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»Vollgepackt mit intensiven Kampfszenen und schwindelerregenden Wendungen bildet dieses Buch den adrenalingeschwängerten Auftakt zu Farrugias explosiver neuer Reihe.« - Thriller of the Year, Apple Books Olesya ist Agentenjägerin. In einer hochtechnologisierten Welt voller programmierter Spione, Verrat und weitreichenden Verschwörungen bilden Olesya und ihr Team die letzte Verteidigungslinie gegen eine Geheimorganisation, die vor nichts zurückschreckt, um die Kontrolle über die Welt zu erlangen. Aber dann taucht ein unbekannter, noch tödlicherer Feind auf. Und der hat Olesya im Visier … Eine atemlose Abenteuergeschichte, die mit unglaublichem Tempo zielsicher alle Zutaten abhakt, die Fans von Action-orientierten Spionagethrillern mit weiblichen Protagonisten lieben. Wer AVA, NIKITA, LUCY oder THE VILLAINESS liebte, sollte hier zuschlagen. ★★★★★ »Vom ersten Kopfschuss bis zur letzten Explosion ist alles dabei.« - John Birmingham, USA Today-Bestsellerautor ★★★★★ »Das ist ein spannender Roman, der gekonnt erzählt ist.« - Aurealis ★★★★★ »Helix ist alles, was ich an Action- und Abenteuerromanen liebe: Spione, Gadgets, Kämpfe, Fluchten, Charaktere, die einem am Herzen liegen, und eine sorgfältig ausgearbeitete Geschichte.« - Amazon.com ★★★★★ »Nathan Farrugia hält seine Leser für einen erstaunlichen und wilden Ritt in Geiselhaft. Die Charaktere werden auf der Seite und im Herzen wirklich zum Leben erweckt.« - Amazon.com ★★★★★ »Absolut brillant. Ich habe Farrugia immer mit Matthew Reilly verglichen, und mit Helix denke ich, dass er Reilly endgültig übertroffen hat.« - Amazon.com ★★★★★ »Helix ist eine rasante, actiongeladene Serie, die garantiert auch die adrenalinsüchtigsten Leser begeistern wird. Farrugias Schreibstil ist hervorragend, man fliegt durch die Bücher. Ich bin mit allen Charakteren emotional sehr verbunden. Ein Muss für alle Thriller-Fans und Sci-Fi-Fans.« - Amazon.com
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Seitenzahl: 216
Veröffentlichungsjahr: 2024
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This Translation is published by arrangement with Nathan M. Farrugia
überarbeitete Ausgabe Originaltitel: HELIX: EPISODE I Copyright Gesamtausgabe © 2024 LUZIFER Verlag Cyprus Ltd. Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Cover: Michael Schubert Übersetzung: Wolfgang Schroeder Lektorat: Manfred Enderle
Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2024) lektoriert.
ISBN E-Book: 978-3-95835-663-4
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Damien hätte eigentlich nicht hier sein sollen.
»Vierzig Minuten«, sagte der Grenzpolizist. »Inzwischen sollten Sie schon längst geredet haben.«
Auf dem Namensschild, das an seiner Uniformjacke hing, stand: Ionada. Die regionale guatemaltekische Uniform spannte über seinem massigen Bauch.
Damien saß in einem Vernehmungsraum, obwohl er den Begriff etwas beschönigend fand, da seine Handgelenke mit Gewebeklebeband an die Plastikarmlehnen des Stuhls gefesselt waren. Darüber hinaus hatte man ihn sicherheitshalber noch mit Kabelbindern gefesselt. Schließlich hatten sie ihm sogar die Schnürsenkel aus den Turnschuhen herausgezogen.
Was nie ein gutes Zeichen war.
Ionada hatte sich hinter einem Tisch niedergelassen, über dem an der Decke ein Sprinklerkopf der Feuerlöschanlage hing. Auf dem Tisch lag ein einzelnes Blatt Papier mit der Vorderseite nach unten. Der Linoleumboden zwischen Damien und Ionada roch nach Ammoniak, der Gestank brannte in Damiens Nase. Dafür strömte aus den Schlitzen der Klimaanlage eisige Luft; anscheinend wurde die Raumtemperatur mit Absicht so niedrig gehalten.
