Hell's Love: 3 Bände in einem Bundle! - Jennifer J. Grimm - E-Book
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Hell's Love: 3 Bände in einem Bundle! E-Book

Jennifer J. Grimm

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Beschreibung

»Teuflisch gut!« »Hammer!« »Humorvoll, lustig, spannend und sehr sexy!« (Leserstimmen auf Amazon) Eine junge Frau, die mit allen Mitteln ihre Schwester retten will; eine Polizistin, die von einem gut aussehenden Mann vor dem Tod bewahrt wird; und eine Hexe, die in Island ihren Ex zu vergessen versucht – sie alle haben eines gemeinsam. Sie lassen sich auf die eine oder andere Weise auf einen Pakt mit der Hölle ein. Und deren Vertreter sind nicht nur überaus mysteriös, sondern auch teuflisch attraktiv … Teuflisch gute Romance zum Nächtedurchlesen Jennifer J. Grimm entführt ihre Leser mit ihrer fesselnd-sinnlichen Fantasy-Reihe »Hell's Love« in eine magische Welt, in der die Helden nicht aus dem Himmel, sondern aus der Hölle stammen. Dunkle Kreaturen zum Verlieben und starke Heldinnen zum Niederknien! //Diese E-Box zur teuflisch-romantischen Fantasy-Reihe »Hell's Love« enthält die Romane: -- Satans Versprechen (Hell's Love 1) -- Satans Verbündeter (Hell's Love 2) -- Satans Versuchung (Hell's Love 3)// Diese Reihe ist abgeschlossen.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Impress

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Impress Ein Imprint der CARLSEN Verlag GmbH © der Originalausgabe by CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg 2020 Text © Jennifer J. Grimm, 2018, 2019 Lektorat: Hannah Jarosch, Loretta Chaikaoporng Coverbild: shutterstock.com / © Naimers / © NANOM / © Kiselev Andrey Valerevich Covergestaltung der Einzelbände: formlabor Gestaltung E-Book-Template: Gunta Lauck / Derya Yildirim Satz und E-Book-Umsetzung: readbox publishing, Dortmund ISBN 978-3-646-60574-7www.carlsen.de

Dark Diamonds

Jeder Roman ein Juwel.

Das digitale Imprint »Dark Diamonds« ist ein E-Book-Label des Carlsen Verlags und publiziert New Adult Fantasy.

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Das Dark-Diamonds-Programm wurde vom Lektorat des erfolgreichen Carlsen-Labels Impress handverlesen und enthält nur wahre Juwelen der romantischen Fantasyliteratur für junge Erwachsene.

Jennifer J. Grimm

Satans Versprechen

**Wenn du dich der Dunkelheit nicht entziehen willst …** Um das Leben ihrer Schwester zu retten, würde Alexis alles tun. Sogar ein schwarzmagisches Ritual durchführen, an dessen Wirkung sie noch nicht einmal glaubt. Doch statt ihre Schwester zu heilen, ruft sie mit dem Zauber versehentlich Satan herbei. Und als dieser ihr einen Pakt anbietet, kann sie nicht widerstehen. Sie weiß nicht, dass sein Versprechen sie in einen Kampf um die Herrschaft der Hölle verwickelt. Was sie aber weiß, ist, dass der attraktive Höllenfürst etwas ihn ihr auslöst, dem sie sich nur schwer verwehren kann …

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Vita

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© privat

Jennifer J. Grimm wurde 1990 in der Nähe von Speyer geboren, wo sie noch heute mit ihren beiden Wikingerkindern lebt. Spezialisiert auf das Genre Romantic Fantasy schickt sie in ihren Romanen übernatürliche Charaktere und Menschen auf fantastische Abenteuer, bei denen sich ihre Figuren nicht selten in einem gehörigen Gefühlswirrwarr wiederfinden. Am liebsten schreibt sie inmitten von kreativem (Papier-)Chaos und ihren schnurrenden Katzen, die allzeit die Meinung vertreten, dass sie viel interessanter als das aktuelle Manuskript sind.

Eins

Zufrieden begutachtete die blonde Frau den Kreis vor sich. Sie wischte ihre Handflächen an der dunklen Hose ab und hinterließ dabei weiße Kreideflecken an den Oberschenkeln.

»So«, sagte Alexis laut zu sich selbst und sah zu dem aufgeschlagenen Buch zu ihrer Rechten, bevor sie nach den schwarz durchgefärbten Kerzen griff und diese anzündete.

Dann stand sie auf und machte einen großen Schritt über das Pentagramm in der Mitte des Kreises, wobei sie darauf achtete, nicht die Kreide zu verschmieren. Nachdem sie den Lichtschalter umgelegt hatte, wurde das kleine Zimmer nur noch durch die flackernden Kerzen und den zunehmenden Mond beleuchtet, der durch die Balkontür schien.

»Autsch!« Ihr Fluch hallte durch den Raum. Alexis beugte sich hinunter und rieb über ihr schmerzendes Knie. Sie warf der gläsernen Tischplatte ihres Couchtisches einen strafenden Blick zu und hob dann das Buch wieder auf, das sie in der Esoterik-Abteilung der Buchhandlung entdeckt hatte. In der Verzweiflung griff man eben nach dem kleinsten Strohhalm, so absurd dieser auch aussehen mochte! Selbst wenn dieser Rettungsanker sich als dicker Wälzer mit dem Namen Schwarzmagysche Rytuale und Beschwörungen entpuppte. Diese Kopie der hundertjährigen Erstfassung sollte ihr nun also bei ihrem Problem helfen.

Total durchgeknallt, würde ihr Vater jetzt sagen und die gesamte Verwandtschaft würde ihrem Oberhaupt zustimmen, obwohl ihr Vater sich seit jeher lieber seinem Job als Neurochirurg widmete, anstatt Zeit mit seiner Familie zu verbringen.

Trotzdem konnte Alexis ein hysterisches Kichern nicht unterdrücken. Wahrscheinlich dachte ihre Familie sowieso, dass sie jeden Tag solche Rituale veranstaltete. Immerhin lief sie ja ständig in Schwarz herum und für die üblichen Konventionen hatte sie auch wenig übrig. »Unvorstellbar, so was!«, äffte sie ihren Vater nach und nahm währenddessen erneut vor dem Pentagramm Platz. »Was sollen die Nachbarn nur denken?«

Genau das war immer sein Problem gewesen. Auch heute noch war ihm das, was andere – egal ob Nachbarn, Kollegen, irgendwelche Menschen auf der Straße – über ihn und seine Familie dachten, am wichtigsten. Bemitleidenswert, wie Alexis fand.

Sie versuchte den Gedanken an ihn zu verdrängen und ergriff eine dicke Stumpenkerze. Sie hielt das schwarze Wachs wie ein Schild vor ihre Brust und entzifferte die ausgeblichene Schrift im Buch. »Reinigung des Geistes. Aha.« Sie schnaubte. »Klar, üüüüberhaupt kein Problem.«

Wenn man schon so verzweifelt war und solch ein finsteres Ritual vorbereitete, sollte man das ja spielend hinbekommen … Nicht, fügte sie innerlich hinzu. Dennoch schloss sie die Lider über den blauen Augen und versuchte jeden überflüssigen Gedanken aus ihrem Geist zu vertreiben. Weg mit dem Stress auf der Arbeit, weg mit den Rechnungen, die sich auf der Kommode im Flur stapelten, weil sie es nicht wagte, sie zu öffnen. Donny und seine Verbrecherbande, die endlich Geld sehen wollten. Schwierig.

Sie lenkte ihre Konzentration auf die Kerze, die sie noch immer in den Händen hielt. Das kühle Wachs erwärmte sich langsam unter ihren Fingern. Einatmen, ausatmen. Sie schluckte. Doch der Gedanke an ihre Schwester wollte einfach nicht verschwinden. Bewusst atmen, ermahnte sie sich, als ein Seufzen aus ihrer Kehle hervorzubrechen drohte. Bewusst atmen ist Meditation. Diesen Spruch hatte sie mal in einem Video über buddhistische Mönche aufgeschnappt und seither nahm sie ihn sich zu Herzen.

Das muss reichen. Bevor jeder verdrängte Gedanke wieder in ihr Bewusstsein dringen konnte, stellte Alexis die Kerze neben sich und zog den unhandlichen Wälzer auf ihren Schoß. Bei den Göttern, es würde ein Wunder sein, wenn es ihr überhaupt gelang, die Worte in dieser seltsamen Sprache fehlerfrei abzulesen! Latein war das schon mal nicht. Silbe für Silbe kam über ihre Lippen. Zuerst fühlte sie sich noch bescheuerter als beim Zeichnen der Kreidezeichen, doch schließlich wurde ihre anfänglich zittrige Stimme fester. Voller Inbrunst sprach sie die letzten beiden Worte aus und verstummte anschließend.

Erwartungsvoll starrte sie auf die sorgfältig gemalten Kreidesymbole vor sich. Es geschah … nichts. Kein Donnergrollen, kein Erdbeben, nein, nicht einmal die nervige Mücke, die seit einer geschlagenen Stunde um sie herumsummte, fiel tot auf den Boden.

»Hast du etwas anderes erwartet?«, murmelte sie mit einem Kopfschütteln. Sie klappte das Buch zu und schob es achtlos beiseite. Wäre irgendetwas an dieser Wunderheilsache dran, hätte das alte Ding schon längst eine Neuauflage erhalten. Seufzend richtete sie sich auf und pustete die Kerzen aus. Der Geruch von Wachs und Patschuli hing in der Luft. Naserümpfend öffnete Alexis das Fenster. Das einzige Geschäft, in dem man diese dämlichen Kerzen bekommen konnte, hatte sich am Morgen als Gothic-Shop entpuppt. Nicht nur dass der gesamte düstere Laden nach einem riesigen Räucherstäbchen gestunken hatte, nein, selbst die bescheuerten schwarz durchgefärbten Kerzen mussten natürlich Duftkerzen sein.

