Hardliner - Felix A. Münter - E-Book
Beschreibung

Carter ist käuflich. Nach seinem Rachefeldzug in der Schweiz ist Carter abgetaucht. Es hat ihn zurück an den Ort gezogen, an dem er aufgewachsen ist: Tel Aviv, Israel. Eigentlich wollte der Söldner für einige Monate den Kopf einziehen und warten, bis Gras über die Vorfälle in der Schweiz gewachsen ist. Doch es kommt anders als erwartet. Als Aschkelon an der Grenze zu Gaza Ziel eines Raketenangriffs der Hamas wird, kann Carter sich dem Strudel der Ereignisse nicht entziehen. Terroristen, Waffenschieber, der Geheimdienst und auch das israelische Militär spielen ein gefährliches Spiel auf einem Pulverfass, das vermutlich jeden Moment explodieren wird ... "Carter ist übrigens nicht mein richtiger Name." Weitere aktuelle Titel von Felix  A.  Münter:    Die Carter-Akten (Thriller-Serie): - Mercenary - Hunter - Hijacker - Bloodhound - Hitman - Lone Wolf - Hardliner Dynastie (Episches Fantasy Drama): - Königsretter - Königsfreund - Königsbote Westrin (High-Fantasy-Saga): - Kaisersturz - Exil - Schicksal - Kaisergardist - Legionär - Phoroi Trümmerwelten (High Fantasy-Epos in Zusammenarbeit mit Ann-Kathrin Karschnick): - Trümmerwelten - Die Abenteuer der Alice Sparrow - Trümmerwelten - Die Odyssee der Alice Sparrow  - Trümmerwelten - Das Schicksal der Alice Sparrow Troubleshooter (Weird Horror Western Serie): - Das Aufgebot - Jäger und Gejagte - Ein Funken Wahrheit Archon (Science Fiction Serie): - Vermächtnis - Höhere Macht - Per Aspera - Eingungskrieg - Ad Astra Einzelbände: Der kleine König - High Fantasy  All about the Money - Thriller Vita - Steampunk-Thriller Prepper - Endzeit-Thriller Nulllinie - Thriller  

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Darum geht es in diesem Buch:

Carter ist käuflich. Nach seinem Rachefeldzug in der Schweiz ist Carter abgetaucht. Es hat ihn zurück an den Ort gezogen, an dem er aufgewachsen ist: Tel Aviv, Israel. Eigentlich wollte der Söldner für einige Monate den Kopf einziehen und warten, bis Gras über die Vorfälle in der Schweiz gewachsen ist. Doch es kommt anders als erwartet. Als Aschkelon an der Grenze zu Gaza Ziel eines Raketenangriffs der Hamas wird, kann Carter sich dem Strudel der Ereignisse nicht entziehen. Terroristen, Waffenschieber, der Geheimdienst und auch das israelische Militär spielen ein gefährliches Spiel auf einem Pulverfass, das vermutlich jeden Moment explodieren wird ...

Weitere Informationen zum Autor finden Sie am Ende des Buches.

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2019 by Papierverzierer Verlag, Essen

Lektorat, Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag

Cover: Legendary Fangirl Design // Tina Köpke

Alle Rechte vorbehalten.Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

ISBN 978-3-95962-637-8

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Für Katharina;

die mich auf diesem Abenteuer so wunderbar begleitet.

Ich liebe dich.

Inhaltsverzeichnis
Hardliner (Die Carter-Akten VII)
Inhalt
Impressum
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Felix A. Münter

Heimat

Kapitel I

Was ist richtig und was ist falsch? Diese Frage führt einen unweigerlich zu dem, was man Heimat nennt. Denn wie alles im Leben, so gibt es einen Grund für die eigenen Entscheidungen, die nur allzu oft an einen Ort zurückführen, der die eigene Entwicklung wie kein anderer prägte.

Während ich darüber nachdachte, wie sehr dieser Ort für mich Heimat darstellte, brachte mir die Bedienung mein Wasser und goss es einigermaßen kunstvoll in das Glas. Die Eiswürfel klirrten und tanzten, als das Gefäß sich füllte, und im Zischen und Prickeln der Kohlensäure tanzte die Zitronenscheibe, die obligatorisch dazugehörte, nach meinem Empfinden aber nichts am Geschmack änderte.

Ich lächelte der Dame zu und nickte, sie stellte das Glas ab und war so schnell verschwunden, wie sie gekommen war. Einige Momente verlor ich mich im Spiel meines Glases, dann streckte ich die Hand aus und genehmigte mir einen Schluck.

Es ist nichts Besonderes an Mineralwasser. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Ein Getränk für Langweiler, könnte man meinen, doch jeder, der mich länger kennt, weiß, wie falsch diese Annahme ist. Wasser ist eines der kostbarsten Güter, das wir haben. Und in diesen Breitengraden ist es ein kleines Wunder, dass ein Mann im Spätsommer 2018 eine eiskalte Flasche prickelnden Mineralwassers bekommen kann. Zumindest, wenn man die Geschichte und die natürlichen Gegebenheiten dieser Region bedenkt. Aber ich schweife ab. Wasser, ähnlich wie Atemluft, ist kein spannendes Thema. Wir nehmen beides als gegeben hin und merken erst, wie sehr wir es brauchen, wenn es uns ausgeht.