Ionada tippte ungeduldig mit dem Finger auf das Display seines Tablets. »Geht es Ihnen gut?«
Damien zuckte mit den Schultern. »Wenn man es mag, aus einem Bus gezerrt zu werden und anschließend sämtliche Körperöffnungen durchsucht zu bekommen, dann war es ein echter Knaller. Manche Leute bezahlen ja für diese Art von Erfahrung.«
»Und ich gehe davon aus, dass auch Sie dafür bezahlen werden«, sagte Ionada. »Auf die eine oder andere Art.«
»Eigentlich kann ich ja Fesselspielen durchaus etwas abgewinnen. Aber wissen Sie, irgendwo sollten wir jetzt mal anfangen.«
Ionada runzelte die Stirn. »Vielleicht damit, dass Sie mir verraten, warum Sie hier sind.«
»Weil Sie meine Ausstrahlung so ungewöhnlich beruhigend finden?«, fragte Damien.
»Eher finde ich Ihr Vorstrafenregister ungewöhnlich beunruhigend.«
Er hielt das Blatt in die Höhe, damit Damien es sehen konnte. Es war leer.
»Ich bin sicher, Sie haben so etwas schon mal gesehen«, sagte Damien.
»Bisher nur einmal«, antwortete Ionada. »Und das ist noch nicht allzu lange her, um genau zu sein.«
Direkt über seinem rechten Ellbogen trug Ionada ein dünnes, weißes Stoffband. Damien hatte etwas Ähnliches schon einmal gesehen, konnte es aber nicht genau zuordnen. Stattdessen konzentrierte er sich auf sein verbessertes Gehör. Auf dem Korridor draußen war kaum etwas los, und im gegenüberliegenden Raum sprach jemand über Damiens Habseligkeiten. Ionadas Atmung ging ein wenig schneller, als sie hätte sein sollen.
»Was haben Sie mit ihm gemacht?«, fragte Damien. »Mit dem anderen, der auch ein leeres Blatt hatte.«
»Ich habe ihn verlegen lassen«, antwortete Ionada. »Ein Freund von Ihnen?«
»Möglicherweise.«
»Es scheint allerdings, dass Ihnen ein anderes Schicksal bevorsteht«, sagte Ionada, seine Hand ruhte dabei auf dem Holster seiner Pistole. »Da gibt es nämlich ein paar Herren von einer US-Regierungsbehörde, die ziemlich begeistert zu sein scheinen, Sie zu treffen. Sie müssten in Kürze hier sein.«
Damien fühlte seinen Puls dumpf pochend in seinem Ohr rasen. Er atmete langsamer und konzentrierte sich auf den Polizisten. »Und von welcher Dienststelle kommen sie?«
»Komisch. Das haben sie gar nicht gesagt«, antwortete Ionada. »Haben Sie etwa Angst, Damien?«
Der kannte die Antwort. Er könnte hier sterben. Oder noch schlimmer, die Regierung könnte ihn einkassieren. »Ich bin nur ein wenig besorgt.«
Ionada nahm die Hand vom Pistolenholster und betrachtete prüfend seine Fingerspitzen. »Also, verraten Sie mir doch mal, was genau Sie getan haben? Um so viel … Aufmerksamkeit zu erregen.«
»Warum sollten Sie mir irgendetwas von dem glauben, was ich Ihnen erzähle?«
»Das hängt davon ab, was Sie zu sagen haben.« Ionada bewegte sich auf seinem Platz, wobei sein Stuhl quietschte. »Zwei unserer Polizisten haben Verbrennungen im Gesicht und an den Armen erlitten. Haben Sie ihnen das angetan, Damien?«
»Ich besitze nichts, womit ich sie verbrennen könnte.«
»Einer von ihnen ist mein Freund«, sagte Ionada. »Wir haben jedes Jahr zusammen gecampt, seit wir zehn waren.«
Damien spürte, wie seine Haut zu kribbeln anfing. Vielleicht war es die kalte Luft, vielleicht lag es auch an Ionada.
»Es könnte eine Weile dauern, bis wir wieder zusammen zelten gehen können«, sagte Ionada. »Würde es Ihnen gefallen, wenn man Ihren Freunden wehtut?«
Ionadas Augen verengten sich, und Damien erwiderte sein Starren.
»Nein«, antwortete Damien.
Ionada nickte leicht. »Das ist witzig, denn ich mag es auch nicht.«
Stille. Die aber nicht lange anhielt.
