Beschreibung

Die Heimatkinder verkörpern einen neuen Romantypus, der seinesgleichen sucht. Zugleich Liebesroman, Heimatroman, Familienroman – geschildert auf eine bezaubernde, herzerfrischende Weise, wie wir alle sie schon immer ersehnt haben. Wer vor den stattlichen Ruperti-Hof am Hohen Peißenberg trat, konnte weit über das hügelige Land sehen und sich an dem Ausblick erfreuen. Verharrte Afra, die fünfundzwanzigjährige Tochter des Ruperti-Bauern, einmal in ihrer Arbeit und schaute in die Ferne, dann trat Sehnsucht in ihren Blick. Zu gern hätte sie mehr von dem weiten Land gesehen, aber sie war hier oben angebunden. Seitdem sie vor einigen Jahren die Mutter verloren hatte, war ihr Vater von Tag zu Tag härter geworden. Wohl schaffte er mit seinen zweiundsechzig Jahren noch mit, aber die meiste Arbeit lud er auf seine Tochter ab. Zu ihr hatte er nie ein gutes Verhältnis gehabt, weil er es nicht verwinden konnte, dass sie kein Sohn war. Er lästerte oft darüber, dass nun eine Tochter das Erbe würde antreten müssen, wenn er einmal nicht mehr war. Jeden anderen Bergbauern beneidete er, der einen männlichen Nachkommen hatte.

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Heimatkinder –40–

Das Stadtkind und die Bauerntochter

Roman von Ute Amber

Wer vor den stattlichen Ruperti-Hof am Hohen Peißenberg trat, konnte weit über das hügelige Land sehen und sich an dem Ausblick erfreuen. Verharrte Afra, die fünfundzwanzigjährige Tochter des Ruperti-Bauern, einmal in ihrer Arbeit und schaute in die Ferne, dann trat Sehnsucht in ihren Blick. Zu gern hätte sie mehr von dem weiten Land gesehen, aber sie war hier oben angebunden. Seitdem sie vor einigen Jahren die Mutter verloren hatte, war ihr Vater von Tag zu Tag härter geworden. Wohl schaffte er mit seinen zweiundsechzig Jahren noch mit, aber die meiste Arbeit lud er auf seine Tochter ab. Zu ihr hatte er nie ein gutes Verhältnis gehabt, weil er es nicht verwinden konnte, dass sie kein Sohn war. Er lästerte oft darüber, dass nun eine Tochter das Erbe würde antreten müssen, wenn er einmal nicht mehr war. Jeden anderen Bergbauern beneidete er, der einen männlichen Nachkommen hatte.

Die hübsche und tüchtige Afra litt darunter. Sie vermisste die Liebe des Vaters. Die einzigen Menschen, mit denen sie reden konnte, waren die Großmagd Lena und der Großknecht Hias, zwei Dienstleute, die schon lange auf dem Ruperti-Hof schafften. Ihnen tat Afra leid. Auch deswegen, weil ihr die viele Arbeit noch keine Zeit gelassen hatte, die Liebe kennenzulernen. Weiter als zu Einkäufen hinunter ins Tal kam sie nicht. Blieb sie etwas länger aus, zeterte Lorenz Ruperti, der Vater, schon. Wollte sie einmal zum Tanzen gehen, verbot er es ihr. Selten gab es Freude in Afras Leben. Trotzdem war sie nicht verbittert, alle anderen hatten sie gern und sahen sie als den guten Geist des Ruperti-Hofes an. Nur der Vater wollte das nicht anerkennen. Von ihm bekam sie immer wieder zu hören: »Was bist du schon? Nur ein Mädchen.«

Während des letzten Winters war es besonders schwierig gewesen, mit dem Bauern auszukommen, sodass Afra froh war, als sie wieder draußen arbeiten und dem Vater aus dem Weg gehen konnte. Sie schaffte etwas abseits vom Hof und merkte dadurch nicht, dass Besuch ins Haus gekommen war.

