohlen und auch auf die Kinder, denn sie könnte sie in dem Gedränge schnell aus den Augen verlieren.

Tatsächlich mussten sie in Breslau aussteigen. Auf dem Bahnhof war eine Menge Menschen. Sie schafften es kaum, ihre Habe aus den Waggons auszuladen, da kamen auch schon andere Menschen an ihre Stelle: Verwundete und medizinisches Begleitpersonal, welche die ganze Nacht auf diesen Zug gewartet hatten. Diejenigen, welche erst angekommen waren, zogen in den unterirdischen Tunnel.

Es war erstaunlich, wie schnell sich gute und schlechte, aber auch praktische Informationen verbreiteten. Maria lernte schnell, wie man durchhalten kann. Sie muss unter die Erde gehen, denn dort waren sie sicher, wenn die Russen Breslau bombardieren sollten. Sie verschanzte sich in einer Kajüte, wo früher wohl ein Laden gewesen war und verhielt sich still. Die Kinder schliefen auf dem Federbett ein und sie horchte. Es kamen immer mehr Menschen. Keiner glaubte mehr, dass in der Nacht ein Zug zur Verfügung gestellt werden würde, nicht während der Luftangriffe. Maria horchte trotzdem und hörte einen Pfiff, während Agnes in einem Tuch an Mutters Brust schlief. Sie schaute sich das Tragen von Säuglingen von anderen Müttern ab. Das große Tuch wurde an einem Arm befestigt und bildete eine Rinne, dort wurde der Säugling reingelegt, wo er sicher war und man hatte die Hände frei. Sie nahm nur das, was sie tragen konnte. Erika und Lisa bekamen auch etwas in ihre Hände gelegt. Sie liefen in Richtung Bahnsteig. Der Handwagen, das Federbett und fast alles, was sie von zu Hause mitgenommen hatte, blieben liegen. Bevor die anderen Flüchtlinge von dem Zug erfuhren, war er bereits schon voll. Es waren diejenigen eingestiegen, welche ohne Rücksicht auf die Kälte auf dem Bahnsteig ausgeharrt hatten. Maria konnte mit ihren Kindern ebenfalls in einen Waggon einsteigen.

Ein Leben an Bahngleisen war sie ja gewohnt; es verlief nicht nach der Uhr, sondern nach den vorbeifahrenden Zügen. Zu Hause gab es zwar eine Uhr, aber keiner beachtete die dort angezeigte Zeit. Man horchte nach den Zügen. Sie hatte Glück, weil sie nämlich in einen schönen, sauberen Personenwaggon einsteigen durfte. Sie hockte sich nieder, weil sie nicht glaubte, hier bleiben zu dürfen. In dem Abteil war auch eine extravagant aussehende, junge Frau mit zwei Kindern, einem Jungen und einem Mädchen. Man erkannte, es waren Menschen aus der Stadt. Die Frau war elegant gekleidet, die Kinder sauber und sie hatten statt Päckchen Koffer. In das Abteil stiegen noch zwei Soldaten zu, einer mit einer Krücke, der andere ohne Hand. Dann kam der Schaffner und verkaufte Fahrkarten. Maria und die elegante Frau zahlten, die Soldaten zeigten nur ihre Dokumente. Der Zug setzte sich in Bewegung. Auf dem Bahnsteig blieben Scharen von Menschen zurück: Soldaten, Verwundete, ganze Familien warteten auf einen nächsten Zug, um vor dem Krieg zu fliehen. Maria freute sich, dass sie schon fuhr, hatte aber Gewissensbisse, denn vielleicht brauchte ein anderer dringender ihren Platz im Waggon. Sie glaubte abermals nicht, das ihr etwas zustoßen könnte, saß mit dem Rücken zu den Leuten in der Ecke und stillte die kleine Agnes. Maria schämte sich, ihre große, mit Milch gefüllte Brust zu zeigen.

»Mama, wann werden wir wieder zu Hause sein?« fragte Erika. Lisa schaute nur und wartete auf die Antwort.

»Wir fahren nicht nach Hause, sondern flüchten vor dem Krieg!« Maria versuchte, ihren Töchtern das zu erklären, wusste aber nicht wie sie das tun sollte. Für die Mädchen war diese Fahrt etwas Neues. Sie waren noch niemals mit einem Zug gefahren, obwohl sie Züge jeden Tag gesehen hatten. Manchmal standen sie mit Opa oder Oma an den Gleisen und winkten mit ihren Händchen den Passagieren zu.

»Mach dir keine Sorgen. Wenn der Krieg zu Ende sein wird, dann fahren wir wieder alle nach Hause!« sagte die elegante Frau zu Erika. Erika schwieg. Sie und Lisa schauten bewundernd auf sie und ihre Kinder.

»Ihr seid hübsch und artig und braucht keine Angst zu haben. Wir flüchten auch, so wie ihr, vor dem Krieg. Von wo seid ihr?« fragte sie Maria.

»Aus einem Dorf bei Oppeln.« Maria war nicht gesprächig und traute Fremden nicht gleich.

