Heilige Mörderin - Keigo Higashino - E-Book

Heilige Mörderin E-Book

Keigo Higashino

4,8
9,99 €

Beschreibung

Nach dem Tod ihres Mannes fällt der Verdacht sofort auf die schöne Ayane, die aber zum Zeitpunkt des Mordes verreist war. Wer hat also das Kaffeewasser mit Arsen vergiftet? Die Polizei tappt im Dunkeln. Ohne Kusanagis Wissen bittet seine junge Assistentin Utsumi den genialen Physiker Yukawa um Hilfe. Aber auch für das Superhirn scheint das Verbrechen nicht auflösbar zu sein. Zunächst jedenfalls ... Keigo Higashino treibt wie schon in »Verdächtige Geliebte« sein hochraffiniertes Spiel mit Figuren und Lesern. Mit leichter Hand schafft er einen Kriminalfall wie ein Sudoku: Spannung bis zum Ende garantiert, die Auflösung rückblickend ganz logisch.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 339




Keigo Higashino

HEILIGEMÖRDERIN

Kriminalroman

Aus dem Japanischenvon Ursula Gräfe

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

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Klett-Cotta

Die Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel »Seijo no Kyūsai« im Verlag Bungeishunju Ltd., Tokio. Die Rechte für die deutsche Übersetzung werden für den Originalverlag vertreten durch das Japan Foreign Rights Center / Aitken Alexander Associates.

© 2008 by Keigo Higashino

Für die deutsche Ausgabe

© 2014 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg

Unter Verwendung eines Fotos von © plainpicture/apply pictures

Datenkonvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Printausgabe: ISBN 978-3-608-98012-7

E-Book: ISBN 978-3-608-10697-8

Dieses E-Book beruht auf der 1. Auflage 2014 der Printausgabe

Kapitel 1

Die Stiefmütterchen in den Blumenkästen standen in voller Blüte. Die Erde war trocken, was jedoch den lebhaften Farben der Blüten keinen Abbruch tat. Stiefmütterchen sind vielleicht nicht die vornehmsten Blumen, aber zäh sind sie, dachte Ayane, während sie durch die Glastür hinaus auf den Balkon blickte. Auch die anderen Pflanzen mussten gegossen werden.

»Hörst du mir überhaupt zu?«

Sie wandte sich zu ihrem Mann um. »Natürlich. Tue ich doch immer.«

»Wieso reagierst du dann nicht?«

Yoshitaka lag, die langen Beine übereinandergelegt, auf dem Sofa, wechselte aber jetzt seine Position. Er trainierte häufig in einem Fitness-Studio, achtete jedoch darauf, dass seine Oberschenkel nicht zu muskulös wurden, weil er fürchtete, sonst keine engen Hosen mehr tragen zu können.

»Ich war in Gedanken.«

»Das sieht dir gar nicht ähnlich.« Yoshitaka hob eine gezupfte Augenbraue.

»Nun, ich bin ziemlich überrascht.«

»Wirklich? Eigentlich solltest du mit meiner Lebensplanung vertraut sein.«

»Ja, eigentlich schon.«

»Was meinst du mit eigentlich?« Yoshitaka sah sie fragend an.

Ayane holte tief Luft und blickte in sein gutaussehendes markantes Gesicht.

»Ist das denn wirklich so wichtig für dich?«

»Was meinst du?«

»Na ja … Kinder eben.«

Er erwiderte ihren Blick mit einem unwilligen Lächeln.

»Hast du mir eigentlich nie zugehört?«

»Doch, deshalb frage ich ja.« Ayane musterte ihn durchdringend, und Yoshitaka sah ernst zurück.

»Ja, das ist so wichtig für mich. Ich kann mir ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen. Ohne Kinder hat eine Ehe keinen Sinn. Die Liebe zwischen Mann und Frau vergeht mit der Zeit. Ihr Zusammenleben dient der Gründung einer Familie. Ein Mann und eine Frau heiraten, bekommen Kinder und werden Vater und Mutter. Erst dann sind sie richtige Lebensgefährten. Findest du nicht?«

»Nein, ich finde nicht, dass das alles ist.«

Yoshitaka zuckte die Schultern. »Aber ich. Ich glaube ganz fest daran und habe nicht die Absicht, meine Meinung zu ändern. Ohne Aussicht auf Kinder will ich unser gemeinsames Leben nicht fortführen.«

Ayane presste die Finger gegen die Schläfen. Sie bekam Kopfschmerzen. Nicht im Traum hätte sie daran gedacht, jemals ein solches Gespräch führen zu müssen.

»Du meinst, du hast keine Verwendung für eine Frau, die keine Kinder bekommen kann. Also schmeißt du mich raus und suchst dir eine, die es kann – und damit ist die Sache für dich erledigt.«

»So ausgedrückt hört es sich schlimm an.«

»Aber darauf läuft es doch hinaus, oder?«, sagte Ayane ernst.

Yoshitaka setzte sich auf. Er runzelte die Stirn, zögerte kurz und nickte. »Aus deiner Perspektive ist es wahrscheinlich so. Aber du hast immer gewusst, wie ernst es mir mit meiner Lebensplanung ist. Sie hat oberste Priorität für mich.«

Ein bitteres Lächeln erschien auf Ayanes Lippen. »Sind wir wieder bei deinem Lieblingsthema, ja? Deiner großartigen Lebensplanung? Das war ja auch das Erste, worüber wir gesprochen haben, als wir uns kennenlernten.«

»Ach, Ayane, warum bist du denn so unzufrieden? Du hast doch alles, was du dir wünschst. Wenn dir irgendetwas fehlt, brauchst du es mir nur zu sagen, und ich werde tun, was ich kann. Lass uns an unser neues Leben denken. Oder hast du einen besseren Vorschlag?«

Ayane betrachtete den breiten Wandbehang über dem Bett, für den sie ungefähr drei Monate gebraucht und besondere Materialien verwendet hatte, die sie eigens aus England hatte liefern lassen.

Yoshitaka brauchte ihr nichts zu erzählen. Ein Kind zu bekommen war auch ihr größter Traum. Wie oft schon hatte sie sich gewünscht, in einem Schaukelstuhl zu sitzen und an einer Patchwork-Decke zu nähen, während ihr Bauch sich immer mehr rundete. Doch aus einer Laune heraus hatte Gott ihr diesen Wunsch nicht gewährt. Und da es nun einmal so war, hatte sie beschlossen, sich damit abzufinden und das Beste aus ihrem Leben zu machen. Sie hatte gehofft, dass auch Yoshitaka das könnte.

»Darf ich dir noch eine Frage stellen? Auch wenn sie dir vielleicht banal erscheint.«

»Um was geht es?«

Ayane wandte sich ihm zu und holte tief Luft. »Was ist aus deiner Liebe zu mir geworden?«

Yoshitakas Kinn zuckte verdächtig, dann kehrte das Lächeln auf seine Lippen zurück.