Der Vater aber hatte den stämmige jungen Burschen schon gesehen, als er den steilen Weg heraufgestiegen war. Er kannte den Mann nicht. Trotzdem ging er ihm bis an die Haustür entgegen und fragte etwas unwirsch: »Haben Sie sich vielleicht verlaufen?«

Der schwarzhaarige Mann mit dem vollen, wilden Bart lachte. »Nein, Ruperti-Bauer, ich habe mich nicht verlaufen. Genau hierher wollte ich. Sie sind doch der Bauer?«

»Und ob ich der bin!« Lorenz Ruperti warf sich in die Brust. Vor Fremden rückte er gern damit heraus, wem der große Hof gehört. »Und wer sind Sie?«

»Ich heiße Adam Lerchauer und komme aus Füssen. Dieser Ort und der Name Lerchauer müssten Ihnen eigentlich etwas sagen.«

»Ich wüsste nicht, was …« Jetzt aber stockte Lorenz Ruperti doch und fuhr zögernd fort: »Ja, in Füssen war ich einmal eine Zeit, aber das ist schon lange her.«

»Etwas mehr als zweiunddreißig Jahre, ich weiß.« Adam Lerchauer lachte ein wenig anzüglich, dann fragte er: »Können wir nicht ins Haus gehen? Da spricht es sich besser, und was ich Ihnen zu sagen habe, braucht zunächst außer uns niemand zu hören.«

»Also gut, kommen Sie herein.« Der Ruperti-Bauer stapfte voraus in die große Wohnstube. Dort zeigte er auf einen Sessel. »Wenn Sie schon da sind, setzen Sie sich, aber reden Sie nicht mehr lange um den heißen Brei herum. Ich habe es nicht gern, wenn einer nicht gleich sagt, was er von mir will.«

Adam Lerchauer setzte sich. Dabei schaute er sich in der Wohnstube um. Auch hier verriet alles nur zu deutlich, wie wohlhabend der Bauer war.

»Dann mach ich’s eben so kurz, wie Sie es wollen.« Adam richtete sich auf. »Ich bin Ihr Sohn, Ruperti-Bauer.«

Lorenz Ruperti, der sonst nicht so schnell aus der Fassung zu bringen war, sprang auf, kaum dass er sich gesetzt hatte. Dann lachte er schallend und schlug sich mit den flachen Händen auf die Oberschenkel. »Ja, gibt’s so was auch?«, schrie er laut. »Dass da ein Fremder ankommt und behauptet, er sei mein Sohn? Bei Ihnen stimmt’s wohl im Oberstübchen nicht ganz?«

»Doch, ganz und gar.« Adam war die Ruhe selbst. »Setzen Sie sich wieder hin und hören Sie mir zu. An Füssen haben Sie sich eben erinnert, an den Namen Lerchauer nicht?« Er beugte sich vor. »War das wirklich nur ein Gspusi mit der Lerchauer-Anna, das man später so schnell wie möglich vergisst?«

Lorenz Ruperti hatte sich wieder gesetzt. Er strich sich über die Stirn und fragte: »Die Lerchauer-Anna? Ja, jetzt dämmert es mir. War ein dralles Dirndl, nicht zu verachten, aber zur Ruperti-Bäuerin passte sie nicht. Was soll’s nun mit ihr? Ich wärme nicht gern alte Geschichten auf.«

»Aber ich muss es tun«, sagte Adam, »weil ich es meiner Mutter auf dem Sterbebett versprochen habe. Sie war die Lerchauer-Anna, die Frau, an die Sie sich kaum noch erinnern. Sie hat nicht geheiratet, und nie hat sie mir verraten, wer mein Vater ist. Daraus hat sie immer ein großes Geheimnis gemacht, sosehr ich sie auch bedrängt habe. Ein Sohn will ja schließlich wissen, wer sein Vater ist, woher er eigentlich stammt. Doch der Mund meiner Mutter blieb bis zu ihrer letzten Stunde verschlossen. Da endlich hat sie es mir anvertraut.« Adam beugte sich vor. »Ja, Ruperti-Bauer, das mit meiner Mutter war eben doch nicht nur ein Gspusi, sie war schwanger von Ihnen, als Sie Füssen verließen.«

Lorenz Rupertis Atem kam keuchend aus der Brust. »Und das soll wahr sein? Ich hätte einen Sohn …«

Da stand Adam auf und beugte sich zu dem älteren Mann. »Du hast ihn, Vater. Hier steht er vor dir. Das weißt du auch, dass auf dem Sterbebett niemand lügt. Meine Mutter konnte mir noch sagen, dass ich mich dir zu erkennen geben soll.«

»Und da bist du.« Lorenz Ruperti rang nach Luft, sein Gesicht war rot angelaufen. »Da habe ich mich nun so lange Zeit gegrämt, dass ich keinen Sohn habe, und nun … Nein, nein, es ist nicht zu fassen, jetzt steht er vor mir, ein stämmiger Mann. Was hast du bis jetzt getan, Adam?«

Adam war wieder zu seinem Sessel zurückgegangen. »Ich musste mich immer wieder als Knecht verdingen, um auch meine Mutter unterstützen zu können, die seit Langem kränkelte.« Er zuckte mit den Schultern. »Von Anfang an war sie zu stolz, um den reichen Ruperti-Bauern, der sie vergessen hatte, um Unterhalt zu bitten.«

