Harte Kerle häkeln nicht - Karin Koenicke - E-Book

Harte Kerle häkeln nicht E-Book

Karin Koenicke

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Beschreibung

Er hat knackige Muskeln, einen eisernen Willen, den schwarzen Gürtel – und das Letzte, was er braucht, sind seltsame Gefühle für diese kunterbunte Häkelfee!

Ein Brief vom Notar ist die Rettung für Valerie. Gerade als sie ihren Job verloren hat, flattert ihr eine Erbschaft ins Haus. Sie bekommt einen Laden überschrieben und kann endlich ihren Traum von einem Häkel-Café verwirklichen! Doch die Sache mit dem Café Woll-Lust hat einen Haken: Es gibt einen Miterben, den barschen Kampfsportler Greg. Der will die Räume selbst und macht ihr das Leben zur Hölle. Dummerweise knistert es aber trotzdem gewaltig zwischen den beiden, und das liegt nicht nur an Gregs sexy Körper... Gibt es zwischen bunten Häkelnadeln und schwarzen Gürteln auch noch einen roten Faden für die Liebe?
**Ein humorvoller Liebesroman mit Herz, Leidenschaft und Prickeln, nicht nur für Häkel-Fans und Karate-Gurus!**

Auch als HÖRBUCH!

Viel Spaß bei den Wohlfühlbüchern rund ums Café Woll-Lust!
Harte Kerle häkeln nicht Er hat knackige Muskeln, einen eisernen Willen, den schwarzen Gürtel – und das Letzte, was er braucht, sind seltsame Gefühle für diese kunterbunte Häkelfee!
HARTE KERLE BACKEN NICHT Er liebt dröhnende Motoren und hartes Training - doch nun soll er für eine süße Konditorin Eischnee schlagen?
HARTE KERLE TANZEN NICHT Er hat den härtesten Job der Welt - doch ein sexy Hüftschwung gehört nicht zu seinem Programm!
HARTE KERLE LÜGEN NICHT Die halbe Stadt holt sich bei ihm Liebestipps. Doch bei der Frau, für die sein Herz schlägt, blitzt er gnadenlos ab.

Alle Romane sind in sich abgeschlossen und können ohne Vorkenntnisse gelesen werden.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Harte Kerle häkeln nicht

 

 

 

 

von

Karin Koenicke

 

 

Erstausgabe in 2019

Alle Rechte beim Autor

 

Copyright © 2019

by Karin Koenicke

Primelstr. 9 85386 Eching

Cover: Rebecca Wild

www.karinkoenicke.de

Mail: [email protected]

 

 

 

 

Kurzbeschreibung

 

Er hat stahlharte Muskeln, einen stechenden Blick, den schwarzen Gürtel – und das Letzte, was er brauchen kann, ist eine kunterbunte Häkel-Fee.

 

Ein Brief vom Notar ist die Rettung für Valerie. Gerade als sie ihren Job verloren hat und nicht weiß, wie sie die nächste Miete bezahlen soll, flattert ihr eine Erbschaft ins Haus. Sie bekommt einen Laden überschrieben und kann endlich ihren Traum von einem Häkel-Café verwirklichen! Doch die Sache mit dem Café Woll-Lust hat einen Haken: Es gibt nämlich einen Miterben, den barschen Kampfsportler Greg. Er und seine Karate-Gang sind nicht gerade begeistert, als Valeries Handarbeitsschwestern den Laden übernehmen. Gibt es zwischen bunten Häkelnadeln und schwarzen Gürteln auch noch einen roten Faden für die Liebe?

 

 

 

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1. Ein schwarzer Tag

2. Der Brief

3. Ein schnelles Warm-up

4. Die Brentano-Straße

5. Ein Rettungsanker

6. Strickliesel-Alarm

7. Fliederträume

8. Die fitte Britt

9. Die Eröffnung

10. Es geht rund!

11. Zuki und Co

12. Woll-Gefühle

13. Luftmaschen-Kampf

14. Albumblätterei

15. Pingi und der Sensei

16. Luftmatratzen-Kampf

17. Dachstuhl-Gedanken

18. Das Konzert

19. Bambis Tränen

20. Rührei-Gespräche

21. Schwarzgurte lügen nicht

22. Die zarte Seele

23. Friedhofgespräche

24. Bastard Bernhard

25. Ein Novum

26. Schlagzeilen

27. Die frohe Botschaft

28. Mieser Sommertag

29. Planlos oder auch nicht

30. Muckis, Muffins, Marketing

31. Ganesh lächelt

32. Epilog

Weitere Romane aus dem Häkelcafé :

 

 

 

1. Ein schwarzer Tag

 

 

Valerie

 

 

Als Valerie mit der warmen Fangopackung in das Behandlungszimmer kam, lag Frau Stresemann nicht wie erhofft halb entkleidet auf der Liege. Stattdessen saß die alte Dame im kompletten altrosa Kostüm darauf und baumelte mit den Beinen. Immerhin der Schuhe hatte sie sich bereits entledigt.

„Ihr Pullover ist absolut zauberhaft“, rief sie Valerie zu, kaum dass die zur Tür hereineilte. „Das ist ein Ajour-Lochmuster, nicht wahr? So etwas habe ich früher auch gestrickt, meine Schwestern und ich nannten es Prinzessinnenkrone.“

Sie streckte die Hand aus, um das Wunderwerk aus elfenbeinfarbenem Garn vorsichtig zu berühren.

Valerie lächelte. „Sie haben hervorragende Augen“, lobte sie die Patientin und behielt für sich, dass sie den Pulli nicht gestrickt, sondern gehäkelt hatte, und zwar mit aneinandergereihten Muscheln. War doch egal, Hauptsache, Frau Stresemann freute sich über ihr Expertinnenwissen.

„Jetzt müssen Sie sich aber trotzdem von meinem neusten Werk losreißen und sich hinlegen, Sie wissen doch, der nächste Patient wartet schon“, ermunterte sie die alte Dame, die sich nur widerwillig aus der Kostümjacke schälte.

Ein Blick auf die Uhr an der Wand verriet Valerie, dass sie sich wirklich sputen mussten. Rüdiger Krause, der Chef der Physiopraxis, hatte in jedes einzelne Zimmer eine Wanduhr hängen lassen – von einer Größe, wie sie an Hauptbahnhöfen üblich war. Dass die knapp getakteten Termine in der Praxis eingehalten wurden, war ihm fast noch wichtiger als sein Angeberporsche, und das sollte etwas heißen.

„Ja, ja, ich weiß schon“, lenkte Frau Stresemann ein, „sonst gibt es wieder Ärger, wenn ich nicht rechtzeitig fertig bin. Aber ich unterhalte mich nun mal so gerne mit Ihnen, Valerie. Es ist selten, dass sich jemand die Zeit nimmt, dem langweiligen Gerede einer alten Frau zuzuhören.“

„Ach was, Sie sind kein bisschen langweilig, Sie haben eine Menge durchgemacht in Ihrem Leben! Ich rede sogar viel lieber mit Ihnen als mit irgendwelchen Schickimicki-Typen, die sich beim Snowboarden eine Sehne gerissen haben und sich als toller Hecht fühlen. Aber verraten Sie es niemandem.“

Frau Stresemann kicherte. „Und ich dachte, Sie machen sich an einen dieser schicken jungen Sportler heran? Wäre doch gut für Sie, einen Galan zu haben.“

„Ganz sicher nicht!“ Valerie legte die Schlammpackung auf die Liege, die Patientin darauf und wickelte alles zusammen in ein leichtes Tuch ein. „Jetzt können Sie genießen, Frau Stresemann“, sagte sie und freute sich, dass die Patientin entspannt die Augen schloss.

Sie hatte schon immer einen guten Draht zu den älteren Patientinnen gehabt, die in die Praxis kamen. Nicht nur, weil die oft ihre Begeisterung für Handarbeit teilten, sondern auch, weil viele von ihnen im Laufe ihres Lebens spannende Dinge erlebt hatten. Dass die grauhaarigen Damen sie oft verkuppeln wollten, war allerdings ein wenig nervig. Sie brauchte nämlich keinen Mann. Basta. Ganz im Gegenteil, sie war heilfroh, Mike losgeworden zu sein. Was für ein Mistkerl! Dem weinte sie, weiß Gott, keine Träne nach, außer sie holte sich ihre Kontoauszüge, denn dieser Bastard hatte sie eine Menge Geld gekostet.

„Ist sie fertig?“, riss die Stimme des Chefs sie aus ihren trüben Gedanken.

Verflixt. Der war aber früh dran, um mit seiner Massage zu beginnen.

„Ich habe die Packung erst vor ein paar Minuten draufgelegt“, gab Valerie zu, weil er das sowieso merken würde. Wie sie es hasste, dass er die Patientinnen nie mit ihren Namen ansprach! Er war ein Gott, was die Physiotherapie anbelangte, aber menschlich sollte er eigentlich mit einem Ziegenfuß und Schwefelgeruch statt Aftershave herumlaufen.

„Und warum?“, bellte Rüdiger Krause sie an. „Es steht doch klar auf dem Plan, dass sie um zehn Uhr fünfundzwanzig parat sein soll für die Massage. Was ist so schwer daran, einen Patienten rechtzeitig mit Fango vorzubereiten?“

Seine kalten Augen funkelten sie an.

