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Ein Berliner Holzbildhauer macht am Himmel eine Beobachtung, die er sich nicht erklären kann. Während der Recherche im Internet gerät er in die ebenso faszinierende wie gefährliche Welt der Verschwörungstheorien. Nicht nur sein bisheriges Weltbild fällt auseinander, sondern auch das Gerüst seiner äußeren Realität: er verliert seinen Job, seine Freunde entfernen sich von ihm und er bringt die Lebensplanung seiner Daueraffäre komplett durcheinander. Als seine Mutter dem Tod gefährlich nahekommt, befindet er sich im freien Fall. Nun muss er seine Realität neu ordnen und sich in ihr neu positionieren. Doch dann passiert etwas, was die gesamte Welt aus den Angeln hebt…
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Seitenzahl: 444
Veröffentlichungsjahr: 2022
Dennis Hoffmann
Heilige Kühe
unzensiert
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Inhaltsverzeichnis
Titel
I
Zoo
Narrenschiff
Alfas
Terror
Simulation
Hermes
Fall
II
Mamas
Theater I
Theater II
Hysterese
Hype
Apotheose
Videogame
Zigeuner
Impressum neobooks
„Dass morgen die Sonne aufgeht, ist eine Hypothese.“
L. Wittgenstein
Ich glaube, alles ist möglich. – Nicht, weil ich besonders naiv oder leichtgläubig wäre, sondern aus Überzeugung. Ich erlaube mir, frei über die Welt zu fantasieren.
Fairerweise gestehe ich auch jedem seinen Glauben, sein Weltbild, seine Fantasien zu; seine Lügen und Wahrheiten, seine Falsch- und Echtheiten.
Ich habe gelernt, meine Mitmenschen nicht mehr persönlich zu nehmen.
Zu oft bin ich in diese selbstgemachte Falle getappt, wenn ich glaubte, die Menschen von meiner Wahrheit überzeugen zu müssen.
Jeder bewohnt einen eigenen Planeten. Mit eigener Materie, mit eigenen Wesen, sogar mit eigenen Naturgesetzen.
Man kann niemanden überzeugen, niemanden bekehren, niemandem eine Realität überstülpen, die nicht seine ist.
Man kann auch niemandem helfen. Man muss schon selber dahin kommen, seine heiligen Kühe, die den eigenen Planeten bevölkern, als solche zu entlarven und zu schlachten. Und ich denke, es ist das Beste, was man dann tun kann.
„NEIN ABER, was ich sagen will, ist: Die Welt, in der wir leben, ist doch eine einzige Fiktion. Nichts weiter als eine kollektive Fantasie, nichts weiter als eine Geschichte. Wir könnten ebenso gut eine viel bessere, eine viel sinnvollere, eine viel schönere Geschichte erfinden und ablaufen lassen. Dann würde die Welt auch anders aussehen, in einem anderen Licht erscheinen, eine andere Strahlung haben.“
Das lange Schweigen von Madame Pokerface gab mir die Hoffnung, dass sie mich endlich verstanden hatte. Ich gönnte mir noch einen großen Schluck von ihrem leckeren Wasser, als sie sagte: „Das klingt jetzt aber sehr nach Verschwörungstheorie, meinen Sie nicht?“
Hustend spuckte ich das Wasser ins Glas zurück und fing an zu lachen. Aber nicht, weil es ein Scherz war, sondern weil es vollkommen ernst gemeint war.
Diesen Satz jetzt einzusetzen, in der dritten Sitzung, nach ungefähr sechs Stunden – solange braucht man, um einen Roman von 120 Seiten zu lesen und zu verstehen -, in denen ich ernsthaft versucht hatte, ihr so ehrlich wie möglich meine Story zu erzählen, war völlig absurd.
Nicht nur, dass dieser Satz das Totschlagargument ist, das alle Zu- und Ausgänge verstopft und zu Gehirnstau führt. Auch führt er dazu, dass kein Gespräch mehr möglich ist. Damit sprach sie mir nicht nur jegliche Integrität ab, sie führte den Sinn unseres gesamten Gesprächs ad absurdum.
Damit war auch unser Verhältnis fast beendet. Ich musste nur noch den richtigen Moment abpassen, um aufzustehen und den Raum zu verlassen. – Schade, ihre strenge, saubere Schönheit hatte mich angemacht, wobei mir das nervöse Flimmern ihres rechten Augenlids, so schnell wie der Flügelschlag einer Libelle, verriet, dass ihr glattes Äußeres nur Tarnung war.
Sachlich wie immer sah sie mich an und wartete auf eine Antwort.
„Ja, ganz genau“, sagte ich. „Ohne eine Form von Verschwörung wäre so etwas wie Realität wohl kaum möglich.“
„Aha.“
Darauf, auf diese gewagte These, wollte sie jetzt wohl nicht eingehen. Stattdessen blätterte sie in ihren Notizen herum, nur um mir folgende Frage zu stellen: „Sehen Sie manchmal Dinge, die andere nicht sehen?“
Wieder musste ich lachen. Diese Frage jetzt zu hören, in der dritten Sitzung, das war wieder sowas von unpassend. Zumal ich ausschließlich von Dingen erzählt hatte, die die meisten nicht sahen. - Ich dachte wirklich, wir wären schon viel weiter.
„Sie meinen, ob ich „Erscheinungen“ habe? Ständig. Das ist ja wohl normal.“
„Ich meine nicht die selektive, konditionierte Wahrnehmung: Wir laufen auf der Straße, ich achte auf die Wonderbra-Werbung und Sie sehen sich das Lucky-Strike-Plakat an - das meine ich nicht. Bei Ihnen geht es da noch ein bisschen weiter.“
Sie legte es also auf eine Diagnose an. Das bewies nur, dass sie in ihrer Therapeuten-Bubble gefangen war. Und wenn es unbedingt zum Programm gehörte, eine Diagnose zu stellen, dann hatte sie eben das Bubble-Syndrom.
Der passende Moment war gekommen. Ich stand auf und zog meinen Mantel an.
„Apropos Erscheinung“, sagte ich. „Haben Sie eigentlich schon gemerkt, dass ich etwa 40-mal in der Sekunde, so schnell wie der Flügelschlag einer Libelle, verschwinde und wiedererscheine? – Und jetzt verschwinde ich, aber diesmal für immer.“
Dass sie keine Anstalten machen würde, meinen Abgang zu verhindern, war klar. Aber dass sie offensichtlich fest entschlossen war, keinerlei Reaktion zu zeigen, kein Lächeln, kein Alles-Gute, nichts, außer ein hohles, von Sachlichkeit durchdrungenes Schweigen von sich zu geben, das hätte ich nicht gedacht.
Sachlich wie immer schaute sie mich an.
Kurz spürte ich den Impuls, ihr eine zu knallen. Aber nicht, weil ich böse auf sie war, sondern um endlich dieses Feuer zu sehen, wenn es sich durch ihr Pokerface frisst… Zum Glück war ich noch so gut konditioniert, dass ich Impulse dieser Art ohne Schwierigkeiten ignorieren konnte.
MEINE ERSTE „Erscheinung“ hatte ich vorletztes Frühjahr im Berliner Zoo am Ende einer Frühstückspause.
Jeden Tag um Punkt 10:00 Uhr fingen die Brüllaffen an zu schreien. Keine Minute früher, keine Minute später. Wegen dieser bemerkenswerten Pünktlichkeit wurde das Geschrei für uns, die hier auf der Baustelle arbeiteten, schnell zu einem Zeichen, einem Signal, zu einem unüberhörbaren Alarm, dass die Pause jetzt zu Ende war und wir uns gefälligst wieder zurück an die Arbeit machen sollten. Das setzte mich zwar jedes Mal latent unter Stress, aber es war immer noch besser, als diese halbherzige Eigentlich-habe-ich-keinen-Bock-Stimme des Vorarbeiters im Ohr zu haben. Da brachten die Brüllaffen meine Zellen wesentlich schneller in Schwung.
Damals arbeitete ich als Holzbildhauer für eine Firma, die Spielplätze baute. Normalerweise schnitzte ich Drachen und Tiger. Diesmal aber hatte ich den Auftrag, die Kletterstrecke für das neue Panda-Gehege im zoologischen Garten zu bauen. So wild und groß zu bauen wie die Natur - das war eine Herausforderung, der ich mich gerne stellte.
Nicht nur, dass die Struktur aus Stämmen Gewichte von bis zu 1000 Kilo aushalten musste. Sie sollte auch etwas Aufstrebendes und Leichtes, etwas Skulpturales bekommen. Und trotzdem so aussehen, als sei sie von einem Sturm hingeworfen worden. Dieser Widerspruch schien mir mitunter unlösbar zu sein, sodass mein Größenwahn schnell in Verzweiflung umschlagen konnte. - Der Künstler in mir hatte also seinen Spaß. Und vielleicht konnte ich die Pandas dazu bewegen, ebenso viel Spaß zu haben.
