Heißer Schnee - Uwe Ackermann - E-Book

Heißer Schnee E-Book

Uwe Ackermann

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Beschreibung

In einer Höhe von annähernd 6.000 Meter befindet sich der Krater des Kibo. Dort, am Kilimandscharomassiv, entbrennt ein Kampf zwischen den Nordmännern und dem Sonnenkönig. Die 17-jährige Talida gerät zwischen die Fronten der Magier. Als sie bemerkt, dass ihre Familie der Grund dafür ist, muss sie sich für eine Seite entscheiden. Ihr bleibt nicht viel Zeit, denn die magischen Kämpfe werden sie nicht verschonen. Folgt sie dem Sonnenkönig oder schließt sie sich den Nordvölkern an?Nur wenn sie sich richtig entscheidet, wird sie ihre Familie retten können!

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Uwe Ackermann

Heißer Schnee

Fantasy

Die Personen und Handlungen in diesem Buch sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und

nicht beabsichtigt.

Heißer SchneeUwe Ackermann

Copyright © 2016 Axiomy Verlag

Bielatalstraße 14, 01824 Königstein

Umschlaggestaltung: © at Axiomy Verlag

Satz: at Axiomy Verlag

Druck: WIRmachenDRUCK GmbH

ISBN Print: 978-3-945618-65-3

ISBN eBook (epub): 978-3-945618-66-0

ISBN eBook (pdf): 978-3-945618-67-7

Urheberrechtlich geschütztes Material

www.axiomy-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Titel

Über den Autor

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Außerdem:

Uwe Ackermannwurde 1966 in Köln geboren und lebt dort auch heute noch in einem kleinen südlichen Stadtteil.

Die Freude am Schreiben manifestierte sich bereits in Jugendtagen, als er regelmäßig Tagebuch schrieb. Nach mehreren veröffentlichten Kurzgeschichten und seinem Thriller „Der blaue Stab“ ist „Heißer Schnee“ sein zweiter eigenständiger Roman.

Mehr Informationen über den Autor finden Sie unter:

www.uwe-ackermann.de

Prolog

Bereits von hoch oben nahm sie die flimmernde Hitze über der ausgedehnten Ebene wahr.

Eine karge Landschaft breitete sich vor ihr aus, soweit das Auge blickte. Vereinzelt erkannte sie Bäume mit großen, wuchtigen Kronen. Ansonsten wuchsen nur bodennahe Büsche und Gräser zwischen Unmengen von Sand und Gestein. Eine Herde Elefanten trabte durch die trockene Steppe und wirbelte Mengen von Staub auf, während Giraffen in aller Ruhe ihre Köpfe in die Äste eines Baumes steckten, um nach Essbarem zu suchen. Zugleich spendete er ihnen etwas Schatten, denn wenn es irgendwo auf der Welt heiß war, dann hier!

Ihr Ziel lag in der Nähe des Äquators und bald wechselte die unendliche rötlich-braune Weite in ein dichtes Grün. Unter ihr lag der afrikanische Regenwald. Ihre Schwingen verdrängten, hoch oben am Himmel, noch angenehm kühle Luft, aber ihr war bewusst, dass sich dies bald ändern würde. Die Eule setzte zum Sinkflug an. Viele tausende Flugkilometer lagen hinter ihr. In Kürze wartete der wichtigste Teil ihrer Reise auf sie. Zweifel waren jetzt nicht mehr angebracht. Sie würde ihr Vorhaben entschlossen umsetzten und dem Feind etwas äußerst Wichtiges entreißen, damit das Gleichgewicht wieder hergestellt werden konnte. Obwohl sie die lange Reise geschwächt hatte, würde sie nochmals all ihre Konzentration benötigen, damit sie ihr Vorhaben erfolgreich umsetzen konnte.

Endlich machte sie ihr eigentliches Ziel aus und das mobilisierte neue Kräfte in ihr. Nun ging sie in den Sturzflug über. Währenddessen gönnte sie ihren weißen Schwingen für einen kurzen Moment eine letzte Erholungspause. Sie ahnte, dass sie deren Energie in wenigen Minuten unbedingt benötigte, damit ihr Plan gelang. Danach würde sie sich verstecken müssen und erst einmal abwarten. Sobald sich die Wogen geglättet hatten, würde sie die Rückreise in den Norden antreten können. Auf welchem Weg dies geschah, das stand noch in den Sternen.

Unter ihr breitete sich ein riesiges Gebirge aus. Wäre ihr Gesicht menschlicher Natur gewesen, hätte man darauf ein kurzes Lächeln erkannt. Doch schon bald hätte man einen erschrockenen Ausdruck darauf ausgemacht. Als sich das mächtige Gletschermassiv vor ihr entfaltete, erschrak sie. Es war nur noch spärlich mit einer Schneemütze bedeckt.

Aus der Vogelperspektive mutete die Szenerie wahrlich surreal an. Mitten in der weiten, trockenen Wüstenlandschaft erhob sich ein Gebirge mit gigantischen Ausmaßen. So, als hätte ein Riese genau dort einen großen Stein abgelegt und sich davon gemacht.

Die Eule wusste aus alten Erzählungen davon und so war sie auf diesen Anblick zumindest annähernd vorbereitet gewesen. Die Wirklichkeit setzte den Berichten und Vorstellungen dann aber noch eine Krone auf. Erstaunt erkannte sie, dass das, worauf sie nun zuflog, noch viel größer und imposanter war, als sie es sich in ihren kühnsten Träumen ausgemalt hatte.

