Heart in Heat - T. Stern - E-Book

Heart in Heat E-Book

T. Stern

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8,99 €

Beschreibung

Liebe ... jeder ersehnt den Menschen, der einem all das geben kann, wovon man glaubt, nur träumen zu können. Liam geht es da nicht anders, aber er wurde in seinem kurzen Leben von gerade mal siebzehn Jahren bereits mehrfach nur des Schlimmsten belehrt. Die Qual und Pein jedes neuen Tages erträgt der Junge tapfer, eingehüllt in seinen Mantel aus Dunkelheit und Verzweiflung. Bis der mysteriöse Luca in sein Leben tritt und alles auf den Kopf stellt. Da sind plötzlich so viele Gefühle und Emotionen, so viel Sehnsucht und Hoffnung. Alles, wovon Liam nie zu träumen wagte, offenbart sich ihm durch diesen Mann. Doch das wunderschöne Licht des Glücks wird bedroht. Denn die Schatten der Vergangenheit wabern düster und in ihnen lauert eine Bedrohung, deren Ausmaß niemandem ersichtlich ist. Wie weit geht Liam, um sein Glück zu beschützen?

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Seitenzahl: 1415




T. Stern

Heart in Heat

Gay-Roman

Ich widme dieses Buch jedem Leser. Vielen Dank, dass es DICH gibt. BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Vorwort

Über ein Jahr Arbeit und Herzblut stecken in diesem Werk.

Planen, Schreiben, Korrigieren.

 

Während der Enstehungsphase habe ich viele wunderbare Menschen kennenlernen dürfen.

Einige von ihnen entpuppten sich schon sehr früh als wahre Leser dieses Werks.

 

Mein Dank gilt euch.

Ohne euren unermüdlichen Zuspruch, euer ständiges Verständnis, eure aufbauenden Worte und euren Glauben in dieses Werk, würde es jetzt nicht existieren.

 

Es mag fernab jeglicher Perfektion sein, mit Sicherheit kein Bestseller werden ...

Aber ihr habt diesem Werk etwas gegeben, was vielen Büchern fehlt.

Eine Seele.

 

Dieses Werk hat kein professionelles Lektorat durchlaufen.

Wahrscheinlich hat es Fehler.

 

Aber ... es ist ein astreines Chaoskaterchen.

 

Ich wünsche jedem, der dieses Buch sein Eigen nennen kann, einfach viel Vergnügen beim Lesen und hoffe, dass die Seele zwischen den Zeilen wahrgenommen wird.

Denn es waren Leser, die sie erschaffen haben.

 

Beste Grüße,

Chaoskaterchen

 

Kapitel 1

 

„Hört es eigentlich gar nicht mehr auf zu regnen?“, murmelt mein Kumpel mir missmutig zu. Als könnte ich ihm diese Frage beantworten. Aber gut, mich stört der Regen nicht wirklich. Vielleicht ist das mehr der Grund, warum ich darauf nicht die Antwort habe, welche er gerne hören würde.

„Sag mal, kommst du heute Abend auch auf die Party?“, will er urplötzlich wissen und ich muss über diesen abrupten Themenwechsel grinsen. Aber meine Antwort wird ihm erneut einen Grund zum Meckern geben, denn ich muss verneinen.

„Nein. Ich habe keine Lust auf Ärger Zuhause“, seufze ich und ziehe meine Jacke enger um meinen Oberkörper, weiß um seinen leicht genervten Blick, ohne ihn direkt ansehen zu müssen.

„Warum tust du dir den Kerl eigentlich an? Also nicht, dass es mich etwas angeht, aber du machst es dir durch deine Homosexualität schon schwer genug. Dann auch noch so einen Idioten als Partner zu haben, also ehrlich!“, ergreift er wieder das Thema, vor welchem ich am liebsten weglaufen würde.

Irgendwo tief in mir habe ich mir diese Frage auch schon sehr oft gestellt. Aber ich kann keine Antwort finden, die andere zufriedenstellen würde. Wahrscheinlich nicht mal mich. Und da ich allem was unbequem ist, gerne aus dem Weg gehe, scheine ich gut darin, auch diesem Thema auszuweichen. Ich weiß selbst, dass es nicht immer leicht mit Lorenz ist. Aber es war ja nicht immer so. Vielleicht klammere ich einfach nur an der Hoffnung, dass es wieder so wird, wie es mal war. Ein wohl vergebliches Hoffen.

„Liam, ehrlich“, setzt mein Kollege erneut an, kommt seine Hand auf meiner Schulter zum Liegen, dreht er mich herum und sieht mir eindringlich in die Augen, durchbohrt mich sein Blick. „Der Kerl tut dir nicht gut. Verlass ihn! Wenn nicht um deinetwillen, dann für jene, die sich Sorgen um dich machen.“

Seine Worte rühren mich für einen kurzen Herzschlag, doch verfliegen sie so schnell im Wind, wie all meine Hoffnung zu gerne in eben diesem zu oft davon fliegt.

Für jene, die sich Sorgen machen? Er sieht sich wohl als multiple Persönlichkeit.

„Mach dir keine Sorgen. Ich kann auf mich aufpassen!“, gebe ich nur zu verstehen und lächle ihn an, löse mich aus seiner Berührung, um weiterzugehen.

Ich weiß, er meint es nur gut. Aber er stellt es sich zu leicht vor. Für ihn wäre es sicherlich nicht schwer, aber für mich ist es das. Immerhin ist Lorenz mein Partner. Und damit auch meine Familie. Die Einzige, die ich habe.

In den Augen anderer mache ich es mir unnötig schwer, aber letztlich lebt kein anderer mein Leben.

Ihre Worte sind vielleicht mit guter Absicht gesprochen, aber wenn bei ihnen etwas nicht gut läuft, können sie jederzeit nach Hause, zu ihren Eltern und haben dort ein Heim, welches ihnen Geborgenheit und Liebe zukommen lässt.

Ich stehe auf meinen eigenen Beinen. Und ich bin durchaus noch nicht so erwachsen, wie ich gerne vorgebe zu sein. Ich bin erst siebzehn Jahre alt. Da besteht kein Zweifel, dass ich noch ein bisschen Klammere. Wie ein kleines Kind, welches nicht alleine sein will, weil es fürchtet, nie wieder geliebt zu werden. Ich weiß nicht, wohin ich gehöre, fühle mich, als hätte ich keinen Platz.

„Wenn du mich fragst, hat der Kerl dich nicht verdient!“, wirft mein Kollege noch raus, worauf ich ihn eines verwunderten Blickes würdige.

„Du bist zu gut für ihn“, seufzt er und ich kann wieder nicht verhindern zu grinsen.

Trotz der Worte, die mir nicht behagen, spüre ich, dass er diese nur aus Sorge spricht. Er meint es gut. Aber letztlich ist dies einfach nicht sein Leben und darum sollte er sich da besser nicht einmischen. Zumal er mich nur als das kennt, was ich vorgebe zu sein. Aber nicht als der, der ich wirklich bin.

„Ich weiß du meinst es gut, aber mach dir bitte keine Sorgen. Ich komme schon klar.“ Nach diesen Worten schenke ich ihm ein Grinsen, hebe die Hand und winke ihm, denn ich muss gehen. Weg von ihm und dem Wissen, dass er Recht hat. Ich laufe weg. Wie sooft.

Eiligen Schrittes haste ich über die Straße und folge dem Gehweg, spüre den Regen in meinem Gesicht. Ich bin klitschnass. Aber es kümmert mich nicht. Ich genieße es, rede mir ein, all das Schlechte von mir zu spülen. All das, was mir Angst macht, wird einfach weggespült und versiegt. Freiheit. Ich spüre sie. Fühle, wie sie mich erfüllt und eine Leichtigkeit in meinen Schritten weilt, die mich schier schweben lässt.

Regen. Mich verbindet sehr viel mit dieser Naturgewalt. Denn das meiste, was mein Leben stark beeinflusst hat, passierte stets dann, wenn es regnete. Und still hoffe ich, tief in mir, dass es bald zu einer Veränderung kommt, die sich zur Abwechslung wirklich mal positiv auf mein Leben auswirkt. Langfristig.

 

Ich biege gerade um die Ecke, als ich einige Kerle aus einer Seitengasse kommen sehe. Einer bleibt stehen und zischt mit scharfer Stimme in die Dunkelheit: „Lass dir das eine Lehre sein. Du hast dich mit den Falschen angelegt. Du solltest deine Nase nicht in unser Geschäft stecken.“

Abrupt bleibe ich stehen, verstecke mich im Schatten der nächstbesten Hauswand und hoffe nicht gesehen zu werden.

Wachsam beobachte ich die Kerle, wie sie langsam abziehen. Ich weiß, es ist nichts Gutes, was in der Dunkelheit der Gasse liegt. Aber einfach weitergehen kann ich auch nicht.

Ich harre aus, bis die Kerle weg sind, setze mich dann aber in Bewegung und überquere die Straße und steuere auf die Gasse zu.

Im schummrigen Licht der Straßenlaterne kann ich die Umrisse eines Müllcontainers erkennen. Meine Augen brauchen eine Weile, bis sie sich an die Lichtverhältnisse gewöhnt haben, doch alsbald kann ich sehen, wem die Worte des Kerls vorhin galten.

