Beschreibung

'Heimatjahre', ein autobiografischer Dorf- und Entwicklungsroman par excellence. Ein Roman, ganz wie ihn das Leben schreibt: 'menschenseelenkundig'. Und spannend von der ersten bis zur letzten Seite.

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Heimatjahre

Felix Huby

HEIMATJAHRE

Roman

Für meine Frau Marielis

Inhalt

Roman

Danksagung

Buchempfehlung

Albert Ebinger stand vor der großen Landkarte, die er selbst auf Pappe aufgezogen und mit Reißnägeln an die Wand gepinnt hatte. Ein roter Wollfaden, der sich in einer Zickzacklinie fast über die ganze Breite der Landschaften zog und immer dort die Richtung änderte, wo Ebinger eine Stecknadel gesetzt hatte, zeichnete den Verlauf der Front nach. Mit einem tiefen Seufzer zog Ebinger eine Nadel nach der anderen heraus und platzierte sie ein Stückchen weiter westlich. »Man hätt es wissen müssen«, sagte er. Seine Frau Luise, die auf dem Sofa saß, hob den Blick von ihrem Strickzeug, sagte aber nichts.

»Napoleon hat seinen Russlandfeldzug auch im Winter verloren«, sagte ihr Mann.

»Ihr habt ja eurem Hitler geglaubt.«

»Ja. Leider.«

»Und jetzt sagst du, man hätt es wissen müssen. Jetzt, wo es zu spät ist.«

Albert Ebinger sah auf seine Frau hinab. Diesen verbitterten Ton kannte er nicht von ihr. Über seine Parteizugehörigkeit sprachen sie fast nie. Nur einmal, als er, wie alle linientreuen Mitglieder, aus der Kirche ausgetreten war, hatte Luise mit ihm gestritten. In diesem Moment war für sie klargeworden, dass die NSDAP eine gottlose Partei war, und in so einer Organisation hatte ein anständiger Mensch nichts verloren. Luise war eine gradlinige Frau, für die es von Kind an klare Maßstäbe gegeben hatte. »Das tut man nicht!« war eine allemal gültige Aussage für sie, die keiner weiteren Erklärung bedurfte. Was richtig und was falsch war, stand fest, und im Zweifel stand es in den zehn Geboten.

»Du hast in dieser Partei nichts verloren«, hatte sie damals gesagt. Und er hatte geantwortet: »Das verstehst du nicht!«

Wie oft hatte sie diesen Satz in ihrer Ehe schon gehört. Und sie hatte nie aufbegehrt; denn es stimmte ja: Sie verstand so vieles nicht. Luise hatte nur die Volksschule besucht, sie las keine Bücher. Sie konnte nicht mitreden, wenn ihr Mann mit Freunden und, was schlimmer war, mit befreundeten Frauen seine klugen Gedanken austauschte. Als 1929 ihre Hochzeit bevorstand, hatte ihr Vater, ein einfacher Holzarbeiter, stolz gesagt, sie werde hinaufheiraten. So ein Junglehrer werde später einmal Beamter, wer weiß, vielleicht Schulleiter oder gar Schulrat. Da habe sie dann ausgesorgt.

Luise hatte Albert von Anfang an gemocht, als der junge neue Lehrer zum ersten Mal den Gesangverein dirigierte, in dem sie Sopran sang und in dem sie wie selbstverständlich die wenigen Solopartien übernahm. Den erstaunten Blick hatte sie nie vergessen, den er ihr zugeworfen hatte, als der Chor zur Einstimmung für den neuen Dirigenten »Bunt sind schon die Wälder« im Arrangement seines Vorgängers gesungen hatte und sich Luises Stimme in einem speziell für sie geschriebenen Solo hell, mühelos und leicht über den Chor erhob: »Rote Blätter fallen, graue Nebel wallen, kühler wird der Wind.« »Schön«, hatte er leise gesagt und dann noch einmal: »Wunderschön!« Dabei hatte er sie so intensiv angesehen, dass sie nicht wusste, ob er ihren Gesang oder sie selbst meinte.

Damals war er nie ungeduldig gewesen, wenn sie manches nicht verstanden hatte. Er werde ihr schon alles erklären, hatte er gesagt. Vielleicht hatte sie gehofft, dass er ihr auch die Liebe erklären würde. Sie wusste nicht, was sie von der Liebe erwartet hatte, aber sie wusste oder ahnte doch zumindest: Was sie mit ihrem Mann erlebte, war sie nicht.

Geheiratet hatten sie im Mai 1929, und als die großen Ferien bevorstanden, die vom 28. Juli bis über den 31. August hinaus dauern sollten, hatte Luise ihren Mann gefragt: »Was machen wir denn in der Vakanz?« So nannte man die unterrichtsfreie Zeit damals in Schwaben.

»Ich geh auf eine Bergwanderung mit meinen Freunden.«

»Und ich?«, hatte sie nachgefragt.

»Du bleibst daheim.« Da waren sie noch keine zehn Wochen verheiratet. Und als Albert in den Bergen wanderte, erfuhr Luise, dass sie schwanger war. Neun Monate später kam Hanna zur Welt. Fünf Jahre danach erst Gerhard und weitere drei Jahre später der kleine Christian. Alles ging seinen Gang. Das Leben bestand aus Gewohnheiten, gegen die Luise nichts einzuwenden hatte. Was das Leben ihr vorenthielt, wusste sie nicht so genau, und deshalb beklagte sie sich auch nicht. »Er ist mir ein guter Mann«, sagte sie einmal zu ihrer Mutter, die freilich die Trauer hinter diesen Worten heraushörte und deshalb fragte: »Aber?«

»Aber er ist halt so weit weg!«

»Wir verlieren den Krieg, gell?«, sagte sie jetzt.

Ihr Mann nickte.

»Und die neue Wunderwaffe?«

Albert winkte nur ab.

»Wenigstens kommt der Russe nicht zu uns«, sagte seine Frau.

In diesem Augenblick heulten die Sirenen los.

Das Dorf lag knapp 30 Kilometer südlich von Stuttgart. Die Bomberverbände der Alliierten donnerten in geringer Höhe über Fleckenhausen hinweg, wenn sie ihre Ziele in der Landeshauptstadt Württembergs anflogen. Weit über 30 Prozent der Stadt waren schon zerstört. Und fast täglich flogen die Amerikaner und die Briten neue Angriffe auf die Industrieanlagen, aber auch auf die Wohngebiete Stuttgarts. Nur einmal hatte die kleine Gemeinde im Schönbuch Schaden genommen, als einer der Bomber seine todbringende Ladung schon 30 Kilometer vor dem eigentlichen Ziel fallen ließ. Sieben Häuser waren zerstört worden. Vier Menschen starben, elf barg man verletzt aus den Trümmern.

Jetzt war das tiefe, gleichmäßig anschwellende Brummen der herannahenden Flugzeuge zu hören. Luise war zum Fenster geeilt. »Gerhard! Christian!«, rief sie mit gellender Stimme. Die Tür in ihrem Rücken ging auf. Gerhard trat herein. »Was schreist denn so, Mama? Ich bin doch da!« Sie hatte ihn nicht kommen hören, aber das war oft so bei ihm. Ständig darauf bedacht, keine Aufmerksamkeit zu erregen, ging er still durchs Leben. Sein Gesicht hatte oft einen nachdenklichen Ausdruck. Aber wenn ihn seine Eltern fragten: »Was denkst du denn grade?«, schüttelte er nur den Kopf und sagte: »Nix Bsonders!«

»Wo ist der Christian?«, fragte seine Mutter und wandte sich schon wieder dem offenen Fenster zu. Noch lauter als zuvor schrie sie: »Christian!«

Da hörte sie plötzlich seine Stimme. »Rattattattatta!« Der Junge lag auf der Böschung jenseits der schmalen Straße, die an der Giebelfront des Schulhauses vorbei zu den Feldern hinausführte. Der fünfjährige Bub presste sein Holzgewehr, das ihm ein Nachbar geschnitzt hatte, gegen die Schulter und zielte hoch in die Luft. »Ich hol ihn!«, schrie Luise. »Geht ihr in den Keller!« Sie rannte aus dem Zimmer. Albert rief ihr nach: »Bleib hier! Ich hol ihn!« Aber da war seine Frau schon die Treppe hinuntergestürmt.

Der Bomberverband war jetzt nahe. Keilförmig donnerten die Flugzeuge heran. Seitdem die meisten Flakstellungen ausgeschaltet waren, flogen sie in weniger als 300 Metern Höhe über das Dorf hinweg. Christian kniff das linke Auge zu, sein rechtes erfasste den Bomber an der Spitze. »Rattattatta!«, machte der kleine Bub. Im gleichen Augenblick packten ihn die starken Hände seiner Mutter im Genick und an der linken Schulter und zogen ihn unter einen Busch. Sie warf sich über ihn und zischte: »Du rührst dich nicht!«

»Ich hab ihn getroffen!«, schrie Christian. »Ich hab ihn getroffen!«

Die Flugzeuge waren nun direkt über ihnen. Der Lärm war so ohrenbetäubend, dass der Junge nicht mehr verstand, was seine Mutter rief. Er rang nach Luft. Der fleischige Körper der Frau umfloss ihn weich und warm und drohte ihn zu erdrücken. Das dumpfe Motorengeräusch der Flugzeuge verebbte. Ächzend erhob sich die Mutter. »Dummer Bub! Jetzt komm!« Sie nahm den Jungen an der Hand und zog ihn über die steile Böschung hinab auf das schmale Sträßchen und hinüber in den Schulhof.

