Hausmann gesucht - Katrin Hummel - E-Book

Hausmann gesucht E-Book

Katrin Hummel

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Beschreibung

Hat sie Torschlusspanik? Ist sie ein Mauerblümchen? Nein. Sie ist nur überzeugter Single. Denn den Mann, den sie sucht, gibt es offenbar nicht. Er sollte zum Beispiel den Unterschied zwischen Bidet und Spüle kennen, das weibliche Ordnungsprinzip respektieren (alles da liegen lassen, wo es ist) und großzügig darüber hinwegsehen, wenn frau schon mal die Achselhöhlen mit seinem Elektrorasierer enthaart. Die junge Journalistin Charlotte hat die Suche schon fast aufgegeben. Da erteilt ihr Chef ihr den Auftrag, eine Serie über Hausmänner zu schreiben ...

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EPUB

Seitenzahl: 290




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Katrin Hummel

Hausmann gesucht

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Über dieses Buch

Hat sie Torschlusspanik? Ist sie ein Mauerblümchen? Nein. Sie ist nur überzeugter Single. Denn den Mann, den sie sucht, gibt es offenbar nicht. Er sollte zum Beispiel den Unterschied zwischen Bidet und Spüle kennen, das weibliche Ordnungsprinzip respektieren (alles da liegen lassen, wo es ist) und großzügig darüber hinwegsehen, wenn frau schon mal die Achselhöhlen mit seinem Elektrorasierer enthaart. Die junge Journalistin Charlotte hat die Suche schon fast aufgegeben. Da erteilt ihr Chef ihr den Auftrag, eine Serie über Hausmänner zu schreiben ...

Über Katrin Hummel

Katrin Hummel, geboren 1968 in Ulm, ist Redakteurin bei der FAZ und lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in der Nähe von Münster. «Hausmann gesucht» war ihr erster Roman.

Inhaltsübersicht

EinsZweiDreiVierFünfSechsSiebenAchtNeunZehnElfZwölfDreizehnVierzehnFünfzehnDank

Eins

Es war Freitagmorgen, und ich blickte auf meine fünffach vergrößerten Wangen.

Den Vergrößerungsspiegel muss ein Mann erfunden haben. Genau wie die Programmierfunktion des Videorecorders und die Geheimnummer der EC-Karte.

Alles Sachen, die uns Frauen in unsere Schranken weisen sollen: zu hässlich, zu doof, zu vergesslich.

Kein Wunder, dass ich gestern Abend wieder allein ins Bett gegangen bin.

Ich war mit Anna auf einer dieser Promi-Partys, die das «Stadtjournal» jeden Donnerstag veranstaltet. Hatte meinen neuen Body an, schwarz und elastisch, in dem ich problemlos nicht nur meine wonderbraverstärkten Brüste unterbringen konnte, sondern auf jeder Seite auch noch zwei dicke Wolle-mit-Seide-Stilleinlagen.

Obenrum sah ich aus, als wäre ich zwei Wochen zuvor glückliche Mutter von Drillingen geworden. Untenrum war dagegen alles beim Alten geblieben, und wenn ich nicht wüsste, dass es an der voluminösen Oberweite gelegen hat, dann wären meine nicht ausdefinierten Beine durchaus auch als Grund infrage gekommen. Genau genommen sind meine Beine nicht nur nicht definiert, sondern ein einziger Konjunktiv.

Sie sind lang und dünn, also könnte ich was aus ihnen machen. Dazu müsste ich vermutlich regelmäßig ins Fitness-Studio gehen. Dann wären sie wohl nach zwei Jahren immerhin so weit definiert, dass ich nicht ständig vorgeben müsste, für meine vierzehnjährige Cousine einzukaufen, wenn ich nach einer Hose suche.

Der Abend war von Anfang an ein Desaster, und ich ärgere mich jetzt noch, dass ich überhaupt ausgegangen bin. Wäre besser zu Hause geblieben und hätte mit meinem Ficus benjamina geredet. Das tue ich viel zu selten, wahrscheinlich sieht er deswegen aus, als sei er einer Tschernobyler Baumschule entsprungen.

Anna und ich waren gegen halb acht im Foyer des «Stadtjournals» und bestellten uns zwei Erdbeerbowlen. Wie jeden Donnerstag wurde ein lokaler Künstler vorgestellt, der seine Werke im Foyer aus- und sich dazustellen und die Fragen der Gäste beantworten durfte.

Eine große Rothaarige hatte den Mann so in Beschlag genommen, dass wir beschlossen, der Malerei an diesem Abend zu entsagen und schon mal in den Innenhof zu gehen, wo später die Band spielen sollte. Anna hatte eine Bekannte getroffen, so stand ich mutterseelenallein unter einer frisch erblühten japanischen Zierkirsche und fühlte mich wie eine von diesen Pralinenpackungen, bei denen die untere Hälfte leer ist – was der Käufer erst merkt, wenn er die obere Lage Pralinen aufgegessen hat und der Sache auf den Grund geht.

Frustriert verschränkte ich die Arme vor der Brust, wobei ich darauf achtete, nicht zu viel Druck auf die diversen Pölsterchen auszuüben.

«Sind die echt?», fragte eine männliche Stimme hinter mir.

Ich erstarrte. Umklammerte mein Bowleglas, als befände sich darin meine Wasserration für die Durchquerung der Wüste Namib. Ruhe bewahren, hämmerte es in meinem Hirn. Das tun alle Profis, wenn es eng wird. Mata Hari. Michael Schumacher. Helmut Kohl.

Vorsichtig drehte ich mich um. Hinter mir stand ein Mann mit erstaunlich grünen Augen und einer Bierflasche in der Hand.

