Verlag: Schwarzkopf & Schwarzkopf Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

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E-Book-Beschreibung Hello Paris - Catharina Geiselhart

Selbst in den feinen Gassen von Paris lauern Gefahren - wenngleich sie nicht auf Anhieb als solche zu erkennen sind: Als sich die 15-jährige Morgan in Arthur verliebt, scheint zunächst alles perfekt: Arthur behandelt sie wie eine Prinzessin und führt sie in die High Society ein. Zu dieser fühlt sich Morgan einerseits hingezogen, andererseits kommt sie sich in Gegenwart ihres schönen Freundes und dessen Entourage ungenügend vor. Als Arthur sie schließlich unter den Augen seiner Freunde verlässt, bricht aus, was schon länger in Morgan geschlummert hat: eine Anorexie. Und während sie selbst von Tag zu Tag weniger wird, wächst ihr Misstrauen allen anderen gegenüber. Catharina Geiselhart erzählt in ihrem autobiografischen Roman die Geschichte einer jungen Frau, die in der Stadt der Liebe lebt, leidet und zu kämpfen lernt.

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E-Book-Leseprobe Hello Paris - Catharina Geiselhart

Catharina Geiselhart

Hello Paris

Roman

INHALT

Für meine Mutter und meinen Opa Jan.

Prolog

Es war Mitte Januar 2010. Am Tag, als der erste Schnee fiel. Für Paris ungewöhnlich schöner Schnee. Der Hof versank in einem Nebel aus tanzenden weißen Flocken. Sie fielen unaufhörlich, bedeckten die Kiesel, die Erde, die grauen Platten des Hofes, bis alles unter einer gleichmäßigen schimmernden Schicht begraben war. Unter den Schritten der Menschen blieb der Schnee stumm, er knirschte nicht, er seufzte nicht einmal. Es war still. Unheimlich still. Der glitzernde Vorhang aus schwebenden Flocken schluckte die Geräusche der Stadt und es schien, als umhülle er meine gesamte Welt, als riegele er sie hermetisch ab.

Und da saß ich nun ganz allein. Ein kleines, trauriges Mädchen, gefangen in einer Schneekugel. Niemand nahm mich in den Arm, niemand sprach mit mir, auch sie nicht, meine Mutter, der immer eine dumme Bemerkung herausrutschte. Oft hatte ich mir gewünscht, sie würde mich mit ihren Sprüchen verschonen, oft hasste ich sie, oft wünschte ich, sie würde verschwinden. Und plötzlich, ganz unerwartet war sie weg. Kam nicht wieder, antwortete auf keinen Anruf, reagierte nicht mehr. Mit einem Mal war es so, wie ich es immer gewollt hatte: Sie war still. Ein erleichterndes Gefühl stellte sich jedoch nicht bei mir ein. Ich wurde zum einsamen Mädchen in einer Schneekugel. In dieser Zeit starb Raphaels Liebe zu mir.

Warten

Ende Februar 2010

Eigentlich bin ich nicht der Typ, der stundenlang vor einem Bett sitzt, aus der Zeitung vorliest und Lieder singt. Was Langweiligeres konnte ich mir kaum vorstellen. Bis jetzt jedenfalls. Nun stört es mich nicht mehr. Nein, es ist mir sogar wichtig. Daran klammere ich meine Hoffnung, denn so wacht sie vielleicht wieder auf. Sie, meine Mutter. Sie heißt Esther und wollte mich Lea taufen. Damit konnte sich mein Vater allerdings nicht anfreunden. Er ist ein glühender Verehrer starker Frauen: Hildegard von Bingen, Johanna von Orléans, Maria Stuart und Morgan le Fay, Halbschwester und Geliebte König Artus’, haben es ihm angetan. Mutter hatte unter diesen Frauennamen meinen Vornamen wählen dürfen und sie hatte Morgan gewählt. Später erklärte sie mir warum.

Die Erinnerung daran schmerzt, jetzt, da sie ans Bett gefesselt ist, besonders. Bewegungslos und stumm. Wie eine Tote. Ich spüre einen dicken Kloß in der Kehle, wenn ich an den damaligen Sommer denke. Wir saßen in den Grünanlagen des Versailler Schlosses, die sich längs der Wasserbassins ziehen, unter dem luftigen Blätterdach einer Kastanie. Das grüne Netz aus Laub ließ nur ausgewählte Sonnenstrahlen hindurch und malte ein Muster auf Mutters Wangen. Ich war acht oder neun und wollte wissen, warum ich Morgan heiße.

»Morgan le Fay ist eine Gestalt aus der König-Artus-Sage. Man behauptet, es habe sie wirklich gegeben. Heute nennt man sie die Fee Morgana – Morgan le Fay. Sie war Hohepriesterin der heiligen Insel Avalon und predigte ihren Schülerinnen: ›Alle Götter sind ein Gott und alle Göttinnen sind eine Göttin, und es gibt nur einen Gott, mit dem alles begann. Jeder Mensch hat das Recht auf seine eigene Wahrheit und auf den Gott, der durch sie spricht. Die Wahrheit hat viele Gesichter. Es hängt von deinem Willen und deinen Gedanken ab, wohin der Weg dich führt.‹ Dieses Zitat aus Die Nebel von Avalon von Marion Bradley hat mich sehr beeindruckt und mich darüber hinweggetröstet, dass ich dich nicht Lea nennen durfte.«

Ja, die Wahrheit hat viele Gesichter und jeder sucht das Gesicht, das zu ihm spricht. Was aber passiert, wenn alle Gesichter zu einem sprechen oder keines? Vater sagt: »Wer die Wahrheit liebt, lügt nicht.« Mutters Meinung ist: »Manche Lüge rettet die Wahrheit.« In diesem Widerspruch wuchsen meine Brüder und ich auf. Doch wie kriecht man unbeschadet aus dem Unterholz der Antagonismen? Überall liegen Schlingen und Fallen aus, lockt eine verführerische Stimme und ich renne und renne, ohne irgendwo anzukommen. Manchmal flackert etwas Helles in der Ferne – ich nenne es Hoffnungsschimmer, Streifen am Horizont, Lichtblick – und dann verspüre ich das Bedürfnis, auf es zuzustreben, aber unsichtbare Hände halten mich zurück. Schön, die Wahrheit hat viele Gesichter! Es hängt von meinem Willen und meinen Gedanken ab, wohin mich der Weg führt. Das hört sich gut an, kann aber in meiner momentanen Verfassung bedeuten, dass mein Weg schnurgerade ins Chaos führt. Und ausgerechnet Mutter, die immer mit wachsamen Augen kontrollierte, wohin ich ging – big mama is watching you –, kann mir nun überhaupt nicht mehr helfen. Sie liegt im Koma, ist an Schläuche angeschlossen und hat die Welt schon halb verlassen. Sie konnte singen und reiten, spielte Klavier, beherrschte vier Sprachen und besaß Eleganz. Selbst auf der Toilette. Er habe noch keinen Menschen so elegant auf der Klobrille sitzen sehen, sagte mein Vater mal.

