Hasentod - Angelika Stucke - E-Book

Hasentod E-Book

Angelika Stucke

4,8

Beschreibung

In einer lauschigen kleinen Ortschaft im Leinebergland, zwischen Harz und Heide, kommt es kurz vor Weihnachten zu einer 'schönen' Bescherung: Kaninchenzüchter Wilhelm Knackstedt stößt beim Bestatten seines Prachtrammlers 'Fritz' auf menschliche Überreste. Es handelt sich um das Skelett eines in den frühen siebziger Jahren aus dem Dorf verschwundenen Mädchens. Der grausige Fund lässt das Leben der Dorfgemeinschaft nachhaltig aus den Fugen geraten, denn beim Herumschnüffeln findet die ambulant arbeitende Fußpflegerin Kornelia Lorenz heraus, dass viele Menschen ein Motiv gehabt hätten, das Mädchen aus dem Weg zu räumen.

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Informationen zum Buch

Der Fund einer skelettierten Leiche erschüttert das beschauliche Leben eines kleinen Dorfes im Leinebergland. Die ambulante Fußpflegerin Kornelia Lorenz kommt bei ihrer Arbeit viel herum und ermittelt auf ihre Weise.

Informationen zur Autorin

Angelika Stucke, Jahrgang 1960, wuchs in dem wildromantischen Dorf Eddinghausen am Fuß der Sieben Berge im Leinebergland auf. Sie studierte Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Kassel. Trotz ihrer zwei Diplome gab sie die Sozialarbeit nach kurzer Zeit zugunsten des Schreibens auf. Zunächst berichtete sie als Stipendiatin der Carl Duisberg Gesellschaft in Los Angeles für eine deutsche Fernsehzeitschrift über die Stars aus Hollywood. Seit 1987 lebt Angelika Stucke als freie Autorin in Spanien. Sie arbeitet für das Fernsehen und schreibt Bücher.

Angelika Stucke

Hasentod

Kriminalroman

Impressum

Herausgegeben von Susanne Mischke

©2012 zu Klampen Verlag • Röse 21 • D-31832 Springe

[email protected] • www.zuklampen.de

Umschlaggestaltung: Stefan Hilden, München

www.hildendesign.de

Umschlagabbildung: © HildenDesign unter Verwendung

eines Motives von Shutterstock.com

Konvertierung: Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

ISBN 978-3-86674-190-4

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in und Verarbeitung durch elektronische Systeme.

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.ddb.de› abrufbar.

Für Günti (Günter Zahel),

y para Chema siempre

PROLOG

»Wie konnte ich nur so dumm sein und dir doch wieder vertrauen?«, flüsterte die Frau mehr zu sich selbst als zu ihrem Begleiter. »Selten blöd!«, schimpfte sie leise. Wie immer, wenn sie Angst hatte, versteckte sie dieses Gefühl hinter wachsender Wut. Der Mann antwortete nicht, er schubste sie nur weiter stumm vor sich her.

Die beiden Menschen stapften mühsam durch den verschneiten Wald. Manchmal stolperte sie über einen Ast oder eine Baumwurzel, die unter dem hohen Schnee verborgen lagen; dann fasste er sie hart am Ärmel oder am Kragen ihres Wintermantels und zog sie wieder auf die Beine. Einmal langte er statt nach ihrem Mantel nach ihrem Schal und zog hämisch grinsend an beiden Enden. Sie hatte geglaubt, gleich müsse sie ersticken. Ihre Kehle tat jetzt noch weh.

Wohin wollte er mit ihr? Es kam ihr vor, als irrten sie bereits seit Stunden durch die Winterlandschaft. Dabei war es keine zwanzig Minuten her, dass sie den Wagen am Waldrand geparkt hatten.

Der Mann trug ein merkwürdig längliches Päckchen auf dem Rücken.

»Womit schleppst du dich denn da ab?«, hatte die Frau wissen wollen, als er das verschnürte Bündel aus dem Kofferraum holte.

»Wirst du schon noch früh genug wissen«, hatte er geantwortet und dabei so merkwürdig gelächelt, dass ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief. Sie hatte nicht auf diese Warnung ihres Körpers gehört.

»Dumme Kuh!«, schalt sie sich jetzt selbst. Ihre Angst wuchs.

Ein Specht trommelte auf Nahrungssuche nicht weit von den beiden Eindringlingen entfernt gegen die morschen Teile eines Baumes.

Der Eichelhäher fiel ihr wieder ein, der laut kreischend aufgeflogen war, als sie in den Wald gekommen waren. Unter Schnee und Laub hatte der Vogel auf dem Boden nach Eicheln und Bucheckern gestochert.

Auch ein böses Omen, ging es ihr durch den Sinn. Wenn sie allein im Wald spazieren ging, hatte noch nie ein Vogel die Flucht ergriffen, glaubte sie zumindest. Normalerweise bewegte sie sich langsam und geschmeidig, so als gehöre sie dazu, sei ein Teil der Wildnis.

»Auf die Knie!«, befahl er plötzlich und stieß ihr mit dem einen Ende des Paketes in die Kniekehlen. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass er es vom Rücken genommen hatte. Jetzt steckte er das lange Teil in den Schnee und wandte sich ihr zu.

»Was soll das?« Ihre Stimme zitterte – vor Kälte, vor Furcht, vor Wut.

Statt einer Antwort schnappte er erneut nach ihrem Schal.

»Willst du mich etwa hier im Wald erdrosseln?«, fragte die Frau jetzt und wusste nicht, ob sie laut oder nur zu sich selbst gesprochen hatte.

Gott sei Dank, dachte sie erleichtert, als er den Schal nahm und ihr diesen über die Augen legte. Er will spielen, wie früher. Hat wohl keine andere gefunden, mit der er es machen kann! Trotzdem ging ihr Puls vor Ungewissheit noch immer rasend schnell.

Angestrengt lauschte sie, was er wohl als Nächstes vorhatte. Sie hörte das Geräusch, das seine Schritte im Schnee machten. Das leise Schmatzen und Rieseln. Dann erkannte sie, dass er etwas mit dem Paket tat. Es raschelte. Er packte es wohl endlich aus. Was er sich wohl diesmal ausgedacht hatte?

Ihre Augen waren fest verbunden. Wie beim Blindekuh spielen oder bei einer Hinrichtung, waren ihre letzten Gedanken, als sie etwas Kaltes, Metallenes unter ihrem Kinn spürte.

