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Die Zeit gerät aus der Spur. Geschichte ist kein fester Block, sondern etwas, das kippen kann. Und manchmal reicht ein einziger Fehler, um das Schicksal eines ganzen Reiches neu zu schreiben.
„Hallo Alex“ ist eine anspruchsvolle Zeitreise-Novelle, die historische Fiktion mit philosophischer Tiefe verbindet. Ausgangspunkt ist eine ebenso schlichte wie brisante Idee: Eine Archäologiestudentin aus der Gegenwart wird achthundert Jahre zurückgeschleudert, in eine Epoche, deren Verlauf sie kennt und deren Tragik sie nicht ignorieren kann. Sie landet in den letzten, gefährlich stillen Momenten vor einer Katastrophe, die das Byzantinische Reich erschüttern wird.
Vor dieser Kulisse erlebt Anita, eine junge Studentin aus Deutschland, den Niedergang aus nächster Nähe. Was in Lehrbüchern wie eine Abfolge von Daten wirkt, hat hier Gesichter, Stimmen und Konsequenzen. Ihre unfreiwillige Reise führt sie ausgerechnet zu Alexios Angelos, einem Prinzen, der in vielen Darstellungen zur Projektionsfläche geworden ist: vereinfacht, verdächtigt, abgestempelt. Anita begegnet ihm nicht als Legende, sondern als Mensch, und genau daraus entsteht Spannung.
Denn Wissen ist in dieser Geschichte keine Superkraft, sondern eine Last. Anita versucht, behutsam Einfluss zu nehmen, ohne das ohnehin fragile Gefüge der Ereignisse zu zerreißen. Jede Entscheidung verlangt Abwägung, jeder Schritt hat ein Echo. Wie viel Eingreifen ist Verantwortung und ab wann wird es Anmaßung? Was bedeutet Schweigen, wenn man ahnt, was kommt? Und welche Schuld trägt, wer die Möglichkeit hätte, etwas zu verändern, sie aber nicht nutzt?
Entdecken Sie noch heute diese„Hallo Alex“ als fesselnde Zeitreise!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 123
Veröffentlichungsjahr: 2026
Hallo Alex
Kurzgeschichte von
Annamaria Marta Furedi
Bearbeitung und Korrekturlesen von
Tim Fleischer
Es war ein Spätwintertag Ende Januar in Tübingen. Draußen stand die Sonne klar am Himmel und warf ihr Licht schräg ins moderne Klassenzimmer, direkt in die Ecke neben dem Lehrertisch. Professor Dr. Martin B. Hausen zog seine Vorlesung wie gewohnt durch, nur dass sich heute alles um die Themenprüfung Ende Februar drehte. Anfang vierzig, sportlich, geschniegelt, als wäre Gesundheit für ihn kein Vorsatz, sondern Routine. Er trainierte regelmäßig, mied Zucker, und obwohl er längst emeritiert war, stand er erstaunlich oft vor Hörsälen renommierter Unis. Ein paar Fernsehauftritte als Experte hatte er ebenfalls hinter sich.
Trotzdem wirkte er heute anders. Zerstreuter. Anita fiel es sofort auf. Vielleicht war er gedanklich schon auf der Skipiste, bei dem Winterurlaub, den er und seine Frau ab nächster Woche wie jedes Jahr ansteuerten.
Für die Prüfung hatte er drei Kapitel angesetzt, alle zur byzantinischen Geschichte. Ausgerechnet. Anitas persönlichstes Hassfach. Ihr Ding war etwas anderes: klassische Archäologie, klar, aber vor allem das Leben und die Verwaltung der mittelalterlichen italienischen Provinzen. Darüber schrieb sie ihre Abschlussarbeit, und der Großteil war bereits erledigt. Trotzdem musste sie durch den byzantinischen Teil durch. Da gab es kein Drumherum.
Diese endlosen Reihen merkwürdig benannter Kaiser und Generäle, die sich gegenseitig überfielen, Feldzüge kreuz und quer, Intrigen ohne Ende, das alles ließ sie kalt. Es interessierte sie einfach nicht. Aber wenn sie’s lernen musste, dann lernte sie’s eben.
Mittags saß sie mit Betti in der Cafeteria um die Ecke. Betti, groß, blond, Basketballerin, ebenfalls in klassischer Archäologie. Seit drei Jahren wohnten sie zusammen im Studentenwohnheim, und ein paar Ausflüge hatten sie auch schon gemeinsam gemacht.
