Heart. Beat. Love. - James Patterson - E-Book + Hörbuch

Heart. Beat. Love. E-Book

James Patterson

4,5
7,99 €

Beschreibung

Scheinbar aus heiterem Himmel schlägt Axi ihrem besten Freund Robinson einen Trip quer durch die USA vor. Robinson macht mit und verwandelt die Reise in ein verwegenes Abenteuer: Statt mit dem Greyhoundbus düsen die beiden auf einer geklauten Harley los. Sie übernachten unter freiem Himmel und schwimmen in Privatpools – und immer wieder fragt sich Axi, wann aus ihrer Freundschaft endlich mehr wird. Doch eines Morgens holt sie das Schicksal ein und es wird ihnen klar, dass sie sich vom ersten Augenblick geliebt haben und jeden einzelnen Moment des Glücks, der ihnen bleibt, auskosten wollen . . .

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EPUB

Seitenzahl: 237




James Patterson / Emily Raymond

Heart.Beat.Love

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Stephanie Singh

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

Für Jane

Im Herbst 2010 präsentierte ich meinem Verlag die Idee zu Heart.Beat.Love, doch tatsächlich begann die Geschichte schon viele Jahre zuvor. Damals war ich in eine Frau namens Jane Blanchard verliebt. Eines Morgens, während wir gerade durch New York spazierten, erlitt sie völlig unerwartet einen heftigen Krampfanfall. Man diagnostizierte bei ihr Krebs, an dem sie zwei Jahre später starb, obwohl sie noch jung war. Viel zu jung.

Janie, ich vermisse dein Lächeln. Ich hoffe, es lebt in diesem Buch weiter – in einer Liebesgeschichte, die mich an unsere gemeinsame Zeit erinnert. (Obwohl ich mich nicht erinnern kann, jemals Autos gestohlen zu haben.)

J.P.

Prolog

 

 

EINS

Okay, auch auf die Gefahr hin, mich selbst nicht gerade ins beste Licht zu rücken, muss ich als Erstes zugeben, dass ich damals ein absoluter Gutmensch war, eine richtige Streberin. Als ich an jenem Tag zwei Unterrichtsstunden (Physik und Englisch) schwänzte, war ich deshalb unfassbar nervös und nicht sicher, ob das, was ich vorhatte, diese Aufregung wert war.

Wenn ich heute auf diesen Tag zurückschaue, kann ich kaum glauben, dass ich beinahe auf die schönste, lustigste, schmerzhafteste Erfahrung verzichtet hätte, die ich je machen werde. Sie hat mein Leben verändert.

Was war ich doch für eine Idiotin.

Ich saß in Ernie’s Pharmacy & Soda Fountain Café, und ungefähr 500 Schmetterlinge feierten die Party ihres Lebens in meinem Bauch. Mit meinen alten Frye-Boots trat ich abwechselnd gegen die Theke, bis Ernie mir sagte, ich solle damit aufhören. Ernie ist ungefähr eine Million Jahre alt und ein richtiger Griesgram. Allerdings liegt zwischen ihm und der völligen Taubheit nur noch ein letztes Konzert von Nickelback. Deshalb zog ich die Schuhe aus und machte einfach weiter.

Zum Glück fragte er nicht, weshalb ich in seinem Laden herumhing und einen riesigen Kaffee trank (den ich ungefähr so dringend brauchte wie ein Loch im Kopf), statt gleich um die Ecke in der Klamath Falls Highschool zu sitzen und dort Mr Fox’ Ausführungen über das Raum-Zeit-Kontinuum zu lauschen. Was hätte ich auch antworten sollen?

Also, Ernie – äh, Mr Holman, meine ich –, ich warte auf einen Jungen, mit dem ich bisher noch nicht mal ein offizielles Date hatte, und will ihn um einen unfassbar großen Gefallen bitten, der uns beiden entweder das Leben retten oder uns gänzlich vernichten wird.

Ernie interessiert sich nicht für die Lebensängste von Teenagern. Wahrscheinlich kommt deshalb niemand, den ich kenne, in seinen Laden. Der zweite Grund könnte natürlich sein, dass alle seine Süßigkeiten verstaubt und die Snickers so hart sind, dass man sie als Brechstangen verwenden könnte.

Aber mir macht das nichts aus. Und dem besagten Jungen auch nicht. Ernies Café ist unser Stammlokal.

Besagter Junge hat mir vor ein paar Stunden eine Nachricht zukommen lassen. Irgendwie ist es ihm gelungen, sie in meinem Schließfach zu deponieren, obwohl er nicht mehr auf meine Schule geht und das dortige Sicherheitspersonal, das uns vor Gott weiß was (vielleicht vor Ausschreitungen aufgrund akuter Kleinstadtlangeweile?) beschützen soll, wie eine Spezialeinheit der Armee anmutet.