Die höchste Erhebung des Kilimandscharomassivs war der Berg Kibo, mit einer Höhe von 5.895 Metern. Bei ihm handelte sich um einen Vulkan, dessen Außenkrater bis zu 2.400 Metern Durchmesser maß. Von hier oben sah es so aus, als würde man in ein offenes Maul fallen.

Um die Geschwindigkeit etwas zu drosseln, breitete die Eule ihre mächtigen Schwingen aus und verlangsamte damit abrupt ihren Fall. Ihr scharfer Blick wanderte über den Kraterrand. Mächtige Steilwände und etliches, dunkles Lavagestein kleideten ihn von der Spitze bis in die Tiefe aus. Schaute sie über den Rand hinweg, entdeckte sie ein tiefer liegendes Plateau, welches mit Eis und Schnee überzogen war. Sah sie auch daran vorbei, machte sie an den unterenHängen eine üppige Regenwaldvegetation aus, während im Flachland wieder Staub und Steine vorherrschten. Die Savanne.

Dann aber wandte sie ihren Blick wieder dem Berg zu und ließ sich dabei leise, wie ein Spion, durch die Luftmassen gleiten. Sie flog die Spitze des Gipfels an, die die Einheimischen Uhuru Peak nannten.

Mit ihrer goldgelben Iris scannte sie die Umgebung des Massivs ab. Das dichte Gefieder ihrer Schwingen verlangsamte ihren Flug schnell und zielgenau. Schon bald war sie auf Höhe des Kraterrands angelangt. Der innere Kern des Vulkans wies hier etwa 800 Meter Durchmesser und 200 Meter Tiefe auf. Das, was sie dann entdeckte, ließ sie kurz stutzen. Mehrmals schloss sie die Lider, um ihren Blick zu schärfen. Sobald sie diese öffnete, hoffte sie darauf, dass ihr der lange Flug und die Erschöpfung einen Streich spielten. Zu ihrem Erstaunen war dies nicht der Fall. Ein großflächiges Gebilde überspannte den kompletten Krater und reflektierte das Sonnenlicht so stark, dass sie ihre Augenlider verengen musste. Zuerst konnte sie sich dieses Phänomen nicht erklären, da die Sonne zu diesem Zeitpunkt hinter ihr am Himmel stand. Als sie in Betracht zog, dass sie vermutlich eine Pause benötigte, da sie wohl halluzinierte, entschlüsselte ihr Gehirn das Rätsel. Ein imaginärer, transparenter Boden spannte sich zwischen den Felswänden, der zudem eine enorme Hitze abstrahlte. Mit ausgebreiteten Flügeln glitt sie geräuschlos durch die kalten Luftmassen und beäugte neugierig diese bläulich leuchtende Fläche. So etwas hatte sie noch nie zuvor gesehen, aber sie ahnte, wozu dieser Schutzschild diente. Er verhinderte, dass weder jemand in die Tiefe der riesigen Öffnung eindringen, noch jemand daraus aufsteigen konnte. Je länger sich die Eule dieses gigantische Werk anschaute, desto schmerzhafter stachen ihr die reflektierenden Strahlen in die Augen. Und je näher sie dieser unwirklichen Ebene kam, desto unangenehmer erwärmte die Hitze ihren Körper. Selbst bis tief in das Innere erwärmte sich die Luft enorm. Nach dem Prinzip einer Lupe,bündelte diese eigenartige Fläche das Licht und ließ seit Jahren die Eisschicht im Inneren des Vulkans schmelzen. Diese Hülle musste unbedingtdeaktiviert werden. Hier hatte der Feind ganze Arbeit geleistet. Ihn galt es, zu finden. Er war das Ziel.

Der Herrscher der Savanne. Der Sonnenkönig!

***

Auf dem Gipfel des Kibo, wie auf vielen anderen Vulkanen, herrschten seit Jahrtausenden die Nordmänner. Sie kühlten die Vulkane von innen heraus aus und ließen die Gletscher zu Eiswüsten werden. Über diese eisigen Kanäle im Inneren der Erde gelang es ihnen, überallhin vorzudringen - auf jeden Kontinent. Doch seit einigen Jahren nahm der Eispanzer auf dem höchsten Berg Afrikas immer weiter ab. Der Krater erwärmte sich mehr und mehr und drängte das Eis zurück. Die Verbindung war unterbrochen. Angst machte sich im Norden breit. Eilig wurden Verteidigungswälle aufgebaut, da man sekündlich einen Angriff des Sonnenkönigs erwartete. Die Herrscher des Nordens schickten in den vergangenen Jahren viele Mutige bis zum Äquator aus, um aktuelle Informationen zu erhalten. Die meisten Späher kamen ohne Erfolgsmeldungen zurück, manche blieben gar vermisst und man sprach hinter vorgehaltener Hand über ihren möglichen Tod. In den Gassen von Polar, der Hauptstadt der Nordvölker, tuschelte man über einen bevorstehenden Krieg der Temperaturen. Ein gütiger Ausgang schien nicht möglich, da die Anführer seit Jahrzehnten nicht mehr miteinander sprachen, geschweige denn, verhandelten. So kam es, dass jede Seite die Schutzschilde massiv ausbaute, um im Angriffsfalle bereit zu sein. Nein, es ging hier nicht um die weltliche Herrschaft. Es ging nicht um den Kampf Land gegen Land oder Mensch gegen Mensch. Nicht um einen Kampf mit herkömmlichen Waffen. Nein, hier ging es darum, die Macht der Magie auszuspielen und die Welt entweder mit einem Eispanzer zu überziehen oder sie in eine heiße Wüstenlandschaft zu verwandeln.