Auf dem Boden liegt ein junger Mann. Sein Körper vor Schmerz verkrümmt. Durchnässt vom Regen, sein weißes Hemd zerrissen und mit Blut befleckt. Schürfwunden und blutige Kratzer übersähen seine nasse Haut. Feuerrotes Haar auf dem Boden, von den kleinen Wasserrinnsalen in alle Richtungen gespült.

Schmerzerfüllte Laute verlassen seine Kehle, während er vergebens versucht, sich zu bewegen.

Ich kann mich nicht bewegen, bin wie erstarrt und betrachte den am Boden liegenden Mann.

Mein Verstand gebietet mir zu verschwinden, aber etwas hält mich fest. Es lässt mich nicht los. Als hätte er, sein Anblick, mich gefesselt. Ich bin mir darüber bewusst, dass mehr dafür spricht einfach zu gehen. Und ich sollte es auch machen. Mich umdrehen und gehen. Ich sollte mich nicht in so etwas einmischen. Wer weiß, in was ich dann gerate.

Flüchtig sehe ich mich um, aber weit und breit ist niemand zu sehen.

Wie lange würde er hier noch liegen? Würde ihn überhaupt jemand finden?

Aber noch viel wichtiger ist die Frage: Wer ist er?

Ich begutachte sein Gesicht und je mehr ich anfange, es interessant zu finden, desto mehr schleicht sich Lorenz in meinen Kopf. Er würde mich wahrscheinlich umbringen, wenn ich ihn mit heimbringen würde.

Just in dem Moment öffnet der Unbekannte die Augen und sieht mich an. Sein Blick trifft auf Meinen und ich sehe in die wohl faszinierendsten Augen der Welt.

Kann ich es verantworten, dass diese Augen ihren Glanz verlieren?

Als würde er mich mittels seiner Augen in einen Bann ziehen, setze ich mich in Bewegung. Schritt um Schritt nähere ich mich seinem am Boden liegenden Körper. Und je näher ich ihm komme, desto intensiver schlägt mein Herz in meiner Brust.

Von Magie gelenkt, sinke ich auf die Knie und strecke eine Hand aus, lege meine Fingerspitzen behutsam auf den Kopf des Mannes, der in dem Augenblick erleichtert die Augen schließt.

Vorsichtig, als könnte er zerbrechen, drehe ich ihn und hebe seinen Oberkörper an, nur um diesen in meinen Armen an meinen Körper zu drücken. Es ist mir gerade ein Bedürfnis, ihm zu zeigen, dass er nicht alleine ist, dass ich da bin und er nichts befürchten muss. Ich werde ihn beschützen, ihn aus dieser Lage retten und dabei ist mir vollkommen egal, welche Konsequenzen es für mich nach sich zieht.

Minuten lang sitze ich einfach nur da, halte ihn fest, bis ich bemerke, dass er zittert. Es regnet nach wie vor und sicherlich ist ihm kalt. Das zerfetzte Hemd bietet kaum Schutz vor Kälte. Außerdem wirkt er schwach und wer schwach ist, friert noch schneller.

„Ich werde einen Krankenwagen rufen!“, sage ich entschlossen, doch er schüttelt energisch mit dem Kopf, scheint ihm mein Gedanke an dieses Vorhaben nicht sonderlich zu gefallen. Seufzend wiege ich ab, ob es nicht sinnvoller wäre, einfach weil er innere Verletzungen haben könnte. Doch kaum habe ich diesen Gedanken zu Ende gedacht, rauscht eine Aufwallung durch seinen geschwächten Körper und er vermittelt mir, dass er sich bewegen kann.

„Schaffst du es aufzustehen?“, frage ich ihn, sehe ein zögerliches Nicken seinerseits und gemeinsam erreichen wir es irgendwie, ihn auf die Beine zu bringen.

„Ganz langsam. Bis zu meiner Wohnung ist es nicht mehr weit. Ich werde dich zu mir bringen und erst mal deine Wunden versorgen.“ Meinen Entschluss verkünde ich, damit er weiß, was ich vorhabe. Aber es kommt kein Einwand, als wäre es ihm egal, als wäre nur wichtig, dass er von hier wegkommt.

Der Weg bis zum Haus, in dem die kleine Wohnung liegt, welche ich bewohne, ist wirklich nicht weit. Mit einem Schwachen und Verletzten an der Seite allerdings erscheint es selbst mir schier ewig.

Ich will mir nicht vorstellen müssen, wie lang dem Unbekannten der Weg vorkommen muss.

Endlich erreichen wir das Haus und müssen nur noch mit dem Aufzug in den dritten Stock fahren, durch einen schmalen Gang und schon sind wir vor der Tür, hinter der die Räume liegen, in denen ich versuche, mich Zuhause zu fühlen.

Ohne lange Umschweife bringe ich ihn ins Schlafzimmer, setze ihn sofort aufs Bett und pelle mich nebenbei aus meiner nassen Kleidung. Hastig eile ich ins Badezimmer, hole warmes Wasser, Handtücher und das Verbandszeug, trete dann nur in Shorts bekleidet ans Bett.

Er sitzt einfach nur da, noch genau so, wie ich ihn hingesetzt habe. Sein Oberkörper hängt nach vorne und er starrt auf den Boden, vermeidet jede Bewegung.

„Ich“, setze ich an, hebt er den Kopf, sieht mich an, aus diesen unergründlichen Augen, die so eiskalt wirken, im Moment aber auch so verletzlich, dass mir schier das Wort im Hals stecken bleibt. „Ich werde dir das Hemd ausziehen und mich um deine Wunden kümmern.“

Zögerlich greife ich nach dem, was von der Knopfleiste übrig ist und öffne behutsam die paar Knöpfe, die noch vorhanden sind, streife ihm den durchweichten Stoff über die Schultern.

Das wahre Ausmaß seiner Verletzungen wird jetzt erst bewusst. Schürfwunden verteilen sich auf seinem ganzen Oberkörper und schon jetzt bilden sich tiefblaue Hämatome, die von etlichen starken Schlägen oder Tritten zeugen.

Er atmet ruhig und flach, lässt alles über sich ergehen, ohne zu murren oder einen Laut von sich zu geben.

Ich wasche seinen Oberkörper, wickle ihn in ein trockenes Handtuch ein und widme mich seinen langen roten Haaren. Vorsichtig lege ich einen Finger unter sein Kinn, ziehe es etwas hoch, um den Schmutz aus seinem Gesicht zu wischen. Leicht tupfe ich das Blut weg, erkenne schon jetzt, dass sein linkes Auge angeschwollen ist. Die Platzwunde an seiner Unterlippe hat zum Glück schon aufgehört zu bluten. Oberhalb der Stirn, direkt am Haaransatz bildet sich eine Beule.

Als alles oberhalb der Gürtellinie sauber ist, fange ich an die ersten Wunden zu versorgen. Kleinere Schürfwunden reibe ich mit einer Salbe ein, größere klebe ich vorsichtig noch zusätzlich ab. Nachdem seine Haare einigermaßen trocken sind, verbinde ich seinen Kopf, um der schmerzenden Beule ein wenig Stoßschutz zu verpassen.

„Ich werde dir etwas Eis für dein Auge holen. Schaffst du es, deine Hose auszuziehen?“, lasse ich von ihm ab und betrachte erst mein bisheriges Werk und dann den ausdruckslosen Blick, der auf mir ruht.

Er nickt nur zaghaft und während ich in der Küche bin, um ein Kühlkissen aus dem Tiefkühlfach zu holen, kommt er meiner Bitte nach und entledigt sich seiner nassen Hose.

Ich betrete das Schlafzimmer und finde ihn in einem Kampf gegen seine Schuhe wieder.

Ohne zu überlegen, sinke ich vor ihm in die Knie und drücke ihm das Kühlkissen in die Hände.

„Hier. Für dein Auge. Lass mich das machen“, ist alles, was ich sage, ehe ich schon anfange, ihm die Schuhe auszuziehen, um sogleich die nasse Hose und die nassen Socken folgen zu lassen.

Selbst seine Beine haben Blessuren.

Ihm entweicht ein leises Zischen, als ich anfange, seine Beine abzuwaschen, doch ein Blick in sein Gesicht zeigt keine Regung darin.

Wie unglaublich stark dieser Mann ist, fasziniert mich, vor allem weil ich es jetzt bewundern kann.

Seine aufgeschürften Knie brauchen beide einen Verband, aber er zuckt kein einziges Mal, nicht mal, als ich die Salbe auftrage und eine der Wunden dabei erneut das Bluten anfängt.

Entschuldigend sehe ich zu ihm auf, aber er gibt keine Regung von sich. Kein Wort. Keinen Laut.

Endlich alles erledigt erhebe ich mich und wische mir die Hände an einem Handtuch ab, atme erleichtert durch, denn auch wenn es auf den ersten Blick echt übel aussah, so ist keine seiner sichtbaren Wunden lebensbedrohlich.

„Hast du irgendwo Schmerzen?“, frage ich, denn wenn ja, dann könnten innere Verletzungen vorliegen und diese kann ich nicht versorgen.