Die Sirenen gaben Entwarnung. Als Erster stürzte Albert Ebinger aus dem Gewölbekeller des Schulhauses, der als Luftschutzraum eingerichtet worden war. Als er seine Frau und den Jungen sah, erfasste ihn eine grenzenlose Erleichterung. Er rannte auf die beiden zu und schloss Luise in seine Arme. Sie stand steif da. Erst nach ein paar Augenblicken entspannte sich ihr Körper, und sie ließ sich gegen ihren Mann sinken.

Nach und nach traten die anderen aus dem Luftschutzkeller ins Freie. Frauen, Kinder und drei oder vier alte Männer. Niemand sprach. Christian hatte sich von der Hand der Mutter losgemacht und rannte zu seinem Bruder Gerhard. »Ich hab einen getroffen!«, rief er.

»Ja, ja«, sagte der Ältere. Er sah erstaunt zu den Eltern hinüber, die sich noch immer in den Armen hielten.

Die Detonationen der Bomben, die über Stuttgart abgeworfen wurden, waren nun zu hören. Der Himmel im Norden färbte sich rot. In der Kellertür erschien Marie Häfner, eine Bauersfrau, die ihren Hof alleine bewirtschaftete, seitdem ihr Mann an der Front war. Sie hielt ihre siebenjährige Tochter Inge an der Hand.

Luise Ebinger löste sich von ihrem Mann und wendete sich der jungen Frau und dem Mädchen zu. »Wie geht’s Ihnen? Haben Sie was von Ihrem Mann gehört?«, fragte sie. Marie Häfner schien die Frage nicht gehört zu haben. »Ich muss noch aufs Feld«, sagte sie, und dann zu ihrer Tochter: »Komm, wir gehen!«

Die Gemeindeschwester Gertrud trat zu Frau Ebinger. Sie trug, wie auch sonst jahraus, jahrein, ihr graues, steif gebügeltes Diakonissenkleid mit einer weißen Schürze davor und auf ihren eisgrauen, streng nach hinten gekämmten Haaren das akkurat gefaltete weiße Häubchen, dessen Schleife tief in ihr fleischiges Kinn einschnitt. »Sie hat’s halt arg schwer, so allein mit dem Hof und dem Mädchen und immer diese Ungewissheit …«

Am Abend, als die Familie Ebinger im Wohnzimmer der Lehrerwohnung beim Abendessen saß, ließ der Vater plötzlich ein glucksendes Lachen hören. Luise und die drei Kinder schauten überrascht auf. Albert Ebinger fuhr seinem Jüngsten mit gespreizten Fingern durchs Haar. »Stell dir vor«, sagte er zu seiner Frau, »einer von den Bombern wäre genau in dem Moment abgestürzt, weil ihn eine Flak getroffen hätte. Unser Christian würde ein Leben lang glauben, er hätte den Flieger mit seinem Holzgewehr vom Himmel geholt.«

Hanna, die erst kurz zuvor nach Hause gekommen war, sah fragend in die Runde. Sie hatte bislang nichts mitbekommen von dem lebensgefährlichen Einsatz ihres jüngsten Bruders. Am Nachmittag war sie beim Unterricht im Sindelfinger Goldberg-Gymnasium gewesen, wo sie die neunte Klasse besuchte. Aber auch sie hatte den halben Nachmittag im Luftschutzkeller zugebracht. Ihre Mutter erzählte ihr, was passiert war. »Wann ist der Krieg eigentlich endlich aus, Vater?«, fragte Hanna.

»Bald! Ich fürchte, bald«, antwortete Albert Ebinger nun wieder ernst. »Und wir wissen nicht, ob das, was danach kommt, besser ist.«

»Alles ist besser als dieser Krieg«, sagte seine Frau, ohne von ihrem Teller aufzuschauen.

»Ja«, pflichtete Albert ihr bei. Er hatte seinen Kopf weit in den Nacken zurückgelegt und sah zur Decke hoch. »Wir fangen Kriege an, die wir nicht gewinnen können. Damals, 1914, war es genauso.«

»Bist du da auch Soldat gewesen?«, fragte Christian.

»Ich war zu jung. 1914, als der Krieg anfing, war ich ja grade erst 14 Jahre alt. Ich ging aufs Lehrerseminar, und als ich 16 war, hat man mich in den Schuldienst geschickt.«

»Mit 16?« Gerhard sah den Vater ungläubig an.

»Ja. Und meine Schüler waren grade mal zwei Jahre jünger als ich. Ich bin nach Esslingen gekommen und hatte 79 Schüler in der Klasse. Da bischt in d’ Schtiefel neikomme, kann ich dir sage!« Es gehörte zu den Angewohnheiten Albert Ebingers, hochdeutsch zu sprechen und nur ins Schwäbische zu verfallen, wenn er einen alten Mundartspruch zitieren oder eine Pointe setzen wollte.

Gerhard schob seinen Teller von sich. »Was passiert denn, wenn wir den Krieg verloren haben?«

»Dann marschieren unsere Feinde hier ein. Wir werden besetzt«, antwortete der Vater.

»Und sie werden uns bestimmt nicht schonen«, setzte seine Frau bitter hinzu.

»Brrrr!« Marie Häfner ließ die Griffe des Pflugs los. Sie drückte ihre beiden Hände flach gegen ihren Rücken und versuchte ihren Körper geradezuziehen. Das schwere Pferd blieb stehen. Die Bäuerin hob den unteren Rand ihrer Schürze und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Es war ungewöhnlich schwül und für März viel zu warm. Ihr Blick ging zum Himmel. Eine dunkle Wolkenwand schob sich von Westen her über die bewaldete Kuppe des Eckbergs. Sie würde es nicht schaffen, das ganze Feld zu pflügen, ehe das Gewitter sie erreichte. Der Acker war 200 Meter lang und 80 Meter breit. Knapp drei Viertel hatte sie bereits bewältigt. Marie Häfner schaute zurück. Die Furchen waren lange nicht so tief, wie wenn Anton sie gezogen hätte. Ihr Mann war stark. Einen Zentnersack Kartoffeln warf er sich mit einer Hand über die Schulter. Das hatte sie selbst oft genug gesehen. Freilich stimmte es nicht, was sich seine Altersgenossen im Wirtshaus zur Sonne erzählten, wenn sie nach vier oder fünf Glas Bier von ihren Heldentaten sprachen. In Wahrheit habe er niemals einen Ochsen mit einem Faustschlag zwischen die Hörner gefällt, hatte er ihr gegenüber zugegeben, aber sollten das die Leute ruhig glauben. Konnte ja nichts schaden.

Ihre Handgelenke taten ihr weh. Marie wischte sich noch einmal Stirn und Nacken trocken, packte die Holme des Pflugs und rief dem Kaltblüter ihr »Hüah!« zu. Langsam setzte sich der Gaul in Bewegung. Seine Hufe drückten sich tief in das weiche Erdreich. Der Pflug ruckte wieder an. Die beiden hintereinander angeordneten Pflugscharen schälten feuchte schwarze Schollen aus der Erde.

Im Westen fuhr ein langer Blitz über den Himmel. Automatisch begann Marie zu zählen: »Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig …« Drei Sekunden, ein Kilometer Entfernung. So hatte sie es in der Schule gelernt. Sie kam bis fünfzehn, ehe der Donner folgte. Runde fünf Kilometer war das Gewitter also noch entfernt. Die Bäuerin beschloss, am Ende der Furche das Pferd auszuspannen und nach Fleckenhausen zurückzukehren. Wieder schoss ein Blitz durch das dunkle Gewölk, greller und länger als der erste. Der Hengst warf seinen Kopf hoch und schnaubte aufgeregt. »Ja, ist gut, Gustav. Mir höret auf. Brrr!« Am unteren Feldrand blieb das Pferd stehen. Marie löste das Geschirr. Der Pflug konnte hier draußen bleiben. Die Zugriemen hingen lose herunter. Marie klopfte dem Kaltblüter den Hals und fuhr ihm kurz über die Nüstern. Dann fasste sie nach dem Führriemen und sagte eher leise: »Hüh, Alter!« Erst jetzt merkte sie, wie müde und zerschlagen sie war.

Wie jeden Tag war sie um fünf Uhr aufgestanden, hatte die Hühner, Enten und Gänse gefüttert, den Stall ausgemistet, ihre drei Kühe gemolken und, genauso wie das Pferd, mit Futter versorgt. Danach war sie für eine halbe Stunde ins Haus zurückgekehrt, um ein Glas warme Milch zu trinken und ein Brot, das sie dünn mit Butter bestrichen hatte, zu essen. Wie immer hatte sie dazu den Volksempfänger eingeschaltet. Sie mochte die Schlager, die da frühmorgens schon gespielt wurden. Am meisten »Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, auf jeden Dezember folgt wieder ein Mai«. An diesem Morgen hatte sie das Lied sogar leise mitgesungen und war dabei unsäglich traurig geworden. Lange hatte sie danach auf ihrem Küchenstuhl gesessen, die Hände zwischen ihre Knie gepresst, den Kopf leicht nach vorne geneigt, und die Tränen waren ihr über die Wangen gelaufen. Als eine Sondermeldung von der Front angekündigt wurde, hatte sie das Radio ausgeschaltet.