Die Ärzte zucken mit den Schultern, wenn ich frage, ob sie jemals wieder erwachen wird. Ich habe von einem Mann gelesen,­ der nach vielen Jahren aus dem Koma zurückkehrte und völlig gesund war. Die Nerven in seinem Gehirn waren einfach weiter gewachsen. Etwas Unglaubliches, wissenschaftlich bisher Unerklärliches war geschehen. Aus welchen Gründen? Noch grübeln die Gehirnspezialisten darüber.

Ich denke, man muss in Mutters Gegenwart reden, singen, ­lachen, weinen und wieder lachen. Denn mit Jammern holt man sie nicht zurück. Dazu braucht man Energie, Wut, Entschlossenheit. Also, Schluss mit der Trauer, befehle ich mir.

»Mama, hörst du mich? Ich bin’s, deine Tochter. Ich finde es eine Frechheit von dir, dass du dich auf diese Weise davonschleichen willst. Einfach abtreten, höchstens noch zuhören und selbst dabei so tun, als ob du nichts hörst. Wir haben noch vieles zu bereden, vieles zu regeln und plötzlich machst du dich davon. Das ist nicht fair! Solltest du vorhaben zu sterben, sag ich es dir gleich: Vater will dafür sorgen, dass du nackt und mit Lockenwicklern in den Sarg kommst. So wütend ist er.«

Ich weine still, reiße mich dann aber sogleich wieder zusammen und fange an, mit zitternder Stimme zu singen. »Ruhe sanft, mein holdes Leben, schlafe, bis dein Glück erwacht …« Mein Herz ist schwer, ich atme stockend und bin erstaunt, dass ich etwas Wohlklingendes zustande bringe.

Seit Wochen sitze ich täglich neben ihr, halte ihre Hand, lese ihr vor und singe Lieder, die sie liebt. Mit Schubert habe ich angefangen: »Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide! Allein und abgetrennt von aller Freude.« Der Text ist von Goethe. Dank meiner Recherchen weiß ich nun auch, für wen er ihn geschrieben hat. Nicht nur für Mignon, das verschleppte italienische Mädchen, sondern für all die Frauen und alles Glück, das er nicht erreichen konnte – unglücklicher Goethe.

Meistens singe ich Klassisches. Das liebt Mutter besonders: Schumann, Gluck, Mozart, Puccini. »Das hat Fundament, erfrischt den Geist und geht anders als Popmusik nicht nur in die Beine«, pflegte sie zu sagen. Dennoch mag Mutter, seit ich denken kann, Whitney Houston und schwärmt heftig für Michael ­Jackson.

Meine Stimme rasselt. Besonders hier, in diesem Krankenhaus. Unter normalen Umständen klingt sie bescheiden, womit Mutter ganz und gar nicht einverstanden war. In meinem eher quäkenden Gesang glaubte sie verborgene Größe und Schönheit zu erkennen, die ein guter Gesangslehrer würde herauslocken können, wenn ich es nur wollen würde. Sie war felsenfest davon überzeugt, dass ich das Zeug zu einer großen Sängerin habe. Zu einer Anna Netrebko, einer Christine Schäfer, einer Whitney Houston. Mir war das immer egal. Und das ist es auch jetzt. Ich will nur, dass meine Mutter mich hört. Und hier, für dieses Krankenhaus habe ich das ideale Stimmvolumen. Ich störe niemanden, außer meine Mutter in ihrem Tiefschlaf.

Seit einer Woche leiden die meisten Pariser unter der kalten Luft, die schmerzhaft in die Lungen dringt und in die Wangen beißt, als habe sie Wolfszähne. Sie schimpfen über den schmutzigen Schnee, die grauen Tage, die frühe Dunkelheit. Ungeachtet dessen, dass der Pariser immer einen Grund zum Meckern findet, liegt er diesmal richtig. Winter in Paris ist nur schön, wenn die Autos verschwinden und man die passenden Klamotten anhat. Wenn die Kuppel des Grand Palais eine Schneehaube trägt und der Eiffelturm im weißen Kleid glitzert.

Mir macht die Kälte nichts aus. In meinem Herzen ist es ohnehin öde und kalt, seit mich Raphael verlassen hat und Mutter wortlos an die Decke starrt. Mein Körper steckt in einem warmen Mantel, mein Kopf unter einer Wollmütze, meine Füße befinden sich in wasserdichten Stiefeln. Ich sehe den Tageszeiten dabei zu, wie sie das Grau des Himmels verändern: Morgengrau, milchiges Mittagsgrau und aschfarbene Dämmerung. Und was ich in diesem Wechsel erkenne, ist der Zustand meiner Seele. An dem sich in den kommenden Wochen nichts ändern wird, obwohl die Tage länger werden, die Luft gnädiger und der Wind milder werden wird.

Ich bringe Bücher mit und lese Mutter Erzählungen vor. Anfänge liebt sie besonders. An der leichten Falte zwischen ihren Augenbrauen meine ich zu erkennen, wie sehr sie schon nach wenigen Sätzen auf den Ausgang der Geschichte hinfiebert. Das erstaunt mich, denn mancher Anfang kommt mir recht simpel vor. »Ein halbes Jahrhundert lang beneideten die Bürgersfrauen von Pont-l’Eveqûe Frau Aubain um ihre Magd Felicitas«, beginnt zum Beispiel Gustave Flaubert seine Erzählung Ein schlichtes Herz. Und das schreckliche Schicksal der Thérèse Raquin wird von Émile Zola mit einer knappen Ortsbeschreibung eingeleitet: »Am Ende der Rue Guénégaud stößt man, wenn man von den Quais kommt, auf die Passage du Pont-Neuf, eine Art engen, dunklen Korridors, der von der Rue Marzarin nach der Rue de Seine führt.«

Mutter gefällt es. Ihr Gesicht leuchtet, was ich als gutes Zeichen deute. Denn wo etwas leuchtet – ist das Leuchten auch noch so schwach –, da ist Leben. Während ich beim Vorlesen mein literarisches Wissen erweitere und begreife, welchen Stellenwert Anfänge haben, schüre ich die schwache Glut in Mutters Augen. Jedenfalls hoffe ich das. Die tristen Wintertage, die wie bleiche Gespenster an den Krankenzimmerfenstern kleben, ziehen an mir vorbei.