»Mein Sohn als Knecht.« Lorenz Ruperti seufzte, dann aber glitt ein Leuchten über sein Gesicht. Worunter er immer gelitten hatte, keinen Sohn zu haben, das war nun vorbei. »Natürlich bleibst du auf dem Hof. Ich schäme mich nicht, eine Sünde einzugestehen, wenn daraus ein so stattliches und sicher tüchtiges Mannsbild geworden ist. Ich brauche einen jüngeren Mann auf dem Hof, und ich werde deiner Halbschwester Afra beibringen, dass sie hier nun nicht mehr das große Sagen haben wird. Wenn ihr euch versteht, soll es mir recht sein.«

Er dachte keinen Augenblick daran, dass Adam nicht die Wahrheit sagen mochte. Jahrelang hatte er sich einen Sohn gewünscht, nun war dieser Wunsch in Erfüllung gegangen – wozu sollte er da noch an der Sache zweifeln und vielleicht gar noch eine Untersuchung oder aber eine Legitimation von Adam fordern? Er war sein Sohn – und damit war die Sache für ihn klar!

»Ich bleibe gern, Vater«, sagte Adam, »wenn ich dir eine Hilfe sein kann. Meine Ansprüche sind nicht groß.«

Lorenz Ruperti hörte den höhnischen Unterton nicht. Dazu war er viel zu aufgeregt. Er fühlte plötzlich eine diebische Freude in sich aufsteigen. Nun würde er nicht mehr hinter den anderen Bergbauern zurückstehen müssen, die ihn oft geneckt hatten, dass er nur eine Tochter gezeugt hatte. Und Afra sollte es zu spüren bekommen, dass ein anderer die erste Geige auf dem Hof spielte. Dieser Adam gefiel ihm, er war gewiss so, wie er sich immer einen Sohn gewünscht hatte. »Du wirst dich hier nicht zu bescheiden brauchen, Adam«, sagte er. »Ich werde dich in alle deine Rechte als Sohn einsetzen.« Er rieb sich die Hände. »Ist das ein Tag heute, so schön, wie noch keiner hier droben war. Natürlich bleibst du gleich bei uns. Die paar Sachen, die du haben wirst, kannst du vergessen. Wir hier brauchen nicht zu knausern, du kannst dir unten im Tal alles kaufen, was du brauchst. Die Frühjahrsbestellung hat eben angefangen, du bist gerade zur rechten Zeit gekommen. Auf diesen Tag müssen wir einen Enzian trinken.« Der Bauer stand auf, ging an einen Schrank und kam mit einer großen Flasche und zwei Gläsern zurück. Als er eingoss, lachte er fast hämisch. »Ja, das versteht die Afra bestens, den Enzian anzusetzen, aber sonst … Ach was, reden wir nicht drüber. Du wirst sie ja bald kennenlernen. Ein schönes Dirndl ist sie, aber zur Bäuerin hier oben hätte sie nie getaugt. Nein, da musste ein Mann her, und diesen Wunsch hat mir unser Herrgott nun erfüllt.« Er stieß mit Adam an. »Auf dass wir gut miteinander auskommen und du mich nicht enttäuschst, mein Sohn.«

»Du wirst über mich nicht klagen können, Vater. Ich kann tüchtig zugreifen, und ich werde den Hof auf Schwung bringen. An Ideen fehlt es mir nie. Bergbauern dürfen in unserer Zeit nicht einfallslos sein.«

»Das sage ich auch.« Lorenz Ruperti füllte die Gläser zum zweiten Mal. »Gut, du kannst zupacken, aber vergiss auch nicht, dass es jetzt vorbei sein muss mit dem kleinen vaterlosen Adam Lerchauer. Du bist zukünftiger Ruperti-Bauer. Alle sollen das merken. Wir Rupertis dürfen stolz sein, jeder soll auch vor dir seinen Hut ziehen, wie es bei mir der Fall ist.« Er trat ans Fenster. »Aha, da kommt Afra. Die wird Augen machen. Sieh sie dir an, sieht sie aus wie die zukünftige Ruperti-Bäuerin? Nein, sie kommt wie eine Magd daher, verschwitzt und abgerackert.« Es schien ihm völlig entfallen zu sein, dass er selbst Afra immer antrieb, als sei sie auf dem Hof eine Magd.