Axi!

Du hast also bahnbrechende Neuigkeiten? Es schockiert mich, dass du glaubst, mich überraschen zu können. Und es überrascht mich, dass du glaubst, mich schockieren zu können.

Oder so.

Wortspiele sind ja eher deine Spezialität.

Ich kann es jedenfalls kaum erwarten.

13:15 bei Ernie.

Ja, das bedeutet, dass du schwänzen musst.

Ausreden lasse ich nicht gelten.

Dein Lieblings-Schuft

Typisch Robinson. Einmal hatte ich ihn scherzhaft als »Schuft« bezeichnet und seitdem erinnerte er mich ständig daran. Er war fast 17 und mein bester Freund. Mein Verbündeter.

Die Tür ging auf. Dass es Robinson war, konnte ich an Ernies Gesichtsausdruck erkennen: Er sah aus, als sei er gerade beschenkt worden. Robinson hatte diese besondere Wirkung auf Menschen. Wenn er einen Raum betrat, schienen die Lichter plötzlich heller zu strahlen.

Jetzt legte er mir die Hand auf die Schulter. »Axi, du Dummchen«, begrüßte er mich (und meinte es natürlich nett). »Zu Ernies Kaffee braucht man immer einen Donut. Das Zeug frisst dir sonst ein Loch in den Magen«, flüsterte er mir ins Ohr, bevor er sich verkehrt herum auf einen Stuhl setzte. Seine langen, schlaksigen Beine steckten in ausgeblichenen Levi’s. Obwohl es Ende Mai und 24 Grad warm war, trug er ein Flanellhemd.

»He, Ernie«, rief er, »hast du gehört, dass die Timbers ihren Trainer gefeuert haben? Und könnten wir bitte einen Schokoladendonut haben?«

Ernie kam kopfschüttelnd zu uns herüber. »Fußball!«, nörgelte er. »Dabei braucht Oregon dringend eine professionelle Baseballmannschaft. Das ist echter Sport.« Er stellte uns einen alten, gesprungenen Teller mit einem Donut hin. »Der geht aufs Haus.«

Robinson grinste: »Ich liebe diesen Kerl.«

Was eindeutig auf Gegenseitigkeit beruhte.

»Also.« Robinson schenkte mir wieder seine Aufmerksamkeit. »Worum geht es bei deinem verrückten Einfall? Willst du endlich deinen Führerschein auf Probe machen? Hast du beschlossen, eine ganze Flasche Bier zu trinken? Willst du deine Hausaufgaben ab jetzt nicht mehr ganz so sklavisch erledigen?«

Robinson ärgert mich immer wieder, weil ich so ein Braves Mädchen bin. Von sich selbst glaubt Robinson – und mein Dad sieht das genauso –, er sei ein wahrer Bad Boy, weil er die Schule geschmissen hat. Er fand es dort »nicht in ausreichendem Maße ansprechend« und meinte, die Schule sei »von Cretins bevölkert« (das Wort »Cretin« hatte selbstverständlich ich ihm beigebracht). Ich persönlich finde, dass er damit recht hat.

»Wahrscheinlich falle ich überall durch, außer in Englisch«, sagte ich, und das war nicht übertrieben. Mein Notendurchschnitt würde demnächst ins Bodenlose rutschen, denn bald waren die Abschlussprüfungen und mit etwas Glück würde ich zu diesem Zeitpunkt nicht hier sein, um diese zu schreiben. Vor einer Woche hätte ich mit diesem Wissen nachts nicht schlafen können. Doch inzwischen war es mir egal, denn wenn alles klappte, würde sich mein Leben ohnehin radikal ändern.

»Wie ich dich kenne, ist das ziemlich unwahrscheinlich«, meinte Robinson. »Und selbst wenn. Was ist so schlimm daran, wenn du mal etwas abgelenkt bist und in irgendeinem Fach eine 2+ bekommst? Du schreibst ja sowieso schon an dem großen amerikanischen Gesellschaftsroman … autsch!«

Ich hatte ihm auf den Arm geschlagen. »Also bitte. Ich gehe zur Schule und muss mich noch um meinen alten Herrn kümmern – da bleibt mir überhaupt keine Zeit zum Schreiben!« Mein Dad war vor einigen Jahren in eine schwierige Phase geraten und versuchte seither, seine Sorgen im Alkohol zu ertränken. Ich muss wohl nicht eigens erwähnen, dass diese Strategie nicht funktionierte. »Können wir uns auf unser eigentliches Thema konzentrieren?«, bat ich.