Zudem entwickelte sich dieser Spielplatz für die millionenschweren, chinesischen Teddybären zu einem echten Politikum, über das sich Angela Merkel und Xi Jinping die Hände reichten, und wurde neben dem BER zu Deutschlands berühmtester Baustelle. Und da diese Prominenz allmählich auf mich abstrahlte – ich wurde sogar irgendwelchen Leuten als derjenige vorgestellt, der gerade das neue Panda-Gehege baute – fing ich an, einen besonderen künstlerischen Anspruch an diese Arbeit zu entwickeln. Insgeheim hatte ich sogar die Vorstellung, ein Monument zu errichten, welches die Besucher mehr bewundern sollten als die Pandas.
Gerade hatte ich mich an einen Stamm gelehnt und eine Kippe angezündet, als das Geschrei wieder losging.
Es war sonnig. Keine einzige Wolke war am Himmel zu sehen. Und es versprach ein für Mitte April außergewöhnlich warmer Tag zu werden. Die goldbraunen Gläser meiner Sonnenbrille verstärkten die Kontraste, sodass die alltäglichsten Szenen an Dramatik und die banalsten Handlungen an Bedeutung gewannen.
Und so waren meine Augen an der Kletterstrecke hängengeblieben, an den Robinienstämmen, die nackt und schräg aus dem Boden ragten und zusammen wie ein kleiner kahler Wald aussahen, wo der Wind gerade durchfegte.
Meine Augen waren dem Rauch der Zigarette gefolgt, der sich in feinen Linien nach oben schlängelte und die Luftströme ziselierte; die kleinen Wellen und Wirbel sichtbar machte und schnell von der unsichtbaren Luft zersetzt und gierig gefressen wurde, bis er selbst unsichtbar war.
Weiter oben hatten sich meine Augen an ein Flugzeug geheftet, das einen fetten, weißen Kondensstreifen hinter sich herzog. Wie eine Pfeilspitze durchschnitt es das satte Blau und riss es auseinander. Ich hatte beobachtet, wie der Rauch aus den Düsen schoss und langsam erstarrte, wie er in dünner Höhe abkühlte und einfror, wie der Kondensstreifen allmählich Wolke wurde.
Dann brach der Kondensstreifen schlagartig ab.
Und die Brüllaffen fingen an zu schreien.
Es war seltsam. Bevor ich meinen Augen trauen konnte, musste ich mich erst innerlich davon überzeugen, dass da etwas nicht stimmte. Der Kondensstreifen war abgebrochen. Das hieß normalerweise Engine Stop. Und Engine Stop hieß: Absturz.
Normalerweise hätte man einen Richtungswechsel erwarten können. Das Flugzeug hätte zumindest leicht an Höhe verlieren müssen. – Aber nichts dergleichen passierte. Keine Anzeichen von einem Absturz oder Ähnlichem. Das Flugzeug flog einfach ohne Kondensstreifen weiter und verschwand hinter den Baumwipfeln.
Und die Brüllaffen hörten auf zu schreien.
Ich zog meine Sonnenbrille ab und schaute mich um, aber keiner sonst hatte es gesehen, keiner sonst hatte nach oben geguckt. Keiner sonst hatte auch eine Sonnenbrille mit goldbraunen Gläsern auf der Nase, die den Himmel dunkler und das Weiß des Kondensstreifens leuchtender, und damit das Abbrechen des Kondensstreifens irgendwie knalliger hatte „erscheinen“ lassen.
Und dann auch noch das alarmierende Geschrei der Brüllaffen… - Von nun an sollte es mich jeden Tag um Punkt 10:00 Uhr nicht mehr nur daran erinnern, dass ich zum Arbeiten hier war, sondern auch an diesen Moment, als der Kondensstreifen abgebrochen war...
Das bassige Dröhnen der Baustelle hatte wieder begonnen, als mir Robert, mein Vorarbeiter, von hinten auf die Schulter klopfte. „Alles okay bei dir?“ - „Jaja. Alles gut“, antwortete ich. Er nickte zufrieden, denn was anderes wollte er sicher auch nicht hören. Er wollte sicher nicht hören, dass ich das Gefühl hatte, soeben etwas gesehen zu haben, was ich nicht hätte sehen sollen. Und so erwähnte er mit seiner halbherzigen Eigentlich-habe-ich-keinen-Bock-Stimme nur, dass die Pause längst zu Ende sei.
Ich nickte, zog meine Sonnenbrille an, ließ die Kippe in den Sand fallen und machte mich wieder an die Arbeit; den Himmel ließ ich aber nicht mehr aus den Augen. Denn im Gegensatz zum Flugzeug verschwand der weiße Streifen nicht. Vielmehr breitete er sich aus, verteilte und verstreute sich; und das unmerklich langsam.
Nach einer halben Stunde tauchte ein weiteres Flugzeug auf; der nächste Kondensstreifen aus anderer Richtung. Nach einer weiteren halben Stunde das dritte Flugzeug und so weiter. Alle diese Kondensstreifen brachen jedoch nicht ab, dafür durchzogen sie den ganzen sichtbaren Himmel.
Gegen Mittag hatten die Kondensstreifen ein Netz gewoben, das allmählich dichter zu werden schien. Zum Feierabend dann hing ein silbriger Schleier in der Luft, der zwei Drittel des Himmels und dazu noch die Sonne verdeckte. An den folgenden Tagen wiederholte sich das Schauspiel.
- Das Abbrechen eines Kondensstreifens blieb für mich jedoch bis heute ein einmaliges Ereignis.
Zwar hatte ich schon von Chemtrails gehört, hatte sie aber, wie die meisten, als Spinnerei abgetan und mich nie damit befasst. Aber diesmal hatte ich es selbst gesehen; das Abbrechen des Kondensstreifens. Ein besseres Argument konnte man mir nicht liefern. Es sah tatsächlich so aus, als hätte das Flugzeug eine chemische Spur gelegt, wie eine Line Koks oder Speed, die irgendwann auf uns niederrieseln würde, die wir irgendwann einatmen würden, die wir uns buchstäblich durch die Nase ziehen würden.
Unweigerlich musste ich an den futurologischen Kongress denken. Stanislaw Lem entwirft in dieser Erzählung das Modell einer Chemokratie, wo die Menschen heimlich mit halluzinogenen Drogen, die man in der Luft versprüht, vollgepumpt werden, um die morbide Realität hinter einem rosa Wohlstandsschleier zu kaschieren. Da der Protagonist permanent vollgedröhnt wird, braucht er gleich mehrere Gegenmittel, um zur wirklich wahren Wirklichkeit vorzustoßen, die von Nahrungsmittel- und Ressourcenknappheit, Krankheit und Zerfall geprägt ist. Er muss zusehen, wie die Menschen in einer Art grotesken, chemisch erzeugten, ignoranten Glückseligkeit bei lebendigem Leib verfaulen.
Während der Lektüre hatte mich häufiger das Gefühl beschlichen, dass eine ignorante Glückseligkeit immer noch besser war, als die elende Wahrheit, an der nichts und niemand etwas ändern konnte…
Zögerlich fing ich in Gesprächen mit Kollegen an, die weißen Streifen am Himmel zu erwähnen. Für die meisten von ihnen war ich der sympathische, doch sonderbare Künstler, der selten etwas sagte, wenn es um die neuste Serie oder das neuste Videospiel ging, der, wenn überhaupt, Witze darüber machte, die jedoch keiner verstand, und ständig nur komische Fragen stellte, wie zum Beispiel: ob sie schon mal was von Mondholz gehört hätten, das stabilste, langlebigste, beste Bauholz, das es gebe. Das war den Kollegen jedoch völlig unbekannt. Und da passte es zu meinem komischen Künstlerprofil, dass ich nun anfing von sonderbaren weißen Streifen am Himmel zu erzählen.
Viele zuckten nur mit den Schultern und furzten mit den Lippen; sie schauten halt nicht so oft in den Himmel. – „Stimmt, ihr schaut ja lieber auf den Boden.“ – „Genau. Da kann man wenigstens nicht in Scheiße treten.“
Leute wie Robert, die Mitte fünfzig waren, meinten noch zu wissen, dass Kondensstreifen Wasserkristalle seien, die lösten sich irgendwann auf.
„Aber die lösen sich ja nicht auf!“ sagte ich dann und zeigte auf den Himmel, wo mindestens einer dieser Streifen immer zu sehen war. „Und wieso bricht ein Kondensstreifen ab und das Flugzeug fliegt ganz normal weiter, wenn doch ganz offensichtlich der Motor ausgegangen sein muss?“
Nach diesem Einwand kam meistens diese Antwort: „Dafür gibt es bestimmt eine physikalische Erklärung.“ Soll heißen: das ist „Expertensache“.