*

Es wird März und weder Der Nachtzug nach Lissabon noch das Herbstlied von Verlaine rütteln sie wach. Ich versuche es mit dem Politikteil der Tageszeitung. Kein Feuilleton mehr, keine Bücherbesprechungen oder Sensationsberichte über Carla Bruni, die Schöne. In Mutters Augen ist sie eine Goldmarie, mancher Spießer wiederum sieht in ihr eine ruhmsüchtige Nymphomanin. Ich denke: Wieso über eine Frau herfallen, die es versteht, sich aus jeder Branche einen interessanten Typen zu angeln? Sie ist gebildet, kultiviert, hat Klasse und engagiert sich ein bisschen karitativ. Was kann man ihr vorwerfen? Dass sie sich nach Eric Clapton, Vincent Perez, Arno Klarsfeld, dem Philosophen Endhoven und anderen namhaften Beaus den Staatspräsidenten unter den Nagel gerissen hat? Das ist der pure Neid.

Ab heute also nur noch Politik pur. Ein wenig Barack Obama, der Mutter imponiert, weshalb wir ihr einen Sticker mit der Aufschrift »Mama loves Obama« gekauft haben. Etwas mehr über unseren zwergenhaften Präsidenten. Mutter hört gern von seinen Reisen durchs Land, seinen Erfolgen in der Provinz und – dank der weltgewandten Carla – auch im Ausland. Dort bekommt er hin und wieder Pluspunkte. Größtenteils jedoch wird er verteufelt. Es sei ein Skandal, wie der Mann diabolisiert werde, sagt Simone Veil, seit 2008 Mitglied der vierzigköpfigen Académie Française. Und sie hat recht. Den einen ist er zu rechts, den anderen zu links. Manche sehen ihn als eine Art Napoleon oder Ludwig XIV., ­andere wittern einen Faschisten in ihm. Vielleicht ist er aber auch einfach nur wie alle Politiker: Er strebt nach Ansehen, Ruhm, Geld und tut alles, um seine Ziele zu erreichen. Da wird gelogen, geheuchelt, gemauschelt und nach außen nett getan.

Mutter reagiert nicht mehr. Obwohl sie immer reglos bleibt, erkenne ich, dass ihr Interesse an Politik gering ist. Das leuchtet mir ein. Warum sollte ein Mensch, der sich im wachen Zustand bei politischen Debatten langweilt, durch ebendiese plötzlich aus dem Koma erwachen? Jedoch … wenn ich darüber nachdenke, ist genau das vielleicht die Lösung: Was auf den Wachen einschläfernd wirkt, kann ihn im Schlaf möglicherweise irritieren.

*

»Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.« Der Vers aus Rilkes Der Panther kommt mir jäh in den Sinn, als ich vom sterilen Krankenhausbett zum Fenster blicke. Fünf Monate sind vergangen. Der heutige Tag ist traumhaft! Zärtlich greift der Wind unter das Geäst der Kastanie, bauscht ihre Blätter auf, die dem Sonnenlicht entgegenschwingen und sich von diesem bemalen lassen. Im richtigen Blickwinkel sehen sie aus, als seien sie mit Gold bestäubt. Ich kann den schönen Tag auch riechen, obwohl ich in einem sterilen Zimmer sitze, umgeben von weißen Wänden und mit einem einzigen Fenster, vor dem glücklicherweise die goldenen Kastanienblätter tanzen. Weder an Mutters Zustand noch an meinem hat sich Wesentliches geändert und ich fühle mich wie eines der Kastanienblätter, vom Wind hin und her getrieben.

Ich betrachte ihr Gesicht, blicke durch es hindurch und sehe Raphael. Die Erinnerung hat ihn noch schöner werden lassen. Ich möchte ihn küssen, ich möchte ihn prügeln. Ich liebe und hasse ihn. Er hat mir wehgetan und mich in die Schneekugel gesperrt.

Mutters Augenlid zuckt kaum merklich. Ich verstehe, sie will ein Lied hören. Etwas Klassisches. Etwas, das sie besonders liebt. Ich versuche es deshalb mit einer Arie aus Mozarts Entführung aus dem Serail. Früher fing sie bei der Melodie an zu weinen. Vielleicht rühre ich sie damit noch einmal so sehr, dass sie davon erwacht.

Doch sie zuckt nicht mehr, blinzelt nicht und weint auch nicht. Stumm, mit leeren Augen und unverändertem Gesichtsausdruck starrt sie vor sich hin. Das könnte mit dem Typen zusammenhängen, der sie ins Krankenhaus gebracht und mich angerufen hat. Was er mir erzählte, hat mich zunächst so schrecklich aufgebracht, dass ich davongelaufen bin und sie nie mehr sehen wollte. Die unvernünftige Frau, von der er redete, konnte unmöglich meine Mutter sein. Ich hatte sie immer für dumm und ungeschickt gehalten, aber nicht für so kindisch. Erst später wurde mir klar, dass eine zweite Seele in ihr schlummerte, die rebellierte und ebenfalls nach Leben verlangte. Dass auch sie die zwei Seelen in ihrer Brust hatte, mit denen Doktor Faust kämpfte. Diese zwei Seelen, die auch in mir stecken, die vielleicht in jedem von uns stecken.