***

Die Polareule segelte den Kraterrand oberhalb des flimmernden Deckels entlang, bis sie eine Öffnung in der Steilwand ausmachte. Sofort hielt sie darauf zu. Es wurde mit jeder Sekunde heißer. Obwohl sie der transparente Boden interessierte, richtete sie den Blick nur auf das Loch in der Felswand. Mit angelegten Flügeln schoss sie darauf zu und je näher sie ihm kam, desto eindeutiger erkannte sie die Umrisse eines Wesens. Es saß mit geradem Rücken hinter einer Schale und bewachte das Heiligste, was der Sonnenkönig besaß. Es waren nur noch wenige Meter bis zum großen runden Loch in der Wand. Es handelte sich bei dem Wesen um eine Löwin, die am Eingang der Höhle hockte, während ihr starrer Blick auf die Schale gerichtet war.

Die Hitze setzte dem Gefieder der Eule mächtig zu und so entschied sie sich, schnell zu handeln. Fast senkrecht stürzte sie auf die Schale zu. Der heiße Wind surrte an ihrem Körper vorüber. Geräuschlos jagte sie heran, bremste kurz ab, fuhr ihre federbedeckten Krallen aus und fasste beherzt nach dem glühenden Sonnenstrahl. Glücksgefühle breiteten sich in ihr aus. Doch im gleichen Moment packte sie die Panik. Sie war schnell. Zu schnell, um eine scharfe Kurve zu fliegen, ohne ihre Beute zu verlieren.

Die Löwin, die die Schale bewachte, hatte zunächst nichts bemerkt. Doch kurz nachdem der erste Windstoß sie erreichte, erwachte sie.

Aufgrund ihrer enormen Geschwindigkeit und dem hohen Risiko, den Strahl zu verlieren, entschied sich die Polareule für eine Flucht in den Höhlengang. Unter großer Anstrengung gelang ihr ein waghalsiges Manöver. Um Haaresbreite wich sie der nahenden Felswand aus, ohne sie auch nur mit einer einzigen Feder zu streifen. Mit beschleunigtem Puls jagte die Eule durch einen engen, mit Fackeln beleuchteten Gang, der endlos zu verlaufen schien.

Ihre Augen gewöhnten sich recht schnell an die neuen Lichtverhältnisse, als hinter ihr das ohrenbetäubende Brüllen der Löwin die massiven Wände erschütterte. Der mächtige Vogel dreht seinen Kopf im Flug nach hinten und erkannte, dass die Löwin die Verfolgung aufgenommen hatte. Sie sah furchterregend groß aus. Mit gefletschten Zähnen sprang sie wütend hinter ihr her. Auch sie war schnell und die Lautstärke, mit der sie ihr Ziel verfolgte, war markerschütternd. Trotz erhöhtem Flügelschlag gelang es ihr nicht, den Abstand zu erhöhen. Endlich erreichte die Schnee-Eule einen größeren Raum. In der Mitte stand ein kolossaler Steinblock in Form eines Kegels, um den ein Weg herum führte. Zu beiden Seiten ging jeweils ein weiterer Gang ab. Die Eule jedoch jagte senkrecht nach oben, bis unter die Decke, vollführte eine elegante Wende und schoss auf den Gang zu, aus dem sie gekommen war.

Nur mit viel Glück, und einem weiteren geschickten Flugmanöver, verhinderte sie einen Zusammenprall mit der wütenden Löwin, die sie mit einem Sprung aufhalten wollte. Weiterhin hielt sie den heißen Sonnenstrahl fest zwischen ihren Krallen. Würde sie nicht verfolgt werden, hätte sie ihn längst losgelassen. Er brannte sich regelrecht in ihre Hornhaut. Nur der Luftzug verhinderte ein Übergreifen des feurigen Strahls auf ihr Federkleid. Wüsste sie es nicht besser, die Eule hätte schwören können, dass die Löwin Feuer gespuckt hatte.

Während die Krateröffnung wieder in ihr Sichtfeld kam, hörte sie nun eine ganze Gruppe brüllender Löwinnen hinter sich herhasten. Oder bildete sie sich das alles ein? Die Hitze machte sie fast bewusstlos, aber sie konnte jetzt nicht aufgeben, denn sie hatte ein Ziel. Sie kämpfte für das Gleichgewicht der Mächte. Sie kämpfte für ihr Volk und auch für sich selbst.

Endlich hatte sie den Ausgang der Höhle erreicht. Mit atemberaubender Geschwindigkeit jagte sie aus der Öffnung und gewann sogleich an Höhe. Mit kräftigen Flügelschlägen schoss sie empor, hinauf zur Kraterspitze.

Ein letzter Blick zurück brachte ihr Genugtuung. Der magische Schild über dem Kraterloch verlor an Stabilität und Kraft.

Dann hatte sie die Kuppe endlich überflogen und hörte das Brüllen der Löwin nur noch aus der Ferne.