Ich ließ das Wasser im Mund kreisen, presste es durch die Zähne hindurch und genoss die Kühle, als ich es schluckte. Hier oben, auf dieser Dachterrasse konnte man abschalten und das hektische Leben zumindest für eine kurze Zeit vergessen – wenngleich es in Sicht- und Hörweite war. In den Straßenschluchten und über den Dächern der Stadt lärmte es: das Brummen der Motoren, das Hupen der nervösen und verärgerten Fahrer, hin und wieder eine Sirene. Es war der Lärm der Großstadt, der die Dachterrasse umgab wie eine Insel, die vom tosenden Meer umgeben war. Der Himmel war blau und fast wolkenlos, doch das war er hier oft. Die Sonne schien herab und brachte eine Wärme, die nicht leicht auszuhalten war – selbst im Schatten konnte es zuweilen drückend werden. Denn im Westen rauschte das Meer, und eine sanfte Brise brachte mit etwas Kühle auch die Luftfeuchtigkeit und einen markanten Geruch von Salz heran.

Ich stellte das Glas ab und sog all diese Eindrücke in mich auf. Sie waren gleichermaßen vertraut wie fremd. Ich war mit ihnen aufgewachsen, spürte aber, dass sich nun, mehr als zwanzig Jahre später, vieles verändert hatte. Dennoch gab es einen Begriff, um das alles zu beschreiben, und er schien mir angebracht: Heimat.

In einem Anflug von Sentimentalität – seit meiner Ankunft vor einigen Monaten hatte ich den Anblick mehr als einmal auf mich wirken lassen – erhob ich mich und schlenderte zum Rand der Dachterrasse. Dort lehnte ich mich lässig mit beiden Armen über die Brüstung und blickte durch meine Sonnenbrille hinab auf die Straßen der Stadt.

Es ist seltsam, wie sehr ein Ort sich innerhalb von zwei Jahrzehnten verändern kann. Lebt man darin, fällt einem dieser Wandel gar nicht so stark auf, denn man ist ja irgendwie ein Teil davon. Kommt man nach vielen Jahren zurück, erwartet man, alles so wie in seinen Erinnerungen vorzufinden, und erlebt eine schwere Enttäuschung. All die kleinen Läden, Bars und Restaurants geschlossen. Deren Inhaber hatten ihr Glück anderswo versucht, hatten aufgeben müssen oder an Mitbewerber verkauft. Die Straßen waren breiter, als ich sie in Erinnerung hatte, vor allem aber deutlich mehr verstopft mit Fahrzeugen. Individualität und Unabhängigkeit haben eben ihren Preis, und jedes Mal, wenn man sich das Verkehrsaufkommen oder die Parkplatzsituation ansieht, wird man daran erinnert. Neue Gebäude waren wie Pilze aus dem Boden geschossen. Nicht nur vereinzelt, sondern überall. Ganze Straßenzüge hatten sich verändert, waren offenbar planiert worden, nur um dann schöner, moderner und natürlich besser wieder errichtet zu werden. Die Skyline hatte sich verändert, zahlreiche Hochhäuser waren in den Himmel gewachsen und dominierten die Silhouette meiner Heimatstadt. Nichts war so beständig wie der Wandel – doch trotz all dieser Veränderungen kam ich mir nicht fremd vor. In diesen Straßen war ich aufgewachsen. Obwohl es mich etwas Zeit gekostete hatte, fand ich mich mittlerweile wieder zurecht, konnte genau sagen, wo mein Elternhaus gelegen hatte und wo sich die Schule befand, die ich besucht hatte. Tatsächlich: Es gab schlechtere Orte auf der Welt als Tel Aviv.

Was mich an diesen Ort gebracht hatte? Die Dinge, die in der Schweiz passiert waren. Zwar hatte ich mich danach zunächst wieder in die USA abgesetzt, doch bereits auf dem langen Flug über den Atlantik war mir klar geworden, dass es wohl das Beste wäre, mit alten Gewohnheiten zu brechen. Peyrot war immerhin ein einflussreicher Mann gewesen, und es gab Grund zu der Annahme, dass irgendwer aus seinem Dunstkreis auf Rache aus sein würde. Wobei: Die Entourage des Mannes war es nicht allein, die mir Sorgen gemacht hatte – es war viel mehr die CIA. Leeland, unabhängig davon, dass er ein durchtriebenes Arschloch gewesen war, das sein eigenes Spiel spielte, war immer noch Mitglied des Geheimdienstes, und ich war mir sicher, dass man in Langley großes Interesse daran hatte, den Tod eines Mitarbeiters zu beleuchten. Früher oder später war daher damit zu rechnen, dass man bei mir landen würde, und nach dem Intermezzo in der Schweiz war mein Bedarf, sich mit der CIA herumzuschlagen, auf Monate, wenn nicht sogar Jahre, gedeckt.