Dann fiel plötzlich der Schuss.

01

Dezember 2009

Es war noch dunkel, als Kornelia Lorenz am Samstagmorgen die wenigen vor ihrer Haustür liegenden Stufen zu der gepflasterten Auffahrt ihres Grundstücks hinabstieg. Die Fußpflegerin fröstelte dabei, krümmte leicht ihren Rücken und zog ihre Schultern etwas hoch. Schon seit Tagen hatte sie den Eindruck, dass dieser Dezember noch kälter sei als der vergangene, und böse Vorahnungen den kommenden Winter betreffend machten sich bei ihr breit.

Während sie über den Hof zu ihrer Garage schritt, konnte sie sehen, dass ihr Atem kleine, weiße Wölkchen bildete, die in den dunklen Himmel hinaufstiegen und sich schnell verflüchtigten. Hoffentlich kommen Schnee und Glatteis wenigstens nicht so bald, dachte Kornelia, die beruflich viel mit dem Auto unterwegs sein musste. Die junge Frau arbeitete seit vielen Jahren als ambulante Fußpflegerin in den Dörfern ihrer Heimat, dem im südlichen Niedersachsen gelegenen Leinebergland.

Normalerweise versuchte sie, an Wochenenden keine Kunden anzunehmen, um mehr Zeit für ihre Familie zu haben. Aber die Arbeit hatte sich in den letzten Tagen so sehr gehäuft, dass Kornelia kurzerhand einige ihrer im Altersheim von Gronau lebenden Patienten auf den Samstagvormittag hatte verlegen müssen.

Dieter, ihr Mann, war darüber alles andere als erfreut gewesen. Aber Kornelia hoffte, an diesem Morgen recht schnell mit ihren Kunden durchzukommen. Es waren keine wirklich schlimmen Fälle dabei. Nur das übliche Abschleifen von Hornhaut und Zurückschneiden der Zehennägel. Vielleicht schaffte sie es sogar, mit einer Tüte frischer Brötchen wieder zu Hause zu sein, noch ehe ihr Mann aufstand.

Komisch, dachte Kornelia, als sie das Garagentor aufschloss, es riecht sogar schon richtig nach Schnee! Schnuppernd zog sie die kalte Nachtluft ein und erinnerte sich an die zahlreichen Eicheln und Kastanien, die sie im Herbst während ihrer Spaziergänge im Hildesheimer Wald aufgesammelt und zum Forstamt gebracht hatte. Es waren viel dickere Früchte als in anderen Jahren gewesen. Manche der Eicheln, die sie aufgeklaubt hatte, waren so groß wie sonst nur die Kastanien gewesen. Ein sicheres Zeichen dafür, dass der Winter in diesem Jahr ein harter werden würde! Jedenfalls hatten das ihre älteren Kunden behauptet, die sich als ehemalige Landwirte mit dem Lesen in den Zeichen der Natur und somit der Vorhersage der Jahreszeiten auskannten.

Die junge Frau fröstelte noch immer, als sie sich in ihren ausgekühlten Wagen setzte und sofort die Sitzheizung einschaltete. Was für eine angenehme Erfindung, sinnierte sie, als sie die aufkommende Wärme durch ihre Kleidung hindurch spürte. Und gleichzeitig eine Art billiger, wenngleich nicht absolut zuverlässiger Empfängnisverhütung: Ein Mann, dessen Hoden warm gehalten wurden, war weniger zeugungsfähig. Das hatte sie kürzlich in einem Dokumentarfilm über Indien gesehen, wo manche Männer Hodensäckchen trugen, um keine Kinder zu bekommen. Hodenhalter, amüsierte sich Kornelia, kein schlechtes Pendant zu den Büstenhaltern der Frauen … Vielleicht sollte ich dem Handarbeitszirkel im Altenheim einen Tipp geben, was sie demnächst statt der ewigen Topflappen für den Weihnachtsbasar häkeln könnten! Dabei hätte sie beinahe den Fußgänger übersehen, der genau in dem Moment an ihrem Grundstück vorbei kam, als sie vom Hof auf die Straße einbiegen wollte.

»Scheiße!«, entfuhr es ihr, als sie scharf auf die Bremse trat und um ein Haar den alten Eckpfeiler an ihrer Auffahrt rammte. Der Schreck fuhr ihr wie ein heißes Schwert in den noch leeren Magen. Sie hatte vor, mit Schwester Ulrike auf dem Stationszimmer zu frühstücken. »Wilhelm!«, schimpfte Kornelia, während sie ihren Sicherheitsgurt löste und aus ihrem Auto stieg. »Kannst du nicht aufpassen?«

»Dasselbe könnte ich dich fragen«, meckerte der alte Mann zurück. Im Schein der Straßenlaterne leuchtete sein runzliges Gesicht so rot wie eine Weihnachtskugel. Das Blut war ihm vor Aufregung in den Kopf geschossen. Erst allmählich nahmen Wilhelm Knackstedts Stirn und Kinn wieder ihre normale Blässe an. Ohren, Wangen und Nase dagegen blieben auf Grund der Kälte gerötet.

»Was machst du überhaupt so früh schon auf der Straße?«, wollte der Alte dann wissen. Als selbsternannter Dorfsheriff fühlte er sich zu dieser Frage berufen. Natürlich befand er sich auf einem seiner zahlreichen Patrouillengänge durch sein Heimatdorf.

Noch ehe Kornelia antworten konnte, was ihr als Entgegnung eigentlich auf der Zunge lag, dass ihn das nämlich gar nichts angehe, fuhr der alte Mann fort: »Zum Altersheim unterwegs, was? Na denn man frohes Schaffen!« Er tippte sich kurz mit dem rechten Zeigenfinger an seine typisch niedersächsiche Landwirtskappe, die er sommers wie winters trug, und zog dann weiter seiner Wege.

Kornelia holte tief Luft, um dem Alten irgendein Schimpfwort hinterher zu rufen, überlegte es sich dann aber besser. Der alte Knackstedt war im Stande, sie für eine solche Beleidigung anzuzeigen. Immer wieder machte er auch über geringfügige Verstöße seiner Mitbürger Meldung auf der kleinen Polizeistation in Gronau. Kornelia glaubte, dass er heimlich über sämtliche Wege der Roßbacher, äh Eddinghäuser, Buch führte. Wann würde sie sich endlich daran gewöhnen, dass ihr Dorf seit Kurzem von Roßbach zu Eddinghausen umbenannt worden war? Es war fast so wie damals, als die europäische Einheitswährung eingeführt worden war, da hatte sie auch Jahre gebraucht, ehe sie statt in Mark in Euro dachte.