»So, wie ’s aussieht, kommet mir net trocke heim, Gustav«, sagte sie zu ihrem Pferd. Die schwarze Wolkenwand hatte sich schneller als erwartet über den Eckberg geschoben. Blitz und Donner waren immer rascher aufeinander gefolgt. Jetzt stand die giftig gelbe Kante der schwarzen Gewitterwolke direkt über ihr. Erste schwere Tropfen fielen und schlugen kleine Krater in den sandigen Weg. Ein Blitz schoss fast senkrecht vom Himmel und blendete sie. Ein gewaltiger Donnerschlag folgte fast in der gleichen Sekunde. Marie sah mit Entsetzen, wie ein Feuerball in einen freistehenden Apfelbaum einschlug, keine 100 Meter von ihr entfernt. Der Hengst bäumte sich auf, wieherte laut. Marie spürte, wie der Lederriemen ihr Handgelenk einschnürte. Im nächsten Augenblick wurde sie von den Beinen gerissen. Das Pferd raste in wilder Panik los. Das Zuggeschirr wickelte sich um ihre rechte Schulter. Ihr Kopf schlug auf dem staubigen Weg auf. Alles Schreien nützte nichts. Der schwere Kaltblüter hörte sie nicht. Gehetzt galoppierte er auf den Dorfrand zu. Marie versuchte sich aus der Verstrickung zu lösen, aber es gelang ihr nicht. Sie spürte, wie ihr Kleid zerriss, ein wilder Schmerz stach in ihre Hüften. Aber sie bemühte sich jetzt nur noch, ihren Kopf zu schützen. Nasser Sand drang in ihre Augen und in ihren Mund. Sie spürte nicht, wie der Regen als Wolkenbruch vom Himmel stürzte.

Plötzlich blieb der Kaltblüter stehen, schnaubte durch die Nüstern, drehte den Hals und schaute nach hinten, als wollte er nachsehen, ob die Bäuerin noch da war. Die hob vorsichtig den Kopf und erkannte, dass Gustav direkt vor seiner Stalltür angehalten hatte. Inge, Maries achtjährige Tochter, kam aus dem Haus gestürzt. Entsetzt schrie sie auf, als sie ihre geschundene Mutter am Boden liegen sah, noch immer in das Ledergeschirr verheddert. »Hilf mir!«, bat die Bäuerin schwach.

Ein halbe Stunde später stand Marie Häfner in ihrer Küche und betrachtete ihr Gesicht in dem kleinen Spiegel, der neben dem Spülstein hing. »Nur Schürfwunden«, sagte sie, sah an sich hinab, band die Schürze ab und hob den Saum ihres Kleides an. »Das kann ich wegschmeißen.« Ihre kleine Tochter kam herein. Sie hatte ein braunes Fläschchen und einen kleinen Pinsel in der Hand. »Was hast du denn da?«, fragte ihre Mutter.

»Erst auswaschen und dann das da draufpinseln.«

»Wer sagt das?«

»Die Schwester Gertrud.«

»Du bist bei ihr gwesen?«

»Mhm.« Inge nickte ein paarmal eifrig mit dem Kopf.

Marie zog ihr Kind an sich und umarmte es so heftig, dass das Mädchen einen Augenblick Angst bekam, keine Luft mehr zu kriegen.

Marie hatte nicht bemerkt, dass ihre Tochter sofort losgerannt war, als sie selbst sich von den Leinen befreit und wieder aufgerappelt hatte. Die Bäuerin hatte das Pferd in den Stall geführt und mit Futter versorgt, war dann die sechs Steinstufen zur Haustür hinaufgehumpelt und hatte sich im Flur völlig erschöpft und niedergeschlagen auf die zweite Stufe der Treppe gesetzt, über die es zum Schlafzimmer und zum Kinderzimmer hinaufging. Sie wusste nicht, wie lange sie dort gesessen hatte. Sie wusste auch nicht mehr, worüber sie nachgedacht hatte. Vermutlich über nichts. Sie hatte nur eine tiefe innere Leere gefühlt. Ganz langsam hatte sich ihr Atem beruhigt. Schließlich war sie aufgestanden und die paar Schritte in die geräumige Küche gegangen. Dort hatte sie sich auf einen Stuhl gesetzt.

Jetzt nahm sie ihrem Kind das braune Fläschchen aus der Hand. Auf einem gezackten weißen Etikett stand mit ungelenken Buchstaben »Jod« geschrieben. Inge musste den Unfall und die Verletzungen der Mutter drastisch geschildert haben, denn so ohne weiteres rückte die Gemeindeschwester von ihren eifersüchtig gehüteten und in den Kriegsjahren arg zusammengeschrumpften medizinischen Vorräten nichts heraus. Bei kleineren Wunden und Abschürfungen riet sie ihren Patienten, einfach drüberzupinkeln, die Gerbsäure im Urin habe eine heilsamere Wirkung als die meisten Salben und Tinkturen.

Schwester Gertrud, diese große, grobknochige Frau, war wegen ihres herrischen Wesens im Dorf gefürchtet. Hinter ihrem Rücken nannten sie die Leute »Feldwebel Gertrud«. Sie war jetzt fast 60 Jahre alt. Sonntags stand sie am Eingang zur Kirche und registrierte genau, wer zum Gottesdienst kam und wer nicht, und manch einer entschloss sich zum Kirchgang nur, weil er es sich mit der Diakonisse nicht verscherzen wollte. Jeder in Fleckenhausen konnte sich an einen Fall erinnern, in dem Schwester Gertrud ihm oder seiner Familie schon einmal in großer Not geholfen hatte. Der einzig erreichbare Arzt praktizierte im nächsten Ort und war nur schwer dazu zu bewegen, nach Fleckenhausen zu kommen. Das lag unter anderem daran, dass er nur noch selten Benzin für seinen Opel P 4 bekam. Der Treibstoff wurde an der Front gebraucht und war scharf rationiert. Immer häufiger ließ sich Dr. Hartter von seinem Nachbarn ein Pferd vor sein kastenförmiges Auto spannen, wofür er zuvor vom Schmied eine spezielle Vorrichtung hatte anfertigen und an die vordere Stoßstange anbauen lassen. Die Frontscheibe seines Opels konnte man nach vorne herunterklappen. Durch die so entstehende Öffnung führte er die Zügel. Gemütlich saß der Doktor auf dem Fahrersitz und kutschierte so zu seinen Patienten. Für ihn war das Fahrzeug genauso ein Statussymbol wie sein weißer Mantel und das Stethoskop, das er um den Hals trug. Aber nach Fleckenhausen waren es sechs Kilometer, und zudem fiel die Straße auf den letzten zwei Kilometern vor dem Dorf steil ab. Also ging es auf dem Rückweg erst einmal jäh bergauf. Für das Pferd, fand er, war das eine Zumutung. Aber nicht nur deshalb mied er das Dorf nach Möglichkeit. Er tat es auch, weil er dort unausweichlich auf Schwester Gertrud traf, die ihn in den jeweiligen Krankheitsfall einwies und ihn dabei wie einen begriffsstutzigen Schüler behandelte.

Marie heizte den Wasserkessel an, in dem sie sonst ihre Wäsche kochte. Sie kippte die Zinkbadewanne um, die neben dem Küchenbüfett senkrecht an die Wand gelehnt war. Dann erst zog sie sich aus. Inge war zum Elternschlafzimmer hinaufgestiegen und schleppte nun den Spiegel, der dort über einer kleinen Frisierkommode hing, in die Küche, damit ihre Mutter den ganzen geschundenen Körper betrachten konnte. »Dass du auch immer an alles denkst«, sagte Marie und sah das Kind voller Zärtlichkeit an.

In der Schule galt Inge Häfner als zurückgeblieben. Seit kurzem war sie in der zweiten Klasse, obwohl das in Fleckenhausen nichts zu bedeuten hatte; denn es gab hier zurzeit für alle acht Jahrgänge nur eine Klasse. Zu Friedenszeiten waren zwei Lehrer an der Schule gewesen, Albert Ebinger und Heinz Panke. Ebinger unterrichtete die Klassen fünf bis acht, Panke die ersten vier. Doch Panke war vor einem Vierteljahr zum Militär eingezogen worden, und so war der Unterricht für alle Schüler an dem älteren Lehrer hängengeblieben. Ebinger war vom Wehrdienst freigestellt, nicht weil er Lehrer war, sondern weil man ihn für ein wichtiges Parteimitglied hielt. Die führenden Nazis im Kreis Tübingen wussten um seine Popularität bei der Fleckenhausener Bevölkerung.

Wie so viele, hatte auch Albert Ebinger an die Versprechungen der Nationalsozialisten geglaubt. Inzwischen war er klüger geworden. Aber darüber redete er nicht. Die Fleckenhausener freilich ahnten es. Wenn er zum Beispiel durchs Dorf ging und eine Frau beim Holzspalten traf, pflegte er in umgänglichem Ton und ohne die Hand zu heben, zu sagen: »Ja jetzt, Heil Hitler au, Frau Scheuerle, tun Sie Holz spalte?« Niemand konnte ihm vorwerfen, den Hitlergruß nicht auszuüben, aber es klang in Gottes Namen halt wie »Grüß Gott«.