Daher gab es für mich nur eine logische Konsequenz. Ich wollte den Kopf runternehmen, so lange abtauchen, bis die Aufmerksamkeit der CIA auf anderen, viel wichtigeren Dingen lag. Ich schätzte, dass es ein paar Monate dauern würde, dann würde der Geheimdienst einerseits genug Zeit gehabt haben, Licht in Leelands Verstrickungen zu bringen und seine Rolle – vor allem aber meine – neu zu beleuchten. Und andererseits würde es dann irgendwo auf der Welt eine neue Krise geben, die Langleys volle Aufmerksamkeit auf sich zog. Ich spielte also auf Zeit, und da man mir bisher kein Kommando hinterhergeschickt hatte, ging ich davon aus, dass ich mich für den richtigen Weg entschieden hatte.

Wenn man einige Jahre in dieser Branche verbracht hat, ist das Abtauchen einfacher, als man denkt. Man hat sich zahlreiche Identitäten aufgebaut, hat tonnenweise Papiere, die das Reisen zu einem Kinderspiel machen, und auf mehr als zwei Dutzend Konten auf der ganzen Welt verstreut liegt genug Geld, um bequem anderswo neu zu beginnen.

Letzteres war eigentlich gar nicht meine Intention. Für den Moment war mir allein wichtig, meinen Hintern aus der Schusslinie zu bringen, zu warten, bis sich der Staub gelegt hatte. Was ich danach tun wollte, darüber hatte ich mir wenig Gedanken gemacht. Ein Teil von mir sagte, dass es der richtige Zeitpunkt war, um Abschied zu nehmen. Immerhin waren meine Konten gut gefüllt, und wenn ich einigermaßen gut mit dem Geld wirtschaftete, was mir regelrecht klischeehaft im Blut lag, würde ich wahrscheinlich nie wieder einen Finger rühren müssen. Hinzu kam, dass ich eben auch nicht jünger wurde. Ich stand für mein Alter noch gut im Training und meine Erfahrung konnte die Reflexe, die in den letzten Jahren schlechter geworden waren, noch problemlos ausgleichen. Aber das war nur eine Frage der Zeit. Es musste der Tag kommen, an dem Erfahrung nicht mehr ausreichte und irgendwer, der vielleicht ein oder gar zwei Jahrzehnte jünger war, mir eine Kugel verpasste. Eine, die so gut saß, dass ich danach nicht wieder aufstand. Richtig bewusst geworden, war mir das in der Schweiz. Bevor ich mich auf den Weg gemacht hatte, um mit Peyrot abzurechnen, hatte ich wochenlang ausdauernd trainiert und mich in Form gebracht – und trotzdem hatte ich mich am Rand meiner Leistungsgrenze bewegt. Andererseits: Das war es eben, was ich gut konnte. Ich hatte in meinem Leben nie etwas anderes getan, als mit der Waffe zu arbeiten. Sicher, die Auftraggeber und Umstände waren immer andere gewesen, die Arbeit selbst war im Kern aber immer gleich geblieben. Das sorgte für eine Gewöhnung, der man sich nur schwer entziehen konnte. Ich hatte kaum nennenswerte Erfahrungen in anderen Bereichen, und der Gedanke, in meinem Alter noch einmal komplett von vorn zu beginnen und etwas ganz anderes zu lernen, behagte mir ganz und gar nicht. Und mich zur Ruhe setzen? Finanziell möglich, doch allein der Gedanke daran kam mir so komisch vor, dass ich ihn gleich, nachdem er gedacht war, wieder verwarf.

Was die Zukunft brachte, wusste ich daher nicht. Ich lebte im Hier und Jetzt – und es gab genug, um mich beschäftigt zu halten. Das führt zurück zu der Frage, warum ich mich für Tel Aviv entschieden hatte und nicht für irgendeine andere Stadt oder besser noch: ein verschlafenes, abgelegenes Nest irgendwo am Ende der Welt.

Tel Aviv war Heimat. Der Ort war mir vertrauter als die meisten anderen Orte auf der Welt. Seit einigen Jahren nutze ich Denver als Operationsbasis. Ich habe die Stadt kennengelernt und finde mich dort blind zurecht, doch das Gefühl von Heimat wollte sich noch nie wirklich einstellen. Doch es war nicht nur Sentimentalität, dich mich an diesen Ort gebracht hatte. Es war Familie.

Ich selbst hatte nie eine Familie gegründet und plante es auch nicht. Dafür kenne ich die Branche zu gut, die einen Mann in seinen besten Jahren nimmt und als etwas ganz anderes wieder ausspuckt. Mag sein, dass ich ein Teamplayer sein kann, wenn die Bezahlung stimmt und mein Überleben davon abhängt, doch was mein Privatleben angeht, so bin ich lieber Einzelgänger. Einsamkeit macht die meisten Dinge einfacher, unkomplizierter. Doch ungeachtet meiner persönlichen Einstellungen hatte ich natürlich Familie, so wie jeder andere Mensch auch. Oder besser gesprochen: Es gab noch meine Mutter. Jene Frau, die mich unter Schmerzen auf die Welt gebracht hatte, die stundenlang mit mir in den Wehen gelegen hatte. Zumindest sprach sie immer davon, wenn ich wieder einmal vergessen hatte, sie rechtzeitig zu ihrem Geburtstag anzurufen oder mich in regelmäßigen Abständen bei ihr zu melden. Ich war ein Einzelkind gewesen, weshalb meine Mutter nach dem Tod meines Vaters das einzige lebende Familienmitglied blieb, das ich noch hatte.