Ihren neuen Namen hatte die winzige Ortschaft einem pensionierten Geschichtslehrer zu verdanken, der in irgendwelchen alten Unterlagen im Stadtarchiv von Gronau darauf gestoßen war, dass Roßbach früher einmal Eddinghausen geheißen hatte. Der Hobby-Historiker hatte dann kurzerhand eine Initiative zur Umbenennung von Roßbach ins Leben gerufen und damit auch noch Erfolg gehabt. Die alten Männer hatten einfach zu viel Zeit, fand Kornelia. Und Wilhelms Bemerkung zum Abschied bestätigte sie wieder einmal in der Annahme, dass der Alte über das Kommen und Gehen der Eddinghäuser genau Buch führte. Woher sonst sollte er wissen, dass sie zu ihren Kunden im Seniorenheim unterwegs war?

»Blöder Schnüffler«, brummelte die Fußpflegerin vor sich hin, während sie wieder hinter ihrem Lenkrad Platz nahm und ihr Auto startete. Weil sie noch nichts gefrühstückt hatte, und aufgrund ihres dadurch zu niedrigen Blutzuckerspiegels war die sonst stets so gut gelaunte Frau an diesem Morgen etwas unleidlich. Sie konnte nicht wissen, dass sie der besonderen Wachsamkeit des alten Mannes schon bald überaus dankbar sein würde.

02

»Konny, du kommst gerade recht, um uns zu helfen«, begrüßte Amalie Pfingsten ihre jüngere Freundin, kaum dass diese den ersten Schritt in das Foyer des Gronauer Altenheims getan hatte. Die alte Dame schien der Fußpflegerin geradezu aufgelauert zu haben. »Findest du, dass ich zu alt für die Maria bin?« Amalie streckte ihr spitzes Kinn weit vor. Fast sah es wie eine Drohgebärde aus, die allerdings eher dem Mann gleich neben ihr galt. »Sei ehrlich!«, fügte sie noch mit grimmig entschlossener Miene hinzu.

»Natürlich bist du zu alt!« Nikolaus Schrader wartete Kornelias Antwort nicht ab. Er blickte böse auf seine Zimmernachbarin Amalie. »Deine fruchtbaren Jahre liegen doch schon lange hinter dir. Wie willst du denn da glaubhaft die Jungfrau geben, die soeben den Gottessohn geboren hat? Ich bitte dich! Das nimmt dir doch keiner ab. Die Großmutter könntest du sein. Ach, was rede ich, die Urgroßmutter!«

»Aber du darfst den Josef spielen, wie?« Bissig fuhr Amalie den pensionierten Polizisten an. »Außerdem habe ich Konny gefragt und nicht dich. Also, Konny, was glaubst du?«, wandte sie sich wieder aufgebracht an die Fußpflegerin.

»Nun, ich …« Kornelia kam nicht weiter, denn schon wieder mischte sich Nikolaus Schrader lauthals ein: »Selbstverständlich! Ich könnte nämlich durchaus noch Kinder zeugen«, sprach er im Ton inbrünstiger Überzeugung. Unterdrücktes Kichern war von der selbst an einem so frühen Samstagmorgen stets besetzten Bank in der Eingangshalle zu vernehmen. Die dort hockenden Frauen rutschten aufgeregt hin und her. Der Tag versprach spannend zu werden. Vielleicht ließ sich Herr Schrader ja noch zu einer Demonstration seiner Männlichkeit überreden! Im verschwiegenen Kämmerlein versteht sich. Annegret Müller strich sich aufgeregt eine Haarsträhne aus der Stirn, Anna Ranke kramte in ihrer Handtasche nach ihrem Schminkbeutel und zog sich dann vorsorglich die Lippen nach, und der in einer Ecke der Empfangshalle stehende Herr Patzberg putzte für alle Fälle schon einmal die Gläser seiner Brille – auf gar keinen Fall wollte er etwas übersehen.

»Dass ich nicht lache!« Amalie wurde jetzt richtig wütend. »Außerdem musste Josef das Jesuskindlein ja gar nicht zeugen, wie du unschwer in der Bibel nachlesen kannst. Sonst wäre Maria ja keine Jungfrau mehr gewesen.«

»Ein Grund mehr, dass der Heilige Josef durchaus ein Mann meines Alters gewesen sein könnte«, konterte Schrader sofort.

»Also, wenn ich mich da mal einmischen dürfte …«, Gottfried Schuster, der am neuen Namen von Kornelias Heimatdorf hauptschuldige Geschichtslehrer, war zwischen die Streitenden getreten und lächelte friedfertig, ganz wie es sich für den Verkündigungsengel gehörte, der für ihn aufgrund seiner weißen Haarpracht vorgesehenen Rolle in der diesjährigen Aufführung der Weihnachtsgeschichte. Die Heimbewohner übten zwar bereits seit Wochen für ihren großen Auftritt bei der diesjährigen Weihnachtsfeier, konnten sich aber nicht immer auf eine alle zufrieden stellende Rollenverteilung einigen. »Sie, verehrter Herr Schrader, sind mit ihrem Vornamen doch geradezu dafür prädestiniert, den Weihnachtsmann zu spielen.« Beifallheischend blickte der pensionierte Lehrer zu den immer noch etwas vorfreudig-nervös wirkenden Damen auf der Bank.

Schrader guckte irritiert.

»Also, wenn August Kapune das Christkind ist, dann kann ich ja wohl seine Mutter sein. August ist sogar älter als ich!« Amalie hatte einen neuen Grund gefunden, warum sie selbst und niemand anderes in die Rolle der Maria schlüpfen sollte. Um solche Eifersüchteleien unter den weiblichen Heimbewohnern zu vermeiden, hatte sich ursprünglich Schwester Ulrike bereit erklärt, die Gottesmutter zu geben. Aber die Schwester hatte sich heute früh krank gemeldet. Sie lag mit einer schweren Erkältung im Bett und es war nicht sehr wahrscheinlich, dass sie bei den nächsten Proben ihren Part würde übernehmen können. Schade, denn die rundliche Schwester war allen als ideale Wahl für die Figur der Maria erschienen.