Aber er schüttelt mit dem Kopf und hält weiterhin das Kühlkissen an sein Auge.

„Ich werde die Handtücher ins Badezimmer bringen. Zieh deine Shorts aus und dann kannst du dich unter die Decke kuscheln. Aber nicht die Obere, die ist wohl ein wenig nass geworden.“

Kaum zu Ende gesprochen entschwinde ich auch schon und mache, was ich angekündigt habe. Ich lasse mir Zeit, denn ich will nicht einfach ins Zimmer platzen, wenn er da nackt steht oder so. Das würde er mir wohl ein wenig übel nehmen.

Als ich ins Zimmer zurückkehre, sitzt er im Bett, die Decke über seine Beine bis zum Bauch hochgezogen, in leicht geduckter Haltung.

„Ich werde deine Kleidung waschen und dann zum Trocknen aufhängen, wenn es okay ist für dich“, werfe ich leise in den Raum, lasse mich von der Umsetzung jedoch nicht abhalten. Und er wendet nichts dagegen ein, also ist es wohl okay.

Vorsichtig durchsuche ich seine Taschen, will ich ja nicht noch irgendwas Wichtiges mit waschen und womöglich noch kaputt machen.

Eine Geldbörse, ein Handy und einen Schlüsselbund ziehe ich aus seiner Hosentasche, lege es beiseite. Sein Hemd sieht übel aus. Viel Schutz wird es seinem Körper nicht mehr bieten. Aber trotzdem wasche ich es mit. Einfach, weil es ihm gehört und er es ja vielleicht … dumme Gedankengänge.

Die Waschmaschine läuft und ich bringe ihm die Gegenstände ans Bett, verwahre sie auf dem Beistelltisch.

Er sitzt noch immer da und schweigt vor sich hin.

Gesprächig ist er nicht. Aber wäre ich an seiner Stelle wohl auch nicht. Schlimm genug, was ihm passiert ist, dann auch noch von einem wildfremden Kerl versorgt zu werden, ist sicher nicht so leicht hinzunehmen.

Ich gehe ebenso schweigend in die Küche, fülle ein Glas mit Wasser und greife nach Kopfschmerztabletten, um ihm diese Kombination zu bringen. Sicher hat er es nötig. Wenn nicht jetzt, dann definitiv später.

Langsam trete ich neben das Bett, sinke auf die Bettkante nieder und strecke ihm die Tabletten und das Wasserglas entgegen. Er versteht wortlos und nimmt beides.

„Du solltest dich hinlegen und ausruhen“, gebe ich zu verstehen, beuge mich etwas zu ihm und ohne lange zu zögern, lege ich meine Hände an seine Schultern und drücke ihn sanft aufs Bett. Er lässt mich gewähren, und kaum, dass er liegt, schließt er die Augen und atmet tief durch.

„Wenn etwas sein sollte, zögere nicht nach mir zu rufen“, biete ich ihm an, ernte dann aber einen leicht fragenden Blick seinerseits. Durch seine Augen fragt er mich, was er rufen soll und ich verstehe es, als würden diese Worte direkt in meinem Kopf erscheinen.

„Ich heiße Liam“, flüstere ich ihm zu und streiche ihm eine seiner feuerroten Strähnen von der Stirn, ziehe dann die Decke höher und packe ihn darin ein.

Und für den minimalen Bruchteil einer Sekunde glaube ich, auf seiner starren Mimik den Hauch eines Lächelns gesehen zu haben. Es verleitet mich einfach und ich kann mich nicht mal dagegen wehren, denn es geht viel zu schnell. Ich beuge mich über ihn und einen hauchzarten Kuss auf seine Stirn drücke, ehe ich blitzschnell aufspringe und eiligst das Zimmer verlasse.

Erst vor der Tür sinke ich mit dem Rücken an die Wand zur linken und frage mich ernsthaft, ob ich noch zu retten bin. Ich habe ihm offensichtlich einen Kuss auf die Stirn gegeben. Das gehört eigentlich nicht zur Versorgung eines Verletzten.

Dennoch kann ich es nicht wirklich bereuen. Mein Finger legt sich an meine Lippen, die kribbeln und von einer angenehmen Wärme geflutet werden. Eine mir unbekannte Süße liegt auf ihnen, etwas, was sich anfühlt, als hätte ich es lange ersehnt. Ein Geschmack, den ich nicht kenne, der aber die Sinne betört.

Verdammt, was passiert mit mir?

 

***

 

Ich habe mich eine ganze Stunde lang damit abgelenkt eine Suppe zu kochen, denn ich gehe stark davon aus, dass mein Gast Hunger hat, wenn er aufwacht. Und was eignet sich besser, um einen Kranken zu verköstigen, als eine leckere Suppe?

Okay, Suppe ist auch das Einzige, was ich kochen kann. Alles andere wäre wohl eher Körperverletzung, als dass es zur Heilung beitragen würde.

Meine Gedanken schweifen immer wieder zu ihm. Ich sehe ihn vor mir. Seinen Körper.

Ist es eigentlich krank, wenn man einen am Boden liegenden vor sich hat, der von Verletzungen übersät ist, noch festzustellen, dass er einen geilen Körper hat? Irgendwie schon, oder?

Ohne jeglichen Zweifel aber ist es eindeutig krank, ausgerechnet jetzt den Wunsch zu verspüren, diesen Körper zu sehen. Immerhin liegt er nackt im Bett. Und damit bietet sich die perfekte Chance, um zu betrachten, was mir sonst wohl auf ewig verwehrt bleiben wird.

Ich schließe die Augen und lasse die Momente vor meinem inneren Auge ablaufen. Was hat mich am meisten an seinem Anblick erregt? Welche Stellen seines Körpers gehören auf diese Liste? Irgendwie sind es alle.

Seufzend fahre ich mir mit beiden Händen durchs Gesicht, schelte mich selbst einen Idioten, denn was denke ich mir eigentlich bei all dem? Dieser Mann wurde zusammengeschlagen und liegen gelassen wie Dreck. Ich habe ihn gefunden und seine unzähligen Wunden versorgt. Er liegt in meinem Bett und hat Schmerzen und ich sinniere darüber, wie geil sein Körper doch ist. Wüsste ich es nicht besser, würde ich sagen, ich habe einen kompletten Dachschaden.

Energisch schüttle ich den Kopf um all diese Gedanken zu verwerfen, setze mich zugleich in Bewegung, denn ich will nach meinem Patienten sehen.

Leise schleiche ich mich ins Schlafzimmer, trete ans Bett und betrachte das friedlich ruhende Gesicht. Er wirkt entspannt, scheint nicht von Schmerzen geplagt. Oder aber er kann es einfach gut kontrollieren. Könnte natürlich auch sein, dass er so erschöpft ist, dass er nichts mehr spürt. Eine Art Schlaf, die einer Ohnmacht gleicht.

Je länger ich hier stehe, desto mehr beschleicht mich ein seltsames Gefühl. Etwas in mir treibt mich dazu, mich wieder mal auf die Bettkante zu setzen, mich über ihn zu beugen und sein Gesicht zu mustern. Ehe ich es realisiere, habe ich die Hand ausgestreckt, berühren meine Fingerspitzen andächtig die Wange des Mannes, der hier in meinem Bett liegt und schläft.

Seine feuerroten Haare sind mittlerweile getrocknet und ergießen sich über den Bezug meines Kissens, gleichen einem wallenden Strom von Lava.

Rot.

Wieso ausgerechnet rot? Hat es eine Bedeutung? Oder mag er die Farbe einfach gerne?

Wer bist du und warum wünsche ich mir alles über dich zu wissen?

Verträumt spiele ich mit einer seiner roten Strähnen, lasse sie durch meine Finger gleiten. So weich.

Immer mehr verfalle ich diesem Anblick und dem tief in mir gehegten Wunsch, mehr von ihm zu sehen. Mein Blick streichelt seinen Hals hinab, verfolgt das Schlüsselbein, kann ich nicht widerstehen. Meine Finger legen sich an die Decke und schiebe sie ein Stück tiefer, nur um die nackte Brust noch einmal bewundern zu können.

Stark. Trotz all der Blessuren, er wirkt so unfassbar stark.

Am liebsten würde ich die Decke noch tiefer ziehen, aber mein Verstand gebietet Einhalt und hindert mich daran, seine Situation schamlos auszunutzen. Ein wenig verstört von mir selbst und der Leichtigkeit mich von einem banalen Verlangen hierzu hinreißen zu lassen, decke ich ihn wieder zu und atme tief durch.

Er gibt ein leises Stöhnen von sich und presst seinen Kopf hart ins Kissen, worauf sein Gesicht sich kurz verzieht, so als hätte er einen schlechten Traum.

Behutsam streichle ich ihm über die Wange, spüre, wie warm seine Haut ist, greife nach einem feuchten Lappen und lege ihm diesen auf die Stirn. Hoffentlich bekommt er kein Fieber.

Als er auf diese Geste mit einem Zischen reagiert und sein Körper sich anspannt, flüstere ich ihm leise und beruhigend zu: „Sht, alles ist gut. Ich bin hier. Dir kann nichts passieren.“

Zu meiner Verwunderung entspannt er sofort wieder und als wäre nichts gewesen, schläft er weiter.

