Heiteres um Advent und Weihnachten - Michael Stradal - E-Book

Heiteres um Advent und Weihnachten E-Book

Michael Stradal

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Beschreibung

Fünfzehn vergnügliche Erzählungen, welche sich mit der angeblich stillsten Zeit des Jahres befassen. Kindheitserinnerungen sowie Rückblicke auf das Weihnachten mit den eigenen Kindern bilden zusammen mit phantasievoll Erdachtem eine bunte Erzählpalette für jung geblieben Erwachsene.

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Inhalt

Die Mäuschen von Bethlehem

Die Spende

Der verpasste Musenkuss

Die Überraschung

Die Schlangenhaut

Der Adventkranz

Die Aufregung im Paradies

Die Volkszählung

Das erste Weihnachtsgeschenk

Der Albtraum des Sebastian F

.

Das EU-Projekt

Der Feeler

Das erste Weihnachtsgeschenk

Das schwarze Schaf

Das Eselwunder von St. Severin

Der blamierte Großvater

Die Mäuschen von Bethlehem

In jener Zeit wohnten unter den Brettern des uns Christen gut bekannten, leerstehenden Stalls in Bethlehem zwei Mäuse. Sie hießen Lia und Ali. Sie hatten sich dort vor einiger Zeit behaglich eingerichtet und schätzten diesen Unterschlupf wegen der Nähe zur gut gefüllten Vorratskammer der Herberge und nicht zuletzt auch wegen der vielen Schlupflöcher zu ihrer Behausung, durch welche sie dem hinterlistigen Kater bislang stets entkommen konnten.

Ob Lia und Ali ein Pärchen oder nur Geschwister waren, konnte noch nicht herausgefunden werden, aber in der Tierwelt ist dies oft ohne Bedeutung.

Eines Abends hatte Ali wieder einmal ein ordentliches Stück Käse aus der Vorratskammer geholt. Die beiden Mäuse waren eifrig am Schmausen, als plötzlich Schritte, Rumoren und Gepolter über ihnen zu vernehmen waren. Erschrocken – derartiges hatten sie noch nicht erlebt – suchten sie eilig Schutz im hintersten Winkel.

„Der Stall bricht zusammen“, flüsterte Lia zitternd. „Ali, rette mich!“

„Ach geh! Nix bricht zusammen. Da geht nur ein Mensch hin und her.“

„Einer? Hör doch genauer hin. Das sind viele. Die suchen uns vielleicht.“

„Sei unbesorgt, Lia. Wir warten einfach ab, bis oben wieder Ruhe einkehrt und alles vorbei ist.“

„Na gut, aber das kann lange dauern. Also will ich wenigstens meinen Käse wieder haben. Ali, bring mir den Käse!“

„Na schön!“ Lautlos lief Ali zum Fressplatz zurück.

„Dabei kannst du auch gleich einen Blick hinauswerfen“, rief ihm Lia nach, „und mir sagen, was da los ist.“

Ali, der gutmütige, nickte nur und schlich zu einem blickgünstigen Ausgangsloch. Dort erschrak er aber sehr, denn dieses war mit weißer Wolle verstopft. Warum denn das? Das nächste Loch fand er durch einen groben Schuh verstellt – nichts zu sehen. Erst beim dritten Loch – wie gut, dass die Behausung mehrere Ausgänge hatte – konnte er endlich das Geschehen überblicken, sich aber vor lauter Staunen zunächst gar nicht fassen, was er da zu sehen bekam.

„Wo bleibt mein Käse?“, hörte er Lia ungeduldig rufen.

„Vergiss jetzt den Käse“, flüsterte Ali. „Komm schnell her. Es ist einfach unglaublich.“

Wenig später war Lia an seiner Seite. „Also, was gibt es denn?“, fragte sie neugierig.

„Ich sehe genau auf die Hinterseite eines Esels.“

„Das ist unmöglich!“, entgegnete Lia. „Da oben waren noch nie Tiere eingestellt. Der Stall ist ja völlig desolat.“

„Ich sehe sogar noch mehr“, setzte Ali unbeirrt fort. „Neben dem Esel steht ein Ochs. Echt!“

„Dann steck‘ den Kopf nicht so weit hinaus, Ali. Wo Tiere sind, da kann der Kater nicht weit sein.“

„Ja, ja – ich pass‘ schon auf. Aber sei einmal still – ich höre Gemurmel!“

Die beiden lauschten angestrengt.