»August ist doch nur deshalb das Jesuskind, weil er bettlägerig ist und bestimmt nicht, so wie Kalle Oppermann im letzten Jahr, einfach mitten in der Aufführung von der Krippe aufsteht, um pinkeln zu gehen.« Schraders Gesichtsfarbe hatte bereits einen kräftigen rosaroten Ton angenommen, ein Zeichen seiner Verärgerung über Amalies ständige Besserwisserei. Dass die alte Krähe aber auch immer so dickköpfig sein musste! Seine Elfi hätte es nie gewagt, ihm so vehement zu widersprechen, noch dazu in aller Öffentlichkeit!

»Für seine Prostatabeschwerden kann der arme Kalle nun wirklich nichts«, hörte man Annegret Müller in versöhnlichem Ton von der Bank her murmeln. Sie war bester Laune, denn ein letzter prüfender Blick in ihren kleinen Taschenspiegel hatte ihr bestätigt, dass sie es heute durchaus an Attraktivität mit ihrer Erzrivalin Amalie Pfingsten aufnehmen konnte. Selbst die Tatsache, dass sie mit ihrer Bemerkung Amalies Argumente irgendwie bekräftigte, störte die alte Dame heute nicht.

»Ach, du lieber Nikolaus, komm doch einmal in mein Haus …«, begann Gottfried Schuster nun mit den ersten Zeilen eines Adventsgedichtes, so als wolle er seinen Vorschlag, Schrader müsse den Weihnachtsmann machen, damit unterstreichen. »Bei unseren Nachbarn, den Holländern, heißt der Weihnachtsmann übrigens Klaas«, sagte der im Ruhestand befindliche Lehrer nun. Sein Tonfall klang wie so oft etwas besserwisserisch.

Schrader, dem jede Besserwisserei, solange sie nicht seine eigene war, suspekt war, warf Schuster einen finsteren Blick zu.

»Auf Deutsch heißt das Klaus«, führte dieser weiter aus, ohne sich dabei im Mindesten von Schraders grimmiger Miene irritieren zu lassen. »Die Abkürzung von Nikolaus.« Triumphierend sah er sich in der Runde um. Aber nur der alte Patzberg nickte beifällig aus seiner Ecke.

»Darum geht es doch gar nicht!« schimpfte Amalie. »Meinetwegen kann Nikolaus auch das Jesuskindlein sein, solange ich die Maria spiele!« Sie drehte sich zu Kornelia Lorenz. »Jetzt sag du doch endlich auch was, Konny!« Auffordernd blickte sie in das Gesicht ihrer Freundin.

»Also, wenn ihr wollt, spiele ich die Maria«, hörte Kornelia da eine Stimme sagen, die zu ihrer größten Verwunderung ganz wie ihre eigene klang.

»Wunderbar!«, kam sofort die Zustimmung fast aller Anwesenden. Nur Amalie Pfingsten verzog leicht ihren Mund.

03

»Also, Kind, dass du mir so in den Rücken fallen konntest!« Amalie mochte immer noch nicht glauben, dass sie keine Chance mehr auf die Rolle der Gottesmutter hatte, denn gegen die freudige Zustimmung sämtlicher Umstehenden auf Kornelias Vorschlag hatte die sonst so schlagfähige Frau einfach keine Argumente mehr gewusst. Nikolaus Schrader hatte sogar Beifall geklatscht. Dieser Verräter! Nur weil er auf diese Weise einen Auftritt lang den Ehemann seiner lieben Freundin Konny würde spielen dürfen.

Denn dass Schrader den Weihnachtsmann machte, kam gar nicht in Frage. Was für ein dummer Vorschlag von diesem Schuster! Was mischte der sich überhaupt ein? Schließlich hatte der schon die attraktivste Rolle abgestaubt – und das nur, weil seinen Schädel ein schimmernder Haarkranz zierte, der im Gegenlicht wie ein echter Heiligenschein wirkte. Der pensionierte Lehrer würde während der Verkündigung an einem Seil durch den Saal schweben dürfen. Ein Part, um den ihn mancher Heimbewohner, Amalie inbegriffen, glühend beneidete.

»Entschuldige bitte, Amalie, ich weiß auch nicht, was mich da geritten hat. Als Erklärung kann ich nur vorbringen, dass ich aus leerem Magen gesprochen habe und somit nicht Herrin meiner Sinne gewesen bin.«

»Das nützt mir jetzt auch nichts mehr«, brummelte Amalie.

»Ich habe doch so schon kaum Zeit für meine Arbeit und meinen Haushalt«, fuhr Kornelia unglücklich fort. »Außerdem hat sich meine Mutter für Weihnachten angekündigt. Was bedeutet, dass ich das ganze Haus besser so rasch wie möglich auf Vordermann bringe. Gabriel und Chris wollen jetzt auch bei uns feiern, dabei haben sie Ende November noch verkündet, sie möchten zum ersten Mal in den eigenen vier Wänden bleiben. Ich habe noch kein Geschenk für Chris. Und was noch schlimmer ist: nicht die geringste Ahnung, was ich ihr schenken könnte …« Sie machte eine Pause, um Atem zu holen. Dabei dachte sie an ihren Großen und dessen Freundin, die nun auch bei ihr feiern würden, was sie zwar freute, aber auch jede Menge Mehrarbeit bedeutete. »Und jetzt kommen auch noch eure Proben dazu! Unsere Proben!« verbesserte sie sich schnell. Die Fußpflegerin sah so bekümmert drein, dass Amalies Herz sofort weich wurde. Niemand konnte Konny ernsthaft lange böse sein. Dafür blitzten ihre veilchenblauen Augen viel zu charmant.

»Wann soll eigentlich unser Auftritt stattfinden?« fragte Kornelia jetzt. »Sag nicht, schon bei der Weihnachtsfeier!« Normalerweise fand das Fest für die Angestellten und Bewohner des Gronauer Altenheims am Samstag vor dem 4. Advent statt. Das wäre schon in zwei Wochen! Kornelia begann zu schwitzen. Nie würde sie ihren Part bis dahin auswendig können, sie hatte ja noch nicht einmal den Text erhalten. Und hatte Gottfried Schuster vorhin nicht etwas von einer schon heute stattfindenden Probe gesagt? Heute konnte sie sich unmöglich dafür frei machen.