Aber einmal war Stefan dabei, der konnte sein spöttisches Lächeln nicht verbergen, und ich verpasste es nicht, ihn direkt drauf anzuhauen. Das war auch das letzte Mal, dass ich ihn sah. Einen Tag später wurde er rausgeschmissen, weil er Werkzeug geklaut haben soll.
Sein Statement zum Thema Kondensstreifen klang wie eine Warnung, ich solle dort nicht weitersuchen, denn hier seien diejenigen zu finden, die mit selbstgebastelten Alumützen und Obelisken aus Orgonit herumliefen.
Ein Glück, dass mich diese Warnung nicht beeindruckte. Ich fragte mich bloß, was Kondensstreifen mit Wilhelm Reich zu tun hatten.
ICH FOLGTE meiner Neugierde ins Internet, gab aber nicht „Chemtrails“ sondern „Kondensstreifen“ in die Suchleiste ein. Trotzdem poppten etliche Videos zum Thema Chemtrails auf, von denen die meisten so reißerisch waren wie der Trailer eines Blockbusters. Und so kackte es einen gleich an, dass die Kondensstreifen Chemtrails hießen. Denn es waren keine Kondensstreifen, sondern eben Chemtrails. Kondensstreifen lösten sich auf, Chemtrails nicht.
Andere Videos waren in einem dokumentarischen, journalistischen Stil gemacht, wo die Bilder für sich sprachen, aber mit dramatischer Hintergrundmusik zu einem missionarisch-pathetischen Höhepunkt zusammengeschnitten waren.
Dann diese Handyvideos, wo der Pilot eines Flugzeugs eine Warnung mit Chemtrails an den Himmel schrieb. Oder wo Stammtisch-Experten in einem Partykeller der 70er Jahre eines Reihenhauses saßen und über die >Herrscher der Welt< (Chomsky) spekulierten.
Es tat sich mir eine Welt von Verschwörungstheorien auf, besser als jeder Krimi, in der es einerseits nur so von CIA-Agenten und geheimen Akten wimmelte, dass man das Gefühl bekam, der dritte Weltkrieg hätte längst angefangen; sich andererseits aber so grundlegend auf dem Misstrauen gegenüber den herrschenden Eliten aufbaute, dass man das Gefühl bekam, die Revolution würde gleich ausbrechen. Das war aber noch nicht alles. Denn gleichzeitig war diese Welt schon so verbubblet, mit Referenzen und Fachbegriffen hermetisch abgeriegelt und gesichert, dass ich mich fragte, von welcher Verschwörung hier eigentlich die Rede war: die der Eliten oder die dieser „Experten“.
Hin und wieder tauchten Sequenzen aus den Nullerjahren auf, in denen von halboffzieller Seite zugegeben wurde, dass es sich bei Chemtrails um geheime Wetterexperimente handele, die den Klimawandel erforschten. Oder, dass es hierbei um die Bildung eines Reflektorschilds gehe, der die Erderwärmung mindern solle, indem er die Sonnenstrahlen ins All zurückreflektiere. Tatsächlich werde ein Temperaturunterschied von einem Grad erreicht. Nur leider verhindere der Schild auch, dass die Wärme wieder entweichen könne. Es bestehe aber keine Gefahr für Mensch und Natur.
Der allgemeine Tenor war aber dieser: „Es gibt keine Chemtrails!“ wie Harald Lesch in einer seiner Sendungen ausrief, der Hauslehrer der Nation, dessen wirre Ironie mich eher amüsieren als orientieren konnte. Ganz „unernst“ nahm er den Text eines Studenten der Meteorologie zur Grundlage seiner Argumentation. Und wie erwartet, sagte der Text nur, dass das Wetter ja ein sehr komplexes Feld sei und die Wolkenbildung von einer Unmenge von Faktoren abhänge, sodass man gar nicht sagen könne, wieso sich die Kondensstreifen mal so und mal so verhielten, wieso sie sich mal auflösten und mal nicht. Und deshalb sei sich der Harald auch so sicher, „dass es keine Chemtrails gibt.“
Vermutlich ausschließlich aufgrund seiner medialen Autorität, und nicht aufgrund seiner fachlichen Kompetenz, mag es bestimmt Leute geben, die ihm bei solch kritischen Themen ihr blindes Vertrauen schenken. Er besitzt ohne Zweifel das Talent, belustigend und beruhigend zugleich auf den Zuschauer einzuwirken. Denn er sagt immer exakt das, was MAN hören will… - Ich gehörte allerdings nicht zu diesen Zuschauern. Es war ja auch nicht das, was ich hören wollte. Ich fühlte mich zwar belustigt, aber auch verarscht. Seine Argumentation war hanebüchen. Wie konnte er aus dieser großspurig dargelegten Komplexität des Wetters, aus dieser wirr-skizzierten Menge der aufeinander einwirkenden Faktoren, sprich aus dem wortreich verschwiegenen Unwissen heraus überhaupt zu einem Resultat kommen? Und dann auch noch so radikal? Aus seiner Argumentation konnte weder hervorgehen, dass es Chemtrails gibt, noch, dass es sie nicht gibt. - Es war nichts weiter als eine Parodie, die Performance eines Clowns, eines Narren, welcher sich erdreistete, ein Phänomen, das jeder sehen konnte, pseudowissenschaftlich als völligen Unsinn darzustellen, während im Hintergrund ein Foto hing, auf dem ein Flugzeug zu sehen war, das einen fetten, silbrig-weißen Streifen in die Atmosphäre stieß.
Da gefielen mir die medizinischen Vorträge schon besser; z.B. über die zurzeit weltweit häufigsten Erkrankungen. Hier waren Chemtrails schon längst als eine Ursache unter vielen bekannt und stellten eine erschreckende Normalität dar.
Der Arzt, der mich durch seine Glaubwürdigkeit am meisten bestechen konnte, hieß: Dr. Dietrich Klinghardt. Nach einem Medizin- und Psychologiestudium in Freiburg habe er bei einem Indien-Aufenthalt andere Heilmethoden und unterschiedliche Meditationstechniken kennengelernt, sei dann in die USA ausgewandert, wo er mittlerweile seit Jahrzehnten praktiziere und wo die Auswirkungen von Chemtrails deutlicher zu sehen seien als hier in Europa, da die Amerikaner deutlich früher damit angefangen hätten.
Klinghardt sprach unaufgeregt über dieses Thema, ohne den geringsten Zweifel und ohne die Zuhörer überzeugen zu wollen. Zumal ja Interessierte schon zur Hälfte überzeugt sind.
Er sagte, dass Chemtrails Aerosole aus freiem Aluminium und radioaktiven Stoffen wie Barium und Strontium seien. Abgesehen davon, dass die Konzentration von freiem Aluminium im Boden den kritischen Wert schon längst um ein Vielfaches überschritten hätte, drängen die Nanopartikel auch in die Zellkerne der Organismen, also auch in den Menschen ein und verursachten einen Zelltod. Beim Menschen komme es häufiger zu Entzündungen, Krebs, Alzheimer, Autismus… Diese andauernde Aluminiumbelastung könne auch in kleinen Mengen neurotoxische Veränderungen im Gehirn verursachen, zum Beispiel die Merkfähigkeit stören. Im Körper abgelagerte Aluminiumpartikel reagierten außerdem auf elektromagnetische Wellen, so dass organische Schäden in Strahlungsfeldern auftreten können, beispielsweise durch Verbrennungen, wenn sich die Aluminiumpartikel erhitzen.
Das klang zwar alles wie Science-Fiction, war aber immer noch glaubwürdiger als die Storys meines Hausarztes, dessen Forschungsarbeit nur darin bestand, Fachzeitschriften zu lesen, in denen die neusten Produkte der Pharmaindustrie angepriesen wurden.
Hier aber sprach ein Wissenschaftler, der sein eigenes Institut und offenbar die Mittel besaß, eigene Forschungen zu betreiben. Und in jahrzehntelanger Arbeit ausreichend Erfahrung und Material gesammelt hatte, um Statistiken erheben zu können.
Klinghardt arbeitete aber nicht nur beflissen an der Erforschung und der Heilung dieser Krankheiten, sondern auch an der Aktivierung der körpereigenen Resilienz. Er empfahl zum Beispiel regelmäßige Detox-Kuren mit einer Alge namens Chlorella. - Nachdem ich mittlerweile etliche Male diese Kuren durchgemacht habe, frage ich mich immer noch, warum man Chlorella nicht mit „K“ schreibt.
Skeptisch wurde ich nur einmal. Nämlich als Klinghardt ein Foto der Erde von 1990, auf dem ein blauer, frischer, gesunder Planet zu sehen war, mit einem Foto aus dem Jahr 2015 verglich, das die Erde von einer milchigen, trüben und ungesund aussehenden Schicht komplett überzogen zeigte. - Mit Hilfe digitaler Technik und einer ausgefeilten Rhetorik kann man ja alles behaupten.