»Nämlich …?«

»Ich haue ab«, sagte ich.

Robinson blieb der Mund offen stehen. Anders als ich hatte er nie eine Zahnspange getragen und trotzdem perfekte Zähne.

»Und du kommst übrigens mit«, fügte ich hinzu.

 

 

ZWEI

»Hast du das gehört, Ernie?«, rief Robinson. Er war fassungslos.

Ernie hatte natürlich nichts gehört, nicht einmal Robinsons Frage. Also schob Robinson den Teller mit dem Donut beiseite und starrte mich an, als sähe er mich zum ersten Mal. Es gelingt mir nicht oft, ihn zu überraschen, und ich genoss den Moment.

»Hast du je den Roman gelesen, den ich dir geliehen habe? On the Road?«, wollte ich wissen.

Robinson blickte schuldbewusst. »Ich habe ihn angefangen …«

Ich verdrehte die Augen. Ich leihe Robinson ständig Bücher und er empfiehlt mir ständig Musik, aber weil er leicht abzulenken und mein iPod kaputt ist, kommen wir über diesen Punkt meistens nicht hinaus. »Also, Sal – der eigentlich der Autor Jack Kerouac ist – und seine Freunde reisen durch das ganze Land, begegnen total verrückten Leuten, tanzen, steigen auf Berge und wetten bei Pferderennen. Genau das werden wir auch tun. Wir lassen den ganzen Mist hier hinter uns und machen eine große Reise von Oregon bis New York City. Natürlich halten wir unterwegs immer wieder an.«

Robinson blinzelte. »Wer bist du?«, schienen seine Augen zu fragen.

Ich setzte mich gerader hin. »Erst fahren wir in die Redwoods, weil diese Bäume so unglaublich geheimnisvoll sind. Dann nach San Francisco und Los Angeles und danach Richtung Osten zu den Great Sand Dunes in Colorado. Dann nach Detroit – in die Autostadt, Robinson, das wirst du lieben. Und weil du so ein Geschwindigkeitsfanatiker bist, fahren wir mit der Millennium-Force-Achterbahn in Cedar Point. Die kommt auf fast 200 km/h! Und wenn wir in New York sind, fahren wir nach Coney Island und besichtigen den Tempel von Dendur im Metropolitan Museum of Art. Wir machen einfach alles, was wir wollen!«

Ich wusste, wie verrückt das klang. Ich entfaltete eine zerknitterte Karte und erklärte ihm meinen Plan. »Hier verläuft unsere Route. Die lilafarbene Linie ist unsere.«

»Unsere Route«, wiederholte er. Offensichtlich brauchte er eine Weile, um meinen Vorschlag zu verstehen.

»Ja, unsere. Du musst mitkommen. Ich schaff das nicht ohne dich.«

Das war auf mehr Ebenen zutreffend, als ich ihm oder auch nur mir selbst gegenüber eingestehen wollte.

Auf einmal begann Robinson zu lachen. Er lachte so lange und so laut, dass ich fürchtete, er wollte damit sagen: Nie im Leben, du Verrückte. Du siehst aus wie Axi, aber du bist eindeutig eine Wahnsinnige.

»Wenn du nicht mitkommst – wer soll mich daran erinnern, dass ich einen Donut zum Kaffee essen muss?« Ich redete weiter, damit er mich nicht mit irgendeiner skeptischen, sarkastischen Bemerkung unterbrechen konnte. »Du weißt doch, dass ich einen ganz schlechten Orientierungssinn habe. Was ist, wenn ich mich in L.A. verlaufe, die Scientologen mich finden und ich plötzlich an Xenu und Aliens glaube? Was ist, wenn ich in Las Vegas betrunken einen Fremden heirate? Wer stößt mich in die Rippen, wenn ich anfange, Shakespeare zu zitieren? Wer soll mich vor alledem beschützen? Du darfst ein sechzehnjähriges Mädchen nicht allein durch das ganze Land reisen lassen. In moralischer Hinsicht wäre das verantwortungslos …«

Robinson hob die Hand. Er kicherte immer noch. »Ich bin vielleicht ein Schuft, aber bestimmt nicht moralisch verantwortungslos.«

Endlich sagte der Kerl mal etwas! »Heißt das, du kommst mit?«, fragte ich und hielt den Atem an.

Robinson starrte angestrengt an die Decke. Er quälte mich, und zwar mit voller Absicht. Gedankenverloren nahm er einen Bissen vom Donut. »Nun«, begann er.

»Nun – was?« Ich trat wieder gegen den Tresen. Diesmal ziemlich fest.

