Häresie der Formlosigkeit - Martin Mosebach - E-Book
Beschreibung

Das Zweite Vatikanische Konzil war der revolutionäre Versuch, die Kirche für die Gegenwart zu öffnen: 1965 schaffte Papst Paul VI. die alte römische Liturgie ab. Doch die Krise, der Konflikt zwischen Tradition und Moderne, wurde dadurch nicht behoben. Im Gegenteil. Durch diesen Schritt, schreibt Martin Mosebach in seinem provozierenden Buch, hat sich die Kirche ihrer eigenen Substanz beraubt. Die Lösung kann nur in der Rückkehr zur lateinischen Messe liegen.

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Seitenzahl:322


Martin Mosebach

Häresie der Formlosigkeit

Die römische Liturgie und ihr Feind

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Das Zweite Vatikanische Konzil war der revolutionäre Versuch, die Kirche für die Gegenwart zu öffnen: 1965 schaffte Papst Paul VI. die alte römische Liturgie ab. Doch die Krise, der Konflikt zwischen Tradition und Moderne, wurde dadurch nicht behoben. Im Gegenteil. Durch diesen Schritt, schreibt Martin Mosebach in seinem provozierenden Buch, hat sich die Kirche ihrer eigenen Substanz beraubt. Die Lösung kann nur in der Rückkehr zur lateinischen Messe liegen.

Über Martin Mosebach

Martin Mosebach, geboren 1951 in Frankfurt am Main, war zunächst Jurist, dann wandte er sich dem Schreiben zu. Seit 1983 entstanden elf Romane, dazu Erzählungen, Gedichte, Libretti und Essays über Kunst und Literatur, über Reisen, über religiöse, historische und politische Themen. Dafür hat er zahlreiche Auszeichnungen und Preise erhalten, etwa den Heinrich-von-Kleist-Preis, den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, den Georg-Büchner-Preis und die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt. Er lebt in Frankfurt am Main.

Für Robert Spaemann in Dankbarkeit

Ewige Steinzeit

Ich bin kein Konvertit und kein Proselyt. Es gibt in meinem Leben kein Erleuchtungserlebnis. Meine Wurzeln in der Religion waren lange Zeit schwach. Es ist mir nicht möglich, mit Sicherheit zu bestimmen, wann sie zu wachsen begannen, vielleicht als ich fünfundzwanzig wurde. Auf jeden Fall wuchsen sie langsam, dann aber beständig. Ich vermute, daß sie jetzt tief sind, wobei ihr Wachstum, wie bisher beinahe unmerklich, weitergeht. Was diesen nicht an sein Ende gelangten Vorgang angeregt hat, ist die Begegnung mit der alten katholischen Liturgie.

Meine katholische Mutter wahrte einen deutlichen Abstand zur Religion, mein protestantischer Vater verteidigte sein Recht auf das eigene Privatpriestertum mit eiserner Diskretion. Vom katholischen Ritus lernte ich zunächst nur wenig kennen, weil die angeblich kindgemäße Aufbereitung des Kultes ihn beinahe völlig mit optimistischen Liedern und scheinnaiven Gebeten ad usum delphini zudeckte. Als kleiner Meßbub war ich gefürchtet, weil ich den Aufbau des Ritus nicht verstand und immerfort Unerwartetes und Störendes tat oder Wichtiges vergaß. Als ich eines Tages dem betenden Priester das große Meßbuch unter der Nase wegzog, um es, was noch gar nicht geboten war, auf die andere Altarseite zu tragen, trat ich auf meinen zu langen violetten Talar und flog mit dem Buch die Altarstufen hinunter. Das war das Ende meiner Ministrantenlaufbahn. Meine vita religiosa wurde jetzt sehr blaß, ohne daß allerdings das Gefühl abriß, daß ich Katholik sei. Mit achtzehn las ich den berühmten Ausspruch von Charles Maurras: «Ich bin Atheist, aber ich bin natürlich Katholik.» Dieser Ausspruch gefiel mir sehr. Ich zitierte ihn nicht ohne Selbstgefälligkeit, er klang so gewagt. Was Atheismus sei, ahnte ich nicht einmal, denn mein Vertrauen in die Güte und Ordnung der Welt war unendlich; was die katholische Religion sei, konnte ich nicht wissen, weil es mir niemand wirklich gesagt hatte. Die katholische Religion ist wahrscheinlich die komplizierteste Religion der Welt; um Katholik zu sein, muß man entweder einen begnadeten Instinkt besitzen oder sehr viel wissen, von beidem bin ich weit entfernt.

Als ich achtzehn wurde, befand sich auch die Katholische Kirche im Achtundsechziger-Rausch. Ich bekam wenig davon mit, denn ich ging nicht mehr in die Messe. Aber ich hörte davon, daß die Priester ihre schwarzen Anzüge und Soutanen ablegten und sich nun kleinbürgerlich-studentisch oder kleinbürgerlich-postbeamtenhaft trugen, daß man in der Messe nicht mehr Latein sprach, daß der Priester nun nicht mehr vor dem Altar, sondern hinter ihm wie hinter einer Theke stand, seine zum Publikum gewordene Gemeinde ansah und ihr mit froh geöffnetem Mund ins Gesicht sang und die Hostie bei der Kommunion den Gläubigen in die Hand gab, anstatt sie ihnen wie vorher auf die Zunge zu legen. In meiner Sphäre wurden diese Neuerungen wie etwas längst Überfälliges begrüßt, aber es stand nun auch für meine Mutter zugleich fest, daß man eine solche Veranstaltung nicht mehr besuchen müsse. Ich erinnere mich genau solcher Gespräche mit älteren Katholiken, denen die Zufriedenheit mit den Reformen anzumerken war, bei gleichzeitiger Entschlossenheit, «nicht hinzugehen».