Unsere Beziehung war trotz aller Umstände innig genug, dass wir einander wichtig waren. Ein Einblick in meine zerrüttete Familiengeschichte gefällig? Mein Vater war Anwalt mit eigener Kanzlei hier in Tel Aviv gewesen. Ein cholerisches Arschloch, das es durch eigene Hände Arbeit und einige Erbschaften zu Reichtum gebracht hatte – und nichts Sehnlicheres wollte, als dass sein Sohn in seine Fußstapfen trat. Nun haben Kinder wohl oft ein Problem damit, in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten, und mir ging es nicht anders. Je älter ich wurde und je näher die Entscheidung rückte, welche Weichen für meine Zukunft zu stellen waren, umso mehr spitzte es sich zwischen mir und meinem alten Herren zu. Nachdem wir uns wieder einmal gestritten hatten, brannten mir die Sicherungen durch und ich stahl mich in der Nacht davon, in meinen Taschen die Schlüssel für seinen geliebten Mercedes, eine seiner Kreditkarten und ein bisschen Bargeld. Er, der wohl glaubte, dass ich schnell wie ein geprügelter Hund zurückkommen und ihn um Vergebung bitten würde, sollte eines Besseren belehrt werden. Ich räumte eine ordentliche Menge Geld ab, fuhr seinen Wagen bewusst zu Schrott und meldete mich – ich war gerade volljährig geworden – beim IDF. Obwohl er glühender Patriot war, hatte sich mein Vater immer dagegen ausgesprochen, dass sein Sohn Dienst beim Militär leistete, und ich wusste, dass er seine Kontakte genutzt hatte, um mich am Pflichtdienst vorbeizuschleusen. Meine Vermutung war also, ihn mit diesem Schritt am schwersten zu treffen, und da ich, wie gesagt, volljährig war, gab es für ihn auch keine Handhabe mehr. Zwar vermied ich in der ersten Zeit jeden Kontakt, doch ich bin mir ziemlich sicher, dass er schnell herausbekam, wo ich wann stationiert war.

Mein selbstauferlegtes Exil überstand ich nicht immer gut. Irgendwann gelang es mir, durch den Zorn auf meinen Vater zu schauen und zu erkannte, dass es eine ganz andere Person gab, der ich mit meiner Entscheidung wehgetan hatte: meine Mutter. Ich schlug mein Vorhaben, für immer aus dem Leben meiner Familie zu verschwinden, also in den Wind und begann, ihr Briefe zu schreiben. Sie antwortete, und für einige Monate gelang es uns, in regen Kontakt zu treten. Dann aber erfuhr mein Vater irgendwie von diesen Briefen und er setzte alle Hebel in Bewegung, um unseren Kontakt zu unterbinden. Was soll ich sagen? Er war Anwalt und schöpfte alle Mittel aus. Nicht nur, dass er mich enterbte, es gelang ihm auch, ein Kontaktverbot zwischen mir und meiner Mutter zu erwirken. Ich schätze, dass er ihr nicht gönnte, was er selbst nicht haben konnte.

Einige Zeit versuchte ich, Mittel und Wege zu finden, das Verbot zu umgehen, und trotzdem Kontakt zu ihr zu halten, doch dabei setzte ich viel aufs Spiel und bekam mehr als einmal Probleme. Mein eigener Vater hatte keine Skrupel, gegen mich zu prozessieren – und er gewann jede Verhandlung. Ein Großteil meines Solds ging für auferlegte Strafen und Gerichtskosten drauf, und ich musste einsehen, dass er es war, der diesen Kampf gewonnen hatte. Ich glaube, ihm wäre nichts lieber gewesen, als zu sehen, wie sein eigener Sohn in den Knast wandert. Wie ich schon sagte: ein echtes Arschloch.

Irgendwann kam ich dann zu der Einsicht, dass ich mit jedem weiteren Versuch nicht nur mir, sondern auch meiner Mutter schadete – und das war das Letzte, was ich eigentlich tun wollte. Nachdem ich also meine letzten, aus den Gerichtsverhandlungen stammenden Schulden beglichen hatte, beschloss ich, Israel hinter mir zu lassen. Meine Vorstellung war, dass einige hundert oder tausend Kilometer Abstand meinen Blick schärfen würden und dafür sorgen könnten, dass ich nicht erneut irgendwelche Dummheiten beging. Es verschlug mich also in die USA, was einfach daran liegt, dass zahlreiche Israelis dort Verwandte und Bekannte, mindestens aber gute Verbindungen haben – und ich war der Ansicht, es so einfacher zu haben.

1996, mit gerade einmal dreiundzwanzig Jahren, betrat ich amerikanischen Boden. Auch damals stellte ich mir die Frage, was ich nun mit meinem Leben anfangen wollte, und damals wäre ich jung genug gewesen, um ganz von vorn zu beginnen. Ich hatte nichts anderes vorzuweisen als meine Jahre beim IDF und entschied mich ganz pragmatisch, dort weiterzumachen, wo ich in der Heimat aufgehört hatte. Es war der entfernten Verwandtschaft zu verdanken, dass das Prozedere der Einbürgerung und der Aufnahme in die Streitkräfte viel reibungsloser verlief und einige Abkürzungen nahm, und so kam es, dass ich 1998 nicht nur Staatsbürger war, sondern auch Mitglied des 75th Ranger Regiment war.