Er fuhr sich mit der Hand durch sein dunkles, immer leicht zerzaustes Haar. Dann lächelte er mich verschmitzt an. »Nun«, wiederholte er ganz ruhig. »Verdammt noch mal, klar komme ich mit!«

Teil 1

eins

Um halb fünf Uhr morgens wachte ich auf und zog meinen Rucksack unter dem Bett hervor. In den vergangenen Nächten hatte ich den Rucksack immer wieder neu gepackt, um sicherzugehen, dass ich weder etwas vergessen noch zu viel dabeihatte. Ich brauchte: Wechselkleidung, Seife von Dr. Bronner (laut Aufdruck geeignet als Rasierschaum, Shampoo, Massagegel, Zahnpasta, Seife und Badezusatz) und ein Schweizer Taschenmesser, das ich aus Dads Schreibtischschublade geklaut hatte. Außerdem eine Kamera und natürlich mein Tagebuch, das ich überallhin mitnehme.

Ach ja – und 1500 Dollar in bar, denn ich war seit fünf Jahren der beste Babysitter in meinem Viertel und verlangte einen entsprechenden Stundensatz.

Vielleicht hatte ich tief im Innern schon immer gewusst, dass ich irgendwann abhauen würde. Warum sonst gab ich mein Geld nicht wie all meine Mitschülerinnen für ein iPad und ein Vera-Wang-Kleid für den Abschlussball aus?

Seit Ewigkeiten hing eine Karte der USA in meinem Zimmer, und genauso lange schon starrte ich die Karte an und fragte mich, wie es wohl in Colorado, Utah, Michigan oder Tennessee aussah.

Ich kann kaum glauben, dass ich so lange gebraucht habe, um meinen Mut zusammenzunehmen und endlich aufzubrechen. Immerhin habe ich miterlebt, wie meine Mom genau das getan hat. Sechs Monate nach dem Tod meiner kleinen Schwester Carole Ann trocknete Mom ihre Tränen und haute ab. Sie ging zurück an die Ostküste, wo sie aufgewachsen war, und soweit ich weiß, hat sie seither nie mehr zurückgeblickt.

Vielleicht ist der Drang, wegzulaufen, bei uns angeboren. Mom floh auf diese Weise vor ihrer Trauer. Mein Dad flüchtet sich in den Alkohol. Jetzt tat ich das Gleiche – und es fühlte sich auf seltsame Art richtig an. So richtig, dass ich meiner Mom beinahe verzeihen konnte.

Ich zog mich an, schlüpfte in meine Sneakers (nicht ohne mich von meinen Lieblingsboots zu verabschieden) und zurrte den Rucksack auf dem Rücken fest. Ich würde diese Wohnung, diese Stadt und dieses Leben genauso vermissen, wie ein ehemaliger Häftling seine Gefängniszelle vermisst: kein bisschen.

Dad schlief auf der hässlichen Wohnzimmercouch. Früher war das Blumenmuster auf der Couch rosa gewesen, aber inzwischen sind sie eher braunorange. Selbst unechte Pflanzen gehen bei uns wegen mangelnder Pflege ein. An meinem schlafenden Vater vorbei schlich ich mich aus dem Haus.

Dad grunzte leicht im Schlaf, gab aber sonst keinen Mucks von sich. In den letzten Jahren hatte er sich daran gewöhnt, verlassen zu werden. Wäre es wirklich so schlimm für ihn, wenn noch ein weiteres Mitglied der Familie Moore verschwände?

Trotzdem blieb ich im Flur stehen. Ich stellte mir vor, wie Dad aufwachte, in die Küche schlurfte und sich Kaffee machte. Er würde sehen, wie sauber ich die Küche hinterlassen hatte, wäre mir dankbar und würde vielleicht sogar beschließen, früher von der Arbeit nach Hause zu kommen und uns ein richtiges Familienabendessen zu kochen (obwohl von unserer Familie nicht viel geblieben war). Dann würde er am Tisch sitzen und auf mich warten, wie ich an so vielen Abenden auf ihn gewartet hatte. Bis das Essen kalt wäre.

Und irgendwann würde er begreifen, dass ich fort war.

Ein dumpfer Schmerz breitete sich in meiner Brust aus. Ich ging zurück ins Wohnzimmer. Dad lag auf dem Rücken. Sein Mund war leicht geöffnet und er hatte noch die Schuhe an. Ich legte ihm sanft die Hand auf die Schulter.

Eigentlich war er kein so furchtbarer Vater. Er bezahlte die Miete und das Essen (obwohl ich meistens die Einkäufe erledigte). Wir unterhielten uns nicht oft, aber wenn es geschah, fragte er nach der Schule und nach meinen Freunden. Ich erzählte immer, dass alles gut sei, weil ich ihn genug liebte, um ihn zu belügen. Er tat sein Bestes, auch wenn das nicht besonders gut war.