Wenn diese Wunderheilung funktionieren würde, gäbe es keine kranken Menschen mehr. Selten dämlich, es mit diesem Ritual überhaupt zu versuchen, dachte sie und ließ den Fenstergriff los. Ihr Blick glitt über die Fassade des Hochhauses gegenüber. Hinter einigen Fenstern brannte noch Licht, doch die meisten waren entweder ganz dunkel oder es war nur der Schein flackernder Fernseher zu sehen.

Sie ging in ihre kleine Küche, um dort im vollkommen überfüllten Unterschrank der Spüle nach Glasreiniger und der letzten Rolle Küchentücher zu kramen. Gerade als sie wieder in ihr Wohn- und Schlafzimmer trat und das Licht anschaltete, ertönte ein schrilles Klingeln. Sie zuckte zusammen, doch dann atmete sie erleichtert auf.

»Endlich. Ich sterbe vor Hunger.« Achtlos legte sie im Flur den Reiniger mitsamt Küchenrolle auf der schmalen Kommode ab und öffnete die Wohnungstür.

»Wie immer, einmal das Übliche.« Bisheen, der Lieferant ihres Lieblingsinders, hielt ihr eine orangefarbene Plastiktüte hin.

»Danke, du rettest mich vor dem Hungertod!«, sagte Alexis und drückte ihm einen Zwanziger in die Hand. »Stimmt so!« Sie winkte ihm zum Abschied und schob die Tür mit dem nackten Fuß zu. Neben dem Festnetztelefon und der kleinen Keramikschüssel, in der Alexis ihren Schlüssel aufbewahrte, stand die blaue Sprühflasche und schien sie vorwurfsvoll anzustarren. Doch der Geruch des verführerischen Linsen-Dals stieg ihr in die Nase, und ihr Magen meldete sich mit einem Ziehen. Nein, das Putzen musste sie verschieben, entschied sie entschlossen und holte sich einen Löffel aus der Küche.

Noch bevor sie sich auf der durchgesessenen Couch niederließ, hatte sie schon die dünne Tüte aufgerissen. Sie stellte die Styroporschale auf dem Glastisch ab. Während sie sich einen Löffel des köstlichen Gerichts in den Mund schob, tastete sie nach der Fernbedienung.

»Wiederholungen über Wiederholungen«, murmelte sie mit vollem Mund und zappte weiter. Doch die Stimmen aus dem Gerät sorgten dafür, dass sie sich nicht ganz so einsam fühlte, beruhigten ihren aufgewühlten Geist. Sie versuchte sich ganz auf den Fernseher und ihr Essen zu konzentrieren.

Plötzlich nahm Alexis aus den Augenwinkeln ein Flimmern wahr. Doch als sie in Richtung des Pentagramms blickte, war dort nichts zu sehen. Irritiert schüttelte sie den Kopf und wandte den Blick wieder ab.

»Natürlich ist da nichts«, seufzte sie. Sonst würde das ja bedeuten, dass ihr Ritual funktioniert hätte. »Dann will ich aber auch meinen Brief für Hogwarts haben.«

Entschlossen lenkte sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf die seichte Fernsehshow.

***

»Verdammt!«, fluchte Alexis laut. Einen weiteren obszönen Ausdruck verkniff sie sich und stöhnte nur genervt, nachdem sie auf ihr Handy geschielt hatte, um die Uhrzeit abzulesen. Verschlafen!

Hastig warf sie die Bettdecke zur Seite und richtete sich auf. Das schwarze Metallbett quietschte leise, als sie aufstand. Draußen dämmerte es bereits, wie sie nach einem kurzen Blick aus dem Fenster feststellte. Am Horizont hinter den Hochhäusern verdrängten dunkelrosa Schlieren den düsteren Nachthimmel.

Sie hatte keine Zeit, das bunte Himmelsspektakel zu bewundern, sie war sowieso schon zu spät dran. Schnell eilte sie ins Bad, stolperte dabei fast über den schwarzmagyschen Wälzer und wusch sich hastig. Während sie sich mit der Bürste notdürftig ein paar Mal durch die Haare fuhr, warf sie einen Blick auf den Radiowecker, der auf der Ablage vor dem Spiegel stand. Zehn vor sechs.Pünktlich auf der Arbeit anzukommen, konnte sie sich aus dem Kopf schlagen.

Sie hastete zurück ins Zimmer und schlüpfte in ein verblichenes schwarzes Top und eine ebenso verwaschene schwarze Hose, die zusammengeknüllt neben ihrem Bett lag. Dann schnappte sie sich ihr Handy vom Nachttisch. Erneut stieß sie mit dem Fuß gegen das dicke Buch, doch diesmal kickte sie es genervt unters Bett. »Autsch!« Ihre Zehen protestierten pochend. Um sich angemessen zu bemitleiden, fehlte ihr allerdings die Zeit. Ihr Chef würde heute nicht gut auf sie zu sprechen sein. Sie kam definitiv zu spät zum Schichtwechsel an der Tankstelle.

Dabei mochte Alexis die Frühschicht am liebsten. Die frische Morgenluft half ihr wach zu werden und reinigte mit jedem Atemzug ihre Gedanken. Außerdem war ihre Kundschaft morgens weniger gestresst als abends. Und auch die Anzahl an besoffenen Leuten fiel deutlich geringer aus – von den Sonntagmorgen einmal abgesehen.

Sie strich sich eine dicke blonde Haarsträhne hinters Ohr und hastete über die Straße. Außer dem entfernten Rauschen der Autobahn war es sehr ruhig. Doch in nicht einmal einer Stunde würden hier Schüler, Studenten und Arbeitnehmer Leben ins Viertel bringen.

An der S-Bahn-Haltestelle angekommen, warf Alexis einen prüfenden Blick auf den Fahrplan. Obwohl sie schon mehrere Jahre hier wohnte, konnte sie sich die Abfahrtszeiten der Straßenbahn einfach nicht merken.

In zehn Minuten fuhr die nächste Bahn in Richtung Innenstadt und damit auch in Richtung der Tankstelle, an der sie seit einem Jahr als Teilzeitkraft arbeitete. Seufzend zog sie ihr Handy aus der Umhängetasche und suchte nach der Nummer ihres Chefs, um ihm ihre Verspätung zu beichten.

***

Wie jeden Donnerstag kamen heute die Lieferungen an. Mechanisch verräumte Alexis den Inhalt der sperrigen Kartons im Verkaufsraum. Die leeren Pappkartons verstaute sie in einem Gitterwagen, mit dem sie diese kurz vor Schichtende zur Papierpresse befördern würde. Die perfekte Tätigkeit also, um sich noch mehr in Gedanken verlieren zu können.

Und auch während sie an der Kasse stand und die Kunden bediente, spukte Valerie in ihrem Hinterkopf herum. Selbst jetzt, zwei Monate nachdem ihre Schwester ihr die Diagnose mitgeteilt hatte, konnte sie die unheilvollen Wolken in ihrem Kopf nicht beiseiteschieben.

Sie hatte Angst. Nicht nur Angst davor, ihrer Schwester beim Leiden und beim Sterben zusehen zu müssen, sondern auch davor, dass Valeries Tochter mit nur knapp vier Jahren ihre Mutter verlieren würde.

»Scheiße«, zischte Alexis leise und streckte ihre Hand nach der oberen Reihe Zigaretten aus, die sie nur auf Zehenspitzen erreichen konnte. Rauchen kann tödlich sein. Val hatte in ihrem Leben noch nie eine Kippe angerührt. Und trotzdem …

Scheiß Brustkrebs.

Zwei

»Ich bin’s.«

Mit einem Surren öffnete sich das Hoftor. Alexis zog es hinter sich zu, bevor sie dem kurzen Weg durch den Garten folgte und die vier ausgetretenen Holzstufen zur Terrasse hinaufging.

»Hey, Val.« Sie umrundete den kleinen verschnörkelten Metalltisch und nahm neben ihrer Schwester Platz. Obwohl die Temperaturen beinahe noch sommerlich waren, saß Val in eine Decke gehüllt auf der Gartenliege. Alexis bemühte sich um einen unbefangenen Gesichtsausdruck, versuchte nichts von ihren Gefühlen nach außen dringen zu lassen. Es fiel ihr schwer, Angst und Sorge einzusperren. Doch sie wusste, dass Val weder ein Mensch für Gefühlsduseleien war noch mit mitleidigen Blicken umgehen konnte.

Val nickte ihr zu. »Hey.« Sie nahm ihr Smartphone vom Tisch und sah aufs Display. »Schon so spät? Ich bin eingenickt.« Unwillkürlich hob sie die andere Hand zum Kopf, um ihre blonden Haare zurückzustreichen – die dort gar nicht mehr waren. Einen Moment lang starrte sie ihre Finger an, dann ließ sie die Hand auf ihren Oberschenkel sinken. »Ich muss mich erst an meine neue Frisur gewöhnen.« Sie zog eine Grimasse.

Alexis nickte sacht. Die blauen Haarspitzen rutschten durch die Bewegung über ihre Schulter. Von diesem Farbfleck abgesehen waren ihre Haare ebenso blond wie die ihrer wenigen Minuten jüngeren Schwester. »Verständlich«, sagte sie nur. Immerhin war es keinen Monat her, dass Valeries Mähne der kahlen Kopfhaut gewichen war. Auch die sorgfältig gezupften Augenbrauen und die langen Wimpern hatten ihr die Nebenwirkungen der Chemotherapie geraubt.