„Valerie kann nichts dafür“, meldete sich Frau Stresemann aus ihrer gewickelten Mumienposition. „Wir haben noch geredet und ich war noch nicht ganz ausgezo-…“

„Fürs Reden wird sie aber nicht bezahlt“, unterbrach Krause sie, zog das Tuch von der Patientin und die Packung unterm Rücken heraus. Beides warf er auf den Stuhl, anstatt es Valerie in die Hand zu geben. „Na los, nebenan wartet eine Lymphdrainage auf Sie!“, fuhr er sie an und gab ihr mit einer Kopfbewegung zu verstehen, dass sie verschwinden sollte.

Sie nahm die Fangopackung mit und verließ den Behandlungsraum, während sie innerlich fluchte. Diese Taktung im 20-Minuten-Rhythmus war wirklich unmöglich! Andere Praxen nahmen sich eine halbe Stunde pro Patient Zeit, aber Krause konnte den Rachen natürlich nicht voll genug kriegen. Dabei verdiente er sich sowieso dumm und dämlich, er hatte nämlich einen so hervorragenden Ruf, dass sich die Privatpatienten darum prügelten, von ihm osteopathisch oder manuell in die Mangel genommen zu werden.

Zum Glück lenkte die Arbeit sie von den Attacken ihres Chefs ab. Sie mochte ihren Job, wenngleich ihr die Bedingungen hier in der Praxis nicht gefielen. Menschen zu helfen, wieder gesund zu werden, war eine feine Sache. Dabei in ein strenges Zeitkorsett gepresst zu werden, war kontraproduktiv. Es gehörte doch dazu, dass man sich mit den Patienten unterhielt, das trug ebenso zur Heilung bei, da war sich Valerie sicher. Manchmal hatte sie wirklich Lust, hier bei Krause alles hinzuwerfen, aber sie brauchte das Geld. Sogar sehr dringend. Da gab es zwar diesen klammheimlichen Traum von einem eigenen Café, in dem die Gäste zum Cappuccino die Häkelnadel schwingen konnten, aber der würde sich garantiert nie erfüllen. So realistisch musste man sein.

In der Mittagspause hängte sie sich ihre Tasche – ein knallbuntes Häkelunikum, natürlich selbstgemacht – über die Schulter und marschierte in die Altstadt hinein. Vor dem sehr schlicht dekorierten Schaufenster der Konditorei Prinzenhof blieb sie stehen. Die Leckereien, die dort ausgestellt waren, würde sie sich sowieso nicht leisten können, aber sie betrachtete sie gerne. Nicht nur, weil die Prinzregenten-, Sacher- und Malakofftorten wunderbar aussahen, sondern auch, weil ihre Freundin Jasmin bestimmt einige davon gezaubert hatte. Wie so oft musste Valerie erst zehn Minuten warten, bevor Jasmin aus dem Laden gehetzt kam.

„Oh Mann, wenn diese blöde Schnepfe mich nur ein einziges Mal pünktlich gehen lassen würde!“, schimpfte sie und schüttelte den Kopf, sodass ihre dunkelblonden Locken empört herumhüpften. Sie trug ein Strickkleid in Lila und geschnürte Stiefel. Beides war fast schon zu warm für diesen Frühlingstag, aber Jasmin liebte nun mal Kleider. Im Gegensatz zu Valerie, die lieber in Jeans schlüpfte und eine sportliche Figur hatte, konnte Jasmin die Kleider super tragen. Sie besaß ein üppiges Dekolleté, üppige Hüften und ein noch üppigeres Lächeln, das sie gern an ihre Mitmenschen verschenkte. Außer an ihre Schreckschrauben-Chefin natürlich, über die sie sich gerade aufregte.

„Ich sag‘s dir, irgendwann halte ich ihr die Kündigung unter die Nase“, schnaubte sie. „Ständig lässt sie uns Überstunden machen und ist dann auch noch so knauserig bei der Bezahlung.“

„Das kenne ich gut.“ Valerie seufzte und hatte zu tun, mit Jasmins zügigen Schritten mitzuhalten. Auch wenn ihre Freundin sonst mit Sport nicht viel am Hut hatte, in der Mittagspause legte sie gern einen Zahn zu, denn da hatte sie ein Ziel vor Augen: die Imbissbude Hot as Chili unten am Fluss.

„Bei Krause warte ich auch schon ewig auf eine Gehaltserhöhung. Aber ich schätze, die kann ich mir abschminken, wir hatten heute wieder mal Ärger.“ Valerie erzählte von dem Aufeinandertreffen, während sich Jasmin eine extrascharfe Currywurst bestellte.

„Hey, wir sollten echt mal darüber nachdenken, uns selbstständig zu machen, und nicht mehr die Sklavinnen unserer Chefs spielen“, sagte Jasmin und wandte sich dann dem Verkäufer zu. „Ja, ja, mach ruhig die richtig krasse Soße drauf, ich brauch das als Ausgleich.“

Seinen erstaunten Blick ignorierte sie. Er grübelte wahrscheinlich, welch seltsamen Job sie hatte, um durch scharfes Essen in Balance gehalten zu werden. Dabei liebte Jasmin genau wie Valerie alle Arten von Kuchen und Gebäck. Weil sie allerdings den ganzen Tag umgeben war von Orangenmarzipan, zartschmelzendem Nougat und Zuckerguss, biss sie mittags gern in etwas Herzhaftes. Mit extra Chili.

Valerie hingegen zog ihr mitgebrachtes Käsebrot aus der Handtasche. Seit der Sache mit Mike war das Geld so knapp, dass sie jeden Cent umdrehen musste. Deshalb richtete sie sich ihr Mittagessen lieber am Morgen schon her, anstatt sich etwas zu kaufen.

„Das mit der Selbstständigkeit wird leider ein Traum bleiben“, sagte sie und nahm einen Schluck aus ihrer Wasserflasche. „Wir können uns doch niemals die Miete für irgendeinen Laden leisten.“

Jasmin hatte erste Schweißperlen auf dem Gesicht, tunkte ihre Wurst aber trotzdem todesmutig in die Soße. Sah irgendwie lustig aus zu ihren süßen Locken und dem selbstgestrickten Kleid.

„Dabei ist das eine so geniale Idee!“, erwiderte sie nach dem nächsten Bissen. „Allein der Name, den du dir ausgedacht hast! Café Woll-Lust, das erste Häkelcafé in der Stadt. Weißt du, ich sehe den Werbeprospekt schon vor mir: Der angesagteste Treff für alle Handarbeitsfans: Gemeinsam häkeln, stricken, Cappuccino trinken und traumhafte Cupcake-Kreationen naschen. Kommen Sie zu uns und wir nadeln um die Wette! Klingt doch super, findest du nicht?“

Da war es wieder, Jasmins berühmtes Lächeln. So wie sie strahlte, hätte Valerie um ein Haar daran geglaubt, dass dieser Traum sich erfüllen könnte. Aber sie war von Natur aus Realistin und vielleicht in Mathe etwas begabter als Jasmin.

„Klar wäre das toll. Aber überleg doch mal – wie sollte das hinhauen? Wir müssten ja unsere Jobs aufgeben und das Café einrichten, von den laufenden Kosten ganz zu schweigen.“

„Wir könnten Kurse geben. Du machst so geniale Sachen, da zahlen die Leute bestimmt was, wenn du ihnen das beibringst. Allein deine Taschen! Oder die Tierkollektion. Und wir verkaufen Wolle, ja genau!“

Valerie seufzte. So sehr sie die Begeisterungsfähigkeit ihrer Freundin liebte – das waren alles Luftschlösser.

„Für eine Miete von fünfzehnhundert Euro müssten wir aber palettenweise Wolle, Stricknadeln und Kaffee verkaufen. Selbst für deine allerbesten Raspberry-Cheesecake-Törtchen mit Karamellkern kannst du nicht mehr als drei Euro verlangen, wir wären innerhalb von zwei Monaten pleite. Wobei ich das ja eh schon bin.“

Bei dem Gedanken an diesen Mistkerl Mike kochte schon wieder der Zorn in ihr hoch. Nicht mal das Käsebrot schmeckte ihr noch, sie schob es in die Tüte und zurück in ihre Tasche. Tagträume waren natürlich etwas Schönes, aber man musste den Tatsachen ins Auge sehen – sie und Jasmin würden immer Angestellte bleiben, sich mit Chefs und Kollegen herumärgern und sich am Ende des Monats fragen, wohin das Geld verschwunden war.

„Du bist schrecklich unromantisch.“ Jasmin steckte sich das letzte Wurststückchen in den Mund. „Obwohl – so ganz stimmt das nicht, wenn du deinen Leandro hörst, kriegst du immer diesen Tortenspiegelblick.“

„Den was?“ Valerie verschluckte sich an ihrem Wasser. Sie hustete und starrte ihre Freundin fragend an.