Damals hatte niemand daran geglaubt, dass ich das harte Aufnahmeverfahren überstehen würde. Weniger als vierzig Prozent aller Bewerber meisterten die Aufnahmeprüfungen und sie waren meist jünger als fünfundzwanzig Jahre. Ich wurde also belächelt, doch ihr verstand es als Herausforderung, nahm sie an und meisterte sie. Von 1998 an war ich daher in Fort Benning, Georgia, stationiert. Es folgten einige Jahre Militärdienst, schon damals in unterschiedlichen Winkeln der Welt – eben überall dort, wo die USA es für nötig hielten, Stärke zu beweisen. Ich kann nicht sagen, dass mir die Zeit schlecht getan hätte. Sie formte und prägte mich, und irgendwie gelang es mir, schweren Verletzungen oder einer PTBS zu entgehen. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass die 90er eine viel ruhigere Zeit waren. Natürlich, es gab Konflikte und Kriege auf der ganzen Welt, doch vergleichen mit den ersten beiden Jahrzehnten des neuen Jahrtausends war es tatsächlich anders. Über die Einsätze in der Welt, die Drills und die dazugehörigen Beförderungen vergaß ich das Dilemma meiner Familie. Natürlich, alles war noch ein Teil von mir, doch er verlor zusehends an Bedeutung.

Alles änderte sich im Sommer 2001. Wenige Monate, bevor die Zwillingstürme in New York getroffen und damit ein neues Zeitalter eingeläutet wurde, erreichte mich ein Brief aus der Heimat. Mein Vater war nach einem Herzinfarkt in seiner Kanzlei zusammengebrochen und verstorben. Ich brauchte nicht viel Fantasie, um mir vorzustellen, wie seine Mitarbeiter, die sehr unter seinen cholerischen Ausbrüchen zu leiden hatten, ihn zuckend auf dem Boden hatten liegen sehen, statt den Arzt zu rufen, sich aber lieber einen weiteren Kaffee einschenkten. Der Tod meines Vaters änderte jedenfalls alles. Fast zwei Jahrzehnte hatte er mir den Kontakt zu meiner Mutter untersagt, und so war es kein Wunder, dass ich Sonderurlaub einreichte und so schnell wie möglich nach Israel flog. Ich kam zwei Tage nach seiner Beerdigung in Tel Aviv an und fand meine Mutter zwar in Trauer, aber auch in einer gelösten Stimmung vor. Auch sie hatte unter ihm gelitten, war jedoch anders erzogen worden und hatte ihr Schicksal immer mit erhobenem Haupt ertragen. Natürlich hatte es sie geschmerzt, den Mann, mit dem sie über dreißig Jahre verheiratet gewesen war, zu verlieren, doch ich bin der festen Überzeugung, dass sie schon damals verstanden hatte, dass sein Ende ihre Freiheit bedeutete.

Alles in allem verlängerte ich meinen Sonderurlaub, denn neben der Dinge, die eben nach dem Tod eines Menschen zu erledigen waren, hatten meine Mutter und ich viele Jahre aufzuholen. Ich hatte es lange ausgeblendet, auch aus Selbstschutz, doch wurde mir klar, wie sehr ich sie eigentlich vermisst hatte, wie groß das Loch gewesen war, das mein Vater gerissen hatte. Wenige Tage, bevor mein Sonderurlaub auslief, ereignete sich dann 9/11. Ich erlebte die Liveübertragungen in Tel Aviv und wusste vom ersten Moment an, dass sich die Welt verändern würde. Das passiert immer, wenn Menschen sterben, die im Gefühl der kollektiven Masse wichtig sind – oder auch dann, wenn markante Gebäude, in die Botschaften projiziert werden, angegriffen werden. Tatsächlich hatte ich damals schon alles vorbereitet, um meinen Sonderurlaub ein drittes und letztes Mal zu verlängern, doch beim Anblick der Bilder aus New York wusste ich, dass mein Antrag unter allen Umständen abgelehnt werden würde. Ich stellte ihn daher nicht, verabschiedete mich von meiner Mutter und reiste so schnell wie möglich zurück in die USA.

Ich hatte ein Land in relativem Frieden verlassen und fand es bei meiner Rückkehr im Ausnahmezustand vor. Die USA standen unter Schock, kaum jemand war damals in der Lage zu begreifen, was geschehen war. Gleichzeitig arbeiteten Planungsstäbe, Militär und Geheimdienste daran, die Verantwortlichen zu finden und Rache zu nehmen. Und die Antwort ließ nicht lange auf sich warten, weniger als einen Monat nach den Anschlägen in New York begann Operation Enduring Freedom – und wir Ranger waren dabei. Es ging nach Afghanistan, wo die USA in einen langen und blutigen Konflikt verstrickt wurden. Trotz aller Ausbildung und materieller Übermacht zeigte sich dieses kleine Land am Arsch der Welt widerstandsfähiger als angenommen. Vielleicht hätten wir das vorher ahnen können: Die Briten waren seinerzeit mit den Afghanen nicht fertig geworden und die Russen einige Jahrzehnte zuvor auch nicht. Warum auch immer die Planungsstäbe angenommen hatten, es wäre ein Kinderspiel, ein Durchmarsch – sie lagen damit falsch. In Afghanistan sah ich eine Menge guter Jungs wegen dummer, aus der Ferne getroffener Entscheidungen, krepieren. Und zum ersten Mal war ich gewillt, mit dem zu brechen, was mein Leben bis dahin bestimmt hatte. Mit jedem Einsatz, jedem Hinterhalt, jedem Feuergefecht und jedem Anschlag wurde mein Unmut befeuert, und in mir wuchs eine Gewissheit, die letztlich dazu führte, beim nächstbesten Heimaturlaub in 2002 meinen Dienst zu quittieren.