«Wie bitte?»

«Ich frage mich schon die ganze Zeit, ob die wohl echt sind.»

Das war nicht zu fassen. Der Kerl war sogar so unverfroren, mich anzulächeln, während er sich über mich lustig machte.

Ich wich einen Schritt zurück. Wenn einer schon durch den Body hindurch Wahrheit und Fälschung unterscheiden konnte, war Vorsicht geboten.

«Sie Idiot, Sie kommen sich wohl besonders originell vor, was?», fauchte ich.

Verständnislos blickte er mich an.

«Sie haben erstaunlich wenig Sinn für Humor. Das sollte der Beginn einer ganz normalen Unterhaltung sein», entgegnete er überrascht.

«Ich weiß nicht, was Sie unter einer ganz normalen Unterhaltung verstehen», antwortete ich so würdevoll wie möglich, «aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie es anregend fänden, wenn ich Sie als Erstes fragen würde, ob Sie eine Penisverlängerung haben vornehmen lassen. Nicht dass es mich interessieren würde», fügte ich vorsichtshalber hinzu.

Dann drehte ich mich um, wobei ich versuchte, meinen Rücken hochmütig zu strecken. Während ich Richtung Ausgang lief, hörte ich ein schallendes Lachen.

 

Missmutig bedeckte ich mein Gesicht mit einer großzügigen Schicht Puder und versuchte, an etwas Erfreulicheres als den vergangenen Abend zu denken. Dummerweise fielen mir nur die acht Buttercroissants von «La Petite France» ein, die ich mir in den vergangenen vier Tagen auf dem Weg zur Arbeit genehmigt hatte und die ich heute um zwei weitere ergänzen wollte.

Bevor ich mir darüber klar werden konnte, was diese schöne Gewohnheit über mein aktuelles Liebesleben aussagte, hörte ich Annas fröhliches Summen aus der Küche.

Anna ist meine Mitbewohnerin und allerbeste Freundin, was sage ich, hätte mein Vater bei meiner Zeugung ein bisschen mehr Elan an den Tag gelegt, wäre sie die Zwillingsschwester, die ich nicht habe.

«Was war denn das eigentlich gestern Abend für ein Typ?», wollte Anna wissen, während sie Kaffee kochte.

«Keine Ahnung. Hat sich über mich lustig gemacht.»

«Stilleinlagen?»

Ich nickte. Anna und ich verstehen uns blind. Wie ein altes Ehepaar. Wir kennen einander so gut, dass wir Socken und Unterwäsche fast immer in Dreierpacks kaufen und dann untereinander aufteilen.

Ich versah einen Toast mit einer dicken Schicht Erdnussbutter und schmierte noch eine ebenso dicke Schicht Johannisbeermarmelade darüber, bevor ich gierig hineinbiss. Wenn ich so weitermachte, würde ich bald aussehen, als hätte ich mir auch die Pobacken mit Stilleinlagen gepolstert.

Anna stand unschlüssig vor dem Kühlschrank und sah mir zu.

«Willst du dich nicht setzen?», fragte ich.

«Nein. Das heißt, doch.»

Sie setzte sich und machte eine Pause, in der sie sich viel zu viel Zucker in ihren Kaffee schüttete.

Normalerweise nahm sie nicht viel mehr als 2000 Kalorien am Tag zu sich, sodass diese morgendliche Zuckerration auf eine gewisse Unkonzentriertheit schließen ließ.

«Charlotte», sagte sie schließlich und blickte mich an, als befinde sie sich auf dem Weg zu einer Ganzkörperepilation. «Ich muss dir was sagen.»

Sie zögerte, und ich nutzte die Zeit, um in Gedanken eine Liste ihrer möglichen Fehlleistungen anzufertigen. Sie könnte

meine Zahnbürste benutzt haben, um endlich den Kalkfleck an der schwer zugänglichen Stelle unseres Waschbeckens zwischen Wasserhahn und rückwärtiger gefliester Wand zu entfernen;

meine Liebesromanheftchensammlung mit der Bemerkung «Die wahren literarischen Vorbilder Ihrer Mitarbeiterin» an meinen Chef geschickt haben;

meine nicht vorurteilsfreie Mutter angerufen und ihr gesagt haben, dass ich seit fünf Wochen regelmäßigen Geschlechtsverkehr mit einem Mitarbeiter der Frankfurter Wach- und Schließgesellschaft hätte.

Während ich noch überlegte, welches das geringste dieser drei Übel wäre, sagte Anna:

«Ich verschwinde. Für ein halbes Jahr. Nepal, Bangladesch, Birma, Thailand. Und dann Fidschi, Hawaii, San Francisco …»

Anna ruderte mit dem rechten Arm, in dem Bemühen, mir die Stationen ihrer geplanten Weltreise möglichst plastisch vor Augen zu führen. Auf dem Weg von Thailand nach Fidschi stieß sie ihre Tasse vom Tisch, Hawaii brachte die Kaffeekanne zum Schwanken, und der Orangensaft blieb nur deshalb stehen, weil ich ihr mitten auf dem Pazifischen Ozean in den Arm fiel, sodass sie die Rocky Mountains ohne weitere Verluste erreichte.

«Das genügt!», sagte ich, entschlossen, ihre Unternehmungslust zu bremsen. Doch Anna redete schnell weiter, als hätte sie Angst, ich könnte sie von ihrem Plan wieder abbringen.

«Sieh mal, Charlotte», sagte sie, «wann bekomme ich jemals wieder so eine gute Gelegenheit, mich hier auszuklinken? Mit Lars ist es aus, das Examen habe ich in der Tasche, und einen Job finde ich so schnell sowieso nicht. Was hält mich hier? Und außerdem ist es ja nur für ein halbes Jahr.»