Die Terrassentür wurde aufgeschoben und ein kleiner Wirbelwind stürmte aus dem Haus. Bevor die Kleine sie erreichte, ging Alexis in die Knie.

»Hey, Mäuschen!« Sie empfing ihre Nichte mit einer liebevollen Umarmung und strich ihr über die zerzauste blonde Haarpracht. Caroline schmiegte den Kopf an ihre Schulter, bevor sie ihre Tante wieder losließ.

»Hallo, Lexi!« Das Mädchen grinste breit und entblößte dabei die Lücke zwischen ihren Schneidezähnen. Sie war die Einzige, der Alexis diese Verunstaltung ihres Namens durchgehen ließ.

»Aber nur, wenn es dir keine Umstände macht, sie mitzunehmen«, hörte sie Val sagen. Alexis antwortete darauf nicht, sondern verdrehte nur die Augen. Hätte sie ihr Angebot nicht ernst gemeint, hätte sie erst gar nicht vorgeschlagen, sich diesen Nachmittag um ihre Nichte zu kümmern.

»Ruh du dich nur aus, wir werden schon unseren Spaß haben.« Sie drückte ihrer Schwester einen Kuss auf die Wange und richtete sich dann auf.

Val lächelte müde. »Danke.«

Mit einer Handbewegung winkte Alexis ab. Ihrer Schwester eine kleine Auszeit zu verschaffen, war das Mindeste, was sie für sie tun konnte – von dämlichen Heilungszaubern abgesehen, deren alleiniger Effekt es war, sich vor sich selbst lächerlich zu machen. Wenigstens weiß niemand, dass ich mich zum Trottel gemacht habe, dachte sie und sah zu, wie Caroline ihrer Mutter ebenfalls einen Kuss gab. Das war ihr einziger Trost an der ganzen Sache.

***

Der Park war keine fünf Minuten entfernt. Auf dem Gelände der weitläufigen Grünanlage befand sich neben einem großen Spielplatz auch ein einfacher Kiosk. Die Sonne brannte nicht mehr so heiß herunter wie im Hochsommer, aber es war tagsüber noch warm genug, um sich ein Eis zu gönnen. Die Kleine ging immer ein paar Schritte vor Alexis und folgte tänzelnd dem Weg zu dem winzigen Gebäude in der Mitte des Parks.

Alexis fiel es schwer, ihre Gedanken auf Caroline zu konzentrieren. Seit sie den Park betreten hatten, hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden. Ein Schauder rann ihr über den Rücken. Abrupt drehte sie sich um. Natürlich stand niemand hinter ihr. Es war absurd. In ein paar Metern Entfernung lief ein junges Pärchen Hand in Hand und tauschte verliebte Blicke.

Sie schüttelte den Kopf, doch das ungute Gefühl wollte einfach nicht verschwinden. »Verfolgungswahn oder was?«, murmelte sie und wandte sich wieder nach vorne. »Caro?«, rief sie und beschleunigte ihre Schritte, als sie das Mädchen nicht direkt entdecken konnte. Sofort begann ihr Herz schneller zu schlagen. Dann sah sie ihre Nichte.

Die Kleine kniete vor einem Hund, fuhr mit den kleinen Händen durch dessen schwarze Zotteln. Er war riesig.

»Caro!«, brüllte Alexis noch einmal. »Du weißt genau, du sollst nicht so weit vorlaufen!« Schuldbewusst drehte sich das Mädchen um und verzog den Mund. Alexis versuchte keinen genervten Gesichtsausdruck aufzusetzen. Wage es jetzt nicht loszuheulen! Ein öffentlicher Trotzanfall fehlt mir gerade noch!

Doch noch während sie dieses Stoßgebet zum Himmel sandte, bemerkte sie den Mann, der neben dem gewaltigen Hund auf einer Parkbank saß. Schon alleine beim Anblick dieses Gesichts und dieser dunklen Augen drängten sich furchtbar schmutzige Bilder in ihren Kopf. Sie schluckte und musste sich regelrecht dazu zwingen, woanders hinzuschauen.

»Entschuldigung«, sagte sie und räusperte sich, denn ihre Stimme klang brüchig.

»Oh, keine Sorge.«

Die samtige Stimme ließ direkt die nächste Fantasie vor Alexis’ innerem Auge erscheinen. Reiß dich zusammen, du bist kein Teenager mehr!Doch es war zwecklos.

»Sam gefällt das.« Der Mann blieb ruhig auf der Parkbank sitzen. Sie spürte seinen abschätzenden Blick über sie gleiten. Gleichzeitig musterte Alexis sein durchaus ansprechendes Äußeres. Seine schwarzen Haare waren einen Tick zu lang, sie konnte jedoch nicht abstreiten, dass es seinem kantigen Gesicht etwas Verwegenes verlieh.

»Ohne jeden Zweifel.« Sie nickte zustimmend und sah zu Caro herunter, die den Hund hinter den Ohren kraulte.

»Sie können gerne Platz nehmen«, drang die Stimme des Mannes erneut an ihr Ohr. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund wanderte ihr Blick zu seinem Schritt. Sie schluckte den dicken Kloß in ihrem Hals herunter und zeigte auf Caroline. »Danke für das Angebot, aber wir müssen jetzt weiter.«

Etwas an diesem Mann verhieß Gefahr. Das spürte Alexis deutlich, obwohl sie ihm trotzdem am liebsten direkt auf den Schoß gesprungen wäre.

»Sie haben da einen Fleck«, sagte der Typ mit einem wissenden Grinsen und deutete auf ihren Oberschenkel.

Sie wollte seine Worte ignorieren, doch automatisch sah sie an ihrem Körper herunter.Na bravo, jetzt habe ich mir mit dem unnützen Ritual auch noch diese Hose versaut, dachte sie, während sie den kaum merklichen Fleck inspizierte und sich insgeheim fragte, wie er dorthin gekommen war. Die mit Kreide verschmutzte Hose hatte sie gestern Nacht noch in die Schmutzwäsche gegeben, diese hier hatte auf dem Boden unweit ihres zweifelhaften Zeichenkunstwerks gelegen. Ich muss die Kerzen wohl etwas zu heftig ausgepustet haben. Aber viel interessanter war die Tatsache, dass der Mann den kleinen schwarzen Kreis auf der dunklen Jeans überhaupt bemerkt hatte …

»Ich kenne ein gutes Hausmittel gegen Wachsflecken.«

Woher wusste er das? Ihr Kopf schnellte hoch und sie musterte den Fremden mit einer Mischung aus Erstaunen und Ablehnung. »Wir haben es wirklich eilig«, behauptete sie und griff nach Caros Hand. Ein lautes Knurren ertönte. Der Hund setzte sich protestierend auf, als die kleinen Finger aufhörten ihm über das dichte Fell zu streicheln. Alexis trat erschrocken einen Schritt zurück und stolperte beinahe über einen der Randsteine.

»Pscht«, beruhigte der Schwarzhaarige seinen ebenso dunklen Begleiter. »Entspann dich.« Er ersetzte Caros kleinen Hände und streichelte das zottelige Fell.

Als Alexis seine langen Finger beobachtete, die den Hund tätschelten, regte sich Verlangen in ihr. Verdammt, in diesem Moment hätte sie einiges dafür gegeben, um von diesen Händen ins Bett gezerrt und berührt zu werden. Sie musste schleunigst verschwinden! Irgendetwas hatte dieser Mann an sich, das ihrem Verstand nicht guttat.

»Komm jetzt bitte.« Sie hielt Caro die Hand hin. »Wir holen dein Eis, dann gehen wir nach Hause.« Nicht dass dieser seltsame Typ noch auf die Idee kam, sie auf den Spielplatz zu begleiten.

Mit dem Mädchen an der Hand folgte sie dem verschlungenen Weg, der in Richtung Kiosk führte. »Du sollst doch nicht zu fremdem Menschen gehen«, ermahnte sie ihre Nichte.

»Ich bin nicht zu dem komischen Mann gegangen. Ich hab nur den lieben Hund gestreichelt.«

Lieb. Alexis schnaubte. Diese riesige Töle hatte ausgesehen wie ein Höllenhund! Als das Tier sie angeknurrt hatte, hatten nur noch die rot glühenden Augen und der herablaufende Geifer gefehlt und es wäre als dämonisches Haustier durchgegangen!

Sie schüttelte den Kopf und vertrieb den absurden Gedanken. Ihre Vorliebe für Mythologie und düstere Geschichten war an diesem sonnigen Herbsttag fehl am Platz. Zusammen stellten sie sich ans Ende der Schlange, die sich vor dem winzigen Kiosk gebildet hatte.

»Okay«, sagte sie. »Aber warte nächstes Mal auf deine Mutter oder mich. Nicht alle lieb aussehenden Hunde sind es auch. In Ordnung, Süße?«

Caro nickte und trat ungeduldig auf der Stelle.

Die Idee mit dem Eis hatten sie nicht als Einzige gehabt. Zu warten machte Alexis nichts aus, sie hatte heute Zeit und keine Pläne mehr für den Tag – außer endlich diesen dämlichen Bannkreis und die dazugehörigen Utensilien schnellstmöglich zu entsorgen. Und danach wollte sie nie wieder an diese Episode ihres Lebens denken, in der sie versucht hatte Hexe zu spielen.

Ständig sah Caro nach vorne und quittierte die Länge der Warteschlange mit einem durchdringenden Seufzen.