Klinghardt ging auch auf 5G ein, welches die Nutzung von VLF (Very Low Frequences) vorsah. Das Frequenzspektrum menschlicher Gehirnströme, sichtbar gemacht im EEG, liege ebenfalls im VLF-Bereich, d.h. zwischen 0-50 Hz, so Klinghardt.
Tatsächlich seien Wechselwirkungen zwischen elektromagnetischen Wellen und EEG-Mustern an der Justus-Liebig-Universität in Gießen nachgewiesen worden. Dabei sei entweder eine Dämpfung oder eine Aktivitätssteigerung der Gehirnströme aufgetreten.
Klinghardt sagte, dass Körper und Geist über diese niedrigen Frequenzen miteinander kommunizierten. Werde dieser Austausch gestört, werde der Mensch den Kontakt mit sich selbst verlieren. Er werde den für ihn fremden Signalen, die sein Körper/Geist Gleichgewicht durcheinanderbrächten, völlig ausgeliefert sein. Welche pathologischen Folgen das haben werde, sei schwer abzusehen. Schlimmstenfalls aber werde der Mensch komplett ferngesteuert sein wie ein Roboter…
Ich hatte das Bedürfnis, darüber zu diskutieren. Aber mit aufgeklärten Menschen, die zumindest vorgaben, neugierig zu sein; und denen man unterstellen konnte, nicht nur in der eigenen Bubble nach den Inspirationen zu suchen, die sie brauchten.
Eine Gelegenheit dazu bot sich an, als Patrick zum Feuer einlud.
Ich lernte ihn vor einigen Jahren bei einem seiner Abende im Music Ashram kennen. Damals hatte ich noch keine Ahnung, dass Patrick in der deutschen Musikszene eine bekannte Größe war.
Er hatte früher bei Nena Gitarre gespielt, später hatte er die Elektropunkband Warren Suicide gegründet, jetzt tourte er mit seinem String Theory Orchestra durch die ganze Welt. Und 2020 wurde eins seiner Projekte für einen Grammy nominiert.
Im Music Ashram saß er ganze sieben Stunden am Klavier, während der Rest der Besetzung ständig wechselte. Es waren etwa 60 Leute anwesend, aber es gab kaum Publikum; hauptsächlich Akteure, die ihren Impulsen folgend mit ihrem Instrument auf die Bühne kamen. Ich kam mit meiner Klarinette, die so undicht war, dass man die Töne kaum kontrollieren konnte. Aber es passte alles; sogar das Klingeln der Handys.
Patricks Musik war von einer Offenheit und Toleranz gegenüber dem Dröhnen der Welt, dass sogar der Lärm einer Kettensäge ins Geflecht seiner Kompositionen hätte verwoben und als Wohlklang wahrgenommen werden können. (Er selbst spielte mal auf einer seiner Konzertreihen die Bohrmaschine.)
Seit diesem Abend waren Patrick und ich so etwas wie Freunde. Unsere Beziehung war von einer teilweise unangenehmen, aber herzlichen Ehrlichkeit, die der verbalen Seifenblase des anderen noch eine Perspektive hinzufügen oder sie komplett zum Platzen bringen konnte.
Patrick war tatsächlich der einzige Mensch, mit dem ich nie über Worte stritt. Ob sie nun politisch korrekt eingesetzt wurden oder nicht, war uns egal. Wir waren uns darüber einig, dass Begriffe mehrdeutige Metaphern waren und der Kontext sie einfärbte und ihnen eine Kontur gab. Weshalb wir auch länger als 5 Minuten über ein einziges Thema reden konnten.
Etwa zehn Leute saßen in Patricks Hinterhof am Feuer. Man trank und rauchte; gelassene Stimmung unter Musikern. Die Meisten von ihnen kannte ich, Patricks Arbeitskollegen, die auch seine Freunde waren. Ich war wohl der Einzige, der kein Musiker war, jedenfalls kein professioneller. Und so fragte man mich mit aufrichtiger Neugierde, wie es im Zoo so laufe, ob es nicht traurig sei, den ganzen Tag eingesperrte Tiere zu sehen? – Das war eine typische Frage. Denn in diesen Kreisen boykottierte man den Besuch im Zoo. Und um ein typisches Gespräch zu umgehen, sagte ich sowas wie: „Ich scheine über die Phase des Mitgefühls hinaus zu sein.“
Nach einem kurzen Moment allgemeinen Schweigens, sagte jemand, dass man ziemlich herzlos und abgestumpft sein müsse, um das zu denken usw. - Meine Strategie, das Typische zu umgehen, ging also nicht auf.
„Ja, natürlich bin ich herzlos und abgestumpft“, sagte ich mit provokantem Schmunzeln. „Ich sehe keine Tiere mehr. In gewisser Weise sagen die Tiere im Zoo nur noch etwas über uns und unsere Kultur aus.“
Das war ein untypisches Angebot für eine untypische Diskussion. Aber keiner zeigte auch nur das leiseste Interesse daran, das Thema zu vertiefen. Stattdessen verlor sich das Gespräch in moralischen Meinungen und substanzlosen Storys; schließlich mischten sich andere Themen ein, so dass schon nach ein paar Minuten keiner mehr wusste, worum es ursprünglich ging… - Wäre ich mit Patrick alleine gewesen, wäre das nicht passiert.
Mir brannten Chemtrails auf der Zunge, die ich auch mit viel Wein und Blabla nicht löschen konnte. Am Himmel sah ich einen frischen rosa Streifen im Abendlicht.
In einem stillen Moment, als alle ins Feuer starrten, zeigte ich nach oben und fragte: „Wisst ihr was das ist?“
„Was?“ fragte jemand.
„Na, der rosa Streifen.“
Ich wartete erst gar nicht auf eine Antwort. Und solange man zuhörte, erzählte ich, was ich in Erfahrung gebracht hatte. Aber ich kam nicht dazu, alles zu sagen. Als ich über die gesundheitlichen Folgen berichtete, bombardierte man mich mit Fragen. „Ist das so eine Verschwörungstheorie?“ – „Wieso weiß man davon nichts?“ - „Wieso sollte man das tun?“ – „Wer macht das überhaupt?“
Die Fragen hatten einen Ton an sich, der alles sofort in Zweifel zog. Ich hatte aber eher einen Ton der Neugierde erwartet. Ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet, mich verteidigen zu müssen.
Auf die letzte Frage gab ich nur eine kurze Antwort:
„Monsanto macht das.“
„Ach so. Sag´ das doch gleich!“
Konnte ich nun etwa einen Stimmungswechsel erwarten, nur weil Monsanto unter Künstlern bekannt und verhasst war? Komischerweise schien ihnen das Verschwörerischste an der Geschichte, nämlich ein Name, am glaubwürdigsten zu sein.
„Es ist aber trotzdem schwer zu glauben. Das verstößt doch gegen alle Umweltauflagen und Menschenrechte“, sagte jemand. „Wieso sollten die Piloten da mitmachen? Die vergiften doch sich selbst.“ - Ich konnte also keinen Stimmungswechsel erwarten.
„Angst“, probierte ich als Antwort. „Wenn sogar Wissenschaftler ihre Studien zurückziehen müssen, weil ihnen mit dem Tod ihrer Familien gedroht wird…“
Hier schaltete sich Patrick ein. Entweder er wollte mich beschützen oder ich war ihm peinlich; jedenfalls wollte er das Thema nachdrücklich auf eine andere Ebene heben. Er erzählte von den im Ranking drei wahrscheinlichsten Arten wie der Mensch untergehen könne: durch sich selbst, Naturkatastrophen, außerirdische und künstliche Intelligenz.
„Und alle drei finden gerade statt“, bestätigte ich.
„Meinste?“ – „Echt?“ – „Das glaub´ ich nicht.“
„Da gibt es nichts zu glauben.“ (Das war ein falscher Satz.) „Schaut doch hin!“ Ich zeigte nach oben. Mir war schleierhaft, wie man das nicht sehen konnte. Dass da oben etwas versprüht wurde, war doch offensichtlich. Ich zeigte wieder, aber diesmal energischer, in den Himmel. „Das ist der Futurismus, in dem wir bereits leben.“
„Hört sich an wie ne Verschwörungstheorie.“
„Ich weiß. Aber ich habe Videos gesehen, in denen sich wirklich seriöse Leute damit beschäftigen. Ich kann euch Links schicken. Aber schauen müsst ihr sie schon selbst.“
„Ich schaue lieber Kochsendungen!“ rief jemand und kicherte.
Diese ignorante Glückseligkeit. Diese glückselige Ignoranz. Ich wurde wütend.
„Selbst schuld, Bubblegum! - Warum redest du überhaupt mit? “
„Hey komm runter, okay. Wir glauben dir halt nicht.“
„Wer ist denn hier WIR?“
Ich gehörte jedenfalls nicht dazu, nicht mehr. Ein unangenehmes Schweigen machte sich breit. Ich glaube, keiner wollte mich ausschließen, aber es ist doch irgendwie passiert.