Auf den katholischen Ritus aufmerksam machte mich zuerst die alte katholische Musik, der Gregorianische Choral. Ich ahne die Genugtuung, mit der mancher diesen Satz lesen wird: also ein Ästhet, der seine ästhetizistischen Bedürfnisse in der Religion befriedigen will. Ich bekenne mich offen zu der naiven Schar, die aus der Oberfläche, der äußeren Erscheinung auf die innere Beschaffenheit und womöglich Wahrheit oder Verlogenheit einer Sache schließt. Die Lehre von den «inneren Werten», die sich in schmutziger, verkommener Schale verbergen, kommt mir nicht geheuer vor. Daß die Seele dem Körper die Form und das Gesicht, seine Oberfläche verleiht, glaubte ich schon, als ich noch nicht wußte, daß dieser Satz eine Definition des kirchlichen Lehramtes war. Mit mediterraner Primitivität glaube ich, daß eine unwahre, verlogene, gefühllose Sprache keinen Gedanken von Wert enthalten kann. Was für die Kunst gilt, muß in noch viel höherem Maß jedoch das öffentliche Gebet der Kirche treffen; wo das Häßliche sonst nur auf das Unwahre schließen läßt, bedeutet es im Bereich der Religion die Anwesenheit des Satanischen.

Der Gregorianische Choral ist keine Kunstmusik. Er ist dazu bestimmt, in jeder Dorfkirche und in jeder Vorstadtkirche gesungen zu werden, obwohl er teilweise schwierig ist und Übung verlangt, aber diese Übung war ja gegeben, wenn man ihn jeden Sonntag ein ganzes Leben lang sang. Das gehörte aber erst zu meinen späteren Erfahrungen: daß der Ritus und die zu ihm gehörende Musik nicht als gelegentliches erbauliches oder womöglich gar als höchst eindrucksvolles Konzert oder Meditationshilfe genommen werden dürfen, sondern lebenslang geübt werden müssen – das Gebot, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen, ist deshalb als Gebrauchsanweisung im Umgang mit dem Ritus zu sehen, der ohne die selbstverständliche und wahrhaft gedankenlose Einschmelzung in das Leben seine Wirkung nicht entfalten kann.

Die Reform – oder besser Revolutionswelle in der Kirche – hatte den Gregorianischen Choral weitgehend abgeschafft; es sprach zu seinen Ungunsten, daß er weit über tausendfünfhundert Jahre alt war und seine Ursprünge sich in der Geschichte verloren. Die Bischöfe vergaßen, daß diese Musik schon in den Ohren Karls des Großen oder Thomas’ von Aquin, Monteverdis oder Haydns fremdartig geklungen hatte und von deren Gegenwart mindestens ebenso weit entfernt war wie von der unseren, die sich in die Musik anderer Kulturen viel leichter hineinhören kann als viele Jahrhunderte vor ihr. Ich geriet in eine kleine, kostbare Kirche im Rheingau, in der man dem Gregorianischen Choral als Touristenattraktion und Spezialfolklore eine Nische eingeräumt hatte. Bei schönem Wetter kamen viele Leute nach Kiedrich, bei Nebel und Glatteis im Winter sang der große Chor vor nur wenig gefüllten Bänken, der Sonntagsausflug-Weinproben-Aspekt verlor sich, der Gesang trat rein hervor. Es mußten vielleicht überhaupt keine Leute kommen, es genügte womöglich, wenn die Sänger allein sangen. Genügte wozu? Das war mir noch nicht klar.

Der Gregorianische Choral ist eine streng auf die Sprache bezogene Musik, und zwar, das unterscheidet ihn von neuzeitlichen Vertonungen von Gedichten, auf eine nicht lyrische, gelegentlich sogar sehr trockene Prosa. Die Sprache des Alten und Neuen Testaments, der Paulusbriefe und Psalmen ist nicht rhythmisiert oder sonstwie nach künstlerischen Mustern gestaltet. Zugleich sind die Texte sakrosankt, dürfen also aus kompositorischen Gründen nicht umgestellt oder bearbeitet werden. Jedem Wort muß seine prosaische Betonung gelassen werden, obwohl die lateinische Dichtung sonst Lizenzen um des Verses willen gestattet. Erstaunlich ist die melodische Vielfalt, die solch strenge Vorgaben dennoch erlauben. Der Gregorianische Choral läßt jedem Satz volle Gerechtigkeit widerfahren; nichts ist nur Ornament oder wird noch irgendwie silbenschluckend oder silbenzerdehnend im Dienst der Melodie dazugestopft, wie es in den größten Kompositionen der neueren Zeit oft der Fall ist. Wie ein Bach, der sich staut, dann schnell fließt, dann sprudelt und gurgelt, dann gelassen strömt, bewegt sich diese Musik. Wer ihr lange genug gelauscht hat, empfindet die mathematisch ausgerechneten, gespiegelten, im Krebsgang sich fortbewegenden, nach vorgefertigten Mustern gebauten Kompositionen der neueren abendländischen Musik unversehens als öde Pflichtübungen. Wenn im Choral der Satz gleichsam wie eine Saite zum Klingen gebracht wird, erscheinen die Vertonungen der Arien und Lieder späterer Zeit dem Satz beliebig aufgeklebt. Nur ein Stück gab es in Kiedrich, das die Wörter weit hinter sich ließ und wie ein antiker Scat Wortsilben nur noch als Material kunstvollster langer Koloraturen verwendete, die in ihrer Richtungslosigkeit niemals zu enden schienen. Das war das Alleluja zwischen den Lesungen aus Paulusbriefen und Evangelium. Erst später erklärte mir ein alter Kirchenmusiker, dieser frei schwebende pure Silbengesang habe die Aufgabe, zwischen den expliziten Texten der Offenbarung die über jedes Wort hinausreichende Unaussprechlichkeit Gottes darzustellen.

Zur Predigt legte der Pfarrer sein Meßgewand ab, um deutlich zu machen, daß seine Ausführungen nicht zum Ritus gehörten. Er war ein konservativer Mann, der seinem fortschrittsgläubigen Bischof gegen die eigene Einsicht treu gehorchte und den umgemodelten, verstümmelten neuen Ritus zelebrierte, allerdings auf Latein und in der Strenge, die er im überlieferten Ritus gelernt hatte. Als ich diesen alten, jetzt verbotenen Ritus, der mir in meiner Kindheit unverständlich geblieben war, nach längerem Suchen wieder erlebte – unter gedrückten Umständen, in einer scheußlichen Kapelle, mit jämmerlichem Choralgesang –, war das Ende meiner Rheingaufahrten am Sonntagmorgen gekommen.