Dieses Jahr allerdings wohnte Anita nicht mehr im Wohnheim. Nicht, weil sie plötzlich keine Lust auf das Leben dort gehabt hätte, sondern weil die Bedingungen strenger geworden waren. Es gab mittlerweile so viele Bewerber, dass man sich dort wählerisch leisten konnte. Dazu kamen die Preise. Ein Zimmer kostete inzwischen fast so viel wie eine mittelgroße Mietwohnung. Wozu also der Stress, wenn man sich auch gleich eine eigene Wohnung nehmen konnte? Mehr Platz. Mehr Ruhe. Und vor allem Freiheit. Keine Hausregeln, kein ständiges Gefühl, jemand könnte bestimmen, wann man zu kommen oder zu gehen hatte.
Nach dem Nachmittagsunterricht fuhr sie direkt heim. Sie war schlicht fertig. Im Zug blätterte sie hastig durch ihre Griechisch-Notizen und aktualisierte auf dem Handy die Liste mit Quellen, die sie für die Prüfung noch durchgehen wollte. Dafür nutzte sie eine App, so eine kleine, sauber aufgebaute Datenbank. Sie mochte diese Ordnung. Sie war sogar ein bisschen stolz darauf, wie ernst sie das Studium nahm. Ordnung, sagte sie oft, hatte sie von ihrem Vater. Von ihm hatte sie auch ihr rotbraunes Haar und diese mittelblauen Augen.
Ihre Eltern lebten in Hamburg. Die Mutter kam ursprünglich aus der Gegend Stuttgart, erst nach der Hochzeit waren sie nach Norden gezogen. Archäologie hatte Anita schon immer machen wollen. Als Kind war sie von Geschichte besessen gewesen, von längst vergangenen Ereignissen und dem Alltag der Menschen, die irgendwann einmal an denselben Orten gelebt hatten. Expertin auf Ausgrabungen, das hatte sich für sie wie ein Traumjob angefühlt.
Tübingen zu wählen war naheliegend gewesen, auch wegen der Großeltern, die nicht weit weg wohnten. Ihre Wohnung lag in Nürtingen, im Erdgeschoss eines alten Hauses. Zur Uni brauchte sie mit dem Zug etwa eine halbe Stunde. Als sie den Mietvertrag unterschrieb, hatte sie nur mit den Schultern gezuckt: Geht schon. Außerdem musste sie nicht täglich hin. Einige Vorlesungen liefen noch immer online, ein Überbleibsel aus der Covid-Zeit.
Die Hausbesitzer wohnten im gegenüberliegenden Teil des Gebäudes, ein älteres Ehepaar. Als Anita nach Hause kam, war es kurz vor halb neun, und die ältere Dame, die alle nur Tante Suzanne nannten, holte gerade die Katze für die Nacht herein. Ein grauer Tabby, Bandit hieß er. Natürlich ohne jede Reaktion auf seinen Namen. Anita grüßte, Suzanne lächelte und nickte, während sie die Katze hochhob. Ohne Futter, wusste Anita, würde Seine Katzenhoheit am liebsten bis zum Morgen draußen herumstreunen.
In ihrer kleinen Wohnung ließ Anita endlich die Tasche fallen, als würde sie damit den ganzen Tag von den Schultern streifen. Ihr Blick glitt zur Küchenzeile. Ich sollte einkaufen, dachte sie reflexhaft. Dann kam sofort die Gegenstimme: Ach, egal. Morgen. Zur Not würde sie bei einem der großen Supermärkte bestellen. Wenn sie nicht zu Hause war, nahm der Nachbar die Lieferung meistens an. Kein Drama.
Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, das erste Kapitel eines Prüfungsbuchs anzufangen. Vier Wochen waren es noch bis zur Prüfung, genug Zeit, wenn man dran blieb. Nur fühlte sie sich, als wäre ihr Kopf mit Watte gefüllt. Morgen früh, wenn ich wieder klar bin, dachte sie.
Sonst trug sie ihr Haar oft geflochten. Heute Abend hatte sie nicht einmal Lust, es zu bürsten. Morgenarbeit, gähnte sie. Kurz duschen, dann direkt ins Bett. Zehn Minuten scrollte sie noch durchs Handy. Nicht mal ein Spiel reizte sie. Danach steckte sie es in den kleinen Beutel unter dem Kopfkissen.
