Hatschepsut - Heike Rüster - E-Book

Hatschepsut E-Book

Heike Rüster

0,0

Beschreibung

Die junge Ägyptologin Joanna hat sich ihren Traum verwirklicht. Sie ist mit ihrer besten Freundin Annabel nach Ägypten ausgewandert und arbeitet dort als leidenschaftliche Reiseleiterin. Doch ein Besuch auf einem Basar soll ihr Leben radikal verändern. Sie wird in einen schweren Konflikt verwickelt, der bereits seit Jahrtausenden besteht. Ein Kampf zwischen Gut und Böse, in dem sie letztendlich erkennen muss, wer ihre wahren Freunde sind.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 191

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Hatschepsut - Rückkehr einer Königin

Titel SeiteDanksagung und ImpressumProlog1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. Kapitel32. Kapitel33. Kapitel34. Kapitel35. Kapitel36. Kapitel37. Kapitel38. Kapitel39. Kapitel40. Kapitel41. Kapitel42. Kapitel43. Kapitel44. Kapitel45. Kapitel46. Kapitel47. Kapitel48. Kapitel49. Kapitel50. Kapitel51. Kapitel52. Kapitel53. Kapitel54. KapitelEpilogWeiterführende Literatur/Quellen

Titel Seite

Hatschepsut

Rückkehr einer Königin

von Heike Rüster

Danksagung und Impressum

Großer Dank geht an meine Eltern, die mich immer unterstützen und mir zur Seite stehen bei allem, was ich tue. Ihr seid einfach großartig! Ich hab euch lieb!

Und an meinen Traumschatz, ich bin so froh, dich endlich gefunden zu haben. Ich liebe dich!

Und zu guter Letzt an Sherlock Holmes und Dr. Watson, die beiden geilsten Kater der Welt. Danke, dass ihr euch immer gerade dann auf die Tastatur gelegt habt, wenn ich gerade mal eine Schreibpause brauchte!

Text: © Copyright Heike Rüster

Umschlaggestaltung: © Copyright Heike Rüster

Verlag:

Heike Rüster

c/o AutorenServices.de

Birkenallee 24

36037 Fulda

Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Prolog

Die drei Wächter warten hochkonzentriert auf den einen Moment, für den ihre Familien seit vielen Generationen schon durch die Wüste ziehen. Wie gebannt starren sie auf die kleine Öffnung der unscheinbaren Steinhütte. Niemand weiß, wer sie einst erbaute. Niemand weiß, welchen Zweck sie ursprünglich einmal hatte. Doch das ist für die drei Männer im Moment auch nicht wichtig. Es geht einzig und allein um das, was sich nun darin befindet. Dann hören sie es endlich, scharrende Schritte, die allmählich lauter werden. Sie kommen näher, mühen sich den langen unterirdischen Gang hinauf zurück an die kühle und klare Nachtluft. Doch in den sechs Männeraugen spiegelt sich nicht die geringste Spur von Angst wider. Viel zu lange haben ihre Väter und Großväter sie darauf vorbereitet.

Als sich der vierte Wächter durch die enge Tür ins Freie zwängt und seinen drei Gefährten mit einem kurzen aber klaren Nicken entgegentritt, ist allen klar, dass nun die wohl schwerste Zeit ihres Lebens anbricht. Doch das ist ihre Bestimmung und keiner von ihnen wird den Schwur brechen, den ihre Vorfahren einst leisteten.

Es hat begonnen.

1. Kapitel

Obwohl ich vor lauter Dunkelheit kaum die eigene Hand vor Augen sehen kann, spüre ich, wie ein eisiger Schauer durch meinen gesamten Körper fährt und wie die Gänsehaut sogar von meiner Kopfhaut Besitz zu ergreifen scheint. Es ist nicht kalt, und doch lässt mich meine Angst am ganzen Leib zittern.

Dann höre ich es, das Knirschen vorsichtiger Pfoten auf heißem Wüstensand. Es ist ganz nah. Ich will weglaufen, flüchten, doch es gelingt mir nicht. Wie gelähmt stehe ich in der Schwärze. Das Knirschen wird lauter. Was auch immer dort bei mir ist, es bewegt sich. Und noch schlimmer ist, dass es näher kommt.

Ich atme tief ein. All das habe ich schon erlebt.

