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Ein sportlicher, junger Mann wird mit Alkohol und Drogen vollgepumpt ermordet aufgefunden. Niklas Mayer wurde mit einem Harpunenschuss in den Kopf getötet. Die Kriminalpolizei Fulda übernimmt den Fall. Die Ermittler Philipp Jung und Robert Thalberg tauchen ein in einen Sog von privaten Geheimnissen und Kaffee.
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Seitenzahl: 176
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
,Ein komisches Bild gibt er schon ab‘, dachte Robert Thalberg, als er in das Zimmer trat. Ein sportlich durchtrainierter Mann in etwa seinem Alter hing schlaff mit dem Rücken an der Wand des Wohnzimmers. Sein schmerzverzerrtes Gesicht und die Brust waren blutverschmiert, unter dem Körper hatte sich eine rote Pfütze gebildet. Mit dem linken Auge starrte er leblos in den Raum. An der Stelle, an der sich das rechte Auge befinden müsste, steckte ein langer, schmaler Pfeil mit einem dünnen Seil daran. Dieser hatte den Hinterkopf durchschlagen und bohrte sich in die dahinterliegende Wand. Erstaunlich, dass er dort mitsamt dem Opfer hängenblieb.
„Hier“, sein am Boden hockender Kollege Jung wies auf ein langes, schwarzes Gerät, welches mit einem pistolenartigen Griff ausgestattet war. Das dünne Seil endete an einer Spule, die an dem Gerät hing.
„Damit fängst Du im Normalfall die dicken Fische“, grinste Jung, der offenbar nie um einen dummen Spruch verlegen war. Niklas Mayer wurde mit einem Kopfschuss durch eine Harpune getötet. Mitten in Fulda.
Es war ein herrlicher Sommermittag. Lisa Gottschalk schlenderte durch die Stadt. Ihr Ziel war ein beliebtes Ausflugslokal in der Nähe der Fulda. Dort angekommen ergatterte sie sich noch einen Sitzplatz im Schatten einer großen Buche.
Bei schönem Wetter herrschte im Biergarten der Brauhausmühle bereits mittags reger Betrieb. Kinder tobten über den Schotterplatz oder flitzten zwischen den Tischen des Biergartens umher. Mitunter hörte man das mahnende Wort eines Elternteils, wenn der Nachwuchs gar zu sehr umhertollte oder beinahe mit einer der zahlreichen Bedienungen zusammenstieß, die ebenfalls um die Tischreihen wuselten, schwer bepackt mit gefüllten Biergläsern. Viele der Bedienungen waren Studenten der nahegelegenen Hochschule, die mit Kellnern und Trinkgeldern ihr schmales Studentenbudget aufbesserten.
Noch vor wenigen Jahren war auch Lisa als Kellnerin durch den Biergarten der Brauhausmühle geeilt. Nach ihrem ersten Arbeitstag hatte ihr ganzer Körper geschmerzt, besonders Arme, Schultern, Rücken und Füße. Kein Wunder, denn gerade an jenem Frühlingstag, als die ersten warmen Sonnenstrahlen die abweisende Kälte des Winters verscheucht hatten, wurde der Biergarten wiedereröffnet. Wie viele Gläser sie an diesem Tag geschleppt hatte, wusste sie nicht mehr.
Damals hatte sie Stephanie Fuhrmann kennengelernt, die sich schon seit zwei Jahren ihr Taschengeld als Kellnerin aufbesserte. Stephanie hatte gemeint, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen Sonneneinstrahlung, Außentemperatur und Trinkgeldhöhe gäbe. Je mehr Sonne, desto höher die Trinkgelder. Allerdings erkauft durch unglaublich viele Kilometer, die sie zwischen Tresen und Tischen zurücklegte. Am Abend hatte Lisa verstanden, was Stephanie meinte.