Das Zimmer war dunkel. Die Fensterläden hielten das Licht zuverlässig draußen, und weil es eine kleine Stadt war, lag eine fast vollständige Stille über der Nacht. Anita schlief tief ein.
Am nächsten Morgen wachte sie früh auf, gerade in dem Moment, als es dämmerte. Ein fahles Licht drang hinein. Und dann dieser Geruch. Rauchig, beißend. Als sie sich unter der Decke bewegte, zog sich in ihr etwas zusammen. Irgendwas war falsch.
Sie strich mit der Hand über den Stoff. Das ist nicht dieselbe Decke wie gestern. Rau, anders, und sie roch ebenfalls fremd. Anita setzte sich auf. Ihren Morgenmantel, der sonst hinter dem Kopfkissen lag, zog sie über den Pyjama.
Okay. Erst mal sehen, was los ist.
Sie stand auf und spürte sofort den nächsten Schlag: Ihre Hausschuhe waren weg. Unter ihren Füßen kein poliertes Parkett, sondern rohe Holzbretter. Die Teppiche, verschwunden. Gut, dass sie dicke Wintersocken anhatte, dachte sie, noch immer bemüht, nicht gleich in Panik zu verfallen.
Sie ging zum Fenster. Neugierig, vorsichtig. Und da war es wieder: Das Fenster war nicht ihres. Keine Plastikjalousien. Stattdessen Holzläden. Echte, schwere Holzläden. Und das Rahmenholz wirkte alt, nicht renoviert-alt, sondern wirklich alt.
Was zum …? Ich träume noch. Muss so sein.
Sie ging zur Tür. Kein normaler Griff, sondern ein seltsamer Metallverschluss, wie aus einem Museum. Anita schluckte, öffnete trotzdem.
Der Flur war nicht mehr derselbe. Die Tür gegenüber gab es noch, ja. Aber die Fußmatten fehlten. Keine Katzenhütte. Keine Beleuchtung. Nichts von diesem vertrauten, halb modernen Hausflair.
Sie spähte nach draußen.
Keine zweispurige Straße, kein Bürgersteig. Stattdessen ein Feldweg, halb unter Schnee, halb in dickem Schlamm. Auf der anderen Seite standen ein paar Häuser, und selbst die wirkten wie aus einer anderen Welt. Altmodisch, schief, grob gebaut. Dann sah sie einen älteren Mann und ein kleines Kind, die sich von ihr entfernten. Beide trugen Kleidung, die aussah wie Tracht.
Anita starrte ihnen hinterher, wie festgenagelt.
Was zum Teufel ist passiert? Wie kann sich alles über Nacht verändern?
Filmset? Mittelalterfest? Ein Streich? Aber wie? Und wie bin ich hierher gekommen?
Die Panik packte sie. Sie kniff sich hart in den Arm, so fest, dass es wehtat. Bitte wach auf. Nichts. Keine Veränderung. Nur die Kälte und dieser absurde Anblick.
Sie setzte sich auf die Türschwelle, zitternd, den Morgenmantel enger um sich gezogen. Ihr Kopf raste, aber sie hatte keinen einzigen brauchbaren Gedanken. Wen ruft man in so einer Situation an?
Das Telefon.
Sie sprang auf, rannte zurück. Gott sei Dank, es war noch da. Nur: kein Empfang. Natürlich nicht. Und Steckdosen? Keine. Das Zimmer hatte keine. Vielleicht gab es hier gar keinen Strom.
Na toll.
Immerhin hatte sie ihr Solarladegerät dabei. Wenn sie das Handy geladen halten konnte, war sie nicht völlig abgehängt. Ein winziger Punkt, an dem sie sich festhalten konnte. Sie atmete schwer aus.
Dann hörte sie ein Rascheln an der halb offenen Tür.
Anita spähte hinaus. Draußen stand eine alte Frau, dünn, fast zerbrechlich, und starrte sie an, als hätte sie gerade einen Geist gesehen. Anita riss genauso überrascht die Augen auf. Auch die Frau trug so ein altmodisches Kleid.
Anita brachte ein vorsichtiges „Guten Morgen“ heraus. Die Frau murmelte etwas zurück, schwer zu verstehen. Anita stockte. Welche Sprache überhaupt?