„Na, das kennst du doch! Der Guss auf meiner Pfirsich-Vanillemousse-Torte glänzt so toll, dass man sich drin spiegeln kann. Ist gar nicht so leicht, der Zucker muss genau bei 105 Grad kochen und erst abgekühlt kommt die Kondensmilch rein. Na, jedenfalls schaust du ungefähr so aus, wenn du einen neuen Song von Leandro hörst.“

„Ach was, du übertreibst maßlos.“ Da war sich Valerie sicher. Okay, sie mochte den Musiker wirklich gerne, hatte all seine CDs und ging auch gern zu seinen Livekonzerten. War ja auch toll, dass er hier aus der Stadt kam und immer noch vor Ort spielte, obwohl seine Songs bereits im Radio liefen. „Weißt du, ich halte nicht viel von Träumen. Man kann sich viele Dinge zusammenphantasieren, aber wahr wird das doch sowieso nie. Viel besser kommt man doch durchs Leben, wenn man realistisch bleibt.“

„Quatsch.“ Jasmin warf die Serviette in den Mülleimer. „Es kann immer alles passieren im Leben, du musst viel offener sein! Das stand sogar heute in deinem Horoskop, ich habe für dich nachgelesen. Außerdem schadet es nicht, wenn du probehalber ein paar Wünsche ans Universum schickst.“

„Gleich ein paar?“ Kopfschüttelnd warf sich Valerie die Handtasche über die Schulter und sie gingen los, denn die Mittagspause war schon fast vorbei. „So viele würden mir doch gar nicht einfallen.“

„Klar! Du wünschst dir, dass du bald viel mehr Geld zur Verfügung hast. Außerdem, dass wir beide es schaffen, das Café Woll-Lust zu eröffnen. Und natürlich, dass dir endlich die wahre Liebe in den Schoß fällt.“

„Pah. Daran glaube ich am Allerwenigsten. Ich hab doch gerade erst erlebt, was das für ein Quatsch ist mit der sogenannten Liebe.“ Sie sprach Letzteres so abfällig aus, als wäre es ein hundsgemeines Schimpfwort.

Jasmin fuhr unbeeindruckt fort. „Es gibt nicht nur Männer wie Mike. Denk doch mal an Leandro! Du hast doch Karten für sein Konzert im nächsten Monat. Da wird er sich nach dem Autogrammeschreiben neben dich setzen, dir tief in die Augen schauen und dir zuflüstern: `Den Song The blond angel in the first row habe ich nur für dich geschrieben, mein Engel`“

Obwohl ihr momentan nicht oft danach zumute war, musste Valerie lachen. „Na klar, und ich wünsche mir auch noch einen Privatjet, Diamantschmuck und den Weltfrieden. Außerdem habe ich gar keine blonden Haare, sondern braune.“

„Meine Güte, sei doch nicht so kleinlich, das war eben seine künstlerische Freiheit.“ Jasmin grinste. An Phantasie mangelte es ihr wahrlich nicht, das bewiesen nicht nur ihre exotischen Cupcakes, die sie zu Hause gern backte. In der Konditorei gab es so etwas nicht, man hielt sich dort an traditionelle Torten.

Sie waren bereits am Café Prinzenhof angekommen. Wie immer umarmte Jasmin sie zum Abschied. „Bis bald und frohes Kneten! Lass dich nicht ärgern von deinem blöden Boss.“

„Ach was, an die Launen vom alten Krause habe ich mich schon gewöhnt.“ Valerie sah ihr nach, als sie gut gelaunt durch die Ladentür ging, dann machte sie sich selbst auf den Weg zurück zur Physiopraxis.

Am Nachmittag war der Terminkalender wieder mal knallvoll. Als die letzten Patienten die Praxis verließen, taten Valerie die Füße weh. Sie ließ sich auf den freien Stuhl an der Rezeption fallen und trug ein paar Daten in die Karteikarten ein. Ihr Blick fiel auf eine hellgraue Keramikskulptur, die auf dem Schreibtisch stand. Sie war etwas kleiner als Valeries Hand und zeigte eine elefantenköpfige Gottheit aus Indien. Philomena hatte sie ihr geschenkt, bei einem ihrer letzten Treffen, wie immer mit einem verschmitzten Augenzwinkern. Zärtlich strich Valerie über den Elefantenkopf und hielt einen Moment inne. Sie hörte die alte Dame noch reden, als wäre es erst heute gewesen. Dabei war die Beerdigung schon zwei Wochen her.

„Das ist Ganesha, der Gott der Weisheit und Stärke, sagen die Inder. Aber wissen Sie, Kindchen, ich denke, in Wirklichkeit ist er ein Glücksgott. Sie können ihn brauchen, passen Sie gut auf ihn auf“, hatte sie gesagt und dabei ihr Lachen erklingen lassen, das durch den ganzen Raum geperlt war wie der süße Sekt, den sie so gerne trank. Das Sterbebildchen hatte Valerie gleich daneben aufgestellt. Sie musste gegen die Tränen kämpfen, als sie es in die Hand nahm. Wie adrett Philomena aussah mit ihrer weißen Bluse und den silbergrauen Wellen, die sie sich jede Woche beim Friseur legen ließ. Ganz so, als wäre sie eine brave, alte Dame. Dabei hatte sie es faustdick hinter den Ohren gehabt.

„Wir hatten wirklich viel Spaß“, flüsterte Valerie ihr zu und musste schlucken. Es kam ihr vor, als wurde Philomenas Lächeln noch ein wenig fröhlicher, aber das war natürlich nur Einbildung. Zweimal pro Woche hatte sie die alte Dame bei ihr zu Hause besucht, um deren Nacken zu behandeln, der durch einen Sturz in Mitleidenschaft gezogen worden war. Philomena war exzentrisch und reich genug gewesen, um nicht in die Praxis kommen zu müssen. Sie hatte einfach Krause angekündigt, den doppelten Stundensatz für Hausbesuche zu bezahlen. Dem Nacken ging es längst wieder gut, aber Philomena, die allein lebte und sich mit ihrer Verwandtschaft größtenteils zerstritten hatte, liebte Valeries Besuche. Also versorgte die sie weiterhin mit Massagen, Lymphdrainagen und vor allem Gesellschaft. Bis vor ein paar Wochen dieser schreckliche Schlaganfall geschehen war.

„Was sitzen Sie hier rum?“, bellte Krause sie unvermittelt an, sodass sie zusammenfuhr und das Bildchen auf den Tisch fallen ließ. „Haben Sie nichts zu tun?“

Valerie warf einen Blick auf die Uhr. „Es ist doch schon nach sieben“, erwiderte sie, denn sie hatte längst Feierabend. „Ich habe nur ein paar Karteikarten auf Vordermann gebracht.“

„Sie sollten lieber diesen Plunder wegräumen.“ Sein Blick heftete sich an die Statue. „Wir sind eine Physiopraxis und kein Esoterikladen, ich will das Zeug nicht hier haben.“

„Aber das ist von Frau Freiberger!“, protestierte sie. „Sie wissen doch, meine Patientin für Hausbesuche, die vor Kurzem gestorben ist.“

Er machte zwei Schritte auf sie zu. „Habe ich mich nicht klar ausgedrückt? Mit der verdienen wir kein Geld mehr, also weg mit dem Kram. Außerdem war sie sowieso schon über achtzig.“

Wie bitte? Der Mann war wirklich zum Kotzen. Valerie starrte ihn an, weil sie immer noch meinte, sie hätte sich verhört. Bevor sie reagieren konnte, ergriff er die Statue und das Bild, drehte sich um und schmetterte die Sachen in den Abfalleimer aus Metall. Es schepperte laut. Mit einem Aufschrei sprang Valerie auf und rannte zum Eimer. Die Ganesha-Statue war in mehrere Teile zerbrochen und hatte das Sterbebild unter sich begraben.

„Was sind Sie nur für ein Mensch?“, schrie sie Krause an. „Das waren Geschenke! Von einer lieben Patientin. Und stellen Sie sich vor, die hatte sogar einen Namen. So wie alle Menschen, die hier in die Praxis kommen. Aber Ihnen ist das ja egal, Sie sehen nur das Geld. Ich hasse Sie!“ Es brach einfach aus ihr heraus, sie konnte nichts dagegen tun. All der Ärger der letzten Jahre hier in seiner Praxis und das Entsetzen über seine Art, Menschen zu behandeln, hatten sich aufgestaut und bahnten sich einen Weg. So, als wäre mit der indischen Gottheit auch Valeries Selbstbeherrschung zersplittert.

Der Chef baute sich vor ihr auf und schnappte nach Luft. „Ja geht‘s noch? So reden Sie nicht mit mir! Was glauben Sie eigentlich? Packen Sie Ihre Sachen, Sie sind gefeuert.“

Valerie erstarrte. „Aber … aber Sie können mich doch nicht …“, stotterte sie.

„Oh ja, das kann ich. Ich habe Sie schon lange auf der Abschussliste, weil Sie nicht effizient genug sind. Ich brauche fähige Mitarbeiter. Verschwinden Sie hier, Ihr Zeugnis schicke ich Ihnen zu. Aber mit dem werden Sie sich nirgends bewerben können.“

Er lachte fies und verschwand in seinem Büro.

Völlig versteinert sah Valerie ihm nach. Was sollte sie jetzt nur tun? Ihr Brustkorb war so eng, als hätte Krause zwölf Therabänder herumgebunden. Wie in Trance beugte sie sich schließlich hinunter, klaubte die Scherben der Statue und das Sterbebild von Philomena aus dem Mülleimer. Anschließend hängte sie sich ihre Tasche um, schlüpfte in ihre Straßenschuhe und verließ die Praxis.

Kein Job mehr, keine Chance auf einen neuen und keine Ahnung, wie sie die nächste Miete bezahlen sollte. Das mit dem von Philomena angekündigten Glück haute irgendwie nicht so richtig hin.

2. Der Brief

 

 

Valerie

 

 

Valerie schleppte sich die Stufen zu ihrer kleinen Wohnung hoch, schloss auf und ging hinein. Als sie die Tür hinter sich zuzog, lehnte sie sich erst mal gegen das kühle Holz des Türblatts und schloss erschöpft die Augen.