»Weißt du denn nicht, dass die Weihnachtsfeier diesmal verschoben wurde?«, beruhigte Amalie ihre mehr als gestresst blickende jüngere Freundin. Kornelia Lorenz sah aus, als stünde sie kurz vor einem Infarkt. »Wir feiern doch erst am Dreikönigstag!«

»Ach ja! Stimmt ja!« Die Fußpflegerin atmete erleichtert auf. Jetzt erinnerte sie sich auch wieder an die Aufregung vor einigen Tagen, als der gewohnte Termin für die Weihnachtsfeier auf Antrag Gottfried Schusters auf den 6. Januar verlegt worden war. Der pensionierte Lehrer hatte angeführt, dass das Christuskind ja erst von den Heiligen Drei Königen seine Geschenke erhalten habe und dass es von daher stil- und sinnvoller sei, sich gegenseitig auch erst am 6. Januar zu beschenken. Die Heimleitung hatte den Antrag freudig angenommen, denn auch im Seniorenheim war die Zeit vor dem Fest der Liebe immer die anstrengendste. Irgendwie wirkten alle viel quengeliger, je näher der 24. Dezember rückte.

»Ich halte das ja für eine recht dumme Idee! Mindestens so dumm, wie Roßbach in Eddinghausen umzubenennen!«, sagte Amalie und schnaubte dabei missbilligend. »Aber auf mich wollte ja keiner hören.« Die alte Dame schaute bei ihren Worten etwas verschnupft aus der Wäsche, so als habe sie die Abfuhr erst kürzlich und nicht schon vor Tagen erhalten. »Die schöne Stimmung ist doch mit dem Neujahrstag vorbei«, wiederholte sie nun eines ihrer Lieblingsargumente. »Geschenke am 6. Januar! Was für eine aberwitzige Idee! Außerdem stimmt das mit dem Datum sowieso alles nicht«, führte Amalie jetzt aus, ganz so als säße sie noch immer in der Sitzung, in der der neue Termin für das Weihnachtsfest bestimmt wurde. »Es gibt viele Quellen, die besagen, dass Jesus im Frühjahr geboren worden sein muss, denn wenn damals Hirten auf dem Feld gelegen haben sollen, dann war das ganz sicher nicht im Winter. Auch im Nahen Osten ist es für die Schafe und Hirten im Dezember zu kalt, um nachts draußen zu lagern. Die liegen dann alle schön im warmen Stall. Aber das habe ich nicht gesagt, da habe ich mir lieber auf die Zunge gebissen«, verriet sie der interessiert lauschenden Kornelia. »Denn sonst käme der Schuster, dieser Besserwisser, im nächsten Jahr noch darauf, die Weihnachtsfeier mit der Osterfeier zusammen zu legen, und unsere Heimleitung würde den Antrag dankbar annehmen. Dann müsste sie nämlich nur ein Fest ausrichten statt zwei!« Amalie musste eine Pause machen, um Luft zu holen.

Die beiden Frauen befanden sich in Amalies kleiner Wohneinheit im Gronauer Altenheim. Amalies rechter Unterschenkel ruhte auf einem Hocker, ihr Fuß war entblößt und lag in Kornelias Händen. Vorsichtig schnitt die Fußpflegerin jetzt die verhornten Stellen unter dem großen Zeh, dem Ballen und am Hacken ab. Während Amalies Diskurs hatte sie sich nicht getraut, mit der scharfen Klinge an deren Füße zu gehen. Denn die aufgebrachte Dame hätte beim Reden mit ihren Füßen zucken und so leicht verletzt werden können.

»Komisch, dass die so schnell nachgewachsen ist«, murmelte Kornelia jetzt. »Cremst du deine Füße auch jeden Abend mit der Salbe ein, die ich dir gegeben habe?«

»Naja, manchmal vergesse ich das auch gern«, gab Amalie ehrlich zu. Sie war nie für viel Make-up gewesen. Außerdem hatte sie, als sie noch auf dem Roßbacher Gut lebte, auch nie Zeit für so etwas gehabt. Etwas Seife und Niveacreme hatten ein Leben lang für die Pflege ihrer Haut genügt. Und nun sollte sie teure Produkte für ihre Füße benutzen? Eine Körperstelle, die sowieso niemand sah? Dass die Fußpflegerin ihr die Hornhaut hemmende Salbe schenkte, war da egal. Hier ging es ums Prinzip!

»Hast du denn noch von der Creme? Ich könnte dir wieder eine Probe dalassen«, versuchte es Kornelia freundlich.

»Nein, vielen Dank. Und ja, ich habe noch mehr als genug Creme. Ich verplempere meine Zeit nur nicht gern damit, etwas für meine Schönheit zu tun. Schließlich heiße ich nicht Annegret Müller!« Amalies Stimme klang schärfer als gewollt. Wann immer sie an ihre Rivalin im allmorgendlichen Kampf um das letzte Scheibchen Cervelatwurst dachte, verschlechterte sich ihre Laune.

»Im Übrigen hatte ich das auch nie nötig!« fügte sie schon etwas sanfter, aber dennoch sehr bestimmt hinzu.

»Aber Amalie, das hat doch mit Schönheitspflege nichts zu tun. Es geht um deine Gesundheit, dein Wohlbefinden!« Kornelia hatte die kleine, scharfe Klinge beiseite gelegt, mit der sie die oberen Hornhautschichten wegschnitzte, und griff nun zu dem elektrischen Schleifer, der für die Feinarbeit vorgesehen war. »Wenn du die Creme täglich vor dem Schlafengehen einmassieren würdest, hättest du viel weniger Probleme mit lästigen Druckstellen. Ganz zu schweigen von Hühneraugen, die wahrscheinlich gar nicht erst entstehen würden, wenn du die Haut deiner Füße immer schön weich halten würdest.« Kornelia sprach über das leise Summen des Schleifers hinweg. »Und Termine bei mir bräuchtest du dann sicher auch nicht mehr so oft.« Die Fußpflegerin blickte ihre Freundin bei diesen Worten aufmunternd an. »Stell dir mal vor, wie viel Geld du sparen könntest!«

Jetzt blickte Amalie erst recht finster drein. »Ist doch meine Sache, wofür ich mein Geld verplempere.« Die alte Dame wirkte wie der bockige Backfisch, der sie einst tatsächlich gewesen war. »Ich lege eben Wert auf deine Gesellschaft«, fügte sie noch leicht schnippisch hinzu.