Die Fleckenhausener liebten ihren Schulmeister. Marie Häfner besonders; denn er hatte den Kindern unter Strafe verboten, Inge zu hänseln oder sich über sie lustig zu machen. Eines Tages hatte er das Klassenzimmer seines Kollegen Panke besucht, er war ja der Schulleiter und hatte von Fall zu Fall den Unterricht des wesentlich jüngeren Kollegen zu visitieren. Es sei ein Kreuz mit der Inge Häfner, hatte Panke gesagt, sie könne bis heute nicht auf zehn zählen. Ebinger hatte sich daraufhin zu dem Mädchen in die Bank gezwängt, seinen Füllfederhalter mit der roten Tinte herausgezogen und aufgeschraubt. »Das wollen wir jetzt doch mal sehen!« Er hatte ihre linke Hand in die seine genommen und dann ihre Finger einzeln berührt. Dabei hatte er den alten Kinderreim zitiert: »Das ist der Daumen. Der da«, er nahm den Zeigefinger, »schüttelt die Pflaumen. Der da«, jetzt war der Mittelfinger dran, »liest sie auf. Der da«, gemeint war der Ringfinger, »trägt sie heim. Und der Kleine isst sie ganz alleine auf.« Ein paarmal wiederholte er den Kinderreim, und Inge sprach schon bald begeistert mit. Schließlich konnte sie das Gedicht alleine. Danach hatte Ebinger mit der roten Tinte eine Eins auf den Fingernagel von Inges Daumen gemalt, auf den Zeigefinger eine Zwei, auf den Mittelfinger die Drei und so weiter. Und dann war es wie ein Wechselgesang: »Das ist der Daumen, der mit den Pflaumen und mit der …« – »Eins!«, rief Inge begeistert. – »Und der da?« – »Zwei!« Der Lehrer vergaß nicht, das Kind zu loben, sobald es wieder eine der Zahlen von eins bis fünf richtig genannt hatte. Das Ganze hatte er dann mit den Zahlen sechs bis zehn an Inges rechter Hand wiederholt, und am Ende konnte sie bis zehn zählen. Das war vor einem guten halben Jahr gewesen. Inzwischen kam die kleine Inge auch ganz gut mit dem Rechnen zurecht, grade so, als habe der Schulmeister Ebinger damals eine Tür für sie aufgestoßen.

Marie Häfner stellte den Schlafzimmerspiegel behutsam auf einen Stuhl und betrachtete ihren nackten Körper. Die Schürfwunden an den Knien und den Ellbogen schillerten rot und begannen bereits zu nässen. An den Schultern und auf den beiden Jochbeinen in ihrem Gesicht zeichneten sich die Blutergüsse ab, die bald in allen Farben leuchten würden. Marie lachte auf. »Ich seh ja gediegen aus!«

Inge saß mit angezogenen Knien auf dem uralten Sofa, das sie in die Küche rangiert hatten, als fürs Wohnzimmer die feinen Sessel und eine Couch geliefert worden waren. Inzwischen hatte die Katze Mimi hier ihr Nest. Sie bekam auf dem Sofa auch ihre Jungen. Und nur in dieser Zeit duldete das Tier die kleine Inge nicht auf dem Möbel.

Das Wasser im Waschkessel begann zu blubbern. Marie betrachtete sich weiter im Spiegel. Sie drehte sich. Auch ihr Po begann sich bunt zu verfärben, und sie stellte einen Bluterguss unter den Schulterblättern fest. Marie war schmalgewachsen und hatte lange Beine, um die sie von anderen Frauen beneidet wurde. Ihr Busen war fest und klein. Anton liebte ihre Brüste. »Mehr, als in eine Hand geht, dürftest du gar nicht haben«, sagte er oft. Marie spürte einen Stich in der Herzgegend. Wo mochte er sein? Wie harmlos war das, was sie in den letzten Stunden erlebt hatte, gegen das, was ihr Mann durchmachen musste? Entschlossen nahm sie den Deckel aus Blech vom Waschkessel, griff nach der Schapf mit dem langen Holzstiel und begann das heiße Wasser in die Zinkbadewanne zu schöpfen. Als sie zur Hälfte gefüllt war, wickelte sie den Schlauch, der zusammengerollt über dem Wasserhahn hing, ab und führte ihn zur Wanne. »Drehst du mal auf, Inge?« Das Mädchen rutschte vom Sofa, rannte zum Schüttstein und drehte den Wasserhahn auf. Immer wieder prüfte Marie mit der linken Hand die Temperatur. Schließlich rief sie: »Halt!« Inge drehte den Hahn zu und kehrte auf das Sofa zurück. Marie ließ sich in das warme Wasser gleiten.

»Gell, Mama, das hilft«, rief Inge.

»Ja, das tut gut!« Marie seufzte tief. »Jetzt werd ich ein paar Tag aussehen wie ein Regebogen, und dann ist alles wieder gut.«

Sie schloss die Augen. Wo mochte Anton jetzt sein? Kurz vor Weihnachten war er noch einmal dagewesen. Ganz verändert hatte er ausgesehen. Grau im Gesicht. Die Augen lagen tief in ihren Höhlen. Die Gesichtshaut spannte sich über seine Wangenknochen. Fremd war er ihr vorgekommen, bis er sie endlich, endlich in die Arme schloss und an sich drückte. Am ganzen Körper hatte er gezittert, und als er sie wieder losließ, sah sie, dass er weinte. Sie hatte ihn zuvor noch niemals weinen sehen.

Als er am 28. Dezember wieder ging, hatte er einen Marschbefehl an die Ostfront in der Tasche.

Und jetzt war es schon März. Marie begann leise zu singen: »Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt …«

Inge fiel ein: »Er setzet die Felder und Wiesen instand. Er pflüget den Boden …« Beide brachen gleichzeitig ab.

»Wenn bloß dein Papa wieder da wär«, sagte Marie.

17 Männer, der Jüngste 52, der Älteste 74 Jahre alt, standen in einer Reihe, der Größte ganz links, der Kleinste auf dem rechten Flügel. Jeder hatte ein Gewehr auf dem Kolben abgestellt, direkt neben dem rechten Fuß. Es war ein warmer Frühlingstag. Die Birken, die den Sportplatz auf der südlichen Seite säumten, zeigten das erste Grün. Auf der anderen Seite der Rasenfläche floss der Schaichbach in sanften Windungen talwärts. An seinem Ufer standen Weidenbüsche, an deren Zweigen grau-silberne Kätzchen im Morgentau glänzten. In der Ferne hörte man das Grollen von Geschützfeuer.

Albert Ebinger stand den Männern gegenüber. Sein Blick glitt über die Gesichter. Da war der 60-jährige Maurermeister Otto Trautwein, ein bedächtiger Mann, der noch mit 50 Jahren eine Spezialausbildung zum Baumeister abgeschlossen hatte und nun selbständig Häuser entwerfen und deren gesamte Bauleitung übernehmen durfte wie ein Architekt. Daneben Horst Kümmerle, von Beruf Bäcker und der Sänger mit dem schönsten Bariton im Gesangverein, den Albert Ebinger noch immer dirigierte und in dem es kaum noch Männerstimmen gab. Ulrich Bürkle, auch schon fast 60, war der Friedhofsgärtner. Gleich neben ihm stand Kurt Birkenhofer, der Steinmetz, von dem nahezu alle Grabsteine auf dem Fleckenhausener Friedhof stammten. Manche der Männer hatten im Ersten Weltkrieg gekämpft. Nun hielten sie wieder eine Waffe in der Hand. Sie bildeten das letzte Aufgebot, den Volkssturm.

»Lächerlich«, entfuhr es Albert Ebinger. Er sollte diese Männer in die letzte Schlacht um Deutschland führen. »Wir werden das Vaterland nicht am Eckberg verteidigen, Leute«, sagte er nun laut. »Dort drüben steht ein Leiterwagen, dort sammeln wir die Gewehre.«

»I hab’s doch gwusst, Sie sind ein vernünftiger Mann«, sagte Otto Trautwein, »trotz allem …«

Ebinger schenkte es sich zu fragen, was Trautwein mit »trotz allem« meinte. Er konnte es sich ja denken.

Die Männer machten sich mit ihren Gewehren auf den Weg zu dem Leiterwagen.

Ein Kübelwagen der Armee fuhr in hohem Tempo den Sportplatzweg herunter, eine gewaltige Staubfahne hinter sich her ziehend. Das Fahrzeug stoppte dicht vor Ebingers Füßen. Ein junger Offizier sprang heraus. Er salutierte kurz und rief dann mit einer seltsam hohen Stimme: »Ich übernehme das Kommando. In Marschformation angetreten!«

Albert Ebinger sah dem Soldaten in die Augen. Er war bestimmt nicht viel älter als 20 Jahre und hatte ein Gesicht, in das noch nichts hineingeschrieben war. »Tut mir leid, Herr Leutnant, aber wir stehen Ihnen nicht mehr zur Verfügung.«

»Was?« Die Stimme des Offiziers überschlug sich.

»Für uns ist der Krieg zu Ende!«

»Sie wissen, was das bedeutet! Ich lasse Sie am nächsten Baum aufknüpfen, Mann!«

Der Offizier griff nach seiner Pistole, die er am Gürtel trug.

»Des läscht besser!«, sagte Otto Trautwein.

Er lud sein Gewehr durch und richtete es auf den Offizier. Nacheinander hörte man das Klacken der anderen Waffen, die entsichert wurden.

»Seid ihr wahnsinnig?«, schrie der Leutnant. »Die Franzosen sind keine fünf Kilometer entfernt, und wir haben die Chance, sie zurückzuwerfen.«

»Sieh zu, Bürschle, dass du Land gewinnst!«, ließ sich der Bäckermeister Kümmerle hören.

Die Männer hatten einen Kreis gebildet und ihre Gewehre auf den Offizier gerichtet. Ein kundiger Betrachter hätte leicht erkennen können, wer von ihnen den Umgang mit der Waffe einst gelernt hatte und wer nicht. Dem jungen Leutnant genügte ein Blick, um zu erkennen, dass er hier nichts mehr ausrichten konnte. Sein Fahrer saß hinter dem Steuer des Kübelwagens und sah in den klarblauen Himmel hinauf, als ob ihn das alles nichts anginge. Noch ein paar Augenblicke zögerte der Leutnant, dann sprang er in das Fahrzeug zurück. Von dort aus schrie er: »Damit kommen Sie nicht durch. Ich komme mit Verstärkung wieder!«

»Bloß send mir dann nimmer da!«, sagte Trautwein leise.