„Ich werde nicht zulassen, dass dir etwas passiert“, nuschle ich vor mich hin und ertappe mich selbst schon wieder dabei, wie ich mich über ihn beuge, diesmal als Ziel seine Lippen vorfinde.

Kurz bevor die meinen seine Berühren, schrecke ich hoch, schnellt meine Hand vor meinen Mund, dämpft meinen Laut des Empörens über mich selbst.

„Liam“, keuche ich in meine Handfläche. „Was zur Hölle machst du hier?“

Was ist es nur, was mich so den Verstand verlieren lässt? Es ist nicht meine Art und passt einfach nicht zu mir. Und doch passiert es.

Um alles zu toppen, realisiere ich Hitze in meiner Lende. Mein Unterleib kribbelt und ist damit der Vorbote von etwas, was unangebrachter nicht sein könnte.

Verzweifelt beiße ich mir auf die Unterlippe, sehe ihn an, wie er da liegt, verschlinge sein Gesicht, jedes noch so kleine Detail davon.

Im selben Augenblick frage ich mich, wie erbärmlich ich eigentlich noch werden will. Ich hege diese Art an Interesse an ihm? Ausgerechnet jetzt?

Ganz nebenbei erwähnt habe ich eigentlich einen Partner. Ja, sicher, es läuft alles andere als gut und mein Kollege hatte bei unserer Unterhaltung vorhin durchaus Recht. Ich tue mir selbst keinen Gefallen, in dieser Beziehung zu leben. Aber es ist keine Rechtfertigung dafür, dem nächstbesten Kerl mit solchen Gedanken gegenüberzutreten. Zumal dieser Mann, der in meinem Bett schläft, absolut nichts mit meinem verkorksten Liebesleben zu tun hat.

Und wenn Lorenz von all dem hier wüsste, er würde mich erschlagen. Seine Eifersucht geht manchmal wirklich zu weit. Unangebracht. Aber er ist davon überzeugt, ich betrüge ihn. Wahrscheinlich schon mit mir selbst. Er ist ein Kontrollfreak, und wenn etwas nicht nach seinem Willen geht, tickt er schon mal aus. Eigentlich immer. Denn es geht nie nach seinem Willen. Immer bin ich es, der alles falsch macht. Ich atme und es ist verkehrt. Er sucht keine Gründe, um mir das Leben zur Hölle zu machen. Ihm genügt anscheinend, dass ich ein Mensch bin und keine steuerbare Maschine. Trennung. Es wäre wirklich das Beste. Aber wie? Ich habe es einmal versucht. Danach konnte ich vier Tage nicht mehr laufen, geschweige denn mich bewegen.

Er kommt nach so was immer wieder mit Entschuldigungen, schwört, dass es nie wieder passieren wird. Aber immer wieder passiert es. Und ich lasse es geschehen. Ich bleibe bei ihm. Wissend, dass es wieder passiert.

Ich bin Masochist. Krank.

Wie sagte Lorenz so schön: „Wer will schon so ein krankes Stück Scheiße wie dich haben? Du bist gut zu ficken, aber zu mehr auch nicht. Ein Stück Dreck. Mehr nicht.“

Im Laufe der Zeit glaubt man es selbst. Man resigniert und nimmt es hin. Anscheinend hat man es verdient so behandelt zu werden. Und das nur, weil man es beim Sex gerne härter hat und man an den Falschen geraten ist.

Ich habe ein Selbstwertgefühl wie ein Haufen Scheiße und selbst der weiß, dass er zu etwas nütze ist.

Erlösung. Rettung.

Regen, der vom Himmel fällt und mir stets eine Veränderung bringt. Etwas, dass mein Leben in eine neue Bahn lenkt. Eine unvorhersehbare Situation, die ausweglos erscheint und doch so vieles in sich bergen kann.

Liebe. Geborgenheit. Zuneigung. Wahre Gefühle.

Ehe ich mich versehe oder es wirklich beeinflussen kann, stehe ich erneut dicht am Bett, knie auf der Matratze, beuge mich tiefer und … küsse ihn.

Meine Lippen auf den seinen. Dieser Moment, so flüchtig wie ein Herzschlag und doch so bedeutend. Für mich. Für mein Leben.

„Rette mich vor mir selbst“, wispere ich leise, löse mich von ihm, stehe auf und verlasse hastig das Schlafzimmer.

Ich bin ein armseliges Stück Scheiße. Oh ja. Ich jage Träumen hinterher, die sich niemals erfüllen werden, denn ich fürchte die Zukunft. Ich fürchte, dass alles schlimmer werden könnte. Schlimmer als es jetzt schon ist. Wieso sollte ich das Glück haben, dass es mal nicht so verläuft, wie es bisher immer verlaufen ist?

Ich bin ein siebzehn Jahre alter junger Mann, der einen Minderwertigkeitskomplex hat und ganz nebenbei noch pervers ist. Tolle Aussichten für die Zukunft. Muss ich ja mal sagen.

Küsse einen mir fremden, schlafenden Mann, einfach weil mir danach ist. Ich nutze seine Hilflosigkeit schamlos aus. Verdammt! Und es macht mich geil!

Vor Wut beiße ich die Zähne zusammen, drehe mich hastig um und flüchte direkt ins Badezimmer.

Raus aus meinem Kopf, all ihr Gedanken. Diese Hitze muss aus mir. Das Verlangen nach ihm muss erlöschen.

 

Wasser.

Es prasselt herab, hüllt meinen Körper ein. Dampfschwaden belagern den Raum, vernebeln die Sicht, erwecken den Anschein einer nicht realen Welt. Ich bin nur ein Teil eines fadenscheinigen Spiels, eine Marionette. Die Frage ist, wessen Spielzeug ich bin? Nicht nur das anderer Menschen, sondern vor allem das, meiner eigenen Gier.

Keuchend sinke ich mit dem Rücken an die Wand, streichle mit beiden Händen meinen Körper, reize mich an den empfindlichsten Stellen. Sanft kneife ich in meine Nippel, stöhne leise, werfe den Kopf in den Nacken und genieße das Wasser, welches mein Gesicht trifft.

Meine Hand wandert tiefer, gezielt zu jener Stelle, die beim bloßen Gedanken an den Fremden in meinem Bett, unweigerlich nach Aufmerksamkeit lechzt. Pulsierend steht mein Schwanz aufrecht und sehnt sich nach Berührungen, nach Zuwendung und einer liebevollen Behandlung, welche ihm zur absoluten Erfüllung verhilft. Scharf zische ich die Luft aus, kaum dass meine Fingerspitzen meine Eichel umkreisen. Befeuchtet von Wasser reibt es sich leichter und die Sensibilität hat enorm zugenommen. Ich genieße es, wie mir die Knie schwach werden, je mehr ich an meiner Spitze spiele. Gezielt gleitet meine Fingerkuppe über die Öffnung, immer wieder. Ich zittere. Schon jetzt. Mein ganzer Körper ist ein Sklave meiner eigenen Lust. Meine Nippel sind steinhart, mein Hoden angespannt, mein Schwanz explodiert beinahe und mein Arsch sehnt sich nach einer harten Nummer.

Ungeniert streift meine Hand von meiner Brust über meine Seite, nach hinten an meine Arschbacke, streichelt diese kurz, ehe mein Finger ungehalten zwischen meine Backen gleitet und ich meine Enge necke.

„Verdammt!“, keuche ich auf und ringe nach Luft. Das Bild vor meinen Augen verschwimmt immer mehr und alsbald muss ich die Augen schließen. Ich will mich dem Genuss hingeben, will ihn vor meinem inneren Auge sehen. Den Mann mit den roten Haaren. Die Illusion er könnte mein Retter sein, derjenige, der mich aus dem Sumpf zieht, in welchen ich mich selbst begeben habe, ist einfach zu schön, um wahr zu sein. Aber als sexuelle Vorlage kann er mir dienen. Dafür muss er nichts erfüllen. Es genügt sein Anblick. Die Erinnerung daran.

Mein Herz rast, mein Blut rauscht durch meine Adern, bringt mein Fleisch zum Kochen. Ich bin erregt, ohne Zweifel bin ich das. Aber so erregt, dass ich durchaus in der Lage wäre, gleich ein Ende zu finden, das bringt mich doch zum Zweifeln. Ich zweifle an mir selbst. Alleine die Vorstellung, jetzt nur neben ihm zu liegen, neben seinem nackten Körper bringt mich beinahe zum Spritzen?

Hölle!

Wenn ich mir jetzt seine Lippen vorstelle, wie sie meine feuchte Spitze küssen, sich teilen und mich in eine heiße und feuchte Hölle der Lust einlassen, explodiert mir echt gleich der Schwanz.

Aber so weit soll es gar nicht kommen, denn plötzlich höre ich, wie die Badezimmertür geöffnet wird.

Ich erstarre.

Ich denke nicht, dass mein rothaariger Besucher es ist. Also bleibt nur eine Möglichkeit: Lorenz! Verdammt!

Der Vorhang wird zur Seite gerissen und ich blicke in das erboste Gesicht meines Partners. Wut! Hass! Seine Augen sind zu schmalen Schlitzen gezogen und ich schlucke schwer, bin nicht fähig mich zu bewegen.