Ich habe mir vorgenommen, in diesen Zeilen, in denen von meinem Verhältnis zur Religion die Rede sein soll, so wenig wie möglich von der Religion zu sprechen. Das Glaubensbekenntnis, das ich häufig auf lateinisch vor mich hinmurmele, oder besser, vor mich hinsumme, weil ich es mir mit seiner Melodie aus der «Missa de angelis» leichter merken kann, enthält keineswegs alle Sätze, die ich glaube; es gehen diesem Credo, das die Kirchenväter in Nizäa und Konstantinopel unter zum Teil ziemlich rabiaten Auseinandersetzungen formuliert haben, bei mir eine ganze Reihe wichtiger Glaubenssätze voraus, die für mich womöglich sogar ein noch höheres Gewicht besitzen; das Credo ist eigentlich nur der Schlußstein meiner Glaubensüberzeugungen. So glaube ich etwa, daß ich ein Mensch bin. Ich glaube, daß es die Welt gibt. Ich glaube, daß mir die Eindrücke meiner Augen und Ohren zutreffende Nachrichten über die Wirklichkeit geben. Ich glaube, daß ein Gedanke ebensoviel Wirklichkeit besitzt wie ein Berg. Wie jeder weiß, gibt es für keinen dieser Glaubenssätze einen auch nur halbwegs zwingenden Beweis. Manche haben sogar die naturwissenschaftliche Wahrscheinlichkeit gegen sich. Die Zweifel an diesen Sätzen verstehe ich gut, manchmal beschleichen sie auch mich. Aber in einer tieferen Schicht meines Bewußtseins wische ich alle bedeutenden Einwände gegen die Wirklichkeit der Welt und mein Menschsein, obwohl ich sie nicht widerlegen kann, beiseite. Ich fürchte, mir eingestehen zu müssen, daß ich ein Steinzeitmensch bin. Es gelingt mir nicht, meine intellektuellen Einsichten mit meinen tief im Physischen wurzelnden Grundüberzeugungen in Übereinstimmung zu bringen. Obwohl ich längst wissen müßte, daß ich in einem Chaos lebe, daß es in mir eine Instanz, die «Ich» sagen könnte, überhaupt nur als neuronalen Reflex gibt, daß jeder Sinneseindruck dieses nicht vorhandenen Ichs auf Täuschung und Wahn beruht, höre ich das Lied der Amsel am Abend, das bekanntlich gar kein Lied, sondern eine die Evolution begünstigende Geräuschentfaltung ist, und den fernen Klang der Kirchenglocke, bei der eine Maschine den Klöppel auf ein Stück Bronze haut, als eine mir bestimmte, wenn auch unentschlüsselbare Nachricht. Ich höre und müßte längst verstanden haben, daß die Gegenstände, die mich umgeben, ohne die mindeste Bedeutung sind, daß nichts in ihnen steckt, daß alles, was ich in ihnen sehe, nur von mir – aber wer bin ich? – in sie hineingesehen wird. Ich höre das, aber ich glaube es nicht. Ich stehe auf der tiefsten Stufe der Menschheitsgeschichte. Ich bin Animist. Wenn ich bei Doderer lese, ein Klavier «verharre in möbelhaftem Schweigen», fühle ich mich verstanden. Ich glaube derart fest an die objektive Existenz des Klaviers in seiner grundsätzlichen Andersartigkeit und Fremdheit, daß ich seine Art, im Zimmer zu stehen, tatsächlich als ein bewußtes Schweigen empfinden muß. Ein Mongolenschamane sagte mir, daß ein Stein, der aus dem Boden gegraben werde, sich darüber jahrelang nicht beruhigen könne. Ich halte das für wahrscheinlich. Die Welt stellt sich mir, wenn ich meiner inneren Stimme, diesem vollständig unbelehrbaren Organ, lausche, als bis in die letzte Faser mit einem Leben erfüllt dar, das ein anderes Leben ist als das meine. Dies Leben kann sogar in Körperloses hineinschießen, in Wörter zum Beispiel. Es gibt Wörter von koboldartiger Eigengesetzlichkeit, gestopft voll Komik und Eigensinn, der über ihre Bedeutung weit hinausschießt, das sind kleine Wortdämonen, die jeder kennt, die aber für jeden in anderen Wörtern stecken.

Ich schicke diese grundsätzlichen Bekenntnisse voraus, damit verständlicher wird, wie der alte katholische Ritus, den die meisten Bischöfe verboten haben und verfolgen, auf mich wirkte, als ich ihn schließlich, nach jahrelangem Bad in der Gregorianik von Kiedrich, zum ersten Mal wieder erlebte. Der Zusammenbruch der Liturgie in der offiziellen Kirche hat auch etwas Gutes: Der Ritus ist jetzt wieder ein wirkliches Mysterium, in dem Sinne, daß er, wie eigentlich auch vorgesehen, im Verborgenen gefeiert wird. Der erste Rang der Priesterweihe ist der – inzwischen abgeschaffte – Ostiarius, der darüber zu wachen hat, daß während der Mysterienfeier die Türen für die Ungetauften verschlossen bleiben. In der Orthodoxie ruft heute noch der Diakon vor Beginn des Opfers: «Achtet auf die Türen!»

Ich reportiere hier nicht, wie ich zum ersten Mal auf den alten Ritus gestoßen bin; jeder, dem ähnliches begegnet ist, weiß, wieviel Zufall oder Fügung notwendig sind, um eines Tages in die Nähe einer solchen Kultfeier zu gelangen. Ich vermute auch, daß ein Unvorbereiteter, der den alten Ritus zum ersten Mal erlebt, einigermaßen verdutzt davorstehen wird. Latein mag er nicht verstehen, das Wichtigste wird ohnehin geflüstert, das Priestergewand kann zwar auffallend sein, aber von dem, was der Priester tut, sieht die Gemeinde nichts, er verdeckt es mit seinem Körper. Schön und zutreffend ist der alte Witz von dem jüdischen Schuljungen, der in eine Messe gerät und seinem Vater davon erzählt. «Ein Mann kam mit einem kleinen Jungen herein und gab dem Jungen seinen Hut. Der Junge hat den Hut versteckt. Dann fragte der Mann die Gemeinde: Wo ist mein Hut? Und die Gemeinde antwortete: Das wissen wir nicht. Darauf haben sie für einen neuen Hut gesammelt. Am Ende hat der Kleine dem Mann den Hut wiedergegeben, aber das Geld haben sie nicht mehr herausgerückt.» Als Schuljunge ging mein Verständnis über das des jüdischen Schuljungen, wie ich berichtet habe, kaum hinaus. Jetzt aber durfte ich erfahren, warum es sinnvoll ist, Kinder zu überfordern und sie zu zwingen, sich mit Dingen zu beschäftigen, denen sie noch nicht gewachsen sind. Was mir damals ein Rätsel geblieben war, hatte sich in meiner Vorstellung einen unbeachteten, aber sicheren Platz bewahrt.