»Wir sind aus Breslau. Annemarie ist meine Tochter und Thomas der Sohn meiner Schwester. Sie starb, und ihr Ehemann, Thomas’ Vater, gilt als vermisst. Ich nahm ihn auf und er ist jetzt wie mein eigener Sohn.«

Sie stellte sich als Klara Katzmarek vor. Ihr Ehemann sei beim Afrikakorps. Sie habe aber schon seit einem Jahr keine Nachricht mehr von ihm erhalten. Bis gestern habe sie gewartet. Jetzt müsse sie aber die Kinder retten. Durch Bombardierungen sind Tausende von Menschen umgekommen, wie lange kann man in einem Bunker leben? Sie bat Maria, sie Klara zu nennen. Maria erzählte von ihren Kindern, von Paul und den Eltern. Der Zug fuhr und fuhr, hatte bisher nur zweimal gehalten und das nur kurz. Keiner war aus- oder eingestiegen. Jeder passte auf seinen Platz auf. Im Waggon gab es keine Bequemlichkeiten und keiner erwartete sie auch. Es war warm und es gab eine Toilette. Maria nahm ihr Brot, schnitt dicke Stullen ab und beschmierte sie mit Butter. Sie reichte sie Erika, Lisa, Thomas, Annemarie, Klara und auch den Soldaten. Alle hatten großen Hunger und nur sie besaß Lebensmittel.

»Mutter hatte Recht!« dachte sie. Denn wenn sie nicht den Rucksack gehabt hätte, hätten sie mit großer Sicherheit nichts zum Essen dabeigehabt. Der große Teil ihrer Habe blieb im Tunnel. Die Lebensmittel hatte sie, so wie Mutter befahl, immer im Rucksack.

Schlimmer war es in der Nacht. Agnes weinte, die Windeln waren nass und es war kalt, denn die Heizkörper hörten auf zu heizen. Erika und Lisa schliefen, auch Klaras Kinder und die Soldaten, nur Maria und Klara waren wach geblieben. Maria wiegte Agnes in ihren Armen, damit sie die anderen nicht aufweckte. Sie fühlte sich an einem solchen Platz nicht wohl. Sie mochte die Felder, den Wald, die Weite. In dem Abteil kam sie sich wie in einem Käfig vor.

Am folgenden Morgen blieb der Zug stehen und alle mussten aussteigen.

»Aussteigen, aussteigen, wir fahren nicht weiter, aussteigen« schrie der Eisenbahner.

»Wo sind wir hier, was ist das für ein Ort?« fragten die Leute. Der Eisenbahner lief entlang der Waggons und schrie weiter. Die Menschen stiegen aus, wie befohlen.

Auch Maria sammelte ihre Habe. Sie nahm Agnes in das Tuch und den Rucksack auf den Rücken. Erika sollte auf Lisa aufpassen und schauen, wo sich Mama bewegte. Den Rest der Sachen verstaute sie in einer Stofftasche und verließ den Zug. Sie half den Kindern, denn der Wall war hoch. Sie blieben im Feld stehen. Eine Menschenmenge auf einem kahlen Feld. Bevor alle ausgestiegen waren, wurde es bereits hell. Am Horizont sah man eine Stadt. Die Menschenmenge bewegte sich in diese Richtung. Auch Maria hatte sich den anderen angeschlossen.

»Maria, Maria, warte!« rief Klara. Maria blieb stehen. Es war ihr peinlich, dass sie sie vergessen hatte. Jetzt zogen sie gemeinsam in Richtung der unbekannten Stadt. Hier war es still. Den Krieg hörte man nicht. »Danke dir, lieber Gott, vielleicht können wir hier die schwere Zeit durchhalten und kehren dann nach Hause zurück«, betete Maria leise.

 

2. Kapitel

 

Der Frost hatte etwas nachgelassen. Johann versorgte täglich zwei Kühe, die Schweine, fütterte die Hühner und zwei Truthähne. Die Truthenne sollte in Kürze Eier legen. Das Dorf war leer geworden.

Am Sonntag waren nur wenige Menschen zur Messe erschienen. Der Pfarrer sprach in seiner Predigt von Gottesfügung und dem Land, welches so viele Menschen verlassen hatten. Keiner hatte dieser Predigt wirklich zugehört, alle schauten sich in der fast leeren Kirche um und prüften, wer noch geblieben war und wer schon das Dorf verlassen hatte. Nach der Messe ging Johann auf ein Bier, wie jeden Sonntag. Er setzte sich in der Kneipe an einen Tisch, an den sich auch bald der Dorfschulze namens Knopf dazugesellte. Sie begrüßten sich, saßen eine Weile, ohne etwas zu sagen und tranken ihr Bier.

Knopf sagte zu Johann: »In der Zeitung schreiben sie, dass man flüchten solle.« – »Wie sollen wir flüchten? Wohin? Wir sind doch hier bei uns, hier ist Deutschland. Vielleicht bleiben sie an der Grenze stehen und dringen nicht weiter vor…« – »Sie werden nicht stehen bleiben, Johann! Wenn sie schon hierher gelangen werden, so werden sie auch weiter vordringen!« unterbrach ihm Knopf.