In meinem Kopf forme ich schon sämtliche Entschuldigungen, Sätze, die ihm erklären können, dass es nicht so ist, wie er vielleicht denkt. Jedoch komme ich nicht mal dazu, eine Silbe zu formen, schon packt er nach mir, krallt in meine Haare und reißt mich unsanft aus der Dusche.

Ich bin unfähig mich zu wehren, lasse ihn walten, spüre nur, wie ich hart gegen die Fliesen geschleudert werde.

Er hält meinen Kopf gegen die Wand gedrückt, sieht mich an, erdolcht mich mit seinen Augen. Augen, die ich einst liebte, die ich nun nur noch verachte. Schmerz. Mein Bauch zieht sich zusammen und mir wird binnen einer Sekunde übel und kurzweilig schwarz vor Augen. Schwindelgefühl sucht mich heim.

„Du elende, kleine, dreckige Schlampe! Was bildest du dir ein!“, faucht er mich an und ich könnte nicht mal antworten, selbst wenn ich wollte.

„Was sucht dieser Kerl in meinem Bett?“, fragt er, spuckt mir dabei schier mit jedem Wort Abscheu ins Gesicht.

Ich sehe ihn nur an, aus müden Augen.

Ich bin es so leid. Der Spielball eines Geisteskranken zu sein ist nicht das, was ich wollte. Alles erscheint mir sinnvoller, als das. Besser eine späte Einsicht, als gar keine. Immerhin etwas.

„Was hast du mit diesem Pornokerl zu schaffen? Fickst du mit ihm? Ja? Ist er dein Neuer?“

Was fragt er mich das überhaupt? Für sich hat er doch schon beschlossen, dass es so ist. Selbst dann, wenn es nicht so ist. Leider.

„Weißt du eigentlich, was für Ärger du mir damit machst? Wenn jemand herausfindet, dass der Kerl hier ist, bin ich geliefert! Die bringen mich um!“

Warum auch immer irgendwer ihn deswegen umbringen sollte verstehe ich nicht, aber ich verstehe ohnehin selten, was in Lorenz vor sich geht. Er ist ein einziges Rätsel und ich war nie gewillt es lösen zu wollen. Es interessiert mich nicht, was für ein Problem er damit hat, dass besagter Pornokerl hier ist. Schließlich befinden wir uns hier in meiner Wohnung. Ich entscheide, wer in meinem Bett liegt und wer nicht. Ebenso entscheide ich, wem ich helfe und wem nicht.

„Du wertloses Stück Scheiße. Ich bring dich um!“

Warum ich ausgerechnet jetzt grinse? Vielleicht nicht der beste Augenblick, um aufsässig zu werden, aber was habe ich denn zu verlieren? Nichts. Rein gar nichts.

„Dazu fehlen dir die Eier!“, nuschle ich ihm eiskalt entgegen und schon entzündet sich in seinem Blick abgrundtiefer Hass. Mir ist bewusst, dass ich meine Worte bereuen sollte, aber ich tue es nicht.

 

Wenn er mich umbringen will, dann soll er es endlich machen. Damit wäre all das Elend endlich vorbei und ich müsste mir nicht immer wieder jeden Tag aufs Neue selbst vorlügen, dass sich noch mal etwas ändern wird. Ob nun im Bezug auf ihn oder auf mein Leben im Allgemeinen. Es wird sich nichts ändern. Nie. Die einzige Änderung, die es vielleicht noch geben könnte, wäre die Erlösung durch den Tod.

„Hast du mit ihm gevögelt?“, will er wissen und ich sehe ihn weiterhin nur an, grinse noch mehr.

„Geht dich das etwas an?“, entgegne ich vom Wahnsinn gepackt.

„Dein Arsch gehört mir, du elende Hure!“

„Ach ja? Die elende Hure hatte einfach Bock mal wieder richtig geilen Sex zu haben. Mit dir ist es ja langsam nur noch eine traurige Routine geworden. Du bringst es nicht mehr, Lorenz. Du bist ein Nichts und du bist es nicht mal wert, dass ich die Hosen herunterlasse.“

Ich reize ihn. Fordere es heraus. Das Ende. Ich sehne es herbei. Dann wäre das Übel vorüber. Dieses ganze falsche Spiel. Der Sumpf aus Lügen, in dem ich mich stets in Sicherheit wog. Letztlich nur ein Gefängnis aus Angst vor Enttäuschungen. Dabei lebe ich in einer einzigen Enttäuschung. An der Seite eines Idioten, der sich für Gott hält. Und er ist ein Nichts. Ein Sandkorn in der Waage des Lebens. Nicht von Bedeutung.

Ein klägliches Keuchen verlässt meine Kehle, und auch wenn ich es so herausgefordert habe, kann ich die normale Reaktion meines Körpers nicht unterbinden. Meine Hände schnellen an sein Handgelenk, krallen sich in Selbiges, versuchen, seinen Griff an meiner Kehle zu lösen. Unweigerlich drücken sich seine Finger in meinen Hals, schnüren mir immer mehr die Luft ab.

Mir schwinden die Sinne. Graue und schwarze Schleier verhüllen mir die Sicht. Alles verschwimmt im Nebel der nahenden Ohnmacht.

„Verdammte, dreckige Hure!“, zischt er und ich ringe nach jedem Hauch Atem.

„Schleppst diesen elenden Hurensohn hier an, vögelst mit ihm und das alles in unserer Wohnung!“

Krächzend zische ich: „Meine Wohnung!“

Er verstärkt den Druck und ich spüre wie mir die Kräfte den Dienst versagen. Mein Herz schlägt seltsam schwer, während meine Lungen brennen, Sauerstoff fordern, den ich nicht einsaugen kann.

„Ich bring dich um und dann deinen dreckigen Liebhaber! Ihr beide seid kein Verlust für die Menschheit! Du schon gar nicht!“

Ja. Vielleicht hat er damit ja wenigstens ein einziges Mal recht. Ich bin kein Verlust. Aber er schon.

Seine roten Haare. Diese unergründlichen Augen. Er wäre ein Verlust für die Menschheit und ich möchte nicht dafür verantwortlich sein. Woher auch immer ich die Kraftreserve nehme, ich kralle in seinen Unterarm, reiße mein Bein hoch, trete ihm frontal zwischen die Beine.

Er lässt abrupt von mir ab, schreit auf, klemmt beide Hände an seinen Schwanz und wimmert undefinierbare Worte vor sich hin.

Mein Körper kracht schwach zu Boden und doch ringe ich verzweifelt nach Luft, während ich versuche, aus dem Badezimmer zu fliehen. Über den Boden kriechend, über den kalten Fliesenboden, eine Hand ausgestreckt. Ich muss die Tür erreichen und ihn warnen! Ihm darf nichts passieren! Er hat doch gar nichts getan!

Lorenz packt mich am Bein, reißt mich zurück, spüre ich seinen Fuß auf meinem Steißbein, wie er auf meinen Rücken drückt, mich halten will. Seine Hand versucht, nach meinen Haaren zu greifen, doch ich wehre mich. Immer wieder winde ich mich hin und her, versuche ich zu schreien, doch meine Kehle ist noch immer zugeschnürt, obwohl seine Hand schon nicht mehr an ihr weilt.

Ein Klirren erregt meine Aufmerksamkeit und ich reiße mich mit aller Kraft herum, sehe nur, wie der große Spiegel zerbricht, die Scherben auf mich herabfallen. In solchen Momenten birgt der Körper ungeahnte Kräfte. Wieder einmal schaffe ich es irgendwie, seinen Fuß von mir zu lösen, drehe ich mich blitzschnell auf die Seite, kauere mich zusammen und schütze mich irgendwie selbst. Wieso kämpfe ich? Wollte ich nicht, dass er mich umbringt? Wollte ich nicht Erlösung von all dem?

Lorenz packt mich an der Schulter, reißt mich herum und ich starre ihn aus weit aufgerissenen Augen an.

In seiner Hand eine große Scherbe. Blut tropft auf den Boden, auf meinen Oberschenkel. In seinem Gesicht liegt absoluter Größenwahn. Er ist verrückt! Ohne Zweifel! Er war es schon immer!

„Verrecke, du billige Hure!“, schreit er mich an und ich sehe die Scherbe wie in Zeitlupe herab schnellen, weiß, wenn sie mich trifft, bin ich geliefert.

Panisch versuche ich wegzurutschen, wenigstens ein Stück, so dass er mich nur verletzt und nicht tötet.

Ich muss ihn warnen! Sein Feuer darf nicht erlöschen! Nicht meinetwegen. Ich will nicht Schuld daran haben. Meiner Meinung nach wurde mir schon an genug Dingen die Schuld gegeben. Noch mehr und ich breche mir daran noch das Genick. Oh Ironie. Als wäre das jetzt noch ein Problem.

Ich kämpfe weiter, will nicht aufgeben. Aber wie soll ich entkommen? Die Hand, welche die Scherbe umklammert hält, schnellt herab. Unaufhörlich. Nicht zu stoppen.

In letzter Logik reiße ich die Arme hoch und versuche mich zu beschützen, zu verteidigen, die Scherbe abzuwehren.