»An meinen Gefühlen für dich hat sich nichts geändert«, sagte er. »Das versichere ich dir.«

Für Ayane klang das nach einer Lüge. Doch auch sie lächelte. Was hätte sie sonst tun sollen?

»Da bin ich froh«, sagte sie.

»Gehen wir.« Yoshitaka schwang sich vom Sofa und ging zur Tür.

Während Ayane ihm folgte, wanderte ihr Blick zu ihrer Frisierkommode. Sie dachte an das weiße Pulver, das in der untersten rechten Schublade versteckt war. In einer fest verschlossenen Plastiktüte.

Anscheinend würde ihr nichts anderes übrigbleiben, als es zu benutzen. Es gab nicht mehr den kleinsten Hoffnungsschimmer.

Ayane sah ihrem Mann nach. Yoshitaka!, schrie es in ihr. Ich liebe dich aus tiefstem Herzen. Aber mit deinen Worten hast du mein Herz getötet. Deshalb sollst auch du sterben.

Kapitel 2

Als Hiromi Wakayama das Ehepaar Mashiba aus dem ersten Stock herunterkommen sah, fiel ihr gleich das gezwungene Lächeln der beiden auf. Besonders Ayane wirkte angespannt. Natürlich enthielt Hiromi sich jeder Bemerkung.

»Es hat ein bisschen länger gedauert, entschuldigen Sie. Haben Sie etwas von den Ikais gehört?«, fragte Yoshitaka schroff.

»Sie haben gerade eine SMS geschickt. In fünf Minuten sind sie hier.«

»Wollen wir schon mal den Champagner aufmachen?«

»Ich mach das«, sagte Ayane bestimmt. »Hol du die Gläser, Yoshi.«

»Das kann ich doch machen«, sagte Hiromi.

Als Ayane in der Küche verschwunden war, öffnete Hiromi die Tür zum Wandschrank. Eine Antiquität, die angeblich fast drei Millionen Yen gekostet hatte. Natürlich war das Geschirr darin ebenfalls sehr kostbar.

Behutsam nahm sie die Champagnergläser heraus, zwei von Baccarat und drei aus venezianischem Glas. Im Hause Mashiba servierte man Champagner in venezianischen Gläsern.

Yoshitaka verteilte fünf Sets auf dem Tisch, an dem acht Personen Platz hatten. Er gab häufig Essenseinladungen. Auch Hiromi kannte sich mit der Sitzordnung aus und verteilte die Champagnergläser. Aus der Küche hörte man das Wasser rauschen.

»Worüber hast du mit ihr geredet?«, fragte Hiromi leise.

»Über nichts Besonderes«, erwiderte Yoshitaka, ohne sie anzusehen.

»Aber du hast es ihr gesagt?«

Zum ersten Mal sah er Hiromi an. »Was gesagt?«

Na, was schon?, wollte sie gerade erwidern, als es an der Tür klingelte.

»Das werden sie sein«, rief Yoshitaka in Richtung Küche.

»Ich habe gerade keine Hand frei. Könntest du vielleicht aufmachen?«

»Wird gemacht.« Yoshitaka ging zur Tür.

Etwa zehn Minuten später saßen alle am Tisch. Man gab sich gutgelaunt und fröhlich. Dennoch erschien Hiromi die heitere Stimmung aufgesetzt. Sie fragte sich oft, wie Ayane sich diese Art der Rücksichtnahme angeeignet hatte. Angeboren konnte sie ja nicht sein. Hiromi wusste, dass sie nahezu ein Jahr gebraucht hatte, um diese zu übernehmen.

»Du hast wie immer vorzüglich gekocht, Ayane. Normalerweise macht niemand sich solche Mühe mit der Marinade.« Yukiko Ikai führte einen Bissen Weißfisch zum Mund. Ihre Rolle war es, jedes einzelne Gericht zu loben.

»Du lässt dir ja auch immer diese Fertigsaucen schicken«, ergänzte ihr Mann Tatsuhiko.

»Entschuldige mal, hin und wieder mache ich auch eine Sauce selbst.«

Tatsuhiko Ikai war Rechtsanwalt und als Berater für mehrere Firmen tätig. Die Firma von Yoshitaka Mashiba war eine davon. Außerdem war er auch an der Geschäftsleitung beteiligt. Tatsuhiko und Yoshitaka waren alte Studienkollegen.

Tatsuhiko nahm die Flasche aus dem Weinkühler, um Hiromi nachzuschenken.

»Oh, nein danke, ich habe schon genug«, sagte sie und bedeckte ihr Glas mit der flachen Hand.

»Trinken Sie denn nicht gerne Wein, Hiromi?«

»Doch, schon, aber für heute reicht es mir.«

Tatsuhiko nickte und schenkte Yoshitaka Weißwein nach.

»Fühlst du dich nicht wohl?«, fragte Ayane.

»Doch, ganz im Gegenteil. Ich habe nur in letzter Zeit ein wenig zu viel mit Freunden getrunken …«

»Ach, ihr jungen Leute habt’s gut«, sagte Tatsuhiko und schenkte Ayane nach. Nach einem kurzen Blick auf seine Frau genehmigte er sich ebenfalls noch ein Glas. »Heute Abend habe ich zum Glück mal Gesellschaft. Yukiko trinkt ja momentan nichts.«

»Das ist sicher auch besser«, sagte Yoshitaka mit erhobener Gabel.

»Es sei denn, das Baby soll auch was abbekommen«, sagte Tatsuhiko. »Der Alkohol geht nämlich in die Milch.«

»Und wie lange musst du das durchhalten?«, fragte Yoshitaka.

»Der Arzt meint, etwa ein Jahr«, antwortete Yukiko.

»Eher anderthalb«, korrigierte Tatsuhiko. »Zwei wären noch besser. Und wenn du einmal so lange nichts getrunken hast, kannst du auch gleich ganz damit aufhören.«

»Also weißt du! Ich muss mich jetzt jahrelang um den Kleinen kümmern. Und du gönnst mir nicht mal ab und zu etwas. Oder wollen wir vielleicht tauschen?«

»Ist ja gut, ist ja gut. In einem Jahr darfst du wieder Bier und Wein trinken. In Maßen.«

Yukiko schmollte, lächelte aber gleich wieder. Sie wirkte glücklich. Das Geplänkel mit ihrem Mann machte ihr offenbar Spaß.

Sie hatte vor zwei Monaten ein Baby bekommen, das lang ersehnte erste Kind der Ikais. Tatsuhiko war zweiundvierzig und Yukiko fünfunddreißig. Sie hatten noch in letzter Sekunde die Kurve gekriegt, wie selbst gern sagten. Am heutigen Abend wollten die Freunde gemeinsam die Geburt des kleinen Jungen feiern. Die Party war Yoshitakas Idee gewesen, dennoch hatte Ayane alle Vorbereitungen übernommen.

»Eure Eltern machen wohl heute den Babysitter?« Yoshitaka sah die Ikais an.

Tatsuhiko nickte.