Kornelia wusste nicht, ob sie sich gekränkt fühlen sollte. Sie ließ sich doch nicht für ihre Gesellschaft bezahlen! Und schon gar nicht von einer Freundin, zu der Amalie ihr trotz des hohen Altersunterschiedes über die Jahre geworden war. Sollte sie den Stolz der Freundin mit ihrem Angebot, die Jungfrau Maria zu spielen, so sehr verletzt haben, dass diese nun den Streit suchte? Besorgt schaute Kornelia in das Gesicht der älteren Dame. Als sie deren finsteren Ausdruck registrierte, beeilte sie sich zu sagen: »Also Amalie, wenn dir so viel daran liegt, die Mutter Gottes zu spielen, dann nehme ich mein Angebot natürlich zurück. Ich habe gleich noch einen Termin bei Klaus, da werde ich ihm das sofort mitteilen.« Die Fußpflegerin nannte Nikolaus Schrader bei der Abkürzung seines Vornamens – ein Privileg, das der pensionierte Polizist nur sehr wenigen zugestand. »Bei meiner chronischen Zeitknappheit wäre das sogar eine Erleichterung.« Kornelia lächelte versöhnlich.

Bei Kornelias freundlichem Angebot schien Amalie Pfingsten endlich zu merken, wie kindisch sie sich verhielt. »Du bist immer viel zu nett«, knurrte sie dennoch mit grimmigem Ausdruck. »Nicht mal richtig zanken kann man sich mit dir!« Jetzt musste auch Amalie grinsen. »Das ist ja nicht zum Aushalten«, setzte sie trotzdem noch hinzu, ehe sich ihr Gesicht endgültig ganz aufhellte. »Eigentlich geht es mir doch gar nicht um die Rolle. Ich wollte nur nicht, dass Annegret Müller einen der wichtigsten Parts im Stück an sich reißt. Und das haben wir ja nun dank deines Einsatzes verhindern können.« Amalie zwinkerte Kornelia zu. »Nein, nein, bleib du man schön dabei! Außerdem können wir doch auch Nikolaus nicht so enttäuschen. Wenn du nun einen Rückzieher machen würdest, wäre der womöglich im Stande, auf seine Rolle als Josef zu verzichten. Und dann würde es sicher ganz schnell überall bei der Besetzung zu bröckeln beginnen. Zum Schluss müssten wir wahrscheinlich einen Weihnachtsmonolog von unserem Alleswisser Gottfried Schuster anhören.« Amalie schüttelte sich bei der Vorstellung. Dann atmete sie tief durch und fuhr fort: »Nein, nein, Kindchen. Diese Suppe hast du dir selbst eingebrockt, nun löffel sie mal schön wieder aus.«

Kornelia Lorenz stöhnte. Allein die Vorstellung, ihrem prallen Terminkalender gleich mehrere weitere feste Termine für die Proben hinzufügen zu müssen, ließ sie beinahe verzweifeln. Sie konnte noch nicht ahnen, wie lächerlich ihr diese alltäglichen Sorgen und Nöte erscheinen würden angesichts der dramatischen Ereignisse, die sich in ihrem Heimatdorf Eddinghausen noch vor Weihnachten abspielen sollten und in die nicht nur sie selbst, sondern auch ihre ganze Familie hineingezogen werden würde.

04

Es war der letzte Freitagabend vor Weihnachten, und die Gaststube im Eddinghäuserer Gasthaus Lampe, der einzigen Kneipe in dem kleinen Dorf, war gut gefüllt. Inge, die Wirtin, stand hinter der alten Theke aus Eichenholz und zapfte ein Bier nach dem anderen. Für die Bedienung ihrer Gäste hatte sie wie so oft an Wochenenden ihre Schwägerin Renate um Hilfe bitten müssen. An den Tischen waren kaum noch Plätze frei. Aus den beiden im Raum verteilten Lautsprechern lullte Freddy Quinns tiefe Stimme die Anwesenden mit seiner Version von »White Christmas« ein. Kleine Gestecke aus Tannenzweigen und Christbaumkugeln, die Inge selbst gebunden hatte, schmückten jeden Tisch.

In einer Ecke wurde wie beinahe jeden Abend seit der Umbenennung des Dorfes lauthals über das Für und Wider des neuen Namens gestritten. Zumindest ein Gutes hatte der neue Name Eddinghausen: Er brachte der kleinen Gastwirtschaft jede Menge Umsatz, denn nirgends stritt es sich so gut wie in der zufällig zusammengewürfelten Gemeinschaft von Wirtshausbesuchern.

An einem der Tische hockte einsam und allein der alte Wilhelm Knackstedt. Er ließ sich nicht oft bei Lampes blicken. Sein Bier trank er für gewöhnlich lieber billiger daheim vor dem Fernseher, aber heute Abend mochte er um keinen Preis daheim im Wohnzimmer bei seiner Schwester Else sitzen. Die lag ihm nämlich seit Tagen damit in den Ohren, dass er Fritz, seinen prächtigsten Rammler, als Braten für die Festtage opfern sollte. Betrübt starrte Wilhelm auf das frische Bier, das Renate soeben mit einem lauten »Prost!« vor seine Nase gestellt hatte, und beobachtete, wie die Außenwand des kleinen Glases langsam beschlug. Es war schon sein fünftes Helles an diesem Abend. Wilhelm hatte sich fest vorgenommen, seinen Kummer zu vergessen, und dabei half nichts so gut wie ein ordentliches Besäufnis.

Plötzlich wurde hinterm Windfang die zweiflügelige Eingangstür zur Gaststube energisch aufgestoßen und Fritz Banasch stapfte herein. Er stülpte seine Kapuze zurück, klopfte sich den Schnee von den Schultern und hängte seinen alten Bundeswehrparka, der ihm seit Jahrzehnten gute Dienste tat, an den übervollen Garderobenständer gleich neben der Tür. »N’abend!«, rief er in den Raum, während er sich die Hände warm rieb, und stiefelte zur Theke. Bei jedem Schritt hinterließen seine Gummistiefel auf den langen Holzdielen kleine Pfützen, die jedoch fast sofort von den vorsorglich im ganzen Raum ausgestreuten Sägespänen aufgesogen wurden. Zufrieden beobachtete die Wirtin von ihrem Platz am Bierhahn, dass die altmodische Vorsichtsmaßnahme Wirkung zeigte. Schon den ganzen Tag über war im Radio vor einem ebenso plötzlichen wie heftigen Wintereinbruch gewarnt worden.