Einige Zeit verschlug es mich wieder nach Tel Aviv und in die Nähe meiner Mutter, doch meine Abfindung und der angesparte Sold waren nicht unerschöpflich. Zum dritten Mal in meinem Leben entschied ich mich für die Arbeit an der Waffe und somit gegen einen normalen Job und stieg in die Branche ein.

Und nun bin ich hier. Sechzehn Jahre später und möglicherweise wieder an einer Zäsur angekommen. Ich wusste nicht, was die Zukunft brachte, doch ich spürte eine wachsende Unruhe in mir. Es war an der Zeit, diese Dinge ins Auge zu fassen.

Mit einem kaum hörbaren Brummen löste ich mich von der Brüstung. Über meine Gedanken hinweg hatte ich die Sonne vergessen, die die ganze Zeit über unbarmherzig gebrannt hatte. Ich strich mir den Schweiß von der Stirn. Schnell kehrte ich zum Tisch zurück, ließ mich dort in die Polster sinken und leerte mein Wasser in einem Zug. Die Eiswürfel hatten sich längst aufgelöst, und auch von der Kohlensäure war nicht mehr viel zu spüren. Dennoch brachte es Linderung, und ich hob mein leeres Glas, um der Bedienung zu bedeuten, dass ich Nachschub brauchte. Es dauerte nicht lange, da kam die junge Frau mit einem frischen Glas und einer Flasche Wasser heran. Bevor die Frau wieder verschwinden konnte, sprach ich sie an.

»Ist die Küche schon offen?«

»Aber ja«, bestätigte sie mit einem freundlichen Lächeln, zückte sogleich Notizblock und Stift. »Was darf es denn sein?«

Mein Blick ging zur Karte, die unangerührt auf meinem Tisch lag. Ich zuckte mit den Schultern.

»Etwas, das man empfehlen kann?«

»Alles«, schmunzelte sie.

»Ich hätte bei der Frage nichts anderes erwarten sollen«, gab ich zurück. »Wie ist das Shakshuka?«

»Eines der besten, das man in Tel Aviv bekommen kann.«

»Wie hätte es auch anders sein können.« Ich schmunzelte, leerte mein Glas zur Hälfte und nickte ihr zu. »Dann nehme ich es. Und noch ein Wasser, bitte.«

»Aber ja.«

Sie notierte und eilte davon. Es war mittlerweile später Nachmittag, und auch wenn es der Mentalität der Israels entsprach, große Mahlzeiten erst am frühen Abend einzunehmen, konnte ich meinen in den USA geformten Gewohnheiten nicht entkommen. Ich hatte eben Hunger – und was diesen angeht, so kann man mit Shakshuka nicht viel falsch machen. In diesen Breitengraden aß man es eigentlich zum Frühstück, doch es war gut genug, um es den ganzen Tag über zu genießen. Das einfache Gericht – es bestand im Wesentlichen aus Tomatenmark, Chilischoten, Zwiebeln und gestockten Eiern – galt als inoffizielles Nationalgericht Israels und wurde zusammen mit Pitabrot gereicht. Jede jüdische Küche, die etwas auf sich hielt, konnte Shakshuka zubereiten, und oft gab es innerhalb von Familien Rezepte, die wie große Geheimnisse von Generation zu Generation weitergereicht wurden.

Es dauerte nicht lange, bis ich mein nächstes Wasser bekam und kurz darauf brachte die Bedienung auf einem Tablett dann auch mein Essen. Zugegeben: Man hatte sich Mühe gegeben, es so anzurichten, dass es zum Image eines modernen Restaurants passte, im Grunde jedoch war es ein überaus traditionelles und wohlschmeckendes Gericht, das durch Dekoration weder etwas gewann noch verlor. Die Portion war jedenfalls angemessen, um meinen Hunger zu stillen.