Stephanie hatte ihr in ihrem ersten Sommer als Bedienung in einem Lokal noch weitere wertvolle gegeben, also ertragreiche Tipps. Die Tiefe des Ausschnitts beeinflusste ebenso die Trinkgeldhöhe, jedenfalls an einem Tisch mit überwiegend Männern. Außerdem schadeten ein paar flotte Sprüche nicht, notfalls auch ein paar Derbe, wenn einer der angetrunkenen Besucher ihnen ein wenig zu auffällig nachsteigt.
„Manche Kerle sehen uns als Freiwild an“, sagte Stephanie, „nur wenn man sie ein wenig anlächelt.“
Mit der Zeit hatte Lisa und Stephanie eine Freundschaft verbunden. Sie hatten sich nicht nur am Hochschulcampus getroffen, sondern gingen auch abends zusammen aus. Lisa hatte ihr Studium in relativ kurzer Zeit beendet. Als sie anschließend eine passende Anstellung in einem Fuldaer Unternehmen gefunden hatte, hing sie ihren Nebenjob als Kellnerin an den Nagel. Stephanie ließ sich mehr Zeit mit ihrem Studium. Sie kellnerte weiterhin.
Während Lisa in ihrer Mittagspause so dasaß und gedankenverloren das bunte Biergartentreiben betrachtete, sah sie auf einmal Stephanie. Sie winkte ihr zu. Als Stephanie an ihrem Tisch ankam, fragte sie Lisa, was sie trinken wolle?
„Na, ich hätte eine etwas herzlichere Begrüßung erwartet, Stephanie!“, lachte Lisa, und im nächsten Moment umarmten sich die beiden jungen Frauen.
„Wie geht es dir, und was macht Dein Studium?“ fragte Lisa.
„Gut, mittelmäßig“, gab Stephanie zurück.
Lisa schaute etwas irritiert.
„Schau nicht so komisch! Was stellst du mir auch gleich zwei Fragen, wenn du die Antworten nicht verarbeiten kannst?“, grinste Stephanie.
Das war typisch für sie. Sie verwirrte auf diese Weise gerne aufdringliche Gäste, die sie in einem Atemzug zum Ausgehen einladen und ihre Telefonnummer erfahren wollten.
„Also nochmal zum Mitschreiben. Mir geht es gut, und mein Studium läuft mittelmäßig.“ Stephanie erzählte, dass ausgerechnet zu den Klausuren zwei Kolleginnen aus der Brauhausmühle länger erkrankt seien. Der Chef meinte, dass sie dann eben mehr arbeiten müsse. Ihre Klausuren seien ihm egal. Er habe Gäste und die wollten bedient werden. Wenn sie keine Lust habe, könne sie auch gleich ganz zu Hause bleiben. „Was sollte ich also tun?“
Bevor Lisa eine Antwort geben konnte, fuhr Stephanie, immer noch verärgert über das Vorgehen ihres Chefs, fort: „Also habe ich gekellnert. Finanziell hat sich das sogar richtig gelohnt! Meine Klausuren konnte ich leider vergessen.“
„Das tut mir leid, Steffi. Und nun?“
„Ich hänge einfach ein weiteres Semester hinten dran“, Stephanie hielt kurz inne. Dann lächelte sie Lisa an: „Aber du bist bei diesem tollen Wetter bestimmt nicht hierhergekommen, um mit mir über versemmelte Klausuren zu sprechen. Willst du ein Bier?“
„Nein, leider. Heute Mittag reicht ein Mineralwasser aus. Schließlich muss ich nachher wieder zurück ins Büro. Was sollen denn die Kollegen denken, wenn ich mit einer Fahne wieder auftauche?“
„Alles klar.“
Mit diesen Worten verschwand Stephanie wieder.
Zwischenzeitlich trafen weitere zahlreiche durstige Kehlen im Biergarten ein, die ihre Bestellung aufgeben wollten. Lisa konnte wieder ihren Gedanken nachgehen.