Der Fahrer legte den ersten Gang ein und gab langsam Gas.

»Abmarsch!«, rief Albert Ebinger. Es war sein erstes Kommando an diesem Tag.

Die Franzosen waren nicht aufzuhalten, nicht durch die Panzersperre, die ein Fähnlein der Hitlerjugend quer über die Landstraße gebaut hatte, noch durch die paar Mann, die der schneidige junge Leutnant doch noch hatte auftreiben können. Drei Stunden nachdem Ebinger seinen Volkssturm nach Hause geschickt hatte, rollten die ersten Panzer in Fleckenhausen ein. Die meisten Bewohner hatten sich in den Kellern verkrochen. Auch Luise Ebinger hatte sich mit ihren drei Kindern in das tiefe Gewölbe unter dem Schulhaus geflüchtet. Nur ganz leise hörte man hier das Rasseln der Ketten und das Dröhnen der Panzermotoren. Dann war mit einem Mal alles still.

Albert Ebinger stand im Schulhof neben dem Leiterwagen, auf dem die Gewehre lagen. Seltsamerweise fühlte er keine Angst, auch nicht, als ein Soldat in brauner Uniform aus einem Jeep sprang und mit gezogener Pistole auf ihn zukam.

»Ich bin der Ortsgruppenleiter hier«, sagte der Lehrer, »und möchte Ihnen diese Waffen übergeben.«

Der Franzose lachte, winkte ein paar Männer her und befahl ihnen offensichtlich, die Gewehre wegzuschaffen. »Sehr vernünftig«, sagte er dann auf Deutsch zu Albert Ebinger.

»Sie sprechen Deutsch?«

»Ich bin Elsässer. Und Sie sind festgenommen!« Wieder lachte der Uniformierte.

»Wo bringen Sie mich hin?«

»Zu den anderen Nazis.«

»Kann ich mich noch von meiner Familie verabschieden?«

Auf Albert Ebinger wirkte die Situation völlig unnatürlich. Er und der französische Offizier unterhielten sich in einer Art Plauderton, und dabei wusste der Lehrer nur zu genau, dass es um seine Existenz ging.

»Wo ist Ihre Familie?«

Ebinger nickte zum Haus hin. »Im Keller!«

»Sie wohnen hier?«

»Ja!«

Der Blick des Franzosen ging an dem Schulhaus hinauf.

»Unten sind die Schulräume, oben ist unsere Wohnung«, erklärte Ebinger.

»Wird unser Hauptquartier. Ihre Leute müssen da raus!«

Ebinger sagte nichts darauf. Er wusste ja, dass er keine Möglichkeit hatte zu verhindern, was ab nun geschah.

Wenig später trieben zwei Soldaten mit vorgehaltenem Gewehr die Menschen aus dem Haus. Luise lief auf ihren Mann zu. Albert legte seine Hand auf ihren Arm und sagte: »Sie nehmen mich mit!«

»Wohin?«

Er zuckte die Achseln. »Sie sperren mich ein. Ich weiß noch nicht, wo.«

Der kleine Christian trat vor den französischen Offizier hin und sagte: »Das dürfen Sie nicht!«

»Christian!«, rief sein Vater mahnend.

Der Elsässer beugte sich zu dem Kind hinunter. »Doch«, sagte er, »das dürfen wir.« Er richtete sich wieder auf und fixierte Hanna, die dicht neben ihrer Mutter stand. »Das und noch viel mehr!«

»Ihr müsst aus unserer Wohnung raus«, sagte Ebinger zu seiner Frau. »Sie richten da ihr Hauptquartier ein.«

»Und wo sollen wir hin?«

Marie Häfner, die kleine Inge an der Hand, trat zu ihr und sagte: »Wenn ihr wollet, kommet zu mir. Platz isch gnueg!«

»Ich gebe Ihnen eine Stunde Zeit«, sagte der französische Offizier zu Ebinger. »Und versuchen Sie nicht, zu fliehen. Sie würden nicht weit kommen.« Er sah auf die Uhr, ehe er sich an Luise Ebinger wandte. »Um sieben Uhr beziehen wir Ihre Wohnung!«

»Habt ihr gehört, Kinder«, rief Luise Ebinger, »fangt schon mal an, einzupacken, was ihr mitnehmen wollt.«

»Los!« Hanna fasste ihre Brüder an den Händen.

Sie verschwanden im Haus. Luise und Albert Ebinger machten ein paar Schritte zur Seite und blieben dann dicht voreinander stehen. »Es wird schwer für dich werden«, sagte er.

»Ich mach mir viel mehr Sorgen um dich«, antwortete seine Frau und griff nach seinen Händen.

Ebinger schluckte. »Ich war dir nicht immer ein guter Mann …«

»Hör auf damit!«

»Es ist nur, weil …«

Sie unterbrach ihn: »Du kommst wieder!« Sie zog ihn an sich und umarmte ihn. »Es ist gut, dass der Krieg vorbei ist«, sagte sie dicht an seinem Ohr. Dann löste sie sich von ihm und sah ihm noch einmal ins Gesicht, als ob sie es sich einprägen wollte. »Los, komm, wir müssen für dich packen!«

Albert Ebinger fand sich im Tübinger Gefängnis wieder. Die Besatzungstruppen hatten einen Flügel für die politischen Häftlinge frei gemacht. Ebinger wurde in eine Zelle gebracht, in der schon elf einstige Parteigenossen untergebracht waren. Sie kannten sich alle von zahllosen Parteisitzungen, Propagandaveranstaltungen und Feierstunden. Jetzt war es wie ein Klassentreffen – absurd, völlig absurd, dachte Albert Ebinger. Er saß still in einer Ecke, die Füße dicht an den Körper gezogen. Die Zelle war höchstens für vier Menschen gedacht. Nun drängten sich hier zwölf Mann dicht zusammen, die zudem noch nie in ihrem Leben in einer auch nur annähernd vergleichbaren Situation gewesen waren.

Ebinger war mit Hallo und Schulterklopfen begrüßt worden. Aber die anfänglich seltsam aufgekratzte Stimmung hatte sich bald eingetrübt. Nur mit halbem Ohr hörte er in seiner Ecke, wie seine Mitgefangenen diskutierten.

»Man hat doch immer nur das Beste gewollt«, hörte er die Stimme eines alten Bekannten. »Also ich hab mir nichts vorzuwerfen.«

»Keiner von uns«, rief ein anderer. »Wir haben doch alle nur unserem Volk gedient.«

»Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen«, ließ sich ein dritter hören. »Ich sage euch, der Führer ist nicht tot. Eines Tages kommt er über die Pyrenäen wieder!«

Ebinger lachte so laut auf, dass alle zu ihm herüberschauten.

»Du glaubst das nicht, hä?«, rief einer.

»Mir ist mein Glaube schon länger verlorengegangen. Ich denke, wir sollten anfangen, den Tatsachen ins Auge zu sehen.«

»Welchen Tatsachen denn?«

»Allen, die wir als NSDAP-Mitglieder mit zu verantworten haben.«

»Jetzt komm du bloß nicht auch noch mit dieser Judenlüge.«

»Ruhe!«, schrie einer. »Ich will davon nichts mehr hören.«

Aber der zuletzt gesprochen hatte, ließ sich nicht drausbringen. »Konzentrationslager! Gasöfen, in denen Menschen systematisch umgebracht wurden … alles feindliche Propaganda.«

Noch einmal meldete sich Ebinger zu Wort: »Wir sollen auch in eine Art Konzentrationslager kommen, habe ich gehört. Wollen wir hoffen, dass es nicht so ein schlimmes wird wie die von der SS.«

Plötzlich herrschte Schweigen, bis einer sagte: »Solchen Defätisten wie dir sollte man das Maul stopfen.«

Das Bauernhaus der Familie Häfner lag nur gut 400 Meter vom Schulhaus entfernt. Man musste das Sträßchen an der Giebelfront des Backsteinbaus steil hinaufgehen. Nach etwa 40 Metern teilte sich der Weg. Links ging es auf die Wiesen und Felder hinaus, die sich über sanfte Hügel schwangen und erst am Waldrand endeten, der am Horizont die Landschaft säumte. Zwar trug die Gegend zwischen Tübingen, Böblingen und Steinenbronn den Namen »Schönbuch«, aber dort hinten standen nur hohe, schlanke Tannen dicht an dicht und bildeten eine grüne Mauer. Der Pfad, der in einem jähen Anstieg nach rechts abbog, führte an einem ehemaligen Steinbruch vorbei, der längst stillgelegt und weitgehend zugewuchert war, und erreichte quasi von hinten den östlichen Teil des Dorfes, wo eine steil abfallende Straße zum Dorfkern hinunterging. Hier standen auf beiden Seiten der Straße eine Reihe Bauernhäuser, die alle in einer ähnlichen Bauweise entstanden waren. Grob behauene Sandsteine bildeten einen etwa zwei Meter hohen Sockel. Über eine Steintreppe gelangte man zur Haustür im Erdgeschoss. Darüber befand sich meistens nur ein Stockwerk und darüber ein geräumiger Dachboden, hier »Bühne« genannt. Stall und Scheune waren auf der von der Straße abgewandten Seite angebaut. Dort befanden sich auch der Misthaufen und die Jauchegrube, die man hierzulande das Gülleloch nannte.

Marie Häfner sagte, sie könne Luise Ebinger ein Zimmer im ersten Stock anbieten, wo sie zusammen mit Hanna schlafen könne. Die Buben könnten sich auf der Bühne einrichten.