Ich wusste nicht, was das einfache und trotzdem schmackhafte Gericht in diesem Restaurant kostete, doch anhand der Lage und der Ausstattung des Etablissements vermutete ich, dass man einen Preis veranschlagte, bei dem meine Mutter mit den Augen gerollt und sogleich zu einer Schimpftirade übergegangen wäre. Geld spielte für sie eigentlich keine große Rolle, doch es lag eben in ihrem Wesen, sich über solche Dinge auszulassen. Glücklicherweise sollte mir dieser kleine Ausbruch – der übrigens nichts daran änderte, dass sie dann trotzdem in aller Regel aß und sich über den Geschmack mit dem Preis versöhnte – heute erspart bleiben. Meine Mutter war vor wenigen Tagen zu einigen Freunden von ihr im Süden gefahren. Sie verbrachte ein paar Tage in Aschkelon. Sie war mittlerweile siebzig Jahre alt und bemerkenswert unternehmungslustig. Es kommt nicht selten vor, dass sie zu langen und ausgedehnten Reisen aufbricht, dann verschlägt es sie an zahlreiche Orte auf der Welt. Als ich vor einige Monaten nach Tel Aviv kam, hatte ich Glück: Sie war gerade von einer mehrmonatigen Kreuzfahrt zurückgekehrt und ihre nächste Reise stand erst im Winter an. Eines muss man ihr lassen: Sie weiß, ihr Leben zu leben, und sie hat auch nicht den geringsten Skrupel, das Vermögen ihres verstorbenen Mannes – von dem immer noch genug da ist – genau dafür auszugeben, eine gute Zeit zu haben. Nicht dass es jemals Thema zwischen uns gewesen wäre, doch ich bin fest davon überzeugt, dass sie sein Erbe als eine Art Entschädigung für die Jahrzehnte versteht, die sie mit ihm verheiratet gewesen war. Die Erfahrungen besagter Ehe haben sie übrigens auch geprägt, sie hat nach dem Tod meines Vaters nach meinem Wissen nie wieder Interesse daran gehabt, sich zu binden. Während sie also auf Besuch im Süden war, hatte sie mir die Hoheit über das großzügige Apartment anvertraut.

Was meine Arbeit anging – wenn man es denn so nennen möchte – so sprachen wir nie darüber. Ich nehme an, dass sie ganz genau weiß, wie ich mein Geld verdiene, zumindest, dass ich es mit der Waffe tue und nicht in irgendeinem Bürojob. Sie schien damit leben zu können, doch ich war mir sicher, dass es besser war, über manche meiner Kontrakte besser niemals mit ihr zu sprechen.

Ich beendete meine Mahlzeit und merkte, wie das Wasser der letzten paar Stunden begann, mir auf die Blase zu drücken. Um keine halben Sachen zu machen, leerte ich den Rest meines Glases, stand auf und ging zu den Toiletten. Da ich auf dem Weg an der Bar vorbeikam, nutzte ich die Gelegenheit, das nächste Mineralwasser zu bestellen.

Die Stille der Toiletten – hier war der Lärm der Straße wirklich ausgesperrt und als einziges Geräusch blieb das sanfte Plätschern einer Toilette zurück, in der die Überlaufdichtung des Spülkastens nicht richtig schloss. Besagte Stille wurde vom monotonen Surren und Brummen meines Smartphones unterbrochen. Ich runzelte die Stirn, erwartete keinen Anruf und wusch mir ausgiebig die Hände, bevor ich einen Blick auf das Display warf.

Etwas, das in Israel großgeschrieben wird – und das haben wir unserer Lage zu verdanken – ist der Zivilschutz. Wir sind ein kleines Land, umgeben von Feinden. Die Aggressionen begannen mit der Staatsgründung. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass seitdem einiges nicht richtig lief und sich keine Seite mit Ruhm bekleckerte, doch andererseits: Nach Jahrtausenden in der Diaspora haben die Juden sich endlich ein Stück Land sichern können. Verwunderte es denn wirklich jemanden, dass sie es nun auch mit allen Mitteln verteidigten? Was ich sagen will: Das Leben in Israel ist ein Aufwachsen in Gefahr. Jederzeit kann ein Alarm ausgelöst werden, jederzeit können Flieger über den Himmel jagen. Es ist tragisch, doch zu schnell kann man sich an das Donnern und Dröhnen von Explosionen in der Ferne gewöhnen oder an die Spuren von Raketen am Himmel. Diese Dinge sind Normalität und lassen die meisten Bewohner dieses Landes nicht mehr wirklich zusammenzucken. Seit dem flächendeckenden Ausbau der Mobilfunknetze ist man dazu übergegangen, sich nicht mehr auf Sirenen zu verlassen: Im Falle einer drohenden Gefahr warnt man über Sofortnachrichten, die ins Netz eingespeist und letztlich an jedes eingebuchte Handy übermittelt werden.

Eine Nachricht auf dem Display wies also auf einen Alarm des Zivilschutzes hin. Etwas, das in diesen Tagen leider fast alltäglich war, weshalb der alleinige Anblick der Meldung nichts Besonderes bei mir auslöste. Routiniert und etwas gelangweilt öffnete ich die Nachricht und las ihren Inhalt. Meine Zuversicht schwand mit jedem Wort. In einer kurzen und prägnanten Meldung wies der Zivilschutz auf eine bevorstehende Bedrohung in den südlichen Teilen des Landes, in der direkten Nachbarschaft zu Gaza hin. Luftalarm war bereits ausgelöst worden. Ich unterdrückte einen Fluch und meine Bewegungen wurden schneller. Aschkelon lag knapp zehn Kilometer von der Grenze zu Gaza entfernt.