1

„Wie hast Du mich gefunden?“, brummte der Höhlenbewohner. An seiner dünnen, brüchigen Aussprache konnte man hören, dass lange keine Worteüber seine Lippen gekommen waren. Hier, tief in einer Höhle unterhalb des Gletschers, befand sich sein Versteck. Ein schmaler und niedriger Gang führte hinunter, und je näher man dem Raum kam, in dem er saß, desto kälter wurde es. Draußen waren sogar einige Schneeflocken gefallen, obwohl über ihm der Himmel blau war und die Sonne ihr Reich verteidigte.

Der große, hagere Mann, der sich gebückt bis in die tiefe Höhle vorgekämpft hatte, schnaufte ein wenig, bevor er sich neben den Eisbären setzte, vorsichtig seinen weißen Beutel vom Rücken nahm und ihn zwischen seine Beine ablegte. Den eigentümlichen braunen Stock, der in der Mitte mit etwas Papierähnlichem umwickelt war, legte er ebenso behutsam auf dem gefrorenen Boden ab.

„Schön kalt hast du es hier!“, erwiderte er, ohne auf die eigentliche Frage zu antworten. Dabei rang er sich ein aufgesetztes Lächeln ab, welches der Eisbär offenbar nicht wahrnahm. Auch diese Feststellung blieb unkommentiert. Der Eisbär schaute weiterhin starr und regungslos auf die nahe, vereiste Wand.

„Wir konnten nicht früher kommen! Du weißt warum, oder?“, sprach der Neuankömmling betont ruhig, mit der Absicht, es nicht wie eine Frage klingen zu lassen.

Der Eisbär war alt. Sein Fell längst nicht mehr so strahlend weiß wie früher. Viele Gedanken schwirrten ihm durch den Kopf. Er war einst der Kundschafter der nordischen Völker gewesen, der aufgrund seiner Erfolge diese ehrenvolle Aufgabe erhielt. Doch die war ihm zum Verhängnis geworden. Er hatte sich einen Namen gemacht, als er im Alleingang den unterirdischen Weg zum isländischen Vulkan Hvannadalshnúkur grub und ihn mit Eis auslegte. Viele seiner Landsleute nutzten genau diesen Weg und begannen, den Vulkan mit einem großen Gletscher zu belegen. Jahrzehnte herrschten dort Eisstürme und ein polares Klima. Die Menschen wurden zurückgedrängt und der Schneekönig konnte sein Revier dadurch erheblich vergrößern. Aus Dankbarkeit verliehen ihm die Herrscher des Nordens den Status des Eisheiligen und die einst größtmögliche Magie.Im Anschluss daran wurde er als Missionar nach Afrika geschickt. Tatsächlich schaffte er es, den Zugang zum Kilimandscharomassiv zu finden und seinen höchsten Berg, den Kibo, mit einem Eiszauber zu belegen. Durch eine dumme Unaufmerksamkeit wurde er entdeckt und beim Kampf mit dem mächtigen Sonnenkönig schwer verletzt. Man sperrte ihn ein, doch mit einer letzten waghalsigen Aktion gelang ihm die Flucht. In der Hoffnung, unerkannt über den Krater zurück in den Norden zu kommen, grub er einen Gang in den Gletscher. Doch völlig kraftlos musste er seinen Plan aufgeben und so wurde diese Höhle zu seinem Gefängnis. Ein Zauber schützte ihn davor, aufgespürt zu werden, aber um den Rückzug anzutreten, war er zu arg verletzt und zu sehr geschwächt.

Von da an übernahm der Sonnenkönig wieder die Kontrolle über den Kibo, den er mit einem zusätzlichen Abwehrzauber vor den Eindringlingen aus dem Norden sicherte.

***

„Hallo, Eisheiliger! Träumst du? Erzähle mir doch, was geschehen ist“, meinte der ausgezehrte Mann ungeduldig und durchbrach damit die Gedanken und den starren Blick des Eisbären. Obwohl er saß, war er riesig. An seiner Sitzhaltung erkannte man, dass er alt war. Zumindest schien er sich nicht oft zu bewegen.

Endlich wandte dieser ihm seinen mächtigen Kopf zu. Langsam. Sehr langsam, und der Mann erkannte, dass es dem Eisbären schwer fiel. In jedem Augenblick erwartete er ein fürchterliches Knacken seiner Knochen, aber es war etwas anderes, was ihm die Luft nahm. Er erkannte, warum die Magie des Eisbären erloschen war. Erschrocken blickte er auf die zerfurchte rechte Gesichtshälfte des Bären. Auf dieser Seite fehlten dem Eisheiligen das Auge und große Teile des Fells. Dort gab es nur noch eine unebene, vernarbte Hautpartie, wobei auch die Nase stark in Mitleidenschaft gezogen war.

Der hagere Mann hielt seinem Blick nicht stand und senkte seinen Kopf wie ein Unterwürfiger.

„Warum bist du hier, Engur?“, fragte der Eisheilige, dieses Mal mit fester Stimme, so, als hätte er sie vorher nur verstellt.

„Ach, du kennst noch meinen Namen, Eisheiliger?“, fragte Engur erstaunt. Er erinnerte sich langsam. Er war noch ein kleiner Junge gewesen, als der Eisbär einmal bei seiner Familie zu Besuch war. Einst hatte ihn sein Vater nach dem Essen auf sein Zimmer geschickt, worüber er sehr enttäuscht gewesen war, denn schon damals spürte er die Magie, die von diesem Bären ausging.