Hier hatte sie Niklas kennengelernt. Er war öfter mit ein paar Freunden in die Brauhausmühle gekommen. Er war der erste Gast, der ihre Telefonnummer bekommen hatte. Das war jetzt zwei Jahre her. Lisa machte es nichts aus, dass Niklas in einem Sporthaus arbeitete, während sie ihr Studium mit Auszeichnung abgeschlossen hatte. Ihre Befürchtung, dass Niklas ein Problem damit hätte, dass sie nun deutlich mehr als er verdienen würde, und sie beruflich nun in ganz anderen - gehobenen - Kreisen verkehrte, erfüllte sich glücklicherweise nicht. Niklas hätte ohne weiteres sein Studium beenden und eine akademische Karriere anstreben können. Aber er fühlte sich wohl in seinem Sporthaus.
„Das ist kein Sporthaus, das ist ein Ausrüstungsgeschäft“, verbesserte er sie immer.
Jedenfalls vertrat er die Ansicht, dass die Zufriedenheit am Arbeitsplatz wichtiger als ein hohes Einkommen sei. Lisa ärgerte es, wenn er sie nach einem stressigen Bürotag mit dieser Weisheit belehrte. Er kam scheinbar immer tiefenentspannt von seiner Arbeit zu ihr.
„Nicht jeder ist mit einem goldenen Löffel im Mund auf die Welt gekommen!“, zischte Lisa in diesen Momenten. Dieser Kerl schaffte es immer wieder, sie auf die Palme zu bringen, obwohl Niklas nun wirklich nichts dafür konnte, dass ihm das Erbe seines Großvaters ein sorgenfreies Leben ermöglichte. Nach derartigen Wortgefechten endeten diese Abende meistens im Streit. Lisa erwartete von Niklas, dass er ihr zuhörte, auf sie einging und sie ein wenig bemitleidete, wenn es bei ihr an der Arbeit wieder stressig wurde. Aber alles, was sie von Niklas zu hören bekam, waren kleine Sticheleien, dass jeder seines Glückes Schmied sei oder Ähnliches. Trotzdem liebte sie ihn. Vielleicht auch gerade deshalb, weil er das Leben nicht so schwernahm.
‚Weil das Glas immer halbvoll ist!‘, würde Niklas jetzt sagen.
Lisa schreckte auf, sie war wieder zurück in der Realität. Mit einem Blick auf die Uhr stellte sie fest, dass ihre Mittagspause schon längst vorüber war. Sie zahlte schnell bei Stephanie und eilte auf dem direkten Weg ins Büro.
„Hast Du etwas von Niklas gehört, German?“
„Nein. Komisch, er sagt doch sonst immer
Christoph Bescheid.“ Berg, Inhaber der Bergausrüstung in der Fuldaer Innenstadt, runzelte die Stirn. Er stimmte German Müller zu, Niklas war normalerweise ein Vorbild an Pünktlichkeit. Dass er heute nicht aufkreuzte, machte ihn stutzig.
„Ich rufe jetzt bei ihm an. Wenn er erkrankt ist, hat er sich gefälligst bei mir abzumelden.“
Christoph verschwand in seinem Büro. In diesem Moment betrat Marie Berg, Christophs Tochter und rechte Hand, das Geschäft.
„Mahlzeit German. War heute schon was los? Wo ist Papa?“
Für German war es nichts Ungewöhnliches, dass die zweite Chefin der Bergausrüstung ihren Vater noch Papa nannte.
„Christoph ist in seinem Büro und will Niklas anrufen. Er ist heute noch nicht zur Arbeit gekommen. Hast Du eine Ahnung, wo er stecken könnte?“
„Bei mir hat er nicht angerufen. Na ja, er wird schon kommen. Ich gehe kurz ins Büro zu Papa und bin gleich wieder da. Möchtest Du auch einen Kaffee?“
„Oh ja, sehr gerne. Vielen Dank Marie.“
Keine fünf Minuten später kam Marie mit zwei dampfenden Kaffeepötten zurück in den Laden. Augenblicklich erfüllte das Aroma von frischgebrühtem Kaffee den Raum. German erklärte gerade einem Kunden die Unterschiede der verschiedenen Seiltypen, die die Bergausrüstung im Angebot hatten.
