Hap und Leonard: Die Storys - Joe Lansdale - E-Book
Beschreibung

Sieben Storys zu den Kulthelden Hap und Leonard – eine davon gemeinsam verfasst mit Vachss. Hap Collins: weiß, hetero, Kriegsdienstverweigerer. Leonard Pine: schwarz, schwul, Vietnamveteran. Wie eine Zeitreise wirken die Geschichten rund um das eigenwillige Duo über mordsgutes Chili, das gemeine Wesen von Kindern, korrupte Bullen und natürlich - Vanillekekse. Als Bonus hat der Lansdale selbst ein Interview mit seinen beiden Hauptfiguren geführt. Ein cooler, unkonventioneller Spaß.

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Seitenzahl:377

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Impressum

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel

»Hap and Leonard« bei Tachyon Publications LLC, San Francisco, USA

© 2016 Joe R. Lansdale

Mit freundlicher Genehmigung des Autors

Copyright für »An Appreciation of Joe R. Lansdale«

(»Einführung: Michael Koryta über Joe R. Lansdale«)

© 2016 by Michael Koryta

Copyright für »The Care and Feeding and Raising Up of Hap and Leonard« (»Wie ich Hap und Leonard hegte und pflegte, fütterte und großzog«) © 2016 by Joe R. Lansdale

Deutsche Erstausgabe

© 2018 der deutschsprachigen Ausgabe

Golkonda Verlag GmbH, München ∙ Berlin

Mit freundlicher Genehmigung des Autors,

c/o Baror International, Inc., Amonk, New York, USA

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt.

Sämtliche, auch auszugsweise Verwertungen bleiben vorbehalten.

Umschlaggestaltung: © s.BENeš [http://benswerk.wordpress.com]

Lektorat: Dirk Grosser

Korrektorat: Matthias Warkus

E-Book-Erstellung: Hardy Kettlitz

ISBN: 978-3-946503-26-2 (Buchausgabe)

ISBN: 978-3-946503-27-9 (E-Book)

Alle Rechte vorbehalten.

www.golkonda-verlag.de

Inhalt

Einführung

Hyänen

Veils Besuch

Mordsgutes Chili

Todsicher

Der Junge, der unsichtbar wurde

Keiner von uns

Gebogener Zweig

Joe R. Lansdale interviewt Hap Collins und Leonard Pine

Wie ich Hap und Leonard hegte und pflegte, fütterte und großzog

Anhang

Phantastik und Spannung im Golkonda Verlag

Einführung

Michael Koryta über Joe R. Lansdale

Unterschiedliche Autoren legen auf unterschiedliche Dinge Wert, aber ein paar Dinge sollten eigentlich alle anstreben: eindrucksvolle Charaktere, einen unverwechselbaren eigenen Tonfall und Geschichten, die die Leser bewegen.

Mir fallen viele Autoren ein, denen all dies gelungen ist. Und mir fällt Joe Lansdale ein, der all dies geschafft hat und sich dann selbst übertroffen und neue Maßstäbe gesetzt hat. Diese wunderbare Sammlung von Geschichten um Hap Collins und Leonard Pine stellt nur eine kleine Kostprobe aus Lansdales Gesamtwerk dar, aber eine vorzügliche Kostprobe.

Eindrückliche Charaktere? – Hier begegnen Sie Hap, einem ehemals politisch engagierten, immer noch rebellischen »White Trash«-Kerl, und Leonard, einem schwarzen schwulen Vietnamveteranen und Anhänger der Republikaner. Bei vielen Autoren würde diese ungleiche Mischung zu einem katastrophalen Ergebnis führen, zu einem künstlich und gewollt wirkenden Gegensatzpaar, das von der Unwahrhaftigkeit der erzählten Geschichten ablenken soll. Bei Lansdale funktioniert dieses Duo nicht nur, die beiden scheinen sogar wie geschaffen füreinander, ergänzen sich aufs Schönste. In ihren Dialogszenen, ganz typisch beispielsweise in »Hyänen«, finden sich mehr Perlen als in einem Juweliergeschäft:

»Na ja«, sagte Leonard, »in solchen Fällen liegt das Bauchgefühl meistens richtig. Wir erkennen einen Hai immer noch auf den ersten Blick. Deswegen sind wir ja ursprünglich an Land gekrochen und haben uns zu Menschen entwickelt. Das Dumme ist nur, dass nach uns auch ein paar Haie an Land gekrochen sind.«

»Das wären dann die Anwälte«, sagte ich.

Auf jeder Seite muss man mal lächeln, alle paar Seiten mal so richtig lachen, doch die wahre Meisterschaft steckt für mich im mitreißenden Schwung dieser Geschichten. Hap und Leonard reden eine ganze Menge, ja, und das gibt ihren Abenteuern die Würze, doch sie sind auch dauernd in Bewegung, und ihre Dialoge dienen stets dem Fortgang der Geschichte, nicht umgekehrt. Viele Autoren mit einem Händchen für Dialoge – und Joe ist dafür ein Paradebeispiel – fallen gelegentlich auf ihre eigene Stärke herein, schreiben ausgiebige Wortwechsel, die im Grunde nur Schaumschlägerei sind. In Joes Geschichten herrscht ständig Bewegung, was sich in seinen Dialogen widerspiegelt:

»Bereit?«, fragte ich.

»Ich bin bereit geboren«, sagte Leonard.

»Angst?«

»Ich hab nie Angst.«

»Quatsch.«

»Okay, ein klein wenig Angst. Bringen wir’s hinter uns, bevor ich noch mehr Angst kriege.«

Wir gingen los.

Da haben wir’s – sie gehen los. Sie gehen irgendwo hin, diese beiden, und als Leser blättert man die Seiten um, so schnell man nur kann, und staunt dabei über das Kunststück, wie Lansdale hier Gewalt und Humor, Spannung und schallendes Gelächter in ein Gleichgewicht bringt, das am Ende harmonisch, ungezwungen und völlig unverwechselbar wirkt. Jede Story, jeder Roman beginnt scheinbar mitten im Satz und erweckt gleich den Eindruck, man müsse sich sputen, um mitzukommen und dabeizubleiben und bloß nicht abgehängt zu werden. Dem zugrunde liegt ein Bewusstsein der eigenen erzählerischen Fähigkeiten, die man nur meisterhaft nennen kann, ein Vertrauen auf die eigene Stimme und auf das Lesepublikum.

Darin liegt im Kern aber auch – und das wird bei Hap und Leonard gern übersehen – ein gehöriger Batzen Weisheit. Hinter den Späßen und zwischen den Prügeleien vernimmt man die Stimme eines Autors, der gelegentlich an den großen Mark Twain erinnert – und ja, das meine ich völlig ernst, und nein, das sage ich nicht oft oder leichthin.

In »Der Junge, der unsichtbar wurde«, einer Geschichte aus Haps Jugend, bewegt Lansdale die Leser nicht nur, er lässt sie regelrecht leiden. Die ersten paar Seiten erzählen scheinbar beiläufig einen Fall von Mobbing in der Schule, während sie uns gleichzeitig aufzeigen, wie Hap ein Stück weit zu dem Mann wurde, den wir aus den Romanen kennen.