Ich stieß die Tür zu den Toiletten auf und stürzte hinaus. An der Bar stand mein Mineralwasser schon bereit, doch dafür hatte ich keine Zeit mehr. Ich verlangte eilige nach der Rechnung, doch allein das Warten darauf war mir zu viel. Ungeduldig langte ich nach dem Geldbündel in meiner Hosentasche, fischte zweihundert Schekel heraus und warf sie auf den Tresen. Ohne eine Frage zu beantworten, griff ich mir mein Jackett und war unterwegs zu den Treppen. Einige Stockwerke tiefer hechtete ich in den Leihwagen und bugsierte ihn mit quietschenden Reifen aus der Tiefgarage. Während ich dabei war, mich in den lärmenden Verkehrsfluss einzuordnen, verband ich mein Smartphone mit der Freisprechanlage und wählte die Nummer meiner Mutter.

Es gab drei Möglichkeiten: Entweder nahm sie ab, gab Entwarnung und nannte mich einen schreckhaften Idioten. Dann gab es noch die Möglichkeit, dass sie nicht abnahm, ein Umstand, der meine Befürchtungen noch einmal anfachen würde. Oder es bestand die Möglichkeit, dass der Ruf erst gar nicht durchgestellt wurde – die Variante, die mir am unliebsamsten war, bedeutete sie doch, dass das Telefon meiner Mutter nicht mehr im Netz eingebucht war. Es kam, wie es kommen musste.

»Die von ihnen gewählte Nummer ist momentan nicht erreichbar«, meldete eine Frauenstimme über die Lautsprecher.

Ich fluchte und hämmerte mit der Faust aufs Lenkrad. Wie die meisten Menschen in solchen Situationen wollte ich der Meldung nicht glauben und betätigte die Wahlwiederholung. Doch auch beim zweiten Versuch hatte ich kein Glück. Einen Moment erforderte der Straßenverkehr meine ganze Aufmerksamkeit, dann hatte ich Gelegenheit, es erneut zu versuchen. Doch auch der dritte Versuch änderte nichts an den Tatsachen: Ich konnte meine Mutter schlichtweg nicht erreichen.

Nun war ich nicht der einzige, der die Warnmeldung empfangen hatte und trotz aller Investitionen der Vergangenheit war es durchaus im Bereich des Möglichen, dass die Netze einfach nur überlastet waren – eine vierte Option. Immerhin versuchten in diesem Moment zahlreiche Menschen, ihre Angehörigen im Süden zu erreichen. Doch irgendetwas in mir sagte, dass es anders war. Ich hatte dieses miese Gefühl. Und erfahrungsgemäß war darauf Verlass.

Anstatt also dem Impuls zu folgen, einen neuerlichen Anruf abzusetzen, schaltete ich stattdessen das Radio ein. Ich war mir sicher, dass der ausgelöste Alarm Thema irgendeiner Sondersendung sein würde. Und wirklich: Fast alle Sender hatten ihr laufendes Programm unterbrochen, um über die neusten Ereignisse zu berichten. Ohne dabei wirklich ins Detail zu gehen, berichtete die seltsam monotone Stimme einer Nachrichtensprecherin darüber, dass es im Süden des Landes einen Zwischenfall gegeben hatte. Es war zu einem größeren Raketenangriff auf Aschkelon gekommen, wobei diese Meldung gleich dadurch relativiert wurde, dass die Streitkräfte wie gewohnt reagierten und alles taten, um die Bevölkerung zu schützen. Es waren die üblichen Worthülsen, und es gelang wirklich, über den Zwischenfall zu berichten, ohne dabei etwas Essentielles zu sagen. Nach der Meldung war ich jedenfalls nicht klüger als zuvor. Man versprach, das laufende Programm jederzeit wieder zu unterbrechen, wenn man weitere Neuigkeiten erfahre, dann ging man wieder zum normalen Sendeplan zurück. Völlig genervt schaltete ich das Radio aus und wählte noch einmal die Nummer meiner Mutter, obwohl ich bereits wusste, wie es enden würde. Ein viertes Mal ging mein Anruf ins Leere.

Es war seltsam: All die Dinge, die ich in meinem Leben gesehen und erlebt hatten, die ganzen Feuergefechte, Hinterhalte, Überfälle, jede noch so brenzlige Situation – all das hätte mich abhärten sollen. Letztlich war der Raketenangriff auf Aschkelon nichts anderes als eine alltägliche Randnotiz in einem Land, das schon zu viel Blutvergießen gesehen hatte. Etwas, über das man in einigen Tagen nicht mehr sprechen würde, weil es leider Normalität war, nicht mehr schockierte. Und dennoch war ich so aufgewühlt, hektisch und nervös wie niemals zuvor. Was der Umstand der eigenen Betroffenheit doch mit einem anstellen kann. Andererseits: Während der Jahre, die ich außer Landes verbracht hatte, zog ich die Möglichkeit, dass sie Opfer eines Angriffs werden konnte, nie wirklich in Betracht. Das lag aber wahrscheinlich an zwei Dingen: Einerseits erlebt man die Zwischenfälle nicht so hautnah (und wird vielleicht noch nicht einmal über sie informiert), andererseits erscheint es sinnlos, denn aus tausenden Kilometern Entfernung kann man nichts an den Umständen ändern. Jetzt allerdings war es anders. Ich war vor Ort, gerade einmal sechzig Kilometer von Aschkelon und achtzig von Gaza entfernt. Es handelte sich nicht etwa um eine anonyme Meldung – ich war mittendrin.