Was sollte sie nur tun?

Krause würde ihr garantiert ein so mieses Zeugnis schreiben, dass sie sich in keiner anderen Praxis bewerben konnte. Er hatte dummerweise einen hervorragenden Ruf, jeder Krankengymnast der Stadt kannte ihn. Sie würde sich wahrscheinlich einen ganz anderen Job suchen müssen. Nur taugte sie leider nicht zur Sekretärin, und bedient hatte sie auch noch nie. Also würde es irgendein schlecht bezahlter Hilfsjob werden, mit dem sie niemals die Miete bezahlen konnte. Und ihr Konto war überzogen seit dem Chaos, das Mike hier angerichtet hatte.

Seufzend bewegte sie sich von der Tür weg, kickte ihre Schuhe in die Ecke und ging in die Küche. Der Kühlschrank war fast leer, sie fand immerhin einen Joghurt. Mit großer Mühe gelang es ihr, die Besteckschublade aufzuziehen und einen Löffel herauszuholen. Mike hatte sämtliche Schubläden herausgerissen und den Inhalt auf den Küchenboden geleert. Dazu den Fernseher zerschmettert, ihre Stereoanlage in Einzelteile zerlegt und die Mikrowelle durchs Zimmer geworfen.

Valerie drückte sich eine Hand an die Stirn, um die Bilder der zerstörten Wohnung loszuwerden, es half nur leider nichts. Dabei war er doch schuld! Als sie vor zwei Jahren zusammengekommen waren, hatte er auch schon gerne ins Glas geschaut, aber es war für Valerie okay gewesen. Sie hatten einen großen Freundeskreis, da wurde eben gern gefeiert. Gerade mit seinen Kumpeln aus dem Boxverein trank er gerne mal, war doch auch ganz normal. Doch dann hatte er angefangen, auch daheim abends Wodka in sich hineinzuschütten. Leider gehörte er nicht zu den Menschen, die dadurch ruhig wurden. Der Alkohol machte ihn aggressiv. Dazu diese schrecklich aufputschende Technomucke, die er inzwischen nicht nur zum Krafttraining hörte. Seine Muskeln hatten ebenso zugenommen wie sein Wodkakonsum, und dann war es eben zu diesem Streit gekommen. Valerie war der Kragen geplatzt, sie hatte ihm Vorwürfe gemacht und er war völlig ausgerastet.

Sie strich sich über die Schulter, die sie sich geprellt hatte, als sie gegen die Wand geflogen war. Natürlich war die Verletzung längst verheilt, aber die Erinnerung war noch klar wie sein Wodka. Aufgesprungen war er, mit einer Schnelligkeit, die sie einem massigen Kerl wie ihm gar nicht zugetraut hatte. Und dann hatte er die Hand gehoben und ihr die erste Ohrfeige ihres Lebens verpasst. Mit so einer Wucht, dass sie gegen die Zimmerwand geknallt war. Sie wusste nicht mehr, ob sie geschrien hatte oder nicht. Es war immer noch wie ein schlechter Film, wenn sie daran dachte. Mike war nach draußen verschwunden. Sie war an der Wand nach unten gerutscht, wo sie sich am Fußboden zusammengekauert hatte.

Irgendwann jedoch war Leben in sie gekommen. Und Wut. Jede Menge Wut. Sie war aufgesprungen, hatte trotz ihrer Schulterschmerzen seine Sachen aus dem Schrank gerissen, in eine herumliegende Sporttasche und einen Koffer gepackt und alles auf die Straße geworfen. Gleiches hatte sie mit seinen Schuhen getan, den Jacken und den zehn Dosen Eiweißpulver, die die Küchenzeile vollmüllten. Sogar seinen Laptop hatte sie daneben gelegt. Der Bastard würde ihre Wohnung nie mehr betreten!

Weil sie ihm nicht in die Arme laufen wollte, war sie zu Jasmin geflüchtet. Hatte von dort aus am nächsten Morgen einen Schlüsseldienst bestellt, um das Schloss auswechseln zu lassen. War ja immerhin ihre eigene Wohnung, nur sie stand im Mietvertrag.

Doch als sie zurückgekommen war, hatte sich ihr ein Bild der Verwüstung geboten. Mike war offenbar in der Wohnung gewesen, um alles kurz und klein zu schlagen. Was er natürlich leugnete. Zeugen gab es nicht, so waren sie und ihr Girokonto auf dem Schaden sitzen geblieben.

Sie löffelte den Joghurt halbleer, dann ging sie zum CD-Regal. Ein Handwerker hatte ihr das notdürftig wieder zusammengeschraubt und auch ein paar andere Sachen repariert. Vieles hatte sie neu kaufen müssen, deshalb die Kontoüberziehung.

Aber die CDs waren ganz geblieben. Wenigstens das. Sie nahm das „Blue Moon over the City“-Album, das Leandro ihr sogar signiert hatte und legte es in den neu erworbenen CD-Spieler.

Als die ersten Töne seiner Gitarre erklangen, ließ sie sich auf das alte, graue Sofa fallen und entspannte sich ein wenig. Nach ein paar Takten setzte seine Stimme ein und wie immer stahl sich ein leises Lächeln auf ihr Gesicht. Wie weich er sang! Ihm zuzuhören war wie eine flauschige Decke, in die man sich einhüllte. Eine Wellness-Massage für die Seele. Ohne seine Songs wäre sie wahrscheinlich schon längst verrückt geworden. Oder hätte Mikes Angeberkarre mit dem alten Wohnungsschlüssel zerkratzt, wäre bei ihrem Glück wahrscheinlich von einem seiner stiernackigen Boxerkollegen ertappt und letztendlich dafür eingesperrt worden. Das hätte allerdings das akute Wohnungsproblem gelöst.

„… the nightingale sings for you and me, as I kiss you under the apple-tree“, schwebte seine warme Stimme durch den Raum. Er hatte so viel Gefühl in sich! Ach, wären doch nur alle Männer so. Aber Leandro war da wirklich eine Ausnahme. Und attraktiv obendrein!

Sie nahm die CD-Hülle in die Hand und betrachtete ihn wieder einmal. Auf dem Foto lehnte er an einem Baum, die halblangen, braunen Haare fielen ihm in weichen Wellen auf die Schultern und seine dunklen Augen waren voller Melancholie. Er würde garantiert keine Frau ohrfeigen und gegen die Wand knallen! Nein, er würde seiner Freundin Liebeslieder schreiben oder Gedichte, was seine Songs ja irgendwie auch waren. Im nächsten besang er die Farben des Sonnenuntergangs und seine Sehnsucht nach der Frau seines Herzens.

Valerie legte ihren Kopf an die Sofalehne. Klar, es war eigentlich naiven Teenagern vorbehalten, von einem Sänger zu schwärmen. Aber er brachte einfach ein bisschen Sonne in ihr Leben, da war doch nichts dabei. Träume waren wichtig, das hatte sogar Philomena immer gepredigt. Und ihr Mut gemacht, ihn mal nach einem Konzert anzusprechen. Vielleicht ergab es sich ja tatsächlich bei seinem nächsten Auftritt? Die alte Dame hatte sich ein paar Lieder von Leandro vorspielen und sich außerdem geduldig von Valeries Wolkenschloss namens Café Woll-Lust erzählen lassen. Da sie selbst gern Kissen bestickte, hatte ihr die Idee eines Handarbeitscafés gefallen.

Der schrille Ton der Klingel riss sie aus ihren wohlig-wolligen Träumen. Das war bestimmt die Nachbarin mit einem Paket, Valerie hatte nämlich im Super-Sale eines Versandhauses drei wunderschöne Garne bestellt. Doch als sie durch den Türspion schaute, hielt sie entsetzt die Luft an. Das waren die bulligen Umrisse von Mike! Instinktiv wich sie einen Schritt von der Tür zurück. Es klingelte erneut. Gleichzeitig hämmerte er gegen die Tür.

„Mach auf, Val!“, rief er mit seiner durchdringenden Stimme, die sie noch nie richtig hatte leiden können. „Ich höre doch die Musik.“

Verdammt, er wusste, dass sie daheim war. Sie lief ins Wohnzimmer, schnappte sich ihr Handy und machte es telefonbereit. Die Polizeistation war gleich in der nächsten Straße, die konnten schnell da sein, falls es ernst würde.

„Was willst du?“, sagte sie laut, und war ziemlich stolz, dass ihre Stimme nur ein klein wenig zitterte.

„Na, was glaubst du wohl? Die Entschädigung für meinen Laptop! Du Miststück hast den einfach auf der Straße liegen lassen. Der war weg! Außerdem ist noch mein Adidas-Trainingsanzug bei dir.“

Sie musste sich verhört haben! Nach allem, was passiert war, kam er mit so einer Forderung daher?

„Du hast wohl den Arsch offen!“, rief sie durch die geschlossene Tür und dieses Mal war ihre Stimme so klar und hart wie seine Wodkaflaschen. „Du ruinierst mir die ganze Wohnung, streitest alles ab und willst jetzt von mir eine Entschädigung? Hau sofort ab, sonst ist in einer Minute die Polizei da!“

„Pah, du kannst nicht beweisen, dass ich irgendwas mit deiner Wohnung zu tun hab“, erwiderte er, klang aber bei der Erwähnung der Bullen gar nicht mehr so selbstbewusst. „War wahrscheinlich irgendein Liebhaber. Genau. Deswegen hast du mich rausgeworfen. Damit der Weg frei ist für den.“

Sie musste sich am Türstock festhalten, so sehr brodelte der Zorn in ihr hoch. Mike hielt sie wohl für komplett bescheuert! Leider hatte er recht, es gab keine Zeugen für seine Verwüstungsaktion. Aber Geld würde er ganz sicher nicht von ihr sehen, der hatte ja einen Totalknall!