„Wie ich es vermutet habe, Ali“, meinte Lia mit einer Selbstsicherheit, die man oft bei Ehefrauen findet, woraus man durchaus schließen kann, dass die beiden doch ein Ehe- und kein Geschwisterpärchen sind. „Erinnerst du dich an unseren Besuch bei Base Ila in der Synagoge? Dort hat es auch so ein Geräusch gegeben. ‚Gebet‘ nennen die Menschen so ein Gemurmel.“

„Mag sein“, meinte Ali, „aber hier ist doch keine Synagoge. Nur ein verfallener Stall.“

„Na dann, Ali – frag halt den Esel, was da draußen los ist. Ich muss jetzt unbedingt wissen, ob ich Angst haben muss oder nicht.“

Ali verzog das Gesicht, so als wollte er sagen ‚Na schön, wenn du unbedingt willst‘, woraus neuerlich der Schluss gezogen werden kann, dass es sich um ein Ehepärchen handelt, sonst wäre Ali ja nicht so folgsam.

Vorsichtig steckte er, nicht ohne sich vorher vergewissert zu haben, dass vom Kater nichts zu sehen war, mit zitternden Härchen den Kopf aus dem Loch.

„He, hallo, Esel!“, zischte er. „Du musst mir bitte helfen.“

„Meinst du mich?“, fragte der Esel erstaunt und drehte sich um.

„Na sicher. Es gibt ja nur einen Esel hier. Also, kannst du mir sagen, was da los ist? Du gehörst doch nicht hierher. Warum wird da so viel gebetet?“

Der Esel schloss die Augen. Das waren ihm zu viele Fragen auf einmal.

„Langsam, Mäuserich! Langsam! Eines nach dem anderen“, brummte er. „Also, dass ich nicht hierher gehöre, da hast du Recht. Wie ich hergekommen bin, das weiß ich nicht. Was da los ist, weiß ich auch nicht und wer die vielen Leute sind, die da herumknien und beten, das weiß ich auch nicht.“

„Was sagt der Esel?“, drängte Lia ungeduldig.

„Er weiß leider auch nicht, was heute im Stall vor sich geht!“, erklärte Ali.

„Es wundert mich nicht, dass ein Esel nichts weiß. Los Ali, frag den Ochsen!“

Befohlen und getan! Die beiden sind sicher noch nicht lange ein Pärchen, sonst hätte er bestimmt erwidert, sie solle diesen gefälligst selber befragen und ihn in Ruhe lassen. Stattdessen streckte Ali wieder seinen Kopf aus dem Loch.

„He du! Ochse!“, rief er leise. „So viel ich sehen – oder besser gesagt – nicht sehen kann, bist du einer. Ich muss dich was fragen!“

Dieser drehte sich langsam um.

„Was ist denn?“, brummt er.

„Kannst du mir sagen, was da im Stall heute los ist?“

„Wie bitte?“, fragte der Ochse zurück und verscheuchte mit seinem Schwanz mehrere Fliegen, die sich auf ihm niedergelassen hatten.

„Ich will wissen, was da heute los ist. Du gehörst doch, wie der Esel neben dir, gar nicht hierher.“

„Was hier los ist, weiß ich nicht“, antwortete der Ochse „Ich weiß nur, dass man mir meine Futterkrippe weggenommen und ein Baby hineingelegt hat. Deshalb muss ich jetzt aus der Futterkrippe des Esels fressen.“

„Wer sind die vielen Leute, die da beten?“

„Was soll ich denn noch alles wissen, Nagetier!“, ereiferte sich der Ochse. „Ich habe dir alles gesagt, was ich weiß. Komm doch heraus, schau dir alles selber an und lass mich in Frieden.“

Da schaltete sich der Esel wieder ein.

„Es müssten Schäfer und Hirten sein, die da beten, denn um uns wimmelt es von Schafen und Ziegen.“

„Schafe?“, fragte Ali erstaunt. Dann hellte sich sein Mäusegesicht auf. „Dann verstellen also nur ein Schaf und der Schuh eines Hirten unsere Ausgänge.“

„Also, was ist los?“, bohrte Lia hinter ihm und stupste ihn energisch am Fell. „Ich will jetzt endlich genau wissen –“

„Der Ochs und der Esel wissen fast nichts, Lia“, berichtete Ali geduldig. „Fest steht aber, dass in der Futterkrippe des Ochsen ein Baby liegt, der Stall voller Tiere ist und offenbar viele Hirten und Schäfer herinnen sind und beten.“

„So ist es, meine lieben Mäuse!“, ertönte plötzlich eine zarte Stimme.

Die beiden erschraken.