»Sicher wird es so sein. So ist es nun mal im Krieg. Wozu sind unsere soweit vorgedrungen, bis Stalingrad? Das war das Ende, denn jede Nation verteidigt ihr Land. Jetzt gehen die Russen voran und werden gewiss bis nach Berlin vordringen, so wie unsere bis Moskau! Aber Josef, was sein wird, wird sein, ich werde mich von hier nicht mehr rühren, auch wenn man mich töten sollte. Ich bin alt, habe mein Leben gelebt und meine Ulka auch!«

»Und deine Tochter, Marie? Sie hat doch drei Kinder.«

»Gestern früh habe ich sie auf den Weg geschickt. Wie wird sie das in so einem Winter mit drei Kindern durchstehen, wie werden sie das überleben?« Johann sprach wie zu sich selbst.

»Es ist nicht mehr so kalt, Maria ist arbeitsam und weiß sich Rat. Sie ist nicht als Einzige geflohen. Schau dich bloß um, lauter alte Leute sind geblieben« tröstete ihn Knopf.

Johann schaute sich um und sein Blick blieb am Tisch hängen, an dem Koziol saß. Auch Knopf schaute in diese Richtung.

»Der sollte doch abhauen« sagte er, und wies diskret mit dem Kopf auf Koziol: »Die Leute erzählen verschiedene Sachen über ihn! Ob diese wahr sind? Verschiedene Leute erzählen verschiedene Dinge!« – »Vielleicht ist das auch nicht wahr, denn sonnst würde er sich nicht so sicher bewegen.«

Sie redeten nicht mehr weiter über Koziol, denn er kam an den Tisch und begrüßte sie. Beide gaben ihm, obwohl nur ungern, die Hand. Er setzte sich dazu.

»Und sie, Schulze, ziehen Sie nicht weg?« sprach Koziol zu Knopf.

»Du, Koziol, weißt es am Besten, dass der Schulze im Dorfe bleiben muss, ob es gut oder schlecht läuft. Ich meine, dass Du eher von hier wegziehen müsstest.« Knopf sprach ruhig und langsam, war aber nervös, denn er war im Gesicht rot geworden und hätte gerne eine Schlägerei anfangen.

»Ich war nicht bei der deutschen Wehrmacht und brauch keine Angst zu haben«, antwortete Koziol, der nervös geworden war. Seine Augen bewegten sich in alle Richtungen. Er hatte große, schwarze Augen, schaute aber niemals geradeaus, als ob er seinen Blick nicht auf einen Punkt fixieren konnte. Man sagte, er habe kranke Augen. Manche meinten, es sei das unreine Gewissen, welches ihm nicht erlaubte, anderen direkt ins Gesicht zu schauen.

»Sie haben den sechzehnjährigen Sohn meiner Schwägerin eingezogen. Er ist gefallen und Gott möge seine Seele bewahren. Er war so ein guter Junge. Dir ist es gelungen. Wie? Das weiß keiner. Und jetzt willst Du uns Angst machen?« Johann hörte auf zu reden und stellte hastig sein Bierglas auf den Tisch, dass der Schaum spritzte.

»Ich möchte niemandem Angst machen, aber es wird gesprochen, dass, wenn jemand von der Familie bei der Wehrmacht ist oder war, sie die ganze Familie töten würden. Sie stellen alle an einen Zaun und erschießen sie. Manchmal laden sie sie auf Autos und fahren sie irgendwohin. Man sagt, dass sie im Wald erschossen und begraben werden. Manche sagen auch, dass sie nach Sibirien gebracht werden.« Koziol sprach langsam, als ob er seine Rede an alle in der Kneipe richten wollte und alle hörten ihm zu.

»Du, Koziol, bist schon immer ein gerissener, aber dummer Kerl gewesen. Sie müssten uns alle töten. Schon seit Jahrhunderten haben unsere beim deutschen Militär gedient, dein Vater ist bei Verdun gefallen, aber Du konntest dich immer drücken. Weist Du, Koziol, was ich dir noch sagen möchte?« – »Na Gruss, was möchten sie mir noch sagen?«

»Vor einem solchen Nachbarn wie Dir muss man Angst haben!« sagte Johann, erhob sich, gab dem Schulz die Hand und verließ die Kneipe. Koziol hatte ihm noch etwas hinterhergerufen, aber Johann hörte nicht mehr hin.

Er ging durch das verlassene, aber saubere und aufgeräumte Dorf zurück in sein Haus. Der größte Teil der Häuser stand nun leer. Es sah so aus, als ob die Menschen für kurze Zeit weggefahren wären und bald wieder zurückkommen sollten. Die Höfe waren aufgeräumt, nur die Schornsteine rauchten nicht und waren kalt. Manche Fenster waren mit Brettern vernagelt, wie der Laden ›Plätzke Hauswaren‹. Es gab diesen Laden nicht mehr, nur die schöne, gotische Inschrift war geblieben.

