Verlag: Bastei Entertainment Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Hedwig Courths-Mahler Großband 4 - Sammelband E-Book

Hedwig Courths-Mahler  

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E-Book-Beschreibung Hedwig Courths-Mahler Großband 4 - Sammelband - Hedwig Courths-Mahler

10 spannende Liebesromane lesen, nur 6 bezahlen! Über 800 Seiten voller Romantik und Herzenswärme in einem Band! Hedwig Courths-Mahlers "Märchen für Erwachsene", wie sie ihre Romane selbst nannte, sind ebenso zeitlose Klassiker wie die Themen, die sie behandeln: die Liebe, ihre Gefährdung und deren Überwindung, die Verwirrung der Gefühle und der Weg zum Glück. Seit über 100 Jahren verzaubert sie ihre Leserinnen und Leser mit ihren wundervollen Geschichten immer wieder neu, und mit einer Gesamtauflage von über 80 Millionen Exemplaren gilt Hedwig Courths-Mahler heute als DIE Königin der Liebesromane. Großband 4 enthält die Folgen 31 - 40. Zehn Geschichten, zehn Schicksale, zehn Happy Ends - und pure Lesefreude! Jetzt herunterladen und sofort eintauchen in eine heile Welt, in der die Liebe noch regiert.

Meinungen über das E-Book Hedwig Courths-Mahler Großband 4 - Sammelband - Hedwig Courths-Mahler

E-Book-Leseprobe Hedwig Courths-Mahler Großband 4 - Sammelband - Hedwig Courths-Mahler

Impressum

BASTEI ENTERTAINMENT Vollständige eBook-Ausgaben der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgaben Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG Für die Originalausgaben: Copyright © 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller Verantwortlich für den Inhalt Für diese Ausgabe: Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln Covermotiv: shutterstock/Inga Dudkina ISBN 978-3-7325-5723-3

Hedwig Courths-mahler

Hedwig Courths-Mahler Großband 4 - Sammelband

Inhalt

Hedwig Courths-MahlerHedwig Courths-Mahler - Folge 031Roman um Leid und Glück einer tapferen Frau. Lydia Ritter liegen alle Männer zu Füßen. Auch den Fabrikanten Gunter Heinersdorf hat sie in ihre Netze gezogen. Er ist reich, und ihre Stiefschwester Lena liebt ihn. Gründe genug für Lydia, sich heimlich mit Gunter zu verloben. Denn Lydia hasst ihre Stiefschwester. Als Erbin ihrer verstorbenen Mutter ist Lena Besitzerin eines großen Vermögens, während Lydia nichts hat als die Aussicht, einmal einen wohlhabenden Mann zu heiraten. Diesen Mann glaubt sie in Gunter gefunden zu haben. Doch plötzlich geschieht ein folgenschweres Unglück, das Lydias Träume jäh zunichte macht...Jetzt lesen
Hedwig Courths-Mahler - Folge 032Roman um eine stolze junge Frau und ihren schweren Weg ins Glück. Käthe Suntheim leidet sehr unter ihrem Vater. Er ist selbstsüchtig und gönnt weder seiner Frau noch seinen Kindern die geringste Freude. Für ihn hingegen darf an keiner Stelle gespart werden, ihm darf es an nichts fehlen. Dabei geht es bei den Suntheims sowieso schon knapp zu. Daher kommt es Käthe vor, als wäre ein Sonnenstrahl in das Dunkel ihres Lebens gefallen, als Gunter Brandner, der Besitzer des reichen Brandnerhofs, um ihre Hand anhält. Käthe liebt ihn, und doch zögert sie, ihm ihr Jawort zu geben, da sie weiß, dass Gunter schon einmal verheiratet war. Und alles deutet darauf hin, dass sein Herz noch immer seiner ersten Frau gehört...Jetzt lesen
Hedwig Courths-Mahler - Folge 033Seit dem frühen Tod ihrer Eltern lebt Rita Jordan in dem Haus ihres Onkels. Hier hat sie auch den Gutserben Wolf Tribenius kennengelernt, dem ihr Herz von der ersten Minute an im Sturm entgegenfliegt. Doch ihrer Kusine Nelly scheint dieser junge Mann ebenfalls zu gefallen. So glaubt Rita, alle Hoffnungen auf Wolf aufgeben zu müssen. Außerdem gibt es ein dunkles Geheimnis in Ritas Vergangenheit: Ihr verstorbener Vater war ein Dieb und hat sich selbst das Leben genommen. Wird Rita diese Schuld mit ihrem Lebensglück zahlen müssen?Jetzt lesen
Hedwig Courths-Mahler - Folge 034Das Schicksal meint es nicht gerade gut mit der jungen Jutta Falkner: Die Mutter ist krank, der Bruder macht immer wieder Schulden und nun muss sich auch noch die Schwester einer schweren Operation unterziehen. Das Geld, das Jutta mit ihren Zeichnungen verdient, reicht kaum zum Leben. Deshalb ist sie froh, als sie von einer adeligen Dame einen größeren Auftrag erhält. Im Haus dieser Dame lernt Jutta den jungen Schriftsteller Günter von Hohenegg kennen, zu dem sie sich auf den ersten Blick hingezogen fühlt. Und auch Hohenegg ist von diesem bezaubernden jungen Geschöpf sehr angetan. Er ahnt nicht, dass Jutta eine nahe Verwandte jener Frau ist, die ihn einst aus der Heimat vertrieben hat ...Jetzt lesen
Hedwig Courths-Mahler - Folge 035Die junge Käte Harland lebt seit dem Tod ihrer Eltern im Haus des reichen Fabrikanten Heinrich Warneck. Ihr Herz gehört schon lange Warnecks Sohn Günter, der mit seinem Vater ständig in Streit gerät. Der stattliche junge Mann hingegen sieht in Käte nur das unscheinbare Mündel seines Vaters. Ihn zieht es eher zu der schönen, leichtlebigen Schauspielerin Lori Leixner. Er ist entschlossen, sie zu heiraten, notfalls auch gegen den Willen seines Vaters, der Günter vor dieser Frau warnt. Doch als Günter die wahren Charakterzüge Loris erkennt, scheint es für jede Reue zu spät, denn sein Vater hat ihn in seinem Gram enterbt ...Jetzt lesen
Hedwig Courths-Mahler - Folge 036Wieder einmal hat der Dollarmillionär John Stratter mit seinem Sekretär die Rollen getauscht. Unter falschem Namen kommt er also in das Haus Doktor Waldorfs, um eine Dankesschuld abzutragen, die sein Vater ihm ans Herz gelegt hatte. Als Sekretär Bernau bleibt der junge Mann unbeachtet und findet im "Aschenbrödel" der Familie, Ruth Waldorf, eine reizende Gesprächspartnerin. Währenddessen umschwärmen Ruths Stiefschwestern den falschen John Stratter in der Hoffnung, dass er eine von beiden heiraten wird. Dem echten John ist das nur recht, denn so kann er sich in aller Ruhe mit der bezaubernden Ruth beschäftigen. Die Liebe zu diesem Mädchen hatte ihn mit all ihrer Zaubermacht schon beim ersten Zusammentreffen gepackt. Und auch Ruth liebt ihn, ahnungslos, wer der bescheidene Sekretär Bernau wirklich ist und welche Stürme er im Haus Doktor Waldorfs noch entfesseln wird ...Jetzt lesen
Hedwig Courths-Mahler - Folge 037Nach dem Tod ihrer Eltern findet Felicitas Wendland im Haus des Hofrats Schlüter Aufnahme. Allerdings lassen die Hofrätin und ihre Tochter das junge Mädchen immer wieder fühlen, dass es nur eine arme Waise ist. Felicitas erträgt dies alles lächelnd, da sie weiß, dass eines Tages Harry Forst kommen wird, um sie zu seiner Frau zu machen. Doch diese Hoffnung wird jäh zerstört, als Harry um die Hand der reichen Ellen Volkmer anhält. Für Felicitas bricht eine Welt zusammen. Verletzt und gedemütigt nimmt sie den Antrag eines anderen Mannes an. Ohne Liebe und mit Harrys Bild in ihrem Herzen wird Felicitas Hans Ritters Frau ...Jetzt lesen
Hedwig Courths-Mahler - Folge 038Bettina Gerold wäre mit ihrer kleinen Witwenrente in große Not geraten, hätte ihr Bruder Fritz sie nicht zu sich geholt. Inzwischen hat sich die hübsche Frau an das sorglose Leben gewöhnt. Fritz ist Junggeselle, und Bettina hat nur einen Wunsch: dass er das auch in Zukunft bleibt, damit ihr Sohn Bernhard einmal die Herbig-Werke erbt. Doch dann verliebt sich Fritz in eine junge Zeichnerin, und Bettina ist außer sich. Tag und Nacht sinnt sie darüber nach, wie sie die beiden Menschen auseinanderbringen kann. Schließlich schmiedet sie einen teuflischen Plan ...Jetzt lesen
Hedwig Courths-Mahler - Folge 039Auf dem Sterbebett nimmt Albert Hendrichsen seinem Bruder Klaus das Versprechen ab, sich um den Waldhof und um die kleine Anne-Dore, Alberts Tochter, zu kümmern. Das Kind ist ein unbesonnener Wildfang mit einem guten weichen Herzen und im Laufe der Jahre wächst Anne-Dore unter der Obhut ihres Onkels zu einem schönen jungen Mädchen heran. Es ist ein friedliches Leben, das Klaus mit seiner Nichte führt, bis eines Tages ein junger Maler auf den Waldhof kommt. Anne-Dore versteht sich sehr gut mit ihm und auch Klaus findet ihn sympathisch. Aber ihn schmerzt der Gedanke, Anne-Dore an den Maler zu verlieren. Denn er selbst liebt sie. Und Anne-Dore? Noch ist ihr Herz nicht erwacht, noch weiß sie nicht, was es ist, das sie so beunruhigt ...Jetzt lesen
Hedwig Courths-Mahler - Folge 040Helen Jung liebt ihren Vater, der als Einwanderer in Amerika sein Glück gemacht hat, über alles. Trotzdem kommt sie nun allein nach Europa, um eine Reise durch den ihr so fremden Kontinent zu machen. Ihre Begleiterin ist die attraktive Mrs. Lee, die es sich in den Kopf gesetzt hat, Helens Vater zu heiraten. Helen schätzt Mrs. Lee nicht besonders. Sie ist davon überzeugt, dass ihre Begleiterin eine kalte, berechnende Person ist, die ihren geliebten Vater nur unglücklich machen würde. Wie böse Mrs. Lee aber in Wirklichkeit ist, das erfährt Helen erst während der gemeinsamen Reise, als Dr. Ralph Normann sich zu ihnen gesellt ...Jetzt lesen

Inhalt

Cover

Impressum

Was ist denn Liebe, sag?