Das traf mich damals ziemlich hart. Aber, Schande über mich, nicht hart genug. – Das denkt Hap über seine damalige Rolle, sein moralisch unwürdiges Mittun. Sein Freund aus Kindestagen, Jesse, wird lächerlich gemacht, und was uns Lansdale da erzählt, sagt nicht nur etwas aus über Schikanen auf dem Schulhof, sondern allgemein über die Gefahr von Gruppendenken – wohin es führen kann, wenn man bei der eigenen persönlichen Integrität Abstriche macht, nur um in der Menge mitzuschwimmen. Wenn diese Schulkinder Jesse auslachen, dann leiden wir mit ihm, und, glauben Sie mir, wir leiden auch mit Hap. Weitaus besser noch, und beeindruckender, wir leiden wegen Hap. Und wegen uns selbst. Hier erreicht die Verbindung zwischen Figur und Leser(in) einen emotionalen Höhepunkt, und das ist eine ganz besondere Erfahrung.

Wenn Jesse mich ansprach und es niemand mitkriegte, dann nickte ich bloß.

Wir alle schleppen beschämende Erinnerungen an unser eigenes peinliches Verhalten mit uns herum. Lansdale stößt uns nicht mit der Nase drauf, diese eingehender zu betrachten; dafür ist er ein zu guter Schriftsteller. Diese nachträgliche Betrachtung folgt schlicht aus der erzählten Geschichte, so wie alles, was wir seinem Schreiben verdanken – Lachen, Furcht, Tiefgründigkeit – immer von der Geschichte selbst herrührt. Viele Autoren tragen die »Zeigen, nicht erzählen«-Binsenweisheit vor sich her, Lansdale dagegen ist sie in Fleisch und Blut übergegangen. Sie glauben mir nicht? Warten Sie ab, bis Sie die letzten Zeilen von »Der Junge, der unsichtbar wurde« gelesen haben. Und dann achten Sie mal darauf, wie lange diese nachhallen.

Wie gesagt, der Sammelband hier stellt nur eine Kostprobe eines beachtlichen Werks dar. Das kann einem glatt die Sprache verschlagen – oder inspirierend wirken.

Ich bin eben geschickt darin, auf was zu zielen und es auch zu treffen. – So denkt Hap in »Hyänen« über seine Fähigkeiten als Schütze, und so fühlt es sich auch an, wenn man Lansdale liest – müheloses Können, angeborenes Talent, alles dermaßen natürlich, dass er sich einfach in seinem Sessel zurücklehnt, die Füße hochlegt und anfängt, sein Garn zu spinnen. Denselben Eindruck haben Sie nach einer persönlichen Begegnung mit ihm, dass ihm all dies zufliegt, dass er grandios Geschichten erzählt, so selbstverständlich wie die meisten von uns atmen.

Aber lassen Sie es sich von mir gesagt sein, das ist Quatsch.

Besitzt Joe Lansdale, wie Hap Collins, eine gehörige Portion Talent, ist er »geschickt« darin, mit seinen Geschichten immer wieder den Vogel abzuschießen und immer wieder Pointen aufs Papier zu bringen, dass selbst Comedy-Profis vor Neid erblassen? Klar. Fliegt ihm das alles nur so zu? Nein. Es ist das Resultat eines lebenslangen hingebungsvollen Schaffens, von einem Mann, der in seiner Kunstfertigkeit aufgeht und sich so sehr darüber im Klaren ist, wie Geschichten funktionieren und warum, dass er uns vormachen kann, das alles geschehe ganz mühelos. William Blundell hat einmal gesagt: »Leicht Geschriebenes liest sich schwer. Leicht zu Lesendes schreibt sich schwer.«

An dieses Bonmot muss ich denken, wenn ich Hap und Leonard lese, und überhaupt wenn ich Lansdale lese. Ich denke mir dann immer, wie flüssig diese Geschichten doch sind, jede Zeile genau auf den Punkt, jede Actionszene perfekt durchchoreografiert, und komme zu dem Schluss: Der Mann hat ganz schön hart geschuftet, damit wir Leser es so leicht haben.

Sie halten den Story-Band eines Meisters in Händen. Genießen Sie ihn, lernen Sie ihn schätzen, und während Sie so durch die Geschichten düsen, mit einem Lächeln im Gesicht und gelegentlichem Kopfnicken bei einer kleinen polierten Perle der Weisheit, sollten Sie Joe Lansdale verdammt dankbar dafür sein, dass er sich die Mühe gegeben hat, sie so gut hinzubekommen. Denn glauben Sie mir, so zu schreiben ist nicht leicht.

Aber sie zu lesen? Das reinste Vergnügen. Fangen Sie gleich damit an. Hap und Leonard sind schon längst in Bewegung, und ich rate Ihnen: Sputen Sie sich, sonst hängen die Sie ab.

Der New York Times-Bestseller-Autor Michael Koryta ist bekannt für Thriller- und Horror-Romane wie Envy the Night (dt. Blutige Schuld) oder Rise the Dark (dt. Todesangst).

Hyänen

»Die Hyänen sind hungrig – sie heulen um Futter.«

– König Salomons Schatzkammer, H. Rider Haggard

Als ich beim Nachtklub ankam, hockte Leonard auf dem Bordstein und hielt sich einen blutigen Lappen an den Kopf. Nicht weit von ihm parkten zwei Streifenwagen. Jane Bowden, eine untersetzte Polizistin mit blondem zurückgebundenen Haar, stand direkt neben Leonard. Ich kannte sie flüchtig; sie war mit meiner Freundin Brett befreundet. Mitten auf dem Parkplatz lag ein Mann auf dem Rücken und streckte alle viere von sich.

Ich stellte mein Auto ab und ging zu ihnen hinüber, warf dabei einen Blick auf den Mann am Boden.

Er sah nicht besonders gut aus, eher wie ein vergiftetes Insekt in seinen letzten Zuckungen. Durch die ganzen Schwellungen in seinem Gesicht konnte man kaum erkennen, wie er wild mit den Augen rollte, als würden sie gerade einen Abfluss runtergespült. Sein Mund war genauso blutverschmiert wie seine Nase und seine Wangenknochen. Er hatte einige Zähne verloren. Das schloss ich daraus, dass einige auf seiner Brust herumlagen wie frisch ausgespuckte Minzbonbons.

Ganz in der Nähe lag auch noch etwas, das wie ein Haarbüschel von ihm aussah. Im Licht des Parkplatzes wirkte das Häuflein blonder Haare bronzefarben. Ein Schuh fehlte ihm. Ich sah ihn unter einem der Streifenwagen liegen. Die Schnürsenkel waren noch zugebunden.

Ich trat also auf Jane und Leonard zu und versuchte, weder allzu grimmig noch allzu froh dreinzublicken. Ich wusste überhaupt nicht, wie ich mich verhalten sollte, denn ich hatte ja keine Ahnung, was passiert war, wer da warum mit was auch immer angefangen hatte.

Jane hatte mich angerufen und nur gemeint, ich solle zum Big Frog Club rüberkommen, Leonard sitze in der Patsche. Weil sie nicht gesagt hatte, er sitze im Knast, dachte ich auf dem Herweg, dass es schon nicht so schlimm sein würde.