Johann ging schnell. Er wollte noch bei den Witalas, seinen Nachbarn, vorbeischauen. Es waren junge Leute, aber sie waren nicht geflüchtet. Wie auch? Antek lag schwerkrank im Bett. Er kam mit einem Durchschuss in der Lunge aus dem Krieg zurück. Marta hatte ihn aus dem Krankenhaus geholt. Dort hatte er lange gelegen, aber die Wunde heilte nicht. Er hatte ständig Fieber und aus der Wunde floss Eiter. Es wird ihm besser zu Hause gehen, dachten sie. Das Krankenhaus in Oppeln war überfüllt. Jeden Tag wurden Verwundete gebracht und in den Sälen wurde es immer enger, so dass man Mühe hatte, sich zwischen den Betten zu bewegen. Sie hatten eine Wirtschaft und eine Tochter, somit konnte sie ihren Ehemann nicht zu oft im Krankenhaus besuchen. Die Kranken mussten nicht nur leiden. Mangels Essen starben sie auch vor Hunger. Sie brachte ihrem Ehemann immer etwas zum Essen mit. Er gab es aber sofort den Kranken in seinem Saal. So taten es alle. Marta meinte jedoch, dass sie nicht so viel mitbringen kann, um alle zu ernähren und nahm ihren Antek mit nach Hause.

»Grüß Gott« grüßte Johann, als er in das Haus eintrat. Er nahm seine Mütze ab. Antek lag im Bett. Marta bat Johann einen Stuhl am Tisch an.

»Setzen sie sich«, sagte sie ihm. Johann ging ans Bett und begrüßte Antek. Er war blass, hatte ungesunde Rötungen und atmete schwer. Es ging ihm sichtbar schlechter.

»Wie geht es dir, Antek?« – »Wie sie sehen. Ich bereite mich für den Abgang in die andere Welt vor. Mir ist nicht mehr viel Zeit gegeben.«

»Du bist noch jung und wirst schon wieder gesund werden. Jetzt kommt die Zeit für uns, die Alten«, tröstete ihn Johann.

»Der Krieg nimmt die Jungen und verschont die Alten! So ist es schon während des Krieges, anders als es Gottes Wille ist!« Antek sprach mit Bedauern und Resignation, als ob er sich dessen bewusst war, dass er bald sterben würde. Johann saß, schwieg und zerknüllte die Mütze in seinen Händen.

»Warum geht ihr nicht weg?« fragte Antek sichtlich aufgelebt.

»Ich habe Maria auf den Weg geschickt. Aber wo sollen wir, die Alten, uns in der Welt rumtreiben? Was werden soll wird werden. Jemand muss doch auf das alles hier aufpassen, jemand muss doch hier bleiben.«

»Ich stehe schon am Grabe, aber was wird aus Marta und unserer Heidi? Sie wollen nicht weg von hier. Wer weiß, was besser ist, weglaufen oder bleiben? Anna Gruba ist noch da, denn ich sah Rauch aus ihrem Schornstein aufsteigen, beim Koziol auch.

Marta, die bis jetzt geschwiegen hatte und am Ofen arbeitete, schloss sich dem Gespräch an. Sie bereitete das Mittagessen für den Sonntag vor, es duftete angenehm. »Ich werde nirgends hingehen. Hier ist alles, was wir haben. Wir werden überleben, wenn Gott es so will, werden wir das überleben.«

Dass sie wegen Antek blieb, hatte sie nicht gesagt. Das musste sie auch nicht sagen. Denn wie sollte sie mit dem sterbenskranken Ehemann durch die Gegend ziehen; zu Hause konnte sie ihn auch nicht alleine lassen. Sie wusste, dass Antek sterben wird, sie ahnte es.

»Ich werde schon gehen, denn Ulka ist alleine zu Hause. Wenn Du, Marta, was brauchen solltest, so komme vorbei oder schicke Heidi«, sagte Johann im Flur, während Marta ihn aus dem Haus führte. Sie ging, bekleidet mit einem Tuch, bis zur Tür. Sie stand noch lange im Frost und schaute, ob ihre Mutter kommt, denn sie kam öfters am Sonntag zu ihrer Tochter; aber niemand war zu sehen. Wer geblieben war, saß zu Hause und bewachte seine Habe, um sie vor Diebstahl zu schützen.

Johann ging nach Hause und schaute auf seine Wirtschaft. Der Rauch aus seinem Schornstein schoss geradeaus zum Himmel. »Dann gibt es gutes Wetter«, sagte Ulka immer.

Sie arbeiteten den ganzen Sonntagnachmittag, sprachen aber nur wenig miteinander. Am Abend betete Ulka den Rosenkranz, dann legten sie sich schlafen. Sie konnten aber beide nicht einschlafen. Als sie um Mitternacht endlich müder wurden, hörten sie ein Klopfen an der Tür. Johann sprang aus dem Bett, zog nur die Schuhe an, weil er sich im Anzug hingelegt hatte, um stets bereit zu sein. Er hatte Angst und dachte, es könnten vielleicht Russen sein. Wer es auch sein sollte, er musste öffnen, wer auch immer an die Tür klopfte, vielleicht braucht ja jemand auch Hilfe.

»Vater, mach auf« hörte er die Stimme seiner Tochter. Er atmete auf. Bärbel kam zu Fuß aus Oppeln. Sie fror. Ulka machte Feuer unter dem Ofen und Bärbel setzte sich hin und wärmte sich auf. Sie aß Brot, dick mit Butter beschmiert. Johann erzählte über Marias Flucht und die anderer Dorfbewohner.

»Und sie hat Euch alleine zurück gelassen«, sagte sie empört.