„Natürlich, Engur. Ich kann mich an alles erinnern, was ich erlebt habe. Auch an den Besuch bei euch zu Hause.“ Der Eisbär senkte seinen Kopf. Er räusperte sich, bevor er weitersprach. Obwohl es hier in dem engen Raum angenehm kühl für beide war, wurde es Engur schlagartig warm. Er wusste genau, worauf der Eisheilige nun zu sprechen kam. Unbewusst ballte er seine Fäuste, und auch seine Wangenknochen traten hervor.

Kerzengerade saß der Eisbär da und es sah so aus, als ob er sich auf einen Angriff vorbereitete. Seine Muskeln waren angespannt und seine Zähne mahlten aufeinander. Dann hob er eine seiner Tatzen an und bedeutete Engur, sich zu beruhigen. „Ich weiß, dass dein Bruder vor Jahren ebenfalls in die Fänge des Sonnenkönigs geriet und wir seit dem nichts mehr von ihm gehört haben. Ich weiß auch, dass deine Mutter vor Gram starb, weil sie sich die Schuld gab, ihn fortgelassen zu haben.“ Erneut legte der Eisbär eine Pause ein. Nun beobachtete er Engur. Er war neugierig darauf, wie Engur auf diese Informationen reagierte.

Engur starrte jedoch nur an die nahe Wand, wie es vorher der Eisheilige getan hatte. Dabei hob und senkte sich sein Brustkorb heftig, da ihm Bilder der Vergangenheit durch sein Unterbewusstsein schossen, die er schon seit einiger Zeit zu verdrängen versuchte.

„Ich stelle mir die Frage, warum man dich geschickt hat? Sollst du mich ablösen, weil meine Magie versagt hat oder bist du hier, weil du auf Rache schwörst?“

Nach seinen letzten gesprochenen Worten herrschte gespenstische Stille in dem eisigen Raum.

Engurs Augen, die sich, während der Eisheilige sprach, stark verengt hatten, waren nun wieder weit geöffnet. Er wandte seinen Kopf zum Eisheiligen hin und schaute ihm dabei tief in sein verbliebenes Auge. „Nein, ich bin hier, weil ich das Gleichgewicht herstellen muss. Der Sonnenkönig darf diesen Zugang nicht übernehmen, denn wir haben keinen anderen Weg, um nach Afrika zu gelangen. Der Gletscher ist bereits über die Hälfte geschrumpft!“ Seine Worte waren vorwurfsvoll formuliert und mit der gewissen Schärfe ausgesprochen, die dem Gesprächspartner das Gefühl vermittelte, dass er daran nicht unbeteiligt war.

Als der Eisbär die Stimme erheben wollte, hob Engur seine Hand. „Ich bin noch nicht fertig“, meinte er mit zittriger Stimme, wobei er seinen Kopf senkte und seinen Blick auf den Beutel, der immer noch zwischen seinen Beinen lag, richtete.

Obwohl man an einem Eisbärengesicht keine Regungen ablesen konnte, erkannte man in dem verbliebenen Auge sofort eine gewisse Unruhe. Der Blick des Eisbären wanderte ebenfalls auf den Beutel und er beobachtete argwöhnisch, wie Engur ihn langsam öffnete. Erschrocken zuckte er zurück. Fast fiel er gar auf den Rücken, denn sofort war der Raum taghell erleuchtet und eine enorme Hitze breitete sich aus.

„Mach den Beutel zu“, brüllte der Eisheilige und hielt sich dabei eine seiner Tatzen vor das Auge.

Obwohl Engur ihm sofort gehorchte, hatte sich über ihnen sogleich eine Regenwolke gebildet. Beide waren im Nu durchnässt. Erst, als der Eisheilige seine Pfote zur Decke hob und einen Spruch fluchte, gefroren die Tropfen sofort zu Eis. Im Handumdrehen bildete sich eine neue Eisschicht an der Decke, von der nun gefährlich spitze Eiszapfen herab ragten. Die restlichen Tropfen, die noch in der Luft hingen, verharrten an gleicher Stelle, als hätte sie jemand dort festgeklebt. Wütend und unter großen Mühen erhob sich der Eisheilige und schüttelte sein nasses Fell.

Da stand er nun, der mächtige Magier, in den sie so große Hoffnungen gesteckt hatten. Alt und gebrechlich sah er aus. Aber das waren nur die äußerlichen Zeichen des Verfalls, dachte Engur. Der Geist des Eisheiligen schien vollkommen in Takt zu sein. Engur, der immer noch bis auf die Knochen durchnässt war, wusste bei dem Anblick, der sich ihm bot, dass er mit einem Weisen sprach. Es war die besondere Aura, die den Eisheiligen von allen anderen unterschied, die er kannte. Trotz all seiner Verletzungen nötigte er seinem Gegenüber Respekt ab.

„Du hast es tatsächlich geschafft, dem Sonnenkönig eine seiner Strahlen zu stehlen?“, stellte der Eisheilige fest.

Engur meinte, in seinen Worten einen leicht überraschten Unterton herausgehört zu haben und nickte mit einem stolzen Lächeln. In dem Auge des Eisheiligen funkelte allerdings keine Begeisterung. Als das auch Engur bemerkte, gefror sein Lächeln so schnell, wie es gekommen war.