Vor dreieinhalb Jahren haben sich meine beiden Seelen zum ersten Mal bemerkbar gemacht, seit zwei Jahren leide ich unter ihrer Präsenz und seit über einem Jahr führen sie einen unerbittlichen Kampf, in dem ich vielleicht zerrieben werde. Ich fürchte mich vor dem Tod, ich hasse ihn, seine grässlichen Vorboten, seine Henker. Ich verteufle ihn, wenn er junge Menschen holt, deren ­Leben gerade anfängt, interessant zu werden. Das hat er mit Celeste getan, einer Freundin aus Kindertagen. Ihren einundzwanzigsten Geburtstag durfte sie noch feiern, dann kam er zu ihr und blies ihr Licht aus. Oh, wie hasse ich ihn, verfluche ich ihn – und öffne ihm gleichzeitig alle Türen, alle Fenster, um mich zu holen. Ich weiß, er wird mich quälen, bevor er mir den Atem nimmt. Er wird mein Zahnfleisch aushöhlen, damit sich meine Zähne lockern, er wird mir den Glanz meiner Jugend nehmen, mein schönes Haar und sich selbst damit schmücken. Er wird mich ruinieren, mich austrocknen. Das alles weiß ich und dennoch tue ich nichts, um ihn aufzuhalten.

Und Mutter? Habe ich ihre seltsame Ohnmacht vielleicht verschuldet oder ist sie ganz einfach im Kampf ihrer beiden Seelen zerbrochen? Traurig blicke ich auf ihr lebloses Gesicht. Wird sie für immer stumm bleiben? Der Gedanke lähmt mich. Ich fühle meinen Körper kaum und mühsam klammere ich mich an meine eigene Stimme, die tonlos ist und piepsig wie die eines Vogels: »Du bist stumm, aber du bist nicht taub. In deinem Kopf sind viele Bilder.« Es sind nicht die Worte von Flaubert, Verlaine oder sonst eines Dichters oder Denkers. Es sind unsere.

»Mutter, lass uns einen Spaziergang durch die letzten Jahre machen. Vielleicht finden wir dabei unsere Wahrheit.« Ich nehme ihre Hand, schließe die Augen und fange an zu erzählen.

Schwärmen

Anfang Oktober 2006

Unzufrieden stand ich vor dem Spiegel. Drehte und wendete mich. Musterte mich von der Seite, von hinten, schnitt Grimassen, riss an meinen Haaren und zog das Kleid mit den silbrig glänzenden Fransen, das ich für Justines Party ausgewählt hatte, schließlich wieder aus. »Will ich zu der Party, oder nicht?«, fragte ich mein Spiegelbild und fixierte es eine Weile. Meine Stirn legte sich in Falten und auf meinem Nasenrücken bildeten sich winzige Rillen, aus denen das Make-up quoll. Da hörte ich in meinem Kopf die Antwort: Eigentlich nicht! Erstens kennst du diese Justine kaum und findest sie öde. Zweitens bist du zu dick und hast zu viel Kleister im Gesicht. »Halt mal die Luft an!«, zischte ich den Spiegel an. »Für den Kleister bin ich nicht verantwortlich. Das ist Annas Werk!«

Mutters Freundin Anna hatte mich geschminkt. Sie war Maskenbildnerin am Theater und sah in jedem nackten Gesicht einen Landeplatz für ihre Pinsel. Um meine schönen blauen Augen hatte sie tiefschwarze Schatten gemalt, auf meine langen Wimpern 200 Gramm Mascara getuscht und meine Lippen so dick mit Rouge Pur Couture von Yves Saint Laurent bemalt, dass die Farbe nun an den Mundwinkeln verschmiert war und ich aussah wie ein Vampir.

Zu Justine passte das. Sie wohnte in einem hässlichen Viertel in der Nähe des Krankenhauses Georges Pompidou. Papierfetzen, Plastiktüten, leere Coladosen, angebissene Baguettes und Hundekacke schmückten dort den Rinnstein und die Gehwege und immer wieder traf man dort auf Typen, die einen begafften. Durch diese Gegend ging ich besser inkognito.

Ich eilte zur Küche, um mich von Anna und meiner Mutter zu verabschieden. Sie hockten mit angezogenen Beinen auf IKEA-Stühlen, von denen der Lack absplitterte, und tauschten den neuesten Klatsch aus. Als ich reinschaute, ging es um Sharon Stones Füße.

»Wie die einer Bäuerin!«, sagte Anna. »Nein, wie die einer riesigen Ente oder einer Gans!«

»Wie? Was denn nun?« Mutter lachte.

»Wie ein stämmiger Bauer, der jahrelang barfuß den Stall ausgemistet hat.« Diese Information konnte Anna nur von ihrer Freundin haben, die in Edelhotels Stars massierte. »Noch nie hat sie so hässliche Füße an einer hübschen Frau gesehen, hat sie gesagt. Und überhaupt ist Sharon klein, blass und völlig nichtssagend. Nichtssagend hübsch!«

»Na ja! Nichtssagend hübsch ist besser als hässlich.«

»Aber langweiliger als vielsagend hässlich.«

»Jedenfalls … sollte sich eines Tages Michael Jackson von deiner kritischen Freundin durchkneten lassen, gib mir rechtzeitig Bescheid!«, hörte ich meine Mutter antworten, dann knallte ich die Wohnungstür hinter mir zu.

Im Treppenhaus begegnete mir mein Vater. Völlig durchnässt kam er von seinem allabendlichen Jogging zurück. Auf seiner Stirn klebten Haarsträhnen so dick wie Schwarzwürste und an seiner Nasenspitze hingen Wassertropfen. Sein ganzer Kopf glänzte. Kein schöner Anblick. Gott sei Dank verschwand die Hälfte seines Gesichtes in seinen Handflächen, als er mich sah.

»Lieber Himmel, wie siehst denn du aus? Gehst du zum Tanz der Vampire?«

»Genau, Papa!«

»Na, dann viel Vergnügen!« Etwas schwerfällig stieg er drei Stufen hoch, dann drehte er sich auf dem Treppenabsatz noch einmal um. »Ist diese Anna noch immer hier?«

Ich nickte, womit ich ihm offensichtlich einen heftigen Schrecken einjagte, denn plötzlich sackte er in sich zusammen wie ein leerer Fußball und zog sich mühselig am Geländer hinauf. Ich hatte kein Mitleid mit ihm. Er war einfach zu anspruchsvoll. In seinen Augen waren sämtliche Freundinnen meiner Mutter dumme Kühe.

Vorsichtshalber hatte ich Reinigungsmilch und einen Taschenspiegel eingesteckt. Und glücklicherweise schüttete es wie aus ­Kübeln. Im Hof, wo mich keiner beobachtete, hielt ich mein Gesicht dem Regen entgegen.