„Keinen Cent bekommst du von mir!“, setzte sie nach. „War ja dann sicher auch mein neuer Liebhaber, der deinen Laptop auf die Straße gestellt hat, nicht ich. Keine Ahnung, wovon du überhaupt redest. Und ich habe neulich ein paar Sachen in die Altkleidersammlung gegeben, schon möglich, dass da ein Trainingsanzug dabei war.“

„Der war neu!“, schrie er, sodass es im ganzen Treppenhaus hallte. „Das weißt du genau, ich hatte ihn dir zum Waschen gegeben, bevor ich ihn das erste Mal anziehe.“

Es reichte! Valerie hämmerte jetzt von innen gegen die Wand. „Halt die Klappe und hör mir zu. Ich gebe dir genau drei Sekunden. Wenn du dann nicht verschwunden bist, hol ich die Bullen. Ich hab das Handy in der Hand und schon gewählt.“

„Verfluchte Schlampe!“, hörte sie ihn rufen.

„Ruhe da unten!“, kam die Stimme einer Nachbarin von oben. „Schreit hier nicht so herum!“

Sie spähte durch den Spion und sah, wie er sich schimpfend umdrehte und dann die Treppe hinunterstolzierte.

Schwer atmend ging sie zurück ins Wohnzimmer und ließ sich aufs Sofa fallen. Hörte das denn nie auf?

Leandros Gitarre ließ ein zartes Zwischenspiel erklingen, hell und rein wie ein silberner Bergbach. Dann sang er in einer wehmütigen Ballade von Vertrauen und tiefer Verbundenheit. Valerie konnte nichts dagegen tun, ihr liefen stille Tränen über die Wange. Dabei wollte sie sich doch von Mike nicht unterkriegen lassen und überhaupt dem Leben die Stirn bieten. Aber manchmal war das so verdammt schwer. Manchmal war man einfach nur allem ausgeliefert, konnte strampeln und kämpfen und mühsam die Nase über Wasser halten, aber trotzdem kam man nicht dagegen an. Weil alles zu viel war, weil ihr nie irgendwas einfach mal in den Schoß fiel, so wie anderen Leuten.

Sie starrte auf den Riss im Sideboard, auf den halbleeren Joghurtbecher und auf den Stapel ungeöffneter Briefe, die auf dem Tisch lagen. Sicher Rechnungen. Die sie jetzt nicht mehr bezahlen konnte ohne Job. Am besten würde sie auch das Garn, das sie so günstig gekauft hatte, gleich wieder zurücksenden. Das Leben war einfach Scheiße.

Bevor sie noch weiter ins tiefe Loch fiel, rief sie Jasmin an. Die unerschütterliche gute Laune und auch die Empathie der Freundin halfen immer, besonders in solchen Situationen.

„Stell dir vor, Mike stand gerade vor meiner Tür!“, begann sie und erzählte, was vorgefallen war.

Jasmin hörte geduldig zu. „Weißt du was?“, sagte sie am Ende, „Du setzt jetzt Teewasser auf und machst dir einen schönen Chai. Mit ganz viel Zucker.“

„Okay.“ Gehorsam folgte Valerie den Anweisungen der Freundin, nahm dann die Tasse und stellte sie neben den Briefen ab, als sie sich an den Tisch setzte. Fühlte sich gut an, die Hände um die warme Keramiktasse zu legen, außerdem rochen die Gewürze himmlisch. An den harten Tatsachen konnte jedoch auch der tollste Teeduft nichts ändern.

„Hier liegen schon wieder Rechnungen ohne Ende“, seufzte sie. „Keine Ahnung, wie ich das hinbekommen soll. Ich muss die Wohnung kündigen. Vielleicht suche ich mir ein WG-Zimmer.“

„Blödsinn, du ziehst natürlich zu mir!“ Jasmin klang, als meinte sie es wirklich so. „Ist zwar ein bisschen eng, aber wir werden uns schon verstehen. Mach dir da mal keine Sorgen.“

„Wirklich?“ Valerie war so überrascht, dass sie glatt ein paar Kuverts vom Tisch fegte. „Wow, das ist echt lieb von dir! Wäre ja nur für ein paar Wochen, bis ich irgendeinen Job habe.“

„Ja, ja, das sehen wir dann. Regle das mit deinem Vermieter und dann räumst du deinen Krempel zu mir, wir sind doch schließlich Freundinnen, oder nicht?“

„Du bist die Allerbeste!“, sagte Valerie und musste sich zum zweiten Mal innerhalb einer halben Stunde eine Träne wegwischen, dieses Mal allerdings vor Erleichterung.

Sie hob die Briefe auf und stutzte, als sie bei einem den Absender las.

„Jasmin?“, sagte sie ins Telefon. „Das ist komisch. Ich habe ein Schreiben von einem Notar bekommen.“

„Hm“, machte die Freundin. „Was hast du denn mit so jemandem zu tun?“

Das wüsste Valerie auch gerne. „Ich habe nicht den leisesten Schimmer. Aber gleich wissen wir mehr.“

Sie fuhr mit dem Zeigefinger unter die Lasche und riss das Kuvert auf. Ein sehr ernst wirkendes Schreiben kam zum Vorschein. Sie zog es heraus, klappte es auf und las. Oh wow, das war ja mal eine Überraschung!

„Stell dir vor“, erklärte sie der Freundin, „ich soll zu ihm ins Büro kommen. Wegen der Testamentseröffnung von Frau Philomena Freiberger. Jasmin, was bedeutet das?“ Sie war so aufgeregt, dass sie kaum klar reden konnte.

„War die reich? Schon, oder?“ Auch Jasmin hörte sich an, als hätte sie Brausepulver verschluckt.

„Na ja, sie hatte durchaus Geld. Aber es gibt einige entfernte Verwandte, soweit ich weiß. Ich schätze mal, sie hat mir ihre Handarbeitskiste vererbt. Und vielleicht noch ein paar dieser kleinen Figuren, die bei ihr überall herumstanden.“

„Oder ihren Schmuck!“

„Eher ihre Sammlung geschnitzter Alpentiere. Wobei mir das Murmeltier immer sehr gut gefallen hat.“

Valerie ließ den Brief sinken, weil ihr etwas einfiel. Irgendwann hatte Philomena mal was erwähnt von einem Haus, das sie besaß. Wo war das gleich wieder gewesen? Sie kramte in einigen Ecken ihres Gehirns herum, dann fiel es ihr wieder ein. In der Brentano-Straße. Natürlich hatte ihr die alte Dame keine Immobilie vermacht, das war schon klar, sie war ja nur die Physiotherapeutin gewesen. Aber aufregend war es trotzdem.

„Hast du morgen Lust, einen Ausflug mit mir zu machen? Ich will mir die Brentano-Straße genauer anschauen“, fragte sie Jasmin spontan.

Irgendwie war da mit einem Mal dieser Funke in ihrer Brust, der die dunklen Wolken verjagte und ihr wie in der Müsliriegel-Werbung neue Kraft verlieh. Alles war mit einem Mal wieder heller, fühlte sich viel leichter an als noch vor einer Stunde. Egal, ob Philomena ihr einen Rubinanhänger vererbt hatte oder nur die bestickten Sofakissen – die alte Dame hatte an sie gedacht! Und vielleicht ließ sich der Inhalt des Schmuckkästchens, oder was immer sie bekam, zu Geld machen und half ihr für ein paar Wochen über die Runden. Ja, es gab möglicherweise doch noch Hoffnung, wenngleich nur einen kleinen Schimmer. Der Gedanke fühlte sich so schön an, dass Valerie sogar ein kleines Lächeln aufblitzen spürte. Und das, obwohl die CD von Leandro schon längst verstummt war.

3. Ein schnelles Warm-up

 

 

Gregor

 

 

Verflucht, seine Arbeitshose hatte schon wieder einen Riss! Gregor sah das Loch in Schienbeinhöhe erst, als er die Treppe zu seiner Wohnung hochstieg. Er sollte wirklich mal besser aufpassen, als Nächstes rammte er sich wahrscheinlich die Säge in die Knochen. Wäre allerdings nicht das erste Mal. Kopfschüttelnd über seine eigene Unachtsamkeit holte er den Schlüsselbund heraus. Seine dreckigen Schuhe zog er wie üblich vor der Tür aus, dann schloss er auf, ging hinein und schälte sich aus der grauen Hose. Dass er unter dem Knie blutete, war nichts Neues, in seinem Job kam das ständig vor. Irgendwo hatte er noch ein Pflaster herumliegen, das kam dann eben nach der Dusche drauf. Nicht, weil es mords wehtat, er war schließlich ein harter Kerl und kein jammerndes Weichei. Sondern nur, weil er nicht irgendwo auf dem hellen Teppich unterm Küchentisch einen Blutfleck haben wollte.