»Glauben Sie, dass Sie diese ganze Situation überleben werden?«, fuhr Ionada fort.
Damien atmete langsam und ruhig. »Das hängt davon ab, wer hier die Strippen zieht.«
Ionadas Tablet summte. Er las die Nachricht, dann überprüfte er sie ein zweites Mal. Seine Lippen verzogen sich zu einem gekünstelten Lächeln. »Ich habe gute Neuigkeiten.«
Die Tür öffnete sich und zwei uniformierte Polizisten betraten den Raum, einer von ihnen schloss die Tür wieder. Wie Ionada trugen beide weiße Armbinden. Auf ihren Namensschildern stand Price und Gray. Price hatte einen ungewöhnlich großen Kopf und dicke Augenbrauen, die zuckten, als er ein Messer mit feststehender Klinge zog. Es sah nicht nach Regierungsinventar aus und glänzte auch nicht im Licht, weil die Oberfläche schwarz beschichtet war. Gray griff nicht nach ihrem Messer, stattdessen hielt sie eine Hand in der Nähe des Holsters mit dem Elektroschocker.
Die beiden Polizisten näherten sich ihm von entgegengesetzten Seiten. »Planänderung?«, fragte Damien.
»Nein«, antwortete Ionada. »Änderung des Strippenziehers.«
St. Petersburg, Russland
»Wach auf.«
Olesya rieb sich die Augen. Zakhar, ihr älterer Bruder, hatte ihr die Worte ins Ohr geflüstert.
»Was willst du denn?«, fragte sie, während sie sich aufsetzte.
Zakhar hielt einen maschinengeschriebenen Brief in der Hand. Sie versuchte, den Brief zu lesen, aber einige der englischen Wörter waren zu schwierig.
Zakhar kicherte und faltete das Blatt auseinander, um ihr die russische Übersetzung zu zeigen.
»Ich bin … angenommen? Ich habe das Stipendium?«, fragte sie.
Er grinste. »Herzlichen Glückwunsch!«
»Wo hast du den Brief her?«, fragte sie.
»Ich habe ihn in der Küche gefunden«, sagte Zakhar. »Aber du musst die Überraschte spielen, wenn sie es uns morgen sagen.«
Olesya sah ihn an. »Wo ist dein Brief? Wurdest du auch angenommen?«
»Nein«, sagte er. »Mein Brief sieht anders aus.«
»Aber … ich gehe doch nicht ohne dich?«
Zakhar lächelte. »Du bist schon vierzehn, du schaffst das. Ich weiß, dass du das kannst.«
Sie sah ihren Bruder an. Er trug Jeans, seine Daunenjacke und eine Wollmütze.
»Wo gehst du hin?«, fragte sie.
»Ich werde einen Schneemann bauen«, sagte er. »Und ich werde das nicht allein machen.«
Sie runzelte die Stirn. »Mitten in der Nacht?«
»Die anderen Kinder machen das doch auch. Und es ist dein letztes Silvester, bevor du gehst.« Zakhar wackelte mit einer Augenbraue. »Du willst dir den Spaß doch nicht entgehen lassen. Es sei denn, du bist langweilig …«
Olesya stieß ihn leicht in die Seite. »Ich muss nur meine Stiefel finden …«
»Meinst du die hier?« Zakhar hielt sie bereits in den Händen.
Sie griff danach. »Zufallstreffer.«
Zakhar lief im Schlafzimmer hin und her, während sie sich einen dicken Pullover und eine Jeans über ihren Schlafanzug zog. Er hatte bereits ihren Schal und ihre Handschuhe herausgesucht. Olesya wollte gerade nach der Türklinke greifen, als ihr Zakhar die Hand auf den Arm legte.
»Das Fenster«, sagte er. »Geh immer durch das Fenster.«
Glücklicherweise befanden sie sich nur im ersten Stock, denn sie hatte etwas Höhenangst. Das Fenster knarrte, als er es öffnete, und sie hoffte, dass ihre Eltern das Geräusch nicht mitbekommen würden. Olesya konnte sie hören, wie sie mit den anderen Erwachsenen zusammensaßen. Sie teilten mit den anderen Oliviersalat, Champagner und lautstark erzählte Geschichten.