*

Justine hatte ich durch meinen Bruder Lukas kennengelernt. Sie hatte damals feuerrotes Haar, eine blitzende Zahnspange und trug durchlöcherte Strumpfhosen. Sie war schräg. Wie mein Bruder auch. Zu jener Zeit gefielen mir seine Freunde, eine Multikultitruppe, zusammengewürfelt aus Franzosen, Italienern, Japanern, Chinesen, Marokkanern. Jeder hatte eine andere Macke, doch alle liebten Justines Partys. Ich nahm also an, die Clique dort zu treffen. Tatsächlich aber veranstaltete Justine ein Mädchenmeeting, zu dem nur erlesene Typen Zugang hatten.

Und hier traf ich ihn: Arthur, den ersten Jungen, der mich umhaute. Schon wie er durch die Tür kam, war ein Ereignis. Seine Erscheinung überstrahlte alle anderen. Man stelle sich vor: Die Wohnungstür schwingt auf, ein Sturm bläst über die Köpfe hinweg, er steht allein im gleißenden Licht. Olivfarbene Haut, sandfarbener Pulli, dunkles Haar, superschöner Körper, zuckersüßes Gesicht. Bei mir machte es Bong, als ich ihn sah! Dreimal hintereinander: Bong! Bong! Bong! Wie die Glocken von Notre Dame. Unwillkürlich hielt ich den Atem an. Zum ersten Mal verlor ich angesichts eines hübschen Jungen die Kontrolle über meinen Körper. Mein Herz hämmerte schrecklich laut, ich bekam feuchte Hände, ein flaues Gefühl im Magen, mein Haar klebte im Nacken. War das Liebe auf den ersten Blick? Chaos im Kopf und ein Durcheinander sämtlicher Körperfunktionen? Ich dachte nur noch eines: Hoffentlich übersieht er mich. Hoffentlich geht er gelangweilt an mir vorbei. Gleichzeitig wünschte ich mir nichts mehr, als von ihm angesprochen zu werden. Aber nicht heute, nicht in diesem Zustand, mit verklebtem Haar, verlaufener Wimperntusche und dem Risiko, ins Stottern zu kommen, sobald ich den Mund aufmachte.

Seltsamerweise bewegte er sich direkt auf mich zu. Ganz so, als sei er nur meinetwegen da und habe ein Date mit mir. Ich geriet in Panik. Das darf nicht wahr sein, dachte ich, er muss mich mit jemand anderem verwechseln. Instinktiv drehte ich mich zur Seite, machte Platz, damit er an mir vorbeigehen konnte. Doch er blieb stehen. Kurz hinter mir. Ich dachte: Hau ab, du Schönling! Du kannst doch nur aus Pappe sein. Wer aussieht wie ein Armani-Model, hat nur Seide im Sinn. Da spürte ich ein Kitzeln an meiner Wange, eine zarte Berührung auf meinem Arm, die mir einen Stromschlag versetzte.

»Hi!«, sagte er.

»Hi!«, antwortete ich.

Sein Kopf neigte sich über meine Schulter, erneut streifte sein Haar meine Wange. Er roch nach warmem Sand, als schliefe er jede Nacht in der Wüste. Ich war total verwirrt und brachte außer »Hi« kein weiteres Wort über die Lippen. Allerdings sah ich ihn an, schließlich wollte ich nicht unhöflich sein. Dafür hatte mein Vater, der Anwalt, gesorgt. Er hatte stets Wert auf gute Erziehung gelegt und wohlerzogen zu sein, bedeutete für ihn: nie die Wörtchen »danke« und »bitte« zu vergessen, jeden Idioten mit »Monsieur« oder »Madame« anzusprechen und dem Nachbarn einen guten Tag zu wünschen, auch wenn man ihn lieber erwürgen würde.

Dunkle, fast schwarze Augen blickten mich frech und interessiert an. Auch ein wenig liebevoll. Oder entstand dieser Eindruck nur durch die Reflexion des schummrigen Partylichtes? Vielleicht war es auch der Schatten seiner endlos langen Wimpern, der sein Gesicht zart wirken ließ. Glücklicherweise leitete er das Gespräch, so konnte ich mich zurückhalten, ohne einen dümmlichen Eindruck zu machen. Nachdem er eine Menge über sich erzählt hatte, wollte er alles über mich wissen: Name, Adresse, Alter, welche Schule. Ich fühlte mich wie bei einem Verhör.

Später brachte er mich mit dem Taxi nach Hause, er lehnte seinen Kopf an meine Schulter und sagte: »Du bist schön, nur ein wenig verschmiert, aber das lässt sich ja mit Wasser beheben. Ein schiefes Kinn oder eine krumme Nase würden hingegen einen Chirurgen verlangen.«

Dazu fiel mir nichts ein, was mich ziemlich beunruhigte, denn für meine Schlagfertigkeit war ich berühmt. Ich wollte sie nicht von heute auf morgen verlieren. Damit verblüffte ich sonst jeden, auch studierte Köpfe wie meine Lehrer. Und natürlich wollte ich auch Arthur imponieren und das nicht nur mit meinen weißen Zähnen.

*

Um meiner Freundin Judith von meiner Begegnung mit Arthur zu erzählen, war es an jenem Abend zu spät. Ich stand unter Hochspannung, musste mich allerdings sechzehn Stunden gedulden, bis ich ihr von der Begegnung berichten konnte. In dieser Zeit geschahen Wunder über Wunder.

Um acht Uhr früh kam die erste SMS: »Gut geschlafen, Prinzessin? Ich hab dich in meinem Traum gesehen. Du bist morgenschön.«

Oh, ist das eine schöne Nachricht so früh am Morgen, dachte ich und simste umgehend zurück: »Vielen Dank. Hatte eine ruhige Nacht!«

Ich sprang zur Metrostation und quetschte mich in einen vollen Waggon. Hier hatte ich keinen Empfang, dafür durfte ich den Schweißgeruch ungewaschener Menschen einatmen. Gott sei Dank lagen nur drei Stationen vor mir und so lange konnte ich die Luft anhalten. Ich war bester Laune und die braucht man, wenn man mit wenig Luft auskommen will.