»Sie haben gesagt, wir dürften uns ruhig Zeit lassen. Sie sind ganz versessen darauf, auf das Baby aufzupassen. Günstig, dass sie so in der Nähe wohnen.«

»Aber ehrlich gesagt, übertreibt meine Schwiegermutter es. Meine Freundinnen sagen, man könne ein Kind auch ruhig mal ein bisschen schreien lassen«, sagte Yukiko mit gerunzelter Stirn.

Hiromi sah, dass Yukikos Glas leer war, und stand auf. »Einen Moment, ich hole Ihnen etwas Wasser.«

»Im Kühlschrank ist Mineralwasser, bring doch bitte eine Flasche«, sagte Ayane.

Hiromi ging in die Küche und öffnete den Kühlschrank. Es war ein riesiges, zweitüriges Modell, das 500 Liter fasste. In der Tür standen mehrere Mineralwasserflaschen. Sie nahm eine davon heraus. Sie schloss den Kühlschrank, und als sie auf ihren Platz zurückkehrte, begegnete sie Ayanes Blick. Ihre Lippen formten das Wort Danke.

»Ein Kind verändert das ganze Leben«, sagte Yoshitaka.

»Alles dreht sich nur noch um das Kind. Der Alltag, sogar die Arbeit«, erwiderte Tatsuhiko.

»Da kann man nichts machen. Aber beruflich beeinträchtigt es dich doch nicht, oder? Angeblich wächst das Verantwortungsgefühl, wenn man ein Kind hat. Du müsstest jetzt sogar mehr Ausdauer und Kampfgeist haben, oder nicht?«

»Kann schon sein.«

Ayane nahm Hiromi die Mineralwasserflasche ab und schenkte lächelnd allen ein.

»Und wie sieht es bei euch aus? Wird es nicht langsam Zeit?« Tatsuhiko sah Ayane und Yoshitaka an. »Ihr seid jetzt ein Jahr verheiratet. Seid ihr das Leben zu zweit nicht allmählich leid?«

»Hör schon auf.« Yukiko schlug ihrem Mann tadelnd auf den Arm. »Das geht uns nichts an.«

»Schon gut, jeder, wie er mag.« Tatsuhiko lachte verlegen und trank seinen Wein aus. Dann sah er Hiromi an. »Und wie sieht’s bei Ihnen aus, Hiromi? Nein, nein, keine Sorge, ich frage schon nichts Ungehöriges. Ich meine eure Patchwork-Schule. Den Unterricht und so weiter.«

»Ja, allmählich klappt es immer besser. Aber perfekt ist es noch nicht.«

»Inzwischen kannst du das meiste sicher Hiromi überlassen?«, wandte Yukiko sich an Ayane.

Ayane nickte. »Ich kann ihr nichts mehr beibringen.«

»Das ist ja großartig.« Yukiko warf Hiromi einen bewundernden Blick zu.

Diese lächelte und schlug die Augen nieder. Sie vermutete, dass das Ehepaar Ikai sich nicht im Geringsten für sie interessierte. Wahrscheinlich fühlten sie sich nur bemüßigt, die unverheiratete junge Frau ins Gespräch einzubeziehen, damit sie sich zwischen den beiden Paaren nicht allzu überflüssig vorkam.

»Ach, wir haben doch ein Geschenk für euch beide.« Ayane stand auf und holte hinter dem Sofa eine große Plastiktüte hervor.

»Oh, aber das geht doch nicht«, rief Yukiko und schlug vor Überraschung die Hände vor den Mund.

Es war eine Tagesdecke aus Patchwork, nur viel kleiner als eine gewöhnliche.

»Ich fand, sie würde gut auf ein Kinderbett passen«, sagte Ayane. »Wenn ihr das Bett nicht mehr benutzt, könnt ihr sie als Wandbehang verwenden.«

»Wie wunderschön. Vielen Dank, Ayane.« Yukiko hielt die Tagesdecke begeistert am Saum in die Höhe. »Wir werden sie in Ehren halten. Vielen, vielen Dank.«

»So was ist doch eine Menge Arbeit. Das kostet viel Zeit, nicht wahr?« Tatsuhiko sah fragend zu Hiromi hinüber.

»Ungefähr ein halbes Jahr hast du dafür gebraucht, oder?«, fragte Hiromi ihre Freundin.

»Ich weiß nicht mehr genau.« Ayane zuckte die Achseln. »Jedenfalls freut es mich, wenn sie euch gefällt.«

»Sie ist wunderbar. Aber dürfen wir sie denn überhaupt annehmen? Weißt du, Tatsuhiko, wie teuer so etwas ist? Ein Original von Ayane Mita. In einer Galerie in Ginza kostet eine Tagesdecke für ein Einzelbett zwei Millionen Yen.«

Tatsuhiko machte große Augen. Er schien ehrlich erstaunt. Das sind doch bloß Stoffreste, sagte seine Miene.

»Sie hat sich richtig in die Arbeit gekniet«, sagte Yoshitaka. »Sogar wenn ich freihatte, hat sie die ganze Zeit auf dem Sofa gesessen und genäht. Den ganzen Tag. Ich war richtig beeindruckt.« Er deutete mit dem Kinn in Richtung Sofa.

»Zum Glück bin ich rechtzeitig fertig geworden«, sagte Ayane leise und mit gesenkten Lidern.

Nach dem Essen zogen sie auf das Sofa um, und die Männer  genehmigten sich einen Whisky. Da Yukiko noch eine Tasse Kaffee wollte, ging Hiromi in die Küche.

»Ich mache den Kaffee«, sagte Ayane. »Hol du doch die Sachen für den Whisky Soda, Hiromi. Im Kühlschrank ist Eis.« Ayane drehte den Wasserhahn auf und füllte den Kessel.

Als Hiromi mit Eis und Wasser auf einem Tablett ins Wohnzimmer zurückkam, hatte das Gespräch sich dem Garten des Ehepaars Mashiba zugewandt. Er war beleuchtet, so dass man sogar bei Nacht die Blumen bewundern konnte.

»So viele Pflanzen machen doch sicher eine Menge Arbeit«, sagte Tatsuhiko.

»Es scheint so. Auf dem Balkon im ersten Stock haben wir auch welche. Ayane gießt sie jeden Tag. Mir wäre das zu viel, aber sie nimmt es sehr genau damit. Sie liebt Blumen.«

Ayane brachte drei Tassen Kaffee ins Wohnzimmer. Hiromi machte sich daran, die Whiskys zuzubereiten.

Gegen elf brach das Ehepaar Ikai auf.

»Das Essen war mal wieder köstlich. Und für das wunderbare Geschenk können wir uns gar nicht genug bedanken«, sagte Tatsuhiko, als sie aufgestanden waren. »Nächstes Mal müsst ihr aber zu uns kommen. Auch wenn wegen des Babys alles ziemlich chaotisch ist.«

»Ich werde demnächst aufräumen.« Yukiko boxte ihren Mann leicht in die Seite und lächelte Ayane zu. »Ihr müsst unseren kleinen Prinzen sehen, obwohl er eher wie ein dicker Frosch aussieht.«

»Gern«, sagte Ayane.