Seine Klamotten legte er in einem ordentlichen Stapel neben der Dusche zusammen, dann sprang er unter den kalten Wasserstrahl. Mann, das tat gut nach diesem anstrengenden Tag! Der Boss hatte wieder mal ganz schön gehetzt, damit der Dachstuhl heute noch fertig wurde, der kannte da kein Pardon. Gregor seifte sich großzügig ein, ließ dann den Kopf nach vorne hängen und das Wasser auf seinen Nacken prasseln. Ein wenig Durchschnaufen konnte nicht schaden. Außerdem saß ihm das Herumschleppen der Balken in den Knochen. Ein paar Minuten stand er so da, hatte die Augen geschlossen und ließ sich die Schultern und die Oberarme von der Brause massieren. Immerhin einen guten Nebeneffekt hatte die Arbeit als Zimmermann – seine Muckis konnten sich sehen lassen. War ihm persönlich zwar gar nicht so wichtig, aber Frauen wie seine aktuelle Flamme Britt fanden das sexy, also sollte es ihm recht sein.

Als er sich wieder wie ein Mensch fühlte und nicht mehr wie eine Ansammlung von Sägespänen und Schweiß, stellte er die Dusche ab, schlang sich ein Handtuch um die Hüfte und verließ das Bad. Bis zum Training hatte er noch zwanzig Minuten Zeit, das reichte für ein schnelles Salamibrot. Natürlich durften seine geliebten Peperoni nicht fehlen.

Er biss gerade vom Brot ab, da läutete es an der Tür. Einen Moment lang überlegte er, ob er sich erst noch ordentlich anziehen sollte. Doch als die Klingel schon wieder losschnarrte, dieses Mal mit einem höchst ungeduldigen Unterton, sprang er auf. Auf diese Weise klingelte nur eine einzige Person.

„Hi, Britt“, sagte er, als er die Tür öffnete, und grinste. „Hast du Sehnsucht nach mir?“

„Klar doch“, erwiderte sie mit der Wärme eines Eiswürfels und stapfte unaufgefordert herein. „Ich kann es keinen halben Tag ohne dich aushalten, weißt du doch.“

Greg lachte. Das war eine typische Britt-Antwort. Sie steuerte schnurstracks auf sein Schlafzimmer zu, in dem sie gestern Abend zugange gewesen waren. Natürlich war Britt nicht über Nacht geblieben, das widersprach ihren Prinzipien oder so was in der Art. War ihm recht, er schlief auch lieber alleine.

„Ich habe meine Uhr bei dir liegengelassen“, erklärte sie ihren Überfall und kniete sich neben das Bett, um darunter zu schauen. Sah nicht schlecht aus. Ihr knackiges Hinterteil steckte in knallengen, schwarzen Jeans, dazu trug sie die üblichen Boots und ihre Lederjacke. In Kombination mit ihren ratzekurzen schwarzen Haaren wirkte sie, als wollte sie sich für eine Rolle in Men in Black bewerben. Womöglich auch für eine Neuverfilmung von Matrix. Oder in einem Tarantino-Thriller rund um eine toughe Polizistin, da könnte sie sogar ihre Uniform mit ans Set bringen.

„Hast du eigentlich einen Durchsuchungsbeschluss?“, neckte er sie und erntete dafür einen Dolchblick, der durchaus was Faszinierendes hatte. Wenn man lebensmüde war zum Beispiel.

„Laber nicht rum, hilf mir lieber suchen“, ordnete sie an.

„Zu Befehl, Frau Wachtmeisterin.“ Das konnte er nicht lassen, hatte aber das Glück, dass sie ihre breite Männeruhr gerade unter dem Nachtkästchen hervorzog.

Sie schnallte sie ums Handgelenk und machte einen Schritt auf ihn zu. „Scheinst ja gute Laune zu haben, Sensei. Dein Training wird trotzdem schweißtreibend, nehme ich an?“ Sie legte eine Hand auf seinen Brustmuskel und strich darüber.

Greg atmete tief ein, ihm wurde heiß. Es machte ihn an, wenn sie ihn mit Sensei – dem Titel für einen Karatelehrer – ansprach. Und er wusste, dass es sie anmachte, wenn er in der Halle den Ton angab. Karate war kein Sport für Warmduscher, zumindest nicht, wenn man ihn ernsthaft betrieb. Was Britt natürlich tat, sie war auf dem besten Weg zum Schwarzgurt.

„Habe ich jemals ein Training gemacht, bei dem sich jemand gelangweilt hat?“, fragte er und überschlug im Kopf die Zeit. Ein paar Minuten blieben noch, bis er unten im Dojo sein musste. Wenn sie ihm jetzt das Handtuch von der Hüfte riss und sich hier oben schon ihrer Klamotten entledigte, könnte es noch für einen Quickie reichen. Hart genug dafür wäre er gerade.

„Stimmt, hast du nicht. Sonst hätte ich mich ja beschwert. Du lässt uns heute die neue Kata laufen?“ Das klang nicht so, als wäre sie an etwas anderem als Weiterbildung interessiert. Er hingegen …

„Du solltest dich vorher gut aufwärmen“, schlug er vor und schob ihr zielstrebig die Lederjacke von den schmalen Schultern. Darunter trug sie nur ein knappes Top, das ihren sehnigen Körper betonte. Nur ein Ruck, dann rutschte sein Handtuch auf den Boden.

Sie wirkte noch unschlüssig, doch als sie den Blick auf seine Körpermitte senkte, grinste sie zufrieden. „Gehört das zur Schwarzgurt-Prüfung dazu?“, fragte sie und überzeugte sich mit der Hand von seiner Standfestigkeit.

„Klar doch“, keuchte er, drehte sie um und warf sie mit einem Griff, der in keinem Shotokan-Lehrbuch stand, auf das Bett. Im Ausziehen war sie genauso flink wie auf der Karate-Matte. Und ihr lautes Aufstöhnen kurze Zeit später erinnerte ihn ein wenig an den Kiai-Schrei, mit dem man beim Training zusätzliche Power freisetzte.

„Du hast es drauf, Sensei“, ächzte sie anschließend atemlos, wälzte sich danach sofort vom Bett und zog sich ihren weißen Anzug an. Schade eigentlich, dass sie im Anziehen genauso schnell war wie im Ausziehen. Er hätte ihren sehnigen, durchtrainierten Körper gerne noch eine Weile betrachtet. Überhaupt wäre er lieber noch ein bisschen liegen geblieben, denn er war nun doch ein klitzeklein wenig erledigt, aber seine Schüler warteten schon.

Also zog auch er sich um, band sich den zerschlissenen Gürtel um die Hüfte und machte sich auf den Weg nach unten zum Dojo. Es war extrem praktisch, dass sich seine Wohnung direkt über dem Studio befand. Anders würde er es die meiste Zeit gar nicht rechtzeitig zum Trainingsbeginn schaffen, denn er arbeitete lange.

Die Post hatte er nur auf das Sideboard neben der Tür geworfen. Als er jetzt hinter Britt vorbeiging, fiel ein Brief hinunter. Greg hob ihn auf, las den Absender und zog die Augenbrauen hoch. Was zum Henker wollte ein Notar von ihm? Es blieb keine Zeit, das Kuvert zu öffnen, also legte er es zu den anderen und ging die Treppe nach unten.

An der Langbank, die im Karatestudio als Umkleide diente, traf er Thore. Der zog gerade seine Motorradjacke aus und hielt ihm einen Flyer entgegen.

„Schau mal, Greg, die stecken in jedem Briefkasten hier in der Straße und hängen an allen Laternenpfählen“, sagte er und strich sich über den finsteren Bart. „Ist von Mario, diesem selbst ernannten Weltmeister mit seiner Martial Arts Bude in der Schillerstraße.“

„Schon wieder? Der investiert ja ein halbes Vermögen in Werbung.“ Gregor überflog den Zettel. Es war das Übliche: Kostenlose Trainingsmonate, Lockangebote für Kinder, sogar Selbstverteidigung für Senioren stand auf dem Programm. Er zerknüllte das Ding und versenkte es mit einem gezielten Wurf im Abfalleimer.

„Soll der seinen ganzen Schnickschnack abziehen“, schnaubte er, „wir machen eben das, worum es doch eigentlich geht: Karate als Sport. Jawohl!“

Weil er gerade schon so in Fahrt war, betrat er barfuß die Matte, stellte sich aufrecht hin und ließ seine Schüler Aufstellung nehmen beziehungsweise sich in Reih und Glied in den Fersensitz begeben zum Gruß, der am Anfang jeder Stunde stand.

Danach ging es ans Aufwärmen. Okay, Britt und er hatten das schon hinter sich, fiel ihm ein, und um ein Haar hätte er gegrinst. Selbstverständlich hatte er sich aber im Griff, man erarbeitete sich den dritten Dan schließlich nicht, indem man sich nicht kontrollieren konnte.

„Itsch, Ni, San“, zählte er bei den Kniebeugen auf Japanisch vor. Sechzehn Schüler plus Britt als einzige Frau folgten gehorsam seinen Anweisungen. Außer dem Ausstoßen von Luft herrschte Stille im Raum, Karate war schließlich kein Sport, bei dem nebenbei Smalltalk gemacht wurde. Es ging um Konzentration, Schnelligkeit und Exaktheit, genau das hatte ihn von Anfang an fasziniert und tat es immer noch.