Kaum hatte ich die zugigen Treppen zum Ausgang erklommen, piepste mein Handy von Neuem: »Dein Haar ist fließendes Gold, deine Augen schimmern wie Morgentau.«

Was stand da? Schlief und träumte ich noch? Ich rieb mir die Augen und stolperte dabei fast über meine Füße. Hektisch versuchte ich mich zu vergewissern, dass es sich beim Absender tatsächlich um Arthur handelte. Natürlich war er es. Es konnte ja nur er sein. Wer sonst hatte mir jemals solche seltsamen Nachrichten geschickt? War der Schönling nun ein Dichter oder ein Spinner? Zu dumm, dass Judith nicht auf meine Nachricht antwortete. Mittlerweile trommelte mein Herz so laut wie die Bongos einer afrikanischen Band. Ich brauchte meine Freundin dringend.

Als ich im ersten Stock der Schule eintrudelte, saßen die meisten schon auf ihren Plätzen. Ich schaltete das Handy aus und ermahnte mich mit den Worten meines Vaters zur Ordnung. Mein Vater ging mir in der Regel zwar mit seinem juristisch gefärbten Geleier auf die Nerven, diesmal half es mir jedoch, mich abzulenken: »Wissen zu sammeln ist faszinierend und es ist in, jedenfalls für wichtige Leute und die, die es einmal werden wollen«, hatte mein Vater mal behauptet. »Stell dir vor, du hättest auf alles eine Antwort, ob es um Politik, Philosophie, Kunst, Geschichte, Musik oder Literatur geht!« Ich musste ihm recht geben. Es war schlicht und einfach toll, immer die richtige Antwort parat zu haben.

Das Gemurmel verebbte, als Madame Raddicz, die Literaturlehrerin, durch die Tür fegte, zum Podest eilte und ihre Unterlagen aufs Pult knallte. Die schlecht geknotete rosa Schleife an ihrem Blusenkragen flatterte um ihren Hals. Wie immer trug sie eines ihrer Kostümchen. Dieses war blassrosa. Sie besaß vierzig davon. Alle ähnelten sich in Schnitt und Länge, variierten aber je nach Jahreszeit in Farbe und Stoff. Wir kannten Madame Raddicz seit September und bemerkten, dass sie Mitte Oktober auf Wollkostüme umgestellt hatte. Nach einem kurzen Gruß an die Klasse rekapitulierte sie das frühe 18. Jahrhundert und holte dabei so weit aus, dass man den Eindruck bekam, selbst in der Steinzeit noch nach literarischen Ergüssen graben zu können. Obwohl sie beim Reden eine glühende Begeisterung ausstrahlte, musste ich mich bemühen, gedanklich nicht abzudriften. Das lag an ihrer näselnden Stimme. Sie weichte meine Konzentration auf.

»Les années de lumière!«, schrieb Madame Raddicz an die ­Tafel, drehte sich wieder zur Klasse und sah uns fragend an.

Nun sollten wir ausspucken, was uns dazu einfiel.

»Jahre des Lichtes. Der Erkenntnis! Aufklärung!«, rief Clément.

»Man wendet sich vom Feudalismus, Absolutismus und hemmenden religiösen Vorstellungen ab!«, kam es aus der hinteren Reihe.

»Vernunft und Humanität statt Aberglaube und Menschenverachtung!«, fügte Clément an.

»Voltaire!«, warf ich ein.

Madame Raddicz schrieb alle Bemerkungen an die Tafel und setzte den Namen Immanuel Kant hinzu. »Kant sagt: ›Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderes zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.‹«

Es folgten Erläuterungen zu Voltaire. Mir imponierte der bissige Philosoph mit dem Entenschnabel und den Augen wie Leuchten. Er scheute nichts und niemanden, keinen König, keine Kirche, kein Gefängnis und er beherrschte alle literarischen Gattungen. Er schrieb Theaterstücke, Novellen, Romane, Märchen, wissenschaftliche und kulturelle Texte, politische Pamphlete und zwanzigtausend poetische Briefe und Gedichte. Die Worte »poetische Briefe« und »Gedichte« ließen Arthur vor meinem geistigen Auge auftauchen und blendeten Voltaire aus. Madame Raddicz’ Stimme näselte in weiter Ferne, während ich in Arthurs Gondel einstieg und davonschwebte.

In der Mittagspause las ich zwei weitere SMS von Arthur und war nun völlig platt. Wenn ich nicht schnellstens mit Judith quatschen kann, knalle ich durch, dachte ich. Leider ging sie auf ein naturwissenschaftliches Gymnasium, das in einem anderen Viertel lag, aber vielleicht war sie jetzt über ihr Handy zu erreichen. »Zu Hilfe, Judith! I need somebody! Lies das und sag mir: Was soll ich darauf antworten?«, simste ich und leitete Arthurs Poesie an sie weiter: »Wenn Schönheit einen Namen hat, heißt sie Morgan. Beim Anblick der Sonne sehe ich deine Augen, beim Anblick von Rosen deinen Mund.«

Erst um halb fünf, es läutete gerade zum Schulschluss, leuchtete ihr Name auf meinem Display: »Antworte Folgendes: ›Wenn Dummheit einen Namen hat, dann heißt sie Arthur. Beim Anblick der Sonne sehe ich nur gleißendes Licht, es sei denn, ich habe eine sehr dunkle Sonnenbrille auf. Schenkst du mir eine?‹«

Im ersten Moment brach ich in Gelächter aus. Doch die Tränen, die dabei aus meinen Augen quollen, waren keine Lachtränen. Mein Lachen schlug schlagartig in Traurigkeit um. Judith machte sich über mich lustig. Von Arthur schien sie nichts zu halten. Das tat weh. Warum zweifelte sie an ihm? Sie kannte nur die paar Sätze. War es nicht möglich, dass er meinte, was er schrieb? Vielleicht hatte er eine Dichterseele und fand nur nicht die treffenden Worte. Man brauchte Übung und Erfahrung mit lyrischen Texten. Wo hätte er die herhaben sollen? Sein Vater verkaufte weltweit Mobiltelefone, seine Mutter verbrachte ihre Nachmittage in Designerläden und seine Schwester trällerte unentwegt Britney-Spears-Songs, hatte er mir erzählt. Vermutlich hatte sein Vater nur Werbeslogans drauf, seine Mutter studierte ausschließlich Dior- und Chanel-Kataloge, weshalb nur wenige Bücher in den Regalen ihres Apartments standen. Es gab eben nicht viele Familien wie uns, deren Wohnungen mit Büchern gefüllt waren, ja, auf deren Böden sie sich sogar stapelten. In den meisten Wohnungen standen acht Computer, ebenso viele Fernseher und DVD-Player. Nachschlagewerke wanderten in den Keller oder auf den Flohmarkt. Immer seltener wurden Leseratten und Gedichte waren ohnehin out.