Viel hatten sie nicht mitgenommen. Luise Ebinger war überzeugt, dass sie jederzeit in ihre Wohnung im Schulhaus zurückkehren könne, um das eine oder andere zu holen und nach dem Rechten zu sehen. Zu Marie Häfner sagte sie: »Die Hanna und der Gerhard können dir ja beim Schaffe vielleicht a bissle zur Hand gehen. Und ich selber natürlich auch.«

»Das wär mir sicher eine große Hilfe«, erwiderte die Bauersfrau.

Gerhard und Christian richteten sich auf dem Dachboden ein. Sie waren begeistert und nannten die neue Bleibe ihr Lager. Aus Kisten und Brettern bauten sie ein Regal, über einen alten Besenstiel zogen sie eine Decke, um sich gegen den offenen Treppenaufgang abzuschotten. Da schliefen sie nun auf zwei Strohsäcken, zugedeckt mit voluminösen rot-weißen Plumeaus, die Marie noch schnell frisch bezogen hatte. Auch Hanna war früh zu Bett gegangen.

Die beiden Frauen saßen alleine in der Küche. Von ferne hörte man die Klänge eines Akkordeons und Gesänge aus rauen Männerkehlen. »Sie feiern ihren Sieg«, sagte Marie Häfner. Luise Ebinger seufzte. »In Waldenbuch sind schon die Amerikaner, und wir sind französische Besatzungszone. Die Amerikaner und die Engländer, sagt man, seien sehr freundlich, aber die Franzosen …«

»Der alte Erbfeind halt«, warf Frau Häfner ein. Plötzlich stand sie auf. »Ich hab noch ein paar Fläschle Wein, da mach ich jetzt eins auf.«

Auch als es auf Mitternacht zuging, dachte keine der Frauen daran, schlafen zu gehen. Sie waren zwar todmüde, aber von den Ereignissen des Tages so aufgewühlt, dass an Schlaf nicht zu denken war.

Luise Ebinger nippte an ihrem Weinglas. »Für dich ist es doch viel schlimmer als für mich. Wann hast du denn die letzte Nachricht von deinem Mann gekriegt?«

»Eine Feldpostkarte. Im Januar. Er ist ja im Dezember noch mal dagewesen. Aber da konnte man ihm schon ansehen, was er durchgemacht hat.«

Luise nickte. »Die, die das alles angerichtet haben, kommen glimpflicher davon!«

Überrascht sah die Bäuerin auf. »Aber dein Mann …« Sie vollendete den Satz nicht.

»Er hätte mit denen nicht mitlaufen sollen. Wenn er nur das eine Mal auf mich gehört hätte!«

»Aber er ist doch so ein gscheiter Mann!«

»Verblendet war er trotzdem. Aber da war er ja, weiß Gott, nicht der Einzige.« Luise Ebinger nahm noch einen Schluck.

Marie Häfner sah die Lehrersfrau versonnen an. »Alle haben dich damals beneidet, wie er sich in dich verliebt hat.«

»Verliebt …« Luise Ebinger seufzte. »Weißt, das hört sich schön an. Vielleicht hat’s ja auch gstimmt. Aber wenn einer seine Liebe nicht zeigen kann …«

»Wie meinst denn des?«, fragte Marie überrascht.

»Er war immer so weit weg, so, ich weiß auch nicht, wie ich sagen soll. So fremd. Ja, er – oder wir – ja, wir sind uns eigentlich immer fremd geblieben.«

»Das könnt ich jetzt von meinem Anton und mir gar net sage.«

»Also hätt ich viel mehr Grund, dich zu beneiden, Marie, als umgekehrt.«

Marie Häfner verteilte den Rest aus der Flasche auf die beiden Gläser. »Was wir für Gespräche führen an so einem Tag.«

Erst gegen ein Uhr waren die beiden Frauen ins Bett gegangen. Die Gesänge der siegreichen Soldaten waren lauter geworden und dauerten immer noch an, als Luise Ebinger endlich in einen unruhigen Schlaf fand.

Am nächsten Morgen kam Hanna grade aus der Küche zurück, wo sie sich gewaschen hatte, als Luise Ebinger aufwachte. Die Tochter trug nur ein kurzes Hemdchen. Ihre Haare waren offen und noch nicht zu Zöpfen geflochten. Luise stützte sich auf die Ellbogen auf und sah ihrer Tochter zu, wie sie sich anzog. Hanna wurde im April 15 Jahre alt. Sie war hübsch und hatte eine kräftige, gleichwohl aber sehr gut proportionierte Figur. Als der französische Kommandeur am Tag zuvor mit Blick auf das Mädchen gesagt hatte: »Wir dürfen das und sogar noch viel mehr«, war Luise zutiefst erschrocken. Bis zu diesem Augenblick hatte sie sich kaum einmal Gedanken darüber gemacht, dass ihre Hanna einmal das Ziel männlicher Wünsche, oder sollte sie sagen, männlicher Begierde werden könnte. Und gleichzeitig wurde ihr bewusst, dass sie nie mit dem Kind über all die Dinge gesprochen hatte, die auf eine junge Frau so oder so zukommen würden. Als Hanna ihre erste Regel bekam, hatte die Mutter es dabei bewenden lassen zu sagen, das sei so, wenn Frauen langsam erwachsen würden, und das werde nun alle vier Wochen passieren. Jetzt räusperte sie sich. »Hanna, ich muss etwas mit dir besprechen.«

Das Mädchen hatte begonnen, ihr Haar auf der rechten Seite in drei Strähnen zu ordnen, die sie zum Zopf flechten wollte. Über die Schulter sagte sie: »Mama, des kommt jetzt a bissle spät!«

»Du weißt doch gar net, was ich sage will.«

»Aber ich kann’s mir denke. Und alles des hat mir dem Vadder sei Bäsle längst erzählt.«

»Die Lydia?« Luise war entsetzt. Alberts Cousine galt in der Familie als schwarzes Schaf. »Eine Freidenkerin«, pflegte Luises Mann zu sagen. Aber immer, wenn er über sie sprach, klang so etwas wie Bewunderung mit.

»Was hat sie dir erzählt?«

»Halt alles, was mit unserer Sexualität zu tun hat. Ihr hent ja ein saumäßigs Geheimnis draus gmacht. Dabei ischt des doch alles nur natürlich. Auf jeden Fall, so viel ischt klar: Ich zieh meinen alten Trainingsanzug an und mach aus meine Zöpf einen Knote im Gnick. Verführerisch seh ich dann bestimmt nimmer aus.«

Luise ließ sich ins Kissen zurücksinken. Es war ja alles besprochen, ohne dass sie etwas hätte dazu sagen müssen.

Als die Franzosen einmarschiert waren, hatte Hansjörg Schmoll dem Impuls widerstanden, auf sie zuzugehen. Er hatte diesen Tag so sehnlich erwartet, und nun fühlte er eine seltsame Beklemmung. Stundenlang hatte er am Fenster gestanden und auf die Straße hinuntergeschaut. Sie führte am Fuß einer steilen Böschung, auf der sein kleines Einfamilienhaus stand, in einer Kurve ins Zentrum des Dorfs hinein. Er hatte die Panzer und die Mannschaftswagen gesehen und die ausgelassenen, siegestrunkenen französischen Soldaten. Was würde nun werden?

Schmoll, ein hagerer Mann von 61 Jahren, stand auch noch leicht gebeugt mit nach vorne hängenden Schultern am Fenster, als der letzte französische Jeep längst ins Dorf hineingefahren war. Seine Augen waren plötzlich müde. Hansjörg Schmoll war bis 1933 der Bürgermeister von Fleckenhausen gewesen. Er hatte das Dorf gut verwaltet, aber er hatte auch alle fortschrittlichen Gedanken abgelehnt. Das Bewährte bewahren, so hatte es einst auf seinen Wahlplakaten gestanden. Als die Nationalsozialisten auch in Fleckenhausen eine Ortsgruppe gründeten, hatte er zu seinen Freunden, mit denen er sich jeden Freitag zum Stammtisch im Gasthaus zur Sonne traf, gesagt: »Das ist eine vorübergehende Erscheinung.« Albert Ebinger, der damals mit am Tisch saß, hatte den Kopf geschüttelt. »Da täuschen Sie sich!« Schmoll hatte dem Lehrer, den er zu seinen guten Bekannten zählte, in die Augen geschaut und gesagt: »Herr Ebinger, Leut wie wir werden doch diesem Rattenfänger nicht nachlaufen!« Und er musste erstaunt registrieren, dass Ebinger an jenem Abend den neuen Reichskanzler Adolf Hitler vehement verteidigte. Das sei ein Mann, der wisse, was er wolle. Der werde dem Volk Arbeit und dem Vaterland wieder Ansehen in der Welt verschaffen. Schließlich dürfe man nicht vergessen, dass die Partei das Wort »sozial« im Namen trage. Erstaunt registrierte der Bürgermeister damals, dass die Mehrheit am Stammtisch dem Lehrer recht gab. Aber dass Albert Ebinger schon wenige Wochen nach diesem Abend selbst das Parteiabzeichen am Revers seiner Jacke trug, hatte Hansjörg Schmoll doch überrascht und erschüttert.