Endlich standen sie vor dem großen Fenster des Kiosks. Eine Mittfünfzigerin begrüßte sie und lächelte. Das Lächeln kam nicht an ihren von Falten umzogenen Augen an. Dennoch nickte Alexis der Kassiererin freundlich zu und hob Caro hoch, damit sie die Werbetafel mit den Dutzenden Eissorten ansehen konnte. Die Kleine war für einen Moment wie erschlagen von der bunten Vielfalt, bis sie ein regenbogenfarbenes Einhorn entdeckte.

»Das Regenbogen-Eis«, rief Caro begeistert und deutete auf das Fabelwesen.

»Das Regenbogen-Eis und einen Kaffee zum Mitnehmen, bitte.« Alexis ging in die Knie und stellte Caro wieder ab.

»Kaffee? Bei dem Wetter?« Schnippisch wandte die Frau sich um und betätigte den Hebel am Kaffeeautomat.

Alexis schluckte eine ebenso unhöfliche Antwort herunter und lächelte stattdessen ihrer Nichte zu. Wahrscheinlich schmeckte diese Brühe hier genauso wie die Brühe aus den Automaten an der Tankstelle, aber Koffein war Koffein. Ohne ihn würde sie den Tag nach der anstrengenden Frühschicht nur auf dem Zahnfleisch gehend herumbringen. Zumindest versuchte sie sich einzureden, dass Kaffee etwas an diesem Umstand änderte.

Unsanft wurde der Pappbecher vor ihr auf die schmale Theke geknallt und ohne den Plastikdeckel wäre der gesamte Inhalt herausgeschwappt. Ebenso herzlich überreichte die Frau ihr das buntverpackte Regenbogen-Eis.

»Danke«, murmelte Alexis, wobei sie den Dank eher an ihre eigene Gelassenheit richtete, die sie sich mittlerweile aufgrund solch freundlicher Mitmenschen antrainiert hatte, als an die Frau selbst. Mit den Atemtechniken aus Youtube-Yogavideos schaffte sie es im Alltag immer öfter, ihr aufbrausendes Wesen unter Kontrolle zu halten.

Ungeduldig klopften die Finger der Alten gegen das Schiebefenster, während Alexis in ihrer Umhängetasche nach ihrem Geldbeutel kramte.

Ihr stieg die Röte ins Gesicht. Er war weg! Unangenehm berührt hob sie den Kopf. »Ähm«, begann sie. Die Frau verengte die Augen, doch gerade als sie den Mund öffnen wollte, spürte Alexis, wie jemand hinter sie trat und ihre Schulter berührte.

»Sie haben etwas verloren.«

Die Stimme sandte direkt ein Kribbeln durch ihren Körper. Schwungvoll drehte sie sich um und musste unmittelbar einen Schritt zurückgehen, um dem schwarzhaarigen Mann von vorhin in die Augen sehen zu können.

Mit der rechten Hand hielt er ihr ihren Geldbeutel hin.

»Oh, ähm, danke«, brachte sie hervor und nahm ihn entgegen. Hastig kramte sie darin nach Münzen und reichte der Frau schließlich das Geld.

»Komm, Caro.« Sie schob die Börse wieder in die schwarze Umhängetasche, dann entfernte sie sich mit der Kleinen von der gaffenden Menschenschlange. »Hier herrscht übrigens Leinenpflicht«, informierte sie den Mann, der mitsamt seinem riesigen Hund neben ihnen her spazierte, als sie das Kioskhäuschen hinter sich ließen.

Er lachte nur. »Wenn ich ihn an die Leine lege, macht er mir das Leben zur Hölle.« Für einen Moment grinste er breit, entblößte dabei eine Reihe makelloser Zähne.

Alexis wartete auf Caro, die versuchte die Verpackung ihres Eises in einen hoffnungslos überfüllten Mülleimer zu stopfen. Der hochgewachsene Mann blieb ebenfalls stehen. Sie schaute woanders hin, bemüht, seine Aufdringlichkeit zu ignorieren. Gleichzeitig stieg in ihr das Verlangen auf, ihn nach seiner Nummer zu fragen. Doch glücklicherweise hatte sie ihre Zunge noch unter Kontrolle und sie konnte sich gerade noch zurückhalten. Anderen Körperteilen erging es jedoch nicht so gut. Sie spürte, wie ihre Beine weich wurden, während sein undeutbarer Blick auf ihr ruhte.

»Könnten Sie jetzt bitte aufhören mich so anzusehen?«, platzte es aus ihr heraus, obwohl sie versuchte sich auf den heißen Kaffeebecher in ihren Fingern zu konzentrieren.

»Wie sehe ich Sie denn an?«, erwiderte er und legte den Kopf leicht schief.

Sein spöttischer Tonfall brachte ihr Inneres zum Beben. Als würden Sie mich ausziehen wollen. Sie schluckte die Worte herunter und schüttelte nur den Kopf.

Caro schleckte mit einem zufriedenen Grinsen an ihrer Zuckerbombe herum und beachtete sie gar nicht. Stattdessen tätschelte ihre freie Hand schon wieder dieses Ungetüm von Hund.

»Jetzt müssen wir aber wirklich los«, drängte Alexis. Bevor sie noch begann, sich unter dem intensiven Blick dieses Kerls zu winden.

»Lassen Sie sie doch in Ruhe das Eis essen.« Er deutete mit der Hand zu der Bank, die neben dem Mülleimer stand. Dabei rutschte der Ärmel seines Hemdes hoch und entblößte schwarze Tinte auf der hellen Haut.

Neugierig sah Alexis ihn an. Verdammt, der Typ hatte definitiv Interesse an ihr! Er sah gut aus, war höflich genug ihr den Geldbeutel hinterherzutragen und war tätowiert. Abgesehen von diesem riesigen Hund schien er auf den ersten Blick ziemlich perfekt zu sein. Irgendwo musste ein Haken sein, sonst wäre er nicht so verzweifelt hinter ihr her.

»Nein, wirklich.« Sie räusperte sich, denn ihr blieb wieder die Spucke weg. »Wir werden schon erwartet.« Entschuldigend hob sie die Schultern und rief nach Caro.

Es fiel der Kleinen schwer, sich von dem Zottelvieh zu trennen, aber Alexis ließ keine Widerworte gelten. Mit klebrigem Mund spazierte das Mädchen neben ihrer Tante her, während Alexis an ihrem Kaffee nippte. Die Annahme, der Kaffee würde wie der von der Tankstelle schmecken, war eindeutig zu optimistisch gewesen. Sie würgte die dünne Brühe hinunter, zerknüllte den Pappbecher und schmiss ihn in einen der Abfallkörbe. Caro warf den Stiel ihres aufgegessenen Eises hinterher.

»War es lecker, Zuckerschnute?«, fragte Alexis lachend.

Caros Lippen leuchteten in Regenbogenfarben und sahen ebenso süß aus wie das Eis zuvor. »Sehr.«

***

Als Alexis ihre Wohnung betrat, lag diese im Dunklen. Kein Wunder, schließlich lebte sie alleine. In keinem der Zimmer leuchtete auch nur eine LED. Ein Seufzen entrang sich ihrer Kehle. »Verdammt!«, fluchte sie lautstark und beleuchtete mithilfe des Handys den Weg zur Küche, in der sich der Sicherungskasten befand. Diesmal umrundete sie den Couchtisch, ohne ihrem Bein erneut einen blauen Fleck zu verpassen. Dafür stolperte sie fast über die drei schwarzen Kerzen, die noch danebenstanden. Sie unterdrückte den Kraftausdruck, der ihr auf der Zunge lag, und öffnete stattdessen den grauen Kasten neben der offenen Küchentür. Alle Sicherungen waren rausgeknallt.

»Ganz große Klasse«, murmelte Alexis und drückte die Schalter – einen nach dem anderen – wieder nach oben. Der Kühlschrank begann leise vor sich hin zu surren. Kopfschüttelnd schaltete sie das Licht ein. Sie hatte keine Ahnung, warum die Sicherungen gleich alle auf einmal rausgeflogen waren.

»Hoffentlich ist das noch nicht lange her«, sagte sie zu sich und öffnete das Tiefkühlfach des silbernen Kombi-Kühlschranks. Sie hatte erst kürzlich Eis-Nachschub besorgt und wollte sich damit heute einfach nur noch vor die Glotze verziehen und dem zehnten Doktor auf seiner Reise durch Zeit und Raum beistehen.

Sie zog die große Packung Schokoladeneis aus dem obersten Fach und öffnete sie. Nur leicht angeschmolzen, also war der Stromausfall noch keine Stunde her. Erleichtert knallte sie die Packung auf die abgenutzte Theke und zog die Schublade auf, um einen Löffel herauszuholen. Einen Esslöffel. Wer Eis mit Teelöffeln aß, gehörte nicht zu den normalen Menschen.

Mit Eis und Löffel bewaffnet stapfte sie ins Wohnzimmer und legte beides auf dem Glastisch ab. Zuerst startete sie den Laptop, um darauf Doctor Who zu streamen. Während das Gerät bootete, entledigte sie sich ihrer Jeans. Der kleine Fleck darauf brachte sie dazu, wieder über den mysteriösen Kerl nachzudenken. Woher hatte er gewusst, dass das Wachs auf ihrer Hose war? Ihr Blick huschte zu dem Kreidekreis und den seltsamen Symbolen drumherum.

»Quatsch«, murmelte sie, warf die Jeans aufs Bett und ließ ihr Oberteil folgen. Sie schlüpfte in ein ausgeleiertes Bandshirt, dessen weiter Ausschnitt eine Schulter freiließ und sank endlich vor ihrem Laptop auf die Couch. Spätestens in einer Stunde sollte sie eigentlich im Bett liegen. Morgen stand wieder eine Frühschicht auf dem Plan, und nachdem sie heute schon zu spät auf der Arbeit erschienen war, sollte sie lieber überpünktlich an der Tankstelle aufkreuzen.