Auch für Hiromi wurde es allmählich Zeit. Sie beschloss, sich dem Ehepaar Ikai anzuschließen.

»Hör mal, Hiromi, ich bin ab morgen eine Weile fort«, sagte Ayane, als sie sich im Flur die Schuhe anzog.

»Ach ja, wir haben ab morgen drei Feiertage. Machst du eine Reise?«, fragte Yukiko.

»Nein, ich muss für eine Weile nach Hause fahren.«

»Zu deinen Eltern? Nach Sapporo?«

Ayane nickte und lächelte. »Meinem Vater geht es nicht so gut, und meine Mutter kann etwas Hilfe gebrauchen. Aber es ist nichts Schlimmes.«

»Aber Sorgen macht man sich doch. Und ausgerechnet jetzt veranstaltet ihr eine Party für uns.« Tatsuhiko wirkte verlegen.

Ayane schüttelte den Kopf.

»Nein, nein, macht euch keine Gedanken. Es ist wirklich nichts Schlimmes. Also, Hiromi, wenn etwas sein sollte, erreichst du mich auf meinem Handy.«

»Wann wirst du zurück sein?«

»Tja, wenn ich das wüsste …« Ayane zuckte die Achseln. »Ich melde mich, sobald ich es weiß.«

»In Ordnung.«

Die Gäste verließen das Haus, und als sie die Hauptstraße erreichten, winkte Tatsuhiko ein Taxi heran.

»Vielleicht haben wir ein bisschen zu viel über Kinder gesprochen«, sagte Yukiko, nachdem das Taxi losgefahren war.

»Warum denn? Das macht doch nichts. Immerhin war die Geburt der Anlass für die Party«, entgegnete Tatsuhiko.

»Schon, aber vielleicht hätten wir etwas mehr Rücksicht nehmen sollen. Sie hätten gern ein Kind, aber es will nicht so recht klappen, oder?«

»Ja, Yoshitaka hat vor einiger Zeit so etwas angedeutet.«

»Und wenn sie keins bekommen können? Wissen Sie etwas darüber, Hiromi?«

»Nein, keine Ahnung.«

»Ach«, entfuhr es Yukiko. Sie klang enttäuscht.

Am nächsten Morgen verließ Hiromi wie immer um neun Uhr ihre Wohnung, um zu Anne’s House nach Daikanyama zu fahren. Sie und Ayane hatten in einem Apartment eine Schule für Patchwork eröffnet. Ayane war allerdings die Chefin. Auch ihre dreißig Schülerinnen kamen, um diese Kunst von Ayane Mita zu erlernen.

Als Hiromi aus dem Aufzug stieg, stand Ayane vor dem Apartment und lächelte ihr entgegen. Sie hatte einen Koffer bei sich.

»Ist etwas passiert?«

»Nein, nein, es ist nichts Besonderes. Ich wollte dir nur das hier geben.« Ayane nahm etwas aus ihrer Jackentasche. Es war ein Schlüssel, den sie Hiromi in die Hand drückte.

»Aber …«

»Das ist ein Schlüssel zu unserem Haus. Wie ich gestern schon sagte, weiß ich nicht, wann ich zurück sein werde. Deshalb bin ich etwas unruhig. Es wäre mir lieber, wenn du ihn hättest.«

»Äh, ja, aber …«

»Ist dir das nicht recht?«

»Nein, das ist es nicht, aber wirst du ihn nicht brauchen?«

»Nein, kein Problem. Wenn ich zurückkomme, rufe ich dich an.«

»Na gut.«

»Ich bin dir sehr dankbar.« Ayane nahm Hiromis Hand und legte den Schlüssel hinein. Dann schloss sie ihre Finger fest darum.

»Also dann«, sagte Ayane und machte sich mit ihrem Koffer auf den Weg.

Unwillkürlich rief Hiromi ihr nach. »Ayane, einen Moment noch …«

Ayane blieb stehen. »Was ist denn?«

»Pass gut auf dich auf.«

»Danke.« Ayane winkte mit der freien Hand und ging weiter.

Hiromi gab bis zum Abend Unterricht. Die Schülerinnen wechselten, doch Hiromi hatte kaum eine Pause. Als die letzten gegangen waren, fühlten sich ihre Schultern und ihr Nacken sehr verspannt an.

Als Hiromi aufgeräumt hatte und gerade gehen wollte, klingelte ihr Handy. Sie schaute auf das Display und musste schlucken. Es war Yoshitaka.

»Bist du fertig mit dem Unterricht?«, fragte er abrupt.

»Ja, gerade fertig geworden.«

»Gut. Ich bin noch mit Kunden essen. Danach gehe ich gleich nach Hause. Komm vorbei.«

Es klang so beiläufig, dass Hiromi um eine Antwort verlegen war.

»Was ist? Passt es dir nicht? Du weißt doch, dass sie so bald nicht zurückkommt.«

Hiromi schaute auf ihre Handtasche. In ihr befand sich der Schlüssel, den sie heute Morgen bekommen hatte.

»Außerdem will ich etwas mit dir bereden«, sagte er.

»Was denn?«

»Später. Ich bin um neun zu Hause. Ruf mich an, bevor du kommst.« Ohne ihre Antwort abzuwarten, legte er auf.

Hiromi aß in einem Restaurant eine Pasta und rief anschließend Yoshitaka an. Er war schon zu Hause und drängte sie, sich zu beeilen.

Im Taxi erging sie sich in Selbstvorwürfen. Es gefiel ihr nicht, dass Yoshitaka sich überhaupt nicht schuldig fühlte,  dennoch musste sie sich eine freudige Erregung eingestehen.

Yoshitaka empfing sie mit einem Lächeln. An seinem Benehmen war nichts Verstohlenes, sein ganzes Verhalten wirkte offen und entschlossen.

Als sie das Wohnzimmer betrat, wehte ihr der Duft von Kaffee entgegen.

»Ich habe schon lange keinen Kaffee gekocht. Ich weiß nicht, ob er schmeckt.« Yoshitaka kam mit zwei Tassen aus der Küche. Offenbar legte er keinen Wert auf Untertassen.

»Es ist das erste Mal, dass ich dich überhaupt in der Küche sehe.«

»Wirklich? Kann sein. Seit ich verheiratet bin, habe ich überhaupt nichts mehr gemacht.«

»Ayane ist eben eine hingebungsvolle Ehefrau.« Hiromi schlürfte ihren Kaffee. Er war stark und bitter.

Yoshitaka verzog den Mund. »Ich habe zu viel Kaffee in den Filter getan.«

»Soll ich neuen kochen?«

»Nein, nein, schon gut. Du machst den nächsten.« Er stellte seine Tasse auf dem marmornen Tisch ab. »Ich habe gestern noch mit ihr gesprochen.«

»Und?«

»Allerdings habe ich ihr nicht erzählt, dass du es bist, sondern behauptet, sie kenne die Frau nicht. Ich weiß nicht, ob sie mir geglaubt hat.«

Hiromi dachte an Ayanes Ausdruck, als sie ihr am Morgen den Schlüssel gegeben hatte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sich hinter ihrem Lächeln etwas verborgen hatte.