Erster Ortsgruppenleiter der NSDAP wurde Egbert Zeiler, ein damals 50-jähriger Mann, der nicht aus Fleckenhausen stammte, sondern erst 1925 zugezogen war. Er war im Krieg 1914/18 zum Hauptmann der Reichswehr aufgestiegen und hatte im Zivilleben als selbständiger Handelsvertreter nie richtig Fuß gefasst. Seine Versuche, in einem der Fleckenhausener Vereine eine wichtige Rolle zu spielen, waren gescheitert. Es war ihm auch nicht gelungen, Mitglied der Stammtischrunde im Gasthaus zur Sonne zu werden. Den Einheimischen war der laute Mann, der mit Vorliebe über seine Heldentaten im Krieg redete, immer fremd geblieben. Seine Frau hatte sich von ihm getrennt, als er sich den Nazis anschloss. Man munkelte, sie sei Kommunistin gewesen und nach der Scheidung nach Russland gegangen. Jedenfalls hatte man nie wieder etwas von ihr gehört.

Am 14. September 1933 war der Ortsgruppenleiter Zeiler, begleitet von vier Parteigenossen in SA-Uniform, ins Dienstzimmer des Bürgermeisters gestürmt und hatte ihm in schneidigem Ton erklärt, die neue Zeit habe nun auch das Dorf Fleckenhausen erreicht. »Ab sofort übernehme ich im Auftrag des Führers Adolf Hitler die Führung der Gemeinde.« Schmoll könne weiter Bürgermeister bleiben, habe aber nach den Anweisungen des Ortsgruppenleiters zu handeln. Schmoll war daraufhin aufgestanden, hatte Zeiler kurz gemustert, dann die Männer des Kommandos angesehen. Keiner hielt dem Blick des Bürgermeisters stand. Da Schmoll mit der Machtübernahme durch die Nazis gerechnet hatte, waren seine persönlichen Sachen längst gepackt. Mit einem melancholischen Lächeln wendete er sich an die beiden jüngsten SA-Männer, die er kannte, seitdem ihre Eltern deren Namen auf dem Standesamt, das er selbst mit verwaltete, hatten eintragen lassen: »Wenn ihr mir bitte helfen würdet, Wilfried und Helmut!« Er zeigte auf zwei Kisten, die neben seinem Schreibtisch standen.

»Aber erst, wenn ich alles überprüft habe«, bellte Zeiler.

Schmoll hatte nur mit den Achseln gezuckt und zugeschaut, wie der neue Herr über sein Dorf die Kartons durchstöberte. Alles, was ihn bei den Nazis hätte kompromittieren können, hatte der Bürgermeister längst nach Hause gebracht.

»In Ordnung«, sagte der Ortsgruppenleiter schließlich. Die jungen Männer waren froh, etwas zu tun zu haben, und schafften die Kisten hinaus. Schmoll blieb unter der Tür stehen und blickte zu seinem Schreibtisch zurück, hinter dem Zeiler bereits mit breit ausgestellten Knien Platz genommen hatte.

»Hier wird eines Tages wieder ein frei gewählter Bürgermeister sitzen«, sagte Hansjörg Schmoll leise. »Gebe Gott, dass es nicht zu lange dauert!«

»Ja, ja. Schon gut«, antwortete der neue Herr über Fleckenhausen ungeduldig. »Machen Sie, dass Sie rauskommen! Und denken Sie daran, dass wir alles, was sich gegen den Führer und unsere Partei richtet, gnadenlos verfolgen.«

»Ja, damit rechne ich«, sagte Schmoll und verließ das Rathaus. Die jungen Parteigenossen hatten die Kisten auf einen Handwagen geladen. Ihnen war sichtlich nicht wohl, als sie zusahen, wie der Bürgermeister nach der Deichsel griff und den Wagen hinter sich her ziehend die Störrenstraße hinunterging, ohne sich noch einmal umzusehen.

An der Ecke zur Schulstraße, die demnächst in Adolf-Hitler-Straße umbenannt werden sollte, begegnete Schmoll dem Lehrer Albert Ebinger. Beide blieben gleichzeitig stehen. Sie sahen sich ein paar Augenblicke schweigend an, bis Schmoll mit einem bitteren Lächeln sagte: »Das war’s jetzt, Herr Ebinger!«

Der Schulleiter schluckte. »Tut mir leid!«

Schmoll nickte. »Das glaub ich Ihnen sogar.«

»Und es ist nicht rechtmäßig«, sagte Ebinger, nachdem er sich sichernd umgesehen hatte. »Die Partei hat keine Weisungsbefugnis gegenüber der bürgerlichen Gemeinde.«

»Ganz recht. Und sagen Sie mir jetzt auch noch, wie ich mich wehren kann.«

Albert Ebinger biss sich auf die Unterlippe. »Sie waren halt von Anfang an nicht kooperativ, Herr Schmoll!«

»Ich habe die Weisungen des Ortsgruppenleiters nicht befolgt – meinen Sie das? Und jetzt hat die Partei Neuwahlen angesetzt und auch schon bestimmt, wer dann mein Nachfolger wird.« Ein bitteres Lächeln flog über Schmolls Gesicht. »Ihr seid mir schöne Demokraten!« Damit zog er sein Wägelchen weiter.

Die Männer in den langen grauen Ledermänteln, die an einem kalten Februarmorgen 1935 sehr früh am Morgen vor Hansjörg Schmolls Häuschen aus einem schwarzen Mercedes stiegen, hatte er sofort richtig eingeordnet. »Geheime Staatspolizei«, stellten sie sich vor. Die Ausweise, die sie ihm unter die Nase hielten, sah er gar nicht an. »Bitte kommen Sie doch herein!«

Der größere der beiden lachte gallig auf. »Wir brauchen Ihre Einladung nicht!« Er schob Schmoll zur Seite und ging an ihm vorbei ins Wohnzimmer. »Sie leben alleine?«

»Meine Frau ist vor zwei Jahren gestorben. Geht das nicht aus Ihren Akten hervor?«

»Was in unseren Akten steht, geht Sie einen Scheißdreck an. Beantworten Sie nur meine Fragen, ja?!«

Der zweite Gestapomann stand nun vor dem Bücherregal. »Sieh sich das einer an, was der Mann so liest. Tucholsky, Heine, Ossietzky. Dass der sich nicht schämt. Des send doch alles Jude, oder?«

»Sie sollen unseren Führer einen Rattenfänger genannt haben«, sagte jetzt der andere.

Schmoll zündete sich eine Zigarette an. »Daran kann ich mich nicht erinnern.«

»Aber andere können sich sehr genau erinnern!« Der Gestapomann stellte sich dicht vor Schmoll, der ihn freilich fast um einen Kopf überragte. »Am 21. Januar haben Sie das im Gasthaus zur Sonne gesagt. Laut und deutlich. So dass es jeder hören konnte.«

»Und Marx – Karl Marx!«, schrie der vor dem Bücherregal herüber. »Ischt des net seller Oberkommunischt?! Gleich drei Bände!«

»Das ist also Ihre Lektüre? Das kommt Sie teuer zu stehen!«, sagte der Mann, der immer noch breitbeinig dicht vor Schmoll stand.

»Was heutzutage alles ein Vergehen ist.« Schmoll schüttelte verständnislos den Kopf.

»Werden Sie bloß nicht auch noch frech! Los! Sie kommen mit!«

»Wohin?«

»Das werden Sie ja dann sehen. Ein Vergnügungsausflug wird es jedenfalls nicht.«

Sie hatten grade das Haus verlassen und gingen auf den schwarzen Mercedes zu, als Albert Ebinger völlig außer Atem auf seinem Fahrrad den schmalen Weg von der Straße heraufstrampelte. Er sprang ab und verstellte den drei Männern den Weg.

»Augenblick!«

»Ich kenn Sie doch«, sagte der größere der beiden Gestapomänner.

»Ja sicher, Parteigenosse. Sie waren bei meiner letzten Rednerschulung dabei. Albert Ebinger, mein Name. Hier in Fleckenhausen habe ich die Ortsgruppe mit aufgebaut und bin der stellvertretende Ortsgruppenleiter.«

»Angenehm«, sagte der Gestapomann.

»Was werfen Sie Herrn Schmoll vor?«

»Ich glaube nicht, dass ich mit Ihnen darüber reden muss.«

»Das sollten Sie aber, wenn Sie nicht einen schweren Fehler machen wollen«, sagte Ebinger scharf. »Erst gestern habe ich noch mit Gauleiter Murr gesprochen …«

Beim Namen des Gauleiters schlug der Gestapomann unwillkürlich die Hacken zusammen.

»Also, was werfen Sie ihm vor?«

»Er hat unseren Führer einen Rattenfänger genannt.«

»Wann soll er den Führer so bezeichnet haben? Etwa im Februar im Gasthaus Sonne?«

»Genau!«

Ebinger lachte auf. »Da kann man mal sehen, wie die Dinge manchmal verdreht werden.«

»Wieso?«

»Das war ich!«

»Wie bitte?«

»Ich habe an jenem Abend erzählt, beim letzten Sängerfest habe ein Mann gesagt, Hitler sei ein Rattenfänger, und ich hätte ihm dafür eigenhändig ins Gesicht geschlagen. Und ich kann mich erinnern, dass das alle an dem Stammtisch gut gefunden haben. Man muss mit Denunziationen vorsichtig sein, Volksgenossen. Manchmal nützen Menschen die Tatsache, dass wir Nationalsozialisten an der Macht sind, nur, um anderen zu schaden. Und genau das darf nicht passieren. Fragen Sie unseren Ortsgruppenleiter Zeiler, wie kooperativ Herr Schmoll war, als wir die Leitung im Rathaus übernommen haben.«

»Und was ist mit den Büchern?«, fragte der andere Gestapomann. »In dem seiner Bibliothek wimmelt es nur so von nationalfeindlichem und jüdischem Dreck!«

»Die Bücher könnten Sie bei mir auch finden. Man muss doch wissen, wie der Feind denkt. Aber natürlich werden wir uns sukzessive von diesen Schmökern trennen, nicht wahr, Herr Schmoll?«

Der ehemalige Bürgermeister, dem es buchstäblich die Sprache verschlagen hatte, nickte nur.