Als Leonard mich sah, sagte er: »Hey, Hap.«

»Hey«, sagte ich. Dann wandte ich mich Jane zu. »Und, was ist passiert?«

»Ist nicht ganz so einfach«, sagte Jane. »Anscheinend war unser Leonard da im Club, und irgendein Typ hat’s Maul aufgerissen, und Leonard hat’s Maul aufgerissen, und dann haben die beiden Kerle da drin …«

»Da drin?«

»Du wirst gleich sehen, wen ich meine, wenn du reingehst. Einer ist glatt mit dem Kopf voraus durch die Rigipswand gekracht, und einer hat mit ’nem Stuhl einen neuen Scheitel gezogen gekriegt. Der macht jetzt hinter der Bar ein Nickerchen.«

»Aua.«

»Das hat er auch gesagt.«

»Also … ich frage nur ungern, aber … wie tief sitzt Leonard in der Patsche?«

»Das wird ein bisschen Papierkram, was ich ihm ziemlich übel nehme«, sagte Jane, »aber alle haben übereinstimmend ausgesagt, dass die drei anderen damit angefangen haben, und Leonard hat es zu Ende gebracht … und, na ja, sie waren drei gegen einen.«

»Und wie kommt der hier auf den Parkplatz?« Ich zeigte auf den Kerl, der seine Zähne jetzt auf der Brust trug.

Leonard sah schief zu mir herüber, hielt aber den Mund. Manchmal wusste er genau, wann er besser nichts sagte, aber diese wenigen Male passten alle auf eine Nadelspitze, auf der dann noch genug Platz wäre, die erste Seite der Bibel drauf einzugravieren und dazu noch ein paar dreckige Witze.

»Der liegt hier«, sagte Jane, »weil er schneller wegrennen konnte als die beiden, die noch drin liegen.«

»Aber nicht schnell genug?«, sagte ich.

»Und da fangen unsere Probleme an. Dieser Typ hat nämlich so schwer was abgekriegt, dass sein Astralleib grad irgendwo ganz anders weilt. Irgendwo im Universum vielleicht. Er ist echt völlig weggetreten, und es sieht bisher nicht so aus, als würde er so bald wieder zu sich kommen.«

Bei diesen Worten kam auch schon ein Krankenwagen angefahren. Ein Mann und eine Frau stiegen aus, traten zu uns und betrachteten den Kerl am Boden. Der Rettungshelfer sagte: »Die Stimmung im Club hat ihn wohl umgehauen.«

»Auf jeden Fall hat ihn irgendwas in dem Club ganz schön umgehauen«, meinte die Notärztin.

Ich verstand ihre Bemerkung nicht gleich. In ihrem Job mussten sie wohl eine Art Galgenhumor entwickeln, auch wenn nur schwache Witzchen dabei herauskamen.

Sie untersuchten ihn an Ort und Stelle, und glücklicherweise kam er langsam wieder zu sich. Er sagte irgendwas, das sich eher anhörte wie ein furzender Wal, und dann sagte er klar und deutlich »Nigger«.

Leonard sagte: »Das hab ich gehört, Arschgesicht.«

Der Typ sagte nichts mehr und sie verfrachteten ihn in den Krankenwagen.

»Nehmen Sie seinen Schuh mit«, sagte ich und zeigte darauf. Aber sie ignorierten mich einfach. Schließlich arbeiteten sie für die Stadt.

»Wir haben da ein kleines Problem«, sagte Jane. »Als der Kerl nämlich abgehauen ist, ist Leonard hinter ihm her, und das kann man wohl kaum Selbstverteidigung nennen.«

»Ich wollte nur nicht, dass er wieder zurückkommt«, sagte Leonard. »Ich hab ihn verfolgt, weil ich um mein Leben fürchten musste.«

»Soso«, sagte Jane.

»Er hat mich angegriffen, als ich ihn eingeholt hatte«, maulte Leonard.

»Halt einfach den Mund, Leonard«, sagte sie. »Du reitest dich nur weiter rein. Was wir als Vertreter des Gesetzes nämlich nicht so einfach abhaken können, ist die Tatsache, dass Leonard ihn zu sich rumgedreht und dann auf ihn eingeschlagen hat wie auf ’ne Bongotrommel. Leonard hat ihn an der Gurgel gepackt und ihm eine ganze Menge Schläge verpasst.«

»Nur ein paar«, sagte Leonard. »Er mich Nigger genannt.«

»Du hast ihn Arschloch genannt«, sagte Jane. »Haben die Zeugen ausgesagt.«

»Er hat angefangen«, sagte Leonard. »Nicht zu vergessen die tiefe kulturbedingte Verletzung durch das Wort Nigger, wo ich doch schwarz bin und so weiter. Kann man nachlesen.«

»Ach, echt jetzt«, sagte sie, »du bist schwarz?«

»Durch und durch«, sagte Leonard.

Jane wandte sich wieder mir zu. »Einer, der alles mit angesehen hat« – sie zeigte auf einen Mann, der an der offenen Eingangstür zum Club herumstand – »sagt, dass Leonard den Kerl mehrmals geschlagen hat.«

»Was soll das heißen, mehrmals?«, fragte ich.

»Nachdem er ihm die Nase gebrochen und die Wangenknochen zertrümmert hat, und das ist jetzt nur mal meine Schnelldiagnose, hat Leonard angefangen, ihm die Zähne auszuschlagen, und zwar mit den Worten, dem Herrn da drüben zufolge, ich zitiere, ›Besser zum Schwanzlutschen, du Wichser‹, Zitat Ende.«

»Also, muss Leonard jetzt ins Gefängnis?«

»Für Leonard spricht, dass der Typ im Krankenwagen« – den ich gerade davonfahren sah, mit eingeschaltetem Signallicht, aber ohne Sirene und nicht besonders schnell – »Leonard zuerst mit einem Stuhl getroffen hat und ihn tatsächlich mit dem Nigger-Wort bedacht hat.«

»Du meinst, das N-Wort. Wenn du Nigger-Wort sagst, dann hast du ja auch Nigger gesagt.«

»Hab ich Nigger-Wort anstatt N-Wort gesagt?«

»Ja, hast du.«

»Wenn du jemanden zitierst, der Nigger gesagt hat, macht das nicht einen Unterschied?«

»Ich glaube, ja.«

»Hey«, sagte Leonard. »Ich sitze hier neben euch.«

»Ach, verflucht, ich hab zwei Schichten geschoben«, sagte Jane. »Wenn ich noch eine Stunde so weitermache, nenn ich jeden Schnuckelchen. Aber zurück zu Leonard. Irgendwann, nachdem das N-Wort fiel und bevor er unserem Sprinter hinaus auf den Parkplatz gefolgt ist, hat Leonard einen der beiden anderen Angreifer mit einem Stuhl niedergeschlagen und den anderen mit dem Kopf in die Wand gerammt. Mein Partner Ralph ist grad da drin zugange, dem anderen den Kopf aus der Wand zu ziehen, ohne dabei noch mehr kaputt zu machen, sowohl an der Wand als auch an ihm.«

»Eigentlich«, sagte ich, »kann ich mir nur vorstellen, dass die Leonard provoziert haben. Er ist doch ein umgänglicher Mensch.«

»Ohne Scheiß?«, sagte Jane.