Vorschau

Was ist denn Liebe, sag?

Roman um Leid und Glück einer tapferen Frau

Gunter Heinersdorf wurde unsanft aus glücklichen Träumen geweckt. Sein Diener Joseph war ins Zimmer gestürzt und rüttelte seinen Herrn bei den Schultern. Das war so gar nicht die Art, wie Gunter sonst geweckt wurde. Erschrocken sah er zu dem Diener empor.

„Was ist los, Joseph?“

„Ach, Herr Doktor, Sie müssen schnell aufstehen. Von der Fabrik haben sie angeklingelt. Dort ist Feuer ausgebrochen!“

Jetzt war Gunter Heinersdorf mit einem Satz aus dem Bett. „Was reden Sie da?“

„Es ist so, Herr Doktor. Die Feuerwehr ist schon alarmiert.“

„Hat der Pförtner gesagt, in welchem Teil der Fabrik das Feuer ausgebrochen ist?“

„Er meint, in der Tischlerei der Küchenmöbel.“

Gunter biss die Zähne zusammen. Es fiel ihm schwer auf die Seele, dass er vergessen hatte, die Feuerversicherung zu erneuern. Wann war denn die, um Gottes willen, fällig gewesen? In diesen Tagen – ja, er hatte in seinem jungen Liebesglück alles andere vergessen.

Eilig kleidete er sich an. Joseph brachte ein Frühstück. Gunter nahm schnell, ohne sich zu setzen, eine Tasse Kaffee. Dann eilte er die Treppe hinab und sprang in das bereits vorgefahrene Auto.

Er brauchte dem Chauffeur nicht erst Eile anzuraten, der legte das schnellste zulässige Tempo vor, denn er wusste von Joseph, was geschehen war.

Es dauerte trotzdem fast eine halbe Stunde, bis der Wagen in den Fabrikhof einbog. Schon von weitem hatte Gunter den Feuerschein erblickt, der aus der abseits stehenden Fabrik emporstieg. Er presste die Lippen fest zusammen. Das sah böse aus! Wann war nur um Gottes willen die Versicherungsprämie fällig? Er konnte fast nichts anderes denken. Wie ein Rausch stieg freilich zuweilen wieder das heiße, glückselige Gefühl in ihm auf, das er gestern Abend in sich hineingetrunken hatte, und seine Lippen formten dann einen Frauennamen. Aber schnell wehrte er dieses Empfinden von sich ab. Es galt jetzt Wichtigeres, das auch Lydia angehen würde. Wenn er Verluste hatte, gerade jetzt, da er eine Ehe eingehen wollte, würden sie nicht nur ihn, sondern auch Lydia treffen, seine süße Braut.

Noch ehe der Wagen hielt, sprang Gunter hinaus. Eine Menge Menschen standen im Hof, zurückgedrängt von der Feuerwehr. Auch ihn wollte man zurückhalten, aber er legitimierte sich als Besitzer der Fabrik, und man ließ ihn durch. Mit großen Sätzen eilte er die Treppe empor und riss oben die Tür zu seinem Privatkontor auf.

Er trat an den Geldschrank heran, wo er, wie er wusste, alles auf die Feuerversicherung Bezügliche verwahrte.

Als er ihn öffnete, kam sein Prokurist herein, der seinen Chef mit blassem Gesicht anstarrte.

„Herr Doktor, haben Sie die Versicherung erneuert? Ich erinnerte Sie vor acht Tagen daran.“

Gunter riss die Geldschranktür auf.

„War das schon vor acht Tagen?“

„Ja. Vorgestern war der letzte Tag. Um Gottes willen – Sie werden es doch nicht zu erledigen vergessen haben?“

Gunters hohe, kraftvolle Gestalt fiel wie vernichtet in einen Sessel.

„Doch, Krüger, ich habe es vergessen. Wie konnte ich denken, dass gerade jetzt …?“

„Allmächtiger Gott! Dann ist ja die Versicherung abgelaufen – der Schaden kommt zu Ihren Lasten. Wie konnten Sie nur das vergessen, Herr Doktor!“

„Ja, wie konnte ich das, Krüger! Ich verstehe es selber nicht. Das war mein erster Gedanke, als Joseph mich heute wach rüttelte. Ich … Nun ja – ich hatte andere Dinge im Kopf, und man denkt doch nicht an so etwas. Meinen Sie wirklich, dass wir jetzt keine Ansprüche mehr an die Versicherungsgesellschaft stellen können?“

„Ausgeschlossen! Die Versicherung wird sich hüten, jetzt noch zu verlängern.“

„Wo ist denn übrigens das Feuer ausgebrochen?“

„Man sagte mir, in der Küchenmöbelabteilung.“

Gunter sprang auf.

„Gleich darunter liegt die Abteilung für die Kunsttischlerei. Kommen Sie, Krüger, die Feuerwehr muss vor allem diese Abteilung zu schützen versuchen, sonst wächst der Schaden ins Uferlose.“

Die beiden Herren stürmten davon, wandten sich unten an den Führer der Feuerwehr, und Gunter machte ihm klar, dass die Kunstmöbelabteilung unbedingt geschützt werden müsse.

„Das ist leider zu spät, Herr Doktor, die eine Decke ist bereits eingestürzt, und die Flammen wüten auch schon im Stockwerk unter dem Feuerherd.“

Gunter taumelte zurück.

„Und ich habe die Versicherungspolice verfallen lassen!“, stöhnte er.

„Wir tun, was in unserer Macht liegt, Herr Doktor.“

Damit ließ er Gunter stehen, der wie benommen in das immer größer werdende Flammenmeer starrte. Die Fabrik bot ja nur zu gutes Futter für die gefräßigen Flammen. Alles gutes, ausgetrocknetes Holz, dazu Öle und Farben. Eine fast unerträgliche Hitze entwickelte sich auf dem Hof.

Gunter Heinersdorf war verzweifelt wieder in sein Kontor zurückgegangen. Sein Prokurist begleitete ihn. Die Herren telefonierten mit der Versicherungsgesellschaft, und es wurde ihnen natürlich bestätigt, dass die Versicherung erloschen war.

Gunter stürzte wieder auf den Hof hinaus, als müsse er durch seine Anwesenheit das Sichausbreiten der Flammen verhindern. In diesem Augenblick flog ein brennender Dachsparren dicht über Gunter Heinersdorfs Kopf herab. Ein Feuerwehrmann zog ihn mit aller Kraft beiseite, so dass der brennende Dachsparren nur sein Ohr streifte und mit nur halber Wucht die Schulter traf. Man riss ihm den brennenden Rock ab. Er war aber doch so heftig getroffen worden, dass die Schulter und der linke Arm schwer verletzt waren, auch das Ohr war in Mitleidenschaft gezogen worden. Man trug ihn in sein Privatkontor, und der anwesende Feuerwehrarzt untersuchte ihn sogleich. Gunter hatte den Arm gebrochen, die Schulter zeigte eine ziemlich tiefe Fleischwunde. Der Arm wurde eingerichtet und geschient, die Schulterwunde verbunden, und der Arzt sagte dem Verwundeten, als er aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte: „Sie können Gott danken, Herr Doktor, es ist noch gut abgelaufen. Ein glatter Armbruch, und das andere nur Fleischwunden. Das Ohr heilt auch schnell wieder. Sie sind ja gottlob kerngesund.“

Gunter sah nach seinem Prokuristen hinüber, der, fast bleicher als er selbst, an der Tür stand und angstvoll zu ihm herübersah.

„Wie steht es mit dem Feuer, Krüger?“, fragte er, als sei das wichtiger als seine Wunden.

„Man hofft, dass es jetzt keine weitere Ausdehnung finden wird. Aber das Möbelwerkstättenhaus und die Polsterei und Malerwerkstätten sind nicht mehr zu retten, da brennt alles aus.“

Gunter biss die Zähne zusammen.

„Genug, um mich zu ruinieren, Krüger. Den Verlust kann ich nicht ersetzen.“

Krüger wusste das sehr wohl, aber ein Blick des Arztes sagte ihm, dass der Verwundete geschont werden müsse.

„So schlimm wird es ja nicht werden, Herr Doktor. Die Hauptsache ist, dass Sie wieder gesund werden. Ihr Unfall ist doch das Schlimmste an der Sache.“

„Mir nicht, Krüger, das heilt ja wohl alles wieder. Aber meine Fabrik ist vernichtet. Diese Schlappe überstehen wir nicht.“

„Sie sollten jetzt ruhen, Herr Doktor. Es sieht am Anfang oft schlimmer aus, als es sich nachher herausstellt“, sagte der Arzt und reichte Gunter eine beruhigende Arznei.