Arthur lief mit seiner romantischen Seele heute Gefahr, nach Strich und Faden verspottet zu werden. Er tat gut daran, sie vor seinen Freunden zu verbergen – auch wenn er sie dadurch nicht weiterbilden konnte, weshalb seine schönen Verse penetrant nach Kitsch rochen. Ich verzieh ihm seine blumige Anmache per SMS und beschloss, ihm zu glauben. Immerhin verbarg er seine lyrische Ader vor mir nicht. Ein Vertrauensbeweis, nicht wahr?

»Attention, please!«, hörte ich Judiths lustige Stimme in meinem Kopf, ich sah ihre gerunzelte Stirn unter dem blonden Pony förmlich vor mir und wie ihr langer Zeigefinger warnend hochschnellte. »Ist es nicht eher ein Zeichen dafür, dass er dich für naiv hält?«

*

Um sechs traf eine kurze, vergleichsweise nüchterne Nachricht ein. Verblüfft las ich: »Schöne Prinzessin, bin um sieben im Atelier­ und erwarte dich dort!«

Der hat Nerven, dachte ich aufgebracht. So gut, wie der aussieht, müsste er eigentlich auch erzogen sein und mich fragen, ob mir ein Date um diese Zeit recht wäre. Frau Raddicz hatte uns aufgetragen, die Nase in Kants Kritik der reinen Vernunft zu stecken und uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen. Wollte ich das tun, durfte ich keinesfalls wie ein Schaf zum Date laufen.

Aber natürlich lief ich.

Trotz Regens und frischen Windes wählten wir die überdachte Terrasse. Wir setzten uns neben einen Heizstrahler und sahen ­einander verlegen an. Heute konnte ich nicht vor ihm davonlaufen oder mir einreden, er säße zufällig hier. Er trank Orangen-, ich Grapefruitsaft. Gegenüber blinkten die Lichter des In-Restaurants La Coupole, von der Straße blendeten die Scheinwerfer vorbeifahrender Autos, der milchige Glanz der Laternen spiegelte sich in ihren regennassen Dächern. Flirrende, bunte Lichter tanzten während unseres ersten Dates. Ich war froh darüber. Sie lenkten mich von seinen Samtaugen ab, von seinen schönen Händen, mit denen er beim Erzählen gestikulierte.

Wieder erzählte er von sich, von seinen Freunden, seiner Familie. Dann fragte er: »Bist du jüdisch?«

Ich schüttelte mein frisch gewaschenes Haar. Es fiel in weichen Locken über meine Schultern und da ich wusste, wie fasziniert er von ihrer Pracht war, schüttelte ich es gleich mehrmals hintereinander.

»Meine Mutter legt besonderen Wert auf jüdische Freunde. Darf ich dir eine Magêne schenken?«

»Oh, klar!« Er durfte mir alles schenken, solange es keine Nasentropfen oder Deosprays waren. Ein goldenes Kettchen, an dem der Davidsstern baumelte, warum nicht? Es würde sich bestimmt sehr gut um meinen schlanken Hals machen.

Arthur hatte Hunger und bestellte für uns beide, ohne mich zu fragen, einen gemischten Salat mit Avocado und Garnelen. Während er sich hungrig auf den Salat und die Baguettescheiben stürzte, aß ich langsam und bedächtig.

Den ganzen Weg nach Hause hielt er meine Hand. Dabei redete er fast ununterbrochen. Diesmal nicht von sich, sondern über mich. Ich hätte einen stolzen Gang, der meine Haarpracht erst richtig zur Geltung bringe. Mein Lachen sei zauberhaft und angesichts meiner makellosen Zähne müsse er unweigerlich an Hollywoodfilme denken.

»Danke«, sagte ich strahlend und dachte: Wenn ich das Judith­ erzähle, kneift sie mich und sagt: »Wach auf, Morgan. Dein Kitschfilm ist zu Ende!«

Um neun war ich im Bad, eine halbe Stunde später lag ich im Bett. Da klopfte Mama zaghaft und trat mit einem Teller ein. »Du hast nichts gegessen. Willst du nicht wenigstens ein Tomatenbrot und eine Banane?«

»Mama, bitte! Ich hab gerade meine Zähne geputzt. Iss es selbst und setz dich so lange zu mir. Ich hab dir was zu erzählen.« Damals vertraute ich ihr noch alles an. Und so erfuhr meine Mutter auf meiner Bettkante sitzend, das Tomatenbrot zwischen den Zähnen, von Arthur.

»Das hört sich ja mächtig nach Märchenprinz an. Leider hab ich so was nie erlebt. Alle Jungs, die auf mich standen, waren Triefnasen und sahen hässlich aus. Und die hübschen, die mir gefielen, interessierten sich nicht für mich. Du scheinst Glück zu haben, andererseits kennst du ihn so gut wie gar nicht.«

»Ich bin dabei, ihn kennenzulernen.«

Mama gab mir einen Kuss und wünschte mir eine gute Nacht. Es war nicht leicht einzuschlafen. In meinem Kopf summte es, mein Herz pochte wild und ich war von den vielen neuen ­Eindrücken richtig aufgekratzt. Doch plötzlich schob sich Voltaires Visage mit der gepuderten Lockenperücke in meine Gedanken und erinnerte mich an meine Hausaufgabe. Das hatte ich absolut verschwitzt. Einige Minuten verbrachte ich mit der Überlegung, ob ich ein paar Sätze von Kant lesen sollte, dann schlief ich unverrichteter Dinge ein.

Es war ein unruhiger Schlaf. Arthur, immer wieder Arthur, dazwischen Madame Raddicz mit einer Riesenschleife um den Hals. Arthur zog den Knoten fest und die Raddicz sank zu Boden. Ich war verzaubert.

*

In den folgenden zwei Wochen trafen wir uns jeden Tag nach der Schule, außer freitags, tranken einen Saft im Atelier oder futterten ein paar Chips im La Rotonde, einem Bistro am Boulevard Raspail. Wer dort im richtigen Winkel sitzt, kann den von Auguste Rodin als Statue verewigten Honoré de Balzac im Auge behalten und beobachten, ob er sich bewegt. Ich schwöre es: Manchmal regt sich der bronzene Koloss. Aber es kommt auf das Licht an, Pariser Licht ist magisch.