Ich hatte gefühlte 800 verschiedene Abschiedsbriefe entworfen.

Den flehenden: Bitte versuch mich zu verstehen, Dad. Ich muss das einfach tun.

Den schmeichelnden: Deine Liebe und Sorge geben mir die Stärke, diese Reise anzutreten, Dad.

Den literarischen: Wie der große irische Dramatiker George Bernard Shaw einst schrieb: »Im Leben geht es nicht darum, sich selbst zu finden. Im Leben geht es darum, sich selbst zu erschaffen.« Und ich will mich erschaffen, Dad.

Den beleidigten: Mach dir um mich keine Sorgen, ich bin es gewöhnt, mich um mich selbst zu kümmern. Immerhin habe ich es getan, seit Mom weggegangen ist.

Letztlich schien keine Variante die richtige zu sein und ich hatte alle Briefe weggeworfen.

Ich beugte mich zu Dad hinunter. Er roch nach Bier, Schweiß und Aftershave.

»Ach, Daddy«, seufzte ich.

Vielleicht hoffte ein winziger Teil von mir, dass er aufwachen und mich aufhalten würde. Ein winziger, schwacher Teil, der gern wieder das kleine Mädchen sein und nicht zu einer kranken, kaputten Familie gehören wollte. Aber das war natürlich unmöglich.

Also gab ich meinem Vater einen Kuss auf die Wange. Und dann ging ich tatsächlich fort.

zwei

Robinson wartete am hintersten Tisch des Restaurants in der Klamath Avenue, das die ganze Nacht geöffnet hatte und nur zwei Blocks von der Bushaltestelle entfernt war. Sein Rucksack sah aus, als hätte er ihn einem Tramper für lau abgekauft. Er wirkte wie ein Wachhund, der nur mit einem Auge aufpasste. Vor ihm stand eine Tasse dampfender Kaffee. Er sah mich an.

»Ich habe Kuchen bestellt.«

Wie auf Kommando brachte die Bedienung einen klebrigen Teller mit Blaubeerkuchen und zwei Gabeln. »Ihr beiden seid ja früh auf«, bemerkte sie. Draußen war es noch dunkel. Nicht einmal die Vögel waren wach.

»Wir sind Vampire«, erklärte Robinson. »Wir brauchen noch einen Snack, bevor wir ins Bett gehen.« Er las ihr Namensschild und schenkte ihr sein breites, wundervolles Lächeln: »Aber verrate uns bitte nicht, Tiffany. Ich will keinen Holzpflock im Herzen haben. Ich bin erst 500 Jahre alt – viel zu jung und zu charmant, um zu sterben.«

Sie lachte. »Dein Freund flirtet ja nicht schlecht«, sagte sie zu mir.

»Oh, er ist nicht mein Freund«, antwortete ich schnell.

Robinson antwortete beinahe ebenso schnell. »Sie wollte, aber ich habe ihr eine Abfuhr erteilt.«

Ich versetzte ihm unter dem Tisch einen Tritt. Er jaulte. »Er lügt. Es war genau andersherum.«

»Ihr beiden seid zum Totlachen«, urteilte Tiffany. Sie war nicht viel älter als wir, doch sie schüttelte den Kopf, als seien wir alberne Kinder. »Mit dieser Nummer solltet ihr auf Tour gehen.«

Robinson nahm einen großen Bissen Kuchen. »Glauben Sie mir, genau das werden wir tun«, sagte er.

Er schob mir den Teller hin, aber ich lehnte ab. Ich konnte nichts essen. Bisher hatte ich meine Nerven einigermaßen im Griff gehabt, aber jetzt fühlte ich mich gar nicht mehr wohl. Wann hatte ich je etwas so Verrücktes, wirklich Großes getan? Bisher war ich ja nicht mal auch nur ein einziges Mal später als zur vereinbarten Zeit nach Hause gekommen.

»Beeil dich mit dem Kuchen«, sagte ich. »Der Bus nach Eureka fährt in einer Dreiviertelstunde.«

Robinson hörte auf zu kauen und starrte mich an: »Wie bitte?«

»Der Buuuuuus«, wiederholte ich. »Mit dem wir fahren. Damit wir endlich hier rauskommen.«

Robinson brach in lautes Lachen aus. Sollte ich ihn noch einmal treten? Mit jemandem lachen und jemanden auslachen war nicht besonders schwer zu unterscheiden. »Was ist denn so komisch?«

Er nahm meine Hände. »Axi, Axi, Axi«, sagte er kopfschüttelnd »Das ist die Reise unseres Lebens. Die machen wir auf keinen Fall in einem Greyhound-Bus.«