„Kann ich nicht aufstehen, Herr Doktor? Ich möchte doch hinaus und sehen, was weiter geschieht.“

„Ausgeschlossen! Wir bringen Sie jetzt in Ihre Wohnung. Haben Sie jemand, der Sie pflegen kann?“

Es zuckte in Gunters Gesicht. Dass er jetzt so hilflos war, quälte ihn am meisten.

„Mein Diener kann das wohl besorgen?“

„Kaum. Es ist besser, ich schicke Ihnen eine Schwester, wenigstens für die ersten Tage, bis wir wissen, dass alles glatt verheilen wird.“

„Kann ich nicht hier bleiben, bis das Feuer gelöscht ist?“

„Nein. Helfen können Sie doch nicht.“

„Ich gebe Ihnen fortlaufend telefonische Nachricht, Herr Doktor“, sagte der Prokurist.

Damit musste sich Gunter zufrieden geben. Er wurde auf die schonungsvollste Art nach seiner Wohnung gebracht.

Die Arznei, die ihm der Arzt gereicht hatte, enthielt wohl ein starkes Beruhigungsmittel. Er dämmerte auf dem Transport schon hinüber, und sein letzter Gedanke flog zu der Frau, die er liebte und mit der er sich gestern Abend, vorläufig geheim, verlobt hatte. Er hatte ihr gesagt, dass er in einigen Tagen zu ihrem Vater kommen und um ihre Hand bitten wollte.

Lydia, seine Lydia!

Wie ein Rausch war die Liebe zu ihr über ihn gekommen. Erst war ihm ihre Schwester Lena lieb und teuer gewesen, er hatte zuweilen daran gedacht, dass sie als seine künftige Gattin in Frage kommen könne, wenn er auch noch mit keinem Wort daran gerührt hatte. Aber dann war vor einigen Monaten Lydia Ritter, die bisher bei einer Tante gelebt hatte, in der Gesellschaft erschienen und hatte verschiedene Männerköpfe verdreht durch ihre Schönheit und ihre bewusste, aber sehr geschickte Koketterie. Auch Gunter ließ sich sofort von ihr fesseln, und er hatte seither keinen Blick, keinen Gedanken mehr für die zurückhaltende Lena.

Wie bitter Lena Ritter durch dieses Abwenden des von ihr heimlich geliebten Mannes hatte leiden müssen, ahnte er nicht. Er war nur froh, dass er sich noch nicht an Lena gebunden hatte.

Lydia hatte es mehr und mehr verstanden, ihn in ihre Netze zu ziehen, und nun hatte ihn der leidenschaftliche Rausch seiner Liebe so stark eingesponnen, dass er alles darüber vergaß, zumal in den letzten Tagen, da Lydia stark darauf ausging, ihn fürs Leben zu binden, nachdem sie sich klar geworden war, dass er die beste Partie für sie sein würde. Sogar die Verlängerung der Feuerversicherung hatte er darüber vergessen. Gestern Abend hatte er endlich in einer Gesellschaft Gelegenheit gefunden, seine Werbung bei Lydia anzubringen, und sie hatte ihm so vorzüglich die Braut vorgespielt, dass er glückselig von ihr gegangen war und ihr gesagt hatte, dass er in den nächsten Tagen bei ihrem Vater um sie anhalten würde. Und nun?

***

Lydia und Lena Ritter waren an diesem Morgen etwas später als sonst aufgestanden, weil sie nach der gestrigen Gesellschaft spät zu Bett gekommen waren. Lydia ahnte sehr wohl, dass ihre Halbschwester – sie hatten nur denselben Vater, aber verschiedene Mütter – Gunter Heinersdorf ins Herz geschlossen hatte. Vielleicht war dies aber gerade der Hauptgrund, der sie bewogen hatte, ihn an sich zu fesseln. Denn sie liebte ihre Schwester durchaus nicht, vor allem deshalb, weil sie Lena brennend beneidete. Zwar war sie nicht so schön, aber sie war die reiche Erbin ihrer verstorbenen Mutter, die bei ihrer Geburt starb: Ihr Vater hatte bald nach dem Tod seiner ersten Frau, die er nur ihres Reichtums wegen geheiratet hatte, eine zweite Frau genommen, die ihm schon bei Lebzeiten seiner ersten Frau gefährlich geworden war. Sie hatte nicht gezögert, dem, wie sie glaubte wohlhabenden Mann ihre Hand zu reichen, hatte aber dann mit großer Enttäuschung gemerkt, dass nicht er, sondern seine Tochter aus erster Ehe die Erbin aller Reichtümer ihrer Mutter geworden war. Er selbst hatte bis zu Lenas Mündigkeit nur die Nutznießung dieses Vermögens. Das hieß wenigstens, dass bis zu Lenas einundzwanzigstem Geburtstag auf großem Fuß gelebt werden konnte. Was später kam, das kümmerte Lydias Mutter vorläufig nicht. Sie erlebte auch nicht den einundzwanzigsten Geburtstag ihrer Stieftochter, sondern starb ein Jahr vorher. Ihre Tochter Lydia war beim Tod der Mutter neunzehn Jahre alt. Sie war die letzten Jahre sehr viel im Haus ihrer Tante, die reich verheiratet war, gewesen, und es gefiel ihr dort sehr gut. Als aber ihre Tante starb, wurde sie von deren Angehörigen nicht mehr aufgefordert, zu bleiben.

Die beiden Töchter der Tante fanden, dass Lydia kokett war und ihnen alle Verehrer abspenstig machte. Sie bestimmten ihren Vater, Lydia nahe zu legen, dass es besser sei, wenn sie jetzt wieder nach Hause zurückkehrte. Er tat das auch in sehr deutlicher Weise, denn er hatte nie die große Vorliebe seiner Frau für diese Tochter ihrer Schwester begriffen.

So kam also Lydia wieder ins Haus ihres Vaters zurück, das im Grunde aber das Haus ihrer Stiefschwester war. Gerade in diese Zeit fiel Lenas einundzwanzigster Geburtstag, und Lydia war sehr ärgerlich, dass die Halbschwester jetzt plötzlich über den gesamten vorhandenen Reichtum verfügen konnte.

Das erfüllte sie mit großem Neid auf Lena, deren Wohltaten sie zwar annahm, die sie aber mehr hasste als liebte.

Die beiden Schlafzimmer der Schwestern lagen nebeneinander, und fast war das Lydias reicher eingerichtet, als das der jungen Herrin des Hauses. Großmütig gönnte Lena der schönen Schwester, dass sie alles an sich raffte, was ihr erstrebenswert erschien, obwohl es auf ihre Kosten ging. Aber eins tat ihr furchtbar weh – dass Lydia auch den Mann, den sie liebte und auf dessen Gegenliebe sie schon gehofft hatte, in ihre Netze zog. Blass und stumm stand sie abseits, wenn Lydia sich in verführerischer Weise Gunter Heinersdorf näherte. Und mit schwerem Herzen fühlte Lena, wie ihr Gunter Heinersdorf mehr und mehr entglitt, wie er sich mehr und mehr um Lydia bemühte. Und gestern Abend hatte sie sehr wohl bemerkt, dass Gunter und Lydia für eine ziemlich lange Zeit auch aus der Gesellschaft verschwunden waren und wie sie dann, Gunter mit glückstrahlenden, Lydia mit triumphierenden Augen, wieder auftauchten. Ihr Herz sagte ihr, dass es zwischen den beiden zu einer Aussprache gekommen sein musste.

Sie hatte in der Nacht wenig geschlafen und sah blass und übernächtigt aus, während Lydias Schönheit strahlender schien als je.

Nachdem die Schwestern ihr Bad genommen und sich angekleidet hatten, begaben sie sich hinunter ins Frühstückszimmer, in das eben erst auch Georg Ritter, der Vater, eingetreten war und die Zeitung durchsah. Das war, außer einigen unbezahlten Ehrenämtern, die er versah, seine einzige Beschäftigung. Er hatte nie viel von Arbeit gehalten, hatte sich sehr gern vom Reichtum seiner ersten Frau versorgen lassen, kam sich aber trotzdem als sehr wichtiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft vor. Bisher hatte er wenigstens das Vermögen seiner Tochter verwaltet, damit sollte es aber nun zu Ende sein laut testamentarischer Bestimmung von Lenas Mutter, die bestimmt hatte, dass Lena, falls sie nicht schon einen Gatten besaß, der ihr Vermögen weiterverwalten würde, sich selbst dieser Mühe unterziehen müsse, wobei ihr ein Vetter ihrer Mutter, Justizrat Wallner, behilflich sein solle.

Justizrat Wallner war auch schon vorher, gewissermaßen als Gegenvormund, berechtigt gewesen, sich von Georg Ritter jederzeit Rechenschaft über die Verwaltung des Vermögens ablegen zu lassen. Hauptsächlich diese Bestimmung hatte Georg Ritter immer sehr verstimmt, zeigte sie ihm doch, dass seine erste Frau, obwohl sie ihn geliebt hatte, ihm nicht ganz vertraute. Und wie notwendig diese Bestimmung gewesen war, hatte die Verstorbene nicht einmal geahnt, sie hatte nur besonders gewissenhaft für ihr Kind, das sie damals erwartete, sorgen wollen.