»Und was hat sie gesagt?«

»Sie war mit allem einverstanden.«

»Wirklich?«

»Ja. Wenn ich es doch sage.«

Hiromi schüttelte den Kopf.

»Es klingt seltsam aus meinem Mund, aber ich kann sie nicht verstehen.«

»Aber so lautete doch unsere Abmachung. Du brauchst dir keine Gedanken zu machen. Alles ist geklärt.«

»Also können wir uns sicher fühlen.«

»Natürlich.« Yoshitaka legte ihr den Arm um die Schulter und zog sie an sich. Hiromi lehnte sich an ihn. Seine Lippen streiften ihr Ohr. »Heute Nacht kannst du hier schlafen.«

»In eurem Schlafzimmer?«

Yoshitaka schmunzelte.

»Wir haben ein Gästezimmer. Dort steht auch ein Doppelbett.«

Hiromi nickte mit einem Gefühl des Unbehagens. Sie empfand Verwirrung und Erleichterung zugleich.

Als sie am nächsten Morgen in der Küche Kaffee kochte, gesellte Yoshitaka sich zu ihr und bat sie, es ihm zu zeigen.

»Ich habe es auch nur von Ayane gelernt.«

»Egal, zeig mir, wie es geht.« Yoshitaka verschränkte die Arme.

Hiromi legte das Papier in den Filter und füllte mit dem Messlöffel Kaffee hinein. Yoshitaka merkte sich die Menge und nickte.

»Zuerst muss man ganz wenig heißes Wasser zugeben. Nur einen kleinen Schuss. Und dann warten, bis der Kaffee quillt.« Nachdem sie ein wenig kochendes Wasser aus dem Kessel in den Filter gegossen hatte, wartete sie etwa zwanzig Sekunden und brühte erst anschließend den Kaffee auf. »Man muss das Wasser mit einer kreisförmigen Bewegung aufgießen. Der Kaffee steigt nach oben. Du musst ihn gleichmäßig übergießen. Du schaust auf die Markierung, und wenn du genug für zwei Tassen hast, nimmst du den Filter herunter. Sonst wird er zu dünn.«

»Erstaunlich kompliziert.«

»Du hast doch sicher früher auch Kaffee gekocht?«

»Mit einer Kaffeemaschine. Aber die hat Ayane entsorgt, als wir geheiratet haben. So schmeckt der Kaffee besser, behauptet sie.«

»Ayane weiß, wie kaffeesüchtig du bist.«

Yoshitaka nahm einen Schluck.

Anne’s House hatte sonntags geschlossen, was nicht bedeutete, dass Hiromi freihatte. Denn sie unterrichtete zusätzlich in einem Kulturzentrum in Ikebukuro. Auch diesen Job hatte Ayane ihr vermittelt.

Sobald sie mit ihrer Arbeit fertig sei, solle sie ihn anrufen, hatte Yoshitaka gesagt. Dann könnten sie zusammen zu Abend essen. Hiromi sah keinen Grund abzulehnen.

Ihr Kurs im Kulturzentrum endete um sieben. Während sie das Gebäude verließ, rief sie Yoshitaka auf dem Handy an, aber er hob nicht ab. Sie versuchte es auf seinem Festnetzanschluss, ebenfalls ohne Erfolg.

Ob er unterwegs war?

Hiromi beschloss, dennoch zum Haus der Mashibas zu fahren. Unterwegs versuchte sie immer wieder vergeblich Yoshitaka anzurufen.

Als sie ankam, sah sie, dass im Wohnzimmer Licht brannte. Sie nahm ihren Mut zusammen und holte den Schlüssel, den Ayane ihr gegeben hatte, aus der Tasche. Die Haustür war abgeschlossen. Sie öffnete sie und trat in den Flur. Er war ebenfalls hell erleuchtet.

Hiromi zog sich die Schuhe aus und betrat die Wohnung. Es duftete schwach nach Kaffee. Wahrscheinlich hatte sich Yoshitaka frischen gekocht.

Sie öffnete die Tür zum Wohnzimmer. An der Schwelle erstarrte sie.

Yoshitaka lag auf dem Boden. Neben ihm eine Kaffeetasse. Die braune Flüssigkeit hatte sich über das Parkett ergossen.

Ein Krankenwagen! Zittrig kramte Hiromi ihr Handy hervor. Doch plötzlich konnte sie sich nicht mehr an die Nummer des Rettungsdienstes erinnern.

Kapitel 3

Elegante Villen reihten sich entlang der sanft abfallenden Straße. Selbst im Schein der Straßenlaternen war deutlich zu erkennen, dass jedes der Häuser sorgfältig gepflegt war.

Am Straßenrand standen mehrere Polizeiwagen. »Bitte, halten Sie hier«, sagte Kusanagi.

Er stieg aus dem Taxi und schaute im Gehen auf die Uhr – 22 Uhr. Den Film werde ich wohl verpassen, dachte er. Er hatte ihn schon im Kino verpasst. Als klar war, dass er im Fernsehen gezeigt werden würde, hatte er darauf verzichtet, sich die DVD auszuleihen. Und weil er nach dem Anruf so schnell aus der Wohnung geeilt war, hatte er vergessen, den DVD-Rekorder zu programmieren.

Es gab keine Schaulustigen. Wahrscheinlich weil es schon so spät war. Noch nicht einmal Journalisten waren da. Kusanagi hoffte, dass es sich um einen eindeutigen, einfach zu lösenden Fall handeln würde.

Vor dem Tor des Hauses, in dem es passiert war, wachte mit strenger Miene ein Polizist. Als Kusanagi ihm seinen Ausweis zeigte, salutierte er.

Bevor er durch das Tor trat, betrachtete er die Villa. Alle Lichter waren eingeschaltet. Aus dem Haus ertönten Stimmen.

An der Hecke stand jemand. Es war dunkel, aber an der zierlichen Statur und den Haaren erkannte Kusanagi die Person.

»Was machen Sie denn hier draußen?«

Kaoru Utsumi wandte sich ihm langsam zu, ohne das geringste Erstaunen zu zeigen.

»Guten Abend«, sagte sie ungerührt.

»Darf ich fragen, warum Sie nicht im Haus sind und was Sie hier draußen vorhaben?«

»Nichts Besonderes.« Sie schüttelte unverbindlich den Kopf. »Ich schaue mir nur die Hecke, die Blumen und so weiter an. Von hier aus sieht man auch die Blumen auf dem Balkon.«

»Auf dem Balkon?«

»Ja, da oben.« Sie zeigte mit dem Finger auf den ersten Stock.

Kusanagi blickte hinauf zum Balkon, von dem zahlreiche Blumen und Pflanzen herabhingen. Aber so etwas war schließlich kein ungewöhnlicher Anblick.