»Was? Wer ist hier eigentlich der Chef? Und was ist so schlecht an einem Bus?«

Robinson seufzte. »Alles. Aber ich werde es dir genauer erklären, Axi, damit du mich nicht mehr so ansiehst mit deinen großen blauen Augen. Das ist unsere Reise, und ich will nicht neben einem Typen sitzen, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, oder neben einer alten Dame, die mir Bilder von ihren Enkeln zeigt.« Er gestikulierte mit der Kuchengabel. »Außerdem ist so ein Bus wie eine große Petrischale, in der man Superbakterien züchtet. Und Busfahrten dauern viel zu lange. Das sind zwei zusätzliche Gründe.«

Ich hob fragend die Hände. »Soweit ich weiß, haben wir keinen Privatjet, Robinson.«

»Wer redet denn von einem Flugzeug? Wir nehmen ein Auto, du Dummchen.« Er lehnte sich ganz entspannt zurück und verschränkte die Hände lässig hinter dem Kopf. »Und wenn ich nehmen sage, meine ich nehmen.«

drei

»Was machst du da?«, zischte ich. Robinson führte mich in eine nahe gelegene Seitenstraße. Seine Beine waren ungefähr doppelt so lang wie meine, weshalb ich joggen musste, um mit ihm Schritt zu halten.

An einer Kreuzung packte ich ihn am Arm und zwang ihn, mich anzusehen. Der Schuft und die Spießerin, Auge in Auge.

»Ist das dein Ernst? Sag, dass du das nicht ernst meinst.«

Er lächelte. »Du hast dich um die Route gekümmert. Gestatte, dass ich mich um das Fahrzeug kümmere.«

»Robinson …«

Er legte mir den Arm um die Schultern wie ein großer Bruder. »Entspann dich, BM. Ich bringe dir bei, wie man ein Fahrzeug auswählt.«

»Wie bitte? Und nenn mich nicht so.« BM stand für Braves Mädchen. Es machte mich wahnsinnig, wenn Robinson mich so nannte.

Er zeigte auf ein Auto direkt vor uns. »Siehst du, das ist ein Jaguar. Eine wunderschöne Maschine. Aber es ist ein XJ6. Die haben Probleme mit dem Brennstofffilter. Man sollte kein Auto stehlen, das Benzin verliert, Axi, denn es könnte Feuer fangen. Dann verbrennt man entweder oder muss wegen Autodiebstahls ins Gefängnis.«

Wir gingen weiter. Er deutete auf einen grünen Kleinbus. »Der Dodge Grand Caravan ist großzügig geschnitten und zuverlässig, aber wir sind keine Eltern, sondern Abenteurer.«

Inzwischen war ich überzeugt, dass er eine Show abzog. »O.k., was ist mit dem hier?«, schlug ich vor.

Er folgte meinem Blick und schien zu überlegen. »Ein Toyota Matrix. Ja, eine gute Wahl. Aber ich suche etwas mit mehr Ausstrahlung.«

Inzwischen ging die Sonne auf und die Vögel zwitscherten. Robinson und ich spazierten durch die baumbestandenen Straßen. Langsam erwachte das Viertel. Wenn jemand vor die Tür trat, um die Zeitung zu holen, sähe er zwei Schulschwänzer, die sich verdächtig intensiv mit den parkenden Autos beschäftigten. Was dann?

»Komm, Robinson«, flehte ich. »Lass uns verschwinden.« Noch konnten wir den Bus erwischen. Wir hatten noch zehn Minuten Zeit.

»Ich will einfach das perfekte Auto«, antwortete er.

In diesem Moment sahen wir aus dem Augenwinkel etwas Braunes, Schnelles auf uns zukommen. Ich packte Robinsons Arm.

Er lachte und zog mich an sich. »Hey, Axi, entspann dich. Das ist bloß ein Hund.«

Mein Herz raste. »Ja, das sehe ich jetzt auch.«

Ich sah auch, dass es sich eher nicht um einen Kampfhund handelte. Der Hund war klein und hatte ein struppiges Fell. Er trug weder Halsband noch Hundemarke. Mit ausgestreckter Hand ging ich einen Schritt auf ihn zu. Der Hund zuckte zurück, lief (natürlich) direkt zu Robinson und leckte ihm die Hand. Dann legte er sich zu seinen Füßen nieder. Robinson tätschelte ihn.

»Robinson.« Ich wurde langsam ungeduldig. »Ob Bus oder gestohlenes Auto – es ist jetzt Zeit.«

Er schien mich nicht zu hören. Mit seinen langen, schlanken Händen zupfte er den Hund an den Ohren, woraufhin dieser sich auf die Seite legte. Robinson kraulte ihm den Bauch. Die Beine des Hundes zuckten, seine Zunge hing aus dem Mund – er war im siebten Hundehimmel.