So hatte also Georg Ritter mit der Mündigkeitserklärung seiner ältesten Tochter die Vermögensverwaltung in Lenas Hände legen müssen, und das junge Mädchen versuchte, sich in diese Geschäfte gewissenhaft einzuarbeiten und alles nach dem Wunsch der toten Mutter zu ordnen. Dass sie dabei von Vater und Schwester mit spöttischen Worten bedacht wurde, nahm sie in ihrer gelassenen Art hin. Die Mutter hatte es so bestimmt, und sie wusste sehr wohl, dass der Vater nicht der beste Verwalter ihres Vermögens gewesen war, wenn sie auch nie ein Wort darüber verlor. Die Herzenskälte des Vaters ihr gegenüber, die besonders gegen seine anbetende Liebe zu Lydia abstach, hatte auch in Lenas Herzen mehr und mehr die erst so warmen Gefühle für ihn absterben lassen. Sie lebte als einsamer Mensch zwischen Vater und Schwester dahin.

Der Vater ließ die Zeitung ein wenig sinken und sah den Schwestern entgegen.

„Nun, ihr habt heute lange geschlafen!“, rief er ihnen zu.

„Ja, Vater, es ist ein wenig spät geworden. Verzeih, wenn wir dich warten ließen“, sagte Lena bittend.

Lydia lachte.

„Ach Lena, glaub doch nicht, dass Vater viel früher zur Stelle war als wir; er hat auch lange geschlafen, ich hörte ihn erst vor einigen Minuten hinuntergehen.“

Lydia war durchaus nicht im Unklaren über die vielen kleinen und großen Fehler ihres Vaters, sie kannte ihn genau, aber sie verurteilte ihn nicht. Er mochte ruhig nach seiner Art leben.

Ziemlich stumm und in sich gekehrt saß Lena Vater und Schwester gegenüber und wartete herzklopfend darauf, dass Lydia dem Vater sagen würde: Ich habe mich gestern Abend mit Dr. Heinersdorf verlobt, er wird kommen und dich um meine Hand bitten.

Das geschah aber nicht.

Nach eingenommenem Frühstück erhob sich der Vater, um seinen morgendlichen Spaziergang zu machen, woran sich immer ein ziemlich ausgedehnter Frühschoppen in einer bekannten Weinstube anschloss.

Die Schwestern blieben allein zurück und suchten ein kleines Zimmer auf, wo Lena sich über eine Handarbeit machte, da es ihr unmöglich war, untätig dazusitzen. Lydia dehnte sich träge in einem Sessel und sagte spöttisch: „Wozu stichelst du nur ewig an irgendeiner belanglosen Stickerei herum, Lena?“

„Es macht mir Freude, Lydia“, antwortete Lena ruhig.

„Mein Gott, wenn du Handarbeiten so liebst, könntest du doch eine arme Stickerin mit Aufträgen beglücken.“

„Das könnte ich wohl, aber dann machte es mir keine Freude. Und die armen Stickerinnen sind wahrscheinlich viel zufriedener, wenn ich Ihnen einen Betrag zukommen lasse, ohne sie dafür mit Arbeit zu belasten. So sparen sie Zeit für andere Arbeiten, die sie schwer genug anfertigen müssen und schlecht bezahlt bekommen.“

Lydia tippte die Fingerspitzen gegeneinander.

„Wie rührend!“, sagte sie spöttisch.

Lena sah ruhig zu ihr hinüber.

„Ich weiß, dass du es nicht rührend findest, und verlange das auch nicht von dir. Aber ich bitte dich, diese immerwährenden Kritiken an mir zu unterlassen. Ich werde es mir nie einfallen lassen, an dir und dem, was du tust, Kritik zu üben.“

„Ei, ei, meine kleine sanfte Schwester kann auch wiederstechen, wenn sie gestochen wird, das wusste ich ja gar nicht. Ich hielt dich für sehr sanft.“

„Wodurch du dich beeinflussen ließest, deinen Spott mit mir zu treiben. Ich habe dir das bisher ruhig hingehen lassen, doch hat alles einmal seine Grenzen erreicht, und der Topf läuft auch von einem Tropfen über.“

Es glitzerte in Lydias Augen.

„Aha, ich verstehe, die reiche Schwester weist die arme in ihre Grenzen zurück.“

Lena zuckte die Achseln.

„Ich kann dir nicht verwehren, meinen Worten diese Deutung zu geben.“

Lydia war rachsüchtig. Und sie wusste nur zu gut, wie sie Lena treffen konnte. Ihre Augen schossen Blitze, als sie sagte: „Nun, Gott sei Dank werde ich nicht lange mehr als arme Schwester hinter dir zurückstehen müssen.“

Lena wurde ein wenig blasser. Sie ahnte schon, was jetzt noch kam, zwang sich aber zur Ruhe.

„Ich glaube nicht, dass du je in irgendeiner Weise einmal hinter mir hast zurückstehen müssen. Du wirst zugeben, dass in unserer Lebensführung bisher doch nicht der kleinste Unterschied zwischen uns beiden gemacht wurde.“

Lydia warf den Kopf zurück.

„Ah, damit willst du mir wohl vorwerfen, dass du großmütig deine arme Schwester an deinem üppigen Leben teilnehmen lässt?“

„Nein, das will ich nicht. Ich betrachte es als selbstverständlich, dass du an allem, was mir gehört, teilnimmst.“

„Soso! Na, jedenfalls wirst du dann erlöst aufatmen, wenn du nicht mehr für mich zu sorgen brauchst.“

„Das werde ich bestimmt nicht. Aber wenn sich dein Schicksal, wie aus deinen Worten hervorgeht, mehr zum Guten wendet, so will ich dir dazu von Herzen Glück wünschen.“

Mit einem lauernden Blick, der ihr schönes Gesicht fast hässlich erscheinen ließ, sagte Lydia: „Vorläufig nehme ich keine Glückwünsche entgegen. Aber da wir nun einmal Schwestern sind, sollst du als Erste erfahren, dass ein Mann, der mich wahnsinnig liebt und mich auf Händen tragen wird, sich danach sehnt, mir alle Wünsche zu erfüllen.“

Lydia hatte die Genugtuung, dass Lena zusammenzuckte. Doch vermochte sie sich auch jetzt zu beherrschen und sagte ruhig: „Das freut mich für dich, Lydia.“

„Und du fragst gar nicht, wer der Glückliche ist, der sich mein Jawort gestern errungen hat?“

Lena nahm alle Kraft zusammen, um den Schlag, der sie treffen sollte, mit Fassung zu ertragen.

„Du wirst es mir sagen, wenn du davon sprechen willst, ohne dass ich danach frage.“

„Oh, welch weise Selbstbeherrschung! Es wird dich ein bisschen ärgern, denn so viel ich weiß, ist mein Verlobter bisher sehr viel deinen Spuren gefolgt.“

Lena richtete sich empor.

„Es gibt keinen Mann, dessen Verlobung mit einer anderen mich ärgern könnte, da kannst du ruhig sein“, sagte sie stolz.

Lydia lachte schrill auf.

„Nun, wir werden sehen. Also, mein Verlobter heißt Gunter Heinersdorf.“

Dabei beugte sich Lydia weit vor und bohrte ihren Blick in Lenas blasses Gesicht. Sie hatte aber nicht die erhoffte Genugtuung. Lena hatte gewusst, was kam, und konnte sich beherrschen. Ihre Stimme klang nur ein wenig heiser, als sie sagte: „Das dachte ich mir schon.“

„Wieso?“, fuhr Lydia auf, ärgerlich, dass ihre Worte nicht mehr gewirkt hatten.

Lena vermochte sogar zu lächeln.

„Man sah es euch gestern Abend ziemlich deutlich an, wie glücklich ihr wart, als ihr nach längerer Abwesenheit wieder zur Gesellschaft zurückkehrtet.“

„Ah, du warst also vorbereitet! Fabelhaft, wie du dich beherrscht hast. Ich weiß doch, dass du für Gunter Heinersdorf geschwärmt hast.“

„Da bist du wohl im Irrtum. Ich achte ihn als ehrlichen, aufrechten Mann und habe mich immer gut mit ihm unterhalten, da er klug und geistvoll ist. Aber selbst dann, wenn er mir mehr gegolten hätte, wäre er für mich in dem Augenblick, wo er sich um dich beworben hat, erledigt gewesen. Da kannst du ganz unbesorgt sein.“

Lydia ärgerte sich maßlos, dass sie die Schwester nicht mehr hatte treffen können. Sie hätte wahrscheinlich noch einige Spitzen gegen Lena gekehrt, wenn nicht in diesem Augenblick eine Dienerin eingetreten wäre, die Lydia einen großen Strauß roter Rosen und einen Brief überreichte.

Lena zuckte nun doch zusammen. Sie glaubte, die Rosen und der Brief kämen von Günter Heinersdorf. Auch Lydia nahm das zunächst an. Sie gebot dem Mädchen, die Rosen in eine Vase mit Wasser zu stellen und in ihr Zimmer zu bringen. Als die Dienerin sich entfernt hatte, um diesen Auftrag auszuführen, riss Lydia mit triumphgesättigtem Gesicht den Brief auf und zog ein Kärtchen hervor. Als sie aber nach der Unterschrift sah, richtete sie sich mit einem leisen Schrei empor. Lena sah mit erloschenen Augen zu ihr hinüber.

„Was meinst du, Lena, von wem die Rosen kommen?“

Lena vermochte scheinbar ruhig zu sagen: „Das ist doch nicht schwer zu raten – von deinem Verlobten natürlich.“

„Nein, falsch geraten. Die Rosen sind von dem Sohn des Kommerzienrats Dellfort. Sein Vater ist ja voriges Jahr gestorben. Ich dachte schon, er hätte sich von mir zurückgezogen, weil er nicht mehr in meiner Nähe auftauchte. Aber es hat ihn nur die Trauerzeit abgehalten. Willst du hören, was er mir schreibt?“

„Es ist doch wohl nur für dich bestimmt, Lydia“, sagte Lena bedrückt.

Lydia lachte.