Das Intro erklang. Alexis sah gerade die blaue Polizeinotrufzelle durch das Bild hopsen, als ein unheimliches Leuchten ihre Aufmerksamkeit erregte. »Was …?« Sie richtete sich auf der Couch auf und krabbelte zur Lehne. Ihre Augen weiteten sich. »Das ist unmöglich«, flüsterte sie und starrte auf den Boden.

Die Kreidezeichen leuchteten. Sie flimmerten intensiv, warfen Schatten an die Wände. Vollkommen fassungslos betrachtete sie den von ihr gezeichneten Kreis. Doch es wurde noch abgedrehter. Denn urplötzlich stand ein wildfremder Kerl in ihrem Wohnzimmer.

»Scheiße, verdammt!«, schrie Alexis und sprang vom Sofa auf, den Blick fest auf den Mann gerichtet. Als könne sie sich so beschützen, hielt sie den Löffel mit ausgestreckten Arm vor ihren Körper und fuchtelte wild damit herum.

Der Mann sah keineswegs beeindruckt aus. Er trug schwarze Kleidung, einzig ein rotes Emblem hob sich auf seiner Brust ab. Die dunklen Haare gingen ihm bis zur Schulter. Sein Gesicht lag im Schatten und doch konnte Alexis rot glühende Augen erkennen, die sie finster anstarrten.

Sie schluckte und trat so weit zurück, wie sie es in ihrem beengten Zimmer konnte.

»Ver…« Der Mann räusperte sich. »Versuch nicht zu fliehen.« Seine Worte wurden mit einem fremden und doch melodischen Akzent zu ihr getragen. Es klang seltsam, als wäre diese Sprache schon lange nicht mehr über seine Lippen gekommen.

»Verschwinden Sie aus meiner Wohnung!«, schrie Alexis.

Der hochgewachsene Mann verschränkte die Arme vor dem Oberkörper und verdeckte damit die Stickerei.

»Beruhig dich mal, Mädchen! Habe ich den Herrn der Finsternis beschworen oder du?« Er wies mit einem Arm auf die Kreidezeichen, die immer noch ein eigenartig pulsierendes Licht von sich gaben, welches rötlich schimmerte.

»Was?« Sie starrte den Kerl an. Dann lachte sie erleichtert auf. »O scheiße, ich bin einfach nur eingeschlafen.« Sie ließ den schokoladenverschmierten Esslöffel sinken und entspannte sich. In Wahrheit lag sie sicher auf dem Sofa und war bei Marthas Rumgeheule eingedöst – so musste es gewesen sein. Zur Bekräftigung nickte sie. »Das ist nur ein Traum!«, sagte sie, strahlte den gruseligen Typen an, ging zurück zur Couch und sank wieder auf die weichen Polster. Ihr Gehirn schien sie dafür zu bestrafen, auch nur angenommen zu haben, solch ein dämliches Ritual könne das Leben ihrer Schwester retten.

Der Mann öffnete den Mund, doch bevor er etwas sagte, schloss er ihn wieder.

»Jetzt bist du baff, oder? Du entspringst meiner Fantasie und ich habe dir jegliche Diskussionsgrundlage geraubt.« Zufrieden mit sich selbst rutschte Alexis in eine liegende Position und schloss die Augenlider. Nun musste sie nur noch warten, bis sie frisch und erholt aufwachte, und dann würde sie diesen verdammten Kreidekreis sofort wegschrubben.

Doch als sie unvermittelt hochgehoben wurde und der Kerl sie einfach über seine Schulter warf, fühlte sich das erschreckend echt an. »Hey! Lass mich runter!« Sie versuchte ihren Körper schwerzumachen, trommelte mit Händen und Füßen gleichermaßen auf den Mann ein.

Der Typ blieb unbeeindruckt und es geschah nichts, außer dass ihr Shirt hochrutschte und ihren Hintern und den schwarzen Slip entblößte. Ohne die Gegenwehr seiner Last zu beachten, trat er wieder in die Mitte des leuchtenden Kreidekreises. Er murmelte ein paar Worte vor sich hin, von denen Alexis in ihrem Zorn keines verstand. Verzweifelt bemühte sie sich, ihren halbnackten Körper von seinem wegzudrücken, doch sein Arm umklammerte wie ein Schraubstock ihre Oberschenkel.

Die Zeichen flimmerten erneut auf, doch diesmal wechselte die Farbe von Rot zu einer anderen Farbe, die Alexis kaum beschreiben konnte: Wie schwarze tiefe Dunkelheit sah es aus, dennoch leuchtet es eigenartigerweise. Die Symbole drehten sich im Kreis, wurden schneller, bis sie vor ihren Augen verschwammen und nichts mehr zu erkennen war. Ihre Haare wurden von einem Luftstrom durcheinandergewirbelt und unsichtbare Schattenhände schienen an ihrem Shirt zu ziehen. Statt weiter auf die harten Muskeln ihres Entführers zu schlagen, hob sie nun schützend die Arme vor den Kopf. Der Wind wurde noch kräftiger und zerrte an ihren blonden Haaren. Sie schrie erschrocken auf, als der Sturm abrupt abbrach und sie unsanft auf unebenem Boden abgestellt wurde.

»Meister, wie Ihr befohlen habt: die Menschenfrau.« Ihr Entführer beugte ein Knie und senkte ehrfürchtig sein Haupt.

Alexis schob sich langsam die blau gefärbten Haarspitzen aus dem Gesicht. Sie ließ den Blick über das exakte Abbild ihres Kreidekreises auf rauem Steinboden wandern und hob schließlich den Kopf. Automatisch trat sie einen Schritt zurück. In ihr regte sich der Drang zu fliehen und doch konnte sie nicht wegsehen. Sie starrte den Mann an, der auf einem schwarzen Thron saß und sie ebenfalls musterte.

Vor ihr saß der Schwarzhaarige, dem sie im Park begegnet war. Er lächelte amüsiert, und trotzdem hatte sein Gesicht etwas Gefährliches an sich, etwas, das ihre Fluchtinstinkte weckte. Bevor es zu spät war.

»Hallo, kleine Hexe.«

Drei

»Wenn du endlich damit fertig bist, mich anzustarren, knie nieder.« Der Kerl brachte es tatsächlich fertig, ihr trotz der Situation ein süffisantes Grinsen zu schenken.

»Sorry, das ist meine erste Entführung. Ich kenne mich mit den Verhaltensregeln in so einem Fall nicht aus«, giftete Alexis zurück. Doch sie dachte nicht einmal daran, auf die Knie zu gehen. Stattdessen ließ sie möglichst unauffällig den Blick durch den Raum schweifen. Der Gedanke, bestimmt noch zu träumen, gefiel ihr deutlich besser als die Vorstellung, dass dies die Realität sein könnte. Sie befand sich in einer großen Höhle, deren Wände aus einer Art porösem Stein waren. Bis auf den Thron, der ebenfalls aus einem dunklen Gestein bestand, das sie an erstarrte Lava erinnerte, war dieser Ort kahl gehalten.

»Keine Sorge, dir wird nichts geschehen.«

Noch nicht.Trotz des beunruhigenden Gedankens brachte seine tiefe Stimme ihr Herz tatsächlich dazu, sich zu beruhigen und etwas langsamer zu schlagen. Er hat dich entführen lassen, schalt sie ihr Inneres und schnaubte. »Keine Sorge«, ahmte sie ihn leise nach. »Sehr witzig.«

Der Mann, der sie hierhergebracht hatte, zuckte neben ihr zusammen. Er erhob sich und fixierte sie. Seine Augen sprühten zornige Funken, die in ihr den Drang weckten zurückzuweichen. »Du redest mit Satan, also mäßige deinen Ton, Menschenfrau, bevor der Meister entscheidet, dass du in der Seelengrube endest.«

Alexis starrte den Verrückten irritiert an. »Satan? Der Satan?«, wiederholte sie die Worte und wandte sich wieder dem Mann aus dem Park zu. »Warum bin ich hier?«, verlangte sie zu wissen. Wer auch immer der Typ vor ihr auf dem Thron war, sie hatte das Recht zu erfahren, was hier eigentlich abging. Satan. Sie schüttelte den Kopf.

Erst als sie bemerkte, wie er sie musterte, sah sie an sich herab. Sie schluckte und zerrte den Saum ihres oversized Shirts nach unten. Der Stoff bedeckte gerade noch ihren Hintern, doch bei jeder Bewegung wurde ihr schwarzer Slip sichtbar. Das ideale Outfit, um verschleppt zu werden. Sie warf ihrem Entführer einen giftigen Blick zu und sah sich dann demonstrativ in der Höhle um.

Dieser Kerl war eindeutig wahnsinnig. Hielt sich für den Herrn der Unterwelt! Ließ von seinen Leuten irgendwelche Frauen verschleppen! Was sie brauchte, war eine Fluchtmöglichkeit, bevor dieser Psychopath begann seine kranken Fantasien an ihr auszuleben. Doch an der einzigen Tür standen zwei weitere seltsam gekleideten Männer. Auf deren Köpfen befanden sich … Hörner! Kurze dunkelbraune Hörner. Einer der beiden bewegte sich in diesem Augenblick ein wenig, und sie entdeckte zusammengefaltete Schwingen an den Rücken der Männer. Flügel!

Sie schnappte nach Luft. Schwindel breitete sich in ihr aus, vor ihren Augen begann es zu flirren. Das muss Einbildung sein! »Lass es bitte ein Traum sein«, flehte sie leise, dann atmete sie tief durch. In der Luft lag der Geruch von Schwefel, doch es war zu wenig, um unangenehm zu sein. Sie stolperte zurück, stieß dabei gegen ihren Entführer und schrie auf, als seine Finger ihren Oberarm umfassten. Er hielt sie fest, damit sie nicht zu Boden ging.