»Ohne Scheiß.«

»Glaub ich nicht. Wir machen jetzt Folgendes. Morgen früh kommst du mit Leonard aufs Revier, nicht in aller Herrgottsfrühe, aber noch vor dem Mittagessen, und wir erledigen den Papierkram. Ich werde allerdings nicht da sein. Muss erst mal ausschlafen. Aber es gibt meinen Bericht und die Zeugenaussagen, die werd ich nachher noch einreichen, das wird dann alles vorliegen. Und, ganz unter uns, das fand ich echt klasse, der Kopf von dem Typen da in der Wand. Bevor du abhaust, musst du unbedingt da reingehn und dir das ansehn, wenn sie seinen Kopf nicht schon wieder rausgezogen haben. Wenn nicht, dann lass dir den Anblick nicht entgehen. Ein echter Hammer.«

Bevor ich Leonard nach Hause fuhr, warf ich tatsächlich noch einen Blick in den Big Frog Club, wo ein Cop den Kopf des Kerls aus der Rigipswand zu zerren versuchte und unwillkürlich vor sich hin kicherte. Er blickte mir in die Augen und konnte nicht mehr an sich halten, prustete, ließ von ihm ab und trat ein paar Schritte beiseite und krümmte sich vor Lachen.

Ein zweiter Cop ging lächelnd zu dem Kerl hin und zog ihn halbherzig am Ohr – das andere Ohr war nicht zu sehen – und sagte: »Los, komm schon, raus da.«

Der Kopf steckte so tief in der Wand, dass er auf der anderen Seite in der Herrentoilette wieder rauskam. Wahrscheinlich hatte er sich umgedreht, um zu flüchten, und war gegen die Wand gelaufen, und dann hatte Leonard ihn im Genick gepackt und vorwärts mit der Stirn durch die Wand gestoßen bis ins Klo auf der anderen Seite. Sein Gesicht war völlig verkratzt, so als hätte eine Katze daran ihre Krallen gewetzt.

Die Trennwand zum Klo war keine feste Wand, nur Gipskarton, also war es gar nicht so schwer gewesen, sie mit seinem Kopf zu durchschlagen. Ich besah ihn mir genauer. Sein Kinn hatte sich an einer Querlatte verklemmt, sein Nacken an der darüber. Offenbar hatte er sich da gerade noch durchgequetscht, schaffte es aber nicht mehr zurück, und die Cops überschlugen sich nicht gerade damit, ihm rauszuhelfen.

Ich sagte: »Wenn du ein Geweih hättest, könnten wir dich so lassen und den Leuten erzählen, du wärst eine Jagdtrophäe.«

»Leck mich«, sagte er mit schwacher Stimme und nichts dahinter, also nahm ich es ihm nicht übel.

Ich benutzte das Pissbecken, das sich genau unter ihm befand, und lächelte, während ich reinpisste. Ich drückte nicht die Spülung. Dann ging ich wieder in den Gastraum und betrachtete die Rückseite des Kerls. Er stand leicht nach vorne gebeugt, auf den Zehenspitzen, und streckte seinen Hintern in die Luft, während sich auf der anderen Seite wahrscheinlich ein schöner Zahnbelag vom Pissegeruch bildete.

Ich schlenderte zum Tresen, lehnte mich darüber und schaute nach unten. Der andere Kerl, den Leonard vertrimmt hatte, kauerte wach mit dem Rücken gegen den Tresen gelehnt am Boden. Neben ihm lag ein kaputter Stuhl.

Ich sagte: »Du hast deinen Schwanz in ein Wespennest gesteckt, Kumpel.«

»Was du nicht sagst«, erwiderte er. »Wir haben doch bloß Spaß gemacht.«

»Und, wie spaßig war’s?«

»Nicht so spaßig.«

Ich schnappte mir Leonard und fuhr ihn nach Hause.

Daheim angekommen, setzte ich ihn auf einen Stuhl in der Küche. Brett, mein herrlicher Rotschopf, kam die Treppe runter. In einem meiner Schlafanzüge, und sie sah süß darin aus, weil er ihr zu groß war. Die roten Zehennägel an ihren nackten Füßen lugten darunter hervor wie kleine Ostereier. Sie trat zu uns und schaute sich Leonard an.

»Hat dich jemand durchgecheckt?«, fragte sie.

»Hab niemand rangelassen«, sagte er.

Brett schob seine Hand mit dem blutigen Lappen beiseite. Sie untersuchte seine Wunde. Als Krankenschwester war sie ja genau die Richtige dafür.

»Nicht so schlimm, wie’s aussieht«, sagte sie. »Ich glaub, das verheilt ohne Nähen.«

»Fühlt sich aber ganz schön schlimm an«, sagte Leonard.

»Würden ein paar Vanillekekse und ein Glas kalte Milch deine Schmerzen lindern?«, sagte sie.

»Verdammt, ja«, sagte Leonard. »Und nach der Milch vielleicht noch ’n Dr. Pepper.«

»Das lässt sich machen«, sagte Brett. »Aber erst kommst du mit mir ins Bad und lässt dich verarzten.«

Als das erledigt war, trug Leonard einen Verband am Kopf. Brett brachte ihm einen Teller mit ein paar Keksen und ein großes Glas kalte Milch. Leonard setzte sich hin und lächelte und tunkte seine Kekse in die Milch.

»Also, was ist passiert?«, fragte ich ihn.

»Die haben mich einen Schwulen genannt.«

»Aber du bist doch schwul.«

»Es war ihr Tonfall«, sagte er.

»Und woher haben sie’s gewusst?«, fragte Brett.

»Ich hab einen von ihnen ganz dezent angesprochen«, sagte Leonard.

»Wie dezent?«, fragte ich.

»Ich hab ihn bloß gefragt, ob er schwul wär, weil er so aussah, und dann war plötzlich der Teufel los.«

»Genauer gesagt, du hast dem einen Kerl einen Stuhl über die Rübe gezogen, dem andern Kerl den Kopf durch eine Rigipswand gerammt, und dem Kerl auf dem Parkplatz hast du die Scheiße aus dem Leib geprügelt. Der Teufel war da nicht dabei.«

»Ja, so ungefähr«, meinte Leonard mau und biss in einen Keks.

Am nächsten Vormittag fuhren wir zum Polizeirevier. Dort schickten sie uns zum Chef. Er war in seinem Büro zusammen mit einem Cop, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Vor ihnen lagen eine Reihe von Fotos auf dem Schreibtisch, und der Cop lachte.

Ich riskierte einen Blick auf die Fotos. Sie zeigten den Kopf-durch-die-Wand-Typen.

Der Cop versuchte, sich zu beherrschen, sich das Lachen zu verkneifen.

Der Polizeichef sagte: »Benimm dich professionell, oder zieh Leine.«

Der Cop ging an uns vorbei und nach draußen. Er kicherte im Gehen, wollte nicht losprusten und machte Geräusche wie ein Wasser spuckendes Kind.

»Setzt euch«, sagte der Polizeichef.

Auf unserer Seite standen zwei Stühle, wir nahmen darauf Platz. Er sagte: »Das kann nicht so weitergehen, Jungs. Das hält meine Leute von der Arbeit ab. Die kommen alle hier rein, um sich die Tatortfotos anzuschauen.«

Er hielt eines hoch. Der Kopf-durch-die-Wand-Typ.

»Das hier«, sagte er, »ist besonders beliebt.«

Ich prustete wie der Cop gerade eben.

»Und das noch«, sagte er.

Eine Nahaufnahme vom Gesicht des Typen, ganz böser Blick.

Diesmal musste sogar der Chef lachen. Er legte das Foto wieder auf den Schreibtisch.