Ihre Stimmen waren die ganze Zeit über so laut, dass sie Zakhars Bewegungen übertönten, während er das Fenster so weit offenhielt, dass sie sich hindurchschlängeln konnte und ihr damit in die Winternacht hinaushalf. Sie ließ zu, dass er ihre Hand nahm und sie in Richtung Untergrundbahn zog, wobei die beiden den Fenstern ihrer Nachbarn auswichen. Die Fahrt in die Stadt würde nur fünf Minuten dauern und sie mussten nicht länger als eine Minute auf ihren Zug warten.
Es war fast zwei Uhr nachts, aber die Straßen waren mit Kindern und Erwachsenen gleichermaßen gefüllt. Sie beobachtete Kinder dabei, wie sie mit Holzschlitten einen Hügel hinunterfuhren und in einem Schneehaufen landeten. Wenn sie in der weißen Masse verschwanden, war ihr Lachen nur noch gedämpft zu hören.
Zakhars Nase war bereits von der winterlichen Kälte gerötet, als er sie eifrig in Richtung Brücke zog. Er wollte über den Kanal gehen, dessen Oberfläche durchgehend gefroren war, aber sie wollte nicht über das Eis rutschen und stattdessen die Brücke nehmen. Zakhar protestierte nicht dagegen, also gingen sie über die Brücke und erreichten danach den Palastplatz. Das hier waren die ersten Neujahrsfeierlichkeiten, die sie außerhalb ihrer Heimatstadt in Belarus erlebten, und sie hatten nicht mit so vielen Menschen oder Dekorationen gerechnet.
Vor dem Winterpalast, der aussah, als wäre er aus Pfefferminz und Sahne gebaut, waren größere Menschenmengen unterwegs. Olesya entdeckte Erwachsene, die Piroggen aßen, Teigtaschen, die mit Kohl, Pilzen oder Fleisch gefüllt waren, während die Kinder an süßen Pfefferkuchen knabberten. Einige der Familien tanzten um einen Weihnachtsbaum herum, in dem goldener Baumschmuck und lila, blaue und grüne Lichterketten glitzerten. Sie tanzten für Santa Claus – Väterchen Frost – und seine Enkelin, Schneeflöckchen.
Olesya drückte Zakhars Hand. »Lass uns tanzen.«
»Nööö«, sagte er, während sie ihn durch die Menschenmenge zog.
Sie waren bereits bei der am nächsten stehenden glitzernden Weihnachtstanne angekommen, als Zakhar den Reigen tanzender Kinder entdeckte und seine Hacken in den Schnee stemmte. Er streckte ihr die Zunge heraus und riss sich aus ihrem Griff los. Olesya verfolgte ihren Bruder bis zu den Marktbuden. Dort war Zakhar bereits wieder abgelenkt. Er schien die Stände mit den Teigtaschen zu ignorieren, stattdessen ging er direkt auf die Bude mit dem Feuerwerk zu. Sie holte ihn ein und schubste ihn einen Stand weiter, wo sie ihn zu etwas Süßem überredete. Von seinem Taschengeld kaufte er zwei lilafarbene Bälle aus fluffiger Watte, die auf einem Holzstäbchen steckten, und gab ihr einen davon.
»In Amerika nennen sie das Zuckerwatte«, sagte Zakhar.
Er biss ein so großes Stück von der süßen Watte ab, dass sie an seiner kalten Nase kleben blieb. Olesya bekam einen Lachanfall, während sie ihn bei dem Versuch beobachtete, schielend die klebrige Masse mit seiner Zunge abzulecken. Das klappte nicht, also befreite sie ihn von der Zuckerwatte. Er versuchte, sie daran zu hindern, aber sie war zu schnell und hatte sich die zuckrige Masse bereits in den Mund gestopft. Sie schmolz auf ihrer Zunge und schmeckte absolut nach Lila.
»Das ist nicht fair!«, sagte Zakhar.
Diesmal streckte sie ihm die Zunge heraus.
Gemeinsam gingen sie den Newski-Prospekt entlang und aßen dabei ihre Zuckerwatte. Zakhar schien kein bestimmtes Ziel zu haben, was für sie in Ordnung war.
»Du musst nämlich Wörter wie Zuckerwatte kennen«, sagte Zakhar.