»Du bist ein guter Junge«, sagte Robinson sanft. »Wem gehörst du denn?«

Der Hund konnte zwar nichts sagen, aber wir kannten die Antwort. Er war mager; in seinem Fell klebte Schlamm. Auf dem Rücken hatte er einen kahlen Fleck. Dieser Hund gehörte niemandem.

»Ich wünschte, du könntest mitkommen«, sagte Robinson. »Aber wir haben einen langen Weg vor uns und das würde dir wohl nicht gefallen.«

Der Hund sah ihn an, als könnte er sich mit allem abfinden, solange Robinson ihn weiter streichelte. Aber wenn man vor dem eigenen Leben davonläuft, dann kann man nur mitnehmen, was man unbedingt braucht. Ein streunender Hund gehört eindeutig in die Kategorie unnötiger Dinge.

»Komm, Axi, sei lieb zu ihm«, drängte Robinson.

Ich grub meine Finger in das dreckige Fell, wie Robinson es zuvor getan hatte. Als ich dem Hund über die Brust fuhr, spürte ich den schnellen Herzschlag, die Aufregung, weil er nun vielleicht ein Zuhause gefunden hatte und jemanden, der sich um ihn kümmern würde.

Armer Kerl, dachte ich. Ich wusste genau, wie er sich gerade fühlte. Er hatte niemanden und hing hier fest.

Aber wir nicht. Nicht mehr.

»Wir gehen, Kleiner. Es tut mir leid«, sagte ich. »Wir müssen einfach los.«

Seltsamerweise war dieser Abschied beinahe genauso schmerzlich wie der von meinem Vater.

vier

Wir gaben dem Hund etwas von Robinsons Trockenfleisch und gingen zur nächsten Kreuzung. Robinson blieb stehen. »Das ist es«, flüsterte er voll echter Bewunderung. Hand in Hand überquerten wir die Kreuzung.

»Was ist es?« Natürlich antwortete er nicht.

Wenn das so weiterging, war bald ein erstes Krisengespräch fällig. Einen Mitreisenden, der nur auf die Hälfte von dem reagierte, was ich sagte, konnte ich nicht brauchen. Wenn ich ignoriert werden wollte, konnte ich gleich bei meinen bescheuerten Klassenkameraden und meinem alkoholkranken Vater in Klamath Falls bleiben.

»Das ist die Antwort«, sagte Robinson schließlich. Er seufzte so tief, als habe er sich gerade verliebt. Er machte eine übertriebene Verbeugung, als sei er Oberkellner in einem Edelrestaurant (das es in K-Falls natürlich nicht gibt).

»Werte Alexandra, Ihr Wagen wartet«, grinste Robinson. Ich verdrehte die Augen – wie immer, wenn er mich mit britischem Akzent und meinem vollen Namen ansprach.

Und dann verdrehte ich die Augen ein zweites Mal: Mein sogenannter Wagen war ein Motorrad! Eine große, schwarze Harley-Davidson mit Weißwandreifen, viel blitzendem Chrom, zwei Seitentaschen aus schwarzem Leder mit silbernen Ösen und einer mit Troddeln verzierten Lenkstange. Die Maschine hatte zwei gepolsterte Sitze. Sie glänzte, als käme sie direkt aus einem Verkaufsraum.

Robinson flüsterte in einer fremden Sprache: »2-Zylinder-Twin-Cam-96-Motor, elektronische Drosselklappensteuerung, Sechs-Gang-Getriebe« – und so weiter; lauter Dinge, die ich nicht verstand.

Selbst ich sah, dass dies ein wundervolles Motorrad war. Und ich kann kaum ein BMX-Rad von einer Ducati unterscheiden. »Toll«, stimmte ich zu und blickte auf die Uhr. »Aber wir sollten wirklich los.«

In diesem Moment bemerkte ich, dass Robinson sich mit einem Schraubenzieher an der Maschine zu schaffen machte.

»Bist du verrückt geworden?«, zischte ich.

Er antwortete mir schon wieder nicht.

Er war drauf und dran, die Maschine kurzzuschließen. Ach du Sch … Ich rannte auf die andere Straßenseite und versteckte mich zwischen zwei parkenden Autos. Adrenalin rauschte durch meine Adern. Ich schloss die Augen.

Ich versuchte mir einzureden, dass dies gerade nicht wirklich passierte. Er würde das Ding nicht zum Laufen bringen. So würde unsere Reise auf keinen Fall beginnen.

Ich hatte alles genau geplant, und mein Plan sah so etwas nicht vor.