„Morga?“, fragte die alte Frau.
Morga. Das Wort traf sie wie ein Funke. Schwäbisch. Ihre Großmutter hatte so gesprochen. Anita konnte nur ein bisschen, aber besser als nichts.
„Guada morga?“, antwortete sie tastend.
Die Frau lächelte. „Morga“, sagte sie noch einmal und nickte.
Gut. Schwäbisch. Damit kann ich arbeiten.
Anita atmete tief durch. Langsam, Satz für Satz, schoben sie das Gespräch an. Die Frau wohnte offenbar im gegenüberliegenden Flügel des Hauses. Sie bat Anita hinein, gab ihr Frühstück, als wäre es das Normalste der Welt, morgens eine Fremde in Nachtwäsche aufzulesen.
Während Anita aß, betrachtete die Frau lange ihre Kette: ein kleiner silberner Anhänger, winzige Blumen, kaum größer als eine Ein-Euro-Münze. Dazu gab es frisches Brot, Speck, und eine Art Spiegelei, die Anita so noch nie gesehen hatte. Für jemanden, der gerade einer Fremden begegnet war, war die alte Dame erstaunlich gesprächig.
So erfuhr Anita auch den Namen des Ortes. Er klang vertraut und gleichzeitig falsch: Niuritingin. Ein alter Name. Ein Name, der ihr einen unangenehmen Gedanken in den Nacken setzte.
Nein. Das kann nicht sein.
Sie schob es weg, weil sie es wegschieben musste.
Dann fragte sie vorsichtig: „Welches Jahr haben wir?“
Die Frau schaute sie an, als hätte sie gerade nach der Farbe des Windes gefragt. Anita räusperte sich. Okay, anders.
„Gibt es einen König?“
Ein kurzer Blick, fast mitleidig. Dann nickte die Frau.
„Klar gibt es einen.“
Anita spürte, wie ihr der Boden innerlich wegkippte. Also doch. Eine andere Zeit. Eine andere Ära.
Sie zwang sich, ruhig zu bleiben. Noch eine Frage. Die entscheidende.
„Und … wie heißt der König?“
Die Frau schüttelte den Kopf, als fände sie die Frage seltsam. „Das ist eine lustige Frage“, murmelte sie. „Er heißt Filip.“
„Filip“, wiederholte Anita, und sie hörte ihre eigene Stimme, als käme sie aus weiter Entfernung.
Philip, sagte es in ihrem Kopf, automatisch, als würde sie eine Karteikarte umdrehen. Namen deutscher Könige schossen ihr durch den Sinn: Heinrich, Ferdinand, Otto, Konrad, Alfons … Ein Philip. Einer. Philipp von Schwaben.
Nein. Auf keinen Fall.
Der lebte um die Wende zum 13. Jahrhundert.
Ein eiskalter Schauer lief ihr über den Rücken. Sie musste ihre Notizen sehen. Sofort. Während sie in Gedanken versank, räumte die Frau das Geschirr ab. Als sie fertig war, blieb sie stehen, direkt vor Anita.
„Du bist wieder eine von diesen Seltsamen, oder?“ Die alte Frau kniff die Augen zusammen.
Anita brachte kein Wort heraus.
„Hast du auch richtige Kleidung, Liebes?“ Der Blick der Frau glitt auf den Morgenmantel und den Pyjama mit Katzenmuster.
„Oh.“ Anita wurde heiß. „Stimmt. Hab ich nicht. Du hast recht.“
Die Frau nickte, als hätte sie genau diese Antwort erwartet. Sie ging in einen kleinen Nebenraum, öffnete eine große Holzkiste und kramte darin herum.
Anita nutzte den Moment, schlich zurück in ihr Zimmer und griff nach ihrem Notizbuch. Ein paar hatte sie mitgenommen. Dazu die Dateien auf dem Handy. Zum Glück hatte sie nicht alles gelöscht, nachdem sie es in der Cloud gesichert hatte. Mit zittrigen Fingern blätterte sie.
Im Notizbuch: nichts. Nicht diese Zeit.
Also Handy. Dateien. Timeline. Anfang des Jahres hatte Johann, ein Kommilitone, ihr eine extrem detaillierte Zeitleiste geschickt. Sie suchte wie besessen.
Da.