Ich überlegte. Natürlich hatte sie in gewisser Weise Recht. Als die Sache mit Lars vor ein paar Monaten auseinander gegangen war, hätte ich eigentlich schon Lunte riechen müssen. Anna hatte sich innerhalb eines einzigen Wochenendes von der sittsamen Freundin eines jungen und erfolgreichen Rechtsanwaltes in eine Art Fleisch fressende Pflanze verwandelt. Sie war unersättlich geworden und auf dem Straßenfest in unserem Viertel vor einigen Wochen selbst vor einer erhitzten Knutscherei mit dem achtzehnjährigen Sohn unserer Vermieterin nicht zurückgeschreckt. Ich weiß das deshalb so genau, weil sie es mir gebeichtet hat, als drei Tage später die erste Mieterhöhung seit Jahren auf dem Tisch lag.

Und dann das bestandene Examen. Anna war nun Geographin. Was lag da näher, als die Welt einmal genau unter die Lupe zu nehmen, bevor sie sich einen Job suchte?

Also: Sei nicht so egoistisch, Charlotte – die wenigen grauen Nervenzellen in meinem Gehirn, die noch abkömmlich waren, fanden zueinander und appellierten an ihre Kollegen, die sich bereits auf dem Pazifischen Ozean zusammengerottet hatten, um ihrer Entrüstung Ausdruck zu verleihen.

«Hauptsache, du kommst mal raus. Mach dir um mich keine Sorgen!», hörte ich mich sagen.

Dankbar grinste Anna zurück.

«Hab ich gewusst, dass du mir nicht lange böse sein würdest.» Während sie begeistert dazu überging, mir ihre Reiseroute in allen Einzelheiten zu beschreiben, begann ich, mich von Kopf bis Fuß in Selbstmitleid zu hüllen – als ginge es darum, bei den nächsten Prêt-à-oorter-Schauen in Paris in einem Mäntelchen aus Trauer und Tränen über den Laufsteg zu schreiten.

Ich würde allein zurückbleiben und die Sessel in unserer Dreizimmerwohnung im Frankfurter Nordend mit Staubschutzüberzügen versehen. Die Rollläden herunterlassen, um ein Vergilben der Tapeten zu verhindern.

Ohne sie würde ich eingehen wie ein unterversorgtes Tamagotchi. Wer würde mich mitschleppen zu den angesagtesten «Events»? Würde ich die Samstagabende damit verbringen, bei irgendwelchen Radioflirtsendungen anzurufen, um nette «Bernds» und «Thorstens» dazu zu bringen, mit mir auszugehen?

Anna ist nämlich diejenige von uns beiden, die dafür sorgt, dass es bei uns immer zugeht wie an der Rezeption eines mittelgroßen Hotels. Anrufe, Einladungen, Besucher.

Ich hingegen bin eher der Typ, der sogar in einem Autoscooter noch Mühe hätte, mit jemandem zusammenzustoßen. Jedenfalls mit jemandem, der männlich und einigermaßen attraktiv und unter fünfunddreißig ist. Die Liste meiner Exfreunde ist betrüblich kurz, und das liegt nicht daran, dass ich die letzten zehn Jahre mit ein und demselben Mann liiert gewesen wäre.

Einen gab es allerdings mal, der wollte mich gleich heiraten, aber das ist schon zehn Jahre her, und damals, mit zwanzig, war ich der Meinung, heiraten sei so ähnlich wie eine Zeitung zu abonnieren: Wenn man unterschreibt, bekommt man ein tolles Werbegeschenk und meint, man habe ein Schnäppchen gemacht. Dann verstaubt das Geschenk in der Ecke, aber die Zeitung kommt trotzdem jeden Tag ins Haus und will gelesen werden, und wenn man mal keine Lust auf sie hat und eine andere lesen will, ist sie doch immer noch da und macht einem ein schlechtes Gewissen.

Seitdem – um einige Zeitungsabos und Affären reicher – hatte ich zwar Gelegenheit, meine Meinung zum Thema Heiraten zumindest insofern zu relativieren, als ich inzwischen der Idee, jemanden zu haben, der jeden Tag da ist, und zwar selbst dann, wenn ich mit vierzig Grad Fieber und einer schweren Mittelohrentzündung im Bett liege, etwas Positives abgewinnen kann.

Allein, es fehlt an geeigneten Bewerbern. Bisweilen betrübt mich das mehr, als ich zugebe, denn ich werde schließlich nicht jünger, und langsam muss «der Richtige» her.

Meine Mutter und meine Oma meinen das im Übrigen auch, und zwar seit geraumer Zeit, und ich möchte nicht wissen, wie viel Geld sie das schon gekostet hat. Sie haben nämlich die Angewohnheit, diese Dinge beim Herrgott persönlich zu erbitten, und um ihren Wünschen den nötigen Nachdruck zu verleihen, stecken sie jeden Sonntag nach dem Gottesdienst zwei Kerzen für mich an. Doppelt hält besser, hat meine Oma mir erklärt. Sie ist dreiundneunzig und wird schon wissen, was sie tut. Nur genützt hat es bisher nichts.

«Da ist noch etwas, das ich mit dir besprechen wollte», unterbrach Anna meine Gedanken. Verlegen schaute sie an mir vorbei. Vorsichtshalber nahm ich mir eine weitere Scheibe Toast, um mich daran festzuhalten.

«Du wirst verstehen, dass ich die Miete nicht ein halbes Jahr lang bezahlen kann. Ich muss untervermieten.»

Sofort tauchten Horrorvisionen von kettenrauchenden, fußpilzbefallenen Mitbewohnern vor meinem geistigen Auge auf, ich sah Männer stehend in unser Klo pinkeln und schimmelnde Abwaschberge in der Küche.