„Bist wohl ein wenig verschnupft, dass deine arme Schwester gleich zwei solche reichen und angesehenen Freier hat. Dellfort ist nämlich noch reicher als Gunter Heinersdorf, sein Vater hat ihm Millionen und eine herrliche Villa und ein Landgut in den Bergen hinterlassen. Aber natürlich ist Gunter eine interessantere Persönlichkeit und gefällt mir viel besser. Also höre, was Dellfort schreibt.“

Sie hatte inzwischen das Kärtchen schon überlesen und lehnte sich mit großem Behagen zurück.

Mein sehr verehrtes gnädiges Fräulein!

Die Trauer um meinen Vater zwang mich, Ihnen ein Weile fernzubleiben. Es ist mir schwer genug geworden, und nun kann ich nicht länger warten. Sie haben mir durch Ihr Verhalten Hoffnung gegeben, dass ich keine Fehlbitte tu, wenn ich Sie herzlich bitte, mir mitzuteilen, ob ich zu Ihrem Vater kommen und um Ihre Hand anhalten darf. Sie wissen, dass ich Sie liebe, ich habe es Ihnen oft genug bewiesen, und Ihre Augen haben mir dann immer gesagt, dass Ihr Herz mir gehört.

Bitte, süße, teure Lydia, machen Sie mich zum Glücklichsten aller Sterblichen, und senden Sie mir einige Worte, damit ich weiß, wann ich meine Werbung bei Ihrem Herrn Vater vorbringen darf. Einstweilen einen bescheidenen Blumengruß von Ihrem

Jürgen Dellfort.

Lydia ließ den Brief sinken.

„Nun, was sagst du dazu, Lena?“

„Dass es mir Leid tut, dass Jürgen Dellfort enttäuscht werden wird. Er scheint dich gleichfalls sehr zu lieben.“

„Und dir wäre es natürlich lieber, ich beglückte ihn statt Gunter Heinersdorf?“, fragte Lydia lauernd.

„Nein, Lydia, mir ist es gleich, wen du wählst. Ich sagte dir doch schon, ein Mann, der eine andere Frau begehrt, ist für mich abgetan ein für allemal.“

Aber Lydia wusste nur zu gut, dass Lena nicht so dachte, wie sie sprach. Und gerade das beeinflusste sie, an Gunter festzuhalten. Sonst hätte sie sich wohl jetzt doch für den reicheren Dellfort entschieden. So sagte sie, sich wie ein Kätzchen in ihrem Sessel dehnend: „Also werde ich mich doch für Gunter entscheiden.“

Lena sah sie einen Augenblick mit großen, ernsten Augen an.

„Eine andere Entscheidung kam doch nicht in Frage, Lydia, du hast dich doch mit Gunter Heinersdorf verlobt.“

Lydia zuckte die Achseln.

„Vorläufig nur heimlich, meine liebe Schwester. Bevor eine öffentliche Verlobung nicht erfolgt ist, bin ich noch nicht gebunden.“

Lena legte die Stickerei aus den bebenden Händen.

„Wie kannst du nur so sprechen, Lydia! Er hat doch dein Wort!“

„Was gilt ein Mädchenwort?“

„Aber du liebst ihn doch – um Gottes willen – du liebst ihn doch?“

Spöttisch lachte Lydia auf.

„Was heißt lieben? Er gefällt mir, und weil alle Mädel sich die Augen nach ihm ausschauen, macht es mir Spaß, alle anderen bei ihm auszustechen – auch dich!“

Es war, als presse der Schmerz Lena die Kehle zusammen.

Sie konnte es nicht mehr ertragen, Lydias Augen so spöttisch und triumphierend auf sich gerichtet zu sehen, und entfernte sich unter einem Vorwand. Lydia sah ihr höhnisch nach.

„Und wenn du dich noch so stolz gebärdest, ich weiß doch, dass du bis ins Herz getroffen bist. Alles kannst du dir für deinen Reichtum doch nicht kaufen, stolze Schwester“, sagte sie vor sich hin.

***

Erst zur Mittagstafel kam Lena wieder zum Vorschein. Allen Stolz zu Hilfe nehmend, hatte sie sich wieder gefasst. Und so trat sie, als der Gong zum Essen rief, in das Speisezimmer, wo sie ihre Schwester bereits vorfand, die sie mit mitleidslosem Blick musterte. Gleich darauf kam der Vater, wie fast immer nach dem reichlichen Frühschoppen in heiterer Stimmung.

Sie nahmen am Tisch Platz, und nachdem die Suppe aufgetragen war und Vater und Töchter für eine Weile allein waren, sagte Lydia in ihrer spöttischen Art, mit der sie auch den Vater nicht verschonte: „Nun, Vater, was gab es denn heute für Neuigkeiten am Stammtisch? Da geht es doch immer zu wie in den lebhaftesten Damenkaffeekränzchen.“

„Ich bringe eine große Neuigkeit mit nach Hause. Denkt euch, in der Nacht ist in der Heinersdorfschen Möbelfabrik ein Großfeuer ausgebrochen.“

Lena verfärbte sich, und Lydia richtete sich erschrocken auf.

„Großfeuer? Wie ist das möglich, Vater?“

„Mein Gott, wie leicht kann etwas in Brand geraten, wo so viel trockenes Holz aufgestapelt ist.“

„In der Nacht ist es ausgebrochen?“, fragte Lena mit blassen Lippen.

„Ja, und die Fabrik steht noch immer in Flammen.“

„Hoffentlich sind keine Menschenleben in Gefahr gekommen?“, fragte Lena halb erstickt.

„Außer einem Feuerwehrmann, den man schwer verletzt vom Platz trug, ist nur Dr. Heinersdorf verunglückt. Er wurde von einem brennenden Dachsparren getroffen. Außer einem Armbruch und einer Schulterverletzung soll er auch im Gesicht getroffen und schwer entstellt worden sein.“

Lena sank halb ohnmächtig in ihren Sessel zurück, während Lydia den Vater mit brennenden Augen ansah.

„Ist das nicht nur ein Gerücht, Vater?“, sagte sie heiser.

„Nein, nein, wir haben vom Stammtisch aus in der Wohnung von Heinersdorf angeklingelt, und sein Diener hat uns alles bestätigt. Das Ohr ist ihm eingerissen worden, und die eine Gesichtshälfte soll voller Brandwunden sein. Auch das mit dem Armbruch und der Fleischwunde an der Schulter ist wahr. Aber das ist noch nicht das Schlimmste. Dr. Heinersdorf hat leider versäumt, die vor einigen Tagen fällige Versicherung gegen Feuer zu verlängern; so trifft ihn der Verlust ganz allein. Man zweifelt, ob er die Fabrik fortführen kann, denn sein ganzes Vermögen steckt im Betrieb.“

Die beiden Schwestern waren blass und stumm. Jede hatte etwas Schweres bei dieser Nachricht zu verwinden. Am tiefsten war Lena getroffen. Ihr Herz litt mit dem heimlich geliebten Mann, und sie wäre am liebsten zu ihm geeilt, um ihn zu fragen, ob sie ihm helfen könne. Lydia aber stieß heimlich ein Dankgebet zum Himmel, dass sie sich bisher nicht hatte entschließen können, Dellforts Antrag abschlägig zu beantworten. Ihr eigennütziger Charakter fragte nicht viel danach, was Gunter Heinersdorf jetzt zu leiden hatte, sie dachte nur daran, dass er nun arm und obendrein noch entstellt war.

Was sollte sie mit einem Mann, um den sie keine andere Frau beneiden würde? Nicht einmal Lena würde sie um den entstellten Mann beneiden. Nein, da half keinerlei Gefühlsduselei, sie musste ihr Leben fest in die Hände nehmen und sich von der übereilten heimlichen Verlobung freimachen. Gottlob stand ja schon ein glänzender Ersatz bereit – Jürgen Dellfort stieg im Wert, und Lydia würde sich keinen Augenblick bedenken, seine Bewerbung anzunehmen und mit Gunter Heinersdorf zu brechen. Er konnte doch wahrlich nicht verlangen, dass sie jetzt noch unter den veränderten Verhältnissen zu ihm hielt.

Und schon als das Mittagessen, von dem Lena keinen Bissen hinunterbrachte, zu Ende war, hatte sich Lydia entschlossen, ihren Vorteil zu wahren, sich von Gunter zu lösen und Jürgen Dellfort ihr Jawort zu geben.

Nach der Mahlzeit zog sich Georg Ritter wie jeden Tag in sein Zimmer zurück, um einen ausgedehnten Mittagsschlaf zu halten.

Die Schwestern waren wieder allein und saßen sich wieder in dem kleinen Salon gegenüber. Eine Weile sahen sie stumm vor sich hin. Dann sagte Lena leise: „Lydia, du wirst in großer Sorge sein um deinen Verlobten. Willst du zu ihm gehen, um dich nach seinem Befinden zu erkundigen? Dann will ich dich gern begleiten. Das sieht unverfänglicher aus.“

Lydia schnellte aus ihrem Sessel empor und ging mit ihrem wiegenden Gang, der an den eines Raubtiers erinnerte, auf und ab. Endlich blieb sie vor Lena stehen und funkelte sie mit ihren dunklen Augen an, die so eigenartig von ihrem blonden Haar abstachen.

„Unsinn! Was denkst du! Ich werde mich doch nicht ins Gerede bringen!“

„Ihr könntet doch eure Verlobung veröffentlichen, dann würde kein Mensch etwas daran finden, dass du dich um deinen Verlobten kümmerst.“

Lydia lachte heiser auf.

„Bist du wirklich so einfältig, anzunehmen, dass ich mich ernstlich an einen Mann binde, der entstellt und verarmt ist?“

Lena stieg das Blut ins Gesicht. Mit großen Augen sah sie zu Lydia auf.