»Ich weiß«, antwortete Olesya. »Ich muss mehr Englisch lernen.«
»Du bist superklug. Du schaffst das.« Er zog ihr die Mütze über die Augen. »Ich werde dich doch in den Ferien sehen, oder?«
Sie nickte und atmete einen Hauch kalter Luft ein. Auf beiden Seiten des Newski-Prospekts waren die Gebäude hoch und schneebedeckt, und alle waren mit hübschen Lichtern dekoriert. Jeder schien heute Nacht zu lächeln, voller Hoffnung für das neue Jahr.
»Was machen wir jetzt?«, fragte Zakhar.
Olesya rümpfte die Nase. »Natürlich einen Schneemann bauen.«
Seine Augen leuchteten auf. »Lass uns eine Schneearmee bauen.«
»Ich hab eine bessere Idee«, sagte sie. »Wir bauen einen Dinosaurier aus Schnee.«
»Ich übernehme die Hörner.«
Die Straßen waren voller Menschen und Olesya musste beim Gehen aufpassen, dass sie mit ihrer Zuckerwatte nicht an jemandes Mantel kleben blieb. Sie überquerten wieder einen weiß zugefrorenen Kanal. Auf beiden Straßenseiten standen weitere alte Gebäude. Einige wurden von festlicher Beleuchtung angestrahlt, während andere, – wie die zuckergussverzierten Kathedralen und die apricotfarbenen Kastelle –, einen ganz eigenen Zauber versprühten. Zakhar fand einen Garten, der etwas weniger überfüllt und trotzdem immer noch schneebedeckt war. Olesya nahm eine Handvoll davon und formte einen Schneeball daraus.
»Diese Statue gefällt mir«, sagte Zakhar, während er sich davor hinstellte.
Mit einem Zepter in der einen und einem Olivenkranz in der anderen Hand stand die Kaiserin von Russland vor ihnen. Unter ihr war eine zweite Reihe von Männern und Frauen eingemeißelt – Politiker, Poeten, Schwertkämpfer und Höflinge.
Olesya kannte die Kaiserin aus den Geschichtsbüchern ihrer Mutter. Sie wurde Katharina die Große genannt. Die Zarin war als Sophie Friederike Auguste im achtzehnten Jahrhundert geboren worden und war eine intelligente, liebenswürdige und ehrgeizige Frau. Sophie baute das Bildungswesen des Landes aus und förderte die Wissenschaft und die Künste, womit sie Russland ein goldenes Zeitalter bescherte, das das Land noch nie zuvor erlebt hatte.
Als ein Schneeball auf ihr Gesicht zuflog, duckte sich Olesya gerade noch rechtzeitig weg.
»Woher wusstest du …?«, fragte Zakhar.
Sie war bereits dabei, mitten im Lauf ihren eigenen Schneeball auf ihn abzufeuern. Er explodierte über seinem Ohr. Zakhar spuckte Schnee und geriet ins Taumeln. Olesya lief zu ihm hinüber, um zu sehen, ob er verletzt war, aber er war schon wieder auf den Beinen und warf einen Schneeball, der sie an der Schulter traf. Ihr Bruder rückte seine Mütze zurecht und sah zu ihr hoch.
»Du verfehlst nie dein Ziel«, sagte er. »Wie machst du das bloß?«
»Ganz einfach.« Sie wischte sich den Schnee von ihrem Mantel. »Ich beobachte, wie du dich bewegst und weiß dann, wohin ich ihn werfen muss.«
Zakhar ließ sich seufzend auf den Rücken fallen. »Deswegen haben sie dich ausgewählt.«
Olesya ließ sich so nah hinter ihm in den Schnee plumpsen, dass sich ihre beiden Mützen berührten. Sie blickte zu den schneegezuckerten Baumwipfeln hinauf, die auf die Sterne über ihnen zeigten.
»Was passiert, wenn ich zurückkomme und du nicht mehr hier bist?«, fragte sie.