Das stille Wandeln des Priesters vor dem Altar, die Verneigungen, Kniebeugen und das Ausbreiten der Hände fügten sich in ein altes Bild, das ich, ohne es zu wissen, längst in mir trug. Das Stehen am Altar hatte etwas Angespanntes. In der Kirche meiner Kinderzeit erhob sich über dem Hochaltar ein grau gipsernes Riesenkruzifix im Beuroner Stil, und ich sah diesen mächtigen Stamm als eine aus dem Altar herausragende Achse an, die von dort in den Himmel reichte. Aber auch, wenn das Kruzifix auf dem Altar kleiner ist, ist für mich dies Gefühl der Achse immer noch präsent, verbunden mit einer Vorstellung unbestimmter Gefahr. Dem geschäftigen Küster, der auf dem Altar herumhantierte und etwas brachte oder etwas von dort wegräumte, folgte ich stets mit Unbehagen. Zur katholischen Welt mit ihrer «Gnadenverwaltung» gehören immer solche Personen, die nüchtern und geschäftsmäßig mit Dingen umgehen, die für die Laien ein unzugängliches Numinosum darstellen. Auch im Heiligtum gibt es Hausmeister mit ebensoviel fataler Souveränität wie die ihrer profanen Kollegen.

Aber nun sah ich zum ersten Mal wieder einen Priester im Magnetfeld des Altares. Was er sprach und sang, glitt an mir ab. Ich empfand es als weniger wichtig. Wichtig war der Eindruck, daß er etwas tat. Dies Stehen und Armeausbreiten und Kreuzemachen war ein Tun. Der Priester arbeitete dort vorn. Was er mit den Händen tat, war ebenso entscheidend wie seine Worte. Und seinen Taten waren Gegenstände zugeordnet: weiße Leinentücher, ein goldener Kelch, ein goldener kleiner Teller, Wachskerzen, Kännchen für Wasser und Wein, die mondhafte weiße Hostie, ein großes, in Leder eingebundenes Buch. Die Meßdiener bedienten ihn in zeremonieller Weise, sie schlugen die Buchseiten für ihn um, übergossen seine Fingerspitzen mit Wasser und reichten ihm ein kleines Handtuch. Nachdem er die Hostie in die Höhe gehoben hatte, vermied er, mit Daumen und Zeigefinger noch etwas anderes zu berühren und legte sie deshalb zusammen, auch wenn er den Kelch anfaßte oder den goldenen Tabernakel aufschloß.

Es gibt gute Gründe, den Glauben, daß menschliche Handlungen irgend etwas bewirken, als Größenwahn zu betrachten. Von solchem Größenwahn kann der Gang über das wüste Gelände kurieren, auf dem einmal eine antike Großstadt gestanden hat, eine hellenistische Metropole voller Kunst, Geld, Energie und Erfindungsgeist. Und doch meinen viele, die sich weigern würden, an Engel zu glauben, daß, was in einer solchen Stadt gedacht und geschaffen worden sei, unfaßbar, aber höchst wirksam weiterlebe und ein sich immer wieder materialisierendes Fundament für Neues bilde, das ohne diese Grundlage nicht entstehen könne.

Von einer solchen Vorstellung ist es nur noch ein Schritt, eine Auswirkung materieller Handlungen auf rein geistige Regionen anzunehmen. Die Völker aller Kulturen haben dies geglaubt und deshalb als ihre höchste Handlung, den Inbegriff jeden Handelns, da mit der höchsten Wirksamkeit verbunden, das Opfern angesehen. Das Opfern ist eine materielle Handlung, die eine geistige Wirkung anstrebt. Dieser Sprung ist aber nur für Idealisten absurd. Für Materialisten der steinzeitlichen Prägung ist alle Materie ohnehin so von Geist und Leben erfüllt, daß es aus ihr geradezu herausstrahlt – die letzten Europäer, die in dieser rückständigen Mentalität verharrten, waren wahrscheinlich die großen Stillebenmaler.

Was der Priester auf dem Altar opferte, soll hier unerörtert bleiben. Entscheidend war für mich zunächst, daß er opferte. In einem der Gebete während der Opferhandlung hieß es: «… nimm dies Opfer wohlgefällig an, wie Du einst mit Wohlgefallen aufgenommen hast die Gaben Abels, Deines gerechten Dieners, das Opfer unseres Patriarchen Abraham, das heilige Opfer und die makellose Gabe, die Dein Hoherpriester Melchisedech Dir dargebracht hat.» Der Hirte Abel hatte die Erstlinge seiner Herde und ihr Fett auf dem Opferaltar verbrannt, Abraham hatte seinen Sohn opfern wollen und dann an dessen Stelle einen Widder geschlachtet, Melchisedech, der nicht zum Volk Abrahams gehörte, opferte Brot und Wein. Urreligion, Judentum und Heidentum waren durch die drei Namen des Opfergebetes repräsentiert; Menschenopfer, Tieropfer und unblutiges Opfern waren genannt, wobei das unblutige in seinen Zeichen die Erinnerung des blutigen bewahrte. Es war mir klar, daß die katholische Messe in ihrer seit über eintausendfünfhundert Jahren ununterbrochenen überlieferten Form genaugenommen gar nicht als der Ritus einer bestimmten Religion betrachtet werden durfte, sondern als die Erfüllung aller Religionen, die sie sämtlich in sich aufgesaugt hatte. Wenn ich an einem solchen Opfer teilnahm, verband ich mich mit allen Menschen, die jemals gelebt hatten, von den fernsten Zeiten bis zur Gegenwart, weil ich dasselbe tat wie sie. Meine Empfindung als Teilnehmer an dem überlieferten Meßopfer war, daß ich ein Mensch sei und etwas Menschengemäßes vornehme, daß ich die wichtigste Pflicht menschlichen Daseins erfüllte und dies vielleicht zum ersten Mal, und daß ich sie für alle anderen, die sie nicht erfüllen wollten oder konnten, miterfüllte, weil die Verweigerung der Teilnahme mir plötzlich als etwas geradezu Kindisches und Unernstes erschien.