Allmählich glaube ich, in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Ich strenge meine Augen so sehr an, dass ich bereits beginne, Kopfschmerzen zu bekommen. Doch es gelingt mir nicht, Gegenstände zu erkennen, geschweige denn herauszufinden, wo ich bin.

Unerwartet spüre ich etwas Warmes an meiner linken Hand. Mit einem Schlag beginnt mein Herz zu rasen. Die Angst, die für einen kurzen Moment weniger zu sein schien, ist sofort wieder da.

Es ist der Atem eines Tieres, vielleicht der eines Hundes? Mir bleibt kaum Zeit, darüber nachzudenken. Denn als sei damit endlich der Bann gebrochen, laufe ich los.

Zunächst habe ich das Gefühl, nicht ganz vorwärts zu kommen, weil der weiche Wüstensand unter meinen Füßen immer wieder stark nachgibt. Immer wieder falle ich hin, stehe aber gleich wieder auf. Ich blicke mich nicht einmal um. Als ich schon nicht mehr daran glaube, diesem Ungeheuer zu entkommen, beginne ich an Tempo zu gewinnen. Meine Füße tragen mich weiter hinein in die Dunkelheit. Noch immer kann ich nicht erkennen, wohin mich meine Flucht führt. Doch das ist mir im Moment reichlich egal. Hauptsache in Sicherheit!

Das Hecheln und Knurren hinter mir scheint leiser zu werden. Sollte ich tatsächlich schneller sein, als mein Verfolger?

Dann ist es ganz still um mich herum. Allmählich bleibe ich stehen. Das einzige Geräusch ist mein eigener Atem.

Es ist weg. Ich bin wieder allein. Mein Atem normalisiert sich und mein Herzschlag wird langsamer.

Habe ich es geschafft?

Wie aus heiterem Himmel verliere ich mit einem Mal den Boden unter den Füßen und falle. Ich möchte schreien, mich irgendwo festhalten, doch es gelingt mir nicht.

2. Kapitel

Schlagartig ist das schreckliche Gefühl des Fallens vorüber. Stoff hüllt sich um meinen Körper und langsam erkenne ich Umrisse um mich herum. Diese erdrückende Finsternis, die mir bis vor wenigen Sekunden noch beinahe den Atem geraubt hat, ist verschwunden. Nach einigen tiefen Atemzügen erkenne ich meinen Schrank, daneben die kleine Kommode, die ich bei dem Händler unter meiner Wohnung erst letzte Woche gekauft hatte. Darüber hängt, wie immer ein bisschen schief, das Foto von meinen Eltern und mir bei ihrem letzten Besuch hier in Ägypten. Seit ich im letzten Sommer hierher ausgewandert bin, besuchen sie mich, so oft sie nur können.

Ich richte mich langsam auf und setze mich im Schneidersitz auf meinem Bett hin. Wieder einmal dieser schreckliche Traum, der mich schon seit einigen Wochen verfolgt. Genauer gesagt leide ich seit ziemlich genau zwei Monaten unter ihm, seit ich mit meiner Freundin Annabel auf diesem Basar war. Mit ihr zusammen habe ich den Schritt der Auswanderung nach Ägypten gewagt. Allein wäre ich dazu niemals in der Lage gewesen. Doch gemeinsam mit meiner Studienfreundin hatte ich diesen Traum verwirklichen können. Nachdem wir beide Ägyptologie studiert hatten, wollten wir nicht zu jenen hochstudierten und doch arbeitslosen Menschen gehören, wie es sie in Deutschland leider zu Hauf gibt. Als wir dann ein Job-Angebot als Reiseleiterinnen in Ägypten bekamen, zögerten wir nicht lange. Schon während unserer Studienzeit lernten wir Arabisch und waren damit sprachtechnisch bestens vorbereitet. So brachen wir in dieses große Abenteuer auf.

Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen: mein erster Besuch des großen Karnak-Tempels bei Luxor. Dieser war noch während meines Studiums. Ich war sofort fasziniert von dem etwa 3 km nordöstlich von Luxor gelegenen Tempel. Sein Eindruck, den er auf die Menschen gemacht haben muss, als er noch nicht von den Häusern der Stadt umgeben und somit vom Nil aus gut sichtbar war, muss gewaltig gewesen sein. Wie er dort am rechten Nilufer ruht und mit den jahrhundertelangen Erweiterungen an ihm doch lange nicht zum Stillstand kam.