»Ich werde immer hier sein«, antwortete Zakhar. »Und falls ich weggehen sollte, werde ich eine Geheimnachricht an einer Stelle zurücklassen, die außer dir niemand finden kann.«
Sie lachte. »Das ist unmöglich.«
»Nichts ist unmöglich.« Zakhar, der immer noch im Schnee lag, deutete auf die Statue von Katharina der Großen. Sein Finger zeigte auf eine der Gestalten, die unter ihr in den Stein gemeißelt worden war. »Siehst du die Frau im Kittel, die ein Buch hält?«
Ihr Blick folgte seinem Finger. »Die Vertreterin der Wissenschaft.«
»Ja, genau die«, sagte er nickend. »Ich werde eine geheime Nachricht in ihrem Kittel verstecken, die nur du finden kannst.«
»Und was ist, wenn ich das … nicht schaffe?« Olesya hasste die Worte bereits, direkt nachdem sie sie ausgesprochen hatte.
Für eine Weile sagte er gar nichts mehr. So lange hatte sie ihren Bruder noch nie schweigend erlebt. Über ihnen stieg prasselnd ein Feuerwerk in die Luft, das anschließend den samtenen Himmel herabtröpfelte. Olesya versuchte, sich vorzustellen, wie dieses Stipendium auf der anderen Seite der Welt wohl sein würde. Wie es ohne ihren großen Bruder sein würde.
Der Schnee knirschte unter Zakhars Jacke. Er rieb sich mit dem Handschuh über das Gesicht, und sie merkte, dass er weinte. Das Feuerwerk war inzwischen mit einem goldenen Glitzern in der Nacht verschwunden.
»Ich sollte doch eigentlich immer auf dich aufpassen«, sagte er. »Woher soll ich denn wissen, dass es dir gut geht?«
»Das wirst du nicht.« Sie drückte seine Hand. »Nicht einmal ich werde das wissen.«
Standort: Verschlusssache
Der gesamte Trupp unterbrach die aktuellen Aktivitäten und starrte Olesya an.
»Was machst du hier?«, fragte einer von ihnen.
Das war kein besonders guter Start.
In dem kompakten Wohnbereich hielten sich neun Rekruten auf. Die Unterkunft roch nach benutzten Socken und Schuhcreme. An fast jedem der metallenen Etagenbetten stand ein Rekrutenpaar, die Bettdecken waren wie im Krankenhaus gefaltet und mit einem Holzlineal glattgestrichen worden. Die Rekruten trugen Namensschilder, die an ihre Uniformen geklettet waren, ein Privileg, das nur denjenigen vorbehalten war, die sich in der Kampfausbildung befanden.
Ein Junge trat mit verschränkten Armen vor. Olesya identifizierte ihn als Ark, den Gruppenführer. Er war hochgewachsen und schlank, hatte lockiges braunes Haar und runde Augen, die zu groß für seinen Kopf wirkten. Er grinste, während er näherkam.
»Bist du falsch abgebogen, Blondie?«, fragte er. »Welchen Trupp suchst du denn?«
Olesya schluckte. »Firebird.«
Sein Lächeln verschwand. »Äh, das sind wir.«
»Ich bin versetzt worden«, sagte sie.
»Nicht zu Firebird, das bist du bestimmt nicht.« Er hob sein Kinn. »Das muss ein Irrtum sein. Woher kommst du?«
»Von der englischen Einheit.« Olesya bemerkte eine leere Pritsche. »Ist das ein freies Bett?«
»Moment, warte mal.« Er drängte sich zwischen sie und das Bett. »Das ist für einen anständigen Rekruten, nicht für ein kleines Mädchen aus dem englischen Kader.«
Ich zeig dir gleich einen anständigen Rekruten, dachte sie.
»Ich habe keine Ahnung, warum sie mich versetzt haben«, sagte sie. »Ich befolge nur Befehle.«
»Von der englischen Einheit?« Ark lachte. »Toll, und dann noch ein Rekrut, der nicht mal richtig Englisch sprechen kann.«
Jemand räusperte sich und trat schnell vor. Auf ihrem Namensschild stand Xiu. Der Blick ihrer großen braunen Augen wanderte zwischen Olesya und Ark hin und her. Als sie sprach, klang sie ruhig, aber bestimmt.
»Hört sich für mich an, als ob sie besser Englisch sprechen würde als du«, sagte Xiu. Ihr Akzent war amerikanisch, nicht chinesisch. Xius Blick ruhte einen Moment lang auf Olesya, aber nicht allzu lange.