«An wen?»

«Ich hab mal eine Anzeige aufgegeben. Erscheint morgen in der ‹Zypresse›.»

Na, immerhin war noch nichts entschieden. Da konnte ich ja bei der Auswahl noch ein Wörtchen mitreden.

«Wann fliegst du eigentlich?», fragte ich so beiläufig wie möglich und durchforstete im Geiste meinen weiteren Bekanntenkreis nach einer sympathischen, ruhigen, reinlichen Frau, die sich schon immer von ihrem Freund trennen wollte und bislang nur nicht wusste, wohin.

«In zwei Wochen.»

Ich riss die Augen auf. «In zwei Wochen? Warum hast du mir nicht früher was gesagt?»

«Ich hab mich nicht getraut.» Anna schaute betreten auf die hellbraune Pfütze zu ihren Füßen und schwieg. Dann sah sie auf ihre Armbanduhr und stand auf.

«Muss los. Zum Arzt. Hab da neulich meinen Impfpass abgegeben, wird jetzt alles rundum erneuert.»

Was soll’s, dachte ich. Und außerdem hatte ich auch nicht ewig Zeit, es war immerhin Freitagmorgen, und ich hatte um zehn einen Termin bei Hammerstein, meinem Chef.

 

Die Redaktion lag in der Frankfurter Innenstadt und war wie ausgestorben, als ich um kurz vor zehn dort eintraf. Ich hatte noch Zeit, meinen Rechner anzuwerfen und einen schnellen Blick auf die Nachrichtenlage zu werfen.

Ich bin Redakteurin bei der «Annika», einer Frauenzeitschrift, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, nur Reportagen, Interviews und Berichte zu drucken, die mitten aus dem Leben gegriffen sind und nicht etwa in der Glamourwelt des fernen Hollywood spielen.

In der vergangenen Woche hatte ich damit begonnen, den Fall einer Eiskunstläuferin aus Mecklenburg-Vorpommern zu recherchieren, die von frühester Kindheit an jeden Tag hart trainiert und dennoch nie irgendeinen wichtigen Preis gewonnen hatte. Vermutlich aus Enttäuschung darüber hatte sie sich vor einigen Wochen im Alter von 23 Jahren umgebracht.

Als Julius hereinkam, war ich gerade dabei, das Interview mit ihrem ehemaligen Trainer vorzubereiten. Julius ist seit zwei Jahren mein Kollege, und genauso lange sitzen wir uns schon gegenüber.

«Na, auch schon wach?», fragte ich, wobei ich mich bemühte, den Eindruck zu erwecken, als sitze ich schon seit Stunden am Schreibtisch. Das war eine Art Spiel zwischen uns, das wir allerdings nie lange durchhielten, weil jeder genau wusste, dass der andere ein mindestens ebenso großer Morgenmuffel war.

«Die U-Bahn ist stecken geblieben», sagte Julius und zuckte mit den Schultern, «da hat sich wieder jemand vor den Zug geschmissen.» Er äffte die Lautsprecheransage nach: «Sehr geehrte Fahrgäste. Wegen einer betriebstechnischen Störung wird die S 5 voraussichtlich dreißig Minuten später eintreffen. Wir bitten um Ihr Verständnis.»

«Ich habe einen Termin bei Hammerstein.»

Ich versuchte, das Thema zu wechseln, weil Julius sonst garantiert wieder anfangen würde, mir einen Vortrag über die Entmenschlichung der Sprache zu halten. Das war das Thema seiner Magisterarbeit gewesen, und obwohl er die vor zwei Jahren abgegeben hatte, bewegte ihn ihr Inhalt noch immer über alle Maßen.

«Was will er denn?»

«Keine Ahnung.» Achselzuckend erhob ich mich. «Vielleicht will er mich ja zu seiner Stellvertreterin machen», fügte ich dann hinzu und bemühte mich, möglichst ernsthaft zu gucken. Dann machte ich mich auf den Weg.

Wilhelm Hammerstein saß mir gegenüber und fixierte mich einige Augenblicke lang.

«Frau Lange, ich habe eine wunderbare Idee. Tolles Thema, ist Ihnen wie auf den Leib geschneidert.»

Hammerstein ist 53 Jahre alt, geschieden, recht attraktiv für sein Alter und eigentlich ein netter Chef: Er lässt uns meistens mehr oder weniger freie Hand bei der Wahl unserer Themen und vertraut darauf, dass wir schon den richtigen Riecher für interessante Geschichten haben. «Wofür bezahle ich Sie, wenn nicht dafür, dass Sie Ihre Themen selbst finden?», pflegt er zu sagen, wenn in der Redaktionskonferenz ausnahmsweise mal niemand eine zündende Idee für die Titelgeschichte hat.

Heute hatte er die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt, was mir sofort auffiel, weil er das normalerweise immer erst am späten Nachmittag tat. Er schien wirklich etwas Dringendes auf dem Herzen zu haben.

Gespannt lehnte ich mich vor, wobei mein Blick den kleinen silbernen Bilderrahmen streifte, der seit Jahr und Tag auf seinem Schreibtisch steht. Bislang hatte darin immer ein Foto seiner Tochter gesteckt, einer hübschen Blonden Anfang zwanzig. Doch nun lachte mir – beziehungsweise wohl eher Hammerstein – ein schmales Männergesicht entgegen, weiße Zähne, grüne Augen, dunkle Locken, dezente Bräunung, kurz: ein Traumtyp. Irgendwas an ihm erinnerte mich an den Mann mit den Röntgenaugen vom vergangenen Abend, aber ich weigerte mich, diesen Gedanken zu vertiefen. Stattdessen lehnte ich mich wieder zurück und versuchte, wie eine fähige, interessierte und motivierte Redakteurin auszusehen.