Meine erste Führung: die Erfüllung meiner Träume. Als ich mit meiner ersten Touristen-Gruppe durch die drei von Mauern umgebenen Bereiche des Tempels schritt, um im zentralen Teil, dem Amun-Bezirk, eine kleine Pause zu machen, genoss ich die beeindruckten Gesichter der Besucher.

Meine Leidenschaft für diese prächtige Kultur mit anderen zu teilen, ist noch heute eines der größten Dinge für mich, die es auf der Welt gibt.

Nun führen wir fast täglich viele tausend Touristen durch das Land der Pharaonen und doch ist es für mich noch immer jedes Mal etwas Besonderes. Da jetzt im Sommer jedoch die Zahlen der Touristen auf Grund der hohen Temperaturen eher gering sind, haben wir ab und an ein wenig Zeit für uns.

Im Juni dieses Jahres drängelte dann Annabel: „Joanna, komm endlich. Wir leben nun schon fast ein ganzes Jahr hier und waren bisher kaum auf einem richtigen Basar. Ich meine nicht diese langweiligen Touristenbasare, auf die wir unsere Reisegruppen führen. Ich möchte endlich einmal mit dir über einen echten ägyptischen Markt schlendern. Lass uns nach all der Arbeit der letzten Monate ein wenig Spaß haben!“

Natürlich hatte sie Recht. Annabel hat eigentlich fast immer Recht, wenn es darum geht, die richtige Mischung aus Arbeit und Vergnügen zu finden. Deshalb überwand ich mich und traute mich mit ihr in die vollen Straßen. Bisher hatte ich solche Basare eher gemieden. Sie waren mir in der Regel zu voll und chaotisch. Da bin ich immer sehr dankbar, dass Annabel in diesem Fall ganz anders tickt und somit meine Einkäufe gemeinsam mit unserer englischen Freundin und Kollegin Cloe erledigt.

Wir zogen also durch die vollen Straßen Luxors und ich muss doch zugeben, dass ich es wider jede Erwartung genoss. Von allen Seiten strömten eifrige Händler auf uns zu und versprachen uns die schönsten Dinge zu den niedrigsten Preisen. Sobald man nicht wie ein typischer Einheimischer aussieht, wird man von allen und jedem für völlig dumm und steinreich gehalten.

Da wir das aber natürlich kannten, störte es uns kein bisschen. Aufdringliche Händler wurden ignoriert und damit schnell wieder vertrieben. Vor allem ich war wieder beeindruckt von dem Stimmengewirr, den vielen Farben und Gerüchen, die von den unterschiedlichsten Ständen auf uns hereinbrachen. Plötzlich fiel uns ein kleines Geschäft ins Auge. Es handelte sich nicht um einen mobilen Stand, sondern einen Laden. Annabel machte mich auf ihn aufmerksam. Er ging hinter den aufgebauten Ständen eigentlich fast gänzlich unter. Er wäre mir normalerweise gar nicht aufgefallen. Doch in diesem Moment fühlten wir beide uns von dem Lädchen regelrecht angezogen.

Offensichtlich verkaufte man dort Antiquitäten. Vor dem Geschäft wurden einige Holzstühle, kleine Tischchen und andere Einrichtungsgegenstände zum Verkauf angeboten. Als wir nähertraten wurde sogar unseren ungeschulten Augen schnell deutlich, dass es sich zwar um alte aber doch ziemlich wertlose Möbelstücke handelte.

Trotz der unscheinbaren Erscheinung waren wir beide auf eine Art und Weise von dem Lädchen fasziniert, die ich bis heute nicht genau erklären kann. Ohne auch nur noch ein Wort zu wechseln, steuerten wir beide gleichzeitig schnurstracks darauf zu. Im Inneren stießen wir auf weitere noch ältere Möbel, die lieblos übereinandergestapelt waren und mindestens ebenso wenig wert waren, wie die vor dem Laden. Sie strömten einen Geruch von Moder und altem staubigen Holz aus, der uns beinahe zu überwältigen schien.

„Hallo? Is-salamu aleikum! “, rief Annabel. Die einzige Antwort war völlige Stille. Der Lärm und Trubel des Basares war hier absolut nicht zu hören. „Ist da jemand?“, fragte ich auf Arabisch in den dunklen hinteren Teil des Verkaufsraumes. Daraufhin schien sich dort dann tatsächlich etwas zu regen. Ein leises Rascheln kam aus der Richtung, in der ich so eine Art Tresen zu erkennen meinte. Ich glaubte sogar eine Art Schatten auszumachen, der sich allmählich aufrichtete.