In dem soeben erst auf deutsch erschienenen Aufsatz «Das Titanische und der Kult» von dem unter Stalin hingerichteten Priester Pawel Florenski habe ich ähnliche Gedanken gefunden, die als Worte eines Geistlichen natürlich höheres Gewicht besitzen als die privaten Empfindungen eines Laien. «Unser Gottesdienst ist älter als wir und unsere Eltern, älter als selbst die Welt. Der Gottesdienst ist gleichsam nicht erfunden, sondern gefunden, gewonnen: was immer schon war, das ist mehr oder weniger das Wesen des vernünftigen Gebets. Der orthodoxe Glaube hat das Welterbe in sich aufgenommen, und wir haben in ihm das reine, gedroschene, von der Spreu befreite, gesiebte Korn der Religionen vor uns, das eigentliche Wesen des Menschlichen … Deshalb steht es außer Zweifel, daß unser Gottesdienst nicht vom Menschen stammt, sondern von Engeln …»

Voraussetzung, den christlichen Kult so zu erleben, ist eine Unterwerfung unter die Form, die jede Spur des Subjektiven auslöscht. Schon in frühester Christenheit lehrte der östliche Kirchenvater Basilius der Große, daß die Liturgie Offenbarung sei wie die Heilige Schrift und niemals angetastet werden dürfe. Und so wurde es auch bis zum Pontifikat Pauls VI. gehalten. Selbstverständlich bewahrte diese Haltung die Liturgie nicht vor Modifikation, aber diese Änderungen geschahen organisch, unbewußt, unbeabsichtigt, sie wuchsen aus der kultischen Praxis hervor, wie sich eine Landschaft durch Wind und Wasser in den Jahrtausenden umformt. In der Antike nannte man die Unterbrechung einer Tradition durch den Herrscher einen Akt der Tyrannis. In diesem Sinn ist der Modernisierer und Fortschrittsgläubige Paul VI. ein Tyrann der Kirche gewesen. Ob er vom Anthropologischen her eines Tages mit seinem Gewaltakt recht behalten wird, geht mich nichts an. Ich ignoriere diesen Angriff auf die Göttliche Liturgie. Steinzeitmenschen haben ein unterentwickeltes Verhältnis zur Zeit. Unter Zukunft können sie sich überhaupt nichts vorstellen, von der Vergangenheit vermuten sie, daß sie so ähnlich wie die Gegenwart war.

Liturgie – Die gelebte Religion

Goethe begegnete in Karlsbad im Jahre 1812 der jungen Kaiserin Maria Ludovica; als die Kaiserin erfuhr, welch tiefen Eindruck sie auf Goethe gemacht hatte, ließ sie ihm die «hohe und bestimmte Willensmeinung» mitteilen, in keinem seiner Werke, «unter welchem Vorwand es immer sein möge, erkannt oder erraten zu werden wollen», denn, so die Kaiserin, «die Frauen sind wie die Religion; je weniger man von ihnen spricht, je mehr gewinnen sie». Das ist eine schöne und beherzigenswerte Maxime, und ich bin nicht glücklich darüber, daß ich dabei bin, mich über sie hinwegzusetzen, indem ich zu Ihnen über die Religion in ihren praktischen Aspekten, über die gelebte Religion, die Liturgie nämlich, spreche. Vielleicht der schlimmste Schaden der Meßreform Papst Pauls VI. und der durch sie eingeleiteten, die Reform längst «überwunden» habenden Entwicklung, der größte geistliche Verlust ist dies: daß wir nun über die Liturgie sprechen müssen. Auch wer die Liturgie bewahren will, auch wer in ihrem Geist beten will, auch wer ihr unter den größten Opfern treu bleibt, hat bereits etwas Unschätzbares verloren: die Unschuld, sie als etwas Gottgegebenes, von oben aus dem Himmel den Menschen Geschenktes hinzunehmen. Als Verteidiger der großen, der heiligen Liturgie, der klassischen römischen Liturgie sind wir alle große oder kleine Liturgiewissenschaftler geworden. Die wissenschaftliche, archäologische und historische Verbrämung der Reform hat uns gezwungen, diese Argumentationen zu widerlegen und uns damit zu einer Beschäftigung mit Ritus und Liturgie geführt, die dem religiösen Menschen zutiefst widerstreben muß.

Wir haben uns zu einer Art scholastisch-juristischem Denken bei der Betrachtung der Liturgie verführen lassen: was ist unbedingt erforderlich, damit noch von Liturgie gesprochen werden kann? Welche Willkür ist noch tolerabel, was aber darf nicht mehr hingenommen werden? Wir haben uns daran gewöhnt, Minimalerfordernisse als Kategorie der Bewertung der Liturgie zu akzeptieren, wo es doch überhaupt nur um das Maximale gehen kann. Wir haben schließlich begonnen, Liturgie zu bewerten – ein ungeheuerlicher Vorgang! Wir haben in den Kirchenbänken gesessen und uns gefragt: war das jetzt eine Heilige Messe, oder war das jetzt keine Heilige Messe? Ich betrete die Kirche, um Gott zu sehen, und ich verlasse sie wie ein Theaterkritiker.

Und wenn wir dann hin und wieder eine Heilige Messe feiern dürfen, die uns die große historische und religiöse Katastrophe, die grundsätzliche Beschädigung der Brücke des Menschen zu Gott für ihre Dauer vergessen läßt, dann wissen wir doch immer, was für Leistungen erforderlich waren, um eine solche Heilige Messe stattfinden zu lassen, wie viele Briefe dahinterstehen, wie viele Opfer dies Heilige Opfer möglich gemacht haben, um darin unter anderem auch für einen Bischof zu beten, der dies Gebet überhaupt nicht wünscht, der gern bereit ist, auf die Nennung seines Namens im Kanon zu verzichten. Ein verschwiegenes religiöses Leben, Tage, die mit einer stillen Messe in einer unauffälligen kleinen Kirche in der Nähe beginnen, ein Leben, in dem wir, diskret von Priestern angeleitet, in Jahrzehnten lernen, die eigenen Opfer mit dem Opfer Christi zu verschmelzen, in dem wir uns in der Heiligen Messe mit unseren eigenen Sünden und den uns gewährten Gnaden befassen, und zwar mit nichts sonst – das ist einem Katholiken nach der Zerstörung der Selbstverständlichkeit der Liturgie nicht mehr möglich.