»N’abend Meister Fritz«, schallte es dem erst kürzlich zum Brandmeister aufgestiegenen Mann entgegen. Jürgen Brennecke und Peter Brinks hatten schon auf ihren Kameraden bei der Freiwilligen Feuerwehr gewartet. »Sag bloß, es schneit?« Beide Männer waren schon vor einer guten Stunde in das Lokal gekommen und hatten den ersten Auftritt des einbrechenden Winters nicht bemerkt..

Die drei Mitglieder der Feuerwehr hatten sich verabredet, um die diesjährige Kohlwanderung zu planen. Nun fehlte nur noch Dieter Lorenz, und das Planer-Kleeblatt wäre perfekt. In Eddinghausen sprach man gemeinhin von einem vierblättrigen Kleeblatt, wenn von dieser Pflanze die Rede war, denn drei vierblättrige Kleeblätter zierten das Wappen der kleinen Ortschaft. Es war im Zuge der Umbenennung nicht geändert worden, denn in den alten Dokumenten, die Gottfried Schuster im Gronauer Stadtarchiv ausgegraben hatte, fand ein ganz ähnliches Wappen Erwähnung.

Seit Generationen unternahm die Dorfgemeinschaft immer am 28. Dezember ihre Kohlwanderung. Dabei versammelten sich die Teilnehmer – in Eddinghausen waren das fast jedes Jahr mehr als die Hälfte der Einwohner – bei Einbruch der Dunkelheit an der Bushaltestelle. Dort wurde zunächst mit Lockstedter angestoßen, dem eigenwilligen Ingwerschnaps, der in der nahe gelegenen Kleinstadt Gronau schon seit über einem Jahrhundert gebraut wurde. Für das Zuprosten baumelte einem jeden Teilnehmer – selbstverständlich mit Ausnahme der Kinder – ein an einem Band befestigtes Gläschen um den Hals. Alsdann folgte man den jeweiligen Planern der Wanderung blind auf einem zweibis dreistündigen Gewaltmarsch über Feldwege und Schotterpisten durch eine vor Kälte erstarrte Landschaft. Selbst frostigster Hagelschauer oder dichtester Schneeregen hatten die tapferen Eddinghäuser bisher noch nie von ihrem alljährlichen Ausflug abbringen können. Notfalls kämpfte man sich mit zusammengebissenen Zähnen und vorgehaltenen Regenschirmen über die Äcker. Es hatte sogar schon Jahre gegeben, in denen die Wanderer so tief in aufgeweichten Feldern versackt waren, dass die wenigen Mitglieder der Feuerwehr, die es angesichts des Schietwetters vorgezogen hatten, am heimischen Herd zu bleiben, helfend und befreiend hatten eingreifen müssen.

Noch nie hatte jemals jemand daran gedacht, dass es gefährlich sein konnte, wenn fast alle Bewohner gemeinsam ihr Dorf verließen und es so praktisch ungeschützt etwaigen Übeltätern auslieferten.

Die Tradition wollte es, dass nur diejenigen, die die Wanderung vorbereitet hatten, genau wussten, wohin der nächtliche Ausflug ging. Stets aber führte er in eine der zahlreichen Gaststätten des Leineberglandes, in denen im Winter Braunkohl und Bregenwurst auf der Speisekarte standen. Ziel einer jeden Kohlwanderung war es nämlich, sich im Kreise der Nachbarn so richtig an Kohl und Wurst zu laben. Unnötig zu sagen, dass beides mit ausreichend Bier und Schnaps hinunter gespült wurde.

Bei Fritz Banasch’ Begrüßung war Wilhelm Knackstedt merklich zusammengezuckt. Entschlossen hatte er sein Bier an den Mund gesetzt und das noch fast volle Glas in einem Zug ausgetrunken. »Noch eins!«, brüllte er schon merklich lallend zur Theke hin.

»Hast du nicht bald genug, Wilhelm?« Inge, die Wirtin, sah besorgt zu ihrem betagten Gast.

»Noch lange nicht!« Wilhelms Stimme klang, als läge ein vollgesaugter Waschlappen auf seiner Zunge.

»Zapf ihm schon eins«, raunte ihr Fritz zu. »Ich bringe ihn später mit den Jungs heim.« Fritz Banasch war nicht älter als Jürgen oder Peter. Er nannte einfach alle Kameraden des Eddinghäuser Feuerwehrzugs, auch die um Jahre Älteren, gern Die Jungs. Es war eine Redewendung, die nichts über das Alter der Betreffenden aussagte.

»Hier, nimm!« Inge reichte Fritz zwei frisch gezapfte Biere über die Theke. Freddy Quinns »White Christmas« war mittlerweile von einem anderen, nicht weniger gefühlsduseligen Weihnachtssong abgelöst worden.

»Leg doch mal was anderes auf«, sagte Fritz, ehe er die beiden randvollen Gläser an sich nahm. »Ich kann diesen Weihnachtskitsch langsam nicht mehr hören. Überall wird man damit berieselt.«

»Kommt gar nicht in Frage«, bestimmte Inge. »Mir gefällt’s.« Sie freute sich jedes Jahr auf die Adventszeit, wenn sie endlich wieder ihre stattliche Weihnachts-CD-Sammlung zum Einsatz bringen konnte. Inge nannte nicht nur sämtliche traditionellen deutschen Weihnachtschor-Aufnahmen ihr eigen, in ihrem Musikregal standen auch so seltene Exemplare wie ein Black Christmas Album oder die Trucker & Country Christmas Fete, von welcher Ty Hunter gerade sein »Christmas without you« über die Lautsprecher in den Raum schluchzte. Vergnügt trällerte die Wirtin leise mit.

Fritz warf einen leidgeprüften Blick zur getäfelten Decke und ging zunächst an Wilhelms Tisch, wo er eines der beiden Gläser vor die Nase des alten Mannes stellte. Wilhelm Knackstedt sah auf.

»Danke«, murmelte er leise.

»Da nicht für«, erwiderte Fritz. »Wie beißen die Fische?«, schob er noch hinterher, denn ihm fiel nichts Besseres ein, um den auf seinem Stuhl in sich zusammen gesackten Alten auf vergnügliche Gedanken zu bringen. Jeder im Ort wusste, dass Wilhelm seit geraumer Zeit dem Fischfang verfallen war.