Ich starrte eine ganze Weile in die Dunkelheit des Ladens. Es fühlte sich an, wie in diesen Träumen, die mich nun verfolgen. Dieses Geräusch war… unheimlich.

„Is-salamu aleikum. Bikam? Wie viel?“, wiederholte Annabel die Begrüßung und zeigte dabei auf eines der Möbelstücke. Zweifellos tat sie das nicht, um es dann wirklich zu kaufen, sondern um überhaupt etwas zu sagen.

„Sie wollen es doch nicht kaufen. Das sehe ich von hier. Seit Sie in meinen Laden getreten sind, haben Sie es nicht ein einziges Mal angeschaut“, ertönte plötzlich eine tiefe Männerstimme in einem verständlichen Deutsch aber mit unüberhörbarem arabischen Akzent.

Sie kam allerdings nicht aus derselben Richtung, wie das Rascheln, sondern vielmehr aus Richtung des Einganges. Wir wandten uns erschrocken um. Neben dem Eingang saß ein großer Mann mit fast nubischem Aussehen. Er war von auffallender Körpergröße und hatte mit seiner schlanken Nase und den vollen Lippen beinahe europäische Gesichtszüge. Dabei war seine Haut fast schwarz und damit bei Weitem dunkler, als die eines durchschnittlichen Ägypters. Doch all das hätte mich nicht so verängstigt, wären seine Augen nicht strahlend blau gewesen. Dadurch schienen sie regelrecht zu leuchten und uns mit einem einzigen Blick zu durchbohren.

Ich hätte geschworen, dass er vor einer Sekunde noch nicht dort gesessen hatte. Wo war der hergekommen?

Während Annabel fast panisch nach der passenden Antwort suchte, drehte ich mich wieder zu der Stelle um, an der ich eben die Bewegung wahrgenommen hatte. Ich war mir zwar nicht ganz sicher, aber hatte plötzlich das Gefühl, sogar ein leises Atemgeräusch zu hören. Doch es war nicht der Atem eines Menschen, sondern der eines Tieres. Könnte es ein Hund gewesen sein? Wenn dem so war, musste es allerdings ein ziemlich großer sein.

Und mit einem Mal spürte ich ihn, den Blick aus zwei riesigen Augen. Ich konnte nichts erkennen, aber ich spürte etwas. Es durchdrang mich und kroch langsam tief in mich hinein. Mein Herz raste, doch ich war mir nicht sicher, ob es dies aus Angst oder einem ganz anderen, mir noch unbekanntem Grund tat.

Wie zu Stein erstarrt stand ich da und wartete, bis irgendetwas diesen Bann zu brechen vermag. Endlich hörte ich Annabel wieder. Sie sah mich voller Panik eindringlich an und raunte mir ins Ohr: „Lass uns gehen!!!“ Damit schien wieder Leben in meine Glieder zurückzukehren und ich schaffte es, mich zum Ladenbesitzer umzudrehen. Er fixierte mich, ebenso wie Annabel. Doch in seinem Blick spiegelte sich weniger Panik als vielmehr… ja was war es eigentlich?

Ich war mir nicht ganz sicher. Sollte es tatsächlich Erstaunen sein?

Schließlich sagte er etwas zu mir, das mir noch heute in meinen Ohren widerhallt, als höre ich es eben in diesem Moment erneut: „Wiedergekehrt bist Du aus dem Reich der Toten, den zu finden, der Dir einst das Leben nahm.“

Ohne jeden Einfluss darauf zu haben, antwortete ich: „Wiedergekehrt ihn zu finden, der nun unter den Lebenden wandelt, und mich zu rächen.“

Annabel verhinderte, dass einer von uns beiden diese kuriose Unterhaltung weiterführen konnte: „Also gut ihr beiden Spaßvögel. Ich weiß ja nicht, was ihr hier abziehen wollt, aber mich kriegt ihr nicht, klar? Ich versteh aus eurem Kauderwelsch kein Wort und will es auch nicht. Joanna, wir gehen! Klar?!“

Damit griff sie heftig und entschlossen meinen linken Oberarm und zog mich aus dem Laden. „Raus hier, klar?“

‚Klar‘, damit schließt Annabel so gut wie jeden Satz ab, wenn sie sich über etwas aufregt oder sich in einer Situation unwohl fühlt. Man kann sagen, dass die Anzahl an ‚klar‘ in ihren Sätzen proportional zu ihrer Unsicherheit wächst. Ich liebe es, sie damit aufzuziehen. Leider kramt sie dann immer irgendwelche uralten aber dafür umso peinlichere Geschichten aus unserer Studienzeit raus.