»Dich habe ich nicht gefragt.« Ark konzentrierte sich wieder auf Olesya. »Ich interessiere mich nicht für deine Sprachkenntnisse, sondern für deine Kampffertigkeiten. Und davon hast du null.«
»Ich habe die Grundausbildung«, antwortete Olesya. »Hast du das vergessen?«
Ark prustete fast los. »Mit der Grundausbildung kommst du in dieser Truppe nicht weit.«
Der Rest der Firebirds flüsterte auf ihren Pritschen. Olesya konnte nicht verstehen, was sie sagten. Sie erhob ihre Stimme und übertönte die der anderen.
»Deshalb bin ich doch hier, um zu lernen«, sagte sie. »Alle sagen, dass du der beste Truppführer bist.«
Ark erlaubte sich ein wissendes Lächeln.
Sie beugte sich zu ihm hinüber und flüsterte verhalten. »Aber ich glaube, sie irren sich.«
»Was weißt du …?«,fragte Ark. »Was weißt du schon davon, hä?«
»Du kommst nicht mal mit einem einzigen untrainierten Rekruten klar.« Olesya machte einen Schritt nach vorn. »Der beste Anführer würde das locker schaffen.«
Einen Sekundenbruchteil lang zuckte Ark zusammen, als würde er gleich von etwas angegriffen werden, das sich über ihm befand. Dann stemmte er seine knochigen Arme in die Seiten. »Wir haben wichtigere Dinge zu tun, als auf dich aufzupassen. Wir haben Training und müssen Tests bestehen. Du wirst nicht mal einen Tag lang durchhalten.«
»Dann habt ihr ja nichts zu befürchten«, antwortete Olesya.
Ark lächelte. »Genau.«
Olesya glitt an ihm vorbei und warf ihren Rucksack auf das leere Bett. Sie wollte die Sache einfach nur hinter sich bringen und den Wechsel so schmerzlos wie möglich vollziehen. »Ich bin von der englischen Einheit, schon vergessen? Ich werde höchstens einen Tag hier sein.«
Bevor Ark etwas erwidern konnte, betrat ein Ausbilder in schwarzer Uniform ihr Quartier.
»Firebird Squad«, sagte der Ausbilder.
Die Rekruten, einschließlich Olesya, standen stramm.
»Heute beginnt die letzte Phase eurer Kampfausbildung.« Der Ausbilder betrachtete jeden von ihnen mit beiläufigem Interesse. »Eure erste Gefechtsübung ist morgen. Wisst ihr, was passiert, wenn ihr versagt?«
»Corporal.« Ark räusperte sich. »Diejenigen, die sich nicht qualifizieren, müssen zurück zur Grundausbildung.«
»Falsch. Diejenigen, die durchfallen, werden vom gesamten Programm ausgeschlossen. Willst du ausgeschlossen werden, Truppführer?«
»Nein, Corporal!«, antwortete Ark.
»Noch irgendwelche Fragen, Rekruten?«, erkundigte sich der Ausbilder.
»Corporal«, meldete sich Olesya.
Der Ausbilder zog scharf die Luft ein. »Wenn es um die Frage geht, warum du hier bist, Rekrut, das ist kein Fehler der Verwaltung. Du wirst mit deiner neuen Truppe Schritt halten oder du wirst disqualifiziert, was in deinem Fall keinen großen Unterschied machen wird. Aber da Firebird mit dir zusammen disqualifiziert werden würde, könnten sie da anderer Meinung sein.«
Olesya schüttelte den Kopf. »Nein, Corporal, ich habe eine andere Frage.«
Der Ausbilder wandte sich bereits zum Gehen. »Wie lautet sie?«
»Wissen Sie, wann wir mit unseren Familien telefonieren dürfen?«, fragte Olesya.
»Während FPCON Bravo ist jegliche Kommunikation nach außen verboten«, antwortete der Ausbilder. »Sobald die Bedrohung auf Alpha herabgestuft wird, dürfen Sie vielleicht Kontakt nach draußen aufnehmen. Alle Briefe, die an Sie gerichtet sind, werden bis auf Weiteres zurückgehalten. Es ist vielleicht hier noch niemandem in den Sinn gekommen, aber unsere Sicherheit ist wichtiger als Ihr vorübergehendes Heimweh.«
Mit diesen Worten ging er.
Ein anderer Rekrut zuckte mit den Schultern. Auf seinem Namensschild stand Jay. »Ich fand ja, dass er fröhlicher als sonst wirkte«, sagte Jay.