«Ich möchte, dass Sie eine zehnteilige Serie schreiben zum Thema: ‹Perfekt nicht nur im Job: Junge Männer im Haushalt›.» Er strahlte über das ganze Gesicht.

Mit allem hatte ich gerechnet: Test der schönsten Schönheitsfarmen, Wahl der hübschesten Politikergattin, Einrichtung einer Telefonhotline zum Thema Menstruationsbeschwerden. Aber junge Männer? Im Haushalt? Zehn Teile? War Hammerstein schwul geworden? Hatte er seine Leidenschaft für lockige Jünglinge mit weißen Zähnen entdeckt? Wollte er mit Grünauge zusammenziehen und sich vorher absichern, dass nicht der ganze Abwasch an ihm hängen bleiben würde? Ich war ratlos.

«Junge Männer?», stammelte ich.

«Sie haben mich verstanden, Frau Lange.»

Hammerstein zwinkerte mir zu, und damit war die Besprechung beendet. Benommen stolperte ich zurück in unser Büro.

Julius hatte die Beine auf einen Stapel Archivmaterial gelegt, der wie ein Leuchtturm aus dem Meer an Papier herausragte, das seinen Schreibtisch bedeckte.

«Na, Charlotte, darf ich gratulieren?»

«Nein. Aber ich habe einen investigativen Auftrag an Land gezogen», sagte ich geheimnisvoll.

Fragend schaute Julius mich an. «Sollst du dich ins Rotlichtmilieu einschleichen und über die Arbeitsbedingungen im horizontalen Gewerbe schreiben?»

Ich schüttelte den Kopf und erklärte ihm, was Hammerstein von mir wollte.

«Wen soll denn das interessieren?», fragte er ungläubig.

«Offensichtlich werden wir jetzt zu einem Fachblatt für angewandte Soziologie», unkte ich.

Heute war wirklich nicht mein Tag. Erst erklärte mir Anna, dass sie die Welt erobern wollte. Und dann drehte mein Chef durch. Um mich etwas aufzuheitern, machte ich mich daran, die neuesten Entwicklungen auf den einschlägigen Witzseiten im Internet zu checken. Doch bevor ich die erste Website aufrufen konnte, tauchte eine E-Mail von Sascha auf meinem Bildschirm auf. Sie ist eine der wenigen fest angestellten Fotografinnen bei der «Annika», und seit unserer ersten gemeinsamen Dienstreise nach San Francisco vor drei Jahren, wo uns bei einer Recherche über eine Art Frauenhaus in einem der Elendsviertel der Stadt ein Typ mit vorgehaltener Waffe genötigt hatte, alles bis auf unsere BHs und Höschen abzugeben, hatten wir eigentlich keine Geheimnisse mehr voreinander.

Sie war zwei Jahre älter als ich, war als Kind mit ihren Hippie-Eltern um die halbe Welt gereist und hatte ein Eidechsentattoo auf der rechten Schulter. Ihre Wohnungseinrichtung – sie lebte in einer recht schönen Altbauwohnung im Ostend – bestand zu vier Fünfteln aus Kartons: Etwa die Hälfte davon waren Fotokartons, in denen sie ihre Abzüge archivierte, und die andere Hälfte waren ihre Möbel. Sie besaß Stühle, Kommoden und sogar einen Tisch aus fester Pappe, die, bunt bedruckt oder auch gemasert, auf den ersten Blick wirkten wie Plastik oder Holzfurnier.

«Das gibt mir das Gefühl, jederzeit umziehen zu können, ohne fünf Möbelpacker kommen lassen zu müssen», hatte sie mir erklärt und dann zugegeben, dass sie, seit sie sich die Möbel vor fünf Jahren gekauft hatte, noch nie auch nur in Erwägung gezogen hatte, die Wohnung zu wechseln. Zu wissen, dass dies ganz leicht sein würde, hatte sie sesshaft werden lassen.

«Bin gerade aus Tokio zurück – Lust auf Tsatsiki?», hatte Sascha in 3D-Schrift geschrieben.

Zwei Stunden später saßen wir uns an unserem Stammtisch beim Griechen gegenüber, und Costas, der Besitzer, der ein Auge auf Sascha geworfen hatte, wuselte wie eine besorgte Henne um uns herum. Sascha schenkte ihm ein warmes Lächeln, wobei sie sich etwa einen halben Meter nach unten beugte, um ihm in die Augen blicken zu können, und berichtete mir gut gelaunt über ihre Fotoreportage aus japanischen Schwimmbädern: Man durfte dort nur in eine Richtung schwimmen und musste nach Erreichen des Beckenrandes das Wasser verlassen und sich an der anderen Seite wieder anstellen, weil es so voll war. Ohne Überleitung fragte sie dann:

«Und weißt du, wer auf dem Rückflug neben mir saß?»

«Queen Mum?»

«Besser.» Sie machte eine Pause und lehnte sich theatralisch vor. «Arnold Schwarzenegger?»

«Auch nicht. Stephano.»

Ich stöhnte. Stephano war Art-Director der Frankfurter Werbeagentur, mit der die «Annika» zusammenarbeitete, und in meinen Augen ein aufgeblasenes, sonnenstudiogebräuntes Aufziehmännchen mit «Perlweiß»-Zähnen und affengleicher Behaarung unter dem goldenen Rolex-Imitat. Allerdings stand ich mit dieser Meinung ziemlich allein da, denn die meisten Frauen unter vierzig, die ich kannte, schwärmten von ihm, und ihm eilte der Ruf voraus, ein unglaublicher Liebhaber zu sein. Sascha hatte ihn vor einigen Monaten auf einem Empfang kennen gelernt und sich fünf Minuten lang mit ihm unterhalten. Seitdem behauptete sie steif und fest, er sei der attraktivste und interessanteste Mann, den sie jemals kennen gelernt habe, und ließ keinen anderen Typen mehr näher als zwei Meter an sich heran.