„Darf ich Sie auch zu einer Tasse Kaffee einladen?“ Marie lächelte den Kunden an.
„Sehr gerne! Könnte ich bitte einen Schluck Milch dazuhaben?“
„Selbstverständlich.“
Marie wollte gerade zurück in das Büro ihres Vaters gehen, da öffnete Christoph Berg schon die Tür. Jegliche Farbe schien aus seinem sonst sonnengebräunten Gesicht verschwunden zu sein. Er schaute irritiert zu Marie.
„Ich habe gerade in Niklas´ Wohnung angerufen.“ Christoph stockte.
„Ja und? Hat er gestern Abend einen über den Durst getrunken?“ Marie schien nicht zu verstehen.
„Ich hatte die Kriminalpolizei am Telefon. Sie wollen jeden Moment hier vorbeikommen.“
„Die Polizei? Bestimmt hast du dich verwählt. Was will die Polizei denn in Niklas Wohnung?“
„Ich habe keine Ahnung, was die Polizei dort sucht. Ich habe allerdings extra gefragt, ob ich richtig mit Niklas Mayers Telefonanschluss verbunden bin.“
Wenige Augenblicke später kam Marie mit einem dritten Pott Kaffee aus dem Büro. Der Kunde hatte sich zwischenzeitlich schon für ein Sicherungsseil entschieden, und German wickelte die entsprechende Länge ab.
„Herzlichen Dank für den Kaffee. Aber sagen Sie, was ist denn mit Herrn Berg? Er sieht heute gar nicht gut aus.“
„Mein Vater hat gerade viel um die Ohren. Wir wollen doch demnächst Trekkingtouren durch die Rhön veranstalten. Außerdem stecken wir noch mitten in den Vorbereitungen zu den Bergtouren in den Dolomiten. Da gilt es so viel zu beachten.“
`Hoffentlich nimmt er mir das ab´, dachte sich Marie, obwohl sie gar keine Notlüge gebrauchte. Christoph Berg und sein Team planten tatsächlich Touren durch die Rhön und ab Herbst auch in Südtirol. Aber in diesem Moment kam sich Marie vor, als hätte sie ihren Kunden nicht die Wahrheit gesagt.
Kurze Zeit später waren Christoph und Marie Berg sowie German wieder alleine im Laden.
„Was ist los, Chef? Ist etwas passiert?“
„Gleich wird die Polizei hier erscheinen. Am Telefon wollten sie nichts sagen. Aber es geht wohl um Niklas.“
Die Tür öffnete sich, Kriminalhauptkommissar Philipp Jung sowie Kriminalkommissar Robert Thalberg betraten das Geschäft.
„Philipp, Robert! Es ist gerade sehr schlecht. Die Polizei kommt gleich bei mir vorbei. Es geht um einen meiner Mitarbeiter.“ Christoph Berg zählte die beiden Kommissare schon seit langem zu seinen Stammkunden.
„Wir sind die Polizei“, sagte Robert.
Christoph stutzte. Er wusste bis zu diesem Zeitpunkt nicht, dass Philipp und Robert Polizeibeamte waren.
Die beiden Kommissare folgten Christoph Berg in sein Büro. Philipp Jung kam gleich auf den Punkt.
„Christoph, du hast bei Niklas Mayer angerufen. Was war der Grund des Anrufs?“
„Willst Du mir nicht erst einmal sagen, weswegen ihr mich aufsucht?“
„Da komme ich gleich dazu. Bitte beantworte zunächst meine Fragen.“
Christoph merkte, dass Philipp keine Anstalten machte, ihm auch nur einen kleinsten Hinweis zum Grund ihres Besuches zu geben. Er wirkte ungewohnt ernst.