„Er wird dich suchen und vernichten, Engur. Wir sind hier in seinem Reich und du kannst mit dem Strahl nirgendwo hingehen, ohne dass er es mitbekommt.“ Der Eisheilige schüttelte mitleidig seinen mächtigen Kopf und biss dann blitzschnell einen vor ihm hängenden Eiszapfen von der Decke, wobei Engur erstmals seine spitzen Zähne zu Gesicht bekam. Danach wandte er seinen Kopf zu Engur hinüber und neigte sich nach vorne, so dass sie sich Nase an Nase gegenüber standen. Mit einem lauten Krachen zersplitterte der Eiszapfen zwischen seinen Zähnen.

Engur flogen die Eissplitter um die Ohren. Erschrocken wich er zurück und schaute den Eisheiligen mit großen Augen an.

„Er wird dich zerfleischen oder in Flammen aufgehen lassen, wenn er dich zu fassen bekommt. Und glaube mir, das wird er“, zischte er ihm leise zu.

Engur stand der Mund offen. Dann rappelte er sich auf und rieb sein Gesicht, so gut es ging, mit einem Ärmel trocken, fasste mit beiden Händen nach dem weißen Beutel, dem man von außen nicht ansah, dass er einen heißen Sonnenstrahl enthielt.

Der Eisheilige senkte seinen Kopf, atmete tief durch und setzte sich wieder. „Du willst den Beutel bei mir lassen, stimmt`s?“

Engur nickte und sah den Eisbären erwartungsvoll an. Seine Hoffnung schwand jedoch schnell, als er in seine geweitete Pupille sah.

„Damit habe ich nichts zu tun, Engur. Nimm den Strahl wieder mit und gib ihn dem Sonnenkönig zurück. Nur so entkommst du ihm und seinem Gefolge. Ich werde mich da nicht einmischen, denn ich weiß, wie er ist, wenn er verärgert ist. Und glaube mir, das möchtest du nicht erleben!“, erklärte ihm der Eisheilige, nun wieder mit der gleichen brüchigen Stimme, wie zu Beginn.

Engur schloss seine Augen kurz und atmete tief ein. Es war einen Versuch wert gewesen, dachte er sich. Mit einem mächtigen Eisheiligen an der Seite hätte er eindeutig bessere Chancen gehabt, aber er akzeptierte seine Entscheidung und dachte keine weitere Sekunde daran, ihn umzustimmen. Er, der einst stark und mächtig war, war nur noch ein gebrochener, alter, weiser Eisbär, den er nicht anflehen wollte.

So wandte sich Engur enttäuscht zum Ausgang, nicht, ohne sich vorher mit einer höflichen Verbeugung von dem Eisheiligen zu verabschieden. Dann machte er sich mit wackeligen Beinen auf den Weg zur Oberfläche. Auf, in einen magischen Kampf.

2

Dort, wo die üppige Vegetation einsetzte, mitten im tropischen Urwald, der die tieferen Hänge des Kilimandscharomassivs umgab, hatten mutige Menschen vor Jahrzehnten eine Hütte und dann, in den folgenden Jahren, ein Holzhaus errichtet. In einer Höhe von annähernd 2.700 Metern war das ein gewagtes Unterfangen, welches nur mit sehr viel Anstrengung, Hingabe und Durchhaltewillen zu bewerkstelligen gewesen war.

In dieser Höhe war das Klima gemäßigt, denn man befand sich in der Nähe des Äquators. Der tropische Regenwald galt als der zweitgrößte nach dem Amazonasbecken und führte von der Ostküste, mit den Ländern Kamerun, Gabun und Demokratische Republik Kongo, bis zum Victoria- und Civusee. Die grüne Lunge Afrikas reichte weiter über Uganda und Ruanda bis nach Tansania in Ostafrika. Der Regenwald zeigte sich hier von seiner schönsten Seite. Überall staunte man über diese uralten Bäume, die mit langen Farnen behangen waren. Durch die hohen Baumkronen hüpften vereinzelt Affen. Hin und wieder sah man sie über Lianen von Baum zu Baum schwingen. Ein permanentes Grundrauschen lag in der Luft. Den Strahlen der Sonne gelang es kaum, den moosigen Boden zu erreichen. So war es in dieser Region meist angenehm feucht und kühl.

Im Jahr 1850 wurde dieses Holzhaus von Grund auf neu gebaut und diente in den folgenden Jahren einer Mission als Heim. Später bekam es eine zweite Etage und so hatte man genug Platz, um sich auch um unzählige Waisenkinder zu kümmern. Insgesamt wurden Räumlichkeiten für bis zu 25 Jungen und Mädchen geschaffen, die in den neuen Zimmern recht komfortabel untergebracht werden konnten. Das Haus wurde sogar einige Jahre von Abgesandten des Sultans von Oman geführt, bevor die Deutsche Ostafrika Gesellschaft das Gebäude 1885 übernahm und in eine Villa für den Gouverneur Karl von Hauff umwandelte.

***

„Bring die Suppe in den Salon, aber verschütte nicht wieder die Hälfte“, mahnte sie der Deutsche, Diensthabende R. Doggermann, den hier im Haus, hinter vorgehaltener Hand, alle nur Dogge nannten.

Mit zittrigen Fingern nahm Talida den Unterteller von der Anrichte und balancierte die Suppe mit einer Hand bis vor die großen Salontüren, die man zu beiden Seiten aufdrücken konnte. Dies war eine der vielen neuen Dinge, die die Deutschen beim Umbau in dieses Haus integriert hatten.