»Jeder im Department hat sich Abzüge machen lassen. Unsere Kollegin Jane Bowden hat das alles geknipst, im Sinne einer möglichst vollständigen und gründlichen Erfassung des Tatortes.«

»Gibt’s davon auch welche im Kleinformat, zum in die Brieftasche stecken?«, fragte ich.

»Nein, aber das kommt noch. Leonard, hör zu, du hast Glück. Die Zeugen bestätigen, dass die anderen angefangen haben und du dich verteidigen musstest. Der Inhaber hat Anzeige gegen sie erstattet. Also, wahrscheinlich warst du im Recht, weil sie angefangen haben, aber manchmal, da schadet’s nicht, wenn man einfach mal Leine zieht.«

»Der Stuhl auf meinem Kopf hat verhindert, dass ich einfach davongelaufen bin«, sagte Leonard. »Der hat mich einen Moment lang außer Gefecht gesetzt, und als ich wieder bei Sinnen war, war ich etwas verwirrt.«

»Einverstanden«, sagte der Chef. »Es gibt ja Zeugen, und obendrein hat auch einer der drei, die du vermöbelt hast, als Zeuge ausgesagt. Zu deinen Gunsten. Er kommt mit einer Geldstrafe und einem Teil der Reparaturkosten für die Bar davon, und er hat ausgesagt, dass sie angefangen haben.«

»Welcher von den dreien?«, fragte Leonard. »Der Kopf-durch-die-Wand-Mann?«

»Nein.«

»Jede Wette, nicht der Mann ohne Zähne«, sagte ich.

»Die Wette würdest du gewinnen.«

»Bleibt also der, den ich mit einem Stuhl hinter den Tresen geprügelt hab«, sagte Leonard.

»Bingo.«

Als wir aus dem Büro kamen, begegneten wir dem Kerl, der hinter dem Tresen gelandet war. Er saß im Warteraum. Vorhin hatte er noch nicht da gesessen.

Leonard tippte mit zwei Fingern außen an seine Augenbraue, zum Gruß im Vorbeigehen.

Der Kerl war ungefähr dreißig, blond, gut in Form. Wenn alles verheilt war, würde er womöglich ganz gut aussehen. Sein linkes Auge war zugeschwollen und schwärzlich verfärbt, seine fleischigen roten Lippen sahen aus wie Gummiwürmer zum Angeln. Wir gingen hinaus auf den Parkplatz, zu meinem Auto. Er humpelte uns hinterher.

Wir wollten gerade einsteigen, als er sich näherte.

Leonard wandte sich ihm zu und sagte: »Hast du noch nicht genug?«

Der Mann hob seine Hände. »Doch, hab ich, Mr Pine. Stimmt doch, oder? Pine?«

Leonard nickte.

»Ich möchte mich entschuldigen«, sagte der Mann.

»Entschuldigung angenommen«, sagte Leonard. »Wiedersehn.«

»Warten Sie. Bitte.«

Ich war schon fast auf der Fahrerseite eingestiegen, doch nun stellte ich mich auf der anderen Seite neben Leonard, und wir lehnten uns beide gegen den Wagen.

»Ich heiße Kelly Smith. Ich möchte Sie engagieren.« Dabei hielt er Blickkontakt mit Leonard.

»Mich engagieren?«, sagte Leonard. »Wozu denn? Werden Sie gern verprügelt?«

»Nichts dergleichen. Ich habe da ein Problem. Deswegen war ich auch in der Bar.«

»Ein Alkoholproblem?«, sagte ich.

»Nein«, sagte er und sah zu mir her. »Und wer sind Sie?«

»Ein Freund«, antwortete ich.

Er nickte, dann wieder zu Leonard: »Können wir uns unter vier Augen unterhalten?«

»Wenn Sie was zu sagen haben, dann raus damit. Hap und ich können’s uns gemeinsam anhören, ohne dass einer heult. Wir heulen nicht.«

»Na, ich weiß nicht«, sagte ich. »Bei diesem einen Film. Du weißt schon, welcher.«

»Ach, Die Legende von Aang«, sagte Leonard. »Ja, der war scheiße. Da heult jeder. Aber warum war der in 3D? Den hätte man als Riechfilm zeigen sollen.«

Kelly stand da, während wir unser Ding durchzogen. Als wir fertig waren, sagte er: »Ich brauche jemanden, der eine harte Sache für mich erledigt, die ein kleines bisschen gegen das Gesetz verstößt.«

»Wie klein ist das Bisschen?«, fragte Leonard.

»Na ja«, sagte er, »vielleicht doch mehr als ein kleines bisschen.«

Wir fuhren zu einem Café und setzten uns drinnen etwas abseits an einen Tisch. Hintergrundmusik erfüllte den Raum, und verstreut saßen ein paar Leute an anderen Tischen, und nach uns kam noch eine gut aussehende Frau in sehr kurzen Shorts herein. Hitze mochte ich eigentlich nie so besonders, aber ein paar schöne Dinge brachte der Sommer doch mit sich.

Leonard sagte: »Hey, konzentrier dich.«

»Ich bin ganz Ohr«, sagte ich.

»Ich verpetz dich bei Brett«, sagte er.

»Ist ja schon gut, ich genieß nur die Aussicht, ich will ja nix anfassen.«

Kelly hatte sie ebenfalls beäugt. Nun sah er wieder zu uns her. »Ich hab eigentlich nichts mit diesen beiden Typen von gestern Abend zu schaffen.«

»Sie schienen aber ziemlich vertraut miteinander«, sagte Leonard.

»Klar«, sagte er. »Aber wir sind nicht miteinander befreundet, das meine ich.«

»Sie haben mitgekämpft, als wären es ihre Kumpels«, sagte Leonard.

»Gekämpft haben wir nicht groß«, sagte er. »Eher haben Sie uns in den Boden gestampft.«

»Ich war ein bisschen unsicher auf den Beinen«, sagte Leonard. »Dieser Stuhl hat wehgetan.«

»Sie waren am Boden, und dann sind Sie wie ein Springteufel wieder aufgestanden«, sagte Kelly. »Als ich das gesehen habe, dachte ich, scheiße, der ist ja der reinste Dracula.«

»Dann wär ich aber Blacula. Kennen Sie den alten Film?«

Kelly schüttelte den Kopf.

»Egal«, sagte Leonard. »Hören Sie, das ist ja nett von Ihnen, dass Sie uns einen Kaffee und ein Plunderteilchen spendieren …«

»Ich nehm einen Apfelkrapfen«, sagte ich.

»Meinetwegen«, sagte Leonard. »Ein Plunderteilchen und einen Apfelkrapfen, aber wenn Sie uns noch was sagen möchten außer ›Es tut mir leid, ich lade Sie zum Kaffee ein‹, dann rücken Sie mit der Sprache raus. Ich und Hap haben viel zu tun. Wir haben ständig Termine, müssen uns mit Leuten treffen und Dinge erledigen.«

»Eigentlich nicht«, sagte ich. »Wir haben heute eigentlich nichts weiter vor.«

Leonard bedachte mich mit einem bösen Blick.

»Ich bezahle Sie dafür, dass Sie mir helfen«, sagte Kelly.

»Ein Klavier transportieren, oder über was reden wir hier?«, sagte Leonard.

»Nein«, sagte er. »Es geht darum, jemanden vielleicht ein bisschen aufzumischen.«

»Moment mal«, sagte Leonard. »Warum? Und für wie viel?«

»Es geht um meinen Bruder Donny. Er steckt tief im Schlamassel«, sagte Kelly.