„Schön. Ihr wisst, Niklas Mayer ist mein Mitarbeiter. Er ist heute nicht an die Arbeit gekommen.“
„Und deswegen rufst du ihn zu Hause an?“
„Niklas ist ein sehr zuverlässiger Mitarbeiter. In den ganzen Jahren, in denen er nun schon bei mir ist, kam es noch nie zu einer ähnlichen Situation. Natürlich kommt es vor, dass er krankheitsbedingt ausfällt. Dann ruft er aber immer bei mir an, und meldet sich ab.“
„Und warum hast Du ihn dann nicht schon heute Vormittag angerufen?“
Darauf fand Christoph keine sinnvolle Antwort: „Ich weiß es nicht.“
„Lassen wir es zunächst dabei bewenden. Was kannst Du uns zu seinen persönlichen Verhältnissen sagen?“
„Sehr viel kann ich Dir nicht berichten. Niklas hat vor etwa drei Jahren bei mir angefangen zu arbeiten. Zuvor hatte er sein BWL-Studium geschmissen. Ich kannte ihn ja schon vorher als Kunden. Er reist gerne, taucht und macht im Übrigen ohnehin viel Sport. Niklas hat nie nach einer Gehaltserhöhung gefragt. Ich glaube, er hat ein hübsches Sümmchen von seinem Großvater geerbt, was ihn relativ sorgenfrei leben lässt. Vielleicht weiß German da mehr. Lasst es mich so ausdrücken, die beiden haben sich gesucht und gefunden.“
„Niklas und German sind ein Paar?“
„Nein, nein. Da habe ich mich falsch ausgedrückt. Niklas und German haben viel gemeinsam, und ergänzen sich einfach prima. Ich glaube, sie sind sehr gute Freunde, die sich blind verstehen. Wollt ihr mir nun endlich sagen, weswegen ihr zu mir gekommen seid?“
„Nein. Eine letzte Frage noch, Christoph. Hat Niklas eine Freundin oder einen Freund? Irgendjemand, der ihm nahesteht?“
Philipps Frage ließ Christoph jegliche restliche Farbe aus dem Gesicht weichen.
„Niklas hat eine Freundin. Lisa Gottschalk.“
„Wo können wir diese Lisa Gottschalk erreichen?“
„Sie arbeitet bei einer Bank, glaube ich. Mehr weiß ich aber auch nicht.“
Philipp nickte und schaute zu Robert Thalberg, der das Gespräch mitschrieb. Philipp und Robert hatten die Abmachung, dass einer von beiden die Befragung durchführt, während der andere die schlechte Nachricht überbringen muss. Obwohl Philipp Jung der ältere und ranghöhere der beiden Kommissare war, traten sie beide als gleichberechtigte Kollegen auf.
Robert Thalberg wusste, dass nun der Moment gekommen war, Christoph Berg zu informieren. Er räusperte sich und sagte: „Wir haben Niklas Mayer heute tot in seiner Wohnung aufgefunden.“
Die Befragungen von Marie Berg und German Müller förderten keine nennenswert neuen Erkenntnisse zutage. Von German konnten sie lediglich den Namen von Lisa Gottschalks Arbeitgeber erfahren. Philipp Jung und Robert Thalberg machten sich zu Fuß auf den Weg.
Die counterfix direktbank befand sich im 6. Stock eines mehrstöckigen Bürokomplexes in der Nähe des Bahnhofs. Außer durch einen Schriftzug auf Briefkasten und Türklingel konnte von außen nicht erkannt werden, dass sich in diesem Gebäude die Zentrale eines Kreditinstitutes befand. Robert drückte die Klingel, und wenige Sekunden später betätigte jemand den Türöffner.
„Zu Fuß oder per Aufzug?“, fragte Robert mehr im Spaß. Er wusste, dass Philipp unter Platzangst litt, seit er als Kind einmal mehrere Stunden in einem Aufzug steckengeblieben war.
„Mach Dich nur über mich lustig!“, antwortete Philipp und grinste.
Im 6. Stock angekommen, öffnete eine attraktive junge Frau die gläserne Empfangstür. Sie lächelte die beiden Kommissare an.