Als wir endlich aus dem Laden gestolpert kamen und den ersten Atemzug frische Luft einsogen, wurde auch Annabel wieder etwas ruhiger. Ihr Griff um meinen Arm lockerte sich wieder und auch ihren Schritten konnte ich allmählich wieder folgen.

„Was war das eben?“, fragte mich meine beste Freundin dann urplötzlich.

„Wie?“ Ich kam nur langsam auch geistig wieder auf den Straßen Luxors an.

„Das da im Laden! Was sollte der Mist? Ich meine, die Show war echt gut, aber wenn ich ehrlich sein darf, hatte ich heute echt keinen Bock auf Cabaret.“

„Annabel“, mir dröhnte wahnsinnig der Schädel und wenn ich heute daran denke, werde ich beinahe ein weiteres Mal von diesen schrecklichen Kopfschmerzen überwältigt, „Ich weiß echt nicht, wovon du redest? Denkst du wirklich, ich hab dir eben was vorgespielt?“

„Ja, das glaube ich. Obwohl ich zugeben muss, dass diese abgefahrene Sprache wirklich ein Meisterwerk war und wahnsinnig authentisch klang.“

Ich weiß nicht, wie lange wir noch diskutierten, bis wir uns dann wütend und gleichzeitig wohl auch verwirrt voneinander verabschiedeten. Bis heute behauptet Annabel, die Unterhaltung nicht verstanden zu haben und glaubt mir wohl noch immer nicht so ganz, dass das gesamte Geschehen echt war.

3. Kapitel

„Fremde Sprache… filmreif…“, murmel ich plötzlich laut vor mich hin. Wie lange habe ich jetzt wohl so dagesessen und geistesabwesend in mein Zimmer gestarrt? Diese Erinnerungen sind jedes Mal so lebhaft, dass mir der Schritt zurück in die Realität regelrecht schwerfällt.

Mein Blick wandert zu dem kleinen Fenster rechts über meinem Bett. Die Sonne geht gerade auf. Wieder habe ich eine Nacht geschafft. Erschöpft, als hätte ich im Schlaf eine Weltreise unternommen, steige ich aus meinem Bett. Vor dem großen Spiegel bleibe ich stehen und begutachte mich zunächst einmal. Eigentlich sehe ich nicht schlecht aus. Mit meinen halblangen, feuerroten Haaren und den tiefgrünen Augen habe ich ein durchaus attraktives Gesicht. Auch würden mich wohl alle meine Freunde als schlank bezeichnen, doch ich selbst finde überall eine Speckrolle, wo ich eine finden will. Frei nach dem Motto: „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“ entdecke ich heute eine an meinen Hüften. Die muss natürlich durch übertriebenes einquetschen zwischen den Fingern noch mehr in Szene gesetzt werden.

Als ich diese gerade langsam hin und her bewege, als sei es eine ganze Fettwalze, und dabei merkwürdige Geräusche mache, um die gewaltige Masse noch mehr zu unterstreichen, klopft es an meiner Wohnungstür. Wer kann das sein?

Trotz Fettwalze an der Hüfte schlüpfe ich geschmeidig in meinen Morgenmantel und gehe durch den langen Flur dem energischer werdenden Klopfen entgegen.

„Bin schon da!“, krächze ich mit meiner noch nicht ganz wachen Stimme zur Beruhigung und öffne dann meine kleine blaue, aber mit vielen Schlössern gesicherte und doch recht stabile Haustür.

Als ich die drei Schlösser öffnen möchte, fällt mir mit Schrecken auf, dass sie noch offen sind. Habe ich sie vergessen zu schließen?

Ich habe das doch eigentlich noch nie vergessen… Ich versuche mich zu beruhigen und öffne vorsichtig die Tür. Natürlich nicht, bevor ich das Vorhängeschloss anlege.