»Welche Art von Schlamassel?«, fragte ich.

»Er hat sich mit diesen Typen eingelassen, die Geldtransporter überfallen«, sagte Kelly.

Das ließen wir erst mal sacken. Diese neue Wendung hing zwischen uns im Raum wie ein stinkender Kadaver.

»Das hört sich jetzt für mich an wie ganz schön tief im Schlamassel. Zu tief für uns«, sagte ich.

»Ganz schön tief, ja«, sagte Kelly. »Er ist erst einundzwanzig, und eigentlich ein netter Junge.«

»Außer, dass er einen Geldtransporter überfallen will«, sagte ich. »Das würde ich möglicherweise als kleine Charakterschwäche bezeichnen.«

Kelly nickte.

Ich fuhr fort: »Er ist einundzwanzig, und Sie, um die dreißig? Da liegen ein paar Jährchen dazwischen, oder?«

»Einundzwanzig, ja, und richtig, er war ein Nachzügler, mit dem niemand mehr gerechnet hatte«, sagte Kelly. »Dad hatte es sowieso nie so mit Ehe und Familie, und als dann überraschend noch Donny kam, wurde es ihm zu viel. Er fuhr mit dem Auto weg, einen Ölwechsel machen lassen, und fuhr dann einfach immer weiter.«

»Und was hat das alles mit mir zu tun?«, fragte Leonard.

»Haben Sie den Überfall letztes Jahr in LaBorde mitgekriegt? Was mit den Wachleuten in dem Geldtransporter vor der Bank passiert ist?«

»Ja, ich erinnere mich«, sagte Leonard. »Sie haben die Wachleute erwischt, als sie das Geld aus der Bank zu ihrem Laster gebracht haben. Sind maskiert und bewaffnet einfach vor ihnen aufgetaucht und haben die Wachleute hinten in den Transportraum gesperrt. Die haben vielleicht, na, wie viel, 200 000 Dollar eingesackt?«

»So um die 400 000«, sagte Kelly. »Es muss jemand auf sie gewartet haben, der sie aufgelesen hat und mit ihnen abgehauen ist. Keiner weiß was Genaues. Nur dass sie im einen Moment noch da waren, mit ihren Halloween-Masken, sich das Geld geschnappt haben, und weg waren sie. Das ist alles. Haben den Wachleuten die Waffen abgenommen und sie dann hinten in den gepanzerten Wagen verfrachtet und ihnen Plastikhandschellen verpasst. Die eine Hälfte einer Handschelle ums linke Fußgelenk, die Hälfte einer anderen Handschelle ums rechte Handgelenk. Dann die Arme hinter dem Rücken fixiert, nach unten gezogen und mit der zweiten Hälfte der anderen Handschelle an das Fußgelenk gefesselt. So konnten sie sich kaum bewegen, geschweige denn wegrennen.«

»Ist ja nett«, sagte ich.

»War Ihr Bruder mit von der Partie?«, fragte Leonard.

»Nein, aber ich glaube, beim nächsten Mal.«

»Und verraten Sie uns auch, wie Sie darauf kommen?«, fragte ich.

»Weil ich in seinem Zimmer ein paar Zeitungsartikel über diesen Scheiß gefunden habe«, sagte er.

»Das will doch nichts heißen«, sagte Leonard. »Hap hat Bücher über Satan, aber er ist kein Satanist. Zumindest soviel ich weiß.«

»Diese verfluchten Bücher und diese ganze Rap-Musik«, sagte ich. »Die können einem den Kopf verdrehen.«

Kelly ignorierte mich. Manchmal hilft nur das. Er sagte: »Ja, aber Donny, der kriegt immer Besuch von diesen Kumpels, und dann schließen sie sich stundenlang in seinem Zimmer ein. Sie rauchen Gras, das weiß ich genau. Das riecht man. Aber was mir wirklich Sorgen macht – ich glaube, diese Freunde von ihm, das sind die Typen, die die Überfälle begehen, und die wollen Donny da mit reinziehen.«

»Reine Vermutungen«, sagte ich. »Gibt es auch was Stichhaltigeres?«

»Diese Typen, das sind harte Kerle«, sagte Kelly. »Und Sie haben ja gesehen, ich bin nicht so hart.«

»Immerhin fallen Sie gut«, sagte Leonard.

»Sie haben uns immer noch keinen triftigen Grund zu der Annahme geliefert, dass Ihr Bruder drauf und dran ist, an einem Überfall teilzunehmen.«

»Ich hab sie belauscht. Ich hab mich in ihrer Nähe rumgedrückt, und ich habe gehört, wie es darum ging, dass sie einen Fahrer bräuchten. Gesprochen hat ein Kerl mit dem Spitznamen Smokey. Donny nennt ihn so, alle nennen ihn so. Wahrscheinlich, weil er pausenlos qualmt. Im Haus erlaube ich das nicht, aber er raucht trotzdem. Ein einziges Mal hab ich ihn gebeten, es zu unterlassen, aber er hat sich nur eine Kippe angezündet, mich angegrinst und ist dann mit Donny im hinteren Zimmer verschwunden. Verdammt, sogar Donny ist härter drauf als ich. Er ist anders aufgewachsen als ich. Härter. Ich bin mir fast hundertprozentig sicher, dass diese Typen sich bald einen weiteren Geldtransporter vornehmen, und dass sie Donny da mit reinziehen.«

»Klingt immer noch ziemlich lahm«, sagte ich. »Aber wenn Sie meinen, das genügt, dann gehen Sie doch damit zur Polizei. Wir kennen den Chef der Truppe. Ich kann nicht behaupten, dass er uns besonders mag, aber die Fotos von Ihrem Kumpel mit dem Kopf in der Wand, die fand er ziemlich lustig. Im Augenblick hält er Leonard also für einen Spaßvogel.«

»Die Polizei würde Donny mit einbuchten, und er ist ein netter Junge, ehrlich. Unsere Mutter ist gestorben, als er noch zu Hause gewohnt hat. Herzinfarkt. Übergewichtig, hat nie auf sich achtgegeben. Nachdem Dad mit einer anderen abgehauen ist und irgendwo in den Norden gezogen ist, ging alles den Bach runter. Sie ist also gestorben, und ich bin wieder nach Hause gezogen. Aber nicht sofort. Das ging nicht, ich hatte einen Job in Austin, und hier in der Gegend musste ich erst mal einen finden. Jetzt arbeite ich an der Uni, als Hausmeister.«

»Und davor?«, fragte ich.

»Da war ich Computerexperte, hab eine halbe Million im Jahr verdient. Und jetzt habe ich gerade genug für das Benzin im Tank und das Essen auf dem Tisch. Irgendwie hatte ich das Gefühl, Donny würde nicht klarkommen und bräuchte mich hier. Als ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, vor Moms Tod, da war mir klar, dass er Mist baute. Aber diese Freunde von ihm, die sind wirklich das Letzte, die gefallen mir gar nicht, und ich bin sicher, das sind die Typen von den Überfällen.«

»Das haben Sie im Gefühl?«, sagte ich.