„Herzlich willkommen bei der counterfix direktbank. Ich bin Bernadette Veilleux. Was kann ich für Sie tun?“
„Kommissar Robert Thalberg und Hauptkommissar Philipp Jung. Wir möchten gerne mit Frau Gottschalk sprechen.“
Für einen kurzen Moment schaute Bernadette Veilleux verdutzt, fing sich aber schnell wieder und lächelte:
„Un moment, s'il vous plaît“, antwortete sie, „nehmen Sie doch bitte kurz Platz.“
Sie wies auf ein elegantes, schwarzes Ledersofa. Die beiden Kommissare setzten sich hin. Wenige Augenblicke später kamen Lisa Gottschalk und Bernadette Veilleux zurück. Lisa bat die beiden Kommissare ihr zu folgen.
„Guten Tag. Kommissar Robert Thalberg, und das ist mein Kollege Hauptkommissar Philipp Jung. Sie sind Lisa Gottschalk?“, eröffnete Robert das Gespräch.
„Ja, ich bin Lisa Gottschalk. Was führt Sie zu mir? Ich bin mir keiner Verfehlung bewusst.“
„Frau Gottschalk. Sie kennen Niklas Mayer?“
Lisa spürte plötzlich ein langsam aufkommendes Unwohlsein in ihrer Magengegend. Ihr Brustkorb fühlte sich wie in einem Schraubstock eingespannt. Was sollte diese Frage? Lisa war irritiert.
„Was ist mit Niklas?“ fragte sie besorgt.
„Sie kennen also Niklas Mayer. In welcher Beziehung stehen Sie zu Niklas Mayer?“
„Niklas ist mein Freund. Aber sagen Sie mir doch bitte, was mit ihm ist?“
„Wann haben Sie Ihren Freund zuletzt gesehen?“
Lisa wurde beinahe ohnmächtig durch diese Frage. Sie konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen.
„G-gestern Abend, denke ich“ stammelte sie.
„Sie denken, ihn gestern Abend zuletzt gesehen zu haben? Oder wissen Sie es?“ Robert Thalberg blieb hartnäckig.
„I-ich weiß es. Ja, ich war gestern Abend bei ihm. Ist Niklas etwas zugestoßen?“
„Sie waren also gestern mit Niklas zusammen. Wie lange?“
„Wie lange?“, Lisa verstand die Frage nicht.
„Na ja, wann sind Sie wieder gegangen? Noch gestern Abend oder heute Morgen?“
„Ach so. Ich bin gestern Abend wieder gegangen.“
„Weshalb sind Sie gestern Abend wieder gegangen, wann und wohin?“
„Ich weiß nicht, wohin Ihre Fragen führen sollen, Herr Thalberg. Was ist mit meinem Freund?“
„Bitte beantworten Sie meine Fragen“, Robert Thalberg würgte sie einfach ab. Natürlich wusste er, dass er Lisa Gottschalk recht grob anging. Und er spürte, dass sie kaum noch Orientierung hatte. Es tat ihm leid, wie sie vor ihnen saß, verwirrt und zutiefst besorgt. Allerdings konnte er sicher sein, dass in diesen Momenten die ehrlichsten Antworten kamen.
„Ich bin nach Hause gegangen, etwa gegen 20.00 Uhr. Niklas und ich wohnen getrennt voneinander. Und ich war übrigens alleine, falls Sie das interessiert.“
„Ja, das interessiert mich. Vielen Dank.“, gab Robert ohne einen Unterton von Sarkasmus zu. In der Tat wäre das seine nächste Frage gewesen. So fuhr er fort: „Um was ging es in Ihrem Gespräch?“
„Niklas erzählte mir von den Planungen an seiner Arbeit, dass sie geführte Touren durch die Rhön und in Südtirol anbieten wollen. Er ist dann öfters für ein paar Tage unterwegs. Er soll die Touren leiten.“
„Und wie gehen Sie damit um? Anders ausgedrückt, wie geht es Ihnen dabei, wenn Sie wissen, dass er künftig regelmäßig fort ist?“
„Wie soll es mir dabei gehen?“, Lisa klang gereizt. „Natürlich bin ich nicht erfreut, wenn Niklas künftig tagelang mit irgendwelchen wildfremden Leuten durch die Pampas stapft“, sie beruhigte sich wieder etwas. „Aber ich bin ja auch öfter für mehrere Tage geschäftlich unterwegs. Ich habe Verständnis dafür.“
„Also gab es keinen Streit?“
„Wollen Sie mir nicht endlich sagen, weswegen Sie eigentlich hier sind?“ Lisa verlor langsam die Geduld. Das Gefühl von Ohnmacht wandelte sich schon längst in Ärger.