„Ja?“, möchte ich meinen morgendlichen Besuch begrüßen, doch zu meiner Verwunderung ist der schon jetzt warme und stickige Hausflur leer. Ich gehe nun doch nach einigem Gefummel an der Kette (warum hakt das Schloss immer, wenn es mal schnell gehen soll?) einen Schritt heraus und sehe die Stufen hinunter, die zur Haustür eine Etage tiefer führen – nichts. Auch ein Blick nach oben bringt mich nicht weiter.

„Eigenartig“, sage ich sogar laut, bevor ich in meine Wohnung zurückkehre. Ich schließe die Tür und möchte gerade meine morgendliche Fettwalzsuche weiterführen, als mich bei einem Blick in meinen Spiegel über dem Schuhschrank fast der Schlag trifft.

Was zum Teufel ist das denn?

4. Kapitel

1458 v. Chr. – Memphis, Hauptstadt des alten Ägypten

Königin Hatschepsut streichelt ihrem Stiefsohn liebevoll über den Kopf. Thutmosis III war noch ein kleiner Junge, als sie für ihn zunächst nur die Regierungsgeschäfte übernahm, später dann sogar an seiner Stelle die Doppelkrone Ober- und Unterägyptens trug. Jetzt wird dies alles bald ein Ende nehmen und niemand wird je den wahren Grund dafür erfahren. Dafür werden sie sorgen, dessen ist sich Hatschepsut sicher.

Er hatte niemals an dem Handeln seiner Stiefmutter gezweifelt. Als Mitregent hatte er ihr sogar bei wichtigen Entscheidungen beigestanden, als er alt genug war. Nun steht sie ihm gegenüber und sieht ihn mit traurigen, fast wehmütigen Augen an. Obschon es für sie nun bald das Ende sein wird, für ihn ist es der Anfang einer neuen Zeit, der Zeit als Pharao.

Hatschepsut und Thutmosis III nehmen sich liebevoll in den Arm. Niemand wird je erfahren, wie sehr sie sich geliebt hatten. Es war kein Arrangement gewesen, sondern tatsächlich beinahe Familie. Diese Familie wird so nun bald nicht mehr existieren. Thutmosis III wird in ein paar Jahren ihren Namen aus vielen Bauwerken löschen lassen. Ihm wird keine andere Wahl bleiben, wenn er die Etikette wahren möchte, vor allem aber am Leben bleiben will. Sie sind zu mächtig, als dass sich die beiden gegen sie wehren könnten. Ihre Anhänger leben versteckt im ganzen Land und beobachten jede ihrer Handlungen.

‚Ihre Feinde schlafen nie‘, denkt Hatschepsut, als sich beide in die Arme schließen.

5. Kapitel

Der Wächter wartet gespannt im Schutze der Dunkelheit, die ihm der Türrahmen des Zugangs zum Dachboden bietet. Er beobachtet, wie die junge Frau die Tür öffnet, durch die er soeben gerade noch rechtzeitig geschlüpft war. All die Schlösser zu verschließen, die er zuvor nur mit Mühe geöffnet hatte, ohne gleich die ganze Nachbarschaft zu wecken, wäre ihm von außen ohnehin nicht mehr möglich gewesen.

Beim Schließen der Tür war er dann dummerweise unvorsichtig gewesen. Sie war ihm aus der Hand gerutscht. Beim Auffangen war er mit seiner Hand gegen einen Bilderrahmen im Flur gestoßen, der ganz offensichtlich unerwünschte Aufmerksamkeit auf sich zog.

Das soll sie sein? Er ist sich nicht sicher, ob er seinem Onkel Abdul tatsächlich trauen kann. Seit ihm vor zwei Monaten die beiden Frauen in den Laden gestolpert waren, ist er davon überzeugt, dass sie es sein muss.

Er aber hatte sie sich etwas… ja wie hatte er sie sich eigentlich vorgestellt? Tatsächlich hatte er sich darüber noch nie so richtig Gedanken gemacht. Aber eines ist klar: Diese Frau hat optisch nicht viel von einer Ägypterin. Ihre roten Haare und die dazu sehr helle Haut erinnern ihn eher an eine dieser Touristinnen, die hysterisch über die Tempelanlagen Luxors rennen und krampfhaft nach dem perfekten Motiv für ihr Fotoalbum suchen.

Aber an ihm ist nicht die Entscheidung, wer sie zu sein scheint und wer nicht. Er führt lediglich Befehle aus und tut damit den Dienst, den schon seine Vorfahren leisteten.