„Wie kannst du so reden. Jetzt gerade müsstest du doch zu Gunter Heinersdorf stehen.“

Wieder lachte Lydia auf.

„Verschone mich mit solchen idealen Forderungen, die kannst du als reiche Erbin dir leisten! Ich kann das nicht. Und wenn mein Herz darüber brechen müsste, würde ich mich jetzt von ihm lösen. Noch ist es nicht zu spät, ich bin noch nicht öffentlich mit ihm verlobt.“

„Aber du gabst ihm doch dein Wort, Lydia! So bitter willst du ihn doch nicht kränken, dass du jetzt, da er in Not ist, dich von ihm lossagst?“

„Ei, was bist du für ein beredter Anwalt für ihn! Was gibst du mir denn, wenn ich zu deinen Gunsten auf ihn verzichte und es dir freistelle, dich durch ein holdes Samariterwerk in sein Herz zu schleichen?“

Lena erhob sich, richtete sich stolz auf und sagte mir hart klingender Stimme: „Du sollst mich genug kennen, um zu wissen, dass mir Schleichpfade nicht liegen. Ein Mann, der eine andere Frau liebt, kommt für mich nicht in Frage, das habe ich dir schon gesagt. Aber es bekümmert mich namenlos, dass du so von ihm sprichst, ich bedaure ihn von Herzen, und wenn ich ihm helfen könnte, würde ich mich nicht eine Minute besinnen. Das ist aber ausgeschlossen. Hilfe und Trost kann ihm nur von dir kommen. Und das musst du wissen und darfst dich nicht von ihm lösen – wenigstens jetzt nicht, Lydia, wo er so nötig einen Trost brauchen wird.“

Es zuckte ein wenig in Lydias Gesicht. Immerhin blieben Lenas Worte doch nicht ganz ohne Eindruck bei ihr. Aber ihre Selbstsucht war stärker als das schwache Gefühl, das in ihrem Herzen für Gunter lebte. Sie richtete sich entschlossen auf.

„Mit solchen Gefühlsanwandlungen kann man nicht vorwärts kommen im Leben. Ich will heraus aus diesem Elend und gab Gunter Heinersdorf mein Wort unter anderen Voraussetzungen. Er kann so wenig eine arme Frau brauchen, jetzt in seiner Lage, wie ich einen armen Mann in der meinen. So vernünftig wird er sein, um das einzusehen. Und ich wäre eine Törin, wollte ich mich jetzt an ihn binden, gerade jetzt, wo mir ein anderes, glänzenderes Angebot vorliegt. Du weißt, Jürgen Dellfort hat um mich angehalten. Ich werde ihm noch heute schreiben, dass er morgen zu Vater kommen und ihn um meine Hand bitten soll.“

Lena war wie kraftlos in ihren Sessel zurückgefallen. Leise sagte sie. „Ich kann dich nicht verstehen und würde um keinen Preis der Welt so handeln wie du.“

Lydia blieb mit einem Ruck vor ihr stehen, und aus ihren Augen sprühte der Hass gegen die Schwester.

„Ach, du! Was weißt du vom Leben? Du bist ja reich und kannst dir den Luxus leisten, deinen Gefühlen zu folgen. Ich kann das nicht. Denkst du denn, mir wird es so leicht, auf Gunter zu verzichten? Ich hatte ihn doch sehr gern. Aber wenn ich daran denke, dass er wahrscheinlich für Lebenszeit entstellt ist, dass er jetzt in Not versinken wird, dann wird mir der Verzicht leicht.“

„So warte doch wenigstens, bis er sich etwas wohler fühlt, ehe du ihn so kränkst“, bat Lena.

„Nicht eine Stunde warte ich mehr. Jetzt geht bei ihm sowieso alles in einem hin.“

Lena legte mutlos die Hände in den Schoß. Sie fühlte sich bei ihrer feinfühligen Veranlagung durch die Schwester mitschuldig an dem, was Gunter Heinersdorf angetan werden sollte. Aber sie fühlte, dass nichts zu ändern war, Lydias Gesicht verriet ihr das. Sie blieb in Gedanken verloren sitzen, als Lydia das Zimmer verließ, um gleich jetzt an Gunter zu schreiben.

***

Gunter Heinersdorf hatte unter dem Einfluss des Beruhigungsmittels bis zum späten Abend geschlafen und wachte mit etwas benommenem Kopf erst auf, als sein Prokurist bei ihm eintraf. Er war bis jetzt in der Fabrik gewesen.

Gunter sah Krüger zuerst etwas verständnislos in das blasse Gesicht.

„Was ist los, wie sehen Sie denn aus, Krüger? Ach so! Jetzt weiß ich’s wieder. Was ist denn das? Es ist ja schon Abend. Wie spät ist es, Krüger?“

„Elf Uhr vorbei.“

Gunter fuhr auf, sank aber gleich wieder mit schmerzverzogenem Gesicht zurück.

„So lange habe ich geschlafen? Wie ist denn das möglich?“

„Nun, Sie waren sehr erschöpft, Herr Doktor. Ihre Wunden sind nicht leicht, und der Arzt hatte Ihnen zur Vorsicht, damit Sie Ruhe fänden, ein Schlafmittel gegeben.“

„Ja, so! Aber nun sagen Sie mir, wie steht es draußen in der Fabrik?“

Krüger berichtete gewissenhaft, und Gunter hörte aufmerksam zu. Das Denken fiel ihm ein wenig schwer, aber er riss sich zusammen, so gut es ging.

Als Krüger geendet hatte, sagte Gunter heiser: „Wenn Sie wüssten, was ich mir für Vorwürfe mache wegen meiner Nachlässigkeit!“

„Vorwürfe machen nichts besser. Jetzt müssen wir alle Kräfte zusammennehmen – zum Wiederaufbau.“

Mit mattem Blick sah der Verwundete auf.

„Glauben Sie an einen Wiederaufbau, Krüger?“

„Wir müssen es versuchen. Es geht nicht nur um uns, sondern um so viele Menschen, die vom Betrieb abhängen. Weil ich weiß, dass Sie jetzt nicht imstande sind, klar nachzudenken, habe ich das zu tun versucht und möchte Ihnen einige Vorschläge machen.“

„Heraus damit, lieber Krüger! Ich weiß, dass Sie mein tüchtigster und zuverlässigster Mitarbeiter sind.“

„Also – zuerst habe ich an alle unsere Kunden schreiben lassen, um unser Unglück zu melden und um zu bitten, uns mitzuteilen, bis zu welcher spätesten Frist wir die bestellten Waren nachliefern können.“

„Man wird die Bestellungen an andere Firmen weitergeben, die jetzt leistungsfähiger sind als wir.“

„Nur nicht gleich mutlos werden!“

„Aber wir können doch in absehbarer Zeit keine Arbeiten ausführen lassen!“

„Darüber wollte ich gerade mit Ihnen sprechen. Es stehen ja gottlob die alten Werkstätten noch. Dort müssen wir vorläufig arbeiten lassen. Auch die Erdgeschossräume des Kontorhauses können zu Werkstätten umgewandelt werden, Repräsentationsräume brauchen wir vorläufig nicht.“

„In den Erdgeschossräumen könnten die Polster- und Malerwerkstätten untergebracht werden. Die kaufmännischen Angestellten müssen tunlichst zusammenrücken, damit wir Platz bekommen.“

Krüger nickte lebhaft.

„Ich sehe schon, Herr Doktor, Sie verstehen mich. Die Hauptsache aber ist jetzt, dass wir Kredit bekommen, damit wir weiter mit Material beliefert werden. Leider sind ja auch fast die ganzen Vorräte verbrannt.“

Nachdenklich sah Gunter ihn an.

„Geld auftreiben? Das ist leichter gesagt als getan.“

Krüger zog die Stirn zusammen.

„Ich weiß, Herr Doktor. Es ist eine verflixte Zeit jetzt, kein Mensch hat Geld, und langes Ziel will und kann kein Kaufmann geben. Und unsere Kassen sind fast leer, hatten wir doch auf die Abnahme der bestellten Lieferungen gehofft, wo wir von verschiedenen Seiten sofort Zahlung bekommen sollten. Na, wir werden sehen, wie es geht. Irgendwie müssen wir uns durchwursteln.“

Gunter seufzte.

„Das wird für lange unser Schicksal sein, Krüger, das Durchwursteln. Weiß Gott, ich würde lieber den Betrieb aufgeben und mir irgendwo eine Stellung als Innenarchitekt suchen, wenn es mir nicht um meine Leute wäre. Bei diesen elenden Zeiten finden sie sicher so leicht keine Arbeit.“

Unwillig schüttelte Krüger den Kopf.

„Daran wollen wir gar nicht denken, Herr Doktor, so mutlos und verzagt sind Sie ja auch nur, weil Sie sich jetzt elend fühlen. Das wird alles wieder besser. Also, guten Mut – und werden Sie erst mal gesund, dann wollen wir weitersehen! Ich halte Sie telefonisch auf dem laufenden.“

„Ich bitte darum. Muss mir das alles erst durch den Kopf gehen lassen. Und nun machen Sie, dass Sie heimkommen zu Ihrer Frau. Sie sehen sehr müde und abgespannt aus. Vielen Dank für alles, Krüger, hoffentlich können wir mit vereinten Kräften den Wagen wieder aus dem Dreck ziehen.“

„Es wird schon gehen. Gute Nacht, Herr Doktor!“

Als Krüger gegangen war, trat die Krankenschwester ein, die der Arzt geschickt hatte. Sie sah die Verbände nach, gab dem Kranken auf seinen Wunsch zu trinken und fragte ihn, ob er etwas essen möchte. Er bat um ein belegtes Butterbrot. Dazu wollte er ein Glas Rotwein trinken. Das bekam er auch, sein Diener Joseph brachte es herbei.