«Und? Benutzt er immer noch zu viel After-Shave?»

Sascha machte eine wegwerfende Handbewegung.

«Er hat mich für nächste Woche zum Sushi-Essen eingeladen, weil ich ihm erzählt habe, dass mir das Essen in Japan so gut geschmeckt hat», sagte sie mit einem seligen Grinsen im Gesicht.

«Kannst du ihn dann zufällig fragen, ob er für ein Interview mit der ‹Annika› zur Verfügung stehen würde?», fragte ich unbeeindruckt und berichtete von meinem neuesten Auftrag.

Als ich wieder an meinem Schreibtisch saß, war meine Laune schon besser. Sascha hatte sich köstlich über Hammersteins Idee amüsiert und wollte ihn fragen, ob sie die Fotos machen dürfe. Dann hatten wir auf einem Bierdeckel eine Liste aller Eigenschaften erstellt, die ein erfolgreicher Hausmann neben der Fähigkeit zum Kochen, Backen, Putzen, Waschen und Bügeln haben müsse. Folgendes war dabei herausgekommen:

den Unterschied zwischen Bidet und Spüle kennen;

wissen, ob und wann eine Frau ein Aspirin braucht, einen doppelten Whisky (oder beides), eine Nackenmassage oder die Fernbedienung;

das weibliche Ordnungsprinzip respektieren (alles da liegen lassen, wo es ist);

großzügig darüber hinwegsehen können, wenn Frau mal in Eile ist und sich die Achselhöhlen mit seinem Elektrorasierer enthaart.

Ich überflog die Liste noch einmal und fühlte mich besser. Listen geben mir das Gefühl, alles im Griff zu haben. So würde es auch mit dieser Liste sein. Also lehnte ich mich zurück und beschloss, mir mit der Antwort auf die Frage, wie ich solche Männer finden sollte, noch einige Tage Zeit zu lassen. Ich musste schließlich als Erstes ein Konzept für die Interviews entwerfen.

Zwei

Der Umschlag von der «Zypresse» kam, wie erwartet, am Dienstag.

Ich war etwas früher von der Arbeit gekommen, weil ich fand, ich sollte ruhig schon einmal einen Blick hineinwerfen und die schlimmsten Bewerbungen aussortieren. Anna hat nämlich manchmal so einen Hang zur Missionarin und will unbedingt das Beste für mich, und da unsere Meinungen diesbezüglich nicht immer deckungsgleich sind, hatte ich beschlossen, in dieser durchaus wichtigen Sache auf Nummer Sicher zu gehen.

Also schüttete ich den Inhalt des Umschlags auf den Küchentisch und zählte erst mal durch. Neunzehn Briefe. In nur drei Tagen.

Wusste gar nicht, dass der Bedarf an zeitlich befristeten WG-Unterkünften in Frankfurt so groß ist. Würde mir aber zugute kommen, weil ich dann unter den neunzehn Personen die Frau auswählen könnte, die meinen Vorstellungen am nächsten käme.

Ich nahm ein Blatt Papier und schrieb die wichtigsten Eigenschaften, die meine künftige Mitbewohnerin haben sollte, untereinander:

beruflich sehr engagiert (viele Dienstreisen);

Wochenendbeziehung (häufige Besuche beim Freund);

extrovertiert (großer Freundeskreis führt zu häufigem Ausgehen);

Kurzhaarfrisur (kurze morgendliche Verweildauer im Badezimmer);

Schwimmerin (restliche Körperpflege in Hallenbaddusche und Sammelumkleidekabine);

neurotisch um ihre Figur besorgt (würde die Nahrungszubereitung und -aufnahme in unserer Küche auf ein Minimum beschränken).

Nachdem ich alle Punkte aufgeschrieben hatte, legte ich eine kleine Pause ein und überlegte, wie realistisch es war, eine solche Frau zu finden. Mit Blick auf das Häuflein Briefe beschloss ich, dass es auch genügen würde, wenn drei der Punkte zuträfen.

Als die Weichen dergestalt gestellt waren, griff ich zu dem Brief, der ganz oben auf dem Häuflein lag. Er steckte in einem schlichten weißen Umschlag und war sehr kurz.

Liebe Unbekannte,

wer so selbstbewusst durchs Leben geht, wird gute Gründe dafür haben – das reizt mich. Auch ich brauche mich allerdings nicht zu verstecken: Bin attraktiv, 1,88 m groß, 33 Jahre alt, Akademiker, naturliebend und musikbegeistert. Da mein Mitbewohner seit kurzem eine neue Freundin hat und Anfang März ausziehen wird, lösen wir unsere Wohngemeinschaft auf. Daher habe ich Interesse an dem Vorschlag.

Neugierig geworden? Dann ruf mich an!

Entgeistert legte ich den Brief auf den Tisch zurück. Das musste ein Irrtum sein. Der Umschlag war wohl versehentlich unter die anderen geraten. Ich betrachtete die Chiffrenummer und verglich sie mit denen, die auf den übrigen Briefen standen.

Sie waren identisch.