„Ali, wer hat da gesprochen?“ Lia drängte sich ängstlich an ihn. „Ich fürchte mich schon wieder!“

„Ich bin es, der gesprochen hat, liebe Lia“, ließ sich die zarte Stimme erneut vernehmen. „Jesus, das Kind aus der Krippe. Habt keine Angst, ihr beiden, kommt hervor und gesellt euch zu den anderen Tieren, die das Wunder dieser Nacht bestaunen.“

Da verspürten die beiden Mäuse keine Angst mehr, denn die Stimme klang vertrauensvoll. Doch Lia blieb trotzdem vorsichtig.

„Das würden wir gerne tun, Jesuskind“, meinte sie. „Aber kaum sind wir draußen, erwischt uns sicher der heimtückische Kater und – Schwups! – sind wir verspeist.“

„Dies ist heute die Nacht des Friedens“, beruhigte Jesus. „Kein Tier tut einem anderen etwas zuleide.“

Da kamen Lia und Ali, Pfötchen in Pfötchen, aus ihrer Behausung hervor. Sie erschraken auch nicht mehr, als sie den Kater nur einen Meter neben dem Esel sitzen sahen. Sie huschten vielmehr zur Krippe, konnten das Kind aber nicht sehen, selbst wenn sie sich auf die Hinterbeinchen stellten.

„Wir würden dich so gerne, Jesuskind“, rief Ali hinauf, „aber wir sind zu klein. Und auf die Streben und Latten hinauflaufen, können wir nicht, weil alle Plätze mit Tauben und anderen Tieren besetzt sind.“

„Und dort, wo noch etwas frei wäre“, ergänzte Lia, „sitzen lauter Engeln herum. Nirgends ein Platz für uns.“

„Seid unbesorgt“ sagte Jesus sanft. „Gerade für euch zwei habe ich einen ganz besonderen Platz vorgesehen, von wo aus ihr mich gut sehen könnt.“

„Wo denn?“, erkundigte sich Lia.

„Ganz oben. Unter dem Dach“, sagte Jesus.

Lia und Ali blickten etwas verstört nach oben. Dort konnten sie sicher nicht hin. So hoch hinauf zu klettern, wäre sogar für sie zu schwierig gewesen.

„Und wie gelangen wir da hinauf?“, fragte Lia mit ironischem Unterton. „Wir können nämlich nicht fliegen, liebes Jesuskind!“

„Oh doch!“, konnten die beiden gerade noch hören, ehe sich mit ihnen Wundersames ereignete.

Im gleichen Moment zupfte die Jungfrau Maria den Heiligen Josef am Ärmel.

„Schau doch“, sagte sie und deutete zum Dach hinauf. „Zwei Fledermäuse!“

Die Spende

Es war im Advent, als der Notar seinen Schulfreund begrüßte. Nach den Fragen nach dem Befinden und der Familie, nahmen sie an einem bequemen Tisch Platz.

„Also, mein Lieber“, eröffnete der Notar das Gespräch. "Was hast du am Herzen?“

„Viel!“, begann der Freund. "Hör zu, ich brauche deine Hilfe. Es geht nämlich darum, dass ich alles was ich besitze, wirklich alles, verkaufen und das Geld den Armen schenken will.“

Der Notar blickte überrascht auf. „Das ist doch nicht dein Ernst?!“

„Doch, doch! Das ist mein völliger Ernst!“

„Jetzt pass gut auf, mein Freund“, meinte der Notar ein wenig belustigt. „Die Zeit vor Weihnachten hat es ja in sich. Das weiß man. Alles ist rührselig, pseudoheilig und geschwängert von Punschgerüchen. Ich kann durchaus verstehen, dass man sich den dauernden Spendenaufrufen nicht gänzlich entziehen kann. Aber gleich alles spenden? Bist du dir überhaupt im Klaren, was das bedeutet?“

„Selbstverständlich. Es ist ja ganz einfach: Ich übergebe alles den Armen und trete hierauf mittellos und bedürfnislos in ein Kloster ein.“

Der Notar machte eine energische Handbewegung. „Sei doch kein Narr! Ich muss dich vor diesem Schritt eindringlich warnen. Du stürzt dich ja Hals über Kopf ins Nichts, aus dem es – juristisch gesehen – kein Zurück mehr gibt.“ Er seufzte theatralisch. „Wie kann man nur auf so einen absurden Gedanken kommen!“

Der Schulfreund blickte verlegen zu Boden.