Joseph sah seinen Herrn mit seinen guten, treuen Augen an und war ihm beim Essen behilflich. Das gönnte er der Schwester nicht, auf die er überhaupt eifersüchtig war. Sie war seiner Meinung nach ganz überflüssig, und er war sehr froh, zu hören, dass sie nur einige Tage da sein würde.

Während Gunter speiste, sagte Joseph: „Es sind auch einige Briefe gekommen, gnädiger Herr, einer durch die Post, der andere durch einen Boten.“

Gunter wehrte leicht ab, er fühlte sich jetzt nicht imstande, Briefe zu lesen.

„Heb sie auf bis morgen Früh“, sagte er. „Jetzt will ich wieder schlafen.“

Joseph ging hinaus, und Gunter ahnte nicht, dass der durch einen Boten gekommene Brief von Lydia Ritter war, sonst hätte er ihn sicher verlangt, und dann wäre es um seine Nachtruhe geschehen gewesen.

Die Schwester versorgte ihn für die Nacht, gab ihm noch eine Pille ein, die er gehorsam schluckte, und bald war er wieder eingeschlafen. Er schlief auch durch bis zum nächsten Morgen und fühlte sich schon etwas besser. Der Kopf war fast ganz klar, das verletzte Ohr schmerzte freilich, aber das war nicht zu ändern. Die Schwester legte ihm einen neuen Verband an und meinte, die Wunde würde vollständig verheilen und keinerlei Spuren hinterlassen. Gunter nickte ihr lächelnd zu.

„Ich bin ja kein junges Mädchen, es wird mich nicht unglücklich machen, wenn es eine Narbe gibt.“

Er ahnte nicht, dass man davon sprach, dass er durch seine Verletzung entstellt sei. Daran war in der Hauptsache Joseph schuld, er hatte im Haus bei den Dienstboten herumerzählt, dass sein armer Herr Doktor entsetzlich ausgesehen habe und wohl für sein ganzes Leben entstellt sein werde. Und das Gerücht war schnell verbreitet worden, wie es immer mit solchen Gerüchten der Fall zu sein pflegt. Joseph brachte dann das Frühstück, das Gunter mit einigem Behagen verzehrte.

Kurz darauf kam der Arzt und war sehr zufrieden.

„Bei einer Kraftnatur wie der Ihren erlebt man zuweilen noch Wunder. Sie werden bald wieder aufstehen können, Herr Doktor.“

„Warum nicht heute schon?“, fragte der Kranke unternehmungslustig.

„Auf gar keinen Fall, heute und morgen bleiben Sie noch liegen. Übermorgen will ich sehen, ob wir Sie ein Stündchen aus dem Bett lassen können.“

Der Arzt gab der Schwester noch einige Weisungen und verabschiedete sich dann.

Joseph brachte nun Gunter die Post, die eingegangen war. Außer den beiden Briefen von gestern waren es nur Zeitungen.

Gunter legte die Zeitungen beiseite. Erst wollte er die Briefe lesen. Die Schwester hatte er für einige Stunden beurlaubt. Sie hatte sich schlafen gelegt. So war Gunter mit Joseph allein.

Der erste Brief, den Gunter öffnete, war nur eine Einladung zu einem Abendessen in einer befreundeten Familie. Der zweite Brief ließ Gunters Augen aufzucken. Er war von Lydia, seiner süßen, angebeteten Lydia! Sicher hatte sie von seinem Unfall gehört und sich gedrängt gefühlt, ihm einige liebe, trostreiche Worte zu schreiben.

Zärtlich strich er über den Umschlag und öffnete ihn langsam. Mit leuchtenden Augen begann er zu lesen.

Dass sie ihn mit „Sehr geehrter Herr Doktor!“, anredete, befremdete ihn nicht einmal, meinte er doch, sie tue das, falls ihr Brief in andere Hände gelangen würde. Aber dann erloschen seine strahlenden Blicke, er wurde bleich und sank wie kraftlos in seine Kissen zurück. Der Brief lautete:

Sehr geehrter Herr Doktor!

Wir haben von dem Unglück gehört, das Sie betroffen hat, und es tut uns herzlich Leid, dass Sie sogar dabei verletzt wurden. Es tut mir umso mehr Leid, als wir neulich einen sehr hübschen Abend zusammen erlebt haben und dabei im Übermut uns sogar den Scherz gestatteten, als seien wir gewillt, feste Bande fürs Leben zu schließen.

Das war natürlich von meiner Seite sowohl als auch von der Ihren nur ein Scherz. Und es ist sehr gut so, dass es nur ein Scherz war, denn Sie können ebenso wenig jetzt eine arme Frau brauchen wie ich einen armen Mann. Außerdem bin ich bereits an einen anderen Mann gebunden, mit dem ich mich morgen verloben werde. Sie sollen der Erste sein, der davon erfährt.

Ich hoffe, Sie werden vernünftig genug sein, mir Glück zu wünschen. Ich aber wünsche Ihnen, dass Sie bald auch in einer Verbindung mit einer anderen Frau, die besser zu Ihnen passt als ich, glücklich werden.

Mit dem herzlichen Wunsch für gute Besserung spreche ich die Hoffnung aus, dass Ihre Verluste nicht so groß sein werden, wie es den Anschein hat. Den Wunsch einer guten Besserung spreche ich zugleich im Namen meines Vaters und meiner Schwester aus und begrüße Sie

Lydia Ritter

Gunter stöhnte auf, so dass Joseph besorgt herbeikam und sich über ihn neigte.

„Kann ich irgendwie helfen, Herr Doktor? Haben Sie Schmerzen?“

Gunter starrte ihn an mit einem halb verwirrten Blick. Dann lachte er heiser auf.

„Die Ratten verlassen das Schiff, Joseph.“

Erschrocken sah der Diener ihn an, glaubend, dass sein Herr im Fieber spreche.

„Soll ich die Schwester wecken, Herr Doktor?“

Es zuckte in Gunters Gesicht. „Nein, nein. Geh du auch hinaus, Joseph! Ich möchte allein sein.“

Besorgt sah ihn Joseph an.

„Der Herr Doktor sprechen so seltsam – Sie sind doch wohl, Herr Doktor?“

Gunter lachte höhnisch auf.

„Ach so, du glaubst, ich habe den Verstand verloren? Nein, nein, mein guter Joseph, wenn es auch weiter kein Wunder wäre. Jetzt geh – ich will ruhen.“

Das klang so entschieden, dass Joseph hinausging.

Gunter las den Brief noch einmal, und sein Gesicht wurde hart und verächtlich. So sah also die große Liebe aus, die ihm Lydia Ritter vorgetäuscht hatte? Sie hatte erfahren, dass er verarmt war, und zog sich von ihm zurück! Jetzt war er ja nicht mehr die gute Partie. Und Lydia Ritter war es wohl nur um eine solche zu tun gewesen. Narr, der er gewesen war, sich so betrügen und täuschen zu lassen! Wie ein Gimpel war er der schönen Lydia ins Netz gegangen. Und nun, da ihm große Verluste erwachsen waren, gab sie ihn mit einer belanglosen Ausrede frei. Es war wohl sehr zur rechten Zeit ein neuer Freier für sie aufgetaucht, der ihr mehr zu bieten hatte als er.

Lange lag er mit geschlossenen Augen und dachte über alles nach. Das Herz tat ihm weh, er war leidenschaftlich verliebt gewesen in das schöne Mädchen. Aber konnte eine Liebe anhalten, die nun mit Verachtung gepaart war? Liebe stirbt an Verachtung. Der Rausch war verflogen, ernüchtert stand er am Grab seines Glücks.

Und plötzlich musste er wieder an Lena Ritter denken, die Schwester der schönen, glänzenden Lydia, deren feine, stille Reize neben denen der glänzenden Schwester so jäh verblasst waren. Hätte Lena so handeln können? Hätte sie ein so frevles Spiel treiben können? Er sah ihr stilles, feines Gesicht mit den großen tiefblauen Augen vor sich. Nein, Lena hätte nicht so gehandelt wie ihre Schwester.

Er grübelte über ihr Verhalten nach in all dieser Zeit, wo er nur für Lydia Augen gehabt hatte. Immer gleich ruhig und freundlich, wenn auch noch zurückhaltender als zuvor, war sie ihm begegnet. Er hatte wohl gemerkt, dass die Schwestern nicht sehr innig zueinander standen. Lena hatte zwar nie abfällig über die Schwester gesprochen, aber Lydia hatte sie zuweilen eine „alberne, prüde Tugendheldin“ genannt. „Meine Schwester ist die Langeweile in Person“, so hatte sie einmal zu ihm gesagt, und er hatte darüber gelacht, statt Lena in Schutz zu nehmen, einfach, weil alles, was Lydia sagte, für ihn maßgebend war.

Gunter war sehr unglücklich über Lydias Treuebruch, über ihre kalte, berechnende Art. Wenn seine Leidenschaft für sie auch bedenklich herabgestimmt war, fertig wurde er nicht so schnell damit.

***

Prokurist Krüger tat alles, was in seiner Macht stand, um die Geschäfte leidlich in Ordnung zu halten. Einige Schuppen wurden aufgestellt und provisorisch eingerichtet. Die nötigen Vorräte wurden herbeigeschafft, und man konnte damit rechnen, dass zu Beginn der neuen Woche wieder mit den nötigsten Arbeiten begonnen werden konnte.