»Meister, ich vermute, die Frau hyperventiliert«, hörte sie den Mann sagen. An seiner Stimme war keinerlei Gefühlsregung zu erkennen. Alexis brachte keinen Ton heraus. Alles in ihr rebellierte, schrie nach Luft.

»Raus, Samael. Sie hat Angst vor dir.« Satan sah zu seinen Wachen und nickte ihnen zu. »Für euch gilt dasselbe.«

»Aber …«

Ein Blick genügte, um seinen Untergebenen verstummen zu lassen. Widerworte galten hier nicht. »Sie ist eine Menschenfrau. Von ihr geht keine Gefahr aus.« Er erhob sich von dem dichten Fell auf dem Thron, und seine hochgewachsene Gestalt ließ ihn bedrohlich wirken. »Oder denkst du, ich komme mit der Kleinen nicht klar?«

Mit gesenktem Kopf eilten die Männer aus dem Raum und schlossen hinter sich die Tür.

Sie las Neugier in seinen Augen, als er auf sie zutrat. Zitternd starrte Alexis ihn an, schaffte es kaum, ausreichend Luft in ihre Lungen zu bekommen.

»Atme durch.« Erst als er die Hand auf ihre nackte Schulter legte, kam sie seinen Worten nach. Die leichte Hypnose wirkte sofort und beruhigte sie. Endlich konnte sie wieder tief durchatmen und ihr aufgewühltes Inneres besänftigte sich etwas. »Du hast mich beschworen und nun gibst du dich schockiert, weil ich dich tatsächlich erhört habe?«

Alexis schüttelte entgeistert den Kopf. »Ich habe dich nicht beschworen! Nie im Leben wäre ich auf die Idee gekommen, mit dem Teufel einen Pakt zu schließen!« Sie trat zurück und seine Hand rutschte von ihrer nackten Schulter. Sie konnte nicht aufhören ihn anzustarren, obwohl sie sich blöd dabei vorkam. Doch sie wollte einfach nicht glauben, nicht einmal in Betracht ziehen, dass dieser Mann vor ihr tatsächlich Satan war. Der Teufel.

»Na wunderbar.« Sein übertrieben theatralisches Seufzen hallte von den Wänden wider. »Ich habe tatsächlich gedacht, dass ihr Menschen mal wieder in den Genuss meiner Macht kommen wollt.« Satan drehte sich um und schlenderte zu seinem Thron zurück. Er ließ sich auf das weiche Fell nieder und lehnte sich entspannt zurück. »Bestimmt ein Schreibfehler. Alles nur wegen eines Schreibfehlers«, sagte er murrend. Fast meinte Alexis, Enttäuschung in seinem Blick wahrzunehmen.

Störrisch reckte sie das Kinn in die Luft. »Ich habe alles genauso gemacht, wie es im Buch steht.«

Sein Lachen kam so überraschend, dass sie ängstlich zusammenzuckte. »Ein Buch? Wie niedlich.« Er beugte sich nach vorne und neigte den Kopf zur Seite, wobei ihm die dunklen Haare ins Gesicht fielen. »Es gibt Menschen, die studieren ihr Leben lang für solch ein Ritual, ohne dass es ihnen jemals gelingt, mich zu beschwören. Und du, kleine Hexe, liest ein Buch?« Er stützte die Arme auf seinen Beinen ab. »Verrate mir doch, welches Ritual du eigentlich durchführen wolltest.«

Selbst jetzt noch, wo sie anscheinend den Herrn der Finsternis gerufen hatte, war es ihr peinlich zuzugeben, dass sie versucht hatte zu zaubern.

»Eine Beschwörung zur Gesundwerdung.«

Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, verstand er bei ihrem leisen Gemurmel kein Wort. Fragend hob er die Augenbrauen.

Genervt wiederholte Alexis den Satz etwas lauter. »Eine Beschwörung zur Gesundwerdung! Ich bin keine Hexe!« Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Jetzt, nachdem sich der erste Schreck langsam verflüchtigt hatte, stieg Hitze in ihr auf. Es war verdammt warm und sie verstand kaum, wie Satan es in den langen Hosen hier aushielt.

Aufmerksam sah er sie an. »Aber nicht für dich«, stellte er fest. »Du bist gesund.«

Sie fragte erst gar nicht nach, woher er das wusste. Sie nickte. »Meine Schwester ist krank. Sehr … krank.« Es auszusprechen tat weh. Mühevoll drängte sie die Tränen zurück, bevor sie noch vor dem Irren anfing zu heulen. Sie sah zu ihm hinüber. Die Finger seiner rechten Hand spielten mit einem Gegenstand, den sie nicht erkennen konnte, auf der breiten Lehne des Throns.

»Interessant. Sonst verlangt es die Menschen, die mir gegenüberstehen, immer nach Macht und Schönheit.«

»Interessant?«, schnaubte sie. »Katastrophal trifft es eher! Sie hat eine kleine Tochter und einen Mann …« Wie konnte er es wagen, ein solches Schicksal als interessant zu bezeichnen? Es war grausam!

»Die Kleine von heute Nachmittag?«, unterbrach Satan ihre Gedanken. Seine Finger hielten in ihrer Bewegung inne.

Alexis nickte.

Satan seufzte. Es hatte den Anschein, als ringe er mit sich selbst, doch dann stand er auf und durchquerte den Raum mit großen Schritten. »Die Kleine war niedlich. Sie mag meinen Hund.«

»Tut sie«, pflichtete Alexis ihm bei. Er stand plötzlich so dicht vor ihr, dass sie nur den Arm hätte heben müssen, um seine Brust zu berühren. Sie gehörte nicht zu den kleinsten Frauen, neben ihm wirkte sie allerdings winzig. Jedenfalls fühlte sie sich so.

Er beugte sich zu ihr hinunter, schob dabei die Hände in die Hosentaschen seiner orientalisch anmutenden Lederhose. »Ich kann das Leben deiner Schwester retten«, versprach er.

»Wirklich?« Alexis’ Herz begann schneller zu schlagen. Sie wagte es, den Kopf zu heben und seinen Blick zu erwidern. Seine dunklen Augen schimmerten nun grün und fesselten sie erneut. Er nickte ihr sachte zu.

»Bevor wir über die Details sprechen«, er schlenderte zurück zu seinem Thron und nahm darauf Platz, »geh auf die Knie.«

»Was?«

»Du hast mich verstanden. Knie nieder.«

Satan machte nicht den Eindruck, als würde er scherzen. Ihrem ganzen Sein widerstrebte es aber, vor ihm das Knie zu beugen und sich ihm auf diese Weise zu unterwerfen. Sie holte Luft, doch der Knoten in ihrem Inneren, den dieser Befehl in ihr verursachte, ließ sich dadurch nicht lösen.

»Ganz sicher nicht!« Sie trat auf ihn zu und deutete mit dem Finger auf ihn. »Du hast mich hierher entführen lassen und nun soll ich vor dir auf dem Boden herumrutschen? Ich glaube, du spinnst!«

Überrascht hob Satan die Augenbrauen, bevor er sich etwas weiter vorbeugte. »Ist das dein Ernst? Du wagst es, den Befehl zu verweigern?« Ein Anflug von Bewunderung glitzerte in seinen Augen, während er Alexis belustigt ansah.

»Ich weiß nicht, wie das hier in der Hölle abläuft, aber ich bin keine deiner Untertanen oder wie du die Leute hier nennst. Deshalb werde ich nicht vor dir niederknien.« Die Arme vor dem Körper verschränkt erwiderte sie seinen Blick und tat ungerührt. Gleichzeitig schlug ihr das Herz bis zum Halse.

Sein Lachen erfüllte den Raum, obwohl Alexis erwartet hatte, dass er sie für ihren Ungehorsam direkt rausschmeißen würde.

»Du wirst noch vor mir niederknien. Dafür werde ich sorgen, kleine Hexe.« Er neigte den Kopf zur Seite. »Aber wechseln wir das Thema. Ich bin ein Freund klarer Worte. Was gibst du mir für das Leben deiner Schwester?«

Bäm. Die Worte trafen sie wie ein Schlag in die Magengrube. Viel hätte nicht gefehlt und sie wäre doch auf die Knie gesunken.

»Wie bitte?«

»Was erhalte ich im Gegenzug?« Er neigte sich noch weiter vor, sodass ihr sein Geruch in die Nase stieg. Er roch nach Feuer, Staub und Sand – eine betörende Mischung, die drohte, ihr Gehirn außer Gefecht zu setzen. »Oder dachtest du etwa, Satan hilft dir, ohne eine Gegenleistung zu verlangen?« Er wirkte amüsiert.

»Du widerlicher …«, begann Alexis, doch ihr fiel kein Schimpfwort ein, das auch nur annähernd ihre Gefühle ausgedrückt hätte.

»Ich bin Satan. Der Teufel. Ein gefallener Engel.« In unmenschlicher Geschwindigkeit war er aufgestanden und stand nun vor ihr. Seine Finger umfassten ihre nackten Arme. »Was glaubst du wohl, weshalb ich so tief gestürzt bin? Sicher nicht, weil ich ein großes Herz habe.« Er zog sie an seine Brust.

Alexis spürte … nichts. Kein Pochen. Kein regelmäßiger Herzschlag. Nur ein leises Rauschen war zu hören. Dennoch wagte sie es, für einen Moment die Augen zu schließen – sein Geruch war überwältigend und schaffte es, jeglichen Fluchtgedanken auszuhebeln.