»Ja.«

»Tja«, sagte Leonard, »Gefühle sind gut und schön, aber vielleicht bilden Sie sich nur was ein und halten es für der Weisheit letzten Schluss. Aus einem Bauchgefühl heraus glauben die Leute eine ganze Menge, und das meiste davon stimmt nicht. Außerdem, Kelly, ist das nicht unser Problem. Sondern ein Polizeiproblem.«

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Wenn die Polizei Donny hochnimmt, ist sein Leben ruiniert.«

»Na ja, wenn er einen Geldtransport überfällt oder eine Bank, kriegt er vielleicht ’ne Kugel in den Kopf«, sagte Leonard. »Dann ist auch so ziemlich alles ruiniert.«

»Ja, das könnte seine Karriere ganz schnell beenden«, sagte ich.

»Gestern Abend bin ich in diese Bar gegangen, weil ich Hilfe gesucht habe. Diesen Typen hab ich nichts Genaueres erzählt, nur dass ich jemanden suche, der vor etwas grobem Körpereinsatz nicht zurückschreckt. Ein Bekannter hatte mir diese Typen empfohlen. Und dann ging’s los, einer von den beiden hat Sie beleidigt, und die ganze Sache lief aus dem Ruder … wobei die beiden wahrscheinlich damit anfingen, um mir zu beweisen, wie hart sie sind. Und schon war ich mittendrin, lag am Boden, und einer der beiden steckte mit dem Kopf in der Rigipswand, während Sie den anderen nach draußen verfolgt haben. Dabei sind Sie älter als die.«

»Vorsicht«, sagte Leonard.

»Ich mein ja bloß, als ich das gesehen hab, da dachte ich, vielleicht sind Sie ja viel eher der Richtige für den Job.«

»Na, ich weiß nicht«, sagte Leonard.

»Donny sieht richtig auf zu diesem Smokey. Und will ihn beeindrucken. Der Kerl besteht nur aus Muskeln und ist hundsgemein. Echt hundsgemein.«

»Spricht da wieder Ihr Bauchgefühl?«, sagte Leonard.

»Ja.«

»Hm«, machte Leonard, »in solchen Fällen liegt das Bauchgefühl meistens richtig. Wir erkennen einen Hai immer noch auf den ersten Blick. Deswegen sind wir ja ursprünglich an Land gekrochen und haben uns zu Menschen entwickelt. Das Dumme ist nur, dass nach uns auch ein paar Haie an Land gekrochen sind.«

»Das wären dann die Anwälte«, sagte ich.

»Ich hab Smokey und seinen Jungs gesagt, sie sollen bloß nicht wiederkommen, aber das hat keinen Zweck«, sagte Kelly. »Sie kommen ja doch wieder her, und wenn nicht, dann trifft sich Donny woanders mit ihnen. Er ist schließlich einundzwanzig, ich kann ihm nichts mehr vorschreiben, vom Gesetz her.«

»Sie wissen nicht zufällig, wo sie sich treffen, oder?«, fragte ich.

»Nein«, sagte Kelly. »Und es ist mir peinlich, aber ich muss gestehen, ich habe Angst davor, ihm nachzuspüren. Ich habe Angst, dass sie mich erwischen. Smokey und dem Rest dieser Typen traue ich alles zu.«

»Was sind das für welche, seine Kumpels?«

»Es sind drei. Die laufen ihm hinterher. Smokey sagt ihnen, wo’s lang geht, das ist offensichtlich. Ich weiß nicht mal ihre Namen, auch sonst nichts über sie. Verdammt, nicht mal über Smokey weiß ich wirklich was.«

»Nehmen wir mal an, wir kümmern uns drum und stellen fest, dass Donny nur Gras raucht oder Drogen vertickt, was dann?«

»Keine Ahnung. Vielleicht können Sie ihm einen Dämpfer verpassen. Das ist doch alles echter Mist. Ich wollte als großer Bruder für ihn da sein, aber es ist ihm ganz egal, was ich von ihm denke. Dieser Smokey, der ist wohl eine Art Vaterfigur für ihn. Und so wie er aussieht, könnte er glatt einen Schraubenschlüssel verbiegen. Wie gesagt, ich glaube, für Donny ist er wie eine Art Vater.«

»Ein Vater muss nur willensstark sein«, sagte ich. »Kann nicht schaden, wenn er auch ein Montiereisen über dem Knie verbiegen kann, aber das gehört nicht zu den wichtigen Sachen.«

»Ja«, sagte Kelly, »aber erzählen Sie das mal Donny. Schauen Sie, wirklich, er ist ein netter Junge. Er darf nur nicht auf die schiefe Bahn geraten. Wenn die ihn da mit reinziehen, ruinieren sie ihm das Leben. Ich hab ein bisschen was gespart, von dem Geld, das ich vorher verdient habe, bevor ich hierher gezogen bin. Ich zahle jedem von Ihnen zehntausend Dollar.«

Ich sah Leonard an. Er seufzte.

»Hören Sie«, sagte ich, »behalten Sie Ihr Geld im Moment noch. Lassen Sie uns drüber nachdenken, wir überlegen uns die Sache, und wenn wir dann der Meinung sind, dass wir Ihnen helfen können, dann unterhalten wir uns noch mal. Und wenn nicht, dann auch. Aber diese Unterhaltung wird Ihnen dann vielleicht weniger gefallen.«

»In Ordnung«, sagte Kelly. »Geht völlig in Ordnung. Damit bin ich einverstanden.«

Am selben Nachmittag gingen wir ins Studio zum Fitnesstraining. Unser Studio taugt nichts. Es ist klein, drinnen ist es heiß, und es hat nur einen kleinen Raum mit einer Turnmatte. Die Matte ist dünn wie Papier und stinkt nach Schweißmauken. Der Studiobesitzer selbst hat’s nicht so mit dem Fitnesstraining. Sieht deshalb auch aus wie ein verdammter runder Apfel aus Weichgummi. Normalerweise sitzt er auf einem Stuhl am Eingang und lässt sich die frische Luft um die Nase wehen, weil es nämlich keine Klimaanlage gibt. Die Tür steht immer offen, außer im tiefsten Winter. Die Fliegen summen rein und raus, wie sie wollen.

Auf seinem Sitz kontrolliert er die Mitgliedskarten. Der einzige Vorteil seines Studios: Die Mitgliedschaft kostet nicht viel, und es liegt ganz in der Nähe. Das einzige Gespräch mit ihm, an das ich mich erinnere, bestand aus einem Satz von ihm: »Das wären dann dreißig Dollar im Monat, von jedem.«

Aber was soll’s. Wir bringen unsere eigenen Handschuhe fürs Kampftraining mit. Wenn wir trainieren, kämpfen wir meistens mit den Fäusten, obwohl ich im Ernstfall lieber nicht nur die Faust nehme, sondern auch die offene Hand. Mit unseren Handschuhen können wir zwar die flache Hand einsetzen, aber das kann manchmal Schlimmeres anrichten als eine Faust, und schließlich sind wir Freunde. Nichts schreit lauter »Ach du Scheiße!« als ein Finger im Auge deines besten Kumpels.

Wir bewegten uns ein bisschen, brachten kurze Schläge an, auch kurze Fußstöße. Wir trainierten bloß, kämpften nicht wirklich miteinander. Das darf man nie durcheinanderbringen. Ersteres ist wie Schwimmen in einem geheizten Pool, Letzteres wie in stürmisches, haiverseuchtes Meerwasser geschmissen zu werden.