Am Montag wollte Gunter auch wieder im Betrieb sein. Der Arzt hatte ihm auf sein Drängen erlaubt, dass er am Montag der kommenden Woche hinausfahren dürfe, denn wider Erwarten heilten Gunters Wunden schnell, und nur der Bruch des Arms würde noch eine Weile brauchen, um zu heilen.

Natürlich hatte Krüger jeden Tag einige lange Telefongespräche mit seinem jungen Chef, und es war nicht immer Erfreuliches, was zu melden war. Zu Gunters Beruhigung war aber der große Auftrag zur Innenausstattung des Schlosses wiederholt worden. Der Auftraggeber hatte zum Glück eine längere Auslandsreise geplant, und es sollte dann alles nach seiner Rückkehr geliefert werden. Das Kritische dabei war nur: Wo nahm man das Geld her, um die zum großen Teil kostbaren Hölzer und Stoffe wiederzubeschaffen? Die Skizzen und Entwürfe waren zum Glück in Gunters Privatkontor aufbewahrt und vor den Flammen bewahrt worden. Doch das Geld konnte nicht beschafft werden, und auf Borg wollten die Lieferanten, die schon auf Bezahlung der ersten Lieferungen warteten, nichts mehr hergeben, zumal sie gehört hatten, dass es schlimm um die Firma stand.

Gunter war der Verzweiflung nahe, und er fieberte danach, endlich herauszukönnen aus dem Krankenzimmer, damit er selber versuchen konnte, sich neuen Kredit zu verschaffen.

Es war in den maßgebenden Kreisen bekannt geworden, mit welchen großen Schwierigkeiten Gunter Heinersdorf zu kämpfen hatte, und auch Lena hatte davon gehört. Selbstverständlich auch Lydia, die aber in ihrem jungen Brautglück für nichts anderes Interesse hatte als für ihre glänzende Aussteuer. Sie war wirklich Jürgen Dellforts Braut geworden, und er tat alles, um ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Lydia pries sich glücklich, eine so glänzende Heirat machen zu können; zumal sie eben auch hörte, dass Gunter, wie man sagte, vor dem Zusammenbruch stand.

Lena konnte diese Gerüchte nicht ruhig aufnehmen. Ihre tiefe, reine Liebe zu Gunter ließ sie all seine Schmerzen und Sorgen mitfühlen, und sie grübelte darüber nach, wie sie ihm helfen konnte, ohne ihre Liebe zu verraten.

Und endlich kam ihr ein Einfall. Sie sprach mit keinem Menschen darüber, außer mit Justizrat Wallner. Er hörte sich ihren Plan ruhig an, und sie wusste ihn so klar und gut hinzustellen, dass er ihr nicht abraten wollte, wenngleich er ihr zu bedenken gab, dass sie sich verschiedene Sicherheiten geben lassen müsse. Sie wusste ihn schließlich zu überzeugen, zumal sie dem alten Herrn offen eingestand, dass sie auch eine moralische Verpflichtung fühle, Gunter Heinersdorf zu helfen, da ihm durch ihre Schwester schweres Leid widerfahren sei. Dass der alte Herr die Verschwiegenheit selbst war, wusste sie, so konnte sie über diesen Punkt offen mit ihm reden. Und da sie alle seine Einwände entkräftete, sagte er schließlich: „Ich sehe schon, Sie sind fest entschlossen, und schließlich ist es vielleicht gar nicht einmal ein schlechtes Geschäft.“

Nichts lag Lena ferner, als ein Geschäft zu machen. Ihr war es nur darum zu tun, Gunter Heinersdorf zu helfen.

Sie besprach nun noch alles Nötige mit dem Justizrat, und er fragte sie, ob er die Sache nicht für sie zum Abschluss bringen solle. Aber sie fürchtete, der alte Herr könne nicht schonungsvoll genug vorgehen, und so sagte sie ihm, es würde sie interessieren, einmal selbst so eine Sache abzuschließen.

Gleich vom Justizrat aus fuhr sie in ihrem Auto nach der Heinersdorfschen Fabrik hinaus. Es war am Sonnabend der Unglückswoche, und sie hatte schon in Erfahrung gebracht, dass Gunter noch nicht in seinem Betrieb war. Sie fürchtete sich, mit ihm zusammenzutreffen, denn noch immer glaubte sie, dass er durch seine Verwundung sehr entstellt sei, und sie fürchtete, bei seinem Anblick die Fassung zu verlieren. Um ihr Geschäft zum Abschluss zu bringen, musste sie aber auf jeden Fall die nötige Ruhe haben. So wollte sie zuerst lieber mit Gunters Prokuristen sprechen, der ihr von allen Seiten als seine rechte Hand gerühmt wurde.

Das Herz tat ihr weh, als sie in den Fabrikhof fuhr, wo die Brandruinen noch nicht hatten fortgeräumt werden können.

Aber sie nahm das Herz tapfer in beide Hände. Sie wollte ja Hilfe bringen!

Ruhig stieg sie aus dem Wagen, schloss ihn ab und betrat das große Kontorhaus, wo ihr der Pförtner entgegenkam.

„Ich möchte Herrn Prokurist Krüger sprechen“, sagte Lena bestimmt.

Wenige Minuten später stand sie in Krügers Kontor. Der alte Herr, der schon bei Lebzeiten von Gunters Vater in der Fabrik angestellt war, sah Lena etwas verwundert an.

„Womit kann ich Ihnen dienen, mein gnädiges Fräulein?“

„Ich möchte Ihnen einige Fragen vorlegen, Herr Krüger, und bitte Sie mir ganz offen und ehrlich zu antworten. Wir sind mit Herrn Dr. Heinersdorf befreundet, und ich habe gehört, dass er sich durch das Brandunglück in schwierigen Verhältnissen befindet. Möglicherweise bin ich imstande, Hilfe zu bringen, womit ich mir zugleich selber nützen kann. Ich möchte nämlich einen Teil meines Vermögens in einem geschäftlichen Unternehmen anlegen, möchte sozusagen in einem großen Betrieb stiller Teilhaber werden.“

Krüger spitzte die Ohren. Sein Herz tat einen Ruck. Kam hier vielleicht wie ein Wunder vom Himmel herab Hilfe?

Er schob Lena artig einen Sessel hin und nahm ihr gegenüber Platz.

„Bitte, gnädiges Fräulein, fragen Sie ohne Umstände! Ich werde offen und ehrlich antworten, denn wir haben nichts zu verbergen. Für ein Unglück kann der Mensch nichts.“

Lena neigte den Kopf.

„Also bitte, sagen Sie mir, ob es wahr ist, dass Herr Dr. Heinersdorf es versäumt hat, seine Feuerversicherung zu verlängern und dass er dadurch keinerlei Entschädigung für den großen Verlust bekommt.“

„Es ist so, mein gnädiges Fräulein, mein Chef versäumte die Prämienzahlung um einige Tage, und das hat sich bitter gerächt.“

„Und er ist dadurch in eine schwierige Lage geraten?“

„In eine sehr schwierige, wie Sie sich denken können. Große Aufträge waren zum Versand bereit, alles verbrannte. Wohl haben wir den größten Teil dieser Aufträge von neuem bekommen, aber es fehlt an Geld zur Neubeschaffung der Rohstoffe. Der Feuerschaden beläuft sich, so weit ich bisher feststellen konnte, auf eine Viertelmillion, wenn nicht noch mehr. Und das kommt uns nun alles über den Kopf, ohne Vorbereitung, ohne Abwehrmöglichkeit.“

Lena nickte.

„Das verstehe ich. Und ich frage Sie nun, wäre Ihnen mit einem Betrag von dreihunderttausend Mark, unter Umständen auch mehr, gedient?“

Krüger bekam vor Aufregung einen roten Kopf.

„Mein gnädiges Fräulein, das wäre die Rettung! Und ich als solider Kaufmann kann Ihnen sagen, Sie würden Ihr Geld nicht aufs Spiel setzen. Wenn wir nur erst in Ruhe wieder arbeiten können, wird der Schaden innerhalb einiger Jahre wettgemacht werden können.“

„Gut, so werde ich mich also mit einem Betrag von dreihunderttausend Mark als stiller Teilhaber an der Firma Heinersdorf beteiligen. Wie gesagt, ich möchte einen Teil meines Vermögens in einem geschäftlichen Unternehmen anlegen, und Dr. Heinersdorf ist mir Bürge genug, dass ich mich da an einer sicheren Sache beteilige. Er wird aber vielleicht, sogar wahrscheinlich, dagegen sein von einer Frau Geld anzunehmen, eine Frau als Teilhaberin in seine Firma aufzunehmen. In diesem Fall müssen Sie, Herr Krüger, seine Bedenken zerstreuen. Ich will ja nichts, als ein Geschäft mit ihm abschließen. Weil ich fürchte, dass er sich ablehnend verhalten könnte, bin ich zuerst zu Ihnen gekommen. Erst wenn Sie ihm die Sache klargelegt und seine Bedenken besiegt haben, werde ich selbst mit ihm das weitere besprechen. Wann kommt er wieder in die Fabrik?“

„Am Montag, mein gnädiges Fräulein. Und ich werde ihm alles ans Herz legen. Wenn es sich nur um ihn handelte, würde er wahrscheinlich ablehnen, aber er weiß, dass das Wohl und Wehe unserer Arbeiter und Angestellten vom Fortbestehen unserer Firma abhängt, und wir haben vergeblich alles versucht, um das nötige Geld aufzutreiben. Kredite können wir auch nicht in so großzügigem Maß erhalten, weil gerade durch diesen Brand die Leute ängstlich geworden sind. Das verschweige ich Ihnen nicht. Aber trotzdem – Sie riskieren nichts, darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Wir brauchen nur Zeit, dann kommt alles wieder in die Reihe.“