Patrick hielt mir sein Glas hin und sagte: „Hey, nimm es nicht so persönlich, okay? - Cheers.“
Genervt schaute ich ihn an, stand auf und hob mein Glas.
„Heil Christian Schmidt. Der kürzlich im Europaparlament, entgegen seines Auftrags, Glyphosat für weitere 5 Jahre durchgewunken hat.“
Ich trank und schmiss das Glas ins Feuer und ging mit geschwollener Brust von der Bühne…
- So hätte ich gerne reagiert. Denn genauso hatte ich mich gefühlt. Und das Gefühl war so stark, dass es mir zuerst in Erinnerung kommt, wenn ich an diesen Moment zurückdenke.
Tatsächlich jedoch hatte ich das Angebot zum Anstoßen angenommen. Aber mehr aus Reflex. Weniger aus einer freiwilligen Gutmütigkeit oder heuchlerischen Gönnerhaftigkeit heraus, als vielmehr aus Gewohnheit, d.h. aus einer ankonditionierten, instinktivierten, fast schon pervertierten Nettigkeit heraus. Was zur Folge hatte, dass ich für den Rest des Abends in einer dunklen Ecke saß und stumm und düster ein Glas nach dem anderen trank. Sinnlos kippte ich den Wein in mich hinein, bis ich sicher war, dass man mich und diesen Moment vergessen hatte. Wortlos stand ich auf, in der Überzeugung nur noch ein Schatten meiner selbst zu sein, und torkelte nach Hause.
Ich habe mich immer für einen zwar etwas aufgewühlten, zu pathetischer Übertreibung neigenden, aber durchaus kontrollierten und pervers netten und nicht gerade leichtgläubigen Menschen gehalten. Doch auf einmal haftete mir die Rolle eines naiven Verschwörungsspinners an. Nie hätte ich gedacht, dass mir so etwas passieren könnte.
Aber ich konnte nicht anders. Ich hatte es gesehen, ich hatte es beobachtet: das Abbrechen des Kondensstreifens - das konnte ich nicht ignorieren.
Und mein Skeptizismus gegenüber der „Realität“ ist berechtigterweise so ausgeprägt, dass ich hinter jeder Geschichte noch eine andere vermute.
SEIT ICH denken kann, war für mich die „Realität“ (laut Nabokov, eins der wenigen Worte, die ohne Anführungszeichen nichts bedeuten) nichts weiter als eine Farce. Der Konsum von psychedelischen Drogen hatte die Wirklichkeit leider nicht verschleiert, geschweige denn verschönert, wie es im futurologischen Kongress der Fall war. Bei mir hatte es genau den gegenteiligen Effekt gehabt.
Mit 17 fand ich mich plötzlich im Erdkunde-Unterricht wieder und wunderte mich darüber, dass alle total gestresst einer guten Note hinterherrannten…
Nun, ab da rannte ich nicht mehr mit, las Kafka und Nietzsche, fing an, Kunst zu machen und meinen eigenen Gespenstern hinterher zu rennen; mitunter sogar noch gestresster als meine Mitschüler dem Gespenst einer guten Note.
Zweimal hintereinander blieb ich in der dreizehnten Klasse sitzen. Ich brachte es sogar so weit, meine Schullaufbahn mit einer Sechs im Leistungskurs zu beenden. Thema verfehlt, wie mein Lehrer, der mich hasste und den ich hasste, behauptet hatte. Für mich war es jedoch die kreativste, spaßigste, ja die beste Klausur, die ich je geschrieben hatte.
The Fool On The Hill hatte mich damals meine Geistesschwester Klara genannt, denn ich hätte nur wiederkäuen müssen, was in den Lehrbüchern stand. Ich fasste diesen Titel aber als Kompliment auf; das Entrückte gehörte für mich zum Bild eines Künstlers dazu, und ich wurde vor mir selbst um einiges glaubwürdiger.
Außerdem war die Kunstakademie eine Institution, zu der man auch ohne Abitur Zutritt hatte; man musste nur zeigen, dass man etwas drauf hatte. Ich übertraf diese Anforderung aber noch, indem ich einfach ohne Arbeitsproben beim Bewerbungsgespräch erschien. Auch, nachdem die Prüfer höflicherweise angemerkt hatten, dass sie meinen Auftritt für einen schlechten Scherz hielten, hatte ich nicht den Hauch eines Zweifels, dass ich Künstler war. Und wenn die Prüfer, diese Professoren der Kunst, nur den leisesten Schimmer von Kunst hatten, mussten sie den Künstler in mir erkennen.
Natürlich lehnten sie mich ab. Mir flatterte aber eine Zusage ins Haus; ein Verwaltungsfehler hatte mich reingeschmuggelt.
Als dieser aufflog, war ich bereits drin und hatte bewiesen, dass ich etwas drauf hatte. Dennoch hätte mich ein nachträglicher Rausschmiss nicht wirklich gejuckt. Schnell hatte ich verstanden, dass diese Luxusanstalt nicht viel mit Kunst zu tun hatte. Vielmehr erfüllte sie die Funktion, eine repräsentative, gesellschaftliche Klasse zu bilden, die mitunter sogar noch spießiger war als die Bourgeoisie selbst.
Als eine Meisterschülerin ihre Abschlussarbeit – es waren einfach nur weiße Laken – ins Raucher-Foyer gehängt hatte, forderte sie mich auf, hier bitte nicht mehr zu rauchen, weil sie sich Sorgen machte, dass ihre Arbeiten vergilben könnten.
Nachdem ich sie hemmungslos ausgelacht hatte, sagte ich, dass sie sie nicht ins Raucherfoyer hätte hängen sollen. „Außerdem lasse ich meine Freiheit nicht von ein paar Laken einschränken.“
Die heilige Kunst war mir nicht nur suspekt, sie ging mir sogar gehörig auf den Sack. Ich ließ mich ausschließlich von der Avantgarde des 20. Jahrhunderts inspirieren, Dadaismus, Surrealismus, Situationismus, die stets die Erfahrungen aus der Kunst ins Leben überführen wollte, um so die Gesellschaft zu revolutionieren. So fing ich an, Antikunst zu machen.
Am Ende meines letzten Jahres auf der Akademie beschloss ich, zum Entsetzen aller Studenten und Professoren, alle meine in vier Jahren entstandenen Werke auf dem Campus in Flammen aufgehen zu lassen. - Das tat vielleicht gut, ihre Gesichter zu sehen; wie die Herrschaften versuchten ihre zivilisierte Fassung zu wahren. - >Die Verbrennung der Kunst< geschah aber nicht aus einem Anflug von Wahnsinn, Rebellion oder Faschismus heraus, sondern weil ich einfach nicht wusste, wohin mit dem ganzen Kunstzeug, wenn ich die Akademie verlassen haben würde. Erst später hatte ich den Gedanken, dass ich mit diesem Ritual, die Kraft, die ich in die Objekte hineingelegt hatte, wieder hatte Geist werden und als Rauch in die Noosphäre hatte aufsteigen lassen.
Immer schon habe ich mich auf der Seite der Indianer, der Zigeuner, der Wilden, auf der Seite der Rebellen, der Loser gesehen. (Weswegen ich gerade Wörter benutzt habe, die auf dem Index stehen. Was jedoch keinerlei Bedeutung hat, außer vielleicht die, dass mich zeitgenössische Verbote, insbesondere Wortverbote, nie sonderlich interessiert haben. Außerdem ist mir der Begriff „amerikanischer Ureinwohner“ aus literarischer Sicht zu umständlich. Wenn ich von meiner Kindheit erzähle, sage ich doch nicht: „Wir haben Cowboy und amerikanischer Ureinwohner gespielt.“ Das klingt doch kacke! - Und der Begriff „Sinti und Roma“ ist weder politisch korrekt noch ist er besonders sensibel. Ein Vertreter dieser ethnischen Gruppe hatte mir mal gesagt, dass er den Begriff „Zigeuner“ am meisten mochte, weil er alle Stämme unter sich zusammenfasse. „Sinti und Roma“ dagegen benenne ja nur zwei Stämme und sei ihm deswegen einfach zu faschistisch.)
Schon in der Schule hatte ich den Eindruck, dass wir immer noch in Zeiten des Imperialismus leben, dass es immer noch um die Weltherrschaft geht. Und dass wir zu den pervers Guten und obszön Privilegierten gehören, und irgendwie immer zu den Winnern zählen. - Unter demokratischem Banner und mit demokratischer Demagogie lassen sich die braven Schüler und Studenten nahezu freiwillig zu Soldaten und Agenten des Empires modellieren. Von der Demokratie als Wohlfühl-Diktatur hatte Tocqueville, nachdem er die USA bereist hatte, schon im 19. Jahrhundert gesprochen. Glückliche Sklaven merken halt nicht, dass sie Sklaven sind.