Ich griff zum nächsten Brief. Er schien ebenfalls von Männerhand geschrieben zu sein, denn die Chiffrenummer prangte in schmalen, eckigen Ziffern auf dem Umschlag. Ich zog das Blatt heraus – wie beim ersten Brief war es schmucklos und weiß – und las:

Hallo,

geile Idee. Hört sich zwar verdammt emanzipiert an, aber solche Frauen sind mir lieber als diese schnuckeligen Betthäschen. Ich bin zurzeit etwas knapp bei Kasse und daher auf der Suche nach einer günstigen Bleibe. Wenn du auch nur halb so attraktiv bist, wie du schreibst, sollten wir uns kennen lernen. Ich verspreche dir, dass du es nicht bereuen wirst.

Ich verspürte plötzlich ein dringendes Bedürfnis nach Schokolade. Das ist bei mir immer so, wenn ich das Gefühl habe, die Kontrolle zu verlieren.

Alles deutete darauf hin, dass Anna in einer guten Woche weg sein würde und mich für die Zeit ihrer Abwesenheit mit einem paarungsbereiten Single zusammensperren wollte. Oder war das Ganze nur ein dummes Missverständnis?

Ich versuchte mir vorzustellen, wie der Text der Anzeige gelautet haben mochte. Fest stand: Anna schien nach einem männlichen Untermieter gesucht zu haben, warum auch immer. Und nach einem attraktiven. Sie musste ziemlich übertrieben haben, was mein Aussehen anging – wahrscheinlich hatte sie sich selbst beschrieben. Und was war das nur für ein Vorschlag, den sie den Männern gemacht haben mochte?

Bevor ich mir noch weiter den Kopf zerbrechen konnte, hörte ich, wie Anna hereinkam.

Ich lehnte mich bequem zurück und flötete durch die offene Küchentür:

«Anna, meine Liebe, stell dir vor, die ersten Bewerbungen sind eingegangen.»

«Und? Was dabei?», flötete Anna zurück, während sie ihre hochhackigen Pumps gegen ein Paar Pantoffeln vertauschte, die aussahen wie kleine Tiger.

«Nein, mein Schatz. Du weißt doch, dass du nicht zu ersetzen bist.» Ich verdrehte die Augen.

«Dabei habe ich mir solche Mühe gegeben, jemanden zu finden», sagte sie, während sie sich neben mir auf die Küchenbank fallen ließ und den Stapel Briefe begutachtete.

«Anna, was soll das?»

Meine Stimme klang ungefähr so gelassen, als hätte ich gerade erfahren, dass ich die Wohnung in den nächsten sechs Monaten mit einem Stauballergiker teilen sollte.

«Erst gibst du so eine lächerliche Annonce auf und dann tust du so, als sei das das Normalste von der Welt. Willst du mich verkuppeln, oder sollte das nur ein schlechter Witz sein?»

Mit großen Augen blickte Anna mich an.

«Wieso, hast du etwa was dagegen, mit einem attraktiven Mann zusammenzuziehen?»

«Ja, hab ich. Insbesondere, wenn jemand anders ihn für mich sucht, und dann auch noch per Inserat. So dringend suche ich dann auch wieder keinen Freund!»

Ich war empört. Machte ich etwa den Eindruck, ich könne mir nicht selbst helfen? Wieso spielte Anna sich auf einmal als Kupplerin auf? Ich verstand die Welt nicht mehr. Meine beste Freundin … Dass die mir so was antat.

«Charlotte. Bleib doch mal ruhig. Ich erkläre dir ja alles, aber du musst versprechen, dass du dich nicht aufregst», sagte Anna und legte beschwichtigend ihre Hand auf meinen Arm.

Aha. Es steckte also ein Plan hinter dieser bescheuerten Annonce. Ich schwieg.

«Also», begann Anna. Sie überlegte kurz. «Angefangen hat alles letzte Woche. Ich habe zufällig Julius in der U-Bahn getroffen, und da sind wir ins Gespräch gekommen.»

Julius. Daher wehte der Wind. Dass der auch schon gemerkt hatte, dass meine Mutter und meine Oma mit ihrer Kerzenansteckerei nicht so recht weiterkamen und «der Richtige» schwer auf sich warten ließ, überraschte mich. Andererseits … Während er selbst bei der Arbeit ständig von irgendwelchen Frauen angerufen wurde, die ihn dazu brachten, seine Stimme um eine halbe Oktave zu senken, heiser in den Hörer zu flüstern und hektisch in seinem Terminkalender zu blättern, beschränkten sich meine Privatgespräche am Arbeitsplatz (und leider auch zu Hause) auf Telefonate mit meinen Eltern. Allerdings hatte ich mich in letzter Zeit bemüht, meine Gesprächsanteile dabei so zu gestalten, dass Julius das nicht merkte – offensichtlich mit mangelhaftem Erfolg.

«Natürlich habe ich Julius gefragt, wie es ihm geht», fuhr Anna fort, «und er hat mir erzählt, dass bei ihm gerade nichts so richtig gut läuft.»

Zufälle gibt’s. Bei mir läuft gerade auch nichts so richtig gut.

«Seine Freundin ist ja mit einem Kollegen von euch über alle Berge, das wusste ich, aber dann hat er auch noch erzählt, dass er von Hammerstein einen ganz blöden Auftrag bekommen hat.»

Davon hatte er mir gar nichts erzählt.

«Na ja», sagte Anna gedehnt, «und dann hat er mir den Auftrag näher beschrieben und gesagt, das sei eigentlich eine ideale Aufgabe für eine Frau, und er habe Hammerstein gebeten, dich mit der Sache zu beauftragen, weil er meint, dass du für so eine Recherche viel besser geeignet seiest. Und dass Hammerstein ihm gesagt hat, er wolle sich die Sache nochmal überlegen.»

Ich war fassungslos. Auch noch Anna einzuweihen in seine perfiden Pläne.