Mit der Hand, die sie beim Laufen und Servieren hinter dem Rücken halten musste, klopfte sie an und wartete darauf, dass man sie herein bat.

Seit dem die Deutschen Tansania zu kolonisieren versuchten, war für die 17-jährige Talida ein neues Leben angebrochen. Nicht, dass sie eine wesentlich bessere Stellung bekleidete, nein, sie hatte vielmehr als eine der wenigen Bediensteten das Glück, von den Deutschen nicht vor die Tür gesetzt worden zu sein. Der Gouverneur hatte sich bei der Übernahme des Hauses alle Insassen angeschaut und nur eine Handvoll von ihnen in den Dienst übernommen. An diesen entscheidenden Moment erinnerte sie sich sehr gut. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als er sie mit seinen blauen Augen fixierte. Dann zeigte er ihr ein kurzes Lächeln und nickte mit dem Kopf.

Talida hatte direkt das Gefühl gehabt, dass er sie mochte. Er war nicht mehr der Jüngste, aber sah trotzdem noch rüstig aus. Dafür, dass er ein Gouverneur war, und sich im Krieg befand, war er ihr gegenüber freundlich, ja sogar gutmütig eingestellt. Fortan war sie eine der wenigen hellhäutigen Waisenkinder, die die neuen Besitzer des Hauses bedienen durften. Während sich in den ersten Monaten der Übernahme das Haus in eine Baustelle verwandelte, hatte man ihr, neben den barmherzigen Schwestern, die sie aufzogen, einen Lehrer zur Seite gestellt, der ihr in vielen Stunden die deutsche Sprache beibrachte. Dieser Lehrer hieß Embani, war 28 Jahre alt, dunkel, groß gewachsen und stets sehr gut gekleidet. Er war der deutschen und der örtlichen Sprachen mächtig und so wurde er als Privatlehrer für all die einheimischen Diener, die sich Gouverneur von Hanff hielt, angestellt.

„Herein“, schallte der Ruf des Gouverneurs durch die Salontüren.

Talida drückte sie routiniert, mit dem richtigen Schwung auf, und betrat den großen Raum. In der Mitte des riesigen Raumes stand ein langer Tisch, der bereits von Diener Makai eingedeckt worden war, an dem der Gouverneur mit vier weiteren Personen saß. Talida eilte auf leisen Sohlen über die großen, schwarzen Marmorfliesen und servierte dem Gouverneur die Suppe. Ihr Kopf war dabei vorschriftsmäßig gesenkt. Sie schaute nicht auf, um sich die Gäste anzuschauen. Sie sagte kein Wort und verließ den Salon genauso schnell und ebenso leise, wie sie gekommen war.

Bald darauf stand sie erneut in der Küche und wartete auf den nächsten Gang. Ihr Herz klopfte ein wenig, da heute ein besonderer Tag für den Gouverneur war. Die Gäste im Salon waren Gesandte aus dem fernen Deutschland, die dem Reichskanzler, in dem entfernten Berlin, über die Fortschritte der Kolonisierung Tansanias berichten sollten. Heute Morgen hatte man alle Bediensteten zusammengetrommelt und auf die Wichtigkeit des heutigen Tages hingewiesen.

Talida roch diesen andersartigen Duft, an den sich ihre Nase immer noch nicht recht gewöhnt hatte. Die deutschen Köche bereiteten die Gerichte in ihrer landestypischen Weise zu und nutzten nur selten die einheimischen Gewürze, obwohl es davon reichlich zu kaufen gab. Dabei gab es, neben den Einheimischen, viele Araber und Inder die über die Karawanenroute kamen und die mit ihren Schiffen in Dar-es-Salaam und an der kenianischen Küste bei Mombasa ankerten.

Es zischte und dampfte auf heißen Platten, auf denen die Köche Pfannen und Töpfe abstellten. Befeuert wurde die Kochstelle mit dem Holz, das ringsumher wuchs. Sie freute sich schon auf die Mittagspause, denn dann durften die Bediensteten die Reste essen, solange der dicke Koch sich nicht alles selber einverleibt hatte. Talida ließ ihren Blick über die Töpfe streifen und blieb an einer Pfanne hängen. Dort brutzelten diese komischen, krummen Fleischstangen, die die Deutschen Bratwurst nannten. Diese aßen der Gouverneur und seine Untergebenen sehr gerne mit einer gelben Paste, die sie als Senf auswiesen. Die Köche wussten von dem Leibgericht des Vorgesetzten und sorgten dafür, dass stets genügend vorrätig war. Talida schaute gebannt auf die Würste, die von dem dicken Koch immer wieder im spritzenden Fett der Pfanne gewendet wurden. In den ersten Tagen, in denen sie beigebracht bekamen, wie die Speisen hießen, durften alle davon probieren und seitdem war die Bratwurst auch zu Talidas Leibgericht geworden.

„Träumst Du schon wieder, Talida?“, raunte sie Dogge an und schlug ihr mit der flachen Hand auf den Rücken.

Sie stolperte nach vorne und verlor fast das Gleichgewicht, konnte sich aber mit einem schnellen Griff am Rand der Anrichte festhalten. Der böse Blick, den sie Dogge daraufhin zuwarf, tat ihr sofort leid. Sie wusste, wie jähzornig er werden konnte, wenn etwas nicht nach seiner Pfeife lief.

„Willst du dich beschweren?“, zischte Dogge, während er Talida am Kragen zu sich hinzog. Dabei roch sie seinen alkoholisierten Atem, dass ihr beinahe übel wurde.