„Bitte, Frau Gottschalk. Antworten Sie einfach auf meine Fragen, und dann kann ich Ihnen den Grund unseres Besuchs erklären.“
Lisa merkte, dass sie mit ihren Fragen nicht weiterkam.
„Nein, es gab keinen Streit. Niklas wollte sich noch mit einem Kumpel, wie er sagte, treffen, und ich bin nach Hause. Wir wollen uns heute Abend, wenn er aus seinem Sportladen heimkommt, bei mir treffen.“
„Können Sie mir den Namen des ,Kumpels‘ nennen?“
„Nein, leider.“
Philipp Jung wurde nun die unangenehme Aufgabe zuteil, Lisa Gottschalk den Grund ihrer Fragen zu nennen.
„Frau Gottschalk, es tut mir leid. Ich habe keine guten Nachrichten für Sie. Wir haben heute Niklas Mayer tot in seiner Wohnung aufgefunden.“
Lisa schaute die beiden Männer fassungslos an. Im nächsten Moment verdrehte sie die Augen. Robert Thalberg sprang von seinem Stuhl auf, so dass dieser nach hinten umkippte und polternd auf den Parkettboden fiel.
Lisa Gottschalk fiel bewusstlos in Roberts Arme.
Es war spät, als Philipp Jung und Robert Thalberg zurück in ihr Büro kamen. Zunächst begleiteten sie Lisa Gottschalk ins Krankenhaus. Nach ihrem Zusammenbruch hatten die Kommissare den Notarzt gerufen, der die junge Frau ins Städtische Klinikum brachte. Der behandelnde Arzt in der Notaufnahme bestand zur Beobachtung auf einer stationären Aufnahme.
Lisa Gottschalk ließ alles über sich ergehen. Sie war durch die Todesnachricht ihres Freundes zu geschwächt, um zu protestieren.
„Diese Lisa Gottschalk kenne ich. War sie nicht mal Bedienung in der Brauhausmühle?“
„Genau“, Philipp nickte. „Aber sie hat es ganz ordentlich umgehauen, als sie vom Tod ihres Freundes erfahren hat.“
„Ich gehe nicht davon aus, dass sie etwas mit Niklas Mayers Tod zu tun hat. Wir haben schon viele Schauspieler vor uns gehabt, aber keiner wurde nach solch einer Nachricht ohnmächtig.“
„Das stimmt, Robert.“
Die Kommissare trugen die Erkenntnisse des ersten Ermittlungstages zusammen. Zum Opfer konnten sie noch nicht besonders viel sagen. Es zeichnete sich das Bild von einem freundlichen jungen Mann ab, der allseits beliebt war. Allerdings sprach er nie viel von sich oder seiner Herkunft. Die Kommissare konnten keine Verwandten ermitteln. Niklas Eltern waren beide schon gestorben. Er hatte auch keine Geschwister.
Nach Aussage seines Arbeitgebers war Niklas Mayer sehr zuverlässig. Er lebte in einer einfach eingerichteten Wohnung. Wertvolle Gegenstände hatten sie nicht gefunden, allerdings sah die Wohnung auf den ersten Blick nicht so aus, als ob sie vor oder nach seinem Tod durchsucht worden war. Der Bericht der Spurensicherung wird zu diesem Thema aber mehr Aufschluss geben.
Besonders fiel jedoch die Todesart auf. Ein harpuniertes Opfer, das hatten die beiden Kommissare noch nicht gesehen. Wenigstens im Polizeipräsidium Osthessen war ein derartiger Todesfall noch nicht untersucht worden.