»Ich habe ihr es befohlen, denn über die Russen wird Fürchterliches erzählt. Ich wollte sie und ihre Kinder nicht auf dem Gewissen haben. Und warum bist Du gekommen, wenn alle flüchten?« – »Ich bin um Euretwegen gekommen!« – »Ich bin nicht mit Maria geflüchtet, und so werde ich auch nicht mit Dir gehen.«

»Ich weiß, denn für Euch ist die Wirtschaft wichtiger als Euer Leben. Wisst Ihr denn nicht, was die Russen mit den Menschen anstellen? Sie werden Euch töten!«

»Ich sagte bereits, wir bleiben, und so bleiben wir auch. Du, geh´ jetzt schlafen und mach dich morgen auf Deinen Weg!« Johann sagte das so, dass Bärbel keinen Widerstand zu leisten versuchte.

»Vater, ich sehe, Ihr habt schon Eure Entscheidung getroffen und ich kann Euch nicht überzeugen und so soll es auch bleiben. Entscheidet aber wenigstens einmal nicht für die Mutter mit.«

»Jetzt aber schlafen!« sagte Johann und legte sich unter das Federbett. Ulka und Tochter legten sich ebenfalls schlafen. Bärbel schlief dann gleich unter dem warmen Federbett ein. Die Alten konnten lange nicht einschlafen. Erst am Morgen konnten sie für eine Weile die Augen schließen. Als Bärbel erwachte, war es in der Küche schon warm. Warme Milch stand auf der Platte, auf dem Tisch Brot mit Butter und gebratenem Käse.

»Lange ist es her, dass ich so ein Frühstück gegessen habe. Was habt ihr entschieden?« fragte sie, als sich beide an den Tisch setzten. Sie verstand ihren Vater nicht, dass er das Haus nicht verlassen wollte. Ein Haus kann man vom Neuen aufbauen, aber man hat nur ein Leben.

»Wenn sie uns töten sollten, wie Du sagst, möchte ich Mutter nicht auf dem Gewissen haben. Sie soll mit dir gehen und ich bleibe!«

Ulka weinte. Sie wollte sich nicht auf den Weg machen. Wie soll man sich auf die alten Jahre in der Welt herumtreiben.

»Mutter, weine nicht«, beruhigte sie Bärbel, »ich könnte nicht leben, wenn Ihr bleibt und Euch etwas zustoßen würde.«

Dann sagte sie zum Vater: »Wie werdet Ihr, Vater, Euch selber Rat wissen? Kommt doch mit uns!« – »Bärbel, ich sagte bereits, dass ich bleibe und so wird es auch sein. Nicht alle sind geflüchtet. Einer muss doch hier bleiben, hier ist alles, was wir haben, jemand muss auf das aufpassen.«

»Vater, wollt ihr auf das ganze Dorf aufpassen? Wie wollt ihr das machen? Die Front naht, wisst ihr, was das bedeutet?«

»Halte mich nicht für dumm, was eine Front ist, weiß ich besser als Du! Vielleicht zieht sie ja an uns vorbei…«

»Vielleicht zieht die Front auch tatsächlich an unserem Dorf vorbei, aber das, was hinter der Front kommt, wird sicher an uns nicht vorbeigehen!«

»Wer auch kommen mag, der kommt! Und wer immer das sein wird, sollte wissen, dass hier Menschen, Deutsche, leben. Ach wo denn! Wenn sie kommen werden, werden sie auch wieder gehen! So ist es nun mal im Krieg. Schlimmer würde es werden, wenn sie kommen und leere Häuser, leere Dörfer, ohne Eigentümer antreffen würden.«

Bärbel widersprach nicht, denn ihr Vater hatte auf seine Weise Recht. Er hing an dem Land, den Häusern, die er erbaute, an dem Dorf, in dem er alle kannte.

Sie war ein kluges Mädchen. Sie wurde zur Krankenschwester ausgebildet. Während der ganzen Kriegszeit war sie in irgendwelchen Krankenhäusern beschäftigt. Sie arbeitete schwer, obwohl sie nicht an die Front musste. Sie wusste, was Krieg bedeutet. Verwundete erzählten von der Front, über eigene Kameraden und den Feind, über das Fürchterliche des Krieges. Sie war die jüngere, von ihrer Mutter sehr geliebte Tochter und hatte nicht die Absicht, zu heiraten. Sie kannte mal einen stillen jungen Mann. Er war evangelisch und sie machte sich deshalb keine großen Hoffnungen, denn ihr Vater und ihre Mutter wären dagegen gewesen. Er fiel bei Moskau, wovon sie zufällig erfahren hatte. Sie litt im Stillen, in Einsamkeit und widmete sich ihrer Arbeit. Diesmal hatte sie sich drei freie Tage erbeten, um zu ihren Eltern zu fahren und sie zu bitten, mit ihr zu flüchten. Sie wusste, dass die Deutschen den Krieg verlieren und die Sieger grausam sein werden.

Johann ging ins Dorf, um zu erfahren, ob jemand mit der Fuhre nach Oppeln führe. Wer flüchten wollte, sei aber schon gefahren. Die letzten seien bereits zu Fuß geflüchtet. Er traf den Petroleumverkäufer. Einst kam er immer ins Geschäft des Placek. Der Laden war schon längst geschlossen, aber die Menschen brauchten immer noch Petroleum und der Verkäufer verkaufte es jetzt persönlich. Er versprach Johann, dass er seine beiden Frauen auf seinem Wagen mitnehmen würde.