Aus dem Nichts sehe ich zwei Hände auftauchen. Sie wirken groß. Schützend. Die schlanken Finger umschließen meine Handgelenke und blitzschnell reißt mich jemand mit absurder Leichtigkeit über den Boden zur Tür hinaus. Die Scherbe trifft in dem Moment auf den Boden und splittert. Lorenz schreit auf, hat sich seine Hand noch mehr zerschnitten.

Ich liege da und zittere am ganzen Körper. Mir wird bewusst, was hier gerade geschehen ist. Ich wurde gerettet, bin dem Tod damit von der Schippe gesprungen. Aber auf den letzten Bruchteil einer Sekunde.

Noch ehe ich weiter darüber nachdenken kann, sehe ich, wie eine Person über mich steigt und sich schützend vor mich stellt. Fassungslos hebe ich den Blick an, sehe eine Decke, die notdürftig um eine schmale Hüfte geschlungen ist, einen starken Rücken, breite Schultern und … feuerrotes, langes Haar.

„Ich bring dich um, du Hurensohn!“, schreit Lorenz auf und ich weiß gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Im nächsten Moment höre ich ein schnippisches Lachen und dann folgt etwas, was mir eiskalte Schauer über den Rücken jagt.

„Das habe ich heute schon einmal gehört. Ich lebe immer noch!“, sagt eine Stimme, so unfassbar wohlklingend, dass ich mich schier in ihr verlieren könnte. Tief und kehlig, mit solch grenzenloser Ruhe, dass es beinahe schon wieder unmöglich sein muss.

„Verschwinde! Diese dreckige Schlampe gehört mir!“, schreit Lorenz ihn an, aber er rührt sich nicht. Kein Stück. Bleibt unbeeindruckt stehen.

„Ich denke nicht, dass du Rechte an einem Menschenleben besitzt, du elender kleiner Witzbold!“, wird mein Retter nun auch energischer. Diabolisch. So klingt er. Erhaben und weit über Lorenz, der eigentlich nur blödes Zeug brüllt.

Ich kann nur die Füße meines nun definitiv Ex-Partners erkennen, aber es genügt, um zu sehen, dass er ihn angreifen will. Doch er kommt nicht weit. Mit einem gezielten Faustschlag wird er zurückgeworfen. Lorenz schreit auf. Wieder einmal.

Was dann folgt, ist wie ein Film.

Lorenz versucht erneut, seine Macht zu demonstrieren, aber er unterliegt dem Rothaarigen. Der packt ihn am Kragen, reißt ihn angstlos an sich und bugsiert ihn Richtung Wohnungstür. Diese öffnet er und ohne lange zu fackeln, stößt er ihn hinaus. Ich kann nur hören, wie Lorenz mehrfach schmerzerfüllte Laute von sich gibt, während sein Körper einige Stufen hinab fällt.

Mitleid? Kein Stück. Im Gegenteil. Ich fühle endlich innere Befreiung. Nach allem, was er mir angetan hat, im Lauf unserer gemeinsamen Zeit, ist ein Treppensturz noch viel zu wenig. Lorenz müsste tausendmal von einem vierzig Stockwerke hohen Hochhaus fallen, um es annähernd gut zu machen. Mein Körper ist im Laufe der Zeit vielleicht resistent geworden, gegenüber all den Angriffen, doch meine Seele ist es nicht und wird es nie sein können. Ich war vorher schon ein Wrack. Aber jetzt bin ich weit unter diesem Niveau.

Lorenz schmerzvolles Ächzen wird unterbrochen, denn mein Retter ergreift das Wort und was er sagt, beeindruckt sogar mich, obwohl die Drohung darin nicht mal mir gilt: „Näherst du dich ihm noch ein einziges Mal, schwöre ich dir, wirst du den Tag bereuen, an dem du geboren wurdest! Er steht unter meinem Schutz! Und dass ich eindeutig härter im Nehmen bin, als du Weichei, steht nicht zur Debatte. Verpiss dich und lass dich nie wieder hier sehen!“

Lorenz Fluchen verstummt, als die Türe geschlossen wird und auch wenn er außen noch am Meckern ist, so herrscht alsbald eine beängstigende Stille.

Ich liege am Boden und lasse den Kopf sinken, verharre ruhig, starre an die Decke über mir und verarbeite das Geschehene. Insofern ich es verarbeiten kann.

Jeder normale Mensch würde nach all dem jetzt anfangen zu weinen, was auch nur zu verständlich wäre. Aber so sehr mir auch danach ist, keine einzige Träne will sich zeigen. Für andere vielleicht nicht zu verstehen, aber es ist Routine. Derartige Behandlungen habe ich mehrfach erlebt und zu oft habe ich deswegen lange geweint. Aber es wurde niemals besser dadurch. Irgendwann habe ich aufgegeben zu hoffen, dass sich etwas ändert. Weder haben sich je die Menschen geändert, die mich so behandelt haben, noch wurde ich durch das Vergießen von Tränen stärker. Ich bin lediglich abgestumpft und habe es irgendwann als normal hingenommen. Ich heiße es nicht gut, aber ich ertrage es. Mit dem Letzten bisschen Würde, welches ich mir erhalten konnte. Aus meiner Trance reißt mich ein Schatten und alsbald sehe ich mich den Augen gegenüber, deren Glanz ich um alles in der Welt erhalten und bewahren wollte.

In seinem Blick weilt Skepsis und ebenso Sorge. Ich weiche nicht aus, erwidere seinen Augenkontakt und scheue nicht zurück. Es gibt kein Geheimnis zu wahren, warum also seinem Blick ausweichen?

Doch dann passiert etwas, womit ich nicht gerechnet habe und was mich komplett aus dem Trott reißt, in welchem ich sonst stets gefangen war.

Eine Berührung. Seine Hand nähert sich meinem Gesicht und er wischt mir erst einige Strähnen von der Stirn, ehe er seine Handfläche zärtlich auf meine Wange legt und ich unter dieser Berührung, dieser Zärtlichkeit, zerbreche.

Plötzlich flutet mich so vieles auf einmal. Angst, Scham, Trauer, Wut, Hass, Verzweiflung, Frust.

Überrannt von meinen eigenen Emotionen, die ich so lange stets verschlossen hielt, werde ich mir darüber bewusst, was hier gerade wirklich vor sich geht.

Ich kann mit Schlägen umgehen, komme damit klar, getreten und beinahe erwürgt zu werden, aber eine simple sanfte Geste zerreißt mich in tausend Stücke.

Er sieht mir tief in die Augen, rührt sich kein Stück, als würde er darauf warten, dass ich reagiere.

Noch gelähmt und eingenommen von allem erschlagen von meinem eigenen inneren Ich, welches das erste Mal seit so langer Zeit aufbegehrt, sich nach dem sehnt, was es sich immer wünschte, nach einer weiteren zärtlichen Geste lechzt.

Zärtlichkeiten. So selten habe ich sie erfahren dürfen. Kaum ein Mensch hat bisher je Wert darauf gelegt, mir auf diese Art nahezulegen, dass ich ihm wichtig bin.

Familie. Eine Familie hätte es sicher getan. Aber ich kann mich nicht erinnern, jemals das Gefühl gehabt zu haben, Teil einer Familie gewesen zu sein. Ich wuchs bei mir fremden Leuten auf. Leute, die meine Familie sein sollten, waren mir gänzlich Fremde.

Erinnerungen fluten meinen Kopf, während ich da liege, und schier in den grünblauen Augen versinke, die mich zu durchbohren scheinen. Als würden sie mich immer tiefer in sich hineinziehen, mich mit all dem konfrontieren, was ich so lange erfolgreich einfach verdrängt hatte.

Und ehe ich mich versehe, reiße ich die Arme hoch, schlinge sie um seinen Nacken und ziehe mich hoch, an ihn, drücke mich verzweifelt dicht an seinen Körper.

„Oh Gott, bitte halt mich einfach nur fest!“, flehe ich mit krächzender, schwacher Stimme und muss nicht lange warten, da legt er seine Arme um mich und hält mich. In diesem Augenblick fällt alles von mir ab und ich realisiere das erste Mal, dass jemand hier ist. Jemand der mich nicht quält, um sich dann an meinem Leid zu bereichern. Nein. Er hat mich beschützt und nun spendet er mir Halt und Trost. Er lässt mir eine zärtliche Geste zukommen. Zärtlichkeit.

Ich kenne ihn nicht. Er kennt mich nicht.

Wir sind uns eigentlich fremd. Noch nie habe ich mich jemandem so nahe gefühlt, wie ihm im Moment.

Im einen Augenblick noch blicke ich aus dem Fenster, sehe den draußen fallenden Regen und im nächsten schon bemerke ich die Tränen, die über meine Wangen fließen.

Zerbrochen. Ich wurde immer wieder zerbrochen. Irgendwann konnte ich nicht mehr weiter zerbrechen.

Nun aber hat es jemand geschafft, mich aus dieser Welt zu reißen, denn jemand will mich nicht zerbrechen, sondern wieder zusammensetzen.

All die Tränen der vergangenen Monate brechen aus mir und ich scheue mich nicht, sie fließen zu lassen. Ich kann mir keine Blöße mehr vor ihm geben. Er hat mich am Boden gesehen, ganz unten, in den Scherben meiner Existenz und doch ist er hier und hält mich fest.