Einen Abend pro Woche gingen wir ins Kino. Arthur liebte die Leinwand. Sobald ein neuer Film nach seinem Geschmack angekündigt wurde, checkte er im Internet den Trailer und schwärmte mit funkelnden Augen davon. Auch wenn ich Horrorfilme grundsätzlich verabscheute, Arthur zuliebe sah ich sie mir an. Seinen strahlenden Augen zuliebe, seiner sprühenden Begeisterung zuliebe, die einfach ansteckend war. Zum Glück liebte er auch Filme nach meinem Gusto. Der Teufel trägt Prada reizte ihn zu der Äußerung: »Okay, es ist glaubhaft, dass Andy ihren Freund der Glitzerwelt vorzieht, aber die schönen Chanel-Klamotten ohne Reue zu verschenken stinkt gewaltig nach dem Klischee: Armut und Liebe gehören zusammen, denn die Reichen lieben nur sich selbst und das schöne Geld!«

Sechs Tage, bevor wir uns kennenlernten, war das Das Parfum angelaufen. Ich kannte den Roman von Süskind – einfach zu ­lesen, dennoch klug und geistreich. Auf den Film war ich mächtig gespannt gewesen. Doch was für eine Enttäuschung! Ich verließ die Vorstellung sehr unzufrieden. Irgendetwas fehlte. Irgendetwas störte. Aus dem furchterregenden Jean-Baptiste Grenouille war ein Durchschnittstyp geworden, das Mirabellenmädchen sah aus wie Topmodel Lily Cole, der Rest wirkte unglaubwürdig und die Fantasie litt Höllenqualen. Zwar bin ich, was Regie und Dramaturgie anbetrifft, ein Nullpeiler, dennoch glaube ich, man hätte aus dem Stoff einen ergreifenden Film machen können. Im Dezember schauten wir uns Liebe braucht keine Ferien mit Cameron Diaz, Jude Law und Kate Winslet an. Während des gesamten Films lehnte Arthur seinen Kopf an meine Schulter und ließ meine Hand nur los, um nach dem Popcorn zu greifen. Seine Haare und seine Haut rochen so sehr nach warmem Sand, dass es mich in Ferienstimmung versetzte. Schloss ich die Augen, lag ich neben Arthur am Strand.

»Ich finde dich hübscher als Jude Law!«, flüsterte ich ihm zu.

»Du bist schöner als Kate Winslet und tausendmal schöner als Cameron Diaz. Die sieht nämlich aus wie meine Tante Janine.«

»Und wie sieht deine Tante Janine aus?«, flüsterte ich in sein Ohr.

»Wie ein Pekinese! Ein netter Pekinese!«

Wir lachten. Hinter uns zischten wütende Stimmen: »Ruhe!«

Ich schmiegte mich enger an ihn und atmete seinen Geruch ein. Arthur gefiel mir immer besser. Ich fand ihn genial, schöner als alle anderen Jungs der Stadt und sämtliche Schönlinge der Filmwelt. Ich war so verliebt, dass ich meine Hausaufgaben vernachlässigte und stattdessen mit verklärtem Blick herumsaß. Jedem Treffen fieberte ich entgegen. Dabei pfiff ich auf Judiths Warnung: »Er ist ein Schönling, ein Angeber! Viel zu aufgebrezelt. Karl Lagerfeld schnappt ihn dir weg, sobald er ihn entdeckt. Er sieht dem Model Baptiste Giabiconi immerhin zum Verwechseln ähnlich.«

Judith kannte ihn nicht. Sie hatte ihn nur einmal vor der Schule gesehen. Alle hatten ihn dort gesehen und ich hatte vor Stolz geglüht, seine Freundin zu sein. Ich hatte den Jackpot geknackt. An Arthur stimmte meiner Meinung nach alles. Okay, er las wenig, aber sollte ich ihn deshalb ablehnen? Dann hätte ich zwei Drittel meiner Freunde und Bekannten ablehnen müssen. Er schrieb Gedichte wie ein Minnesänger – ihm fehlte nur eine Laute – und er schickte mir Blumen nach Hause, wie es Verehrer im 19. Jahrhundert getan hatten. Arthur war einerseits ein Kind seiner Zeit, andererseits verhielt er sich oft nicht so, er war irgendwie postmodern.

»Du bist schön wie eine Rose, frisch wie der Morgen, sanft wie mein Kissen und duftest betörender als ein Blumenbouquet«, stand auf der Karte, die in einem seiner Rosensträuße steckte. Die Blumen wurden an dem Abend geliefert, an dem ich mit Judith auf der kuscheligen Felldecke meines Bettes saß.

»Sag mal ehrlich, Morgan. Der hat sie doch nicht alle! Nimm die Scheuklappen ab! Der übertreibt total.« Judith tippte sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe.

»Er ist so schön, übertrieben schön. Er ist genial, phänomenal!«, antwortete ich singend.

»Ja, ja. Ich kenn das: ›Weck mich bitte nicht auf, falls ich nur träume! Ich will nicht in die echte Welt zurück!‹ Ich hoffe, du wachst bald auf.« Sie packte mich an den Schultern und schüttelte mich. »Wie war es eigentlich bei ihm zu Hause?«

»Phänomenal! Er hat mich umarmt, geküsst, immer wieder an mir geschnuppert und gesagt, dass ich wie ein Gewächshaus voller Rosen riechen würde.«

»Blödmann! Du riechst nach deinem Duschgel. Es wundert mich, dass er nicht gleich mit dir ins Bett wollte. Könnte das vielleicht an dem Stab von Angestellten liegen, der da immer rumläuft? Du hast doch erzählt, er wohnt in einem noblen Stadthaus mit Köchin, Hausmädchen und Gärtner.«

Ihre Bemerkung verletzte mich. Sie traf mich geradewegs ins Herz. Tränen schossen mir in die Augen und rollten über mein Gesicht.

»Entschuldige!« Sie nahm mich in den Arm. »Sei mir nicht böse. Du weißt, ich bin vorsichtig. Ich sehe hinter jeder schönen Fassade Schimmel. Vielleicht ist er ja wirklich in dich verliebt. Ein verliebter, krasser Spinner! Wie im Kino! Ist doch schön.«

Wir lachten.