Man könnte mir entgegenhalten, daß ich übertreibe; man könnte mir nun vorhalten, daß trotz aller Verwüstung des Kultes die Lehre der Kirche über das Opfermysterium unangetastet sei. Schon Papst Paul VI., der Reformator selbst, habe den sakralen Opfercharakter der Heiligen Messe erneut bestätigt; sein Nachfolger Papst Johannes Paul II. habe das gleiche getan und der neue Katechismus enthalte die unverkürzte Lehre über die Liturgie, wie sie der Tradition der Kirche entspreche.

Das ist richtig; was das oberste Lehramt über die Heilige Messe sagt, ist altes katholisches Glaubensgut. Daß der Katechismus erscheinen konnte, daß er trotz der zahllosen Kompromisse in der Formulierung, trotz wolkiger Lyrismen, die sich über die neuralgischen Punkte schieben, eine Sammlung überlieferter katholischer Glaubenslehre geworden ist, kann man in unserer Zeit geradezu als ein Wunder ansehen. Man muß sich etwas weniger schämen, Katholik zu sein, seitdem diese Sammlung erschienen ist. Aber was bedeutet sie für den Alltag und den Festtag unserer Kirche?

Zar Nikolaus I., der strenge Zensurvorschriften einführte, nahm Bücher, die über tausend Seiten lang seien, von der Zensurpflicht ausdrücklich aus: solche Werke würden ohnehin von niemandem gelesen. Ich möchte aber gar nicht auf die unbestreitbare Tatsache hinaus, daß der neue Katechismus ein Werk ist, das in unseren Priesterseminaren allenfalls zu Zwecken der Belustigung einmal durchgeschaut wird. Ich bin kein Theologe und kein Kanonist; ich muß als Schriftsteller die Welt aus einem anderen Winkel betrachten. Wenn ich wissen möchte, was einer glaubt, dann hilft es mir nicht, in seiner Vereinssatzung, verzeihen Sie den Ausdruck, nachzuschauen. Ich muß mir den Menschen ansehen, seine Gebärden, seine Blicke, seine unbeobachteten Momente. Erlauben Sie mir bitte, Ihnen dazu ein Beispiel zu nennen.

In Frankfurt wurde die Heilige Messe nach dem alten Ritus seit dem päpstlichen Indult von 1984 in einer kleinen, ungewöhnlich häßlichen Kapelle im zweiten Stock eines zum Hotel gewordenen Kolpinghauses gefeiert. Schreckliche Kirchenkunst schmückte diesen Raum: eine Betonmadonna als Kykladensymbol und ein Kruzifix aus rotem, wie Himbeergelee schimmerndem Glasfluß waren die heiligen Bilder, denen die Ehre der Inzensation zuteil wurde. Man konnte jedenfalls niemandem zum Vorwurf machen, er begebe sich aus snobistischem Ästhetizismus in diese Kapelle; diese wohlfeile, sonst so häufig erhobene Beschuldigung blieb dem Frankfurter Kreis erspart.

Die Laien, die sich dort zusammenfanden, wußten wenig, was alles bei den Vorbereitungen zu beachten war, sie kannten keine Sakristeienbräuche und wuchsen erst langsam in die notwendigen Kenntnisse hinein. Ein Kreis von Frauen, die die Gewohnheit hatten, zusammen zu beten, begann sich dann um die Altarwäsche zu kümmern; von diesen Frauen will ich Ihnen erzählen. Eines Tages fragten sie den Verwalter der Kapelle, was eigentlich mit den gebrauchten Purificatoria geschehe, den Kelchtüchern, mit denen der Priester die restlichen Tropfen des gewandelten Weins aus dem Kelch aufsaugt. Die kämen mit der anderen Wäsche in die Waschmaschine, sagte der Verwalter. Die Frauen brachten zur nächsten Messe ein Säckchen mit, das sie genäht hatten. Dann baten sie um das gebrauchte Purificatorium und taten es in das Säckchen. Was sie damit machen wollten? «Das ist doch mit dem Kostbaren Blut getränkt, das darf man doch nicht in den Ausguß gießen.» Daß die Kirche früher vorgeschrieben hatte, daß der Priester selbst das erste Auswaschen des Purificatoriums zu besorgen habe, daß das Waschwasser danach in das Sakrarium oder in Erde zu gießen sei, das wußten diese Frauen gar nicht. Aber sie wehrten sich dagegen, daß man diese Tüchlein wie andere Wäsche behandelte, und taten instinktiv, was eine alte, nunmehr mißachtete Vorschrift verlangte. «Das ist, wie dem Jesuskind die Windel waschen», sagte eine dieser Frauen. Ich wurde verlegen, als ich das hörte. Die Volksfrömmigkeit wurde da doch etwas zu konkret.

Ich sah sie, wie sie da zu Hause wusch, nachdem sie vorher einen Rosenkranz gebetet hatte. Das Waschwasser brachte sie in den Vorgarten und goß es in eine Ecke, wo besonders schöne Blumen wuchsen. Am Abend deckte sie dann den Altar in der Kapelle mit einer anderen Frau. Das Adjustieren des langen schmalen Leintuchs war schwierig. Beide Frauen waren sehr konzentriert, zugleich aber mit einer unterdrückten Sorge, als pflegten sie nüchtern und effizient einen Menschen, den sie liebten. Ich habe diesen Vorbereitungen mit wachsender Neugier zugesehen. Was war das? In allen Berichten der Auferstehung ist von den gefalteten Tüchern die Rede – «angelicos testes, sudarium et vestes», wie es in der Ostersequenz heißt. Kein Zweifel, diese Frauen in der häßlichen Kapelle im zweiten Stock waren die Frauen am Grab. Sie lebten in der beständigen, unbezweifelten, real erlebten Gegenwart Jesu. In dieser Gegenwart verhielten sie sich natürlich – entsprechend ihrer Herkunft und ihrem Bildungsstand. Ihr Leben war Anbetung, die in sehr präzise, sehr praktische Handlungen übersetzt war – Liturgie. Wenn ich diese Frauen beobachtete, dann wußte ich, daß sie an die wirkliche Gegenwart Jesu im Altarsakrament glaubten. Das ist Glaube: was wir selbstverständlich tun.