Er. Mein Retter mit den feuerroten Haaren und den wunderschönen glänzenden grünblauen Augen.

 

***

 

Als ich die Augen öffne, realisiere ich schnell, dass ich in meinem Bett liege. Irritiert drehe ich den Kopf zur Seite und noch ehe ich wirklich begreife, was Sache ist, schleicht sich ein Lächeln auf meine Lippen. Neben mir liegt er … der Rothaarige. Und noch viel mehr zum Grinsen bringt mich die Tatsache, dass sein Arm über meinem Bauch liegt, er mich also festhält.

Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, drehe ich mich leicht auf die Seite, kann mir nur mit aller Mühe das schmerzvolle Ächzen unterdrücken. Mir tut wirklich alles weh. Doch die Tatsache, dass er mich bei sich hält, dies eine Zärtlichkeit ist, von der ich bisher stets nur träumen konnte, lässt mich darüber hinwegsehen.

Ich betrachte ihn, mustere sein schlafendes Gesicht, verfolge eine seiner langen Strähnen, die ihm wild über die Stirn hängt.

Er ist wirklich hübsch. Ich mag die Art seiner markanten Gesichtszüge, deren Harmonie. Perfektion. Trotz der Blessuren, die versuchen ihn zu entstellen.

Hinzu kommen seine roten Haare.

Ich kann nicht sagen warum, aber ich liebe sie. An ihm.

Gerade, als ich mich wieder ins Kissen kuscheln will, um seinen Anblick weiterhin genießen zu können, trifft mich der Blick aus seinen unergründlichen Augen. Schweigend sieht er mich an und ich bin nicht fähig etwas zu sagen, geschweige denn etwas zu machen. Nervös beiße ich mir auf die Unterlippe, versuche, seinem Blick standzuhalten, aber ich kann es nicht. Ich senke meine Augen, ziehe lediglich die Decke etwas höher, als würde ich mich darunter verstecken wollen.

Scham. Wieso nur empfinde ich jetzt Scham?

Ich wurde so oft in den unmöglichsten Posen zur Schau gestellt, während ich Dinge über mich ergehen ließ, die ich jetzt nicht weiter ausführen möchte. Dabei empfand ich niemals auch nur einen Funken Schamgefühl.

Ausgerechnet jetzt scheine ich damit anzufangen, eines zu entwickeln. Sehr unpassend.

„Ist es dir lieber, wenn ich gehe?“, fragt er mich und ich reiße die Augen auf, starre ihn an.

Wie kommt er denn jetzt darauf? Denkt er wirklich, ich würde mich dann wohler fühlen? Das Letzte was ich jetzt will, ist alleine sein!

„Nein!“, bricht es ungehalten aus mir heraus, bemerke ich, wie angeschlagen meine Stimme ist, wie sehr mein Hals schmerzt. Ein Kratzen in der Kehle lässt mich leicht Husten, worauf meine Hand an meinen Hals greift und ich unter dieser bloßen Berührung zusammenzucke.

Schon umschließen seine Finger mein Handgelenk, er zieht meine Hand zurück und ich kann nicht verhindern beschämt den Kopf zur Seite zu drehen.

Mir fällt so viel ein, wofür ich mich vor ihm in diesem Augenblick schämen könnte, dieses Gefühl ist intensiv und nicht zu kontrollieren.

Eine Weile lang herrscht Schweigen, weiß ich nicht, was ich sagen soll, bis ich letztlich merke, ich habe mich noch gar nicht bei ihm bedankt.

„Danke für deine Hilfe“, nuschle ich ihm zu und blinzle vorsichtig zu ihm.

„Wir sind quitt, Liam“, stellt er für sich fest und ich verstehe sofort, lasse ihn aber zu gerne ausführlich erläutern, was er meint. „Du hast mich von der Straße geholt und meine Wunden versorgt. Hätte ich dabei zusehen sollen, wie dieser Spinner dich umbringt?“

Diese Stimme. Sie geht unter die Haut und ins Herz. Ich weiß nicht, ob nur ich sie so höre, ob nur ich so ergriffen von ihr bin, die Worte nur mich so einhüllen und in eine andere Sphäre tragen.

Diese Tonlage und die Art, wie er spricht, vermittelt mir irgendwie eine Art von Sicherheit.

Es ist ein wenig wie eine Melodie, die einen durch die Dunkelheit führt, leitet, bis zum sicheren Ausgang.

„Danke, dass du es verhindert hast. Obwohl …“ Ich stocke und schließe die Augen, atme tief durch, so gut es halt geht. Sein fragender Blick ruht auf mir und ich spüre zu deutlich, dass er nicht weichen wird, bis ich meinen Satz beendet habe.

„Ich habe mir gewünscht, er würde es endlich beenden. Endlich zu Ende bringen, was er so oft angefangen hat. Ich habe ihn gereizt, habe schier darum gebettelt, ihn angefleht. Da hat er es endlich erhört und beinahe vollendet und dann …“ Wieder breche ich ab, spüre seine sanfte Hand, die sich auf meinen Kopf legt, mir zärtlich durch die Haare streichelt.

„Und dann war da ein kleines Licht, welches die Dunkelheit durchbrach und dein Wunsch zu sterben schwand und wurde ersetzt durch den Wunsch weiterzuleben“, flüstert er und ich sehe ihn verwundert an. Etwas Trübseliges ruht in seinem Gesicht, während seine Augen verschleiert einen nicht vorhandenen Punkt fixieren. Sieht er mich an? Oder durch mich hindurch?

Seine Worte aber sind wahr. Zuerst forderte ich von Lorenz, mir endlich die Dunkelheit zu geben, doch dann dachte ich an ihn und da war dieser Wunsch nach Leben. Ich wollte leben.

Für diesen mysteriösen Mann.

„Er hat gedroht dir etwas anzutun. Das konnte ich nicht zulassen. Du hast nichts mit meinem verkorksten Leben zu tun. Der Gedanke, er würde dir etwas antun, ich weiß nicht warum, aber ich wollte es nicht zulassen. Ich konnte es nicht. Und dann waren da diese ungeahnten Kräfte. Ich hätte es wahrscheinlich nicht mal geschafft ihn davon abzuhalten. Aber ich hätte dich warnen können und du hättest dich vielleicht mehr zur Wehr setzen können, wenigstens dich verteidigen können. In dem Moment war das mein stärkster Antrieb.“

„Ihr wart so laut, das hätte man nicht überhören können. Nicht mal, wenn man gewollt hätte. Außerdem hatte ich Kopfschmerzen und kann es auf den Tod nicht ausstehen, wenn dann jemand so einen Lärm macht“, murmelt er kühl vor sich hin, und auch wenn diese Worte eisig erscheinen, so lassen sie mich nur milde Lächeln.

„Tut mir leid. Beim nächsten Mal versuche ich mich leiser umbringen zu lassen“, versichere ich ihm und fasse all meinen Mut zusammen, strecke die Hand aus und streichle durch sein rotes Haar, schnappe mir eine Strähne und spiele mit dieser. Andächtig lasse ich die langen Haare durch meine Finger gleiten, verfolge gebannt, wie sich das Rot so seidig über meine Fingerknöchel bewegt.

„Du solltest nie wieder zulassen, dass dich jemand so behandelt“, sagt er und ich kann beobachten, wie er die Augen leicht schließt und meine Geste an seinem Haar anscheinend genießt.

„Ich kenne es nicht anders“, nuschle ich kleinlaut, spüre, wie in mir alles danach schreit, diese menschgewordene Sünde zu küssen. Was denke ich mir eigentlich? Wieso nur hat er so eine unfassbare Ausstrahlung? Warum kann ich dieser nicht widerstehen?

„Dann such dir jemanden, der dich eines Besseren belehrt“, murmelt er und ich muss leicht lachen.

„Stellst du mir so jemanden vor? Verkuppelst du mich mit demjenigen?“, will ich wissen und lasse von seiner Haarsträhne ab, gleite mit den Fingerspitzen über seinen Kiefer hinweg zu seinem Kinn, bis zu seinen Lippen.

Mir wird ganz anders, als mein Finger diese warmen, unfassbar weichen Lippen berührt. Der absolute Kontrast zu seinem in Stein gemeißelten Gesicht, welches so beängstigend regungslos bleiben kann.

Wieder schnappt er nach meinem Handgelenk und ich zucke zusammen, scheine ich mit meiner Art etwas zu aufdringlich gewesen zu sein. Entschuldigend sehe ich ihn an, will gerade etwas sagen, schon versagt mir mein Herz den Dienst.

Es setzt einen Schlag lang aus, ehe es anfängt, wie verrückt zu rasen.

Er küsst mich. Seine Lippen berühren die meinen, so zärtlich und unbeschreiblich bedeutend, dass ich am liebsten weinen würde vor Glück. Noch nie bin ich so sanft geküsst worden. Wirklich noch nie.

Ich nehme Bewegung wahr, spüre dann, wie er näher kommt. Schon ist er über mich gebeugt und die angenehme Last seines Körpers weilt auf meinem. Es fühlt sich gut an. Unbeschreiblich gut.