Wie wir da so umeinander herumtänzelten, unsere Muskeln bewegten und uns gegenseitig mit Stupsern und Knuffen eindeckten, sagte ich: »Kaufst du ihm das alles ab?«

»Ich weiß nicht«, sagte Leonard und hielt einen Moment inne, stemmte die Hände in die Hüften und holte tief Luft. »Vielleicht. Seine Geschichte ist so saublöd, dass was Wahres dran sein muss. Ich meine, da hat ein Typ Probleme mit seinem kleinen Bruder, der mit zwielichtigen Typen rumhängt, die vielleicht Banken überfallen, also geht er in eine Bar, um jemanden aufzugabeln, der die Bankräuber aufmischt.«

»Meinst du, damit hat es sich?«

»Ich weiß nicht. Vielleicht erhofft er sich von uns eine dauerhaftere Lösung, was diese Typen betrifft.«

»Da würde ich nicht mitspielen.«

»Müssen wir vielleicht gar nicht. Sieh’s doch mal so, Hap. Ich glaube, der Typ macht sich wirklich Sorgen um seinen Bruder, und vielleicht können wir uns die Sache mal genauer anschauen und dann besser aus der Welt schaffen, als er das könnte. Ohne uns beauftragt er wahrscheinlich so jemanden wie den Kerl, den ich auf dem Parkplatz liegen gelassen habe. Und dann wird’s haarig, und am Ende landen womöglich beide, Kelly und sein Bruder, im Knast.«

»Normalerweise bist du derjenige, der mir beschissene Ideen wie die ausredet.«

»Hat das jemals funktioniert?«

»Kaum. Dieser Kelly hat es dir ein bisschen angetan, oder?«

»Ein bisschen.«

Wir blieben noch eine Weile in Bewegung. Leonard landete bei mir einen guten Treffer auf die Stirn. Dafür täuschte ich einen niedrigen Haken an, wechselte dann zu einer hohen Rechten und erwischte ihn an der Backe.

»Autsch«, sagte er. »Ich hab genug für heute. Das war genau auf meine Wunde.«

»Das war auf deine Backe.«

»Ich meine nicht den verbundenen Teil von meinem Kopf, ich meine den Bluterguss. Den kannst du nur nicht sehen, weil ich so schön schwarz bin.«

»Wie du meinst.«

Es gab hier keine Duschen, und unser Training beinhaltete, dass wir von meinem Haus in die Stadt und ins Studio joggten.

Auf dem Rückweg sagte ich beim Joggen: »Wir können uns ja mal umsehen, uns die Sachlage genauer ansehen. Wenn uns was nicht passt, wenn uns was nicht geheuer vorkommt, können wir jederzeit abbrechen. Und zur Polizei gehen, wenn wir das für richtig halten.«

»Dann würden wir denen aber einiges erklären müssen.«

»Wir sagen einfach, wir haben gedacht, der Mann hat sie nicht mehr alle, und wir sollten uns nur ein bisschen um seinen Bruder kümmern.«

»Glaubst du, diese Kerle sind echt Bankräuber?«, sagte Leonard.

»Keine Ahnung«, sagte ich. »Möglich ist es. Sagen wir mal, sie sind es. Dann taucht dieser Knabe auf, und sie sehen in ihm einen Neuzugang. Einen Fahrer für das Fluchtauto, würde ich vermuten. Sie kochen ihn weich mit ihren ganzen tollen Geschichten, machen ihm weis, er würde reich werden und auf eigenen Füßen stehen und so weiter. Und der Kleine, ohne einen Vater, seine Mutter gestorben, sein Bruder früher nie da, vielleicht hatten sie sowieso nicht die beste Beziehung zueinander, unser Donny lässt sich dann eben leicht für krumme Touren einspannen.«

»Klar, könnte so gelaufen sein.«

Wir joggten eine Weile ruhig nebeneinander her. Ich wusste, dass Leonard sich das Ganze durch den Kopf gehen ließ, und störte ihn nicht dabei.

Schließlich fragte ich ihn: »Und, schauen wir uns die Sache mal an?«

»Aber schön vorsichtig, würde ich sagen. Wir finden raus, ob der Junge wirklich in Schwierigkeiten steckt. Ob diese Kerle wirklich das sind, was Kelly denkt, und ob wir irgendwas dagegen unternehmen können, ohne selber im Knast zu landen. Das ist das Mindeste, was wir tun können.«

»Also dann«, sagte ich, und wir stießen unsere Fäuste gegeneinander.

Wir weihten unseren Freund Marvin Hanson ein. Er führt eine Privatdetektei und war früher Polizist. Und manchmal arbeiten wir für ihn. Sein letzter Auftrag für uns war eine einfache Sache gewesen, nur leider ohne Bezahlung, weil dem Klienten nicht gefiel, was am Ende dabei herauskam. Er bezahlte nicht, also konnte Marvin uns nicht bezahlen.

Deshalb war Marvin uns noch was schuldig.

Wir stellten ihm Kelly vor. Wir ließen ihn das Haus von Kelly und Donny überwachen, um rauszukriegen, wann Donny wohin ging und ob er sich mit zwielichtigen Typen traf.

Nach seiner Schicht übernahm ich, und nach mir Leonard. So setzten wir das ein paar Tage lang fort. Wir beschatteten ihn 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, von einem Standort ganz in der Nähe bei einem unbenutzten Fußballfeld, wo das Gras nicht gemäht war und die Tornetze fehlten.

Eines Abends während Marvins Schicht lag ich mit meiner Liebsten lesend im Bett, oben im Schlafzimmer, und Leonard schlummerte unten auf der Couch, weil er vor Kurzem erst seinen Wachposten bei Kellys Haus verlassen hatte. Ich legte den Western, den ich gerade las, beiseite und schaute auf die Uhr. Mitternacht.

Ich wollte mich gerade umdrehen und ein bisschen schlafen, weil ich am nächsten Morgen um acht an der Reihe war, da klingelte es an der Haustür.

Gefällt mir gar nicht, wenn um diese Zeit jemand an der Tür klingelt.

Ich holte meine Automatik aus der Nachttischschublade, und Brett griff nach ihrem Revolver.

»Ich geh nachschauen«, sagte ich. »Leonard ist noch unten, und wenn’s ernst wird, ruf die Polizei.«

Ich ging die Treppe runter, aber die Tür stand schon offen. Leonard ließ Marvin rein.

»Mann, das war aber ’ne kurze Schicht«, sagte ich.

»Ja«, meinte Marvin.

Marvin hat eine Krücke und humpelt. Schnell setzte er sich auf einen Stuhl. Er nahm seinen Hut ab, der früher einmal einem Freund von uns gehört hatte, und legte ihn sich aufs Knie. Er sagte: »Es gibt was Neues, das ihr vielleicht lieber gleich wissen solltet.«

»So um halb zehn sitz ich also in meiner Karre und denk mir, dass ich eigentlich lieber daheim im Bett bei meiner Frau wär, da seh ich einen Wagen am Gehweg anhalten. Vier Typen steigen aus. Einer sieht danach aus, als würde er Gewichte stemmen. Viele Gewichte, große Gewichte, schwere Gewichte.«

»Das müsste der liebenswerte Smokey sein.«

»Ja, dafür dass er so’n Muskelberg ist, raucht er aber verdammt viel.«

»Vielleicht wird er deshalb Smokey genannt, Marvin … Nur so ’ne Idee …«