„Ich ... ich habe nur geträumt“, stotterte sie ihm entgegen, wandte sich wie eine Schlange aus seinen Fängen und zog sich sofort hektisch ihre Uniform glatt. „Soll nicht wieder geschehen“, sprach sie mit zittriger Stimme, bevor sie ihm den Rücken zudrehte und mit einem Blick auf die Uhr zum Abräumen der Vorspeise in den Salon eilte.

Talida ärgerte sich über sich selber. Sie durfte sich nicht ablenken lassen, wenn Dogge sie beobachtete. Talida wusste dies zu gut, aber so sehr sie sich Mühe gab, aufmerksam zu sein, gelang es ihr nicht immer und er schien jede noch so kleine Unaufmerksamkeit sofort zu bemerken. Manchmal hatte sie den Verdacht, dass er nur darauf wartete, sie beim Gouverneur anzuschwärzen, damit er sie entließ.

Mit seinem stechenden Blick im Rücken betrat sie den Salon und atmete tief durch.

Keiner der Herren sprach und so vernahm sie das laute Ticken der monströsen Standuhr, die direkt neben den Salontüren stand. Sie war aus feinem dunklem Holz geschnitzt und das große Ziffernblatt musste aus Gold gefertigt worden sein. Sie war unheimlich und schön zugleich. Talida liebte diese Uhr.

Still und geschwind räumte sie die Teller ab. Makai kam dazu und half ihr. Die Suppenteller waren nur teilweise geleert und zwei der Teller waren überhaupt nicht angerührt worden. Als die Türen hinter ihnen zuschwangen, erhob sich sogleich ein lautes Stimmengewirr. Makai und Talida sahen sich kurz fragend an, flitzten dann aber, ohne ein Wort miteinander zu wechseln, in die Küche.

Talida fragte sich, ob mit der Suppe etwas nicht in Ordnung war? Dabei hatten sie heute Morgen dem Essensplan zugestimmt. Ungewöhnlicherweise hatten sie geschwiegen. Auch das war beim Frühstück anders gewesen. Vielleicht hatten die Männer Streit miteinander?

Unter den zu Schlitzen zusammengekniffenen Augen Dogges schob sie die Suppenteller auf den Tresen. Der dicke Koch schaute sie kritisch an und als Makai, der zweite Diener, mit den anderen Tellern zurückkam, änderte sich sein Blick in ein überraschtes Staunen.

Talida wollte gar nicht erst auf die Frage des Kochs warten, sondern erklärte ihm sofort, dass sie auch nicht wüste, warum die Herren nicht aufgegessen hatten.

„Du hast doch nicht etwa in die Suppe gespuckt?“, fauchte Dogge sie an.

Diesmal ließ sich Talida nicht provozieren und drehte sich mit einem Lächeln zu ihm um. „Natürlich nicht“, lautete ihre kurze Antwort. „Vielleicht hat sie ihnen einfach nicht geschmeckt?“, meinte sie lapidar. Ihr Blick fiel auf den immer rötlicher werdenden Kopf des Kochs, der nur mit Mühe seine Empörung zurückhalten konnte.

„Egal, mach voran mit dem Hauptgericht“, zischte Dogge den Koch an, der ihn daraufhin wütend ansah.

Talida und Makai beobachteten mit einem unterdrückten Lächeln, wie der zeternde Koch sich umwandte und mit dem Kochlöffel säuerlich Löcher in die Luft stieß, während er zur Kochstelle hinüber ging. Er fluchte, er habe die Suppe selber abgeschmeckt und, dass so etwas noch nie passiert wäre.

Jeweils zwei Bratwürste pro Teller, Kartoffeln und grüne Bohnen wurden von ihm auf die Teller verteilt und den Dienern auf den Tresen geschoben. Ohne Dogge anzusehen, sausten Talida und Makai in Richtung Salon, servierten das duftende Hauptgericht den schweigenden Herren und eilten sogleich wieder hinaus.

Während Makai sofort zur Küche zurückkehrte, stoppte Talida hinter der Salontür und lauschte dem einsetzenden Gespräch der Herren.

„Wieso beschäftigst du Einheimische?“, brummte einer der Männer, woraufhin ein anderer hinzufügte, dass er viel zu viel Angst hätte, von ihnen vergiftet zu werden.

Talida stellten sich die Nackenhaare auf. Das war also der Grund. Zitternd stützte sie sich mit der freien Hand an der Flurwand ab.

„Was fällt dir ein!“, schimpfte Dogge, während er Talida an ihrem linken Ohr hinter sich herzog. „Du wirst heute nichts zu essen bekommen“, fluchte er, während ihr Ohr bereits so rot glühte, als hätte er ihr ein Brandzeichen aufgedrückt. „Wieso hast du gelauscht und was hast du gehört?“, knurrte er, nachdem sie die Küche erreicht hatten.

Talida konnte ihre Tränen nur schwer zurückhalten, schwor sich aber, kein Wort über das Gehörte zu verlieren. Als sich ihr Blick mit dem Makais kreuzte, erkannte sie ein gehässiges Lächeln auf seinem Gesicht. Er schien genauso falsch zu sein wie Dogge.

Der Rest dieses unrühmlichen Mittagessens ging ohne weitere Zwischenfälle zu Ende. Dogge ließ sie jedoch nicht eine Sekunde aus den Augen.