Bärbel half ihrer Mutter beim Packen. Mitgenommen wurden nur Lebensmittel und an Kleidung nur das, was sie auf dem Leib trugen. Der Petroleumverkäufer bekam einen Laib Brot, Butter und Eier. Johann fütterte das Pferd. Ulka ging noch einmal um die ganze Wirtschaft herum, erklärte Johann die Vorräte und instruierte ihn, wie und was er zu tun hätte. Er hörte aufmerksam zu, obwohl er das alles auch selber wusste.

»Johann, werden wir uns noch mal wieder sehen?« fragte sie unter Tränen.

»Weine nicht, wir werden uns wiedersehen! Wenn Gott es will!« Er lächelte, aber es war ihm gar nicht zum Lachen. Sie zeigten niemals ihre Gefühle. Diesmal nahm er aber, für eine Weile, seine Ulka in die Arme und half ihr, auf den Wagen zu steigen. Bärbel hatte er auch an sich gedrückt.

Der Wagen setzte sich in Bewegung. Johann stand und schaute ihnen nach, bis der Wagen im Wald verschwand.

 

 

3. Kapitel

 

Als sie in Oppeln ankamen, war es noch dunkel. Die Stadt war leer, dunkel und dreckig. Dafür befand sich auf dem Bahnhof eine Menge Menschen. Es war so, als ob jemand das Leben aus der ganzen Stadt vertrieben hätte und es nun auf den Bahnhof konzentriert wäre. Die Mehrzahl der Menschen war bereits geflüchtet. Diese Menge, das waren Flüchtlinge aus den anliegenden Dörfern und der Rest der Stadtbewohner von Oppeln. Die Menschen waren so beladen, dass man den Eindruck hatte, es gäbe an Koffern, Schachteln und Bündeln mehr als an Menschen. Sie warteten auf einen Zug und wollten sich von ihrer Habe nicht trennen, aber es kam kein Zug.

Bärbel ließ ihre Mutter mit ihren Taschen stehen und ging in die Stadt, ins Krankenhaus. Das Krankenhaus wurde evakuiert. Am Eingang musste sie ihren Ausweis zeigen, sie wurde zum leitenden Offizier geschickt. Gut, dass sich die Ärzte noch an sie erinnerten, denn sie hatte in diesem Krankenhaus einmal gearbeitet. Sie sollte Verwundete auf einem Lastwagen betreuen und durfte ihre Mutter mitnehmen. Sie lief zum Bahnhof. Mutter stand dort, wo sie sie verlassen hatte. Sie nahm die Taschen und lief voraus, Ulka folgte ihr. Das war ihre einzige Chance, die Stadt zu verlassen. Sie schafften es. Die Lastwagen waren schon zum Start bereit. Sie meldete sich beim Befehlshaber, der zeigte ihr, in welchen Wagen sie zusteigen sollte. Sie sprang auf, zog ihre Mutter auf den Wagen und versteckte sie in einer Ecke. Die Wagenkolonne setzte sich in Bewegung.

Es war schon hell. Die verwundeten Soldaten verhielten sich still. Manchmal hob einer seinen Kopf oder stütze sich auf dem Ellenbogen, um etwas Licht zu erhaschen. Sie waren verwundet, verletzt, wussten jedoch, dass sie nie wieder an die Front gehen müssten und dass sie lebten, lebten! Nicht wie die, die dort im Schnee und Dreck geblieben waren.

Die Kolonne bewegte sich sehr langsam. Auf der Straße fuhren auch noch Pferdegespanne und Kutschen, aber die Mehrzahl waren Handwagen, Karren mit Hühnerkäfigen, anderem Geflügel, angebundenen Kühen, Ziegen und Hunden. Die Mehrzahl der Menschen trug ihr Habe in den Händen und auf ihren Rücken. Die Menschen schwiegen, sie gingen und gingen den ganzen Tag hindurch. Der Abend war bereits eingebrochen, als Flugzeuge herangeflogen kamen. Alle versteckten sich in Panik in den Gräben. Nur das Gepäck blieb auf der Straße. Was für ein Glück, es waren deutsche Flieger. Nach einer Weile war es wie vorher. Die Wagenkolonne bewegte sich wieder gemeinsam mit der Menschenmasse. Aber nicht mehr lange, denn wieder hörte man das Dröhnen von Flugzeugen. Diesmal kam es aber anders. Eine Serie von Kugeln russischer Jäger lichtete die Menschenreihen. Die Menschen jammerten, schrieen, riefen um Hilfe und liefen davon.

Viele blieben auf der Straße tot liegen.

Der Lastwagen, in dem Bärbel mit ihrer Mutter fuhr, blieb stehen. Die Verwundeten warteten: Leben oder Tod. Das haben sie an der Front gelernt. Als es wieder ruhig wurde, sprang Bärbel mit einer Sanitätstasche vom Wagen. Die Verwundeten auf dem Wagen überließ sie der Obhut der Mutter. Ulka nahm aus ihren Taschen Brot und Butter, schnitt Stullen, schmierte sie mit Butter und gab sie den Soldaten. Einer hatte bandagierte Hände und konnte nicht selber essen. Ulka legte ihm ein Stück Brot in den Mund.