Und wie sieht diese Selbstverständlichkeit in einer beliebigen Großstadtkirche aus? Kaum einer kniet bei der Wandlung, oft genug macht nicht einmal der Priester eine Kniebeuge vor den gewandelten Gaben. Die Hostien für die Gemeinde holt eine Dame aus einem seitlich angebrachten goldenen Schränkchen, geschäftig und sicher, als entnehme sie dem Arzneimittelschränkchen ein Medikament. Die Hostien legt sie den Kommunionempfängern in die Hand; keiner erweist ihnen die Reverenz einer Kniebeuge oder einer Verneigung.

Die viel geschmähten und verdächtigten Ästheten verfügen über eine schreckliche Gabe: die äußere Gestalt einer Sache, eines Vorgangs, eines Gedankens enthüllt ihnen mit Sicherheit die innere Wahrheit des Angeschauten. Ich habe oft genug mit frommen Apologeten über den geschilderten, überall in der Welt zu sehenden Vorgang gesprochen. Die Geistlichen waren peinlich berührt, aber sie wollten keinen geistlichen Verlust eingestehen. Das Knien sei mittelalterlich, sagten sie. Die Urchristen hätten stehend gebetet. Stehen bedeute den Auferstandenen Christus, sei die dem Christen angemessenste Haltung. Die Urchristen hätten die Kommunion auch mit der Hand empfangen. Was denn ehrfurchtslos daran sei, wenn die Gläubigen «einen Thron» für die Hostie aus ihren Händen formten?

Ich billige den Leuten, die mir so etwas erzählen, zu, daß sie es ernst meinen. Aber es wird eine bei Seelsorgern kaum zu fassende Weltfremdheit und die Untauglichkeit wissenschaftlicher Argumente in liturgischen Fragen sehr deutlich sichtbar. Diese Wissenschaftler haben es immer nur mit der Geschichtlichkeit des Glaubensgutes und der Verehrungsformen. Kerneinsicht des Geschichtsdenkens muß hier aber sein: was in der einen Epoche Ausdruck der Verehrung ist, kann in einer anderen Epoche Ausdruck der Blasphemie sein. Nachdem sie tausend Jahre lang auf den Knien gelegen haben, erheben sich die Leute doch nicht in der Einsicht, die Urchristen hätten bei der Wandlung gestanden und man kehre nun zu dieser besonders authentischen Andachtsform zurück. Sie stehen vielmehr auf, klopfen sich den Staub von den Hosenbeinen und denken: Es ist wohl alles nicht so ernst gemeint. Jede Bewegung in solchen Kultfeiern spricht dieses: Ganz so ernst ist das alles nicht gemeint. Es ist anthropologisch vollkommen ausgeschlossen, daß unter solchen Umständen der kirchlich noch immer verkündigte und vielleicht mit Worten auch von Teilnehmern solcher Feiern gelegentlich noch bestätigte Glauben an die Gegenwart Christi im Sakrament irgendeine tiefere seelische Bedeutung besitzt.

Auf der Suche nach einer Kommunionpatene in verschiedenen Pfarreien habe ich erfahren, daß in meiner Stadt die Kommunionpatenen, da sie ja jetzt unnötig geworden seien, überall zum Einschmelzen gegeben worden seien, um den Gemeinden die Anschaffung der neuen flachen Hostienschalen zu erleichtern, deren Konstruktion es dem Priester unmöglich macht, sie zu halten und dabei Daumen und Zeigefinger zusammenzulegen – die alte Ehrfurchtsgeste vor dem gewandelten Leib. Ich wiederhole, daß ich kein Theologe bin. Für mich als Menschenschilderer, als Rekonstrukteur menschlicher Motivationen, ist es völlig ausgeschlossen, daß jemand, der alle Kommunionpatenen zum Einschmelzen gibt, an die leibliche Gegenwart Christi im Sakrament glaubt. Wir glauben mit den Knien oder wir glauben überhaupt nicht. «Ich kann mir nicht helfen», sagte mir einmal eine freundliche Protestantin, «aber ich finde es immer peinlich, wenn ich einen erwachsenen Mann auf Knien sehe.» Diese Frau hat von der Krise der Anbetungsformen erheblich mehr verstanden als die professionellen Schönredner mit ihren Archäologismen von Thronen und Auferstehungsgesten und Orantenhaltungen. Ein Mann auf Knien, weil er glaubt, daß sein Schöpfer in einer kleinen weißen Oblate steckt. Das ist, wir müssen Gott dafür danken, an manchen Orten immer noch ein Skandal.

Ich habe Ihnen meine Überzeugung geschildert, daß es nicht möglich ist, ohne die überlieferten Formen der Ehrfurcht und der Anbetung die Ehrfurcht und die Anbetung zu bewahren. Natürlich wird es immer den gnadenerfüllten Menschen geben, der beten kann, auch wenn man ihm alle Mittel dazu aus den Händen geschlagen hat. Und sicher gibt es viele, die mich besorgt fragen werden, ob ich glaube, daß man die neue Liturgie Papst Pauls VI. nicht auch würdig und ehrfürchtig vollziehen könne. Selbstverständlich ist das möglich, aber gerade diese Möglichkeit ist das wichtigste Argument gegen diese neue Liturgie. Man hat gesagt, daß die Monarchie tot sei, wenn es zu ihrem Überleben eines fähigen Monarchen bedürfe, denn der Monarch im alten Sinne legitimiert sich nicht durch sein Talent, sondern durch seine Geburt. Viel besser läßt sich dieser Satz auf die Liturgie anwenden: Sie ist tot, wenn es zu ihrem Vollzug eines frommen und guten Priesters bedarf. Niemals darf es möglich sein, daß die Gläubigen die Liturgie als Leistung des Priesters betrachten. Sie ist nicht das Ergebnis einer glücklichen Stunde, persönlichen Charismas, niemandem kommen Verdienste für sie zu. In ihr wird die Zeit aufgehoben – die Zeit in der Liturgie ist eine andere als die, die außerhalb der Kirchenmauern abläuft. Es ist die Zeit Golgathas, die Zeit des einzigen und einmaligen Opfers – «hapax» –, und diese Zeit enthält alle Zeiten und keine. Wie kann man einem Menschen sichtbar machen, daß er die Gegenwart verläßt, wenn der Raum, den er betritt, aus lauter höchst individueller Gegenwart besteht? Wie klug war die alte Liturgie, als sie sich entschloß, der Gemeinde das Gesicht des Priesters zu entziehen – seine Zerstreutheit und Kälte, oder, wichtiger noch, seine Andacht und Ergriffenheit.