Sie öffnete sie und scrollte.
Philipp von Schwaben. Geboren 1177. Gestorben am 8. Juni 1208.
Wow. Jesus.
Wenn sie wenigstens das genaue Jahr eingrenzen konnte, wäre das ein Anfang. Aber wie?
Sie überflog die Einträge. Mai 1197: Philipp heiratete Irene, die Tochter des byzantinischen Kaisers Isaak II. (Isakyos). Die alte Frau würde wissen, ob der König verheiratet war. Das war eine Frage, die man hier stellen konnte, ohne sich sofort zu verraten. Vielleicht.
Ein Funken Hoffnung, klein, aber echt, mischte sich in die Panik.
Als Anita vom Handy aufsah, stand die Frau wieder in der Tür. In den Armen hatte sie Stiefel, dicke Wollstrümpfe und ein Kleid, das stark nach Tracht aussah. Anita nahm alles dankbar an und zog sich an. Die Frau half ihr dabei, routiniert, als wäre Anita ein widerspenstiges Enkelkind, das in der Kälte herumläuft.
Währenddessen fragte Anita leise: „Ist der König verheiratet? Hat er eine Frau?“
Die Frau grinste, als freue sie sich über Klatsch. „Oh ja. Hat er. Man sagt, er hat schon drei kleine Töchter. Eine seiner Burgen ist nicht weit von hier.“
„Hast du ihn mal getroffen?“
„Um Himmels willen, nein.“ Die alte Frau lachte. „Aber letztes Jahr hab ich ihn gesehen. Mit seinen Soldaten. Unten auf der Straße ist er vorbeigeritten, als ich Walnüsse gesammelt hab.“
„Drei Töchter?“
„Ja. Drei.“
Anita spürte, wie in ihrem Kopf Zahnräder einrasteten. „Das hilft mir wirklich, danke“, sagte sie und zwang sich zu einem Lächeln, während die Frau ihr das Kleid zurechtzupfte. „Wie soll ich dich nennen?“
„Grimda, meine Liebe. Und du?“
„Anita.“
„Du kommst aus einem weit entfernten Land, oder?“
„Ja.“ Anita schluckte. „Ziemlich weit weg.“
Draußen bellte ein Hund. Grimda eilte hinaus. Anita hörte ihre Stimme, laut, streitend mit einem Mann. Die Worte verstand sie nicht.
Sie wandte sich wieder dem Handy zu und scrollte weiter.
Philipps Töchter: Beatrix (April/Juni 1198), Maria (1199/1200), Kunigunde (Februar 1202). Die vierte, Elisabeth, 1205.
Also vermutlich irgendwo zwischen 1202 und 1205. Es sei denn, es gab ein Kind, das früh starb und nie auftauchte.
Ich muss das irgendwie an ein konkretes Ereignis hängen, dachte Anita und spürte, wie die Frustration in ihr hochkroch. Diese Zeitleiste war hilfreich, aber viel zu grob. Kurz überlegte sie, ob sie nach Konstantinopel fragen sollte, ob die Kreuzritter die Stadt schon genommen hatten. 12. April 1204. Nur lag Konstantinopel unendlich weit weg, und Grimda würde davon vermutlich nicht mehr wissen als irgendein Gerücht.
Dann fiel ihr eine Fußnote ins Auge: 17. September 1204 – Hermann von Thüringen unterwarf sich König Philipp.
Als sie nebenan Schritte hörte, ging Anita zu Grimda rüber und versuchte es.
„Grimda, weißt du, ob sich Hermann von Thüringen schon König Philipp unterworfen hat? Hast du irgendwas davon gehört?“
Grimda sah sie an, als würde Anita nach dem Wetter auf dem Mond fragen. „Ach, das? Davon weiß ich nichts“, sagte sie und schüttelte verwirrt den Kopf.
Anita atmete aus. Aufgeben kam trotzdem nicht in Frage.
„Und der Marquis von Montferrat? Bonifatius?“
Da hellte sich Grimdas Gesicht ein wenig auf. „Oh, der Herr Marquis, ja. Der war letzten Sommer hier. Ich glaub, er ist mit dem König verwandt. Aber Katrin und Fritzi, die wissen bestimmt mehr.“
Letzten Sommer hier. Anita hielt den Satz fest, als wäre er ein Seil. Das war nützlich. Sehr sogar.