Meine Augen sind geschlossen, genieße ich diesen Kuss einfach zu sehr, um ihn zu beenden. Ich fürchte, was ich sehen könnte, wenn ich die Augen öffne. Aber eigentlich gibt es da doch nichts zu fürchten, oder? Die Initiative ging von ihm aus. Er hat mich geküsst. Er küsst mich immer noch.

Nur unsere Lippen schmeicheln sich, nicht mehr passiert, aber es genügt, um mir die Schönheit des Lebens vor Augen zu halten.

Er belehrt mich gerade eines Besseren.

Ich kann nicht anders, öffne die Augen und sehe in die Seinen. Er löst seine Lippen von Meinen, weicht ein Stück zurück, spüre ich eine sanfte Geste seiner Finger, die durch meine Haare gleiten.

„Ich bin Luca“, sagt er dann ruhig und es bedarf keiner weiteren Worte mehr.

Er hat sich mir gerade vorgestellt.

Der Zusammenhang ist deutlich ersichtlich und ich kann es zwar nicht begreifen, aber durchaus verstehen, was er mir gerade angeboten hat. Was das zu bedeuten hat.

Ohne zu zögern, schlinge ich die Arme um ihn, halte ihn fest, werfe einen Blick aus dem Fenster.

Es regnet. Aber ich mag Regen. Denn er bringt mir Veränderungen. Schicksal.

Beflügelt von diesem Gedanken lasse ich mich in die warme Dunkelheit fallen, ergebe mich der Erschöpfung meines Körpers und schlafe ein. Das erste Mal seit unvorstellbar langer Zeit, mit einem angenehmen Gefühl von Nähe und Geborgenheit.

 

 

Kapitel 2

 

Nur schwer gelingt es mir, die Augen zu öffnen, drifte ich immer wieder für Sekunden in den Schlaf, obwohl etwas in mir sich vehement sträubt, weiter zu schlafen. In diesem dämmrigen Zustand kann ich nicht wirklich klar denken, aber ich füge einige Erinnerungen an die letzten Stunden zusammen und realisiere langsam, was geschehen war. Andächtig berühren meine Finger meine Lippen, erinnere ich mich an den Kuss. Sofort erfüllt mich eine angenehme Wärme und schlägt all die dunklen Gedankenfetzen beiseite.

Sehnsucht. Luca.

Als ich mich jedoch zur Seite drehe, muss ich erkennen, dass das Bett neben mir leer ist. Er ist weg?

Wo ist er?

War das alles nur ein viel zu schöner Traum?

Ich will mich aufrichten, doch etwas hindert mich. Ein Duft. Er lastet angenehm im Kissen und in der Decke.

Ohne zu zögern, sinke ich wieder nieder, schmiege mich ans Kissen, kuschle die Decke an mich und inhaliere diesen Geruch.

„Luca“, flüstere ich leise und kann nicht verhindern, erleichtert zu grinsen. Es war kein Traum. Nein. Ganz sicher nicht. Träume riechen nicht so real.

Dennoch sehe ich mich um, versuche zu erkennen, ob Luca vielleicht doch schon gegangen sein könnte. Aber auf dem Beistelltisch liegen noch seine Schlüssel und sein Geldbeutel. Lediglich sein Handy fehlt.

Vielleicht ist er Telefonieren. Aber wo?

Langsam richte ich mich auf und krabble aus dem Bett. Mir tut noch immer jeder einzelne Knochen weh, aber die Neugier ist stärker als der Schmerz. Oder ist es Sehnsucht, die mich treibt?

Ich muss ihn sehen, will die Bestätigung dafür, dass er noch da ist.

Notdürftig wickle ich mir die Decke um den Körper und tapse los. Ich schleiche durch meine Wohnung, um auch ja das kleinste Zeichen orten zu können, welches mir hilft, herauszufinden, wo er sich aufhalten könnte.

Und ich höre ihn schon. Er telefoniert. Seine Stimme ist ruhig und ein wenig unterkühlt, während er jemandem gerade in Kurzfassung schildert, dass er nach einem Zwischenfall mit einigen Kerlen von mir gefunden und versorgt wurde.

Küche. Da gehe ich hin und komme im Türrahmen zum Stehen, lehne mich dagegen und beobachte ihn eine Weile.

Er hat mir den Rücken zugewandt, lehnt an der Küchenzeile und blickt durch das Fenster hinaus, während sein Gesprächspartner gerade das Wort ergriffen hat.

 

Aus den Augenwinkeln sehe ich einen Teller stehen, in welchem ein Löffel liegt. Anscheinend hat er etwas gegessen. Der Gedanke, dass er die Suppe gegessen hat, die ich für ihn gekocht habe, lässt mir ganz warm ums Herz werden. Außerdem fehlen die Verbände, welche ich ihm angelegt hatte. Ob es ihm jetzt schon besser geht? Ich denke nicht, vielleicht haben sie ihn gestört.

Auf einmal dreht er sich um, hat Notiz von mir genommen und sieht mich nur still an. Ich klammere die Decke fest und bleibe wie angewurzelt stehen.

„Er ist gerade wach geworden. Ich werde alles Nötige mit ihm klären. Ich habe dir deine Aufgaben geschildert. Führe sie aus. Sobald ich mehr weiß, erhältst du weitere Anweisungen.“ Während dieser Worte macht er einen Schritt vorwärts, nur um sich dann der Kaffeekanne zuzuwenden und zwei Tassen mit Kaffee zu füllen.

„Du kennst dich doch aus. Übernimm du das, bis ich wieder auf den Beinen bin. Ein paar Tage wird es schon gehen. Außerdem stand nichts Weltbewegendes an. Nächste Woche bin ich wieder da. Genießt einfach, dass ich euch mal nicht in den Arsch trete. Mach dir keine Sorgen. Ich melde mich. Bis dann.“

Er beendet das Telefonat und legt sein Handy beiseite, greift nach den beiden Tassen und dreht sich dann in meine Richtung.

„Entschuldige, ich war so frei. Die Suppe war wirklich gut. Aber leider bin ich ohne Kaffee zu nichts zu gebrauchen“, erklärt er und kommt auf mich zu, drängt mich rückwärts aus der Küche, „Ab zurück ins Bett. Kranke Menschen sollten im Bett liegen.“

Ich gehorche, tapse zurück ins Schlafzimmer, krieche wieder ins Bett, setze mich artig. Während er direkt neben dem Bett steht, mache ich aus meiner notdürftigen Kleidung, also der Bettdecke, wieder eine Decke. Wohlig schmiegt sich der warme Stoff an meine Haut.

Dankend nehme ich die Kaffeetasse entgegen und sehe ihn an, wie er sich neben mich setzt, vorsichtig an seiner Tasse nippt.

 

Gebannt von diesem Anblick setze ich die Tasse an meine Lippen und natürlich verbrenne ich mich daran.

Wie sollte es auch anders sein? Vor lauter Glotzen vergesse ich mal eben, dass frisch aufgebrühter Kaffee heiß ist.

Er schüttelt leicht mit dem Kopf, nimmt mir die Tasse ab und stellt sie zu der seinen auf den Beistelltisch, legt dann eine Hand an meine Wange und streicht mit einem Finger über meine heißen Lippen.

„Trottel“, seufzt er und lehnt seine Stirn gegen die meine, sieht mir tief in die Augen. „Du solltest wirklich etwas vorsichtiger sein. Im Allgemeinen. Nicht nur andere tun dir weh, du tust dir selbst ja auch weh. Auf dich aufzupassen wird ein Vierundzwanzig-Stunden-Job.“

Im ersten Moment bin ich peinlich berührt, doch dann sucht mich ein angenehmer warmer Schauer heim. Mein Körper bebt. Warum hat dieser Mann so eine verdammte Wirkung auf mich?

Was ist nur los mit mir? Nach allem, was vorgefallen war, nach allem, wie mich Männer bisher behandelt haben, bin ich immer noch so unvorsichtig?

„Ist okay“, flüstert er und zieht mich an sich, streichelt mir den Rücken. „Ich passe auf dich auf.“

Tief atme ich durch und lehne mich gegen ihn, genieße die Nähe und Geborgenheit, die dieser mir eigentlich noch immer Fremde ausstrahlt. Ich weiß nichts über ihn. Nichts außer seinen Namen.

Luca.

„Soll ich dir gleich einen Teller Suppe holen? Etwas zu essen, schadet dir sicherlich auch nicht.“

Ich schüttle nur sachte den Kopf, habe keinen Hunger, würde ohnehin nichts in mir halten können.

Ich bin innerlich zu aufgewühlt über alles, zu verwirrt über ihn und seine Wirkung auf mich.

Jeglicher gerade noch gehegte Zweifel über seine Anziehung auf mich ist zerschlagen, als wäre nichts gewesen.

Nein. Er ist nicht wie die Anderen.

Luca ist anders. Und ich schäme mich dafür, überhaupt daran gezweifelt zu haben, dass er etwas Besonderes ist.

Kurz spüre ich, wie meine Unterlippe bebt, worauf ich tief durchatme, versuche hier nicht in Tränen auszubrechen.

Tränen.

Unweigerlich wird mir wieder vor Augen geführt, dass ich geweint habe. Nach langer Zeit.