Die Bücher, die mich in meinem Denken und in meiner künstlerischen Arbeit am nachhaltigsten beeinflusst haben, sind: >Die Gesellschaft des Spektakels< aus dem Jahr 1967 von Guy Debord, dem Gründer und Theoretiker der Situationistischen Internationalen, welcher nachgesagt wird, mit einem Pamphlet, das sie in hoher Zahl gedruckt und unter Arbeitern verteilt hatte, den Generalstreik von Straßburg verursacht und den Mai `68 losgetreten zu haben; und >Kybernetik und Revolte< aus dem Jahr 2001 von Tiqqun, einem französischen Autorenkollektiv, welchem nachgesagt wird, in der Tradition der Situationisten zu stehen und das >Unsichtbare Komitee< gegründet zu haben, welches einen Text namens >Der kommende Aufstand< herausgegeben hatte, der die gesamte Linke Europas zu Sabotageakten beflügelt haben soll. In der Folge wurden einige Mitglieder von Tiqqun und des >Unsichtbaren Komitees< verhaftet und ein halbes Jahr lang, ohne Anklage, in Untersuchungshaft festgehalten. Der Inhaftierte Julien Coupat antwortete in einem Interview auf die Frage, ob er einer der Autoren von >Der kommende Aufstand< gewesen sei, natürlich mit einem kalkulierten Nein, „aber wenn das Empire vor einem Buch Angst hat, sind wir auf dem richtigen Weg.“
Ich kann nicht behaupten, diese Bücher komplett verstanden, geschweige denn das Denkmodell dahinter in meinem Kopf komplett wieder zusammengesetzt zu haben, selbst nach mehrmaligem Lesen nicht. In These 215 definiert Guy Debord das Spektakel folgendermaßen: „Das Spektakel ist die Ideologie schlechthin, weil es das Wesen jedes ideologischen Systems in seiner Fülle darstellt und zum Ausdruck bringt: die Verarmung, die Unterjochung und die Negation des wirklichen Lebens.“ Wenn Guy Debord im Jahr 1967 vom „wirklichen Leben“ spricht, verstehe ich, der das 40 Jahre später liest, schon nicht mehr, was er damit gemeint haben konnte.
Vielmehr passen die Begriffe Kybernetik und Spektakel immer noch exakt zu dem, wie sich mir die Welt darstellt; exakt zu dem Leben, welches mir die Gesellschaft anbietet; exakt zu dem Dasein, für welches die urbane Ödnis aus Spiegeln und Bildschirmen, auf denen permanent die größten Shows aller Zeiten gezeigt werden, Werbung macht: für ein fabelhaftes Dasein hinter der Glasscheibe. „Die kybernetische Hypothese ist eine neue Fabel“, heißt es in Kybernetik und Revolte. „Sie geht davon aus, dass gesellschaftliche wie individuelle Prozesse programmierbar sind… - Das Kommunikationssystem wird zum Nervensystem, zur Quelle und zur Bestimmung der Macht.“ Wobei dem Menschen die achtbare Aufgabe zukommt, das System, die Maschine und sich selbst, wie in einem Videospiel, zu überwachen und zu optimieren.
Zumindest habe ich kapiert, dass sich „die Gesellschaft des Spektakels“ jede neue Idee, jede Zukunftsvision, jede neue Bewegung, ja jeden Begriff einverleiben kann, ohne dafür ihr Wesen grundlegend ändern zu müssen. Man muss eine Idee nur populär machen, um sie in ihr eigenes Klischee zu verklären und gewinnträchtig auszuschlachten. So wie es bereits mit den Begriffen „Demokratie“, „Fortschritt“ und jüngst auch mit dem Wort „Ökologie“ geschehen ist.
Als Schnösel von Borries in Kooperation mit Adidas das Outfit des „kommenden Aufstands“ entworfen und für die „Revolution“, die nur darin bestehen sollte, sich diese bekackten Schuhe zu kaufen, die Werbetrommel geschlagen hatte, dachte ich so etwas wie: „Verdammt. Jetzt haben die sich auch noch diese Wörter geschnappt.“
Lange Zeit konnte ich mich nicht entscheiden, ob ich lieber Künstler oder Terrorist werden wollte. Jedenfalls habe ich hinter den Begriffen Kybernetik und Spektakel nie einen direkten Feind ausmachen können. Zumal ich selbst immer noch nicht sicher weiß, für welche Begriffe ich im geheimen eigentlich tätig bin.
Zudem hat mich mein natürliches Interesse für umstürzlerische Ideen nie dazu gebracht, für eine von ihnen Partei zu ergreifen. Außer vielleicht für den Anarchismus, der in der Reihe erprobter Gesellschaftssysteme noch fehlt. Aber bisher hat sich die Mehrheit nicht dazu durchringen können, sich von den Herrschaften zu befreien. Auch bekomme ich mehr und mehr den Eindruck, dass die meisten die vermeintliche Sicherheit einer klaren Hierarchie der selbstverwalteten Freiheit vorziehen, sie sogar gegen alles und jeden verteidigen würden.
Nach etwa zehn Jahren als „subversiver“ Künstler im Berliner Untergrund, in denen ich mich mit Jobs als Sargträger, Lehrer und Glücksspieler über Wasser gehalten hatte, und meine künstlerischen Aktionen ins Leere verlaufen waren und keine Revolte ausgelöst hatten, heuerte ich als Holzbildhauer bei der Spielplatzfirma Saulig und Co. an. Mir gefiel die Vorstellung, dass Kinder und Tiere auf meinen Skulpturen herumklettern würden, dass die Skulpturen etwas aushalten mussten, und dass sie zwangsläufig irgendwann auseinanderbrechen würden.
Man ist aber nie zu faul, die anderen zu kritisieren, die noch an einen Umsturz glauben oder zumindest vorgeben, es zu tun. Denn seien wir mal ehrlich. Demonstrationen bringen nichts. Das Empire ignoriert sie und sitzt sie aus, bis die Energien verpuffen und die Gruppierungen implodieren.
Bei Blockupy Wallstreet, der weltweit stärksten Protestbewegung der Nullerjahre, war es jedenfalls so. Während sich die Demonstranten in ihren Zelten den Arsch abfroren und dabei immer weniger wurden, spazierten die Broker in kuschelig-warmen Pelzmänteln weiterhin ungestört zur Arbeit.
Die heutigen Bewegungen Fridays for Future, Extinction Rebellion und die Gelbwesten gehen mir deswegen nicht weit genug. Die Gelbwesten wollen nur einen etwas größeren Krümel vom Kuchen abhaben; und Extinction Rebellion hätten mehr Chancen auf Erfolg, wenn nicht alle noch zusätzlich arbeiten würden. Die Idee, die mir immer noch am besten gefällt, ist die vom Blaumachen. Aber leider ist Greta bereits zu ihrer eigenen Karikatur geworden. Spätestens nach dem Klimagipfel von New York, als klar wurde, dass nichts passieren würde, hätte Greta sagen müssen: „Jetzt machen wir nicht nur am Freitag, sondern auch am Donnerstag blau.“ Stattdessen wiederholt sie sich wie zerkratztes Vinyl.
Die einzige Revolte, die ich mir noch vorstellen kann, ist: monatelang blau machen. Total verweigern. Einfach zu Hause bleiben. Aber nicht wütend, neurotisch oder depressiv wie ein Raubtier im Käfig. Nein. Ich stelle mir eine höfliche Revolte vor. Wie Bartleby mit seinem: „Nein danke. Ich möchte lieber nicht…“ Ich möchte lieber nicht arbeiten, ich möchte lieber nicht konsumieren, - erst recht keine Medien. Ich möchte lieber nicht demonstrieren. Ich möchte einfach mal nichts machen. Und das monatelang.
Ich wünsche mir den totalen Stopp dieser in die Irre gegangenen Maschine.
Gammeln und Bummeln, Kiffen und Ficken. Und die Kuppel zerspringt. Während die Türme langsam in sich zusammensacken… - Und die Gassen füllen sich mit Menschen und Gesprächen.
Kiffen und Ficken schien mir im Vergleich zu allen anderen Utopien nicht nur die Erreichbarste, sondern auch immer und überall möglich zu sein. Für mich verschmolzen Kiffen und Ficken zu einem Begriff, zur Metapher meiner Utopie.