»Hörst du. Nichts. Mein Herz und meine Seele wurden mir vor langer Zeit geraubt.« In seiner Stimme lag keinerlei Bedauern. »Und glaube mir: Ich vermisse weder das eine noch das andere.«

Er schob Alexis von sich, und endlich reagierten ihre Instinkte wieder. Sie trat einen Schritt zurück, als könne sie das vor ihm beschützen.

»Also?«, fragte Satan erneut.

Alexis blinzelte. Fieberhaft überlegte sie. Sie hatte nichts, was sie Satan anbieten konnte. Außer ihrer Seele. Weder Geld noch sonstige Kostbarkeiten.

»Ist das mit den Seelen noch aktuell?«, wollte sie wissen, ohne darüber nachzudenken, was sie ihm da gerade vorschlug. Doch um das Leben ihrer Schwester zu retten, würde sie selbst ihre Seele hergeben, ohne zu zögern.

»Was denkst du denn?«, erwiderte er und richtete sich auf. »Aber Seelen … die gibt es im Überfluss. Die Seelengrube ist voll davon. Die Menschheit ist verwildert, ist schon lange dem Untergang geweiht. Ihr würdet eure Seele sogar für WLAN-Empfang und Facebook-Likes hergeben.«

Sie schluckte. War das ein Nein? Ihr Magen verkrampfte sich und Übelkeit stieg in ihr auf. Etwas anderes hatte sie nicht. Und was war es überhaupt für eine Frechheit von ihm anzudeuten, dass Seelen keinen Wert mehr hätten?

»Es muss doch was geben …« Der flehende Unterton in ihrer Stimme ekelte sie selbst an. Doch die Aussicht, irgendwie ihrer Schwester helfen zu können, brachte sie dazu, sich zu überwinden.

»Es gibt genug, was einem Dämon wie mir Freude bereitet. Streng dein hübsches Köpfchen ein wenig an.«

»Du bist Satan. Wahrscheinlich hast du alles, was du brauchst und willst! Was könnte ich dir außer meiner Seele anbieten?«

»Samael!«, bellte Satan auf einmal, drehte sich im selben Moment weg und trat auf seinen dunklen Thron zu.

Wie erstarrt blieb Alexis auf der Stelle stehen und sah seinem breiten Rücken hinterher. Satan trug ein enges Shirt, das kaum einen Muskel verbarg. Sie spürte einen warmen Luftzug von hinten durch ihr Haar wehen und wusste, ohne sich umdrehen zu müssen, dass die hölzerne Tür offenstand.

»Ja, Meister?« Samael näherte sich dem Thron und hielt etwa zwei Meter davor an. Er senkte den Kopf, während er auf eine Antwort wartete.

»Bring die Frau zurück«, wies Satan ihn an. Sein Blick lag ungerührt auf ihr, als er erneut zu seinem Untergebenen sprach. »Sie hat nichts, was von Wert für mich ist. Ich gebe ihr vierundzwanzig Stunden Zeit, dann erhält sie eine letzte Chance.«

»Wie Ihr wünscht.« Samael straffte den Rücken und kam auf Alexis zu. Er griff nach ihrem Arm. Bevor seine Finger sich wie Stahl um ihren Arm krallen konnten, wich sie ihm aus.

»Ich habe dir etwas angeboten! Nimm meine Seele, bitte!« Verzweiflung stand in ihren blauen Augen, als sie zu Satan sah.

»Das ist nicht genug.« Er schüttelte den Kopf. »Und Alexis? Egal, wie unsere Verhandlungen enden werden: Denk immer daran, wen du vor dir hast, kleine Hexe.«

***

Es gefiel ihm, musste er sich eingestehen. Ihr Starrsinn und die Unfähigkeit, wahrhaftige Angst vor ihm zu empfinden, machten die Frau irgendwie interessant.

Mit ihr zu spielen, würde ihm viel Freude bereiten …

Vier

In dieser Nacht fand Alexis kaum Schlaf. Unruhig drehte sie sich von einer Seite auf die andere, bis sie aufgab. Schlurfend betrat sie die Küche und befüllte den Wasserkocher. Sie kochte sich einen Tee und ging dann vorsichtig zurück ins Nebenzimmer, wo sie das Trinkgefäß auf dem Glastisch abstellte. Sie nahm Platz, vermied dabei, den Blick zum Kreidekreis wandern zu lassen. Stattdessen starrte sie angestrengt auf den Tisch. In ihrem Kopf ging es schlimmer zu als in einem Stall gackernder Hennen und der Mittelpunkt all ihrer wirren Gedanken war Satan.

Falls dieser Typ tatsächlich Satan war und sie nicht in einer vollkommen abgedrehten und überraschend echt wirkenden Folge von Verstehen Sie Spaß? gelandet war, dann … Ihr fiel nichts ein, um den Satz adäquat zu beenden. Sie ließ die Stirn auf ihre nackten Knie sinken, schloss die Augen und versuchte bewusst zu atmen. Der Brombeerduft ihres Tees stieg ihr in die Nase, doch die beruhigende Wirkung blieb diesmal aus.

»Scheiße!«, fluchte sie und richtete sich schwungvoll wieder auf. Dieser Mann spukte in ihrem Kopf herum und leider war ihr nicht klar, aus welchem Grund. Weil er sie entführt hatte, weil er behauptete Satan zu sein, weil er einfach verdammt sexy aussah, trotz seiner Höllenfürst-Attitüde? Sie wagte es, den Kreidekreis anzusehen. Ein kaum bemerkbares Leuchten ging von ihm aus. Alexis stand auf und machte das Licht aus. Vorsichtig näherte sie sich den Zeichen. Sie zögerte kurz, dann nahm sie auf dem Boden Platz. Es hätte sie nur wenige Handgriffe gekostet, um den Kreis aus Kreide mitsamt den Symbolen und dem Pentagramm wegzuwischen. Doch Samael hatte ihr befohlen diesen nicht anzufassen. Ansonsten wäre ihre zweite Chance direkt erloschen. Sie starrte auf den leuchtenden Kreis. Mit jeder Minute, die dabei verging, wurden die Gedanken in ihrem Kopf langsamer. Eine seltsame Ruhe begann sie zu erfüllen und ließ ihre Glieder schwer werden. Auf allen vieren schaffte sie es auf die Couch. Bevor sie die Fleecedecke über ihren Körper ziehen konnte, fielen ihr die Augen zu und sie sank in einen traumlosen Schlaf.

***

Nach der kurzen Nacht fühlte sich Alexis den ganzen Tag lang erschöpft und ausgelaugt. Doch sie sah dem erneuten Treffen mit Satan etwas beruhigter entgegen und schaffte es sogar, etwas Positives an diesem Abend zu sehen. »Erstens«, zählte sie vor dem Spiegel auf, »werde ich heute Nacht nicht entführt. Zweitens, ich bin angezogen.« Definitiv besser als nochmal halbnackt vor Satan und seinen Vasallen zu stehen.

»Und da alle guten Dinge drei sind, weiß ich jetzt auch, was ich Satan anbieten kann.« Obwohl der Gedanke daran, sie beinahe vor Scham im Boden versinken ließ, versuchte sie ihr Spiegelbild anzulächeln. Doch es war mehr eine Grimasse als ein Lächeln. Schnell verließ sie das Badezimmer.

Bald waren die vierundzwanzig Stunden um und Samael würde erneut in ihrem Zimmer erscheinen. Mit verschränkten Armen beobachtete sie den Bannkreis.

Einige Minuten vergingen, aber es tat sich immer noch nichts. Sie lehnte sich auf dem Boden sitzend gegen die Couch. Gedankenverloren zog sie die Augenbrauen zusammen. Während sie ihre Kreidekritzelei, die das Tor zur Hölle darstellte, im Blick behielt, kamen ihr Satans Worte in den Sinn. Sie beschloss im Zauberbuch nachzusehen, was bei ihrem Ritual schiefgelaufen war. Und dass etwas schiefgelaufen sein musste, war ihr mehr als bewusst – immerhin hatte sie auf einmal vor dem Fürsten der Hölle gestanden … Sie stieß sich von der Couch ab und suchte nach dem dicken Wälzer. Doch sie fand das Buch nicht. Gerade wollte sie aufgeben, als ihr einfiel, dass sie den Wälzer unters Bett gekickt hatte.

Alexis ging vor dem Bettgestell auf alle viere. Unter dem Bett war kaum etwas zu erkennen, deshalb tastete sie blind nach dem Schmöker. Bevor sie ihn zu fassen bekam, vernahm sie ein Räuspern. Sie schreckte auf, und ihr Kopf knallte gegen die metallene Bettkante. »Au!«, stieß sie hervor und rieb sich mit der Handfläche den Hinterkopf. Finster sah sie Samael an, der ungerührt im Zentrum des Kreidekreises stand. Doch ein kleines Zucken war in seinem Mundwinkel zu erkennen – Satans ergebener Diener war also doch kein Eisklotz.

»Dein Timing ist miserabel«, teilte sie ihm mit und richtete sich auf. Ihr Hinterkopf pochte weiterhin unangenehm. Als sie stand, war ihr für einen Moment schwindelig. »Geht schon«, beschwichtigte sie Samael, der näher getreten war.

»Bist du dann so weit? Satan wartet nicht gerne.«

»Das kann ich mir vorstellen.« Alexis verdrehte die Augen.Verwöhntes Höllenpack.

***

Samael geleitete sie durch das Portal in die Hölle. Als der warme Luftwirbel um sie herum sich gelegt hatte, stellte Alexis fest, dass sie in derselben Höhle gelandet waren wie beim letzten Mal.