»Gutes Brot«, sagte er, »Mutter, haben sie es gebacken?« – »Ja, ich.« – »Schon lange habe ich ein so gutes Brot nicht mehr gegessen und mein Vater ist Bäcker. Er backte auch gutes Brot. Ich blieb alleine. Zwei von meinen Brüdern sind im Krieg gefallen. Wenn meine Hände nur schnell heilen würden, denn was wäre ein Bäcker ohne Hände?« so sprach er zu Ulka, aber in Wirklichkeit dachte er laut vor sich hin.

»Woher kommst Du?« fragte ihn Ulka.

»Aus Rosenberg.«

»Das ist doch nicht weit von hier. Wir nannten Rosenberg Olesno.«

»Und wir auch«, sagte der Soldat etwas leise. »In Rosenberg befindet sich die St. Anna-Kirche, dorthin fuhren wir jedes Jahr zum Ablass. Deine Eltern sind wohl auch geflüchtet, denn dorthin kamen bereits die Russen, sagten sie im Dorf.«

»Meine Eltern würden die Bäckerei nicht verlassen. Sagten Sie, es seien dort schon Russen gewesen?«

»Sprichst Du polnisch?« fragte Ulka.

»Bei uns zu Hause sprechen alle polnisch. Nur beim Amt, in der Schule und in der Kirche sprechen sie auch deutsch. Zu Hause sprechen sie eigentlich in unserer Sprache ›oberschlesisch‹.

»Wie heißt Du?« – »Josef Palka, und das ist Gerhard…« Er nannte die Namen der anderen.

»Siehst Du, Du warst ja so nahe an Deinem Haus gewesen!« – »Ich habe geschrieben, sie mögen mich abholen, aber wie sie sagten, es sei dort schon die Front, da kam wohl auch die Post nicht mehr an.« Er hatte Tränen in den Augen. »Diese Krankenschwester, ist das ihre Tochter?« Er hatte plötzlich das Thema geändert, denn auch die anderen hatten Interesse an diesem Gespräch gefunden. Alle waren sie noch jung und schauten auf Bärbel.

»Es stimmt, es ist meine jüngere Tochter. Sie diente über die ganze Kriegszeit. Sie ist eine ausgebildete Krankenschwester. Ich habe viele schlaflose Nächte verbracht und nachgedacht, ob meine Barbarka noch am Leben ist. Und sie lebt, denn sie war nicht an der Front. Viele solcher Mädels sind an der Front ums Leben gekommen. Gott behütet sie irgendwie und ich bete weiter darum.«

Ulka hörte auf zu reden, denn Bärbel war zurückgekommen. Alle schwiegen. Auch sie sprach nicht von den Verletzten und Toten auf der Straße.

»Unsere Fahrzeuge sind wohl schlecht beschriftet und deswegen wurden wir angegriffen. Sie dachten wohl, es sei ein Militärtransport!« Bärbel suchte eine Erklärung für diesen Angriff.

»Aber die Menschen auf der Straße mussten doch gesehen haben, dass es Zivilisten und nicht Soldaten sind. So machen es nur die Russen, die Kommunisten. Das habe ich in den Zeitungen gelesen und die Leute haben es auch so erzählt« entgegnete Ulka, und dachte sich dabei, was wohl nur aus ihrem Johann werden würde.

»Manche von den Unseren waren hundertmal schlimmer. Für sie war das Töten normal, Dienst, Befehl vom Hitler. Sie taten es, egal ob Zivilisten oder nicht, ob Frau, alte Menschen oder Kinder. Am Schlimmsten waren die von der SS. Diese ›wunderbaren Auserwählten‹« widersprach der Soldat mit den beiden verletzten Beinen. Die Anwesenden mochten ihn nicht. Er hielt sich an der Seite, die anderen mieden ihn. Sie wussten über ihn, dass er in einer Strafkompanie gewesen war und wie durch ein Wunder überlebte. Strafkompanien kämpften nämlich an der ersten Front. Sie wussten auch, dass er Kommunist war und für seine Ansichten ins Gefängnis gekommen sei, dann in ein Lager, und, als der Krieg begonnen hatte, an die erste Frontlinie.

»Die Deutschen werden für alles büßen müssen«, fügte er hinzu. Alle hörten zu, aber keiner sagte etwas, denn sie wussten, dass das, was er sagte, die Wahrheit war.

Die Kolonne bewegte sich wieder. Die verwundeten Soldaten schliefen langsam ein. Ulka dachte über die jungen Menschen nach: Wie viel Lebensweisheit bereits in ihnen steckte, als ob sie ihr ganzes Leben schon durchlebt hätten. Aus den einen macht der Krieg Schinder, aus den anderen deren Opfer. Einmal ist man Henker, das andere Mal Opfer. Ulka grübelte so vor sich hin und schlief schließlich ein. Auch die Soldaten schliefen schon. Bloß Bärbel blieb wach.