»Ich frage Sie noch mal: Warum sind Sie nicht im Haus?«

»Weil es da drin schon so voll ist. Ich finde es ziemlich sinnlos, wenn eine ganze Horde sich denselben Tatort anschaut. Das stört die Spurensicherung. Also habe ich mir die Villa mal von außen angeschaut.«

»Aber Sie gucken sich doch nur die Blumen an.«

»Ich habe meinen Rundgang schon beendet.«

»Also gut. Haben Sie den Tatort besichtigt?«

»Nein, noch nicht. Ich bin nur bis zum Flur gekommen und habe dann kehrtgemacht.«

Verwundert musterte Kusanagi seine junge Kollegin. Er hatte immer gedacht, ein Polizist bemühe sich instinktiv, möglichst vor allen anderen am Tatort anzukommen. Aber Kaoru Utsumi schien anders zu sein.

»Also gut, ich verstehe, aber kommen Sie jetzt mit. Es geht  nichts über den eigenen Augenschein«, sagte er und schritt auf die Haustür zu. Utsumi folgte ihm widerspruchslos.

In der Villa wimmelte es von Beamten vom örtlichen Revier und von der Mordkommission.

Kishitani begrüßte seinen Vorgesetzten mit einem entschuldigenden Lächeln. »Tut mir leid, dass wir Sie so spät noch rufen mussten.«

»Ja, ich kann mir Angenehmeres vorstellen. Aber was wichtiger ist: Handelt es sich hier wirklich um einen Mord?«

»Wir wissen es noch nicht. Aber es sieht ganz danach aus.«

»Worum geht’s? In aller Kürze, wenn ich bitten darf.«

»Der Hausherr ist plötzlich verstorben. Im Wohnzimmer. Er war allein.«

»Allein?«

»Hier entlang, bitte.«

Kishitani führte Kusanagi und seine Assistentin ins Wohnzimmer, einen großen Raum von etwa dreißig Tatami – also etwa fünfzig Quadratmetern – mit einer Couchgarnitur aus grünem Leder. In der Mitte stand ein wuchtiger Marmortisch.

Auf dem Boden neben dem Tisch beschrieb weißes Klebeband die Umrisse eines liegenden Menschen. Kishitani warf einen Blick darauf und wandte sich an Kusanagi.

»Der Name des Verstorbenen lautet Yoshitaka Mashiba. Das Haus gehört ihm.«

»Ich weiß. Man hat es mir schon gesagt, bevor ich herkam. Er besitzt eine Firma.«

»Offenbar handelt es sich um eine IT-Firma. Es ist Sonntag, also war er nicht im Büro. Wir wissen noch nicht, ob er das Haus heute überhaupt verlassen hat.«

»Was ist das Nasse auf dem Boden?« Kusanagi deutete nach unten.

»Kaffee«, sagte Kishitani. »Als die Leiche entdeckt wurde, war es eine Lache. Die Spurensicherung hat das meiste davon gesichert. Die Tasse lag daneben.«

»Wer hat den Toten gefunden?«

Kishitani zückte sein Notizbuch. »Eine gewisse Hiromi Wakayama. Eine Schülerin seiner Frau.«

»Schülerin?«

»Seine Frau ist eine berühmte Patchwork-Künstlerin.«

»Patchwork? Mit so was kann man berühmt werden?«

»Anscheinend. Ich habe das auch nicht gewusst.« Kishitani sah seine Kollegin an. »Als Frau kennen Sie sich mit so was vielleicht besser aus. Haben Sie den Namen Ayane Mita schon mal gehört?« Er deutete auf einen Namen in seinem Notizbuch.

»Noch nie«, antwortete Kaoru Utsumi unbeeindruckt. »Wie kommen Sie darauf, dass ich sie kennen müsste, nur weil ich eine Frau bin?«

»Ach, nur so.« Kishitani zuckte hilflos die Achseln.

Dieses Geplänkel brachte Kusanagi zum Grinsen. Endlich hatte Kishitani eine Untergebene, vor der er sich wohl gern ein wenig aufgespielt hätte, aber das schien ihm nicht recht zu gelingen.

»Wieso hat sie ihn gefunden?«, fragte Kusanagi.

»Wie es aussieht, ist seine Frau gestern zu ihren Eltern gefahren. Vor ihrer Abreise gab sie Frau Wakayama einen Hausschlüssel, weil sie nicht wusste, wann sie zurück sein würde. Frau Wakayama wollte Yoshitaka Mashiba fragen, ob er vielleicht etwas braucht, und rief ihn an. Als er sich jedoch weder auf seinem Handy noch auf seinem Festnetzanschluss meldete, wurde sie unruhig und kam hierher. Das erste Mal hatte sie ihn gegen sieben angerufen. Als sie hier ankam, war es bereits kurz vor acht, sagt sie.«

»Und dann hat sie die Leiche gefunden?«

»Ja, und mit ihrem Handy den Notruf getätigt. Es ist auch sofort ein Krankenwagen gekommen, aber die Sanitäter konnten nur noch den Tod feststellen. Daraufhin haben sie einen Arzt aus der Nachbarschaft geholt, damit er die Leiche untersucht. Da ihm die Todesursache unklar war, hat man schließlich die Kriminalpolizei verständigt. Und da sind wir.«

Kusanagi nickte und sah sich nach Utsumi um. Sie stand vor dem Wohnzimmerschrank.

»Und die Frau, die die Leiche gefunden hat?«

»Frau Wakayama sitzt in einem Streifenwagen und ruht sich aus. Dezernatsleiter Mamiya ist bei ihr.«

»Ach, der Alte ist auch schon hier? Ich habe ihn gar nicht gesehen.« Kusanagi runzelte die Stirn. »Wisst ihr inzwischen, woran der Mann gestorben ist?«

»Wahrscheinlich Gift. Selbstmord wäre eine Möglichkeit, aber alles deutet auf einen Mord hin.«

»Aha.« Kusanagis Augen folgten Utsumi, die in die Küche ging. »War die Haustür geschlossen, als Frau Wakayama eintraf? «

»Sie sagt, ja.«

»Die Fenster und die Glastüren auch? Waren sie verriegelt?«

»Als die Kollegen kamen, war alles zu – außer dem Badezimmerfenster im ersten Stock.«

»Und könnte durch dieses Fenster jemand eingedrungen sein?«

»Ich habe es noch nicht genau überprüft, aber ich glaube nicht.«

»Dann war es vielleicht doch Selbstmord.« Kusanagi setzte sich auf einen Sessel und schlug die Beine übereinander. »Wer sollte seinen Kaffee vergiftet haben? Wie hätte der Mörder ins Haus kommen sollen? Wieso glauben die Kollegen, es sei Mord gewesen?«

»Stimmt, für einen Mordverdacht bräuchten wir etwas mehr.«

»Was haben wir sonst noch?«

»Als die Kollegen den Tatort untersuchten, klingelte das Handy des Toten. Der Anruf kam von einem Restaurant in Ebisu. Mashiba hatte dort für acht Uhr einen Tisch bestellt. Für zwei Personen. Da er nicht aufgetaucht ist, wollten sie nachfragen. Die Reservierung hatte er gegen halb sieben vorgenommen. Wie gesagt, hat Frau Wakayama Herrn Mashiba gegen sieben angerufen und nicht erreicht. Schon ein bisschen ungewöhnlich, oder? Ein Mensch, der um halb sieben einen Tisch in einem Restaurant reserviert und dann um sieben Selbstmord begeht.«

Kusanagi runzelte die Stirn und kratzte sich mit einem Finger die Augenbraue. »Das hättest du mir auch gleich sagen können.«

»Wegen Ihrer Fragen bin ich noch nicht dazu gekommen.«

»Ist ja gut.« Kusanagi schlug sich auf die Knie und stand auf.