„Du weißt“, sagte er leise, „dass ich Christ bin. Ich habe erkannt, dass ich auf diese Weise die Lehren der Heiligen Schrift befolgen kann. Es steht schwarz auf weiß im Evangelium. Bei Markus, Kapitel 10 Vers 21. Dort fragt der reiche Jüngling den Herrn, was er tun muss, um das Reich Gottes zu erlangen. Und ER antwortet darauf – nachdem der Jüngling beteuert hat, alle Gebote stets zu beachten – 'Geh, verkaufe was du hast, gib das Geld den Armen!'“

Der Notar schüttelte verständnislos den Kopf. „Aber das ist doch nur die Bibel mit ihren Geschichterln. Das kannst doch nicht so wortwörtlich nehmen.“

„Warum denn nicht?“

„Weil –, weil –-, na ja, weil –“ Der Notar rang nach einer Antwort. „Na, wenn alle alles hergeben – wo kommen wir denn da hin!!“

„In das Reich Gottes – so wie ER es ja gesagt hat!“

„Na schön“, brummte der Notar. „Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Bitte, ganz wie du willst. Gehen wir also deinen Wunsch systematisch an. Wie stellst du dir das vor, alles den Armen zu geben. Wer sollte das konkret sein?“

„Na ja, Obdachlose, Flüchtlinge, Arbeitslose. Die Armen halt.“

„Aha, demnach materiell arme Leute. Nicht Waise, Schwerstkranke, Behinderte und solche Menschen.“

Der Schulfreund wurde unsicher.

„Das sind ja eigentlich auch Arme. Der Herr hat sich da nicht näher geäußert. Er sprach nur von 'den Armen.'“

Der Notar beugte sich vor. „Sag, wenn du schon alles loswerden willst – wäre es nicht das Einfachste, du gibst es der Caritas oder dem Roten Kreuz? Die wissen am besten, wo der Schuh drückt und wer Hilfe nötig hat.“

„Nein!“ Der Schulfreund schüttelte den Kopf. „Genau das will ich nicht. Der Herr hat eindeutig gesagt 'den Armen' und nicht 'der Caritas'!“

„Aber doch nur, weil es die damals ja noch nicht gegeben hat!“

„Trotzdem! Mein Geld soll unmittelbar den Bedürftigsten zugutekommen.“

Der Notar seufzte. „Ich habe da meine Bedenken, mein Lieber, ob das überhaupt machbar ist. Schon alleine die Bezeichnung 'Die Armen' ist vertragsrechtlich nicht haltbar. Es bedarf einer genauen Benennung, wer in den Genuss deines Geldes kommen soll und wie die Betreffenden überhaupt zu deinem Geld gelangen können. Hast du schon ausgerechnet, um wie viel es sich bei deiner edlen Spende handeln wird?“

„Selbstverständlich habe ich das! Es handelt sich um rund 500.000,--Euro.“

„Donnerwetter noch einmal! Das ist ja ein ordentlicher Batzen Geld. Allerdings – für die Armen auf dieser weiten Welt eher nur ein Tropfen auf den berühmten heißen Stein!“

„Ich will mein Geld natürlich nur den Armen in Österreich spenden.“

„Aha, das klingt schon konkreter. Nun gut! Soviel mir aus der Statistik bekannt ist, handelt es sich bei uns um zirka eine Million Menschen, die armutsgefährdet sind. Nehmen wir grob die Hälfte, als 500.000 Menschen, die tatsächlich arm sind. Bedürftige, in Not Geratene, Asylanten, Obdachlose, Verschuldete usw. Es kann daher jeder einen Euro von dir bekommen, wobei die Verteilung wahrscheinlich ziemlich kompliziert werden wird.“

„Was denn? So viele Arme gibt es? Da bedeutet ein einziger Euro ja nichts!“

„Eben. Daher meine ich ja: Wenn du mit deinem Geld wirklich etwas Gutes machen zu müssen glaubst, dann muss man das ganz anders angehen. Weniger Leute, dafür mehr Geld. Sagen wir 5.000,-- Euro für hundert Leute, oder für fünfhundert Leute immerhin noch je 1.000,-- Euro. Vorausgesetzt natürlich, dass deine 500.000,-stimmen.“

„Bezweifelst du das etwa?“

„Nicht im Geringsten. Aber darüber reden wir später. Also, wie stellst du dir jetzt deine Spende vor?“

„Ich glaube, dass es doch gescheiter sein wird, einer geringeren Anzahl von Leuten – sagen wir zweihundertfünfzig je 2.000,-- Euro zu geben.“

„Gut!“, murmelte der Notar und machte sich erste Notizen. „Zweihundertfünfzig Leute also. Wie wir diese Glücklichen ermitteln, müssen wir noch genauer besprechen. Aber auf alle Fälle solltest du die Geldübergabe mit einer schriftlichen Bestätigung machen, damit die Beschenkten nicht in den Geruch des Diebstahls geraten und Ärger mit der Polizei bekommen.“

„Geh!“, brauste der Freund auf. „Wo denkst du hin!“

„Ich sage dir nur, wie es ist: Neidhammeln gibt’s überall, Nachbarn sehen alles, und die lieben Verwandten sind oft die Schlimmsten! Und dann dürfen wir natürlich auch nicht vergessen: Der Spendenbetrag könnte schon bald Schenkungssteuer pflichtig werden. Wenn schenken, dann also möglichst bald, nicht?"