„Partnerübungen!“, kündigte er an und stellte sich gegenüber von Thore auf. Seit der vor zwei Monaten einem anderen Schüler per Fußtritt bei einem nicht abgewehrten Mawashi Geri eine Rippe gebrochen hatte, wollte niemand mehr sein Trainingspartner sein. War irgendwie verständlich, der finstere Thore hatte seine Kräfte nicht immer gut unter Kontrolle.

Während er mit seinem Kumpel ein paar Abläufe übte, beobachtete er aus den Augenwinkeln die anderen Schüler. Britt schlug sich wie immer hervorragend. Ihr Blick war hoch konzentriert, die Bewegungen exakt und schnell. Genau so sollte es sein.

Nachdem sie einige Techniken geübt hatten und er zum Korrigieren einzelner Schüler herumgegangen war, rief er Britt auf.

„Ich will sehen, wie du die Kata läufst“, sagte er knapp. Für die Prüfung musste sie eine dieser Bewegungsabfolgen vorführen, deshalb waren sie auch Bestandteil des Trainings.

Sie verneigte sich kurz, um anzuzeigen, dass sie verstanden hatte, nannte mit lauter Stimme den Namen der Übung und begann.

Gregor sah ihr zu, registrierte ganz automatisch ihre Unsicherheiten, war aber in Gedanken ganz woanders. Auch wenn er den Flyer dieser Martial Arts-Schule als unwichtig abgetan hatte – der Erfolg des anderen Studios lag ihm im Magen. Die hatten mehrere Trainer angestellt, zogen das im ganz großen Stil auf. Riesenhalle, tagsüber Angebote für diverse Altersstufen, volles Programm. Zwei seiner Schüler waren bereits hinübergewechselt. Wenn andere denen folgten, konnte er sein Studio bald zusperren. Dabei bekamen die Leute hier echten, ernsthaften Sport statt irgendeinen wild zusammengewürfelten Martial Arts-Käse, bei dem sogar noch Musik lief im Hintergrund, so etwas war lächerlich! Nur leider war das der Trend der Zeit. Und er selbst wahrscheinlich viel zu old school, wie man jetzt sagte, dabei war er doch gerade mal Mitte dreißig.

Er riss sich los und kam mit seiner Aufmerksamkeit endlich wieder zurück in sein Dojo.

„Freikampf!“, rief er den Schülern zu und stellte sie paarweise auf.

Sein Blick saugte sich erneut an Britt fest, die auch beim Kumite eine gute Figur abgab. Ihr Gegner war nicht zu beneiden, der war allerdings auch erst auf dem Weg zum Braungurt. Und hatte bei Weitem nicht Britts Zielstrebigkeit. Sie würde es nicht nur beim Karate weit bringen, sondern sicher auch im Polizeidienst. Und er mochte starke Frauen, bei denen auch er ein richtiger Mann sein durfte. Wäre eigentlich gar nicht schlecht, sich noch öfters mit Britt zu treffen, Gesprächsthemen hatten sie ja durchs Karate und ihren Beruf jede Menge. Er schaute ihr zu beim Kampf, nickte zufrieden bei der guten Abwehr eines Faustschlags und hätte um ein Haar gelächelt, als sie nach einer Drehung mit Fußstoß so ähnlich stöhnte wie vorher beim Sex. Sie war in vieler Hinsicht eine tolle Frau.

Während Gregor die Schüler durch schweißtreibende Bauchmuskelübungen peitschte, fasste er einen Entschluss. Horchte noch einmal genau in sich hinein beim Abschlussgruß. Ja, es stand fest: Er mochte Britt irgendwie. Zumindest konnte er sie halbwegs aushalten, das war doch das Gleiche. Und wenn man eine Frau mochte, wollte man schließlich auch außerhalb des Bettes Zeit mit ihr verbringen, hin und wieder zumindest.

Als die meisten Schüler nach den zwei Stunden Training das Studio verlassen hatten und nur noch die alten Hasen wie Thore an der Theke des angrenzenden Bier-Stübchens herumstanden, um sich zu unterhalten, ging er auf Britt zu, die gerade ihre Sporttasche über die Schulter schwang.

„Hey, wie schaut‘s aus? Sollen wir noch was essen gehen?“, fragte er sie im betont lockeren Ton. „Gleich um die Ecke ist ein richtig guter Italiener, ich lade dich ein.“

Sie sah ihn an, als hätte er ihr vorgeschlagen, in ein Nonnenkloster einzutreten. Oder Schlimmeres. Was immer das sein könnte.

„Greg, wir belassen es lieber bei dem, was wir beide echt gut können: Sex haben. Das reicht doch total. Wir sehen uns übermorgen zum Training!“ Mit dieser knappen Ansage drehte sie sich um, zackig wie immer, und verließ das Studio, ohne sich noch mal umzuschauen.

Na prima, jetzt hatte er sich zum Idioten gemacht. Wie er so etwas hasste! Überhaupt Frauen. Er hätte es doch wissen müssen.

Gregor stieß die Luft aus und schlüpfte in eines seiner T-Shirts, die an der Garderobe herumhingen. Natürlich war es eine Scheißidee gewesen, so etwas zu fragen. Was hatte ihn da nur geritten?

„Gehen wir noch auf ein Bier ins Crocodile?“, fragte Steffen, der neben Thore auf ihn zukam. Die beiden waren ebenfalls Singlemänner und dadurch in der glücklichen Lage, nach dem Training nicht sofort heimrasen zu müssen zu quengelnder Frau und Kindern.

„Bin dabei.“

Er drückte die Tür auf, während Steffen Thore neckte, dass der doch sicher durch die nächste Gürtelprüfung fallen würde. Der boxte ihn spielerisch zurück, so blödelten sie oft herum, kam vielleicht durch die Adrenalinausschüttung beim Training.

Aus dem Augenwinkel sah er zwei Frauen auf dem Gehweg, die eine zog sofort die Brauen zusammen, als sie ihn und seine schlagkräftigen Sportfreunde sah. Typisch. Solche Weiber waren randvoll mit Vorurteilen, Vorschriften und Vorspielwünschen. Nein, nein, auf so etwas konnte er in seinem Leben wirklich gut verzichten!

4. Die Brentano-Straße

 

 

Valerie

 

 

Gleich am nächsten Morgen fuhr Valerie mit ihrer Klapperkiste zum Supermarkt. Als sie wieder herauskam, trug sie jede Menge Kartons vor sich her. Allerdings nicht, weil sie tütenweise Chips, Geschirrspül-Tabs und Sojamilch mit Schokoladengeschmack eingekauft hatte, wie die Aufdrucke vermuten ließen. Sondern weil sie die leeren Schachteln als Umzugskartons verwenden konnte.

Als sie wieder zu Hause war, klingelte sie beim Vermieter, einem bärbeißigen Mann im Erdgeschoss. Er öffnete im karierten Morgenmantel die Tür, obwohl es schon fast zehn Uhr war.

„Herr Ahlmeier, ich muss leider ausziehen. Wie regeln wir das am besten, dass ich nicht mehr so lange Miete zahlen muss?“, begann sie gleich. Er mochte es nämlich nicht, wenn man lange um den heißen Brei herumredete.

„Müssen Sie mir halt einen Nachmieter bringen“, brummte er. „Aber einen vernünftigen! Keinen, wo wieder alles kurz und klein geschlagen wird.“

Sie biss sich auf die Lippe und nickte brav. „Ich kümmere mich darum, vielen Dank!“

Also gleich an den PC und eine Anzeige in der örtlichen Tageszeitung aufgeben. Wäre natürlich super, wenn sich da bald jemand melden würde.

Außerdem klickte sie sich durch die Jobangebote. Oh Mann, sehr vielversprechend war das nicht.

„Bedienung mit Erfahrung gesucht, gastronomie-übliche Bezahlung“, las sie sich selbst vor. Leider war sie dafür ungeeignet, denn wenn sie zwei Tassen auf einem Tablett hatte, fiel ihr ja schon eine runter, mindestens. Erfahrung hatte sie auch nicht vorzuweisen.

LKW-Fahrer wurden noch gesucht. Außerdem Kindergärtnerinnen mit Ausbildung, Pflegekräfte in einem Altersheim und ein Key-Account-Manager. Dummerweise hatte Valerie nicht die leiseste Ahnung, was das sein sollte. Sie vermutete aber, dass es nichts mit dem Sortieren von Schlüsseln zu tun hatte. So etwas hätte sie sich vielleicht gerade noch zugetraut.

„Nachtdienst an der Rezeption unseres Hotels“, klang da schon besser. Da konnte sie nämlich anführen, dass sie ja auch in der Physiopraxis oft am Empfang gesessen hatte, um die Patienten zu begrüßen. War doch fast das Gleiche. Okay, besonders gut bezahlt würde das sicher nicht sein, aber sie musste es ja nicht bis zum Sankt-Nimmerleinstag machen.

„Erst mal brauche ich einen Lebenslauf“, hörte sie sich selbst sagen und machte sich langsam Gedanken, weil sie zunehmend Selbstgespräche führte.

Sie setzte sich gleich daran, stellte eine Vita zusammen, die allerdings nicht gerade viele Stationen enthielt. Weil sie gerade so gut in Fahrt war, bastelte sie noch ein Bewerbungsschreiben. War eigentlich gar nicht so schwer. Kontakt mit Menschen mochte sie, außerdem arbeitete sie genau und war zuverlässig. Mit so was konnte man sicher punkten.