»Geht so«, nuschelte der, ehe ein Leuchten seine wasserblauen Augen durchzuckte. »Na klar!«, schrie er plötzlich und blickte strahlend zu Fritz auf. »Du bist ein Genie. Dass ich da nicht schon eher drauf gekommen bin!«

Alle Anwesenden blickten neugierig zu ihm herüber. Jeder hatte bemerkt, dass der »olle Fischkopp«, wie er auch gern genannt wurde, schon ein paar Bierchen zu viel intus hatte.

»Was kommt bei euch an Weihnachten auf den Tisch?«, fragte der Alte mit schwerer Zunge und hielt Fritz, der gerade zum Tisch seiner Freunde hatte gehen wollen, am Pulloverärmel fest. Das Bierglas in seiner Hand schwappte über.

»Mist«, sagte der.

»Entschuldigung«, nuschelte Wilhelm und wiederholte mit einiger Mühe seine Frage: »Was kommt bei euch Weihnachten auf den Tisch?«

Fritz, der nicht wusste, worauf Wilhelm eigentlich hinaus wollte, antwortete wahrheitsgetreu: »Bockwürstchen und Kartoffelsalat.«

»Falsch«, lallte Wilhelm. »Ich meine doch nicht Heilig Abend. Weihnachten habe ich gesagt. Oder?« Er sah sich im Saal um. Alle nickten. »Siehste«, wandte sich der alte Knackstedt wieder an Fritz. »Und was kommt Weihnachten in die Bratröhre?« Triumphierend guckte er erneut in die Runde. »Karpfen und keine Karnickel!«, schrie er dann. Seine Laune hatte sich schlagartig gebessert. »Mein Fritz ist gerettet! Prost!« Wilhelm Knackstedt leerte das gerade von Fritz vor ihm abgestellte Glas in einem Zug und griff etwas fahrig nach seinem Mantel, den er über einer Bank abgelegt hatte. »Ich muss sofort nach Hause. Das muss ich Else sagen. Da weiß sie dann sicher keinen Grund mehr, warum es dem armen Fritz an den Kragen gehen soll!«

»Na, na, na, Wilhelm, du willst doch wohl nicht schon gehen«, hielt Fritz Banasch ihn zurück. Er hatte keine Ahnung, von welchem Fritz der alte Mann sprach. »Draußen tobt gerade ein richtiges Schneegestöber. Bleib noch ein bisschen, dann bringen wir dich später heim«, versprach er. Jürgen und Peter nickten zustimmend von ihrem Tisch herüber.

»Na, wenn ihr meint«, sagte Wilhelm, drehte sich dann zur Theke und rief: »Noch’n Bier, Inge!«

Fritz klopfte dem Alten freundschaftlich auf die Schulter und setzte sich dann endlich zu seinen Kameraden. »Wo ist denn Dieter?«, fragte er die beiden.

»Keine Ahnung, aber der kommt sicher auch gleich«, antwortete Peter. »Lasst uns ruhig schon anfangen«, fügte er mit einem Blick auf seine Armbanduhr hinzu. Er wollte auf keinen Fall die Tatort-Wiederholung im Ersten verpassen, die es freitags immer um Viertel vor zehn gab. Heute waren die Münchner Kommissare dran; deren Fälle sah er besonders gern. Da gab es keine Gefühlsduselei, keine privaten Probleme der Ermittler, wie es neuerdings so in Mode gekommen war. Reine Kriminalistik. Männerfilme eben. Dass auch so viele Frauen den Tatort aus München bevorzugten, lag eher an anderen Gründen als den guten Drehbüchern, glaubte Peter. Frauen verstanden ja nichts von richtig guten Kriminalgeschichten. Vermutlich schwärmten sie alle heimlich für die Darsteller.

»Also ich wäre für die Alte Tenne in Wallenstedt, da waren wir schon lange nicht mehr …«, machte er auch gleich den ersten Vorschlag.

»Da kommt doch sofort jeder drauf, wir würden den gleichen Weg wie im vergangenen Jahr nehmen müssen, da waren wir in Rheden.« Jürgen zeigte sich nicht einverstanden. Schließlich ging es bei einer Kohlwanderung zumindest während der ersten Kilometer ja auch darum, dass die Wanderer sozusagen doppelt im Dunkeln tappten, weil es nicht nur Nacht war, sondern sie außerdem auch keine Ahnung hatten, wohin ihr Ausflug sie führen würde.

»Bei Jupp in Gronau waren wir lange nicht mehr«, schlug Fritz vor. »Ja, weil das viel zu nah wäre«, gab Peter zu bedenken. »Da können wir ja gleich hier bei Inge einkehren.« Er nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Bierglas. Als er es wieder absetzte, lag ein seltsames Leuchten in seinem Blick. »Warum eigentlich nicht hier bei uns? Wir könnten eine Rundwanderung planen und zum Schluss in Roßbach ankommen, das hatten wir noch nie.« Er hatte geflüstert und blickte seinen beiden Freunden nun triumphierend abwechselnd ins Gesicht. Die sahen noch nicht überzeugt aus.

»Aber bedenkt doch mal: Wir müssten noch nicht einmal die Heimfahrten organisieren.« In seiner Begeisterung war Peter jetzt richtig laut geworden.

»Sch!!!«, ermahnte ihn Fritz, schließlich sollte die Route, auf die sie sich letzten Endes einigen würden, so lange wie möglich geheim bleiben. Besorgt schaute er sich in der Gaststube um, denn je länger er über Peters Vorschlag nachdachte, desto besser gefiel der ihm. Als er aufblickte, drehten alle Anwesenden in der Kneipe demonstrativ ihren Kopf von dem Tisch der drei Freunde weg. Niemand sollte ihnen später nachsagen können, sie hätten gelauscht und deshalb auf das richtige Ziel gesetzt.

Die Eddinghäuser waren im ganzen Landkreis für ihre Wettleidenschaft bekannt. Es gab kaum etwas, das sie nicht zum Wetten reizte. Egal ob es sich um das Thema der sonntäglichen Predigt von Pastor Willems, die neue Haarfarbe von Ina Reckstadt oder das Ableben einer altersschwachen Henne handelte. Es brauchte nur zwei Bewohner des Dorfes mit unterschiedlicher Meinung, schon hieß es: Die Wette gilt! Im Hinterzimmer des Gasthauses Lampe wurde jeder Einsatz auf einem schwarzen Brett festgehalten. Tatsächlich gab es sogar schon die ersten Einsätze auf verschiedene Ziele der diesjährigen Kohlwanderung, obschon die Planer sich an diesem Abend zum allerersten Mal trafen.