Als sich die Frau verwirrt und suchend im Hausflur umsieht, muss der Wächter für einen kurzen Moment fast die Luft anhalten, um nicht von ihr entdeckt zu werden. Vorsichtig rutscht er noch tiefer in die Nische der Haustür eine Etage höher. Einen Augenblick hat er sogar das Gefühl, sie sehe ihm direkt in die Augen. Da fällt ihm plötzlich etwas auf, das er so noch nie bei einem Menschen wahrgenommen hatte. Er kann nicht genau sagen, was es ist. Aber etwas unterscheidet diese Frau von den Touristinnen, die er so verabscheut. Bei dem Blick in ihre Augen fühlt er mit einem Mal etwas, das er seit so vielen Jahren vermisst hatte, Liebe.

Als die Tür zufällt steht er noch immer völlig gebannt in dem Türrahmen. Allmählich kehrt sein Geist in die Gegenwart zurück, doch dieses Gefühl von Geborgenheit und neuer Hoffnung soll noch lange in seinem Herzen erhalten bleiben.

6. Kapitel

Ich verstehe zunächst gar nicht, was ich dort auf dem Spiegel erblicke. Es macht einfach keinen Sinn. Sind das etwa… ja das könnten tatsächlich Schriftzeichen sein. Aber ich verstehe sie nicht. Noch nie habe ich so etwas gesehen, obwohl ich während meines Ägyptologiestudiums viele Schriften sogar schreiben und lesen gelernt habe.

Dann dämmert es mir und in mir steigt eine leichte Wut hoch. „Annabel, das ist nicht komisch! Komm schon, wo hast du dich versteckt? Jetzt mach mich nicht noch wütender, ok?“

Eigentlich hätte ich in diesem Moment erwartet, dass aus irgendeiner Ecke meiner Wohnung plötzlich ein riesiges Gelächter ausbricht und dann eine sich totlachende Annabel und vielleicht noch dazu ein paar amüsierte Freunde irgendwo hervorspringen. Doch nichts passiert. Minutenlang stehe ich in meiner totenstillen Wohnung, allein.

Dann drehe ich mich wieder zu dem Spiegel um und wie aus dem Nichts bilden sich aus dem unlesbaren Gekrakel plötzlich Worte in meinem Kopf.

„Er wartet auf den Tag der Tage. Wenn Liebe zu Hass wird und Hass zu Liebe, wird er erscheinen. Nur die Auserwählte kann den Hass überwinden und das einzig Wahre vollbringen.“

Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Wer auch immer hier diese dummen Spielchen mit mir spielt, ich finde sie überhaupt nicht komisch und er sollte schnellstens damit aufhören.

Mittlerweile fast schon ärgerlich mache ich mich auf den Weg in die Küche. Ein heißer Kaffee ist jetzt das, was ich brauche. Während die Kaffeemaschine blubbert und das Wasser aus der Flasche (an Leitungswasser will sich mein empfindlicher, deutscher Magen einfach noch nicht gewöhnen), schaue ich verträumt aus dem Fenster. Nachdem ich nun schon eine Weile nur wenig Arbeit im Sommer hatte, wird mein Geld knapp. Ich hoffe nur, dass ich zur Saison im Winter wieder mehr als Reiseleiterin gebraucht werde. Ansonsten werde ich wohl demnächst auf sparsamem Fuße leben müssen, zumal es in Ägypten keinerlei staatliche Unterstützung gibt. Was man hier allein nicht schafft, das schafft man überhaupt nicht.

Nach der morgendlichen Routine mache ich mich auf den Weg in das Büro der Reiseagentur, für die ich tätig bin. Mit den mager bezahlten Büroarbeiten, die auch in der Nebensaison zu genüge bei uns anfallen, kann ich mich immerhin über Wasser halten. Nachdem ich endlich den Kampf durch das Verkehrschaos in Luxor gewonnen habe, werde ich schon beim Betreten des altmodisch eingerichteten Büros herzlich von Annabel begrüßt.

„Sabbah il cher!“, ruft sie mir mit einem breiten Lachen im Gesicht und einem Augenzwinkern zu.

„Sabbah il cher, danke. Mein Morgen war aber eher erschreckend als gut. Sag mal ehrlich, wer hatte die Idee?“

Annabel schaut mich unschuldig an. Sie kann tatsächlich gut schauspielern.