«Ich vermute, es geht um die Serie ‹Männer im Haushalt›?» Das war eigentlich eine eher rhetorische Frage.

«Hammerstein hat dich schon gefragt?»

Ich nickte. «Er hat mir allerdings nicht gesagt, dass er das Thema ursprünglich Julius aufs Auge drücken wollte.»

«Weißt du, Charlotte, du darfst das nicht persönlich nehmen. Ich hatte den Eindruck, dass Julius dir irgendwie einen Gefallen tun wollte, also jedenfalls wollte er sich des Themas nicht nur auf deine Kosten entledigen. Sonst hätte ich ja auch nicht mitgemacht dabei.»

Was?

Die Anzeige! Hatten die beiden etwa gemeinsame Sache gemacht? Dann würde ich zu gern wissen, wer da so auf die Tube gedrückt hatte, was mein vermeintliches Aussehen anging.

«Ihr beide habt gemeinsam …?» Ich ließ den Satz in der Luft hängen.

Reumütig blickte Anna mich an.

«Julius meinte, er habe den Eindruck, du hättest in letzter Zeit haufenweise Männer kennen gelernt, die du für die Recherche heranziehen könntest. Und dass die dich sicherlich gerne mal zu sich einladen und dir was Tolles kochen würden, wenn du nur wolltest. Ja, und damit hat er mich auf die Idee gebracht, meine Annonce etwas anders zu formulieren, als ich es ursprünglich vorhatte.»

Jetzt fiel bei mir der Groschen. Mein Vater hatte mich in den letzten Wochen immer wieder angerufen, um mich zu überreden, sonntags mal wieder zum Essen vorbeizukommen, und ich hatte ihn jedes Mal vertröstet, indem ich mit einem scheuen Blick auf Julius ins Telefon gehaucht hatte: «Mein Lieber, ich würde schrecklich gerne zum Essen kommen, aber ich habe im Moment so viel zu tun, dass ich einfach keine Zeit habe.» Oder: «Jakob, du weißt ja, dass ich nichts lieber täte, als mich mal ein ganzes Wochenende verwöhnen zu lassen, aber es geht im Moment wirklich nicht.»

Julius hatte sich also von meiner Vorführung tatsächlich hinters Licht führen lassen und Anna auf die Idee gebracht, mir einen Hausmann zu suchen, der an ihrer Stelle bei mir einziehen sollte. Dazu hatte sie mich angepriesen wie ein Stück Rindfleisch in Zeiten von BSE. Aber warum sollte ein attraktiver Mittdreißiger so dumm sein, einer Frau freiwillig den Haushalt zu machen? Noch dazu, wenn gar nichts lief zwischen den beiden?

«Ich bin mit dem Preis etwas runtergegangen», sagte Anna, die anscheinend Gedanken lesen konnte. «Wollte dich dafür entschädigen, dass ich ohne dich auf große Tour gehe.»

Mir schien, als sei sie insgeheim immer noch ganz angetan von ihrer Idee, auch wenn sie nun als reuiges Sünderlein auftrat und für meine Empörung Verständnis zu haben schien.

Im Geiste fasste ich zusammen, was ich soeben erfahren hatte.

Mein Kollege denkt, die Männer stünden seit neuestem Schlange, um mich zu bekochen (und mich anschließend in ihr Bett zu zerren, denn so sind sie nun mal!).

Meine Mitbewohnerin und beste Freundin meint, ich sei ohne sie weder in der Lage, haushaltstechnisch zu überleben, noch einen attraktiven Mann kennen zu lernen.

Sie will mir deshalb jemanden kaufen, der beides in Personalunion ist.

Das Schlimme daran ist, dass Punkt eins falsch und Punkt zwei richtig ist. Punkt drei bedeutet, dass mein Fall so hoffnungslos ist, dass meine beste Freundin sogar bereit ist, mir zuliebe einen Fremden in ihrem Bett schlafen zu lassen.

Ich darf nicht in Panik verfallen. Das macht alles nur noch schlimmer. Man kennt sie ja, diese Frauen um die dreißig, die, egal ob sie an der Bushaltestelle stehen oder ein Lokal betreten, diesen Scanner-Blick einschalten, mit dem sie jeden Mann im zeugungsfähigen Alter einer eingehenden Prüfung unterziehen. Wenn sie dann irgendwann jemanden kennen gelernt haben, der auch nur halbwegs so wirkt, als seien seine Spermien beweglich und sein Bankkonto dick genug, um eine Familie gründen und ernähren zu können, schmeißen sie sich ihm an den Hals und schalten auf «Empfängnis». Dann wird gebaut, und fünf bis zehn Jahre später steht das Haus zum Verkauf, weil alles doch ganz anders ist, als es an der Bushaltestelle ausgesehen hat.

Charlotte – gaaanz ruhig. Alles wird gut. Dir passiert so was nicht. Du wirst dich nicht aus der Fassung bringen lassen. Nicht von Julius, nicht von Hammerstein. Und erst recht nicht von Anna. Mit dem Preis runtergegangen, dass ich nicht lache.

«Das ist ja sehr nett gemeint von dir, Anna», sagte ich und rang mir ein Lächeln ab, «aber ich glaube, das wäre nicht nötig gewesen. Weißt du, ich brauche einen per Annonce vermittelten Hausmann ungefähr so wenig wie eine Badeschlappe einen Schuhspanner.»

«Jaja», sagte sie eifrig, «habe ich alles schon bedacht. Deswegen habe ich ja auch geschrieben, dass gegenseitige Sympathie Voraussetzung ist für den Deal. Und jetzt lass uns mal die restlichen Briefe durchgehen und schauen, ob nicht doch noch jemand dabei ist, der infrage kommt.»