Ich sehe die zarte Ironie auf den Lippen fortschrittlicher Seelsorger vor mir, die mich fragen, ob mir die historische Gewordenheit der Liturgie denn völlig verborgen geblieben sei. Ob ich denn allen Ernstes glaube, die Heilige Messe sei in der Gestalt des Missale von 1962 vom Himmel gefallen? Ob man denn mit Blick auf die Kirchengeschichte wirklich sagen könne, daß durch die Antastung einer Liturgie, die doch aus lauter Antastungen zusammengesetzt sei, ein Sakrileg geschehe?

Ich habe zu Beginn gesagt, daß alle Anhänger der alten Liturgie nolens volens zu Liturgiewissenschaftlern werden mußten, um die Angriffe auf die Liturgie im Zeichen der Wissenschaftlichkeit widerlegen zu können. Und sie sind widerlegt worden, sie sind als wissenschaftlich unhaltbar entlarvt worden – ich möchte hier nur den Namen von Klaus Gamber nennen, der für alle stehen soll, die das Gespinst aus falscher Archäologie und listig beigemischter Ideologie aufgelöst und entwirrt haben. Wir wissen, daß und welche Elemente des jüdischen Synagogengottesdienstes in die Heilige Messe eingegangen sind, wir kennen die Teile, die dem byzantinischen Hofzeremoniell entstammen, Mönchsbrauch und fränkische Königsliturgie sind, gotisch-scholastische Einflüsse verraten und schließlich der devotio moderna den Eintritt in das Opferzeremoniell verdanken.

Die Heilige Messe, wie sie uns in der letzten vorkonziliären Form vorliegt, ist kein klassizistisches Pantheon, um es architektonisch zu sagen, sie ist, mit dem kalten Blick des Liturgiewissenschaftlers betrachtet, keineswegs ein makelloses logisches Gebäude nach dem Goldenen Schnitt, dessen Detailmaße kunstvoll und überall auf die Gesamtproportionen bezogen werden können.

Viel besser kann man sie mit einer unserer alten Kirchen vergleichen: mit tief in der Erde steckenden romanischen Fundamenten, einem gotischen Hochchor, einem barocken Altarbild und mit Kirchenfenstern im Nazarenerstil. Man braucht nicht den verletzenden Blick des Reformers auf die Heilige Messe zu richten, um Unstimmigkeiten und Sonderbarkeiten in ihrem Ablauf zu entdecken. Natürlich ist jedem klar, daß es nicht so gedacht war, daß der Priester nach der Altarinzens des Beginns leise einen Psalmvers entspricht, der eigentlich nur die Antiphon zu dem ganzen Psalm ist, der einstmals den Einzug begleitete. Natürlich merkt jeder, daß es wohl nicht immer so war, daß auf das «Dominus vobiscum» und das «Oremus» vor dem Offertorium keineswegs die zu erwartende Oration folgt, sondern wiederum ein «zweckentfremdeter» Antiphonvers, der einen Psalm eröffnen sollte, der nicht mehr gesungen wird. Es mag auch als seltsam empfunden werden, daß die Gläubigen zuerst ausgesandt werden – «Ite missa est» heißt nebenbei nicht: Geht, ihr seid entlassen, sondern: Geht, es ist Aussendung, Euer Apostolat in der Welt beginnt – und dann nicht nur dableiben müssen, um den Segen abzuwarten, sondern auch, um in Gestalt der Verlesung des Anfangs des Johannes-Evangeliums ein zweites Mal gesegnet zu werden. Und wirkliche Kenner der Materie mögen da noch mehr zu erinnern finden.

Aber selbst wenn man sagen muß, daß die Heilige Messe in ihren Texten und Abläufen schon sehr lange im wesentlichen dieselbe Gestalt hat, so war ihr Aussehen doch in jedem Jahrhundert ein anderes, dazu muß man sich nur die Kirchenbauten der verschiedenen Epochen ansehen. Die Heilige Messe in Alt-St. Peter in Rom zur Zeit des Kaisers Konstantin in der dicht mit Schleiern verhängten Basilika schwankte in der Atmosphäre gewiß zwischen mystischem Geheimkult und senatorisch-patrizischem Staatsakt. Eine gotische Kathedrale, in der zum Wohl der armen Seelen vierzig Messen an sämtlichen Altären auf einmal gehalten wurden, besaß einen anderen Geist als die barocken Bühnenhäuser, in denen das Opfer zu pompöser Orchestermusik dargebracht wurde. Und der rationalistische Purismus der französischen Benediktinerklöster, die den alten Ritus heute feiern, wäre in keinem anderen Jahrhundert als dem unsern vorstellbar.

Was will ich damit sagen? Selbstverständlich ändert sich der Ritus andauernd auf seinem Weg durch die Jahrtausende! Er tut es, ohne daß irgendeiner davon etwas merkt, und ohne daß Willkür im Spiel zu sein braucht. Wir sind als geschichtliche Wesen alle dem Geist der Epoche unterworfen, der wir angehören, wir müssen mit ihren Augen sehen, mit ihren Ohren hören und nach dem Gesetz ihrer Mentalität denken. Änderungen in einem uralten Vollzug, die durch die modellierende Hand der Geschichte geschehen sind, haben keinen Autor, sie bleiben anonym und sie sind, das ist das wichtigste, ihren Zeitgenossen unsichtbar, sie treten erst nach Generationen ins Bewußtsein. Solche Änderungen und allmähliche Verwandlungen sind niemals «Reformen», denn es steckt nicht die Absicht hinter ihnen, etwas besser zu machen. Es hat zu den kostbarsten Weisheitsschätzen der Kirche gehört, daß sie imstande war, von hoher Warte auf diesen Geschichtsprozeß wie auf einen breiten Strom herabzublicken, indem sie das Unvermeidliche dieser Kraft erkannte und nur hier und dort behutsam Dämme errichtete oder Seitenarme in das Hauptbett zurückleitete. Weil die Heilige Messe keinen Autor hatte, weil man von fast keinem ihrer Teile genau hätte sagen können, wann es entstanden und wann es endgültig und überall seinen Platz in der Messe gefunden hatte, durfte jeder glauben, und konnte jeder fühlen, daß sie etwas Ewiges und nicht von Menschenhand Gemachtes war.