Ich hatte mal einen Traum, der diese verwirrende Nähe der Wörter Kiffen und Ficken auf den Punkt gebracht hatte. Ich war zum Ficken verabredet und befand mich im Bad eines Hotelzimmers. Gerade zog ich mich aus, als sich die Türe öffnete und ein Mann, den ich noch nie gesehen hatte, hereinkam. – Momentmal, mit ihm hatte ich mich zum Ficken verabredet? – Der Mann fasste mir von hinten an die Hüfte. – Nein. Das konnte nicht sein. Sowas konnte mir nicht mal im Traum passieren. Ich bin so durch und durch, sowas von stockhetero… - Ich drehte mich um und sagte so etwas wie: „Hey sorry. Aber das hier ist völlig falsch. Ich bin in einer völlig falschen Szene. Ich glaube, das ist ein großes Missverständnis.“ Womit ich auch recht behalten sollte. Für den Mann war es nur schade, aber nicht weiter tragisch. Schnell redeten wir über andere Dinge, während wir das Zimmer verließen, auf den Flur traten und in die Lounge kamen. Dort saßen fünf Männer, die mir auch völlig unbekannt waren, auf der Couch. Mich schienen sie jedoch zu kennen. Denn als sie mich sahen, riefen sie: „Hey da bist du ja endlich!“ Ich zögerte skeptisch. Aber da sie gerade einen fetten Joint rauchten, setzte ich mich dazu. Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen; ich verstand plötzlich, worin dieses Missverständnis bestanden hatte. Ich hatte mich nicht zum Fi-CK-en, sondern zum Ki-FF-en verabredet.
Gleich am nächsten Morgen erzählte ich Luisa, meiner Nachbarin und Daueraffäre, mit der ich schon seit Jahren das Kiffen und Ficken zu feiern pflegte, von diesem Traum. Begeistert wies ich auf die Raffinesse hin, mit der mein Unterbewusstsein, nicht nur auf die Ähnlichkeit der beiden Wörter, sondern auch auf den feinen, aber wirkmächtigen Unterschied aufmerksam gemacht hatte, der zu zwei völlig unterschiedlichen Geschichten führen konnte. Und das einfach nur, indem mein Unterbewusstsein die Laute F und K vertauscht hatte. „Das ist doch faszinierend, oder?“
Luisa lächelte lakonisch und ließ ein Hörbuch von dem kleinen Arschloch Walter Moers über die Boxen laufen. Es erzählt davon, wie von einem ganzen Königreich die Laute F und K vertauscht werden. Weshalb es auch >der Fönig< heißt und nicht der König, weshalb der Fönig auch nicht auf den Flohmarkt geht, sondern auf den Klomarkt, nicht in den Krieg sondern in den Frieg zieht, und mit seiner Frau, Entschuldigung mit seiner Krau nicht fickt sondern kifft und nicht kifft sondern fickt. Und das solange, bis ich irgendwann nicht mehr zwischen Kiffen und Ficken unterscheiden konnte. Das wurde zwar mit jeder Minute lustiger, gleichzeitig aber ritt das kleine Arschloch so dermaßen auf der Metapher meiner Utopie herum, dass er es fast geschafft hätte, sie mir madig zu machen, hätte ich nicht rechtzeitig den Ton ausgedreht…
DIE ARBEIT im Zoo bot mir die Chance, die „Gesellschaft des Spektakels“ in ihrer absurdesten Ausprägung zu beobachten.
Nicht lange nach meiner „Chemtrail-Offenbarung“ hatte ich meine Frühstückspause auf den Mittag verlegt; so hatte ich eine ganze Stunde zum Kiffen und Ficken. Robert und den anderen Kollegen gefiel das überhaupt nicht. Und mir gefiel nicht, wie sie auf der Baustelle stumpf im Staub ihre Brote aßen und triviales Zeugs über Serien und Videospiele von sich gaben, ihre Gespräche, so trivial sie auch waren, abrupt abbrachen, wenn die Brüllaffen anfingen, Alarm zu schlagen, und wie die Roboter aufsprangen und zu ihrem Arbeitsplatz marschierten… - Ich übersprang diesen Moment einfach, ignorierte die Frühstückspause, ignorierte die Kollegen und die Brüllaffen, und arbeitete durch bis zum Mittag. Dann fuhr ich beschwingt mit dem Fahrrad durch den Zoo, besuchte jedes Mal ein anderes Gehege und beobachtete Tiere und Menschen.
Bei den Robben, den Straußen, den Zebras, überall war es die gleiche Show. Tiere und Menschen langweilten sich zu Tode. Die Menschen konsumierten die Langeweile der Tiere, die Tiere konsumierten die Langeweile der Menschen; beide lebten in künstlich angelegten Gehegen; beide hatten die gleichen Zivilisationskrankheiten, Depressionen und Neurosen; und beide zeigten nicht die Spur von natürlichem Verhalten. Der einzige Unterschied war, dass die Menschen eine Million Fotos machten.
Abgesehen von den Affen, die das Beste aus ihrer Zeit herausholten und pausenlos miteinander bumsten und sich dabei anglotzten, waren alle, einschließlich die Menschen, zu spektakulärer Ereignislosigkeit verdammt.
Dazu passte es auch, dass man zig Millionen Euro für Tiere ausgab, die nicht nur super-fotogen-süß, sondern auch noch von Natur aus gelangweilt sind. Denn selbst in der Natur werden Pandas nur einmal im Jahr geil, und das auch nur einen Tag lang. Da sie Einzelgänger sind und jeder Panda ein großes Gebiet für sich alleine in Anspruch nimmt, muss der Zufall sehr groß sein, sodass sich Männlein und Weiblein begegnen können. Manchmal ist der Zufall sogar so groß, dass zwei Männchen um ein Weibchen kämpfen müssen. Danach sind die Männchen meistens jedoch sowas von im Arsch, dass sie keinen mehr hochkriegen.
Wenn ein noch größerer Zufall es also will, passiert es dann eben doch; das Weibchen wird schwanger. Es kann bis zu 5 Jungen werfen. Jedoch wählt es sich einen Liebling aus und lässt die anderen elendig verrecken, als könnte es sich diese Verschwendung leisten.
Am liebsten waren mir noch die Nashörner; die waren irgendwie noch authentisch; denen ging es irgendwie noch am besten. Als hätten sie auch in der Savanne nichts anderes zu tun, als in Schlamm zu baden und Schlamm zu fressen. Die konnten ihr Dasein mit glückseliger Ignoranz genießen und gleichzeitig demonstrativ den vermeintlichen „Herrschern der Welt“ ihren mit Schlamm, Scheiße und Glück verschmierten Arsch zeigen.
AN EINEM Feierabend begegnete ich Patrick auf der Straße. Er sprach mich auf den Chemtrail-Abend am Feuer an. Er sagte, dass ich einen seltsamen Eindruck gemacht hätte. Das war sehr vorsichtig, wenn nicht sogar sehr distanziert ausgedrückt. Ich nickte und bemerkte mit einem Schmunzeln, dass wir es in großer Runde immerhin geschafft hätten, länger als fünf Minuten über ein und dasselbe Thema zu quatschen.
Patrick lächelte. Dann sagte er, als wollte er mir etwas beichten: „Übrigens glaube ich nicht an Chemtrails. Da vertraue ich ganz meinem Fernsehwissenschaftler.“
„Und welchem?“
„Harald Lesch.“
„Der ist doch kein Wissenschaftler, sondern Populist“, sagte ich „Du kannst doch nicht ernsthaft daran glauben, dass der noch selbständig denkt.“ - Wie leicht es doch ist, mit ein paar Worten etwas ganz anderes zu behaupten.
Patrick nickte und ließ es so stehen. Er musste schnell weiter. Liebevoll wie immer verabschiedeten wir uns. Aber irgendetwas verhinderte, dass unser über Jahre entwickelter Handschlag funktionierte.
Angespannt dachte ich an diesen Chemtrail-Abend zurück. Ich hatte da an etwas gekratzt, das mir noch völlig unbekannt war und den Menschen offenbar erlaubte, mich reflexartig auszuschließen. Zu diesem Zeitpunkt führte ich das jedoch noch darauf zurück, dass ich in dieser Situation nicht souverän genug aufgetreten war. Da ich das Thema Chemtrails nur gestreift hatte, hatte ich selbst noch zu viele Wissenslücken und zu viele offene Fragen. Ich musste also noch mehr recherchieren, musste mehr darüber erfahren, was und wer dahintersteckte. Und dazu gab es natürlich eine Unmenge an Material.
Ich folgte dem Rat von Daniele Ganser, - der als Verschwörungs-Mystiker verschrien ist, weil er als Friedensforscher unter anderem daran arbeitet, die Kriegsverbrechen des Westens aufzuklären -, sich zu den Themen, die einen brennend interessierten, die entsprechende Fachliteratur zu besorgen. Denn hier hatte man das Material bereits gesichtet und geordnet, und den Bullshit vom heißen Scheiß getrennt.
Tatsächlich gab es zum Thema >Chemtrails< auch ein Buch aus dem deutschsprachigen Raum, von den Journalisten Chris Haderer und Peter Hiess aus dem Jahr 2005. - Damals konnte man sich also noch ernsthaft mit dem Thema befassen, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben.