»Also, meine Herren, Sie müssen den Herrn Schmoll jetzt nicht mitnehmen. Ich übernehme die Verantwortung dafür. Wie Sie wissen, gehöre ich neuerdings zu den Gaupropagandarednern und verdanke dieser Tatsache auch einen gewissen Einfluss.«

Die Gestapomänner wechselten einen Blick und nickten dann zustimmend.

Als der schwarze Mercedes ohne ihn davonfuhr, sagte Schmoll mit belegter Stimme: »Danke, Herr Ebinger!«

»Schon recht. Aber passen Sie in Zukunft auf, was Sie sagen.«

»Wer hat denen das wohl gesteckt?«, fragte Schmoll.

»Die Zeiten ändern sich und mit den Zeiten die Leut«, gab Ebinger zurück und setzte sich wieder auf sein Fahrrad.

»Woher haben Sie gewusst, dass die bei mir sind?«

»Der Bäcker Kümmerle hat’s gesehen und seinen Buben zu mir gschickt.« Ebinger setzte seinen Fuß aufs rechte Pedal, aber Schmoll hielt ihn noch einmal auf. »Und Sie haben wirklich mit dem Gauleiter gesprochen?«

»Ach was. Ich kenn den nur ganz flüchtig. Aber meinen Sie, die fragen bei ihm nach?«

Schmoll lachte, wurde aber gleich wieder ernst. »Herr Ebinger! Was wird aus unserem Land?«

»Alles wird gut, Herr Schmoll! Ich hab Vertrauen zu unserer Führung. Der Hitler zieht den Karren aus dem Dreck, glauben Sie mir!« Die ersten paar Meter trat Ebinger stehend in die Pedale. Schmoll sah ihm nachdenklich hinterher. »Da glaubt der womöglich wirklich dran?«, sagte er leise.

Hansjörg Schmoll verhielt sich von da an vorsichtig, aber nicht immer gelang es ihm, seine Abneigung, später seinen abgrundtiefen Hass gegen die Nazis zu verbergen. Und über die ganze Zeit der Schreckensherrschaft hatte er das Gefühl, beschützt zu werden.

Gleich nach Beginn des Zweiten Weltkrieges war der Ortsgruppenleiter Zeiler zur Wehrmacht eingezogen worden, und Albert Ebinger rückte in dessen Position auf. Schmoll und Ebinger gingen sich, wann immer dies möglich war, aus dem Weg. Wenn sie sich dennoch sahen, was in so einem Dorf ja nicht immer zu vermeiden war, blieben sie höflich distanziert.

Hansjörg Schmoll trat vom Fenster zurück, ging in die Küche und schmierte sich ein Butterbrot. Was würden die neuen Herren mit Ebinger machen? Und wie sollte es im Dorf weitergehen? Einen Augenblick lang spielte er mit dem Gedanken, den Kontakt zu dem französischen Kommandanten aufzunehmen und seine Dienste anzubieten. Was seit seiner Zeit als Bürgermeister auf dem Rathaus geschehen war, hatte er stets aufmerksam verfolgt. Und er hatte gesehen, wie dilettantisch die Verwaltung des Dorfes gewesen war. Andererseits: Alles war von der Kreisleitung oder dem Gauleiter vorgegeben. Der Ortsgruppenleiter führte im Grunde nur die Befehle von oben aus, und der Parteigenosse, der zuletzt als Bürgermeister fungierte, war nur seine Marionette. Auch begabtere Menschen hätten unter diesen Umständen nichts Eigenes gestalten können.

Aber Schmoll war zu müde, um etwas zu unternehmen. Er hatte sich in seinem neuen Leben eingerichtet. Nach seinem Rauswurf aus dem Rathaus hatte er sich als Imker durchgebracht. Inzwischen besaß er über 80 Bienenvölker, die er im Frühjahr an den Waldrändern des Schönbuchs, einige auch tief im Gehölz stationierte. Der Honig ließ sich gut verkaufen. Zudem verfügte er über einen großen Garten, in dem er Gemüse und Kartoffeln anpflanzte. Er und seine Frau hatten nie viel zum Leben gebraucht, und seitdem Elisabeth tot war, lebte Hansjörg Schmoll noch bescheidener. Es gab Tage, da vergaß er das Essen. Aber es gab auch Abende, an denen er eine Flasche Rotwein entkorkte, in einer oder zwei Stunden leer trank und sofort eine zweite öffnete, die er meist auch noch schaffte. Dann lief er ruhelos in seinem Häuschen auf und ab und hielt wild gestikulierend laute Reden. Er beschrieb seinen nicht vorhandenen Zuhörern, wie das Nazisystem in sich zusammenbrechen werde, wie Männer wie er neu anpacken und das Land wieder aufbauen würden, nachdem die Schuldigen ihrer gerechten Strafe zugeführt worden waren. Er hatte Glück gehabt, dass ihn dabei niemand belauscht hatte.

Luise Ebinger hatte bei ihrem überhasteten Auszug aus ihrer Wohnung manches vergessen, was für das tägliche Leben notwendig war. Und nicht immer konnte Marie Häfner aushelfen. Also ging die Frau des Lehrers eines Tages mit einem Merkzettel, auf dem sie alles aufgeschrieben hatte, was sie aus ihrer Wohnung holen wollte, ins Schulhaus. Sie stieg mit festen Schritten die rechte der beiden Steintreppen hinauf, die von zwei Seiten zur großen Eingangstür des Gebäudes führten. Eigentlich hatte sie erwartet, dass eine Wache davor stünde, aber sie konnte ungehindert eintreten. Im Erdgeschoss befanden sich die beiden Klassenzimmer, in denen jetzt Soldaten auf Feldbetten herumlungerten und Karten spielten. Was die Franzosen hinter ihr her riefen, verstand sie nicht. Sie öffnete die Tür zum Treppenhaus, über das man zur Wohnung des Schulleiters hinaufgelangte: Elf Stufen, dann der Treppenabsatz mit den beiden Fenstern zum Garten hinter dem Haus und noch einmal elf Stufen, dann stand sie vor der Wohnungstür, die ab Hüfthöhe aus matten Glasfenstern bestand. Die Tür war nur angelehnt. Luise Ebinger stieß sie auf, trat in den langen Flur, überquerte ihn und öffnete die Tür zum Wohnzimmer. An dem Tisch, an dem sie und ihre Familie zu essen pflegten, beugten sich zwei Offiziere über eine Karte und parlierten laut. Sie verstand nur die Worte »Schönbuch«, »Tübingen« und »Kilometer«. Letzteres sprachen die Männer »Kilometre« aus. Sie bemerkten Frau Ebinger erst, als sie laut und mit fester Stimme »Grüßgott!« sagte.

Überrascht hoben die Soldaten die Köpfe. »Ah, Madame«, sagte der Mann, der sie vor zwei Wochen aus dem Haus gewiesen hatte. Sie wollte erklären, dass sie nur ein paar Sachen holen wolle, aber da fiel ihr Blick durch die Tür zu ihrer Linken in ihr eheliches Schlafzimmer. Dort lag ein Soldat in voller Uniform, die Stiefel an den Füßen, auf ihrem Bett und rauchte. Wütend stürmte sie hinein. »Ja, des gibt’s doch net! Du Saukerle, gehst du sofort aus meim Bett raus! Liegt da mit de Stiefel drin. Ja, gibt’s denn so was? Hascht du überhaupt koi Kinderschtub? Raus, han i gsagt! Raus aus meinem Bett, und zwar a bissle dalli, ja?!« Und mit jedem Wort wurde ihre Stimme lauter. Die große, kräftige Frau hatte ihre Fäuste in die Hüften gestemmt und blitzte den Mann in ihrem Bett aus ihren blauen Augen böse an.

Der sprang unwillkürlich hoch, schlug die Hacken zusammen und sagte: »Egale Bismarck!«

»Egal? Gar nix ischt egal. Und was hat des überhaupt mit Bismarck zu tun?«

Der Kommandant trat neben sie, in seinem elsässischen Tonfall sagte er: »Egale heißt auf Deutsch ›wie‹. Er will damit sagen, Sie wirken auf ihn wie Bismarck.«

»Hauptsach, er wälzt sich net in unsere Ehebette rom!«

»Das wird er nicht mehr tun, Madame! – Was wollen Sie eigentlich hier?«

Luise hielt dem Offizier ihren Zettel unter die Nase und bemühte sich nun, hochdeutsch zu reden. »Ich brauche Unterwäsche, Geschirr, Zudecken und sonst noch so einiges.«

Der Kommandant machte eine einladende Geste. »Bedienen Sie sich!«

Marie Häfner war einigermaßen überrascht, als ein Jeep vor ihrem Haus vorfuhr. Neben dem Fahrer saß Luise Ebinger, hinter ihr ein weiterer Soldat, der ihr beim Ausladen half und ihre Sachen ins Haus trug.

Auf der anderen Straßenseite fegte Kathrin Lubinger ihre Haustreppe mit einem Reisigbesen. Sie hielt inne und starrte herüber. Als der Fahrer den Motor des Jeeps abgestellt hatte, rief sie: »Ja, jetzt wird’s Tag! Fährt die Frau Ortsgruppenleiter scho wieder mit dem eigenen Chauffeur vor?!«

Hinter ihr erschien ihr Sohn Hans, ein dicklicher zwölfjähriger Junge. »Mama, was ist denn?«

»Wir habet nie einen Chauffeur gehabt. Für was auch? Schließlich hent mr ja au koi Auto ghet!«, gab Luise zurück.