„Warum denn? Das ist doch ein rein karitativer Akt.“

„Nur Schenkungen an karitative Organisationen werden unter gewissen Umständen von der Steuerpflicht ausgenommen sein. Alles andere ist normale Privatangelegenheit.“

„Ja, was machen wir denn da?“, rief der Freund verzweifelt.

„Ganz einfach. Du wartest besser gar nicht ab, ob die Schenkungssteuer wirklich kommt. Man liest in letzter Zeit viel darüber. Oder du willst warten, dann zahlst du unter Umständen entweder die Schenkungssteuer extra an das zuständige Finanzamt oder du ziehst die Steuer vom Schenkungsbetrag ab. Aber in jedem Fall müssten 250 Abgabenerklärungen mit Namen, Anschrift etc. gemacht werden.“

„Na ja, wenn du meinst –“

„Ich kann dir dabei natürlich gerne behilflich sein, wenngleich das mit den Namen und den Adressen – denke nur an die Obdachlosen! – ein wenig mühsam werden wird. Besonders bei der Zustellung der Glück bringenden Verständigung. Doch lassen wir solche kleinen Details vorderhand beiseite. Gehen wir einmal zu deinen 500.000,- Euro. Wie kommst du auf diesen Betrag?“

Der Schulfreund reichte eine umfangreiche Liste über den Tisch. „Ich habe es ausgerechnet. Hier ist alles zusammengestellt!“

Der Notar überflog die Aufstellung. „Aha, sehr interessant, was du da alles angibst“, murmelte er. „In Summe also 495.000,-- Euro.“

„Ich habe vorsichtig gerechnet“, meinte der Schulfreund, „daher kann man getrost auf 500.000 aufrunden.“

Der Notar nickte nur wortlos und las angestrengt. „Gehen wir ein wenig ins Detail“, sagte er nach einer Weile. „Da sind einmal drei Sparbücher mit zusammen 15 000,-- Euro. Dann Aktien um 10.000,-- Euro. Das ist zwar nicht berauschend, aber bei der jetzigen Börsensituation nicht übel! Hoffentlich stürzen die Kurse nicht ab, ehe du verkauft hast. Macht also zusammen 25.000,-- Euro – bis jetzt. Ein Bausparvertrag mit 5.000,-- Euro ist erst in zwei Jahren fällig. Da musst du die staatliche Prämie zurückzahlen, wenn du den schon jetzt zu Geld machen willst. Rechnen wir also nur mit 4.500,-- Euro. Macht zusammen schon rund 30.000,-- Euro. Jetzt zu deiner Lebensversicherung. Naja, das ist etwas komplizierter. Die müsstest du zurückkaufen und die Steuervergünstigungen, die du in Anspruch genommen hast – du hast doch, oder? – zurückzahlen. Nehmen wir diese Position vorderhand nur mit 60% der Versicherungssumme, das sind dann rund 20.000,-- Euro. Fein! Jetzt haben wir schon 50.000,-- Euro. Weiter. Eine Markensammlung im Wert von 20.000,-- Euro. Sind da alte, wertvolle Stücke drunter?“

„Nein, nicht direkt, aber sehr viele schöne Marken! Ohne Stempel. Ich habe die Sammlung anhand der Katalogpreise bewertet.“

„Verzeih, mein Freund!“ Der Notar schüttelte den Kopf. „Sammlungen, auch thematische, ohne seltene, wertvolle Stücke, sind so gut wie unverkäuflich. Ich setzte daher einmal nur 1.000,-- Euro dafür an. Wenn du tatsächlich so viel bekommst, kannst du in deinem Kloster gleich eine Dankeskerze anzünden. Macht zusammen also 51.000,-- Euro. Na ja, immerhin! Und jetzt zu deinem Haus in Baden bei Wien. 390.000,-- Euro? Das ist ja ein enormer Betrag. Gibt es dafür ein Schätzgutachten?“

Der Schulfreund schüttelte heftig den Kopf.