Utsumi kam aus der Küche und stellte sich erneut vor den Wandschrank.

»Kishi bringt uns gerade auf den neuesten Stand, also laufen Sie nicht dauernd weg«, ermahnte Kusanagi die junge Frau.

»Ich konnte alles hören. Vielen Dank, Herr Kishitani.«

»Bitte«, sagte Kishitani mit einer kleinen Verbeugung.

»Was ist denn mit dem Schrank?«

»Schauen Sie mal.« Utsumi deutete in den Schrank. »Dieses Regal sieht verglichen mit dem Rest ziemlich verlassen aus. Finden Sie nicht?«

Tatsächlich wirkte es unnatürlich leer. Als hätte jemand Geschirr herausgenommen.

»Sie haben recht.«

»In der Küche stehen fünf gewaschene Champagnergläser.«

»Die stehen vermutlich normalerweise hier.«

»Glaube ich auch.«

»Na und? Was ist damit?«

Utsumi sah Kommissar Kusanagi an und öffnete ein wenig den Mund. Dann schien sie es sich anders zu überlegen und schüttelte den Kopf.

»Es ist nicht wichtig. Offenbar haben die Mashibas vor kurzem etwas gefeiert. Sonst benutzt man ja keine Champagnergläser.«

»Solche reichen Leute haben sicher öfter Gäste. Allerdings ist das noch lange kein Grund sich umzubringen.« Kusanagi wandte sich Kishitani zu und fuhr fort. »Die Menschen sind kompliziert und voller Widersprüche. Ob nun kurz vor einer Party oder nachdem man im Restaurant einen Tisch reserviert hat – wer sterben will, stirbt.«

»Hm.« Kishitani nickte unverbindlich.

»Und die Frau?«

»Welche Frau?«

»Na, die Ehefrau des Opfers … pardon, des Verstorbenen. Habt ihr sie erreicht?«

»Nein, noch nicht. Frau Wakayama zufolge hält sie sich in Sapporo auf. Noch dazu in einem entlegenen Außenbezirk. Aber heute Abend kann sie ohnehin nicht mehr kommen.«

»Aus Hokkaido? Nein, unmöglich.« Kommissar Kusanagi war insgeheim erleichtert, denn andernfalls hätte jemand auf sie warten müssen. Und garantiert hätte sein Chef Mamiya ihn mit dieser Aufgabe betraut.

Inzwischen war es so spät, dass sie auch die Befragung der Nachbarn verschieben mussten. Als Kusanagi gerade Hoffnung schöpfte, bald wieder nach Hause zu können, erschien das kantige Gesicht seines Vorgesetzten in der Tür.

»Da sind Sie ja endlich, Kusanagi. Wo bleiben Sie denn?«

»Ich bin doch längst hier. Kishitani hat mich auf den aktuellen Stand gebracht.«

Mamiya nickte und wandte sich um. »Bitte, kommen Sie doch herein.«

Hinter ihm betrat eine etwa fünfundzwanzig Jahre alte, schlanke Frau das Wohnzimmer. Ihr schulterlanges Haar war – ungewöhnlich für eine Frau ihres Alters – schwarz. Es unterstrich ihre helle Haut. Besser gesagt, ihre momentane Blässe. Sie war unbestreitbar attraktiv. Und verstand es, sich dezent, aber wirkungsvoll zu schminken.

Kusanagi schloss, dass es sich um Hiromi Wakayama handelte.

»Sie sagten, Sie hätten die Leiche entdeckt, gleich nachdem Sie das Zimmer betreten hatten. Das heißt, Sie müssten etwa dort gestanden haben, wo Sie jetzt stehen, ja?«

Hiromi Wakayama schaute auf und warf einen Blick in Richtung Sofa.

»Ja, ich glaube, hier habe ich gestanden«, sagte sie mit leiser Stimme.

Sie wirkte auf Kusanagi, als könne sie kaum stehen. Vielleicht lag es daran, dass sie so schmal und blass war.

»Und davor waren Sie das letzte Mal vorgestern Abend in diesem Zimmer?«, fragte Mamiya.

»Ja.« Hiromi Wakayama nickte.

»Hat sich seither irgendetwas verändert? Und sei es nur eine winzige Kleinigkeit.«

Ängstlich schaute die Befragte sich im Zimmer um, schüttelte aber sofort den Kopf.

»Ich weiß es wirklich nicht. Vorgestern waren noch andere Leute hier, und wir haben zu Abend gegessen.« Ihre Stimme zitterte.

Mamiya nickte stirnrunzelnd. Da kann man nichts machen, sollte das wohl heißen.

»Es tut mir leid, dass wir Sie so lange hierbehalten mussten. Jetzt können Sie sich ausruhen. Allerdings werden wir morgen noch einmal mit Ihnen sprechen müssen. Meinen Sie, das geht?«

»Selbstverständlich, aber ich glaube nicht, dass ich Ihnen viel sagen kann.«

»Das mag sein, aber wir möchten uns ein möglichst detailliertes Bild machen. Es wäre nett, wenn Sie uns bei unseren Ermittlungen unterstützen könnten.«

»Ja«, sagte Hiromi mit gesenktem Blick.

Mamiya sah Kusanagi an. »Wie sind Sie gekommen? Mit dem Wagen?«

»Tut mir leid, mit dem Taxi.«

»Aber ich bin mit dem Wagen da«, schaltete Utsumi sich ein.

Überrascht drehte Kusanagi sich um. »Sieh mal an. Da müssen Sie ja gut verdienen.«

»Ich war gerade essen, als der Anruf kam.«

»Sie brauchen sich nicht zu rechtfertigen. Könnten Sie Frau Wakayama nach Hause fahren?«, fragte Mamiya.

»Einverstanden. Aber vorher würde ich Frau Wakayama noch gern eine Frage stellen, wenn Sie erlauben.«

Ihr Vorgesetzter machte ein erstauntes Gesicht.

»Welche denn?«, fragte Mamiya.

Utsumi machte einen Schritt nach vorn und ließ Hiromi dabei nicht aus den Augen.

»Yoshitaka Mashiba trank Kaffee, als er zusammenbrach. Hat er eigentlich nie eine Untertasse benutzt?«

Hiromis Augen weiteten sich. Ihr Blick wurde unruhig.