Plötzlich wurde die morgendliche Stille von Motorengetöse durchbrochen. Ich öffnete die Augen. Sekunden später tauchten Robinsons Stiefel vor meinen Augen auf, dazwischen die Harley.

Ich hätte schreien sollen: Wir tun etwas Illegales! Aber ich hatte die Änderung meiner Pläne einfach noch nicht begriffen und brachte kein Wort heraus. Ich dachte nur: Er trägt auf der Flucht Cowboystiefel! Wie unpraktisch! Und: Warum habe ich nicht auch meine Boots mitgenommen?

»Los, Axi«, rief Robinson. »Steig auf.«

Ich rührte mich nicht und konnte vor Angst kaum atmen. Gleich würde ich einem Herzinfarkt erliegen, genau hier auf der Cedar Street, zwischen einem Pick-up und einem Volvo, auf dessen Stoßstange ein Aufkleber verkündete: Mein zweites Auto ist ein Besen. Ich konnte nicht fassen, dass meine große Flucht so beginnen sollte!

Doch dann hob Robinson mich hoch, und mit einem Mal saß ich hinter ihm auf der brummenden Maschine.

»Leg die Arme um mich«, rief er.

Ich hatte so schreckliche Angst, dass ich gehorchte.

»Halt dich fest!«

Er legte den Gang ein und wir fuhren los. Der Motorenlärm dröhnte mir in den Ohren. Wahrscheinlich wachte mein Vater gerade auf und fragte sich, ob ein Frühsommersturm im Anzug war.

Wir sausten am Supermarkt und am Footballfeld der Highschool vorbei, an der Reel Em Tavern, in der sich mein Vater jeden Freitagabend mit Bier volllaufen ließ, und an dem sogenannten »mexikanischen« Restaurant, in dem die Burritos mit Parmesan garniert wurden.

Ja, Klamath Falls. Einer jener Orte, die im Rückspiegel am besten aussehen.

Als die Häuser an mir vorbeiflogen und ich den Wind im Gesicht spürte, war es mir plötzlich egal, ob wir die ganze blöde Kleinstadt aufweckten.

Am liebsten hätte ich geschrien: Fresst meinen Staub!

Robinson jauchzte.

Wir hatten es geschafft. Wir waren frei.

fünf

Ich war schon einmal Motorrad gefahren, aber das hier war etwas völlig anderes. So hatte ich mich noch nie gefühlt. Wir waren noch nicht einmal auf dem Highway, aber es fühlte sich schon an wie Fliegen.

Robinsons Stimme übertönte das Motorengeräusch. »I don’t want a tickle, ’Cause I’d rather ride on my motorsickle!« Es war ein alter Song von Arlo Guthrie, den ich auswendig kannte, weil mein Vater ihn mir vorgesungen hatte, als ich ein kleines Mädchen war.

Obwohl ich keinen geraden Ton singen kann, stimmte ich ein: »And I don’t want to diiiiiiie, Just want to ride on my motorcy … cle.«

In aller Seelenruhe fuhr Robinson an den Einkaufszentren am Stadtrand vorbei. Er war mittlerweile zum Pfeifen übergegangen (wer seine Stimmbänder ruinieren möchte, soll doch bitte probieren, mit seinem Gesang den Motor einer Harley zu übertönen). Robinson verhielt sich, als sei die Flucht auf einem gestohlenen Motorrad keine große Sache.

Was in aller Welt taten wir hier bloß? Wir sollten in einem Bus sitzen, und stattdessen fuhren wir auf einer geklauten Harley durch die Gegend, die mehr kostete, als mein Dad in zwei Jahren verdiente. Abhauen war das eine, Diebstahl jedoch eine völlig andere Sache. Ich stellte mir die tiefe Enttäuschung auf dem Gesicht meines Vaters vor, wenn er bei der Polizei meine Kaution bezahlen müsste. Oder wie die Überschrift in der Lokalzeitung von Klamath Falls aussehen würde: Vom braven Mädchen zur Verbrecherin, daneben ein eher wenig schmeichelhaftes Ermittlungsfoto, auf dem man nicht einmal meine blauen Augen erkennen würde.

Während wir Richtung Süden am Klamath Falls Country Club vorbeifuhren, wo meine Mutter früher bei der Ladys Poker Night ihren Gin Fizz getrunken hatte, versuchte ich, nicht hinter jeder Kurve mit der Polizei zu rechnen. Als uns ein entgegenkommender Motorradfahrer grüßte, bekam ich Angst. Im Vorbeifahren streckte er den Arm Richtung Straße und spreizte zwei Finger ab. Robinson imitierte die Geste.

»Lass bloß nie wieder den Lenker los!«, rief ich.