Adam kniff die Augen zusammen. Für schöne Mädchen hatte er viel übrig, und diese Afra mit dem vollen dunkelblonden Haar, dem schmalen Gesicht und der schlanken Figur war gewiss ein schönes Mädchen. Er grinste in sich hinein, als er dachte: Aber sie ist jetzt deine Halbschwester, also Hände weg von ihr, dafür aber alles tun, um sie hier auszustechen. Der Boden war günstig dafür. Offenbar hatte sich der Bauer stets einen Sohn gewünscht, und so stand er deswegen schon jetzt auf seiner, Adams’ Seite. Besser hätte er es hier nicht antreffen können.

Es verging noch eine Weile, bis Afra die Wohnstube betrat. Ahnungslos sah sie den fremden Menschen an.

Ihr Vater ließ keine Zeit verstreichen. »Ja, da staunst du, Afra, was? Ich habe Besuch bekommen. Den liebsten, den es für mich geben konnte.« Er ging zu Adam und schlug ihm auf die Schulter. »Das ist dein Halbbruder Adam – mein Sohn, von dem ich leider bis jetzt nichts wusste.«

Afra konnte ihr Erschrecken nicht verbergen. »Mein Halbbruder, dein Sohn?«, fragte sie und setzte dann hinzu: »Du machst einen Scherz mit mir, Vater, aber mir soll es recht sein, wenn du gute Laune hast. Ich wollte dir nur sagen, dass das Winterkorn keinen Schaden genommen hat. Hias meint auch, dass es gut gedeihen wird. Morgen können wir damit anfangen, den Hafer zu säen …«

»Halt!«, rief der Vater, »davon will ich jetzt nichts hören, und in Zukunft wird sich Adam um das alles kümmern. Nun werde ich die Zügel etwas lockerer lassen können. Hinter dir, Hias und dem Gesinde musste ich ja immer her sein. Adam hat mir schon versprochen, dass er den Hof auf Schwung bringen wird. Nun schau nicht mehr so ungläubig und misstrauisch drein! Es stimmt, dass Adam als mein Sohn bei uns bleiben wird.«

»Also doch dein Sohn …«, sagte Afra. »Wie kommt das auf einmal?«

Der Ruperti-Bauer grinste. »Wie es eben manchmal so geht in jugendlichen Jahren. Ein Mann verliebt sich in ein Mädchen, die beiden können nicht voneinander lassen, und dann gibt es Zuwachs.«

»Und davon wusstest du nichts, Vater?«, fragte Afra.

»Nein, aber das ist nicht verwunderlich, wenn die Mutter stolz genug ist, ihr Kind allein aufzuziehen. Anna Lerchauer, Adams Mutter, war eben so. Eigentlich sollte ich ihr deshalb böse sein, dass sie mir meinen Sohn so lange vorenthalten hat. Deine Mutter hätte sich gefügt, denn das alles war ja lange vor unserer Hochzeit. Wie anders sähe es hier aus, um wie vieles schöner wären die letzten Jahre gewesen, hätte Adam schon bei uns sein können, statt anderswo als Knecht arbeiten zu müssen. Nun gebt euch schon die Hand, ihr werdet miteinander auskommen müssen.«

Afra streckte noch immer nicht die Hand aus, da griff Adam schon danach und sagte: »Du wirst über mich nicht zu klagen haben, Afra. Im Gegenteil, ich werde dir eine große Hilfe sein. Sieh mich nicht als Eindringling an. Das täte mir nämlich weh.«

»Ich werde mir Mühe geben.« Das war kaum zu verstehen, so leise sprach sie. Dann ging sie schnell hinaus.

Lorenz Ruperti lachte hämisch. »Das passt ihr natürlich nicht, dass ab sofort nicht nur ich hier bestimme, sondern auch du, Adam.«

»Es wird ihr nur zu plötzlich gekommen sein«, meinte Adam, und das hörte sich verständnisvoll an. Dann bat er: »Zeige mir alles, Vater, die Wirtschaftsgebäude, und wenn es geht, auch etwas von den Feldern am Hang. Ich freue mich, alles zu sehen und kennenzulernen.« Er lächelte. »Schließlich will ich dir ja von nun an zur Seite stehen.«

Die beiden Männer gingen hinaus.

*

Von der Küche aus sahen ihnen die alte Großmagd Lena und Afra nach. Auch Lena war fassungslos, nachdem Afra ihr alles erzählt hatte.

»Und das will ein ausgewachsener, gescheiter Mann sein, unser Bauer?«, zeterte sie. »Irgendeiner kommt daher, stellt sich als Sohn vor und wird mit offenen Armen aufgenommen. So etwas muss man doch nachprüfen. Dieser Adam kann ja ein Gauner sein.«