»Äh, also ich weiß nicht, vielleicht nicht, wenn er alleine war.«

»Das heißt, er hatte Besuch, heute oder gestern. Haben Sie eine Idee, wer das gewesen sein könnte?«

Utsumi sprach in selbstbewusstem Ton, und Kusanagi musterte sie von der Seite.

»Woher wissen Sie, dass er Besuch hatte?«, fragte er.

»In der Küchenspüle stehen eine nicht abgewaschene Kaffeetasse und zwei Untertassen. Hätte Herr Mashiba allein Kaffee getrunken, dürfte es keine Untertassen geben.«

Kishitani ging in die Küche und kam gleich wieder zurück. »Utsumi hat recht. Da sind eine Tasse und zwei Untertassen.«

Nachdem Kusanagi einen Blick mit seinem Vorgesetzten gewechselt hatte, wandte er sich wieder an Hiromi Wakayama.

»Fällt Ihnen dazu etwas ein?«

Sie schüttelte unsicher den Kopf. »Also, ich weiß nicht. Ich war ja seit vorgestern Abend nicht hier. Woher soll ich wissen, ob er noch Gäste hatte?«

Kusanagi sah noch einmal seinen Chef an. Dieser nickte nachdenklich.

»Ich verstehe. Vielen Dank, dass Sie uns so spät noch geholfen haben. Fahren Sie Frau Wakayama jetzt bitte heim, Frau Kollegin, und Sie, Kommissar, fahren auch mit.«

»In Ordnung«, antwortete Kusanagi. Er verstand, worauf sein Chef hinauswollte. Hiromi Wakayama hatte offensichtlich etwas zu verbergen. Und er sollte herausfinden, was es war.

Die drei verließen das Haus. »Bitte warten Sie hier. Ich hole den Wagen«, sagte Utsumi.

Während sie warteten, beobachtete Kusanagi seine Begleiterin. Sie wirkte äußerst niedergeschlagen. Er glaubte nicht, dass es nur der Schock über den Fund der Leiche war.

»Ist Ihnen kalt?«, fragte Kusanagi.

»Nein, es geht.«

»Hatten Sie heute Abend etwas vor?«

»Nein, wie kommen Sie darauf?«

»Ich habe mich nur gefragt, ob Sie heute Abend eine Verabredung hatten.«

Hiromi bewegte leicht die Lippen. Sie schien zu zögern.

»Wir haben Ihnen diese Frage schon viele Male gestellt, aber darf ich sie noch einmal stellen?«

»Welche Frage?«

»Warum haben Sie heute Abend eigentlich versucht, Herrn Mashiba anzurufen?«

»Ich fand, ich sollte mich hin und wieder bei ihm melden, weil seine Frau mir doch den Schlüssel gegeben hat. Ich dachte, vielleicht braucht er Hilfe bei irgendetwas.«

»Und weil er nicht ans Telefon gegangen ist, sind Sie hingefahren, nicht wahr?«

»Ja.« Sie nickte kaum merklich.

Kusanagi sah sie forschend an. »Aber es kann doch vorkommen, dass man jemanden telefonisch nicht erreicht. Weder auf dem Handy noch auf dem Festnetz. Haben Sie nicht daran gedacht, dass Herr Mashiba unterwegs war und sich eventuell in einer Situation befand, in der er nicht ans Telefon gehen konnte?«

Nach kurzem Schweigen schüttelte Hiromi den Kopf.

»Nein, das konnte ich mir nicht vorstellen.«

»Aber warum nicht? Gab es einen Anlass für Ihre Sorge?«

»Nein, eigentlich nicht. Ich war nur irgendwie unruhig.«

»Unruhig, aha.«

»Ist das verboten? Ich war eben beunruhigt und wollte nachsehen.«

»Nein, nein, ganz im Gegenteil. Das war absolut vorbildlich. Es kommt nicht oft vor, dass jemand, dem man einen Hausschlüssel gibt, sich so pflichtbewusst verhält. Außerdem hat Ihr Gefühl Sie ja nicht getrogen.«

Hiromi schien die Worte des Kommissars nicht für bare Münze zu nehmen und wandte den Blick ab.

In dem Moment hielt ein dunkelroter Pajero vor der Villa. Die Tür ging auf, und Utsumi stieg aus.

»Sie haben Allradantrieb?« Kusanagi machte große Augen.

»Er fährt sich nicht schlecht. Bitte sehr, Frau Wakayama.«

Hiromi stieg hinten ein. Der Kommissar setzte sich neben sie.

Als Utsumi im Wagen saß, stellte sie das Navigationsgerät ein. Anscheinend hatte sie Hiromis Adresse bereits herausgefunden. Sie wohnte am Bahnhof Gakugei-Daigaku.

Kaum waren sie losgefahren, fragte Hiromi: »War Herrn Mashibas Tod denn kein Unfall oder Selbstmord?«

Kusanagi warf einen Blick in den Rückspiegel, seine und Utsumis Augen trafen sich.

»Das können wir noch nicht sagen. Wir müssen das Ergebnis der Obduktion abwarten.«

»Aber Sie sind doch von der Mordkommission?«

»Sicher. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt besteht nur die Möglichkeit, dass er ermordet wurde. Mehr wissen wir noch nicht.«

»Ich verstehe«, murmelte Hiromi.

»Erlauben Sie, dass ich im Gegenzug auch Ihnen eine Frage stelle. Angenommen, es war wirklich Mord. Fällt Ihnen ein möglicher Grund dafür ein?«

Kusanagi sah, wie Hiromi nach Luft rang. Er schaute auf ihren Mund.

»Ich habe keine Ahnung … Ich weiß nichts über ihn, außer dass er der Mann meiner Lehrerin ist«, erklärte sie mit dünner Stimme.

»Es macht nichts, wenn Ihnen nicht sofort etwas einfällt. Aber sagen Sie mir bitte Bescheid, wenn Sie sich an etwas erinnern.«

Hiromi Wakayama schwieg, sie nickte nicht einmal.

Als sie vor ihrer Wohnung ausstieg, wechselte Kusanagi auf den Beifahrersitz.

»Was meinen Sie?«, fragte er, den Blick nach vorn gerichtet.

»Sie ist eine starke Frau«, erwiderte Utsumi, während sie den Wagen wieder auf die Straße steuerte.

»Was meinen Sie mit ›stark‹?«

»Nun ja, sie hat die ganze Zeit nicht eine Träne vergossen. Zumindest nicht in unserer Gegenwart.«

»Vielleicht war sie einfach nicht so besonders traurig.«

»Nein, sie muss geweint haben. Ich bin überzeugt, sie hat die ganze Zeit geweint, während sie auf den Krankenwagen wartete.«

»Woher wollen Sie das wissen?«

»Ihr Augen-Make-up wirkte, als hätte sie es hastig erneuert.«

Kusanagi musterte seine junge Kollegin von der Seite. »Wirklich?«

»Ich bin ganz sicher.«

»Frauen haben einen anderen Blickwinkel, nicht wahr? Das soll übrigens ein Kompliment sein.«

»Ich weiß.« Sie schmunzelte. »Was halten Sie von ihr, Kommissar Kusanagi?«