Im Frühjahr 2004 seien deutsche Umweltschutzorganisationen mit Anfragen besorgter Bürger regelrecht bombardiert worden, erzählten Haderer und Hiess. Viele Menschen seien von einem beklemmenden Gefühl überfallen worden, wenn sie den Himmel betrachtet hätten. Schuld daran seien diese mysteriösen Kondensstreifen gewesen, die sich nicht nach einigen Minuten aufgelöst hätten, sondern in die Breite gegangen und stundenlang stehengeblieben seien.
Die Autoren stellten von Anfang an klar, dass sie lediglich Indizien und keineswegs Beweise gefunden hätten, die die Existenz von Chemtrails hätten bestätigen können.
Tatsache jedoch sei, dass im Jahr 1991 das sogenannte „Welsbach-Patent“ (US-Patentnummer: 5.003.186) für die Firma „Boeing Sattelite Systems“ angemeldet worden war, welches eine Reduktion des Treibhauseffektes durch die Verteilung von Aluminiumoxidpartikeln und Bariumsalzen in der Atmosphäre vorsah.
Das Bariumsalz oxidiere in der Erdatmosphäre zu Bariumoxid, welches das CO2 an sich binde und neutralisiere. Das gleichzeitig versprühte Aluminiumpulver strahle das von der Sonne stammende UV-Licht ins Weltall zurück. Bariumsalz und Aluminium bildeten zusammen ein diffuses elektrisches Feld. Dieses Feld werde dann mit niederfrequenten Radiowellen (VLF) aufgeladen. Die nachfolgenden elektrostatischen Entladungen, sogenannte „trockene Stürme“, erzeugten dabei künstliches Ozon, welches das Ozonloch notdürftig zu stopfen vermochte. (Weswegen keiner mehr übers Ozonloch spricht.)
Hauptsächlich verantwortlich für die Schlierenbildung und Ausbleichung des Himmels sei das als Trägersubstanz eingesetzte Polymergemisch; also Plastik. Plastikfäden, die sich feiner als Spinnenweben durch die Luft bewegten.
Dieses Verfahren sei von den Wissenschaftlern David Chang und I Fu Shih in dem von Edward Teller, dem Vater der Neutronenbombe, gegründeten Lawrence Livermore National Laboratory in Kalifornien entwickelt worden. Eddy Teller habe die Auffassung vertreten, dass unsere momentane Technologie bessere Möglichkeiten hergebe, mit der globalen Erwärmung umzugehen, als die drastische Reduktion der Treibhausgase.
Haderer und Hiess machten keinen Hehl daraus, dass sie Chemtrails für real hielten. Unterschieden sie doch zwischen Chemtrailaktivisten, die Bodenproben nahmen, den Himmel fotografierten und Briefe an die Behörden schrieben, und denjenigen, die Chemtrails herannahmen, um ihre Verschwörungstheorien zu untermauern. Immer wieder schimmerte jedoch hindurch, dass eine Unterscheidung unmöglich war. Dass Chemtrails mit Verschwörungstheorien unweigerlich in Verbindung standen. Dass Aktivismus und Theorie, wie überall so auch hier, untrennbar zusammengehörten.
In der Chemtrailszene sprach man nicht nur von Wettermanipulation und Geoengineering, von Umweltverschmutzung und Bevölkerungsreduktion, man sprach von Erdbeben-Oszillatoren, psychotronischen Waffensystemen und geophysikalischer Kriegsführung.
Mit Hilfe von Funkwellen könne man zum Beispiel elektromagnetische Felder in der Ionosphäre bilden und beliebig bewegen. Die Russen, Chinesen und natürlich auch die USA machten das inzwischen mit riesigen Antennenanlagen. Eine davon, HAARP, befinde sich in Alaska. Mit dieser Vorrichtung könne man drahtlos beliebige Mengen an Energie über den gesamten Erdball schicken. Man könne die Ionosphäre an einem beliebigen Punkt ausdehnen und zurückschnellen lassen und Erdbeben verursachen (Fukushima); mit Hilfe von Mikrowellen jeden beliebigen Gegenstand punktgenau zerstäuben und strahlungslose Explosionen mit der Stärke von Nuklearbomben verursachen (9/11); und natürlich das Bewusstsein beliebig großer Menschenmassen mit Hilfe langsamer Frequenzen (VLF) beeinflussen. (Was gerade ganz offiziell mit 5G stattfindet.)
Haderer und Hiess hatten so gut gearbeitet, dass sie vermutlich selbst aufpassen mussten, nicht in den Sog von Verschwörungstheorien hinein zu geraten. Vermutlich war das einzige, was sie davor bewahrt hatte, die bewusste Vermeidung dessen gewesen, die Welt in Gut und Böse aufzuteilen. Denn immer, wenn sie Verschwörungstheorien zitierten, in denen es darum ging, den Eliten böse Absichten zu unterstellen, geschweige denn geheime, magische Superkräfte, fingen sie an, dagegen zu argumentieren. Und so ließen sie am Ende des Buches einen Whistleblower zu Wort kommen, der in einem Interview, welches im Netz kursierte, aus dem Nähkästchen plauderte und den sie als „der einzige Zeuge“ bezeichneten, der das Chemtrail-Sprühprogramm ganz anders, von innen heraus deutete und sogar rechtfertigte. Angeblich hatte er vor seinem mysteriösen Tod jahrelang für das Lawrence Livermore National Laboratory gearbeitet.
Der Whistleblower erzählte, dass „Welsbach“ mittlerweile „Shield“ genannt werde. (Wie die Organisation, die die „Avengers“ gegründet hatte, nur dass „Shield“ im Comic vorher „Hydra“ hieß und nicht „Welsbach“ und eine geheime Nazisekte war.) „Shield“ werde von den großen Industrienationen weltweit betrieben und von der UN, der Nato und der WHO unterstützt. Die WHO rechne mit etwa zwei Milliarden Toten innerhalb von sechs Jahren, die an den Langzeitfolgen von „Shield“ sterben würden, hauptsächlich Alte und Lungenkranke. Aber angesichts der ernsten Lage des Planeten, sei das immer noch besser, als die Auslöschung der gesamten Menschheit.
Der Whistleblower, der „Deep Shield“ genannt wurde, brachte ohne Umschweife seine Überzeugung zum Ausdruck, für die richtige Sache zu arbeiten, und so begegnete er der Frage, ob eine Verbindung zwischen elektromagnetischen Wellen, die die Gehirnstöme beeinflussten, und Chemtrails bestehe, mit entsprechender Vehemenz: „Ich kann gar nicht genug betonen, wie furchtbar die Lage des Planeten hinsichtlich der Veränderung des Klimas wirklich ist. Wir müssen der Abnahme des Ozons entgegenwirken, was bedeutet, dass wir Ozon in der Stratosphäre herstellen müssen. Der „Shield“ erzeugt eine gegensätzliche Ladung zu den stratosphärischen Schichten, die Blitze in der unteren Atmosphäre bis zur Stratosphäre erzeugen und somit Ozon produzieren.“ (Seine Exkurse in die Elektrochemie florierten von fundiertem Wissen.)
Auf die Frage, warum, wenn die US-Regierung doch das Problem erkannt habe, sie nicht eine stärkere Reduktion der Abgaswerte fordere, antwortete Deep Shield: „Weil solche Ansätze wirkungslos sind. Sie würden mehr wirtschaftliche Probleme verursachen als ökologische Probleme lösen. Noch mehr Schadstoffkontrollen würden die wirtschaftlichen Probleme vergrößern. Leider erfordern unsere Technologien eine stark wachsende Wirtschaft. Nehmen sie die Wirtschaft weg, hört die Forschung auf.“
„Warum aber die Geheimhaltung, wenn es sich um ein lebensrettendes Projekt handelt?“
„Wegen des Ernstes der Situation ist es zwingend notwendig, die Ruhe in der Öffentlichkeit so lange wie möglich aufrecht zu erhalten.“ (Wobei mir nicht einleuchten will, warum er dann alles ausplauderte.) „Vermutlich würde sofort Panik ausbrechen“, sagte er. „Es gäbe einen wirtschaftlichen Zusammenbruch, die Lieferketten würden nicht mehr funktionieren, Aufstände und Gewalt würden die Stadtzentren zertrümmern. Millionen würden in allen Städten der Welt sterben.“ (Rein rechnerisch: immer noch besser als zwei Milliarden.)
„Und weshalb werden zusätzlich noch andere Chemikalien zum Sprühen verwendet?“
„Wir machen Terraforming“, erklärte er. „Wir versuchen die idealen, lebenserhaltenden Zustände auf einem sterbenden Planeten wiederherzustellen. Wir sind dabei, verschiedene Methoden zu testen. Wenn wir nichts tun, werden 89 % der Arten aussterben und die Menschheit wird wahrscheinlich nur noch zwei Generationen lang leben…“
Ganz zu schweigen von dem, was uns sonst noch erwarten wird: der Massenmord an zwei Milliarden Menschen und die massive Umweltverschmutzung durch Nanoplastik und freies Aluminium. Wahrscheinlich werden gerade dadurch 89% der Arten aussterben.