Valerie schaute auf die Uhr. Es war erst früher Nachmittag, bis Jasmin Feierabend hatte, blieb noch genug Zeit. Sie wickelte sich ihren bunten Schal um den Hals, den sie vierfarbig im Feuerradmuster gehäkelt hatte, es war nämlich windig heute. Dann steckte sie ihre Bewerbungsunterlagen in ein Kuvert und machte sich auf den Weg zum Hotel „Goldene Krone“. Warum Porto und Zeit verschwenden, wenn man sich doch auch gleich persönlich vorstellen konnte?

Als sie durch die Glastür ging und die Lobby betrat, sah sie sich erst einmal erstaunt um. Marmorboden, exotische Grünpflanzen, ein Kofferträger in Livree. Das war hier ganz anders als bei der Pension in Kroatien, in der Mike und sie letztes Jahr Urlaub gemacht hatten. Aber egal, jetzt war sie schon mal hier und zu verlieren hatte sie sowieso nichts.

Todesmutig trat sie an die Rezeption. Die Dame in weißer Bluse und schwarzem Rock schaute auf. „Guten Tag, was kann ich für Sie tun?“, leierte die ihr Sprüchlein herunter.

„Ich bin Valerie Grünberg und komme wegen der Stelle“, quetschte sie hervor.

„Stelle?“, wiederholte die aufgetakelte Angestellte verständnislos.

Na, das fing ja schon gut an. Vielleicht hätte sie besser nach dem Geschäftsführer fragen sollen oder so was. Tat man das denn? Sie kam sich mit einem Mal deplatziert vor in dieser Luxusherberge.

„Ja, es ist doch ein Job ausgeschrieben. Nachtdienst hier am Empfang“, erklärte sie.

Die Weißblusige zog die Augenbrauen zusammen. „Ah, jetzt verstehe ich. Das ist allerdings kein Job, wie Sie es nennen. Sondern eine verantwortungsvolle Aufgabe, für die man ein gewisses – nun ja – Auftreten mitbringen muss.“

Sie ließ ihre kajal-umrandeten Augen über Valeries Outfit gleiten, als würde sie ein seltenes Tier im Zoo mustern. Einen Blaufußtölpel zum Beispiel. Oder eine skurril behaarte Affenart.

Ganz automatisch sah Valerie ebenfalls an sich herunter. Okay, sie hätte nicht die ausgewaschenste Jeans anziehen sollen. Aber gegen die grasgrüne Häkelweste über einem ockerfarbenen Shirt konnte man doch nichts sagen, oder? Und dass ihre Haare sich in widerspenstige Wellen verwandelten, die sie nur mittels Pferdeschwanz oder zwei Zöpfen bändigen konnte, war schließlich nicht ihre Schuld, sondern von Mutter Natur so gegeben. Außerdem war der bunte Schal ein wahres Kunstwerk, das musste diese Schnepfe doch erkennen! Die würde wahrscheinlich nicht mal ein simples Wellenmuster in läppischen zwei Farben häkeln können, ohne sich tödlich in den Wollfäden zu verheddern.

„Ich denke, Sie passen nicht zu unserem Haus“, schnarrte die doch glatt, als Valerie ihre Bewerbungsunterlagen herauszog. Wie bitte?

„Und warum nicht?“, konnte sie sich nicht verkneifen.

„Nun – wir erwarten einen gewissen Stil. Und den kann ich bei Ihnen nicht erkennen, tut mir leid. Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag.“ So eiskalt wie die Stimme war auch ihr Blick, der sich aber nun über eine Liste senkte, die sie vor sich liegen hatte.

Valerie öffnete den Mund, um der überheblichen Kuh die Meinung zu geigen, doch Gäste kamen herein und stellten sich neben sie. Die Frau trug einen Pelzmantel, obwohl der Winter schon seit Monaten vorbei war, der Mann ließ einen Porscheschlüssel vom Finger baumeln.

War wohl besser, sie verschwand.

Missgelaunt trabte sie zurück zu ihrer Wohnung. Auf ihrer Schulter saß dabei ein fieses, kleines Teufelchen, das hämisch über sie kicherte. „So kann man schließlich nicht herumlaufen“, quäkte es. „Du könntest ja auch mal einen vernünftigen Rock tragen, eine Bluse oder zumindest irgendwas, das farbtechnisch nicht an einen Amazonas-Papagei erinnert.“

Um ein Haar hätte sie ihm zugehört, aber sie bekam rechtzeitig die Kurve. „Quatsch“, murmelte sie vor sich hin, so entschlossen, wie man eben murmeln kann. „Ich bin, wie ich bin. Und ich habe nicht vor, mich zu verkleiden als langweilige, graue Maus. Ich mag‘s gern farbig und ich liebe meine Häkelsachen. Wem das nicht gefällt, der hat Pech. In diesen Nobelschuppen hätte ich sowieso nicht gepasst, auch nicht im dunkelblauen Blazer mit Faltenrock, jawohl!“

Genau so war es. Und es tat gut, das zu spüren. Einen Job würde sie schon irgendwie finden und wenn sie sich in eine McDonald`s-Uniform oder ein Aral-Hemd quetschen müsste, war es auch recht. Aber sie ließ sich nicht behandeln, als wäre irgendwas nicht richtig an ihr. Nie wieder! Nicht von Mike und ebenso wenig von irgendeinem anderen Menschen auf diesem Planeten. Wenn sie auch kein Geld auf dem Konto und bald keine eigene Bude mehr hatte – zumindest diese Stärke war ihr geblieben. Und die war ganz schön viel wert.

Als sie in die Wohnung kam, stellte sie sich trotzdem vor den Spiegel und musterte sich. Es dauerte eine Weile, aber dann nickte sie sich zufrieden zu. Sie war in Ordnung. Bunt, zerzaust, behäkelt – und das war genau richtig.

Weil sie heute offenbar ihren rebellischen Tag hatte, nahm sie zwei knallrote Ohrringe in Form eines Wollknäuels aus der Schmuckschachtel und legte sie an. Zufrieden nickte sie sich zu. Wenn man schon Mut zur Farbe bewies, dann richtig.

Mit etwas weniger Elan begann sie, Bücher, Kerzen und allerlei Krimskrams, der herumstand, in die Kartons zu packen. Half ja nichts, sie musste hier ausziehen. Als das Handy klingelte, suchte sie es hektisch. War das ein Interessent für die Wohnung?

Nein, Jasmin war in der Leitung. „Arbeitstag beendet“, sagte sie fröhlich. „Treffen wir uns direkt in der Brentano-Straße?“

„Okay, ich komme hin. Gib mir zehn Minuten!“

Valerie hatte sich schon schlaugemacht, wo die Straße lag. Bisher kannte sie die gar nicht, obwohl sie schon öfters im Dichterviertel gewesen war. Da es nicht weit weg war, ging sie zu Fuß. Ihr Handy zeigte ihr den Weg. War eine ganz nette Ecke der Stadt, stellte sie fest. Viele verschiedene Läden, an der nächstgrößeren Straße ein kleines Einkaufszentrum und gegenüber ein netter Park mit Kinderspielplatz und blühenden Beeten. Dazwischen Wohnhäuser mit mehreren Stockwerken, aber auch in die Lücken gequetschte Einfamilienhäuser. Ja, hier in der Gegend könnte man sich wohlfühlen. Vielleicht war das auch der Grund gewesen, warum Philomena oder ihre Vorfahren hier ein Haus gekauft hatten.

Als sie um die letzte Ecke bog, sah sie schon Jasmin auf sich zukommen, ein Lächeln im Gesicht und eine kleine Schachtel in der Hand. „Ich habe heute Macarons gemacht und habe dir von den grünen welche mitgebracht.“

„Die nach Pistazie schmecken? Oh cool, das ist ja eine Überraschung!“ Valerie musste sofort die Schachtel öffnen. Die Oberfläche von zwei der winzigen Taler war gesprungen, deshalb hatte man sie wohl ausgemustert im Café Prinzenhof.

Sie biss vorsichtig ab und schloss die Augen. „Die sind sooo gut! Philomena mochte die übrigens auch, aber lieber die mit Schoko. Sie hat immer gesagt, `die passen zu meiner schwarzen Seele`. Sprüche hatte sie ja immer gute drauf.“

Jasmins Miene wurde ernst. „Du vermisst sie, stimmt`s?“

Trotz des süßen Macarongeschmacks war da etwas Bitteres in Valeries Mund. „Ja, irgendwie schon. Ich hatte mich echt daran gewöhnt, zweimal pro Woche zu der alten Dame zu fahren. Manchmal bin ich ja ewig bei ihr sitzen geblieben. Natürlich nur, wenn sie die letzte Patientin war.“

Jasmin nickte voll Mitgefühl. „Und jetzt sind wir hier, weil du irgendwie auf ihren Spuren wandeln willst“, stellte sie fest.

Valerie zuckte mit den Schultern. „Kann schon sein. Weißt du, wenn ihr hier ein Haus gehört, ist sie bestimmt auch diese Straße entlanggelaufen, hat in die Schaufenster geschaut, sich tierisch über den Preis für ein Paar Stiefel aufgeregt und im nächsten Laden ohne mit der Wimper zu zucken zweihundert Euro für ein Porzellan-Rotkehlchen hingelegt. So war sie eben.“

Sie machten ein paar Schritte den Gehweg entlang.

„Ist wirklich eine kurze Straße“, sagte Jasmin. „Da hinten hört die schon wieder auf.“ Sie deutete auf die nächste Kreuzung.

Das stimmte.

---ENDE DER LESEPROBE---