Doch bis auf Satan war der Raum diesmal leer und die Holztür, an deren Innenseite metallene Verstrebungen befestigt waren, war geschlossen.

»Alexis.«

Ihren Namen aus seinem Mund zu hören, ließ sie erröten. Die Art, wie er ihn aussprach, brachte etwas in ihr zum Erbeben. Sie schluckte und bemühte sich darum, die Fassung zu wahren.

»Dein Outfit von gestern hat mir besser gefallen«, sagte er, während er sich von seinem Thron erhob und die beiden Stufen nahm, die vom Podest hinunterführten. Er war gekleidet wie am Abend zuvor.

Sie spürte, wie ihre Wangen heiß wurden, und ballte die Hände. »Mein halbnackter Körper ist anderen vorbehalten«, erklärte sie und versuchte seinen Blick gleichgültig zu erwidern. Er hob einen Mundwinkel, doch der Moment war so schnell vorüber, dass sie in Betracht zog, sich sein Grinsen nur eingebildet zu haben.

»Also, kleine Hexe, was bietest du mir an?«, wollte er wissen. Langsam und geschmeidig wie ein Raubtier, das auf Beute lauerte, kam er näher.

Ihre Knöchel knackten, als sie die Fäuste fester ballte. Ihr Blick glitt an seinem ansehnlichen Körper hinab, bis sie den Boden anstarrte. Erneut flutete Schamesröte ihr Gesicht. Doch sie versuchte die Verlegenheit beiseitezuschieben und hob den Kopf. Sie verdrängte den dicken Kloß in ihrem Hals mit einem tiefen Atemzug und straffte die Schultern. Dann gelang es ihr, den Mund zu öffnen.

»Schick Samael raus.«

»Was?« Satan stand nur noch wenige Schritte von ihr entfernt und verschränkte nach ihren Worten die Arme vor der breiten Brust.

»Bitte«, fügte sie mit gequälter Stimme hinzu.

Satan presste die Lippen aufeinander, dann nickte er Samael zu. »Warte draußen.«

Ohne zu zögern, setzte dieser sich in Bewegung und die Tür fiel hinter ihm zu.

»Jetzt sprich.« Neugier blitzte in Satans Augen auf. »Was ist dir so unangenehm, dass meine Untergebenen es nicht erfahren dürfen?«

Alexis schloss die Augen. Sie konnte ihn bei den folgenden Worten nicht ansehen. »Ich biete dir meine Unschuld.«

»Wie bitte?« Abrupt überbrückte er die geringe Distanz zwischen ihnen.

»Ich wiederhole es nicht.« Sie senkte den Kopf, um ihr tiefrotes Gesicht zu verbergen. Es einmal auszusprechen, war peinlich genug. Ein weiteres Mal würde sie diesen Satz nicht über die Lippen bringen.

»Du bist eine Jungfrau?« Er legte zwei seiner langen Finger unter ihr Kinn und hob es an. Sein Blick bohrte sich in ihren und es fühlte sich an, als sähe er in sie hinein.

»Ja, verdammt.« Sie drehte ihr Gesicht verschämt zur Seite und starrte zu Boden. Bei dieser Bewegung entwand sie sich seinem Griff, doch statt die Hand sinken zu lassen, fuhr er leicht die Konturen ihres Unterkiefers nach, bis er an ihrer Wange ankam. Dort strichen seine Fingerspitzen eine störrische Haarsträhne hinter ihr Ohr zurück.

»Einverstanden. Ich rette das Leben deiner Schwester.« Als sie die Worte hörte, fiel ein Teil der Anspannung ab. Für einen Moment durchflutete sie eine Welle der Erleichterung. Doch dann sprach Satan weiter. »Dafür erhalte ich eine Nacht mit dir. Eine Nacht, in der ich mit dir tun und lassen kann, was ich möchte. Eine Nacht, um dir die Unschuld zu rauben.«

Ihr Atem stockte. Er senkte den Kopf zu ihr hinunter, seine verboten weichen Lippen wanderten von ihrer Wange zu ihrem Ohr. »Aber das ist nicht alles«, fuhr er fort. »Du wirst vor mir niederknien, kleine Hexe. Ansonsten sind unsere Verhandlungen an dieser Stelle beendet.«

Der Drang zu widersprechen ließ sie den Mund öffnen – ohne ein Wort zu sagen, klappte sie ihn wieder zu. Valerie kam ihr in den Sinn. Ihre Schwester, gebeutelt von der Chemotherapie. Caro, die es wie jedes Kind verdient hatte, mit einer Mutter aufzuwachsen. Konnte Satan sie wirklich retten?

Sie presste die Lippen fest aufeinander und neigte ein Knie auf den porösen Steinboden. Den Kopf hielt sie dabei hoch erhoben. Mehr Unterwürfigkeit brauchte dieser seltsame Mann nicht erwarten.

Mit verschränkten Armen stand er vor ihr und sah auf sie hinab. Sein Lächeln zeigte, wie sehr er mit dem Anblick zufrieden war. Mit einer Handbewegung bedeutete er ihr, dass sie sich wieder erheben durfte.

»Deal?«

Der Geruch nach heißem Sand und Schwefel ließ sie erschaudern. Statt einer Antwort nickte sie und erhob sich wieder.

»Du musst es aussprechen«, sagte er und trat zurück.

»Deal«, bestätigte sie leise. Zu mehr Worten fühlte sie sich nicht in der Lage. Ein brennender Schmerz folgte und ließ sie zusammenzucken. »Was zum …?« Sie zerrte ihr Shirt nach oben, ohne sich darum zu kümmern, dass sie ihren Bauch entblößte. Über ihrer linken Hüfte war ein Mal erschienen. Die Haut an dieser Stelle pochte unangenehm.

»Was soll das?« Sie hob den Blick und funkelte Satan wütend an.

»Keine Sorge. Sobald du deinen Teil unserer Abmachung erfüllt hast, wird das Mal verschwinden. Bis es so weit ist, weiß jeder Dämon, dass du in meiner Schuld stehst.«

Mit offenem Mund sah sie ihn an. »Dafür musst du mich mit einem Brandzeichen versehen, als wäre ich deine Kuh?« Sie fuhr mit den Fingern über das Mal, doch es hob sich nicht von ihrer unversehrten Haut ab.

»Außer Dämonen und dem Schuldiger kann es niemand sehen. Kein Mensch wird es bemerken, also reg dich nicht unnötig auf.«

»Bravo«, murmelte sie tonlos und ließ den Stoff ihres Shirts fallen.

Satan entfernte sich von ihr, trat zum Podest hinauf und nahm Platz. »Du kannst jetzt gehen. Ich kümmere mich um deine Schwester. Es wird ein paar Tage dauern, aber sie wird überleben.«

»Danke.«

Er schüttelte den Kopf. »Dafür ist kein Dank nötig. Schließlich bekomme ich eine einmalige Gegenleistung.« Einen kurzen Augenblick lang sah sein Gesicht ernst aus, doch in der nächsten Sekunde legte sich ein zufriedenes Grinsen auf seine Lippen.

Sofort war es Alexis, als spüre sie erneut seinen Mund an ihrer Wange. Sie legte die Hand auf die Stelle.

Ein warmer Lufthauch fuhr von hinten in den Raum. »Die Schwarze Königin verlangt nach Euch, Meister.« Samael, wie Alexis an der Stimme erkannte.

Nur für einen kurzen Moment wurde das dunkle Grün in den Augen Satans heller, fast sofort wechselte die Farbe wieder ins Dunkle. Er nickte. »Ich komme. Bring du die Hexe zurück. Du wirst auf sie aufpassen, bis unsere Abmachung erledigt ist.«

»Heißt das …«

»Ja, genau. Ich weiß, du hasst es, doch so fällst du auf der Erde am wenigstens auf.«

»Hey, ich brauche keinen Beschützer!«, unterbrach Alexis die beiden und stemmte die Arme in die Hüfte.

»O doch, jetzt schon.« Samael nickte zu der Stelle an Alexis’ Seite, an der das Mal erschienen war. Anscheinend sah oder spürte er es trotz ihrer Kleidung. »Wer auch immer sich mit meinem Meister anlegen will, muss dafür ab heute nur eine kleine Menschenfrau schnappen.«

»Mach dem Mädchen keine Angst und bring sie zurück.« Satan erhob sich und durchschritt den Raum. Ohne sich noch einmal nach ihr umzudrehen, schritt er durch die Tür. Es fühlte sich für Alexis wie eine Abweisung an.

»Na komm schon.« Samael bedeutete ihr zu ihm in den Kreis zu treten.

Alexis gehorchte. Entweder begann sie zu akzeptieren, dass dies kein Traum war, oder sie musste sich eingestehen, dass sie nun komplett irre geworden war.

Fünf

Der Handywecker klingelte unerbittlich. Das erste Mal schien Alexis ihn überhört zu haben, denn nun erklang das Lied, welches sie der zweiten Weckzeit zugewiesen hatte. »Scheiße«, murmelte sie und tastete blind auf der Matratze nach ihrem Handy. Doch anstelle des Geräts fanden ihre Finger … Haare. Viele Haare, die nicht zu ihrem eigenen Haarschopf gehörten. Sie riss die Augen auf und setzte sich auf. Mit einem Mal war sie hellwach. Entsetzt starrte sie das Tier an, das sich neben ihr breitgemacht hatte.

»Raus aus meinem Bett!« Sie schob das widerspenstige Vieh zur Seite und erreichte endlich ihr Smartphone. Gähnend drückte sie die Wecker-App weg und rieb sich übers Gesicht. Sie war versucht sich noch mal hinzulegen, doch der flüchtige Gedanke an ihren Chef hielt sie davon ab.