Morgens hielt die Kolonne an einem Fluss. Verwundete, die sich bewegen konnten, verließen die Fahrzeuge, um ihre Bedürfnisse zu erledigen. Bärbel kümmerte sich um die restlichen Soldaten: sie wusch sie, reichte »Enten«, Urinflaschen und trug sie dann fort, um sie mit kaltem Wasser aus dem Fluss zu waschen. Schließlich kam auch der Arzt und man konnte den Verwundeten die Verbände wechseln. Der Arzt, Oberleutnant Keller, kannte Bärbel. Sie arbeiteten einmal in demselben Krankenhaus. Er mochte sie, mochte es sehr, mit ihr zu arbeiten und machte sich Gedanken darüber, wer dieses Mädchen eigentlich ist. Man sagte, sie sei eine Polin. Er wusste, dass sie der polnischen Sprache mächtig ist. Anfang des Krieges brachte man drei verwundete Offiziere. Keiner kannte die polnische Sprache. Sie hatte damals sehr geholfen und sprach im oberschlesischen Dialekt. Die Offiziere wurden später in ein Lager gebracht, aber Bärbel wurde seltsam beäugt. Man traute ihr nicht und hatte Zweifel, ob sie wohl eine Deutsche sei. Vom Aussehen her sah sie nicht wie eine Deutsche aus. Sie war dunkelhaarig, hatte schwarze Augen und eine braune Haut. Als Polen eingenommen wurde, hatte man das vergessen und sie nach Dresden versetzt. Der Arzt schaute auf Bärbel und erinnerte sich wieder an alles. Sie gefiel ihm. Auch sie hatte ihn erkannt, lachte ihn an und fühlte sich durch seine Anwesenheit sicherer. Es tut gut, wieder auf einen Bekannten zu treffen, dachte sie bei sich.

Die Verwundeten sollten nun nach Dresden gebracht werden. Vorher hatte man in einer kleinen Stadt Halt gemacht und sie in einem kleinen Krankenhaus untergebracht. Auch Bärbel begann dort ihre Arbeit. Sie fand ein kleines Zimmer und wohnte dort zusammen mit ihrer Mutter, aber nur für kurze Zeit. Als Dresden bombardiert wurde, hatte Bärbel unzähligen Verwundeten geholfen und Ulka kam in ein Flüchtlingslager. Es ging ihr aber nicht gut. Dort befanden sich fremde Menschen. Manchmal bedauerte sie es, dass sie ihr Haus verlassen hatte. Sie hatte Sehnsucht nach zu Hause. Sie wollte zurück in ihr Haus, sagte ihrer Tochter aber nichts davon. Sie war geduldig und glaubte, dass dieses Umherirren bald zu Ende sein wird, denn alles geht einmal zu Ende.

 

 

4. Kapitel

 

Wer geblieben war, saß zu Hause und schaute auf die Chaussee. Lastwagen, Panzer, deutsche Soldaten und die restlichen Zivilisten flohen ungeordnet Richtung Westen. Johann schaute, wie sich das alles verändert hatte. Er erinnerte sich, wie stolze und hochmütige Menschen, in Reih´ und Glied in den Krieg gezogen waren. Jetzt rannten sie chaotisch in die andere Richtung. Man spürte, die Russen konnten nicht mehr weit weg sein. Im Nachbardorf brannten Häuser. Man sah den Rauch über dem Wald. Das war nichts Neues, so benehmen sich halt Sieger, wenn auch nur, um zu zeigen, dass sie jetzt das Recht zu Zerstörung, Raub und Töten hatten.

Sie kamen am späten Abend. Johann hatte nicht geschlafen. Er hörte ein Fahrzeug und Schritte. Sie schlugen mit Kolben gegen die Tür und sprachen russisch, zwei von ihnen polnisch.

»Deutscher?« fragte einer in deutscher Sprache.

»Ich bin von hier. Deutscher« sagte Johann auch in deutscher Sprache.

»Essen, gib uns etwas zu essen!« sagte der Pole. Johann holte Brot und Butter. »Du verstehst polnisch, Du Schwab und täuscht vor, Du seiest ein Deutscher!« schrie der Pole und stieß Johann mit dem Gewehrkolben in den Bauch. Johann bückte sich vor Schmerz, schwieg aber. Drei von ihnen nahmen am Tisch Platz, der Rest durchsuchte das Haus.

»Wo hast Du die Hitlerowcy versteckt?« schrie derselbe Pole und zielte mit seinem Karabiner in Johanns Richtung, der Brot und ein Messer in der Hand gehalten hatte. Johann machte, so wie es Brauch ist, ein Kreuz auf das Brot.

»Schaut her, was für ein Frommer!« Der Pole hob den Karabiner höher und schoss eine Salve auf zwei Heiligbilder mit Jesus und der Mutter Gottes mit offenem Herzen.

Die am Tisch Sitzenden lachten, andere kamen in die Küche, um zu schauen, was passiert war, doch es war ja nichts passiert. »Sprich, wo hast Du die Hitlerowcy versteckt?« fragte wieder derselbe Pole. Johann wusste nicht, was das ›Hitlerowiec‹ bedeutete. Ob es sich um einen deutschen Soldaten oder einen Zivilisten handelt?

»Ich habe niemanden versteckt, hier ist keiner. Alle sind weggelaufen!« antwortete Johann ruhig.