Olesya bemerkte, wie sich Ark versteifte. Er drehte sich um und machte zwei Schritte auf sie zu. Seine Nasenlöcher und Augen weiteten sich, während er sie anstarrte, was nicht so einfach war, da sie ein bisschen größer als er war.
»Lass mich das klarstellen«, flüsterte Ark. »Wir werden uns qualifizieren. Du wirst uns das nicht vermasseln. Bei der Feldübung morgen bist du nur ein Schatten. Du folgst uns und machst nichts anderes. Hast du das verstanden?«
»Mehr als du denkst. Ich habe eure Ergebnisse beim Kampftraining gesehen«, sagte Olesya. »Sie zeigen, dass Firebird fast die beste Truppe ist. Und ich kann sehen, warum.«
Arks Fäuste öffneten sich leicht. »Fast?«
Olesya versuchte, nicht zu murmeln. »Neben den Helldivern.«
»Die sind nicht schlecht.« Ark ging zu seiner Pritsche. »Aber mein Trupp ist besser.«
Jay lachte. »Ja, wir haben einen frischen Rekruten aus dem englischen Squad und wir sind immer noch super. Wäre das nicht toll?«
Ark machte auf dem Absatz kehrt. »Wenn du mit deiner Waffe zielen musst, dann zielst du damit. Aber wenn du deine Waffe eigentlich abfeuern müsstest, dann machst du das, was kleine Mädchen aus dem englischen Squad immer machen, du tust nur so, als würdest du feuern.«
»Was ist, wenn sie, du weißt schon, doch etwas erschießen muss?«, fragte Xiu.
Ark hielt einen Finger in die Höhe. »Ich versuche, unseren Trupp zu retten.« Er konzentrierte sich wieder auf Olesya. »Hast du mich verstanden?«
»Ich verstehe, dass du verunsichert bist«, antwortete Olesya. »Und mir ist klar, dass dich jemand geschlagen haben muss, als du jünger warst. Ein älterer Bruder, ein Schlägertyp in der Schule, vielleicht dein Vater.«
Ark starrte sie an. »Pass auf, was du sagst, Blondie.«
»Oder vielleicht deine Mutter«, setzte sie nach.
Sie bemerkte ein fast unmerkliches Zucken in Arks Augen. Es war nur ein kurzes Aufflackern, mehr nicht. Ark kam auf sie zu, seine Lippen öffneten sich leicht und enthüllten einen abgebrochenen Zahn.
Olesya blieb standhaft und sprach einfach weiter. »Mein Vater hat das Gleiche mit mir gemacht. Ich vermute, viele Rekruten hier haben dieses Problem.«
Es war eine Lüge, aber das wusste er nicht.
Ark blieb ohne zu blinzeln direkt vor ihrer Nase stehen. »Dieses Problem wirst du auch gleich haben.«
»Ark, nicht.« Eine andere Rekrutin legte ihm die Hand auf die Schulter.
Olesya las ihr Namensschild: Val. Seine Schultern entspannten sich. Er schien auf sie zu hören.
»Du bist einer der erfolgreichsten Rekruten hier«, sagte Olesya zu Ark. »Aber du könntest der Beste sein. Wenn sie sehen, wie sehr sich – unter deinem Kommando – selbst ein Rekrut wie ich verbessert, wären sie ziemlich beeindruckt. Wenn dir das Unmögliche gelingt, garantiert das, dass dein Trupp sich qualifiziert. Vielleicht ist das der wahre Test.«
»Moment, da hat sie nicht ganz unrecht«, sagte Jay.
Ark starrte ihn an. »Hat sie wohl.«
Xiu verschränkte die Arme. »Doch was ist, wenn sie recht hat?«
»Du bist der Truppführer«, sagte Olesya zu ihm. »Du musst einfach recht haben.«
Ark richtete sich auf. »Xiu, da du ja so viel für die neue Rekrutin übrig hast, wie wäre es, wenn du sie in deiner Freizeit trainierst?« Er sah Olesya intensiv an. »Du hast nur heute, Blondie. Verschwende nicht deine Zeit.«
***
Olesya tauchte ein paar Minuten zu spät zum Frühstück in der Messe auf. Es roch nach Instantkaffee und zerkochtem Rührei. Sie kam als letzte Firebird-Rekrutin an, und nach dem, was heute Morgen passiert war, war ihr das auch lieber so.
